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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Drittes Kapitel.

Der Friedensrichter. – Die Abreise. – Gleichmut des Korporals beim Unglück anderer. – Das Verhör. – Dessen Ergebnis. – Aram wird ins Gefängnis abgeführt. – Die Geschmeidigkeit der menschlichen Natur. – Ein Besuch des Grafen. – Walters Entschluß. – Madeline.

Führt mich zum Kerker, der mir angewiesen.
Maß für Maß.

In Sir +++s Wohnort wartete ihrer eine schmerzliche Enttäuschung, auf welche sie eine vorgängige Verständigung mit den Gerichtsboten vorbereitet haben würde. Der Friedensrichter hatte nämlich den ihm von Yorkshire zugeschickten Verhaftsbefehl bloß indossiert und nach einer sehr kurzen Unterredung, worin er sein Bedauern über diese Sache, seine vollkommene Überzeugung, daß die Beschuldigung sich als falsch erweisen müsse und ein paar sonstige Gemeinplätze der Höflichkeit anbrachte, deutete er Aram an, daß diese Angelegenheit nicht in sein Gebiet falle, die Gerichtsdiener vielmehr nach Yorkshire gewiesen seien und die Untersuchung vor Herrn Thornton, einem Friedensrichter jener Grafschaft, vorgenommen werden müsse. »Alles was ich thun kann,« bemerkte der Beamte, »hab' ich bereits gethan, aber es ist mir erwünscht, eine Gelegenheit zu finden, wodurch ich Sie selbst hiervon in Kenntnis setzen kann. Ich habe meinem Amtsbruder aufs ausführlichste über den ausgezeichneten Ruf berichtet, in welchem Sie stehen und die ganze Art, die Reinheit Ihres Lebenswandels schon als genügende Widerlegung einer so ungeheuerlichen Anschuldigung aufgeführt.«

Zum erstenmal kam eine sichtbare Verlegenheit über die festen Nerven des Gefangenen. Mit großem Mißfallen schien er die Aussicht auf die lange, furchtbare, zu solchem Zweck bevorstehende Reise zu betrachten. Vielleicht reichte schon die Vorstellung, im Verdacht eines peinlichen Verbrechens nach jener Gegend des Landes zurückzukehren, worin er einen Teil seiner Jugend zugebracht, hin, ihn zu beunruhigen und niederzuschlagen. – Diese ganze Zeit über schien seine arme Madeline von einem über ihre Natur hinausreichenden Geiste beseelt. Sie wollte sich nicht von seiner Seite trennen – sie hielt seine Hand in ihren Händen – sie lispelte ihm Trost und Mut im Augenblick zu, wo ihr das eigene Herz am tiefsten gesunken war. Der Richter vergoß Thränen beim Anblick eines so jungen, so reizenden Wesens, das sich unter so furchtbaren Verhältnissen mit einer Kraft benahm, die nach seiner Jugend und seinem zarten Äußern so wenig erwartet werden durfte. Aram sprach nur wenig; er bedeckte das Gesicht einige Sekunden mit der Rechten, als wollte er eine vorübergehende Bewegung, eine plötzliche Schwäche verbergen. Als er die Hand sinken ließ, war jede Spur von Farbe auf seinen Zügen erstorben. Sie waren blaß, als käme er aus dem Grabe; aber sie waren gefaßt und ruhig.

»Es ist ein qualvoller Zustand, mein Herr,« sprach er mit schwachem Lächeln, »so viele Stunden – so viele Tage – ein so langer Aufschub das Gute zu erfahren oder sich auf das Ärgste vorzubereiten. Aber sei es so! Ich dank' Ihnen, mein Herr – ich dank' euch allen, Lester, Madeline, für eure Liebe; ihr beiden müßt mich jetzt verlassen, ein Schandfleck haftet auf meinem Namen; – ein in gerichtlichen Verdacht gezogener Mensch ist kein Gegenstand für Liebe oder Freundschaft! Lebt wohl!«

»Wir gehen mit dir,« sagte Madeline fest, mit leiser Stimme.

Arams Auge funkelte, aber er winkte ihr ungeduldig mit der Hand hinweg.

»Wir gehen mit Ihnen, mein Freund!« wiederholte Lester.

Und so ward es – um uns nicht zu lange bei einem qualvollen Auftritt zu verweilen – endlich wirklich beschlossen. Lester und seine beiden Töchter folgten Aram noch diesen Abend zu dem dunkeln, verhängnisvollen Ziel, nach welchem er gewiesen war.

Umsonst faßte Walter des Oheims Hände und flüsterte ihm zu:

»Ums Himmels willen, seien Sie nicht vorschnell in Ihrer Freundschaft! Noch wissen Sie nicht alles. Ich sage Ihnen, es kann kein Zweifel über seine Schuld obwalten! Bedenken Sie, es ist ein Bruder, um den Sie trauern! Wollen Sie seinen Mörder begünstigen?«

Lester wurde unwillkürlich von dem Ernst ergriffen, womit sein Neffe gesprochen; aber mit den Worten schwand auch ihr Eindruck dahin. So stark und tief war der Zauber, den Eugen Aram über die Herzen ausübte, die nur ein einzigesmal in den näheren Kreis seiner Anziehung gekommen waren, daß, wäre die Anklage auf Mord gegen Lester selbst erhoben worden, dieser sie mit keiner innigern Überzeugung von der Schuldlosigkeit des Angeklagten hätte zurückweisen können. Immerhin trug indes die tiefe Wahrhaftigkeit, die sich in Walters Benehmen aussprach, dazu bei, des Oheims Unwillen gegen, ihn einigermaßen zu besänftigen.

