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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Zweites Kapitel.

Ein Wirt, ein Sünder und ein Fremder.

»Ach, Don Alfonso, seid Ihr's? Angenehmer Zufall! Das Ungefähr bringt Euch mir da vor die Augen, wo Ihr am wenigsten erwartet wurdet.«
Gil Blas.

An einem Abend zu Anfang des Sommers saßen Peter Dahltrup und der weiland Korporal unter dem Zeichen des »scheckigen Hundes«, das unbeweglich vom Zweige einer freundlichen Ulme herabhing und leerten einen Becher auf gute Kameradschaft. Der Leser möge sich die beiden Kumpane nach Gestalt und Aussehen sehr verschieden vorstellen: den einen kurz, ausgedörrt, ärmlich, durch die aufgeknöpfte Weste und die Art, wie er, weit zurückgelehnt, sich mit dem Stuhl auf und nieder wiegte, seine Liebe zur Gemächlichkeit andeutend; den andern aufrecht, gravitätisch und so fest auf seinem Sitz, als wäre er angenagelt. Es war ein schöner, stiller, würziger Abend; die Sonne verschwand eben hinter den fernen Bergen; noch hing an den Wolken die Rosenfarbe, die ihr scheidender Strahl ihnen mitgeteilt; da und dort sah man die Bauernhäuschen zwischen den umgebenden Bäumen hervorlugen, oder den Rauch von den mit Moos und Hauswurz übergrünten Dächern in zierlichen Schlangenwindungen hinauf in die klare milde Luft steigen. Ein englisches Bild! Dabei bildeten die beiden Männer, der Hund zu ihren Füßen (denn Peter Dahltrup begünstigte einen schäbigen, steinfarbigen Kläffer, den er einen Dachshund nannte), unter der Thür der kleinen Herberge zwei alte Gevatterinnen in Häubchen und Halstuch, in vertraulichem Geplauder mit der Wirtin auf der Schwelle weilend – zusammen in gleichem Maße eine englische Gruppe, die wenn sie von etwas malerischer Wirkung, doch bekannt und anheimelnd genug war.

»Nun wahrlich,« sagte Peter Dahltrup, indem er den braunen Krug dem Korporal zuschob, »so hab' ich's gerne; es gemahnt mich –«

»An was?« frug der Korporal.

»An die lieblichen Verse in jenem Lied, Herr Bunting:

Wie schön ihr kleinen Hügel seid,
Ihr Feldlein auch dabei,
Ihr Murmelbäch' in stillem Lauf,
Ihr Weiden in der Reih'.«

Es ist was gar Tröstliches in den heiligen Liedern, Herr Bunting; aber Ihr seid ein Spötter.«

»Pah! pah!« sagte der Korporal, den rechten Fuß streckend und sich mit halbgeschlossenen Augen und vorgestrecktem Kinn zurücklehnend, indem er einen ungewöhnlich langen Zug aus der Pfeife that. – »Pah! Pah! rechts um mit 'n Versen! – gut für'n Mädel, das in die Sonntagsschule geht! ausgewachsene Männer schnupfen lieber. – Bin in der Welt gewesen, Meister Dahltrup, in der Welt! verdamm mich Gott!«

»Pfui doch, Nachbar, pfui! Was kommt Gutes heraus bei Unheiligkeit, Übelrede und Lästern?

Die Flüche sind die Schuld,
Die schwer wird ausgeglichen,
Zum Rechnungstag sind all'
Der Seele angestrichen –

Wartet 'n bißchen, Nachbar, wartet, bis ich meine Pfeife angezündet habe.«

»Sag Euch was.« entgegnete der Korporal, nachdem er aus der eigenen Pfeife dem Gefährten den freundlichen Funken mitgeteilt – »sag Euch was – dummes Zeug! der kommandierende General ist kein Paradenarr – haben wir uns all' brav gehalten im Feuer, so wird er wegen eines oder ein Paar mitgelaufener Wörtlein 'n Auge zudrücken. Kommt! keine Schnacken! – schweigt mir! Schwerenot! Glaubt Ihr, Gott wolle lieber 'n Kümmerling wie Euch in seinem Regiment, als 'nen Mann wie mich, gutgegliedert, bolzsteif, sechs Fuß 'n Zoll, ohne Schuhe! – still!« Dieser Gedanke des Korporals, wonach er das Himmelreich der Leibgarde des Königs von Preußen verglichen und die Erwählten nur nach dem Zollmaß zugelassen haben wollte, kitzelte des Wirtes Einbildungskraft dergestalt, daß er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und in ein langes, trocknes, möglichst lautes Gelächter ausbrach. Dieser Mangel an Ehrerbietung mißfiel aber dem Korporal höchlich. Er blickte das Männchen recht sauer an und sagte in seiner unsanftesten Betonung:

