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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Fünftes Buch

Οι̃ αυτω̃ κακὰ τεύχει ανὴρ άλλω κακὰ τεύχων,
Η δὲ κακὴ βουλὴ τω̃ βουλεύσαντι κακίστη
ΗΣΙΟΔ

Böses bereitet sich selbst, wer dem andern Böses bereitet
Auch ist schädlicher Rat am schädlichsten dem, der ihn anriet.
Hesiod.


Erstes Kapitel.

Grünthal. – Der Hochzeitsmorgen. – Altes Weibergeschwätz. – Die Braut an ihrem Putztische. – Die Ankunft.

»Jam veniet virgo, jam dicetur Hymenaeus, Hymen, o Hymenaee, Hymen ades, O Hymenaee.« Catull. –
Carm. Nupt.

Der Morgen war gekommen, an welchem Eugen Aram Madeline Lester angetraut werden sollte. Das Haus des Gelehrten stand in Bereitschaft für die Ankunft der Braut, und obwohl es noch ziemlich früh, tummelten sich zwei alte Frauen in den untern Gemächern umher. Sie waren von seiner Dienerschaft – (jetzt nicht mehr eine einzige Magd: denn man hatte, der Vermehrung der Arbeit wegen, welche die veränderten Umstände in Arams Wohnung herbeigeführt, ein fröhliches junges Mädchen von achtzehn Jahren aus Lesters Haus herüberversetzt) – eingeladen worden, ihr in Einrichtung dessen, was schon eingerichtet war, beizustehen, und beschäftigten sich nun eben, alles, nach ihrem Ausdruck, schicklich zu machen.

»So 'ne Blum' sieht doch wie 'n ärmlich Ding aus,« brummte ein altes Weib, in welchem unsere Leser Grete Dunkelmann erkennen werden, indem sie ein Gefäß mit ausländischen Blüten auf den Tisch setzte. »Sehen nicht halb so lustig aus, als was unter freiem Himmel wächst.«

»Still, Grete!« erwiderte die andere Alte. »Meinem Sinn nach sind sie viel hübscher und vornehmer, und so sagte auch Fräulein Lorchen, als sie sie gestern abend pflückte und mich damit 'rüberschickte. Sie sagen, es gebe kein Grashälmchen, das der Herr nicht kenne. Er muß ein guter Mann sein, daß er alles so lieb hat, was auf 'm Feld wächst.« »Ho,« rief Grete, »als Sepp Wrench gehenkt wurde, weil er den Waldschützen des Lords erschossen hatte, und mit 'nem Strauß in der Hand auf's Schaffot stieg, sagte er mit 'ner jämmerlichen Stimme, ›warum,‹ sagte er, ›geben sie mir nicht 'ne Nelke? Ich liebte diese Art Blumen immer und trug sie, als ich Liese Lukasens Bräutigam war, und möcht' nun mit einer in der Hand sterben.‹ So kann einer Blumen lieb haben und doch nur 'n Galgenschwengel sein.«

»Na, Grete, sprich nicht solches Zeug; kannst nie ruhen? Was für 'n Geschwätz für 'nen Hochzeitsmorgen!«

»Wischewasche!« erwiderte die boshafte Hexe: »mancher Segen führt 'n Fluch in den Armen, wie der neue Mond den alten wiederbringt. Das wird dir keine glückliche Heirat geben, sag' ich dir.«

»Und warum sagst du's?«

»Hast du je gesehen, daß 'n Mensch mit so 'nem Gesicht 'n glücklicher Ehemann wurde? Nein, nein; kannst dir's lustige Lachen der Kinder in so 'nem Haus denken, oder 'n Kleines auf Vaters Schoß, oder das glückliche stille Lächeln auf 'm freundlichen Gesicht der Mutter in 'n paar Jahren? Nein, Madlene, der Teufel hat dem Mann seine schwarze Klaue auf die Stirn gedrückt!«

»Bst! bst! Grete; wenn er's hörte!« sagte die andere Gevatterin, die sich, da jetzt alles gethan war, was es noch zu thun gab, ans Fenster gesetzt hatte, wahrend die unheilkündende Alte über Arams eichenen Stuhl gelehnt von dort aus ihre sibyllinischen Sprüche ergehen ließ.

»Bewahre,« entgegnete diese, »ich sah ihn schon vor 'ner Stund' ausgehen, als die Sonn' eben heraufkam, und sagte, als ich ihn in das Gehölz dort streifen sah und das dürre Laub unter seinen Füßen vom Morgennebel naß war, und sein Hut ihm in der Stirn saß, und seine Lippen so gingen – ich sagte, der Mann, sagt' ich, der 'n Herz froh macht, geht an seinem Hochzeitstage nicht so 'rum. Aber ich weiß, was ich weiß und denk' an das, was ich verwichene Nacht sah.«

»Was sahst du verwichene Nacht?« fragte die Zuhörerin mit zitternder Stimme, denn Mutter Grete war eine unerschöpfliche Erzählerin von Geister- und Hexen-Geschichten, und eine unheimliche Scheu vor ihren dunkeln Zigeunerzügen und boshaften Worten hatte sich nach und nach über das ganze Dorf verbreitet.

