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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Viertes Kapitel.

Der Abend vor der gerichtlichen Verhandlung – Die Bruderskinder – Die Veränderung an Madeline – Die Familie von Grünthal kommt noch einmal unter demselben Dache zusammen.

Das Wesen jedes' Leids hat zwanzig Schatten,
Denn Aug' des Kummers, überglast von Thränen,
Zerteilt ein Ding in viele Gegenstände.

Hoffnung, diese Schmeichlerin,
Schmarotzerin, Rückhalterin des Todes,
Der sanft des Lebens Bande lösen möchte,
Das Hoffnung hinhält in der höchsten Not.
Richard II.

Es war am Abend vor dem Gerichtstage. Lester und seine Töchter wohnten in einem abgelegenen einsamen Hause in einer Vorstadt von York. Dorthin machte sich jetzt Walter von dem etwas über eine Stunde entlegenen Dorfe, das er zu seinem eigenen Aufenthalt gewählt hatte, durch die reifenden Kornfelder auf den Weg. Der letzte und üppigste Sommermonat hatte begonnen, aber noch war die Ernte nicht angefangen, und hoch und golden standen die Ähren zwischen dem dunklen Grün der Hecken und die lustigen Wälder eingebettet. Der Abend war heiter und still; in der Entfernung erhoben sich die Turmspitzen und Schornsteine der Stadt, aber kein Laut vom geschäftigen Gewühl der Menschen drang, ins Ohr. Nichts vielleicht giebt ein so vollkommenes Bild der Stille als der Anblick von Orten, »wo das Geräusch wohnt,« während man selbst dessen fernes Murmeln nicht zu hören vermag. Das Schweigen einer Stadt macht einen viel größeren Eindruck! als dasjenige der Natur, denn die Seele vergleicht augenblicklich den jetzigen Frieden mit dem gewohnten Lärm. Der Erntemond stieg langsam über einer Gruppe düsterer Föhren empor und strahlte seinen unbeschreiblichen Zauber in die ruhende leuchtende Nacht aus. Indem Walter gemächlich dahinwandelte, wurde das Stillschweigen durch die Stimmen eines Trupps heimkehrender Landleute in fröhlicher Weise unterbrochen, und als er einen Augenblick an der Verzäunung verweilte, von welcher aus er zuerst in der Ferne Lesters Wohnung wahrnehmen konnte, sah er um die grüne Hecke herum ein ländliches Paar, den Burschen und sein Mädchen, biegen, die nur zu solchen Stunden zusammenkonnten, und welchen daher solche Stunden besonders teuer waren. Es war wirklich ein Bild vom reinen wahrhaft idyllischen Charakter. Ringsumher lag jener an die dichterischen und biblischen Beschreibungen des Schäferlebens erinnernde Schein von Ruhe und Glückseligkeit, der in einem neuen und fruchtbaren Lande vielleicht noch seine Verwirklichkeit finden mag. Von diesem Bilde, von diesen Gedanken kehrte sich der junge Wanderer mit einem Seufzer gegen das einsame Haus, in welchem diese Nacht nur die angstvollsten Empfindungen erwecken, dieser Mond nur die gequältesten Herzen bescheinen konnte.

Terra salutiferas herbas, eademque nocentes
Nutrit et urticae proxima saepe rosa est.

Er ging jetzt rasch vorwärts, als trieben ihn seine eigenen Betrachtungen an. Den Weg, der nach der Vorderseite des Hauses führte, vermeidend, gelangte er an ein nach hinten zu gelegenes Gärtchen. Indem er ein Gatter öffnete, das zu einem engen, beschatteten Wege führte, über welchem die Linden und Nußbäume eine Art fortlaufenden natürlichen Bogengang bildeten, fiel der Mond, der in gebrochenen Zwischenräumen durch die Zweige drang, auf die Gestalt von Ellinor Lester.