»Nein, nein, Knabe!« antwortete er, die Hand wegziehend, »Rowland Lester ist nicht der Mann, der einen Freund in den Tagen der Finsternis und in der Stunde der Gefahr verläßt! Schweig, sag ich! – Mein Bruder, sagst du, mein armer Bruder sei ermordet worden. Ich werde sorgen, daß ihm Vergeltung geschieht: aber Aram – pfui, pfui! das ist ein Name, der die lauteste Anklage Lügen strafen würde.. Geh. Walter, geh! Ich tadle dich nicht! – Du kannst recht handeln: – ein ermordeter Vater ist ein furchtbares, grimmerfüllendes Andenken für einen Sohn! Was Wunder, daß dieser Gedanke dein Urteil ablenkt? Aber geh! Eugen war für mich beides, ein Führer und ein Segen; ein Vater an Weisheit, ein Sohn an Liebe. Ich kann auf das Gesicht seines? Anklägers nicht ohne innere Qual blicken. Geh! Wir werden uns wiedersehen. Geh!«

»Genug, Oheim!« rief Walter, halb im Zorn, halb im, Kummer. »Die Zeit sei die Richterin zwischen uns allen.«

Mit diesen Worten schied er und ging zu Fuß nach einem Bauernhause, halbwegs zwischen Grünthal und der Wohnung des Friedensrichters, wo er, bevor sie sich nach ersterem Ort begeben, den Korporal klüglich zurückgelassen hatte, indem et diesem Menschen keineswegs so viel Zartgefühl zutraute, um nicht über eine so peinliche und verworrene Angelegenheit Getratsch und Ärgernis im Dorfe zu verbreiten.

Mag die Welt erbeben wie sie will, es giebt gewisse Gemüter, die von den Wechseln derselben nie ergriffen werden. Nichts giebt einem Gemälde des Jammers einen so traurigen Ausdruck als das Bild eines Menschen, der mit gleichgiltigem Blick im Hintergrunde sitzt. Hogarth kannte dieses Geheimnis wohl. Man betrachte seine Scenen am Sterbebett: – Armut und Laster zum Grauen herausgehoben – und in einem Winkel die Ärzte, die sich um die Bezahlung raufen! – oder das Kind, das mit dem Sarge spielt! – oder die Wärterin, die noch wegstiehlt, was das harte Schicksal, das doch nicht so hart ist als die Menschen, dagelassen hat. Der tiefe tragische Humor, der unsere Einbildungskraft und unser Herz im unsterblichen Roman des Cervantes in gleicher Weise (denn welch schwermütige Betrachtung liegt dahinter, wo uns eine einzige ritterliche Narrheit über alles, was zart, tapfer weise und großmütig ist, ein Gelächter abzwingt!), thut uns mit nichts so weh, als wenn in der letzten Scene der arme»Ritter tot vor uns liegt – seine Abenteuer sind für immer vorüber – für immer verstummt seine beredten Diskurse – wenn wir dann, sag ich, erfahren, daß trotz allem Kummer den kleine Sancho noch so gut wie vorher aß und trank. So etwas zeigt uns zwar die wirkliche Welt, aber es ist nicht der schönste Teil derselben. Was für eine Tiefe liegt im echten Humor! gewiß ist, daß als Walter noch voll von den streitenden Empfindungen, deren Zeuge er gewesen – abgemüht, gequält, aber auch erhoben durch sein Gefühl, vor der Thür des Bauernhauses still hielt und hier den Korporal behaglich unter dem Vordach sitzen sah – sein vile modicum Sabini vor sich – die Pfeife im Mund und einen wohlgemuten Ausdruck der Befriedigung über Züge verbreitet, die List und Selbstsucht zu ihrem Wohnsitz bestimmt hatten; – gewiß ist, daß bei diesem Anblick Walter einen heftigeren Widerwillen – ein tieferes Bewußtsein seiner Trauer – einen vollendeteren Ekel gegen dieses gequälte Dasein aus der Welt und gegen die buntscheckigen Masken, die in derselben, herumwandeln, empfand, als all die erschütternden Auftritte, die er eben mit angesehen, in ihm erregt hatten.

»Na, Herr,« fragte der Korporal langsam aufstehend, »wie ging's ab? Schämte sich der Kerl nicht in den Boden 'nein? Haben ihn doch hoffentlich glücklich erwischt?«

»Still,« entgegnete Walter ernst, »bereitet Euch zur Abreise. Der Wagen wird sogleich da sein; noch heut' kehren wir nach Yorkshire zurück; fragt mich jetzt nicht weiter.« »Ah– recht – uff!« sagte der Korporal.

Ein langes Schweigen folgte: Walter ging die Straße vor dem Hause auf und ab. Die Chaise kam an, das Gepäck würde hineingebracht, Walters Fuß stand auf den Wagentritt; doch bevor der Korporal den rumpelnden Außensitz bestieg, räusperte sich dieser unschätzbare Knecht dreimal.

»Und hatten's, Zeit, Herr, an 'n armen Jakob zu denken, und nach 'm Häusel zu sehen, und 'n Wort an Ihren Onkel fallen zu lassen von wegen 's Bissel Kartoffelland?«

Wir gehen über den der That nach kurzen, den Schmerzen nach langen Zeitraum weg, der bis zur Ankunft des Gefangenen und seiner Gefährten in Knaresborough verstrich. Arams Benehmen während desselben war nicht nur ruhig, sondern sogar heiter. Die stoischen Lehren, denen er durch sein ganzes Leben nachgestrebt, wurden von ihm während dieses prüfungsvollen Zwischenaktes auf eine bemerkenswerte Weise in Anwendung gebracht. Er war es jetzt, der den Mut der Geliebten und des Freundes zu erheben suchte; und obwohl er nicht länger gegen sie behauptete, seiner Lossprechung mit Zuversicht entgegenzusehen, – obwohl er ihnen wieder und wieder die düstere Thatsache vor die Seele rief, wie es erstens höchst unwahrscheinlich sei, daß man ohne starke Annahme für seine Schuld eine solche Maßregel gegen ihn ergriffen haben würde, und zweitens, wie es beinahe ebenso unwahrscheinlich, daß er nach einer so langen Zeit imstande sein werde, Zeugen zu stellen, oder sich solcher Umstände zu entsinnen, die jene Annahme augenblicklich zu widerlegen vermöchten: – so hielt er doch noch an der Hoffnung fest, seine Unschuld endlich zu erweisen; mit mehr Nachdruck aber noch an der Unerschütterlichkeit seines eigenen Gemüts, ohne Beben selbst das härteste Schicksal ertragen zu können.

»Blicken Sie nicht,« sprach er zu Lester, »blicken Sie nicht auf die Prüfungen des Lebens bloß mit den Augen der Welt. Bedenken Sie, welch ärmlicher, winziger Ausschnitt im unendlichen Kreise der Ewigkeit das irdische Dasein im besten Fall ist. Sein Kummer und seine Schande sind bloße Augenblicke. Selbst in meinen glanzvollsten und jugendlichsten Stunden habe ich mein Herz in die Betrachtung einer höheren Zukunft versenkt –

Die Seele lächelt, sicher ew'gen Daseins,
Des blanken Dolchs und trotzet seiner Spitze.