»Was – Teufel – für 'n Gakern? – immer Kich! Kich! Kich! Kach! Kach! Kach! He?«

»Na! wahrlich, Nachbar,« erwiderte Peter sich fassend, »Ihr müßt einen Mann mitunter lachen lassen.«

»Mann!« rief der Korporal. »Mann ist 'n edles Tier. Mann ist eine Muskete, Pulver auf der Zündpfann', geladen, bereit, einem Freund zu Hilf' zu kommen wie 'nen Feind niederzumachen – Ladung nicht nach jeder Meise verpufft! Ihr aber seid keine Muskete, nur 'n Pulverhäuflein! macht viel Lärm, trifft nicht! – nur angerührt, gleich geht Ihr los, puff, paff, ins Gesicht! Schwerenot!«

»Nun!« sagte der Wirt, der nicht aus seiner guten Laune zu bringen war, »da wäre Herr Aram, der große Gelehrte im Thal drunten', ein Mann nach Eurem Herzen. Der ist ernsthaft genug, um Euch recht zu sein. Ich glaube, der lacht nicht so leicht.«

»Nach meinem Herzen? – Krümmt sich ja wie 'n Fiedelbogen!«

»Ja, er sieht beim Gehen immer zu Boden wenn ich nachdenke, mach' ich es ebenso. Aber was für 'n Wunder von einem Menschen! Ich höre, er liest die Psalmen hebräisch. Er ist recht leutselig und weichherzig für einen solchen Gelehrten!«

»Sag Euch was! Die Welt gesehen, Meister Dahltrup! Weiß auch das eine und andere. Ein scheuer Hund ist allezeit bissig. Ich will 'nen Mann, der mir oder 'ner Kanone gleich fest ins Gesicht schaut!«

»Oder einem Mädchen,« sagte Peter verschmitzt.

Der grimme Korporal lächelte.

»Da Ihr von Mädel sprecht.« Hub er, seine Pfeife von neuem stopfend, an – »was für 'n Ding Miß Lester ist! Was für Augen! Was für 'ne Nase! Gemacht für 'nen Oberst, bei Gott! ja 'nen Generalmajor!«

»Was mich anlangt, so kommt mir Miß Ellinor fast ebenso hübsch vor; nicht so hoch hinaus, aber liebenswürdiger!« »'n nettes Dingelchen!« bemerkte der Korporal zustimmend. »Aber wer zum Teufel kommt da?«

Letztere Frage bezog sich auf einen Mann, der langsam von der Straße nach dem Gasthof einbog. Der Fremde war von kräftiger, gedrungener Gestalt, mittlerer Größe. Sein Anzug konnte Ansprüche auf etwas mehr als den niedrigsten Rang machen, aber er war bis zur Durchsichtigkeit abgetragen und von Staub und langem Wandern beschmutzt. Kleine eingesunkene Augen von hellbrauner Farbe und unruhigem, fast trotzigem Ausdruck, eine dicke, platte Nase, hohe Backenknochen, ein breites knöchernes Kinn, von dem das Fleisch zurückwich, ein Stierhals, der auf große Stärke deutete – machten seine eben nicht großen Ansprüche auf freundlichen Empfang aus. Der stattliche Korporal hielt, ohne sich zu rühren, ein wachsames Forscherauge auf den Ankömmling und murmelte Peter zu: »Gast für Euch; saubrer Gast dazu –mein' Seel!«

Damit war der Fremde bis zu dem kleinen Tisch gekommen, stand still, faßte den braunen Krug ohne Umstände oder Vorrede und leerte ihn auf einen Zug.