»Das ist sehr gütig, das sieht meiner süßen Cousine ähnlich!« rief Walter hinzutretend. »Ich kann nicht sagen, wie mich die Besorgnis quälte, du möchtest nicht mit mir zusammentreffen.«

»Wirklich, Walter,« erwiderte Ellinor, »es kostete mich einige Mühe, dein Briefchen zu verbergen, das mir in Madelines Gegenwart übergeben wurde, und noch mehr, mich unbemerkt von ihr herauszuschleichen, denn wie du dir leicht vorstellen kannst, war sie diesen ganzen qualvollen Tag über ungewöhnlich unruhig. Ach, Walter, wollte Gott, du hättest uns nie verlassen!«

»Sag' lieber,« entgegnete Walter, »wäre dieser unselige Mann, gegen welchen die Asche meines Vaters noch immer laut zu schreien scheint, nie in unser friedliches, glückliches Thal gekommen; dann würdest du mir nie darüber Vorwürfe gemacht haben, daß ich die Gerechtigkeit gegen einen des Mordes bezichtigten Menschen aufrief; dann hätt' ich mir nicht den Tod wünschen dürfen, weil ich durch diese Gerechtigkeit solchen Jammer und solches Grauen über diejenigen gebracht habe, die ich am meisten liebe!«

»Wie! Walter, du glaubst immer noch – du bist immer noch überzeugt, Eugen Aram sei der wirkliche Verbrecher?«

»Laß es den morgenden Tag ans Licht bringen,« erwiderte Walter. »Aber die arme, arme Madeline! Wie erträgt sie diese lange Ungewißheit? Du weißt, ich habe sie seit vielen Monaten nicht gesehen,«

»O Walter,« rief Ellinor bitterlich weinend, »du würdest sie nicht mehr kennen, so schrecklich ist sie verändert. Ich fürchte« – (hier erstickten die Seufzer ihre Stimme, sodaß sie kaum hörbar blieb)– »sie wird nur noch wenige Wochen auf dieser Welt sein!«

»Großer Gott! steht es so?« schrie Walter, in einem Grade erschüttert, daß der Baum, gegen welchen er sich lehnte, ihn kaum vor dem Niederstürzen schützte, indem tausend Erinnerungen an seine erste Liebe auf sein Herz einstürmten. »Und die Vorsehung wählte in der ganzen weiten Welt mich aus, um diesen Schlag zu führen!«

Trotz ihres eigenen Kummers wurde Ellinor durch die heftige Bewegung ihres Vetters tief ergriffen; und die beiden jungen Menschen, Liebende, obwohl in diesem Augenblick Liebe diejenige Empfindung war, die sich in ihrer Brust am wenigsten fühlbar machte, tauschten ihre Gefühle aus und suchten einander mindestens gegenseitig zu trösten und zu erheben.

»Es kann immer noch besser gehen, als wir fürchten,« sagte Ellinor besänftigend. »Vielleicht wird Eugen schuldlos erfunden und in diesem Jubel vergessen wir wohl alles Vergangene.«

Walter schüttelte ungläubig den Kopf. »Dein Herz, Ellinor, war immer gütig gegen mich. Du bist jetzt die einzige, von der mir Gerechtigkeit widerfahren, die sehen kann, wie gänzlich schuldlos ich an all diesem Elend bin, welches durch das Verbrechen eines andern veranlaßt wird. Aber der Oheim – auch ihn hab' ich seit geraumer Zeit nicht gesehen: ist er wohl?«

»Ja, Walter, ja,« entgegnete Ellinor, liebevoll verbergend, wie sehr die kräftige Natur ihres Vaters durch seinen Gemütszustand herabgekommen war, »Und ich, siehst du wohl,« fügte sie mit einem schwachen Versuch zum Lächeln hinzu, »ich bin an Gesundheit wenigstens noch dieselbe, wie damals, als wir, voriges Jahr um diese Zeit, alle glücklich und voll Hoffnung waren.«

Walter sah fest auf das Antlitz, das einst so üppig in der reichen Farbe und dem fröhlich mutwilligen Ausdruck des Lebens und der Jugend geprangt hatte, und jetzt bleich, herabgekommen und von den Spuren fortwährender Thränen zerrüttet war. Krampfhaft drückte er die Hand ans Herz und wandte sich ab. – »Aber kann ich den Oheim nicht sehen?« fragte er nach einer Pause.

»Er ist nicht zu Haus; er ist aufs Schloß gegangen,« erwiderte Ellinor.

»So werd' ich ihn denn auf seinem Heimwege treffen,« entgegnete Walter. »Aber Ellinor, hoffentlich ist nichts Wahres an dem Gerücht, das ich da und dort in der Stadt hörte, als beabsichtige Madeline morgen bei der gerichtlichen Verhandlung zugegen zu sein?«

»Wirklich befürcht' ich. daß sie das will. Der Vater und ich suchten es ihr beide mit aller Gewalt auszureden; aber umsonst. Du weißt wie entschlossen sie bei aller Sanftheit ist, sobald ihr Sinn sich einmal auf irgend einen Gegenstand gesetzt hat.«

