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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Drittes Kapitel.

Ein Gelehrter, aber von anderem Guß als derjenige in Grünthal. – Neue Nachweisungen über Gottfried Lester. – Wiederantritt der Reise.

Ingenium sibi, quod vacuas desumpsit Athenas
Et studiis annos septem dedit, insenuitque Libris –
Horat. ...

Volat ambiguis Mobilis alia, Hora.
Seneca.

Auf die Frage nach Herrn Elmore wurde Walter in eine hübsche Bibliothek gewiesen, wo sich ein ansehnlicher Schatz Bücher von jener guten großväterlichen Form und Haltbarkeit darstellte, die gegenwärtig täglich mehr aus der Welt verschwindet, oder sich wenigstens in Antiquarläden und öffentliche Sammlungen verkriecht. Die Zeit wird kommen, wo die modernen Überreste eines Folio ebenso großes Staunen der Gelehrten hervorrufen werden als die Gebeine eines Mammuts. Denn die Sündflut der Schriftsteller hat eine neue Kleinoctav-Welt zum Vorschein gebracht, und in der nächsten Geschlechtsfolge werden wir, dank den Leihbibliotheken, nur noch zwischen Duodez und Diamant schweben. Ja, wir sehen eine Zeit voraus, wo man eine recht hübsche Büchersammlung in der Westentasche mitnehmen und eine ganze Bibliothek der britischen Klassiker zierlich in einer leidlich großen Tabaksdose wird aufstellen können.

Nach wenigen Minuten trat Herr Elmore herein; ein kurzer, wohlgebauter Mann, etwa in den Fünfzigern. Gegen die herrschende Mode trug er keine Perücke und war sehr kahl, ausgenommen die Seiten des Kopfes und ein kleines rundes Haarinselchen auf dem Scheitel. Dieser Mangel wurde jedoch durch eine Verschwendung von Puder dem Auge weniger sichtbar. Er war mit auffallender Sorgfalt und Genauigkeit gekleidet; ein kaffeefarbiger Frack prangte mit einer ansehnlichen Fülle von Goldtressen: die Beinkleider bestanden aus pflaumfarbigem Atlas; die lachsfarbigen, zierlich hinaufgezogenen Strümpfe zeigten eine sehr schöne Wade und ein Paar Stahlschnallen auf den hochhackigen, nach vornzu viereckigen Schuhen waren so schön poliert, daß ihr Glanz beinahe mit dem Schimmer von Brillanten wetteifern konnte. Herr Jonas Elmore war ein Weltmann, ein witziger Kopf und ein Gelehrter der alten Schule. Er strömte über von Scherzworten, Citaten, Kernsprüchen und sinnreichen Anekdoten, kurz seine klassische Gelehrsamkeit – außer den Klassikern wußte er wenig genug – war elegant, obwohl langweilig; pedantisch, obwohl gründlich.

Diesem Herrn überreichte Walter ein Empfehlungsschreiben, das er von einem angesehenen Geistlichen in York erhalten hatte. Elmore empfing es mit tiefer Verbeugung.

»Aha, von meinem Freund Doktor Hebraist!« rief er, mit einem Blick auf das Siegel; »ein sehr würdiger Mann und gediegener Gelehrter. Aus seiner Empfehlung schließ' ich zum voraus, mein Herr, daß Sie selbst die literas humaniores kultiviert haben. Bitte, nehmen sie Platz; ich sehe, Sie greifen nach einem Buch, ein treffliches Zeichen; es läßt mich sogleich einen Blick in Ihren Charakter werfen. Aber da sind Sie auf leichten Stoff geraten, mein Herr – einer von den griechischen Romanen, glaub' ich; – Sie müssen über meine Studien nicht nach einem solchen Specimen urteilen.«

»Nichtsdestoweniger, mein Herr, scheint es meinem ungeübten Auge kein leichtes Griechisch.«