Der Korporal stierte ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an, aber ehe er noch Zeit hatte, seinem Ärger Luft zu machen – denn er war ein etwas langsamer Redner – sagte der Unbekannte, den Mund am Ärmel abwischend, in ziemlich höflichem, entschuldigendem Ton:

»Ich bitte um Vergebung, meine Herren; ich hab' einen langen Marsch gemacht und bin sehr ermüdet.«

»Hm! Marsch!« sprach der Korporal etwas besänftigt. »Nicht in Seiner Majestät Diensten – he?«

»Jetzt nicht,« entgegnete der Reisende; und sofort sich zu Dahltrup wendend: »Sind Sie der Wirt hier?«

»Zu dienen!« sagte Peter Dahltrup in der gleichgiltigen Weise eines wohlhabenden Mannes, der nicht viel nach einem halben Penny fragt.

»Na! so macht vorwärts! holla!« rief der Reisende, indem er ihn auf den Rücken klopfte. »Bringt mehr Gläser, einen neuen Krug Oktoberbier und was Eure Speisekammer sonst noch vermag. Hört Ihr?«

Peter, keineswegs erbaut durch diese barsche Anrede, schaute den staubigen, wegemüden Fußgänger von oben bis unten an, und sich fester auf seinem Stuhl zurechtsetzend sagte er mit einem Blick über die Schulter nach der Hausthür:

»Dort steht meine Frau unter der Thür, Freund; sagt der, was Ihr haben wollt.«

»Wißt Ihr,« entgegnete der Reisende mit langsamem, abgemessenem Ton, »wißt Ihr, Herr Nußknacker, daß ich mehr als halbe Lust verspüre, Euch für Eure Unverschämtheit den Schädel einzuschlagen. Ihr ein Wirt! – Ihr einen Gasthof halten! wahrlich! – Fort! tummelt Euch, oder« –

»Korporal! Korporal!« schrie Peter, hastig von seinem Stuhl aufspringend, als der gebräunte Wanderer ihm drohend nahte. – »Ihr werdet den Landfrieden nicht gebrochen sehen wollen. Nehmt Euch in acht, Freund, nehmt Euch in acht! Ich bin Kirchenschreiber, Kirchenschreiber bin ich, Herr, und werd' Euch des Sakrilegs anklagen!«

Buntings hölzerne Züge verzogen sich zu einer Art Grinsen bei seines Freundes Angst. Er schmauchte fort, ohne eine Silbe zu erwidern. Unterdessen benutzte der Fremde Peters hastiges Aufgeben seiner professorenhaften Stellung, faßte den leeren Stuhl, rückte ihn heran, warf sich hinein, legte den Hut auf den Tisch und trocknete sich die Stirn mit der Miene eines Menschen, der entschlossen ist, zu thun, als ob er völlig zu Hause wäre.

Peter Dahltrup war gewiß ein Mann von friedfertiger Gemütsart, aber er besaß auch den einem Gastwirt und Kirchenschreiber zukommenden Stolz. Sein Gefühl war ausnehmend verletzt durch solche kavaliermäßige Behandlung. Vollends vor den Augen seiner Ehehälfte – welch ein Beispiel! – Die Hände tief in den Hosentaschen, das Gesicht in grimmige Falten gelegt, trat er mit stolzem Schritt auf den Reisenden zu und begann:

»Hör Er, guter Freund! das ist nicht die Art hierzulande, mit den Leuten umzugehen. Weiß Er, daß ich ein Mann bin, dessen Bruder Konstabler ist?«

»Ganz schön, mein Wertester!«

»Ganz schön. Wertester? In der That? Schön? ich sag' Ihm, daß es nicht schön ist, auf keine Weise; wenn Er für das Bier, das Er getrunken, nicht zahlt und ruhig seines Weges geht, so soll Er mir als ein Landstreicher ins Loch!«

Diese, die drohendsten Worte, welche man je von Peter Dahltrup vernommen, wurden mit so viel Feuer gesprochen, daß der Korporal, der bisher geschwiegen – denn er war zu streng an pünktliche Disziplin gewöhnt, als daß er sich unnötigerweise in Händel gemischt hätte – sich billigend umwandte und dem erbosten Peter, so gut es die steife Halsbinde erlauben wollte, zuwinkte, indem er ausrief: »Recht so! Ihr habt 'n Herz, Nachbar, 'n Herz wie's sich fürs zweiundvierzigste Regiment gehört! meiner Treu! – 'n Herz über fünf Fuß zwei Zoll!«

Es fehlte nicht an Hohn im Aussehen des Fremden, als er jetzt, Dahltrup anblickend, wiederholte:

»Ein Landstreicher? – So! Und was ist denn ein Landstreicher, wenn ich bitten darf?«

»Was ein Landstreicher ist?« rief Peter etwas verlegen.