»Na, ich saß da mit der tauben Alten und wir tranken auf die Gesundheit des Mannes und derer, die sein Weib werden soll, und es war fast zwölf Uhr, eh mir's einfiel, daß es Zeit zum Heimgehen sei. So warf ich denn meinen Mantel um – der Mond stand am Himmel – und ich ging durchs Holz und Fairlegh-Feld hinauf, und sang's Liedel, wie man den Sepp Wrench gehenkt, denn der Wein hatte mich lustig gemacht; da sah ich auf einmal was Schwarzes kriechen und kriechen, immer schneller hinter mir her übers Feld, und dann grad' aufs Dorf zu. Ich stand still und fürchtete mich nicht im geringsten, obschon ich auf 'n ersten Anblick glaubte, 's sei nichts Lebendiges. Und da kommt's schneller und schneller, und da seh' ich, daß es nicht ein Ding war, sondern viele, viele Dinger, und machten's ganze Feld vor mir dunkel. Und was glaubst du, daß es war? 'n ganzes Rudel grauer Ratten, tausend und abertausend, und vom Haus hier kamen sie her. Denn solch' 'ne Hexenware weiß zum voraus, daß 'n Unglück auf 'nem Ort sitzt. Und so stand ich daneben an 'nem Baum und lachte, als ich die Teufelstiere so an mir vorbeiziehen sah, trapp, trapp, und hatten gar keine Furcht vor mir; aber 'n Paar sahen mich seitwärts mit ihren glitzerigen Augen an und zeigten ihre weißen Zähne, als ob sie spotteten und zu mir sagten: ha! ha! Grete, das Haus, aus dem wir ausziehen, ist 'n fallendes Haus, denn der Teufel will das Seinige haben.«

In einigen Gegenden Englands und namentlich in derjenigen, worin unsere Geschichte spielt, gilt der Auszug dieser ekelhaften Tiere aus einer gewohnten Behausung dem Aberglauben für das schlimmste aller Vorzeichen. Der Naturtrieb, wonach sie jede unsichere Wohnstätte verlassen sollen, verkündet, nimmt man an, durch einen solchen Auszug zugleich der Person des Hausbesitzers selbst Unglück. Während die Ohren der aufhorchenden Freundin noch von dieser Geschichte klangen, ging die dunkle Gestalt des Gelehrten am Fenster vorüber. Die Alte fuhr auf und erschien, als Aram sofort ins Zimmer trat, in voller Geschäftigkeit für die Vorbereitungen des Festes.

»Einen glücklichen Tag, Euer Edeln, einen glücklichen guten Morgen,« riefen beide Weiber in einem Atem, aber der Segenswunsch der boshafteren wurde in so rauhem Gekreisch ausgestoßen, daß Aram wie erschrocken über den Laut sich umwandte; noch weniger zufrieden mit dem wohlbekannten Anblick der Person, von welcher er herkam, winkte er ungeduldig mit der Hand und bedeutete sie hinauszugehen.

»Hui, hui!« murmelte Mutter Grete, »so mit dem Armen sprechen! Aber die Ratten lügen nicht, die Teufelsdinger!«

Aram warf sich in seinen Stuhl und saß mehrere Augenblicke in ein Nachdenken versunken, das auf keine trübe Stimmung zu deuten schien. Nachdem er dann einigemal im Zimmer auf und abgegangen war, blieb er dem Kamin gegenüber stehen, über welchem seine Gewehre hingen, die er stets geladen und schußbereit hielt.

»Hm,« sagte er halblaut, »ihr seid nur müßige Diener gewesen und jetzt ist sehr wenig Wahrscheinlichkeit da, daß ihr mir die Mühe zahlt, die ich auf euch verwandt habe.« Damit zuckte ein leichtes Lächeln über seine Züge; er wandte sich ab und stieg die Treppe zu jenem hohen Gemach hinauf, in welchem er so oft die Sterne überwacht hatte –

Der Himmel Seelen und die Herrn des Lebens
In ihren weiten Reichen.

Ehe wir ihm in diesen hohen stillen Aufenthalt folgen, wollen wir den Leser nach Lesters Hause bringen, wo bereits alles voll Heiterkeit und stiller, doch inniger Freude ist.