»Geht an, mein Herr: barbarisch aber unterhaltend – lesen Sie nur weiter. Der Triumph des Paulus Ämilius ist nicht übel erzählt. Ich gestehe, daß Romane meiner Ansicht nach zu etwas weit Größerem, Wertvollerem gemacht werden könnten, als bis jetzt geschehen ist. Ohne Zweifel erinnern Sie sich an den Ausspruch des Aristoteles über Maler und Skulptoren, daß sie die Tugend auf eine wirksamere und eindringlichere Weise lehren, als die Philosophen durch ihre trockenen Vorschriften, und daß jene zur Bekehrung der Lasterhaften geeigneter sind, als die besten Doktrinen der Moral ohne eine solche Hilfe. Wie weit mehr noch, mein Herr, ist nun ein guter Romandichter im stande, eine Wirkung der Art hervorzubringen, als der beste Bildhauer oder Maler in der Welt! Jedermann kann durch einen schönen Roman entzückt werden, nur wenige durch ein gutes Gemälde. Docti rationem artis intelligunt, indocti voluptatem. Ein glücklicher Gedanke von Quinctilian das, mein Herr, nicht wahr? Aber Gott steh' mir bei, ich vergesse den Brief meines werten Freundes Doktor Hebraist. Die Reize Ihrer Konversation reißen mich hin; und wirklich hab' ich selten das Glück, einen so wohl informierten Mann zu treffen wie Sie. Ich gestehe, mein Herr, ich gestehe, daß ich den Geschmack meiner Knabenjahre stets noch bewahre: die Musen wiegten meine Kindheit, jetzt legen sie mir das Polster meines Schemels zurecht – Quem tu, Melpomene, etc. – Sie leiden noch nicht an der Gicht, dira podogra? Bei dieser Gelegenheit: wie befindet sich der würdige Doktor seit seinem letzten Anfall? – Da sehen Sie, immer noch hat mich Ihre angenehme Unterhaltung nicht dazu kommen lassen, seinen Brief zu lesen – doch ich bedarf ja keiner Introduktion mehr für Sie; Apoll hat Sie bei mir eingeführt, und so will ich das Schreiben des Doktors erst nach Tisch vornehmen; denn wie Seneca...«

»Ich bitte tausendmal um Vergebung, mein Herr,« rief Walter, der zu fürchten begann, er werde gar nie zur eigentlichen Sache kommen, so weit schien sie bereits hinter die Batterie von Gelehrsamkeit aus dem Gesicht gedrängt – »aber sie werden aus Doktor Hebraists Brief ersehen, daß ich mir nur wegen eines höchst dringenden Geschäfts die Freiheit genommen, die gelehrte Muße Herrn Jonas Elmores zu unterbrechen.«

»Geschäfts!« erwiderte Herr Elmore, indem er seine Brille herauszog und wohlbedächtig auf die Nase setzte.

»His mane edictum, post prandia Callirhoën etc. Geschäfte am Morgen, Damen nach Tisch. Nun, mein Herr, so werd' ich Ihnen in dem einen Punkt willfahren, und Sie müssen mir's in dem andern: ich will den Brief öffnen, Sie aber bleiben mir zu Tisch und ich stell' Sie Mistreß Elmore vor. – Was halten Sie von der neuern Art die Briefe zu falten? ich – doch ich sehe, Sie sind ungeduldig.« Hier erbrach Herr Elmore endlich das Siegel und las zu Walters großer Freude den Inhalt ruhig durch.

»Ah recht! recht!« sagte er, das Schreiben wieder zusammenlegend und in seine Brieftasche schiebend: »Mein Freund Doktor Hebraist sagt, Sie wünschten zu erfahren, ob Herr Clarke das Legat meines armen Vetters, Oberst Elmore, je erhalten habe, und wenn dies der Fall, würde jede Nachricht, die ich über Herrn Clarke selbst mitteilen könnte, oder jede Spur, die zu seiner Entdeckung leiten dürfte, von höchstem Interesse für Sie sein. Ich sehe aus meines Freundes Brief, daß dies das Wesentliche Ihres Geschäfts bei mir ist, caput negotii, obwohl derselbe gleich Timanthes, dem Maler, noch mehr zu verstehen giebt, als er mit Worten ausdrückt, intelligitur plusquam pingitur, wie es bei Plinius heißt.«