Selbst wenn ich den Tod des Missethäters sterbe, liegt es nicht in der Macht des Schicksals, uns für lange Zeit zu trennen. Nur ein Schmerz und wir sind aufs neue für ewig vereinigt; für ewig unter den Schatten jener fernen Gefilde, wo die Bösen nicht länger belästigen und die Müden zur Ruhe kommen. Wär's nicht um der geliebten Madeline willen, so würd' ich der Welt schon längst übersatt sein. Wie diese ist, so wird das schnellste, selbst durch gewaltsame und ungerechte Schickung herbeigeführte Scheiden von einem Pfad, den unten Schlingen, oben Stürme umgeben, nur um so beneidenswerter für jede Seele sein, welche ihr Los auf dieser Erde als den geringsten Teil des ihr zugewiesenen Schicksals betrachtet.«

In Gesprächen wie diese, welche durch seine natürliche Beredsamkeit noch besonders feierlich und eindrucksvoll wurden, suchte Aram seine Freunde auf das Schlimmste vorzubereiten und vielleicht sich selbst zu täuschen oder zu stählen. Jedesmal wenn er sich so äußerte, brachen Lester und Ellinor mit stürmischer Widerlegung auf ihn ein; Madeline aber, wie in eine tiefere, schmerzlichere Anschauung der Zukunft eingeweiht, hörte ihm mit thränenloser und atemloser Spannung zu. Sie sah auf ihn mit einem Auge, das die Gedanken, welche er aussprach, teilte, obwohl es nicht – wenigstens wollte sie sich das einreden – in dem Herzen las, aus welchem dieselben kamen. Um mit den Worten jenes schönen Dichters zu sprechen, für dessen innere Wahrheit, so voll unausgesprochener Zartheit – so durchdrungen vom glänzenden Adel der Liebe – uns der Sinn endlich langsam erwacht ist:

Ihr Mund war stumm und kaum noch schlug ihr Herz,
Ihr Aug' nur sprach: für uns kein Trennungsschmerz!
Hoffnung mag fallen, deine Freunde fliehen,
Ich kann wohl sterben, doch nicht von dir ziehen.Byron im Lara. Die von Bulwer leicht abgeänderte Stelle lautet eigentlich:

Sein Mund war stumm und kaum noch schlug sein Herz,
Sein Aug' nur sprach: für uns kein Trennungsschmerz.
Dein Heer mag fallen, deine Freunde fliehen,
Ich kann wohl sterben, doch nicht von dir ziehen.
                                          Der Übersetzer.

Sie langten um die Mittagsstunde im Hause des Herrn Thornton an, wo Aram sogleich verhört wurde. Obwohl er die meisten Einzelheiten in Hausmans Angabe, namentlich den Mord selbst, dessen er beschuldigt war, leugnete, ward gleichwohl seine Einkerkerung ausgesprochen und er noch an demselben Tage von den Gerichtsdienern (Barker und Moor, die ihn in Grünthal verhaftet hatten) nach dem Schloß von York gebracht, um hier seinen Prozeß vor dem Schwurgericht zu erwarten.

Das Aufsehen, das dieser außerordentliche Fall im ganzen Lande erregte, war ohnegleichen. Nicht bloß in Yorkshire und der Grafschaft, wo der Gefangene zuletzt sich aufgehalten hatte und persönlich bekannt war, sondern selbst in der Hauptstadt und unter Menschen jeden Standes in England scheint die Sache dieselbe gemischte Empfindung von Erstaunen, Schauder und Unglauben erregt zu haben; eine Empfindung, der nichts Ähnliches aus irgend einer peinlichen Verhandlung unserer Tage an die Seite gestellt werden kann. Das eigentümliche Wesen des Angeklagten – sein Geist – seine Bildung – die Sittlichkeit seines Lebens – die Teilnahme, welche sich in der gelehrten Welt seit Jahren an seinen Namen geknüpft – seine bevorstehende Vermählung – die lange Zeit, die seit Begehung des Verbrechens verflossen war – die seltsame, unerwartete Art, die wilde, von der Sage geheiligte Stelle, an welcher das Gerippe des Vermißten gefunden wurde – die unvollständigen Gerüchte – die dunkeln, verdächtigen Zeugenaussagen: – all das vereinigte sich, um daraus eine Geschichte voll so wunderbarer Nebenumstände, mit so endlosem Spielraum für Vermutungen zu gestalten, daß wir nicht staunen dürfen, wenn wir dieselbe in der Folge nicht nur einen Platz unter den Ereignissen des Tages, sondern selbst unter den wichtigsten und bleibendsten Begebenheiten jener Periode einnehmen sehen.

Vor Walters Abreise von Knaresborough und unmittelbar nach der Entdeckung in der St. Robertshöhle ward über die so geheimnisvoll und so plötzlich ans Licht gezogenen Gebeine Totenschau gehalten. Auf das Zeugnis der alten Frau, in deren Hause Aram gewohnt und auf dasjenige Hausmans, welche Aussagen noch durch einige Nebenumstände von minderem Gewicht unterstützt wurden, hatte man den Verhaftsbefehl erlassen, auf welchen hin Aram festgenommen worden war.

Bei den meisten Personen waltete eine innige, entrüstete Überzeugung von Arams Schuldlosigkeit vor und noch bis auf den heutigen Tag hat sich in der Grafschaft, wo er zuletzt wohnte, diese Ansicht erhalten. Fest wie sein Glaube an das Evangelium herrschte diese Überzeugung in der Seele des würdigen Lester und auf jede erdenkliche Art suchte er seinem Freunde die Einkerkerung zu versüßen und aufzuheitern. Im Gefängnis kam jedoch über das Gemüt dieses letzteren eine Veränderung; – allerdings erst nach seinem Verhör, erst nachdem er sich mit sämtlichen Umständen bekannt gemacht, welche die Identität von Clarkes Person mit Gottfried Lester nachwiesen, eine Angabe, die er sich bis jetzt als völlig unglaubhaft eingeredet hatte. Es kam ein Wechsel über ihn, den er in Madelines oder ihres Vaters Gegenwart trotz aller Anstrengung nicht gänzlich zu verbergen vermochte und welchem er sich in der Einsamkeit mit düsterer Grübelei hingab, ein Wechsel, der ihn von der stolzen Höhe der Philosophie stürzte, von welcher aus er früher auf die Gefahr und das Schlimme unter ihm herabgesehen hatte.

