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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Achtes Kapitel.

Liebe. Ihre göttliche Natur. – Unterredung zwischen Aram und Madeline. – Der Fatalist vergißt das Fatum.

Die Hoffnung ist für Liebende ein Stab;
Nimm den mit auf den Weg, schütz' dich durch ihn
Vor der Verzweiflung.
Die beiden Veroneser.

Giebt es etwas durchaus Liebliches im menschlichen Herzen, so ist es seine Zärtlichkeit! Alles, wodurch die Hoffnung erhaben, die Furcht edel wird, gehört der Fähigkeit zu lieben an. Für mein Teil wundere ich mich beim Überblick der tausend Glaubensbekenntnisse und Sekten der Menschen nicht, daß so viele Verkünder neuer Religionen ihre Gotteslehre – so viele Förderer des Sittengesetzes ihr System – von der Liebe hergeleitet haben. Auf diesem Wege entstandene Irrtümer haben etwas in sich, das uns entzückt, selbst während wir über die Lehre lächeln oder das System vernachlässigen. Welch ein Meisterstück würde die menschliche Natur – welch eine göttliche Führerin die menschliche Vernunft sein, wäre Liebe wirklich die Grundlage der einen, und der begeisternde Hauch für die andere! Welch eine Welt verborgener Wahrheiten öffnete jener Weise des Altertums unserer Forschung, wenn er sagt: Das, was das Herz rührt, sei der eigentlichste Bestandteil des Erhabenen. Aristides, der Maler, fertigte ein Gemälde, worauf ein Kind an seiner auf den Tod verwundeten Mutter saugt, während diese in den letzten Zügen noch bemüht ist, den Säugling von dem Schaden abzuhalten, den er sich zuziehen könnte, falls er das mit der Milch vermischte Blut tränke.Intelligitur sentire mater et timere, ne e mortuo lacte sanguinem lambat Wie viele Empfindungen, die uns dauernd weiser und besser gemacht haben könnten, haben wir mit diesem Gemälde verloren.

Einen besonders rührenden und tiefen Anstrich gewinnt die Liebe, wenn wir sie in einem abgelegenen einsamen Winkel der Welt finden; wenn sie nicht mit der Leichfertigkeit des Tages und den kleinlichen Empfindungen vermischt ist, welche fast notwendig zu den Bestandteilen eines in Großstädten hingebrachten Lebens gehören: unwillkürlich müssen wir uns dann vorstellen, sie sei eine tiefere, umfassendere Erregung des Gemüts. Vielleicht, daß unsere Vorstellung nicht immer richtig ist.

Hätte einer aus jener Reihe der Engel, welchen die Kenntnis der Zukunft oder der göttliche Blick in die Verborgenheit des Menschenherzens versagt ist, seine Schwingen über dem lieblichen Thale angehalten, das den Hauptschauplatz für unsere Geschichte bildet, so hätte ihm kein Schauspiel geeigneter für diesen anmutigen Ort, oder in seiner Zärtlichkeit erhabener über das wilde, kurze Leben der gewöhnlichen Leidenschaft dünken können, als die Liebe zwischen Madeline und ihrem Verlobten. So für einander erschaffen schienen ihr Naturen, in so sanften Farben und doch so treu wurde die feierliche, dem Alltäglichen abgewandte Stimmung des einen von dem reinern, aber beinahe ebenso gedankenvollen Sinn des andern widergespiegelt! Der Strom ihrer Gefühle floß in demselben Bett und vereinigte sich in einem gemeinschaftlichen Quell. Was noch dunkel und unruhevoll in Arams Brust sein mochte, wurde zurückgedrängt. Seit seiner Rückkehr war sein Gemüt heiterer und ruhiger, und er schien mehr geeignet, die Zärtlichkeit von Madelines Liebe nach ihrem ganzen Wesen zu würdigen und zu erwidern. Es giebt Sterne, die, mit bloßem Auge gesehen, ein einziger zu sein scheinen, in der Wirklichkeit aber zwei getrennte Lichtkörper sind, die sich umeinander drehen und wechselweise ein in der Sonderung vereintes Dasein eins vom andern schöpfen. Solche Sterne schienen ein Vorbild unseres Paares zu sein.

Hatte irgend etwas zur Vervollständigung von Madelines Glück noch gemangelt, so half nunmehr der in Arams Benehmen vorgegangene Wechsel dem Mangel gänzlich ab. Das plötzliche Aufschrecken, die unerwarteten Veränderungen in Stimmung und Miene, die ihm früher eigen gewesen, waren jetzt kaum oder gar nicht mehr bemerklich. Mit Vertrauen schien er sich den Aussichten auf die Zukunft hinzugeben und die gespenstischen Erinnerungen an die Vergangenheit verschworen zu haben. Er ging und sah und lächelte wie andere Menschen; er war empfänglich für das, was zunächst um ihn vorging, und nicht länger in Betrachtung eines fremden, von ihm verschiedenen Wesens in seinem Innern verloren. Einige zerstreute Bruchstücke seiner Dichtungen rühren aus dieser Zeit her. Sie sind meistens an Madeline gerichtet. Zwischen den Beteuerungen der Liebe macht sich bald ein wildes, überwallendes, bald ein tiefes und gesammeltes Gefühl seines Glückes bemerkbar. Man trifft mitunter sehr schöne Stellen in diesen Bruchstücken, wie sie denn überhaupt ein echteres Gepräge des Herzens tragen, – natürlicher und wahrer sind als die Poesie, welche jener Zeit vorzugsweise angehört.