»Sollte aber der Spruch gegen den Gefangenen ausfallen – bedenk' wie entsetzlich dieser Schlag bei ihrem Gesundheitszustand sie treffen würde! – Ja, auch die Freude über die Lossprechung könnte anderseits ebenso gefährlich werden. – Ums Himmels willen gebt es nicht zu!«

»Was sollen wir thun. Walter?« erwiderte Ellinor, die Hände ringend. »Wir können da nicht helfen. Der Vater verbot mir endlich, ihrem Wunsch entgegenzuarbeiten. Widerspruch, sagt der Arzt selbst, könne hier so gefährlich werden als Gewährung. Und der Vater fügte mit fester, ruhiger Stimme, deren Ton mir noch jetzt ins Herz schneidet, hinzu: Sei ruhig, Ellinor; muß der Unschuldige sterben, so ist's um so besser, je schneller sie wieder mit ihm vereinigt wird: ich möchte dann alles, was mich bindet, jenseits des Grabes wissen!«

»Ist's doch, als habe dieser seltsame Mensch euch alle vollständig bezaubert!« rief Walter bitter.

Ellinor antwortete nicht: bei ihr hatte der Zauber nie denselben Grad erreicht wie bei ihren Angehörigen.

»Ellinor!« sagte Walter, der einige Augenblicke mit dem hastigen Schritt eines mit sich selbst streitenden Menschen auf und ab gegangen war und nun plötzlich still stehen blieb, indem er die Hand auf den Arm der Cousine legte: – »Ellinor! ich bin entschlossen. Ich muß, um der Ruhe meiner Seele willen, ich muß Madeline diesen Abend noch sprechen und ihre Verzeihung für all das gewinnen, was die Vorsehung durch mich als willenloses Werkzeug über sie gebracht hat. Vielleicht daß mein künftiger Lebensfriede von dieser einzigen Unterredung abhängt. Was, wenn Aram verurteilt würde – und – kurz, es ist keine Frage – ich muß sie sehen.«

»Ich fürchte, sie wird davon nichts hören wollen,« erwiderte Ellinor erschreckt. »Wirklich, du kannst nicht; – du kennst ihren Gemütszustand nicht.«

»Ellinor!« rief Walter störrisch, »ich bin entschlossen.« Damit näherte er sich dem Hause.

»Nun denn,« sagte Ellinor. deren Nerven durch die Vorgänge, durch den Kummer der letzten Monate sehr angegriffen waren, »wenn's sein muß, so warte wenigstens, bis ich zuvor bei ihr gewesen, sie befragt oder vorbereitet habe.«

»Wie du willst, geliebtes, holdes Cousinchen; ich kenne deine Klugheit und deine Liebe. Ja, geh' hinein und verschaff' mir diese Unterredung; ich bin überzeugt du kannst und willst es.«

»Verlaß dich nicht zu sehr darauf, Walter. Ich kann dir nur versprechen, mein Möglichstes zu versuchen,« erwiderte Ellinor und errötete über seinen Handkuß. Sie eilte den Weg hinauf und verschwand im Hause.

Walter ging eine Zeitlang in der Allee auf und nieder, wo Ellinor ihn zurückgelassen hatte; endlich ward er ungeduldig, und trat aus den überhängenden Bäumen hervor. Das Haus stand unmittelbar vor ihm. Das Mondlicht schien voll auf die Fensterscheiben und schlief in stiller Dämmerung über dem grünen Rasen davor. Er trat noch näher hinzu und sah durch eines der Fenster, bei einem einzigen Licht im Zimmer, Ellinor sich über ein Bett hinbeugen; auf demselben lag eine Gestalt; mehr sein Herz als sein Auge sagte ihm, es sei seine einst angebetete Madeline. Er stand still, sein Atem wurde schwer; – er gedachte an ihre gemeinsame Heimat – an das alte Herrenhaus – an das kleine Wohnzimmer mit dem Geißblatt am Fenster – an die glückliche, frohe Gruppe darin, in welcher er einst der Fröhlichste und nicht am wenigsten geliebte gewesen war. Und jetzt dieses fremde – dieses öde Haus; – er selbst allen fremd geworden, die ihm einst angehörten und deren Herzen nun zerknickt waren; – diese Nacht schwanger mit welchem Morgen! Fast stöhnte er laut auf und zog sich noch einmal in den Schatten der Bäume zurück. Nach wenigen Minuten öffnete sich die Thür rechter Hand an dem Gebäude und Ellinor kam schnellen Schrittes heraus.