Bisweilen starrte er Lester mit seltsamem, verglastem Auge und unhörbarem Gemurmel an, als bemerkte er die Gegenwart des alten Mannes nicht; zu andern Zeiten wich er vor seiner dargebotenen Hand scheu zurück und fuhr, wenn Lester ihn seiner unveränderten, unveränderlichen Hochachtung versicherte, plötzlich zusammen. Bisweilen saß er schweigend und blickte mit wechsellosem, steinernem Gesicht auf Madeline, wenn sie ihm ihre Tröstungen in jenem erhabenen Ton einzusprechen suchte, der von ihm selbst gewichen war. Hatte sie dann geendet, so konnte er wohl, statt auf ihre Rede zu antworten, abgerissen ausrufen: »Ja, im schlimmsten Fall liebst du mich also – liebst mich mehr als irgend einen Menschen auf Erden – sage das, Madeline, sage es noch einmal!«

Und Madelines bebende Lippen gehorchten der Aufforderung.

»Ja,« mochte er dann wohl von neuem anfangen, »diesen Menschen, dessen Ermordung sie mir Schuld geben, diesen – deinen Oheim – ihn hast du nie mehr gesehen, seit du ein Kind warst, ein völliges Kind; ihn konntest du nicht lieben! Was war er für dich? – und doch ist's furchtbar, daran zu denken – furchtbar, furchtbar!« Und damit schwand seine Stimme wieder, aber die Lippen bewegten sich krampfhaft und die Augen schienen einen Sinn auszudrücken, vor welchem die Worte zurückschauderten. Diese Veränderungen in seinem Wesen, welche seinem festen, entschlossenen Charakter so wenig entsprachen, setzten sowohl Madeline als ihren Vater in Erstaunen und Kümmernis. Mitunter kamen sie auf den Gedanken, sein Verstand sei durch seine äußere Lage aus den Fugen gewichen, oder der gräßliche Verdacht, den Oheim seines angelobten Weibes ermordet zu haben, bewirke, daß er auf sie selbst mit geheimem Grauen blicke; – bewirke, daß sie in seinem Gemüt durch eine wenn auch unrichtige, doch nicht unnatürliche Vermengung der Vorstellungen mit den Ursachen seines peinlichen, ungewissen Zustandes zusammensänken. Mit der Mehrheit des Publikums hielten diese beiden zärtlichen Freunde Hausman für den einzigen und wahren Mörder und nahmen an, seine Anschuldigung Arams sei bloß der letzte Versuch eines Bösewichts, die Strafe von sich abzuwälzen, indem er das Verbrechen einem andern zuschiebe. Natürlich suchten sie deshalb das Gespräch häufig auf Hausman und auf die Verhältnisse zu lenken, die ihn mit Aram bekannt gemacht. Aber in diesem Punkte schien der Gefangene krankhaft reizbar und abgeneigt, sich in eine umständliche Besprechung einzulassen. Gleichwohl warf seine Erzählung selbst in dieser oberflächlichen Weise vieles Licht auf gewisse Dinge, die früher Madelines und Lesters Besorgnis und Wißbegierde erregt hatten.

»Hausman,« sprach er mit großer bitterer Heftigkeit, »ist in jeder Beziehung der Sünde anheimgefallen und läßt jede Berechnung gewöhnlicher Schlechtigkeit weit hinter sich. Durch unsere Verwandtschaft waren wir Bekannte, kamen aber selten zusammen und unterhielten uns noch seltener längere Zeit miteinander. Nach unserer Trennung und meinem Fortgehen von Knaresbro' sahen wir uns viele Jahre nicht. Endlich suchte er mich in Grünthal auf. Er war arm und bat um Unterstützung; ich gab ihm alles, was ich vermochte. Er kam noch einmal, ja mehr als einmal, und da er mich, wie billig, abgeneigt fand, seinen Erpressungen nachzugeben, heckte er den Anschlag aus, den er jetzt ins Werk gesetzt hat; – er drohte mir – Ihr hört mich, Ihr versteht mich – er drohte mir mit dieser Anschuldigung des Mordes an Daniel Clarke, unter welchem Namen mir der Verstorbene allein bekannt war. Die Drohung und die mir wohl bewußte Bösartigkeit des Menschen setzten mich in unnennbare Unruhe. Was war ich? Ein Wesen, das außer der Welt lebte, – das ihre Wege nicht kannte, – das bloß Ruhe wünschte! Hausmans Andeutung scheuchte mich umher – machte mich fast wahnsinnig. Ihr Neffe hat Ihnen, wie Sie sagen, von abgerissenen Worten, plötzlich hervorgebrochenen Aufregungen erzählt, die er bei mir bis zu einem Grade wahrgenommen, der zum Verdacht berechtige; jetzt kennen Sie die Ursache! War sie nicht hinreichend? Mein Leben, nein, noch mehr, meine Ehre, meine Vermählung, Madelines Seelenfriede; alles hing von der ungewissen Rache oder List eines Bösewichts wie Hausman ab! Dieser Gedanke war Tag und Nacht über mir; ihm zu entgehen entschloß ich mich zu einem Opfer. Sie mögen mich vielleicht tadeln; ich war schwach, aber, wie ich damals glaubte, nicht unweise. Ihm zu entgehen, sag' ich, entschloß ich mich, jenen Menschen durch Anbietung von Geld zur Räumung des Landes zu vermögen. Ich verkaufte mein Weniges, um ihm diese Verpflichtung abzunötigen. Dies waren die stärksten Bande, wodurch ich ihn binden konnte. Ja, ich liebte Madeline so uneigennützig, so wahrhaftig, daß ich nicht zur Heirat schreiten wollte, so lange diese Gefahr noch über mich hereinbrechen konnte. Ich glaubte, Hausman verlasse England noch vor meinem Hochzeitstage. Es war nicht so, das Schicksal hatte es anders beschlossen. Wie es scheint, kam Hausman nach Knaresbro', um sein Kind zu sehen; durch eine unerwartete Verkettung der Ereignisse fiel Verdacht auf ihn, vielleicht mit Recht; sich zu retten hat er mich geopfert. Seine Angabe ist nicht ohne Schein von Glaubwürdigkeit; vielleicht daß der Ankläger siegt. Du aber, Madeline, kannst dir jetzt vieles zurechtlegen, was dich früher verwirrt haben mag. Laß mich zurückdenken – ja, ja – ich ließ geheimnisvolle Worte fallen; – nicht wahr? nicht wahr? – ich gestand, daß ich von Gefahren umgeben sei, – gestand, daß ein schauderhaftes, wildes Geheimnis schwer auf meiner Brust liege – ja, einmal auf einem Spaziergange mit dir am Abend vor – vor dem verhängnisvollen Tage, sagte ich, wir müßten uns gefaßt halten, einen noch abgelegenern Aufenthalt, eine noch tiefere Einsamkeit aufzusuchen; denn ungeachtet meiner Vorsichtsmaßregeln, ungeachtet ich der Meinung war, Hausman habe sogar das Land selbst verlassen, wollte sich mir bisweilen eine fieberhafte, ruhelose Ahnung aufdrängen. All das kannst du dir jetzt zurechtlegen, nicht wahr, Madeline? Sprich, sprich!«