»Mein Herr,« entgegnete Walter und rückte seinen Stuhl neben Elmore, indem die peinliche Ungeduld, die er ausstand, sich unwillkürlich in seinen Zügen ausdrückte, »das ist wirklich das Wesentliche meines Geschäfts bei Ihnen und jeder Wink, den Sie mir geben können, gilt mir, so wichtig ist mir die Sache, für eine –«

»Doch nicht für eine große Gefälligkeit? – wahrhaftig keine große!«

»Ja wahrhaftig, für einen ungemein großen Dienst.«

»Ich hoffe nicht, mein Herr, denn Tacitus, dieser gründliche Leser des menschlichen Herzens, sagt: ›Beneficia eo usque lacta sunt, etc. – leicht zu vergeltende Wohlthaten bringen Zuneigung hervor – Wohlthaten, die nicht vergolten werden können, erzeugen Haß.‹ Doch lassen wir jetzt das Geplauder.« Damit legte Herr Elmore das Gesicht in die gehörigen Falten und tauschte – was er nach Willkür thun konnte, wobei man sich nur auf keine zu lange Dauer des Umtausches gefaßt machen durfte – den Pedanten gegen den Geschäftsmann um:

»Herr Clarke hat sein Legat erhalten; ebenso wurde auf seinen Wunsch das Nutzungsrecht des Hauses in Knaresborough verkauft, was ihm die Summe von siebenhundertundfünfzig Pfund eintrug, durch welchen Zuschlag zu der ihm vermachten Summe von tausend Pfund diese sich denn auf tausend siebenhundertundfünfzig Pfund belief. Es traf sich, daß mein Vetter auch einige Juwelen von bedeutendem Wert besaß; diese hinterließ er mir. Bei mir, mein Herr, einem Freunde der Wissenschaft und Verehrer der Musen, fanden dergleichen Kindereien weder Gefallen noch Anwendung; ich zog barbarisches Gold barbarischen Perlen vor, und da ich wußte, daß Clarke in Indien gewesen, woher diese Edelsteine kamen, zeigte ich sie ihm und zog ihn als einen Kenner in dergleichen Gegenständen über die beste Art eines Verkaufes zu Rate. Er erbot sich, sie mir selbst abzukaufen, in der Überzeugung, in London damit eine gute Spekulation machen zu können. So wurden wir denn einig; ich schlug den großem Teil um etwas mehr als tausend Pfund an ihn los. Der Handel gefiel ihm, so daß er noch einmal kam und auch die noch übrigen Juwelen von mir entlehnte, um nach näherer, in seinem eigenen Hause vorgenommener Besichtigung zu überlegen, ob er sie ebenfalls kaufen solle. Nun, mein Herr, kommt aber der bemerkenswerte Teil der Geschichte, denn drei Tage, nachdem dies geschehen, verschwanden Herr Clarke und mit ihm meine Diamanten auf eine ziemlich seltsame und unerwartete Weise. Mitten in der Nacht hatte er seine Wohnung in Knaresborough verlassen und kehrte nie wieder zurück; weder von ihm noch von meinen Juwelen hat man je ein Wort gehört!«

»Guter Gott!« rief Walter in großer Bewegung, »was nahm man denn als die Ursache seines Verschwindens an?«