Noch fehlten etwa drei Stunden zu der für die Vermählung festgesetzten Zeit. Da es noch so früh war, erwartete man Aram im Herrenhause nicht eher als etwa eine Stunde vor der Feier. Gleichwohl klangen die Glocken bereits hell und fröhlich, und bei der geringen Entfernung der Kirche vom Hause kam der Laut, der so unnennbar süßen Aufruhr im Ohr einer Braut erregt, mit geschäftiger Fröhlichkeit herüber wie die kräftige Stimme eines altbekannten Freundes, der es bei seinem Gruß mehr auf Herzlichkeit als auf zarte Formen anlegt. Vor ihrem Spiegel stand die schöne, jungfräuliche, strahlende Madeline; Ellinor ordnete mit zuckenden Händen das üppige Haar der Schwester und sprach mit einer Stimme zwischen Lachen und Weinen ihre Hoffnungen, ihre Wünsche, ihre Segenssprüche aus. Das kleine Fenster stand offen und die Luft wehte ziemlich fröstelnd auf den Busen der Braut.

»Das ist ein unfreundlicher Morgen, liebes Lorchen,« sagte sie schaudernd, »der Winter scheint endlich anfangen zu wollen.«

»Halt, ich will das Fenster schließen; die Sonne kämpft noch mit dem Gewölk, aber ich bin überzeugt, es wird sich allmählich aufhellen. Du wirst uns nicht – wirst uns nicht – das Wort muß heraus – vor Abend verlassen.«

»Weine nicht!« sagte Madeline, selbst halb weinend. Und sich niedersetzend, zog sie Ellinor an sich, und die beiden Schwestern, die seit ihrer Geburt nie getrennt gewesen, wechselten Thränen, die, so natürlich sie auch, schwerlich bloß Thränen des Schmerzes waren.

»Und was für frohe Abende wir in der Christzeit haben werden,« sagte Madeline, der Schwester Hände in den ihrigen haltend. »Du weißt, du wohnst dann bei uns; Eugen hat bereits angeordnet, daß man das hübsche alte Zimmer, nördlich im Hause, für dich herrichtet. Und dann werden der gute Vater und der gute Walter, der bis dahin längst zurück sein muß, zu uns herüber auf Besuch kommen und meine Haushaltung loben und dergleichen. Und dann nach Tisch setzen wir uns ums Feuer; ich neben Eugen und auf meiner andern Seite der Vater, unser Gast, mit seinen langen, grauen Haaren und seinem lieben, sanften Gesicht, eine Thräne der Rührung im Auge – du kennst seinen Blick, wenn ihm was das Herz bewegt. – Und etwas entfernt auf der andern Seite des Kamins wirft du und – und Walter sitzen; – ich meine für den werden wir wohl Platz machen müssen. Und Eugen, der dann der munterste von euch allen sein wird, soll uns mit seiner milden klaren Stimme vorlesen, oder von Vögeln, Blumen und wunderbaren Dingen in fremden Ländern erzählen. Und nach dem Nachtessen begleiten wir den Vater und Walter halbwegs nach Hause durch das schöne Thal, das selbst im Winter noch schön ist, und zählen die Sterne und nehmen neuen Unterricht in der Astronomie und hören Geschichten von den Astrologen und Alchymisten und ihren schönen Träumen. Ah, es soll eine glückliche Weihnachtszeit sein! Und dann wenn der Frühling kommt und jeden Tag frische Blumen hervorsprießen, werd' ich hinübergerufen werden, dir bei deinem Putz zu helfen, wie du mir beim meinigen geholfen Haft, und mit dir in die Kirche zu gehen, freilich nicht als deine Brautjungfer. Ach, wen werden, wir zu diesem Dienst nehmen?« »Still doch!« sagte Ellinor, durch ihre Thränen lächelnd.

Während die Schwestern noch so miteinander sprachen und Madeline in unschuldiger Herzensgüte die begreifliche Niedergeschlagenheit der geliebten Schwester zu heben suchte, vernahm man in der Ferne Wagengerassel. Näher kam es heran und näher; – jetzt schwieg das Geräusch wie vor dem Eingangsthor; – dann wieder begann es schnell und schneller; und so rasch die Postillone die Peitsche schwingen, die Pferde laufen konnten, jagten unterm gaffenden Zusammenlaufen der Gruppen auf dem Kirchplatz und dem immer noch fortdauernden fröhlichen Geläut der Glocken zwei Kutschen an Madelines Zimmer vorüber und hielten vor dem Portal des Hauses. Verwundert waren die Schwestern ans Fenster geeilt.

»Es ist – es ist – guter Gott! es ist Walter,« rief Ellinor; »aber wie bleich er aussieht!«

»Und wer sind diese fremden Männer bei ihm?« stammelte Madeline in Angst, ohne zu wissen warum.

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