»Ja! antwort' Er mir darauf!«

»Na! ein Landstreicher ist ein Mensch, der wandert und kein Geld hat!«

»Wahrhaftig,« sagte der Fremde lächelnd (wiewohl das Lächeln seine Physiognomie keineswegs verschönerte), »eine vortreffliche Erklärung, die jedoch, wie ich Ihm beweisen will, keine Anwendung auf mich findet.« Damit zog er eine Handvoll Silbermünzen aus dem Schubsack, warf sie auf den Tisch und rief: »Nun kommt, nichts mehr davon! Ihr seht, ich kann zahlen, was ich verlange; Ihr aber denkt jetzt daran, daß ich müd' und hungrig bin.«

Nicht sobald hatte Peter das Geld ersehen, als eine urplötzliche Besänftigung sein empörtes Herz beschlich; ja ein gewisses wohlwollendes Mitleid mit der Müdigkeit und dem Hunger des Reisenden trat auf einmal, wie durch Zaubergewalt, an die Stelle der Erbitterung, die noch eben in ihm gebraust hatte.

»Müd' und hungrig,« entgegnete er; »warum haben Sie das nicht früher gesagt? Das wäre genug gewesen für Peter Dahltrup. Ich bin, Gott sei Dank! ein Mensch, der was fühlt für seinen Nächsten. Ich hab 'n Herz, wahrhaftig, ich hab 'n Herz. Müd' und hungrig! im Augenblick sollen Sie bedient werden. Mag ich auch was hastig oder dergleichen sein, so bin ich im Innern doch 'n guter Christ. – Fragen Sie nur den Korporal. Und was sagt der Psalmist, Psalm 147?

Er schenkt der Erde selbst die Gaben,
Dadurch sie die Geschöpfe nährt;
Hört das Geschrei der jungen Raben,
Und giebt, was ihr Geschrei begehrt.«

Mit diesem passenden Citat seine Rührung anfeuernd, entschwand Peter nach dem Hause. Jetzt brach der Korporal das Stillschweigen; der Anblick des Geldes war auf ihn so wenig ohne Wirkung geblieben, als auf den Wirt.

»Warmer Tag heut! Ihre Gesundheit! – Ja so! ich vergaß, daß Sie den Krug geleert haben! – Sagten, Sie stünden jetzt nicht in den Diensten Seiner Majestät. Um Vergebung: standen Sie Je darin?«

»Jawohl, stand ich drin, vor vielen Jahren.«

»Ach! und in welchem Regiment? Ich war im zweiundvierzigsten. Vom zweiundvierzigsten gehört? Oberst hieß Dysart, Hauptmann Trotter, Korporal, zu dienen, Bunting!«

»Sehr verbunden für Ihr Zutrauen,« entgegnete trocken der Unbekannte. »Ich wette, Sie haben manches Jahr gedient.«

»Gedient? Uff! Das darf ich sagen; – dreiundzwanzig Jahr hart, und nichts dafür! 'n Mann, der sein Vaterland liebt, ist zu 'ner Pension berechtigt – meine ich – aber die Welt lächelt nicht auf die Korporale! – He?«

Hier erschien Peter wieder mit einer neuen Ladung von Oktoberbier und der Versicherung, die kalte Küche werde sogleich nachfolgen.

»Ich hoffe, Sie und der Herr da werden mir Gesellschaft leisten,« sagte der Reisende, den Krug dem Korporal zuschiebend; und nach wenigen Minuten hatte sich das Trio gegenseitig dermaßen befreundet, daß der Schall ihres Gelächters oft und laut zum Ohr der Hausfrau in der Küche drang.

Der Fremde schien jetzt dem Korporal und dem Wirt ein recht munterer, aufgeweckter Gesell zu sein. Gleichwohl nahm er eigentlich keinen bedeutenden selbstthätigen Anteil am Gespräch; er kam der Heiterkeit seiner neuen Bekannten mehr zu Hilfe, als daß er die leitende Rolle dabei übernommen hatte. Herzlich lachte er über Peters Schwänke und des Korporals Erwiderungen, und letzterer hatte es – das gewöhnliche Vorrecht, das er in den Kreisen des Dorfes ausübte, allgemach auch hier auf sich übertragend – noch ehe das Essen auf dem Tisch stand, dahin gebracht, daß er die ganze Unterhaltung allein beherrschte.