So verfloß Tag um Tag bis zum Vorabend der Hochzeit. Aram hielt es für ein Gebot der Klugheit, Lester zu sagen, er habe seine Rente verkauft und sei bei dem Grafen um das Jahrgehalt eingekommen, welches ihm dieser, wie wir bereits wissen, zugesagt hatte. In Bezug auf seine angebliche Verwandte ließ er die Krankheit, von welcher er gesprochen, sich allmählich wieder legen. Gab ihm doch die herannahende Feierlichkeit eine anmutige Entschuldigung, das Gespräch von jedem Gegenstand abzulenken, der nicht Madeline oder jene Feier betraf!

Es war am Abend vor der Vermählung; Aram und Madeline wandelten das Thal entlang, das zum Hause des ersteren führte.

»Wie glücklich,« sagte Madeline, »daß unser künftiger Wohnort dem Vater so nahe ist. Ich kann dir nicht ausdrücken, mit welchem Entzücken er dem freundlichen Kreise entgegensieht, den wir bilden werden. Wirklich, ich glaube, er hätte kaum in unsere Verbindung gewilligt, wenn diese uns von ihm schiede.«

Aram stand still und pflückte eine Blume.

»Gewiß, gewiß, Madeline! Gleichwohl, wie mehr als wahrscheinlich ist es im Laufe der mannigfachen Veränderungen des Lebens, daß wir von ihm getrennt werden – daß wir diesen Ort verlassen müssen.«

»Es ist möglich, ohne Zweifel, aber nicht wahrscheinlich; oder sollte es dies sein, Eugen?«

»Würde es dich unheilbar betrüben, Geliebteste, wenn es so wäre?« erwiderte Aram ausweichend.

»Unheilbar? was könnte mich unheilbar betrüben als ein Unfall, der dich träfe?«

»Sollten also Umstände eintreten, die uns veranlaßten, diesen Teil des Landes gegen einen noch entlegeneren zu tauschen, so könntest du dich dem Wechsel mit Freudigkeit unterziehen?«

»Ich würde um den Vater – ich würde um Ellinor weinen, aber –«

»Aber was?«

»Ich würde mich mit dem Gedanken trösten, daß du mir noch mehr wärest als je vorher.«

»Geliebte, Einzige!«

»Aber was sprichst du so; bloß um mich auf die Probe zu stellen? Ach, das ist unnötig.«

»Nein, meine Madeline, ich setze keinen Zweifel in die Wärme deiner Zärtlichkeit. Als du einen Mann wähltest wie mich, wußte ich gleich, wie blind, wie hingebend diese Liebe sein müsse. Was in der Regel den Zugang zum Herzen eines Weibes bahnt, gewann dich nicht. Weder Witz noch Frohsinn, noch Jugend noch Schönheit fandest du in mir. Was dich in mir angezogen haben mag und mächtig genug gewesen sein muß, über die Abwesenheit dieser gewöhnlichen Reize hinwegsehen zu lassen, wird auch dauernd genug sein, allen gewöhnlichen Veränderungen zu widerstehen. Aber höre mich, Madeline. Frage mich jetzt nicht um das Warum, aber ich fürchte, eine gewisse Fügung des Schicksals wird uns nötigen, diesen Ort sehr bald nach unserer Hochzeit zu verlassen.«

»Wie sich da der arme Vater getauscht haben würde!« sagte Madeline seufzend.

»Erwähne unter keiner Bedingung unseres Gesprächs gegen ihn oder gegen Ellinor: ›es ist genug an dem Übel für den Tag, wo es trifft‹.«

Madeline wunderte sich, aber sagte nichts weiter: eine Pause von einigen Minuten trat ein. »Erinnerst du dich,« bemerkte Madeline, »daß es hier an dieser Stelle war, wo wir den seltsamen Mann trafen, der einst zu deinen Bekannten gehört hatte?«

»War es? – war es hier?«

»Was ist aus ihm geworden?«

»Er ist außer Lands, hoff' ich,« erwiderte Aram ruhig. »Ja, laß mich nachrechnen, bereits muß er in Frankreich sein. Teuerste, laß uns ein Weilchen auf diesem trockenen Mooshügel ausruhen.« Damit schlang Aram den Arm um ihren Leib, und mit leuchtendem Gesicht, als ob irgend ein Gedanke seine Zufriedenheit vermehrt hätte, ergoß er sich aufs neue in jene Versicherungen der Liebe, in jene Bilder der Zukunft, wie sie am Vorabend eines Tages natürlich waren, der so hohes Glück verhieß.

Ruhig und glänzend schien der Himmel ihres Schicksals, und Aram ahnte nicht, daß die einzige kleine Wolke der Besorgnis, die an demselben stand und die nur er allein in weiter Ferne sah, ohne daraus auf einen Sturm zu schließen, gleichwohl den Blitz eines Verhängnisses in sich trug, das er bloß hinausgeschoben, nicht – beseitigt hatte.

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