»Die konnte man nie mit Bestimmtheit erfahren,« entgegnete Elmore. »Es verursachte damals großes Erstaunen und gar mancherlei Vermutungen. Gedruckte Anzeigen und Privatbriefe liefen durch das ganze Land, aber umsonst. Herr Clarke war allerdings ein Mann von excentrischem Wesen, von einem raschen Temperament und an ein unstätes Leben gewöhnt; gleichwohl ist es kaum zu glauben, daß er sein Vaterland auf diese plötzliche Art bloß wegen einer Grille oder aus ehrenvollem geheimen Beweggrunde verlassen haben sollte. Thatsache ist, daß er im Städtchen einige Schulden hatte und daß meine Juwelen in seinem Besitz waren, und da (verzeihen Sie diese Bemerkung, der Sie Anteil an ihm nehmen), da niemand in der Gegend seine Familienverbindungen kannte und er in keinem sonderlich vorteilhaften Rufe stand – (ob wegen seines Benehmens oder der Art, wie er sich auszudrücken pflegte, oder auf ein unbestimmtes allgemeines Gerücht hin, kann ich nicht sagen) – so hielt man es für keineswegs unwahrscheinlich, daß er sich auf diese hastige Weise mit seinem Eigentum aus dem Staub gemacht, um sich die Ungelegenheit zu ersparen, seine Rechnungen in Ordnung zu bringen, was durch eine mehr in die Augen fallende und kündbare Abreise notwendig geworden sein dürfte. Ein Mensch, namens Hausman, mit welchem er bekannt war (ein Bewohner von Knaresborough), erklärte, Clarke habe eine ziemlich ansehnliche Summe von ihm entlehnt, und trug kein Bedenken, öffentlich zu behaupten, daß es unverhohlene Absicht des Vermißten gewesen, ihm das Geld nicht wieder zu erstatten. Einige noch schwärzere, aber durchaus mit keinem Grund belegte Vermutungen waren ebenfalls im Umlauf, und da wirklich die angestrengteste Untersuchung – die genaueste Nachforschung ohne allen Erfolg angestellt wurde, so erhielt sich die Meinung, Clarke möchte beraubt, und ermordet worden sein, einige Zeitlang mit ziemlicher Lebhaftigkeit. Da sich jedoch sein Leichnam nirgends vorfand und gegen niemand ein bestimmter Verdacht sich erhob, verschwanden diese Konjekturen wieder allmählich und weil er in jener Gegend gänzlich fremd war, konnte selbst der Umstand seines plötzlichen Verschwindens die Aufmerksamkeit des Publikums nicht lange in Anspruch nehmen, denn die alte Frau Base findet sogar in den abgelegensten Winkeln der Welt tausend Gegenstände zum Beschwatzen und Zeitverbringen. Und damit, mein Herr, glaub' ich, wissen Sie so viel von den näheren Umständen dieser Sache, als irgend jemand aus diesem Teile des Landes Ihnen anzugeben im stände sein möchte.«

Wir können uns die verschiedenen Empfindungen vorstellen, welche eine so unzulängliche Nachricht in dem abenteuernden Sohne des verlorenen Wanderers hervorbringen mußte. Er fuhr fort, fernere Vermutungen hervorzulocken, weitere Anfragen über eine ihm so geheimnisvoll erscheinende Geschichte zu machen, aber ohne Erfolg: er hatte bloß die Kränkung, zu entdecken, der schlaue Jonas sei in seinem Innern vollkommen überzeugt, daß die dauernde Abwesenheit Clarkes auf Rechnung sehr unehrenvoller Gründe komme.

»Und,« setzte Elmore hinzu, »meine Meinung bestätigt eine Entdeckung, die ich später durch einen Kaufmann in York machte; ihm zufolge, der meines Vetters Juwelen früher gesehen hatte, waren diejenigen, welche ich den Händen Herrn Clarkes anvertraut, von größerem Wert als ich geglaubt, weshalb es diesem letzteren denn wahrscheinlich der Mühe wert dünkte, mit denselben so still als möglich davonzugehen. Er brach zu Fuß auf und ließ sein Pferd, einen armseligen Klepper, zurück, woran ich und die anderen Gläubiger uns abfinden konnten.

I, pedes, quo te rapiunt et aurae!«

»Himmel,« dachte Walter, indem er kraftlos und mit gedrücktem Herzen in seinen Lehnstuhl zurücksank, »welch einen Vater, wenn die Ansichten all seiner Bekannten richtig sind, such' ich mit solchem Eifer aufzufinden!«

Der gutmütige Elmore, die unwillkommene, ja schmerzliche Wirkung gewahrend, welche sein Bericht auf seinen jungen Gast hervorgebracht, bemühte sich jetzt, dieselbe zu beseitigen oder wenigstens zu mindern. Er wandte das Gespräch wieder den Klassikern zu, die für ihn die Leihe jeglichen Grams waren, und vergaß bald, daß es je einen Clarke gegeben, indem er sich über die zu wenig anerkannten Vorzüge des Properz ausließ, seiner Meinung nach der zarteste aller elegischen Dichter, bloß weil er der gelehrteste war. Glücklicherweise schützte dieser Zug des Gesprächs bei aller Unannehmlichkeit für Walter denselben doch vor der Notwendigkeit, antworten zu müssen, und ließ ihn in ruhigem Genuß seiner düstern ruhelosen Betrachtungen.