Das Essen gewährte dem Fremden einen neuen Entschuldigungsgrund für seine Einsilbigkeit. Er aß mit höchst wunderbarem, selbst die übrigen ansteckenden Appetit, sodaß nach wenigen Sekunden Messer und Gabel des Korporals ebenfalls so emsig beschäftigt waren, als blieben ihm zwischen Mahlzeit und Abmarsch nur drei Minuten übrig.

»Ein hübsches einsames Örtchen!« Hub endlich der Reisende an, als er sein Mahl beendigt hatte und sich in seinem Stuhl behaglich zurücklehnte – »ein recht hübsches Örtchen. Wem gehört das saubere altertümliche Haus auf dem grünen Platz, mit den Giebelfeldern und den Blumengeländen vorne?«

»O! dem Squire,« antwortete Peter »,'n gar braver Herr, Squire Lester!«

»Ein reicher Mann für diese Gegend, will mich's bedanken; das beste Haus, das ich auf einige Meilen getroffen!« bemerkte der Unbekannte obenhin.

»Reich – ja; er hat Vermögen; er lebt so, daß er immer etwas Geld zurücklegen kann.«

»Familie?«

»Zwei Töchter und einen Neffen.«

»Und der Neffe ruiniert ihn nicht? Glücklicher Oheim! Dem meinigen ward's nicht so gut!« entgegnete der Fremde.

»Des Teufels Gesellen, wir Soldaten in unsrer grünen Zeit!« bemerkte bedeutsam der Korporal. »Ne! Squire Walter ist 'n artiger junger Mensch, der Stolz des Onkels!«

»So,« erwiderte der Wanderer, »sie sind demnach nicht genötigt, ein großes Hauswesen zu führen und sich durch einen Haufen Dienerschaft ums Geld zu bringen? – Den Krug, Korporal!«

»Nein!« sagte Peter, »Squire Lesters Thor steht dem Armen jederzeit offen, aber was das vornehme Wesen betrifft, so überläßt er das dem Lord im großen Schloß.«

»Das große Schloß, wo ist das?«

»Etwa drei Stunden von hier haben Sie gewiß von Mylord.....gehört?«

»Ach, von dem Höfling! freilich! Wer lebt aber sonst noch hier? ich meine die bedeutenderen Personen, außer dem Korporal und Ihnen, Herr ... Aalguk, nannte Sie, glaub' ich, Ihr Freund da?«

»Dahltrup, Peter Dahltrup, ist mein Name, Herr! – Nun, der bemerkenswerteste Mann hier, müssen Sie wissen, ist 'n großer Gelehrter, ein wunderbar studierter Mann. Dort drüben können Sie gerade was von dem hohen Dings da – wie soll ich's nennen – ins Aug' fassen, das er oben auf sein Haus gebaut hat, damit er den Sternen näher ist. Gläser hat er sich angeschafft, durch die man, hör ich, die Leute im Mond auf den Köpfen gehen sieht: aber ich kann nicht sagen, daß ich alles glaube, was ich höre.«

»Ich bin überzeugt, daß Sie dafür zu viel Verstand besitzen. Aber dieser Gelehrte ist wohl nicht sonderlich reich? viel Wissen schafft den Leuten heutzutage noch keinen Rock – he. Korporal?«

»Wie sollt's auch? Wetter! kann's einen lehren, wie er's Vaterland verteidigen soll? Alt-England braucht Soldaten, hol' mich der Henker! Sonst ist der Mann recht ordentlich, das muß ich sagen, höflich, bescheiden –«

»Und keineswegs 'n Bettler!« setzte Peter hinzu. »Vergangenen Winter gab er den Armen so viel, als der Squire selbst!«

»Wirklich?« sagte der Fremde, »der Bücherwurm ist also reich?«

»So, so; weder eins noch das andere. Aber wär er so reich, als Mylord, er könnte in keinem höheren Ansehen stehen. Die vornehmsten Leute im Lande kommen mit Vieren bei ihm vorgefahren, um ihm einen Besuch abzustatten. So wahr uns Gott helfe, kein Name wird in der ganzen Grafschaft mehr genannt, als der von Eugen Aram.«

»Was!« schrie der Fremde, mit schneller Veränderung der Gesichtszüge vom Stuhl aufspringend. »Was! Aram! Aram, sagt Ihr? Großer Gott, wie wunderbar!«

Peter, nicht wenig betroffen über die jähe Heftigkeit seines Gastes, starrte ihn mit offenem Munde an, und selbst der Korporal zog die Pfeife unwillkürlich von den Lippen.