»Alles, mein Geliebter, alles! Was blickst du auf mich mit diesem forschenden Auge, dieser gefurchten Stirn?«

»That ich so? nein, nein, für dich furcht sich meine Stirn nicht. Aber still, ich bin nicht, was ich während dieser Prüfung sein sollte.«

Wirklich klärte vorstehende Angabe Arams Madeline über vieles auf, was bis jetzt unerklärt geblieben war, – über die Erscheinung Hausmans in Grünthal; – über das Gespräch zwischen ihm und Aram am Abend, wo sie mit letzterem spazieren ging und ihn über seinen unheimlichen Besuch ausfragte; – über die häufige Geistesabwesenheit und die hingemurmelten Winke ihres Geliebten; – endlich, wie er selbst angeführt, über seine in die letzte Zeit fallende Andeutung der Möglichkeit, Grünthal verlassen zu müssen. Und entsprach es auch mehr Arams weltscheuer Sinnesart als dem ihn charakterisierenden Selbstgefühl, so war's keineswegs unwahrscheinlich, daß er, unter seinen damaligen Verhältnissen, selbst einem Lügner eine nicht eben unglaubhaft erfundene Anklage abzukaufen gesucht, eine Anklage, die sogar einen Menschen, der weit mehr als der grübelnde, zurückgezogene Gelehrte zum Kampf mit den harten, rauhen Wirklichkeiten des Lebens paßte, in Schauder und Verwirrung hätte bannen können. Mochte dem sein wie ihm wollte, Lester beklagte das Geschehene, ohne den Vorgang, der überdies nicht bekannt geworden war, noch wahrscheinlich bekannt wurde, zu tadeln, und schrieb die Abneigung des Gefangenen, sich tiefer in die Sache einzulassen, dem natürlichen Widerwillen eines so stolzen Mannes zu, über seine eigene Schwäche zu berichten, und sich weiter über die Art zu verbreiten, auf welche er trotz dieser Schwäche der List eines andern unterlegen war. Er teilte diese Angabe Walter mit und sie trug das Ihrige dazu bei, die unruhigen, gemischten Empfindungen, womit letzterer der herannahenden Gerichtsverhandlung entgegensah, noch ungewisser und dumpfer zu machen. In manchen Augenblicken wollte der junge Mann beinahe bedauern, daß Aram nicht einer Untersuchung entgangen sei, die, wenn er schuldig befunden wurde, das Glück der Lesterschen Familie auf ewig zerstören mußte, andererseits aber, trotz einem in diesem Sinn abgefaßten Richterspruch, in Walters Seele immer noch ein Gefühl von der Schuldlosigkeit des Gefangenen und das unbehagliche Bewußtsein zurücklassen konnte, durch seine Nachforschungen ein so grauenhaftes Schicksal über den Unschuldigen verhängt zu haben.

Walter blieb ebenfalls in Yorkshire zurück. Doch besuchte er seine Angehörigen wenig und eigentlich niemanden als Lester. Es stand nicht zu erwarten, daß Madeline ihn sehen wollte, und nur ein einziges Mal bekam er die thränenvollen Augen Ellinors zu Gesicht, die bei seinem Eintritt das Zimmer verließ; Liebe und Mitleid strahlten in diesen Augen, aber auch etwas von einem Vorwurf.

Langsam und öde ging die Zeit hin. Ein Mann, namens Terry, ward mit in den Verdacht verwickelt und wirklich gefänglich eingezogen; als Folge hiervon ergab sich jedoch, daß der Staatsanwalt die Zeugen nicht bis zu der üblichen Zeit herbeischaffen konnte, und so wurde die Verhandlung auf die nächsten Assisen hinausgeschoben. Da jener Mann übrigens nie vor Gericht gestellt worden ist und weiterhin nicht mehr vorkommt, so haben wir über ihn in unserer Erzählung nichts erwähnt, bis er jetzt auf besagte Weise das Werkzeug des Aufschubs in Eugen Arams Schicksal ward. – Das Jahr verging; Winter, Frühling waren vorüber und Glanz und Herrlichkeit des Sommers breiteten sich über die glückliche Erde aus. Die gewöhnliche Ruhe seines Benehmens war dem Gefangenen in gewissem Maße zurückgekehrt; er hatte die vorerwähnten Anfälle von Trübsinn, die seine liebevollen Besucher so tief bekümmerten, überwunden und schien sich nunmehr für jene furchtbare Abwägung von Leben und Tod, die er in kurzem zu bestehen hatte, vorzubereiten und aufzuraffen. Aber er, der stille Priester der Natur, der –

»jedes kleine Kraut
Auf kahlem Berg,
im dicht verschlungenen Wald
Beim Namen nannte;«

er konnte selbst durch die Gitter und Riegel eines Gefängnisses die sanfte Sommerluft, »die Zauberkraft des milden, blauen Himmels,« nicht fühlen; er konnte das Laub nicht knospen und zum dunkleren Grün heranreifen sehen; konnte nicht den Sang der vielstimmigen Vögel hören; nicht auf den Tanz des Regens lauschen, der mit seinem Fall die Schönheit hervorlockt; konnte nicht bei Nacht durch sein hohes, enges Fenster die Sterne oben und den freundlichen Mond sehen, der sein Licht gleich der Verzeihung Gottes selbst in das Kerkerdunkel und die Stätten der Trostlosigkeit sendet, wo Sterblichkeit mit Verzweiflung kämpft; nicht konnte er diese mildern Kundgebungen der Natur, so verkümmert sie auch zu ihm gelangten, erhaschen, ohne nach seiner alten vollen Gemeinschaft mit ihrem Walten und ihrer Gegenwart mit krankem Herzen zu schmachten. Bisweilen war alles um ihn her vergessen: die rauhe Zelle, die freudlose Einsamkeit, das bevorstehende Gericht, die ahnende Furcht, die verdunkelte Hoffnung, selbst das Gespenst einer ruhelosen, qualvollen Erinnerung – alles war versunken und sein Geist draußen, und sein Schritt wieder auf den Gipfeln der Berge.