»Komm herein, lieber Walter,« sagte sie, »Madeline hat in deinen Besuch gewilligt – ja als ich ihr sagte, du seiest angekommen und wünschest eine Unterredung mit ihr, bedachte sie sich kaum einen Augenblick und hieß mich dich sogleich hereinrufen.« »Gott segne sie!« sagte der arme Walter. Er fuhr mit der Hand über die Augen und folgte Ellinor nach der Thür.

»Du wirst sie sehr verändert finden!« flüsterte Ellinor, als sie den Hausflur erreicht hatten, »sei gefaßt!«

Walter antwortete bloß durch eine ausdrucksvolle Gebärde und Ellinor führte ihn in ein Zimmer, das durch eine Glasthür, wie man sie in altertümlichen Gebäuden von Landstädten häufig findet, mit dem Gemach in Verbindung stand, worin er vorhin Madeline gesehen. Mit lautlosem Tritt und beinahe den Atem anhaltend, folgte er seiner schönen Führerin durch dieses zweite Zimmer und stand jetzt vor dem Bett, auf welchem Madeline immer noch lag. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen – er drückte sie an die Lippen, ohne daß er gewagt hätte, ihr ins Gesicht zu schauen. Nach einer kurzen Pause sagte sie:

»So, du wolltest mich sehen, Walter? Das ist eine angstvolle Nacht für uns alle!«

»Für alle.« wiederholte Walter mit Nachdruck, »und für mich nicht am wenigsten!«

»Wir haben manchen traurigen Tag gehabt, seit wir das letzte Mal beisammen waren,« hob Madeline wieder an. Und eine neue verlegene Pause folgte.

»Madeline – teuerste Madeline!« rief endlich Walter und stürzte auf die Knie: »du, die ich schon als Knabe so tief, so leidenschaftlich liebte; – du, die mir noch – die mir so lang ich lebe immer so unaussprechlich teuer sein wird – sprich nur ein Wort zu mir an diesem ungewissen, furchtbaren Wendepunkte unseres Schicksals – sprich nur ein einzig Wort – sage, du fühlest, du seiest dir bewußt, daß mich im Verlauf dieser gräßlichen Ereignisse kein Vorwurf treffe – daß ich nicht mit Willen diesen Jammer über unser Haus gebracht habe – geschweige über ein Herz, das vor dem geringsten Leiden zu bewahren ich mein eigenes Herzblut mit Freuden hingegeben haben würde. Oder willst du mir diese Gerechtigkeit nicht widerfahren lassen, so sage wenigstens, daß du mir verzeihest!«

»Ich verzeihe dir, Walter! Ich laß dir Gerechtigkeit widerfahren, mein Vetter,« erwiderte Madeline kraftvoll und erhob sich auf ihrem Arm. »Längst hab' ich gefühlt, wie unvernünftig es war, irgend einen Vorwurf auf dich fallen zu lassen – auf dich, das bloße passive Werkzeug des Schicksals. Hab' ich vermieden, dich zu sehen, so geschah es nicht aus einem Gefühl der Bitterkeit, sondern nur eine Schwäche hielt mich ab. Gott segne und erhalte dich, mein teurer Vetter! Ich weiß, daß dein eigenes Herz so stark geblutet hat wie die unsrigen; und noch heut bat ich den Vater, wenn wir uns nicht mehr sehen sollten, dir einen freundlichen Gruß als letztes Andenken von mir zu bringen. Weine nicht. Walter! Es ist etwas Furchtbares, Männer weinen zu sehen! Nur ein einziges Mal sah ich ihn weinen – schon vor langer, langer Zeit! In der Stunde des Schreckens und der Gefahr hat er keine Thränen. Doch es ist keine Frage, dies ist eine schlimme Welt, Walter, und ich bin ihrer müde. Bist du's nicht auch? Was siehst du mich so an, Ellinor? Ich bin nicht wahnsinnig! Hat sie dir gesagt, ich wäre wahnsinnig, Walter? Glaub' ihr nicht! Sieh mich an, ich bin ruhig und gefaßt! Aber morgen ist – – o Gott! o Gott! – Wenn – wenn!« – –

Madeline bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und wurde plötzlich still; doch nur für kurze Zeit. Als sie die Augen wieder aufschlug, begegneten sie Walters Blick, wie er durch jene blendenden, herzerstarrenden Thränen hindurch, die bloß dem Männerschmerz abgerungen werden, das Antlitz betrachtete, von dessen früherem Selbst nichts mehr übrig war als der göttliche, überirdische Ausdruck, der ihrer Schönheit immer eigen gewesen.