»Wie?« sagte der erstere, »Sie kennen ihn? Sie haben von ihm gehört? He?«

Der Fremde antwortete nicht, wie es schien in einen tiefen Traum verloren. Zwischen den Zähnen murmelte er unverständliche Worte. Jetzt trat er, die Hände geballt, zwei Schritte vorwärts; jetzt lächelte er grimmig; dann kehrte er wieder zu seinem Stuhl zurück, warf sich hinein und schwieg immer noch. – Der Kriegsmann und der Kirchenschreiber wechselten Blicke miteinander, und endlich begann der Korporal:

»Mord alle Welt! hat der Mann Ihnen die Großmutter gefressen?«

Aufgeweckt vielleicht durch eine so passende und zarte Frage, hob der Unbekannte den Kopf von der Brust und sagte mit erzwungener Heiterkeit: »Sie haben mir, ohne es zu wissen, einen großen Dienst erwiesen, mein Freund. Eugen Aram war ein früherer vertrauter Bekannter von mir; seit vielen Jahren haben wir uns nicht gesehen; nimmer hätt' ich mir's einfallen lassen, daß er in dieser Gegend lebe; sein Aufenthalt war mir wirklich unbekannt. Es freut mich im Ernst, so ganz unerwartet auf ihn gestoßen zu sein.«

»Wie? Sie kannten seinen Aufenthalt nicht? Hätt' ich doch gedacht, jedermann kenne den! Was! Leute von Universitäten sind expreß hergereist, nur um den Ort zu sehen.« »Sehr möglich,« entgegnete der Fremde; »aber ich bin kein Gelehrter, und was bei den einen Ruhm ist, ist Dunkelheit bei den andern. Überdies bin ich früher nie in diese Weltgegend gekommen!«

Peter wollte antworten, als er die kreischende Stimme seiner Frau hinter sich hörte:

»Was stehst du nicht auf, alter Faulpelz? wo hast deine Augen? Siehst die jungen Fräulein nicht?«

Dahltrups Hut war im Augenblick vom Kopf, der Korporal erhob sich gerade wie eine Muskete; der Fremde wäre sitzen geblieben, wenn nicht Dahltrup einen mahnenden Ruck in seinen Kragen gethan hätte. So stand er denn ebenfalls auf, mit dem Ansatz zu einem Fluch zwischen den Zähnen, der jedoch beim Gewahrwerden der Ursache, die ihm eine Höflichkeit abgezwängt, auf seinen Lippen erstarb.

Durch ein Thürchen neben Peters Wohnung war Madeline mit ihrer Schwester eben zu einem Abendspaziergang herausgetreten, und beide waren mit der gutmütigen Zutraulichkeit, welche man an ihnen kannte, einen Augenblick stehengeblieben, um die Wirtin vom »scheckigen Hund« zu begrüßen, die jetzt nach vollbrachter Küchenarbeit strohflechtend an der Thür saß, und von dort auf das Gespräch ihrer Gäste horchte. Die ganze Familie Lester war so beliebt, daß wir zweifeln, ob Mylord selbst, wie – als gab' es nur einen Lord in der Pairie – die stehende Benennung des großen Edelmanns der Grafschaft lautete, dieselben Beweise von Ehrerbietung erhalten haben würde, die man jederzeit auf jene ausschüttete.

»Laßt euch nicht stören, gute Leute,« sagte Ellinor, als die Mädchen jetzt auf die lustige Gesellschaft zukamen. Plötzlich aber fiel ihr Auge auf den Fremden, und schnell unterdrückte sie jedes weitere Wort.