Bei unserer Würdigung der Leiden des Lebens ziehen wir die wundervolle Geschmeidigkeit unserer sittlichen Natur, die unvorhergesehene, überraschende Leichtigkeit, womit das Menschengemüt sich jedem Wechsel der Umstände anbequemt und sich aus den härtesten und scheinbar unerträglichsten Bedingungen des Schicksals einen Gegenstand der Beschäftigung, ja selbst eine Freude schafft, nie in gehörige Erwägung. Jener Mann, der eine Spinne in seinem Kerker beobachtete, mag seine Beobachtungen mit so viel Anteil vorgenommen haben, als wäre er in den heißesten, hochfliegendsten Bestrebungen seines früheren Lebens begriffen gewesen. Er ist ein Vorbild seiner Brüder; wir alle würden unter gleichen Umständen irgend eine ähnliche Beschäftigung aufgefunden haben. Irgend ein Mensch überschaue sein vergangenes Leben; er rufe sich nicht Augenblicke, nicht Stunden der Qual zurück, denn für diese giebt die Gewöhnung ihren segenvollen Zauber nicht her; aber er hebe einen längern Abschnitt körperlicher oder geistiger Leiden heraus: sieht er nur schnell auf diese Zeit zurück, so mag sie zuerst, ich gebe es zu, durchaus unglücklich erscheinen, – eine Reihe von Tagen, die alle mit dem schwarzen Stein bezeichnet sind – Gewölk ohne einen Stern; – aber blickt er genauer hin, so war es nicht so während der Dauer seiner Schmerzen. Tausend Kleinigkeiten, die ihm im Gewühl des Lebens unbeachtet und spurlos vorüber gegangen wären, hatten sich damals seiner Aufmerksamkeit entgegengedrängt, waren Gegenstände der Teilnahme oder der Zerstreuung für ihn geworden. Die traurige Gegenwart, sobald er sich einmal an dieselbe gewöhnt, war ihm ebenso gut weggeschwunden, als wäre sie lautere Glückseligkeit gewesen; sein Gemüt hatte nicht auf den dumpfen Zwischenräumen, sondern auf den Schrittsteinen verweilt, die es schöpferisch zwischen jeden Zeitraum setzte, und infolge jener Ideenwelt, die das geheime Herz des Menschen ewig begleitet, hatte er damals ebenso wenig in seiner unmittelbaren Umgebung gelebt, als in der hoffnungsreichsten Zeit einer Jugend, oder in der entwürfevollsten seiner Reife.

So wunderbar erweisen sich die zwei Beherrscherinnen und Gleichmacherinnen des Menschengeschlechts, Hoffnung und Gewohnheit, in Ausgleichung aller Zustände und aller Zeiten in der wechselnden Lebensflut, daß der Begriff einer ewigen Verdammnis zugleich denjenigen einer vollkommenen Umänderung der Natur der Seele, ihrem menschlichen Zustand gegenüber, in sich schließt. Keine Anstrengung der Einbildungskraft, wenn sie auch durch noch so große Leiden der Erinnerung unterstützt wird, kann eine Qual ersinnen, welche die Gewohnheit nicht endlich abzustumpfen vermöchte und aus welcher der fessellose, unkörperliche Geist nie, mindestens zu augenblicklicher Vergessenheit, sollte entlockt werden können.

Unter den sehr wenigen Personen, welche Zutritt zu Arams Einsamkeit erhielten, war Lord +++++. Dieser hatte während eines einem benachbarten Verwandten abgestatteten Besuchs mit gespannter, schmerzvoller Begierde die dargebotene Gelegenheit ergriffen, noch einmal einen Mann zu sehen, dessen Charakter sich ihm so oft als Gegenstand seiner Berechnung, und seines Erstaunens aufgedrängt hatte. – Er kam, nicht sein Mitleid, sondern seine Hochachtung auszusprechen: Dienste konnte in solchem Augenblick kein Mensch leisten. – Indessen gab er, was in seiner Macht stand – einen Rat – indem, er Aram den besten Anwalt für seine Sache und die beste Art einer vorläufigen Nachforschung über noch unaufgeklärte Einzelheiten bezeichnete. Er war erstaunt, den Gefangenen über so wichtige Punkte gleichartig zu finden. Derselbe, schien es beinahe, war schon damals entschlossen, sein eigener Anwalts zu sein und selbst seine Sache zu führen. Der Erfolg zeigte, daß er sich nicht umsonst auf die Macht der eigenen Beredsamkeit und des eigenen Scharfsinns verlassen hatte, obwohl in Bezug auf deren Ergebnis sein Vertrauen getäuscht wurde. Was das übrige anbetraf, so sprach er mit Ungeduld und dem kalten Spott eines Mannes, dem großes Unrecht geschah. »Um das leere Geschwätz der Welt,« sagte er, »kümmere ich mich nicht; mögen sie mich verdammen oder lossprechen, wie sie wollen: – wohl möchte ich, daß mein Leben gerettet würde, und hoff' es; wenn aber nicht, so kann ich dem Tode ins Angesicht schauen. Ich habe lange genug zwischen diesen Wänden auf ihn geblickt, um mit seinen Schrecken vertraut zu werden. Aber genug von mir; sagen Sie mir etwas von der Welt draußen, mein Lord; ich bin hierauf endlich begierig geworden. Ich sehe mich gegenwärtig verdammt, so sehr von mir selbst zu zehren, daß ich von dieser Speise übersättigt bin.« Nur mit großer Schwierigkeit brachte der Graf den Gelehrten noch einmal auf sich selbst zurück; aber Aram sprach, als er der Forderung nicht länger ausweichen konnte, mit so viel Einschränkung und Rückhalt und mit einem so augenscheinlichen Mißmut über den Gedanken, ausgehorcht und geprüft zu werden, daß sein Besuch sich zuletzt genötigt sah, den Gegenstand fallen zu lassen; und da er nicht Luft hatte, ja wirklich nicht fähig war, in solchem Augenblick über gleichgültigere Dinge zu sprechen, so endigte die letzte Unterredung, die er in seinem Leben mit Aram hatte, viel jäher als er sich vorgesetzt. Indessen war seine Ansicht über den Gefangenen nicht im mindesten erschüttert wurden. Ich habe einen Brief von ihm an einen ausgezeichneten Mann jener Tage gesehen, worin er das eben angeführte Gespräch mitteilt und mit den Worten schließt:

– »Kurz, es ist so viel wahrhafte Würde in diesem Mann, daß dieselbe durch widrige Umstände noch zehnfach vermehrt wird. An seiner Schuldlosigkeit habe ich nicht den entferntesten Zweifel; besteht er aber darauf, sein eigener Anwalt z»sein, so»zittere ich für den Erfolg. – Sie wissen, wie in einem solchen Fall Übung noch weit mehr wert ist als der ausgezeichnetste Geist. Aber, werden Sie sagen, bei peinlichen Untersuchungen ist der Richter der Anwalt der Gefangenen; – Gott gebe, daß diese Eigenschaft des Richters hier erfolgreich sein möge! Ich wiederhole: würde Aram auch durch fünfhundert Schwurgerichte verdammt, ich könnte ihn doch nicht für schuldig halten. Nein, die innerste Natur aller menschlichen Wahrscheinlichkeit streitet dagegen.«

Nachher sah der Graf Walter und unterhielt sich mit ihm. Er wurde vom Benehmen des jungen Lester sehr ergriffen und ein tiefes Mitgefühl für eine so quälende und unglückliche Lage drängte sich ihm auf.

»Was immer das Ergebnis der gerichtlichen Verhandlung sein mag,« sagte Walter, »so werd' ich das Land verlassen, sobald sie vorüber ist. Wird der Gefangene verurteilt, so ist kein Herd für mich im Hause meines Oheims: wird er nicht verurteilt, so dürfte mein Verdacht stets noch zurückbleiben und unser gegenseitiger Anblick für den Angeklagten und für mich ein gleiches Gift sein. Eine freiwillige Verbannung und ein Leben, das mich vergessen lehrt, sind alles, was ich begehre. – Ich finde jetzt an mir selbst,« fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, »wie tief Shakespeare im Geheimnis unseres Verhaltens gelesen hat. Wir erfahren, daß Hamlet von Natur voll Feuer und Thatenliebe war. Eine dunkle Entdeckung erdrückt seinen Geist, erschlafft sein Herz und macht ihm das Wesen der Welt für immer schal. Jetzt versteh' ich diesen Wechsel. Er zeigt sich im geringsten Menschen, welchen ein ähnliches Schicksal betrifft – ja in mir selbst.«

»Ja,« erwiderte der Graf, »ich erinnere mich Ihrer wirklich als eines raschen, aufbrausenden, starrköpfigen Jünglings, Kaum erkenn' ich Sie in Ihrer jetzigen Erscheinung wieder. Die Federkraft ist aus Ihrem Schritt gewichen; – eine Furche scheint sich auf immer in Ihrer Stirn festgesetzt zu haben. Diese Wolken des Lebens sind wirklich kein Sommerdunst der die Aussicht einen Augenblick verdüstert und im nächsten wieder verschwunden ist. Aber, mein junger Freund, hoffen wir das Beste. Ich glaube fest an Arams Schuldlosigkeit – fest! – inniger als ich's ausdrücken kann. Der wirkliche Verbrecher wird durch die gerichtliche Untersuchung ans Licht gezogen werden Jede Bitterkeit zwischen Ihnen und Aram muß bei seiner Lossprechung aufhören. Sie werden sich's angelegen sein lassen, das Unrecht eines von Ihrer Seite allerdings natürlichen Verdachtes gegen ihn wieder gut zu machen, und er scheint der Mensch nicht zu sein, der einen Groll lange zurückbehält. Alles wird gut gehen, glauben Sie mir.«

»Gott füg' es so,« sagte Walter mit einem tiefen Seufzer. »Im schlimmsten Fall aber,« fuhr der Graf fort, indem er ihm scheidend die Hand drückte, »wenn Sie auf Ihrem Entschluß, das Land zu verlassen, beharren sollten, so schreiben Sie mir; ich kann Ihnen dazu eine ehrenvolle und verlockende Gelegenheit verschaffen. – Leben Sie wohl!«

Während die Zeit sich so dem verhängnisvollen Tage näherte griff sie mit tiefer Zerstörung in die reine Brust Madelines ein. Die Unglückliche hatte sich, wie wir gesehen, eine geraume Weile gegen den plötzlichen Schlag aufrecht gehalten, der ihre jungen Hoffnungen zertrümmerte und sie durch eine so schreckliche Kluft von Arams Seite trennte. Als aber Woche um Woche, Monat um Monat dahinrollten und der Geliebte immer noch im Kerker lag, und die schreckliche Möglichkeit seiner Schmach und seines Todes immer noch über ihr hing, begann ihr Mut allmählich nachzulassen, ihr Herz zu sinken. Unter allen Lagen, in die das Herz kommen kann, ist Ungewißheit diejenige, welche den Körper am tiefsten, krebsartigsten annagt. Ein einziger kleiner Monat solcher Ungewißheit, wobei es sich um den Tod handelt, reicht, wie mir von einem Augenzeugen in einem sehr lesenswerten, kürzlich erschienenen WerkWakefields Werk über die Todesstrafe. erfahren, hin, nie mehr zu glättende Linien und Furchen im Gesicht eines fünfundzwanzigjährigen Angeklagten zu ziehen; reicht hin, das braune Haar mit grauem zu mischen, das graue zum weißen zu bleichen. Und diese Ungewißheit – eine Ungewißheit von solcher Art hatte Madeline länger als volle acht Monate zu tragen!