»Ja, Walter, ich welke schnell dahin – so schnell, daß keine Macht des Geschickes mehr dazwischentreten kann! Gott sei Dank, der die Lüfte dem geschorenen Lamm lau macht, wenn das Ärgste geschieht, können wir nicht lange getrennt sein. Ehe der zweite Sonntag vorüber ist, kann ich mit ihm im Paradiese sein! Welchen Grund hätten wir dann noch zur Trauer?«

Ellinor schlang ihre Arme unter heftigem Schluchzen um der Schwester Nacken. – »Ja, darüber werden wir traurig sein, daß du nicht bei uns bist, Ellinor; aber auch du wirst der Welt bald müde werden: es ist ein trauriger Ort – ein sündiger Ort – sie ist voller Fallstricke und Gruben. In unserem Pfad für heute liegt unser Verderben für morgen! du wirst das bald finden, Ellinor! Und du und der Vater und Walter werden alle zu uns kommen. – Horch! die Glocke schlägt! Morgen abend um diese Zeit, welcher Jubel! – oder für mich wenigstens« (ihre Stimme zu einem Lispeln herabdämpfend, das ihre Zuhörer bis ins Gebein durchschauerte). »welcher Friede!«

Glücklicherweise für alle daran Teilnehmenden ward dieser schmerzliche Auftritt hier unterbrochen. Mit dem schweren Schritt, zu welchem sein sonst so elastischer, kräftiger Gang herabgekommen war, trat Lester ins Zimmer.

»Ha, Walter!« rief er, unentschlossen über die Gruppe hinblickend; aber Madeline war bereits von ihrem Lager aufgesprungen.

»Sie haben ihn gesehen! – Sie haben ihn gesehen! Wie geht es ihm – welche Miene hat er? Doch das weiß ich ja! ich weiß, sein tapferes Herz kann nicht sinken. Was für eine Botschaft sendet er mir? Und – und – sagen Sie mir alles, mein Vater, schnell, schnell!«

»Teures unglückliches Kind! – und unglücklicher alter Mann!« flüsterte Lester, sie in die Arme schließend. »Von ihm sollten wir Mut und Stärke borgen, Madeline. Ein Held am Vorabend einer Schlacht könnte nicht fester – ja heiterer sein. Er lächelte oft – sein altes Lächeln, und ließ Thränen und Angst nur aus. Von dir, Madeline, sprachen wir hauptsächlich; kaum ließ er mich über irgend etwas anderes ein Wort vorbringen. O was für ein liebevolles Herz! – was für ein edler Geist! Und ein Zufall erdrückt vielleicht morgen beide. Aber Gott sei gerecht, laß den rächenden Blitz auf den wahren Verbrecher fallen und verdirb den Unschuldigen nicht!«

»Amen,« sagte Madeline aus tiefer Brust.

»Amen,« wiederholte Walter und legte die Hand aufs Herz.

»Laßt uns beten,« rief Lester von plötzlichem innern Antrieb ergriffen, und fiel auf die Knie. Die ganze Gruppe folgte seinem Beispiel und Lester sprach mit bebender, inbrünstiger Stimme ein vom Moment eingegebenes Gebet, daß die Gerechtigkeit nur den treffen möge, der es verdiene. Nie sah der Mond, der das niedere Gemach wie mit Geistergegenwart füllte, ein heißeres Flehen, oder tiefer hingerissene, andächtigere Zuhörer. Voll strömten seine heiligen Strahlen auf die jetzt schneeweiß gewordenen Locken und das gen Himmel gerichtete Antlitz Lesters, dessen ehrwürdige Gestalt durch den Gegensatz zu der dunkeln sonnenverbrannten Wange, den kraftvollen Zügen, dem ritterlichen, ernsten Haupt des jungen Mannes neben ihm, noch mehr hervorgehoben wurde. Abwärts im Schatten flossen Ellinors Rabenlocken über ihre gefalteten Hände; nichts von ihrem Gesicht war zu sehen, nur der anmutige Nacken und die schwer atmende Brust traten aus dem Dunkel hervor. Und in totengleiche, feierliche Ruhe versenkt, die geöffneten Lippen unhörbar bewegend, starr die Augen in die leere Luft gerichtet, die verblichenen durchsichtigen Hände über dem Busen gekreuzt, hob sich in sanftem, mildem Licht die verwelkte aber engelgleiche Gestalt derjenigen, welcher der Himmel bereits seinen ewigen Lohn für die Leiden der Erde entgegenhielt!

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