Es war etwas im ganzen Aussehen dieses Menschen, besonders aber in dem Ausdruck, den sein Gesicht in diesem Augenblick annahm, das beim ersten Anblick jedem Besorgnis und Argwohn eingeflößt haben dürfte. Dabei begegneten die jungen Damen in diesem abgelegenen Orte so selten einem unbekannten Gesicht, daß die Wirkung, welche das Wesen des Fremden auch auf andere hervorbringen mußte, für sie leicht bis zu einem an Furcht grenzenden, peinlichen Grade gesteigert werden, mochte. Der Reisende bemerkte sogleich den Eindruck, welchen er gemacht; er senkte den Kopf, und dasselbe unangenehme Lächeln oder vielmehr Grinsen, dessen wir vorhin erwähnten, verzerrte seine Lippen, während er sich mit erkünstelter Ehrerbietung verbeugte.

»Was das für ein Fremder sein mag!« flüsterte Madeline, der Schwester Empfindung, wenn auch in geringerem Grade, teilend, und nach einer Pause sagte sie mit einem flüchtigen Blick auf seinen Anzug: »hoffentlich kein Notleidender!«

»Nein, mein Fräulein!« erwiderte der Unbekannte, »wenn Sie unter Not den Bettelstand verstehen. Ich bin vielleicht in jeder Beziehung mehr als ich scheine.«

Der Korporal, der Wirt und dessen Frau konnten sämtlich ein Kichern nicht unterdrücken, wie der Reisende über seine wenig einnehmende Erscheinung diesen halben Scherz hinwarf, Madeline aber, ein wenig aus der Fassung gebracht, verbeugte sich hastig und zog ihre Schwester mit fort.

»Eine hochmütige Vettel!« sagte der Fremde, nachdem er wieder Platz genommen und dem Paar über den Anger hin nachsah. Im Nu war jeder Mund gegen ihn geöffnet. Es wurde ihm nicht leicht, die Eintracht wiederherzustellen, und so rief er denn, noch ehe es ihm damit vollständig gelungen, nach seiner Zeche, zahlte und erhob sich, um weiterzugehen. »Na!« schloß er und streckte dem Korporal die Hand hin; »wir kommen wohl wieder einmal zusammen und lassen uns Ihre lustigen Geschichten schmecken. Einstweilen aber: wie komme ich zu diesem – diesem – diesem berühmten Gelehrten? Hm?«

»Sie sahen, welche Richtung die jungen Damen beim Weggehen einschlugen,« sagte Peter, »dieselbe müssen Sie nehmen. Gehen Sie über den Steg, den Sie rechter Hand finden werden, schreiten am Fuße des Hügels ein starkes Viertelstündlein hin, dann werden Sie mitten auf einer weiten Fläche ein einzelnes graues Haus erblicken mit einem Dings oben darauf, so 'nem Speklatorium wie sie's nennen. Dort wohnt Herr Aram.«

»Dank' Ihnen.«

»Und 'n recht schöner Spaziergang ist's,« setzte die Wirtin Hinzu, »der schönste hier herum, nach meinem Geschmack, bis Sie am Haus stehen. So meinen's auch die jungen Damen, denn 's ist ihr gewöhnlicher Weg jeden Abend!«

»So? dann begegne ich ihnen vielleicht!«

»Ja! und wenn's so kommt, so schauen's so christlich drein, als Sie's können,« erwiderte die Frau.

Abermals folgte auf Kosten des unerquicklichen Wanderers ein Kichern, unter welchem er von dannen zog.

»Wunderlicher Kauz, der!« sagte Peter, der untersetzten Figur nachblickend: »mich wundert, wer er ist: scheint gut erzogen; weiß zu sprechen.«

»Was kommt's darauf an?« rief der Korporal, der denn doch eine Art kameradschaftlicher Hinneigung zu dem schroffen Wesen seines neuen Bekannten empfand – »was kommt's drauf an, wer er ist? Dem Vaterland gedient – ist g'nug. – Teufel auch! hat mir's Regiment nicht gesagt, ließ mich immerfort schwatzen und gab selber nichts von sich! 'n alter Soldat, jeder Zoll an ihm!«

»Weiß sich Nummer eins zu sichern!« sagte Peter. »Wie er den Krug leerte! und du mein Himmel, was für 'n Appetit!«

»Pst!« sagte der Korporal. »Mund gehalten! 'n Mann von Welt, 'n Mann von Welt – so viel ist klar.«

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