Endlich rückte die Essenszeit heran; Elmore fuhr auf und führte Walter nach dem Gesellschaftszimmer, um den hübschen Fremden der placens uxor – der angenehmen Hausfrau – vorzustellen, über deren Lob er sich, während sie beide durch den Flur gingen, mit einer erstaunenswürdigen Geläufigkeit der Rede ausbreitete.

Der Gegenstand dieser Anpreisungen war eine lange, magere Dame in einem gelben, bis zum Kinn hinaufreichenden Kleide, die zu den Reizen eines roten, durch Puder übel verhehlten Haars und zu der Würde einer wunderbar großen Nase ein geringes Schielen der Augen fügte. »Nichts, mein Herr.« sagte Elmore, »glauben Sie mir, nichts geht über eheliches Glück. Julie, meine Gute ich hoffe, die Hühnchen werden nicht zu gar gekocht sein?«

»Wahrhaftig, bester Elmore, das kann ich nicht sagen, ich habe sie nicht zubereitet.«

»Mein Herr,« wandte sich Elmore wieder an seinen Gast, »ich weiß nicht, ob Sie mit mir darin übereinstimmen, daß eine leichte Neigung zur Gourmandise für Vervollständigung eines wahrhaft klassischen Geistes unentbehrlich ist. Es finden sich über die Gaumenbefriedigung so viele schöne Beziehungen in den alten Poeten – so viele zarte Anspielungen in der Geschichte und in einzelnen Anekdoten, daß wenn ein Mann hierin keine entsprechende Sympathie mit den illustern Epikuräern des Altertums empfindet, er unfähig zum Genuß der schönsten Stellen ist, daß – kommen Sie, mein Herr, das Essen steht aus dem Tisch:

Nutrimus lautis mollissima corpora mensis.«

Als sie über den Flur nach dem Speisezimmer schritten, kam eine junge Dame, die Elmore schnell als seine einzige Tochter vorstellte, aus den obern Gemächern herab, wohin sie sich augenscheinlich zurückgezogen hatte, um sich zur Eroberung des Fremden zu schmücken. Wirklich war etwas in Miß Elmore, das Walter an Ellinore erinnerte, und, betroffen über die Ähnlichkeit, fühlte er an dem unwillkürlichen plötzlichen Seufzer, wozu dieselbe Veranlassung gab, welch tiefen Boden das Bild seines Mühmchens letzter Zeit in seinem Herzen gewonnen habe.

Nichts irgend Bemerkenswertes kam während des Essens bis zur Erscheinung des zweiten Ganges vor, wo denn Elmore mit einer Miene von Zufriedenheit, welche Abstumpfung der ersten Schärfe des Appetites andeutete, sich zurücklehnte und bemerkte:

»Mein Herr, immer halt' ich den zweiten Gang für den würdigern und vernünftigern Teil einer Mahlzeit:

Quod nunc ratio est, impetus ante fuit.«

»Ach, Elmore!« rief die Name des Hauses mit einem Blick auf ein Paar sehr einladende Tauben, »ich kann nicht aussprechen, wie sehr mich ein Mißgriff des Gärtners betrübt! Du erinnerst dich meiner armen Lieblingstauben, die sich so sehr zu einander hielten – sie wollten sich mit den übrigen niemals einlassen – eine ganz unzertrennliche Freundschaft, Herr Lester! – ja, die wurden durch ein Versehen als ein Paar gemeine Tauben abgeschlachtet. Ach, um die Welt könnt' ich keinen Bissen davon anrühren.«

»Meine Liebe,« entgegnete Elmore, indem er die Gabel senkte, mit großer Feierlichkeit, »höre nur, welch schöner Trost dir in Valerius Maximus dargeboten wird: – ›Ubi idem et maximus et honestissimus amor est, aliquando praestat morte jungi quam vita distrahi‹; was verdolmetscht bedeutet, daß wo immer, wie im Fall deiner Tauben, eine ganz erhabene und aufrichtige Neigung existiert, es mitunter besser ist, im Tode vereinigt als im Leben getrennt zu werden. – Gieb mir die Hälfte von der fetteren, liebe Julie.«