Gegen Ende des zweiten Monats wurde die Wirkung auf ihre Gesundheit sichtbar. Ihre Farbe, von Natur zart wie der leichte Anhauch der blaßroten Muschel oder der jüngsten Rose, erbleichte zur Weiße des Marmors, die im Verlaufe der Zeit abermals in jenes unnatürliche, schwindsüchtige Rot überging, welches, wenn es einmal da ist, seine Stelle in der Regel nur gegen die Farben des Grabes vertauscht. Ihr Fleisch schrumpfte aus seinen gerundeten, edeln Verhältnissen zusammen. Tiefe Höhlen zogen sich um die Augen, die übrigens an Lieblichkeit nur zunahmen, je mehr der Strahl der Heiterkeit aus ihnen entwich. Der segensreiche Schlaf sank auf ihr Gehirn nicht mit seinen gewohnten heilenden Wogen nieder. Unruhige Träume, die gegen Morgen der langen ermüdenden Nachtwache folgten, griffen ihre Konstitution fast noch mehr an als der Kummer des Tages. In diesen Träumen war ein furchtbares Bild immer vor ihr: – ein Volkshaufe – ein Blutgerüst – und das blasse hoheitsvolle Gesicht des Geliebten, verfinstert durch unaussprechliche Qualen des Stolzes und Grames. Bisher hatten sie und Ellinor stets dasselbe Bett geteilt; jetzt wollte Madeline dies nicht länger zugeben. Umsonst weinte und bat die Schwester. »Nein,« sagte jene mit hohler Stimme, »bei Nacht seh' ich ihn. Meine Seele ist allein bei der seinigen; aber – aber« – und sie brach in einen Strom der schmerzlichsten Thränen aus – »der entsetzlichste Gedanke ist mir, daß ich meine Träume nicht bemeistern kann. Bisweilen fahr' ich zusammen und wache auf und finde, daß ich ihn im Schlaf für schuldig hielt: ja gar. barmherziger Gott! daß seine Lippen die Schuld bekannt haben! Soll irgend ein lebendes Wesen – soll irgend jemand außer Gott, der nicht die Worte, sondern die Herzen ansieht, diese giftige Unwahrheit – diesen gespenstischen Hohn des lügnerischen Schlafes anhören? Nein, ich muß allein sein! Die Sterne selbst dürfen nicht hören, was mir im Wahnsinn der Träume abgezwungen wird.«

Doch nicht umsonst, nicht vor ihr ausgeschlossen, wirkte jener schmiegsame, tröstende Geist, von welchem ich vorhin gesprochen habe. Wie Aram wieder den Halt seiner Selbstbeherrschung gewann, verbreitete sich auch über Madelines Gemüt eine ruhige, friedliche Stille. Diese hohe, den Sternen verwandte Natur konnte die erhabenen Tröstungen fassen, die uns aus dem tiefsten Abgrund dieser Welt zur Betrachtung alles dessen erheben, womit sehnsuchtsvolle Gesichte der Menschen eine andere Welt geschmückt haben. Stundenlang konnte sie stumm und in sich versunken dasitzen, bis diese Betrachtungen die Färbung eines lieblichen Wahnsinns annahmen. – »Komm, liebe Madeline,« mochte etwa Ellinor sagen, »komm du hast dich genug deinen Gedanken hingegeben; der arme Vater will dich sehen.«

»Bst!« antwortete dann wohl Madeline, »bst! Ich ging mit Eugen durch den Himmel, und ach! da droben sind grüne Wälder und murmelnde Bäche wie hier auf der Erde und man sieht die Sterne ganz nahe, und ich kann dir nicht sagen wie glücklich ihr Lächeln diejenigen macht, die sie anschauen. Und Eugen fährt dort nie zusammen, und faltet die Stirne nicht, und tritt nicht auf die Seite, und sieht mich mit keinem fremden, eisigen Blick an, sondern sein Gesicht ist so ruhig und strahlend wie ein Engelsgesicht; – und seine Stimme – durch alle die Musik, die dort Tag und Nacht ertönt, dringt sie sanfter als der sanfteste Flötenton durch. Und endlich sind wir auch vermählt, Ellinor. Wir wurden einander im Himmel angetraut und alle Engel kamen zum Hochzeitsfest. Ich bin jetzt so glücklich, daß wir nicht früher heirateten! Was weinst du, Ellinor? Ach, wir im Himmel weinen nie! Aber wir wollen alle wieder dorthin – wir alle, Hand in Hand.«

Dieses rührende Irrreden erschreckte Vater und Schwester, als könnte es schließlich zu wirklichem Verlust des Verstandes führen; aber vielleicht ohne Ursache. Nie hielt es längere Zeit an, und nie kam es vor, als wenn sie ungewöhnlich lange in sich versunken gewesen. Ihr selbst ersetzte es wahrscheinlich, was andern der Schlaf bringt – Abspannung und Erfrischung – Flucht aus dem Bewußtsein des Lebens. Und wirklich konnte man jederzeit wahrnehmen, daß sie nach solchen harmlosen Verirrungen des Gemütes in ihren Gedanken gesammelter, ausharrender und für den Augenblick sogar leiblich stärker schien, als zuvor. Gleichwohl siechte und schwand ihr Körper augenscheinlich dahin und ihre Lebenskräfte nahmen jede Woche fühlbarer ab.

So oft Aram sie sah, erschrak er über die Veränderung. In der Todesqual des Grames küßte er ihr Wange, Lippen Schläfen und wunderte sich, daß nur ihm es versagt war, zu weinen. War sie indessen wieder fort und er von neuem allein, so konnte er sich des Gedankens nicht enthalten, daß der Tod wahrscheinlich das segenbringendste der Erdengüter für sie sein würde. Er hoffte keineswegs unbedingt auf Lossprechung und selbst im Fall einer solchen flüsterte eine Stimme in seinem Herzen von unübersteiglichen Schranken vor ihrer Verbindung, von Schranken, die noch nicht bestanden hatten, als diese Verbindung zuerst beabsichtigt wurde.

»Ja. mag sie sterben,« konnte er sagen, »mag sie sterben; sie wenigstens ist des Himmels gewiß!« Aber menschliche Schwäche klammerte sich an ihn, und trotz dieser scheinbaren Entschlossenheit während der Abwesenheit der Geliebten trauerte er nicht minder, war sein Herz nicht weniger durchbohrt, wenn er sie wiedersah und einen neuen Zug von der Hand des Todes ihrer Gestalt eingegraben fand. Nein: über jede Schwachheit können wir den Sieg erringen, nur nicht über die Schwäche der Liebe. Vielleicht liebten diese beiden Menschen einander in jener schreckenvollen, grauenhaften Zwischenzeit reiner, stärker, schwärmerischer, als in irgend einem früheren Abschnitt ihrer ereignisvollen Geschichte.

Dem härtesten Stein wie dem sanftesten Rasen drängt das grüne Moos sein Geflecht auf und erhält auf ihm sein unzerstörbares Leben!

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