»Mein Herr,« fuhr Elmore fort, als die Damen aufgestanden waren, »ich kann Ihnen nicht sagen, wie angenehm es mir ist, mit einem vom Geist der Klassiker so tief durchdrungenen Mann zusammenzutreffen. So erinnere ich mich noch, wie ich vor längeren Jahren, während meiner Besuche bei meinem seitdem verstorbenen armen Vetter in Knaresborough, das Glück hatte, mehrfache herrliche Gespräche über Humaniora mit einem sehr hoffnungsvollen jungen Manne, der sich damals in Knaresborough aufhielt – Eugen Aram – zu führen; Konversationen, deren Erlangung ebenso schwierig war als die Erinnerung an dieselben entzückend ist, denn Herr Aram hielt sich ungemein von den Menschen zurück.«

»Aram!« wiederholte Walter.

»Wie, Sie kennen ihn? – und wo lebt er jetzt?«

»In – – ganz nahe beim Gute meines Oheims. Er ist allerdings ein merkwürdiger Mann.«

»Ja, er versprach in der That ein solcher zu werden. Zu der vorerwähnten Zeit war er arm bis zum Mangel an den unentbehrlichsten Bedürfnissen, und ebenso stolz als arm; aber in Erstaunen setzen mußte die eiserne Energie, womit er seine Ausbildung verfolgte. Nie sah ich einen Jüngling – freilich war er, seinem Wesen nach damals keiner mehr – welcher der Wissenschaft so um ihrer selbst willen hingegeben war.

Doctrinae pretium triste magister habet.

Ist mir doch, als sähe ich ihn noch, wie er sich von den Wohnorten der Menschen wegstahl,

Mit stillem Schritt und Träumergang

durch die ruhigen Fluren oder in den Wald, von wo er vor Anbruch der Nacht sicherlich nicht zurückkam. Ach, er war ein wunderliches, einsiedlerisches Geschöpf, aber voll Genie, und zu den glänzendsten Erwartungen berechtigend. Ich habe seitdem viel von seinem Ruf als Gelehrter gehört, konnte aber seinen Aufenthalt oder seine jetzigen Lebensverhältnisse nie erfahren. Ist er verheiratet?«

»Noch nicht, soviel ich weiß; aber so gänzlich arm, wie Sie ihn aus jener Zeit her beschrieben, ist er jetzt nicht mehr, obwohl noch keineswegs reich.«

»Ach ja, ich erinnere mich, daß er kurz vor seinem Weggange aus Knaresborough ein Vermächtnis von einer Verwandten erhielt. – Seine Gesundheit war damals sehr zart; ist er mit zunehmenden Jahren kräftiger geworden?«

»Er klagt nicht über schlechte Gesundheit. Sagen Sie mir doch, war sein Lebenswandel schon damals so streng und tadellos, wie der, den er jetzt führt?«

»Nichts konnte fleckenloser sein, als damals sein Charakter erschien. Die Leidenschaften der Jugend – (war ich doch ein wilder Bursche in seinem Alter!) – schienen sich an den nicht zu wagen,

Quem casto erudiit docta Minerva sinu.

Wundert mich, daß er unverheiratet ist. Wir Gelehrten, mein Herr, verlieben uns in Phantasiegebilde und bilden uns ein, das erste beste Weib, das uns in den Weg kommt... auf die Gesundheit der Damen, mein Herr!« –

Walter entschloß sich, nach Knaresborough zu reisen und brach am nächsten Tage dahin auf. Immer hielt er es noch für möglich, durch genaue persönliche Nachforschung die Spur weiter zu verfolgen, die in Elmores Bericht dem Anschein nach so plötzlich abbrach. Das Ziel, welchem er nachstrebte, hatte vielleicht im Zusammenhang mit der Zurückweisung seiner ersten Liebe, seinem von Natur feurigen, elastischen Gemüt eine ernste und feierliche Stimmung aufgeprägt. Sein Charakter hatte durch die jüngst vergangenen Vorfälle Festigkeit und Würde angenommen, und alles, was sonst sanguinische Hoffnung in ihm gewesen, hatte sich zur Nachdenklichkeit vertieft. Wie er jetzt, an einem düstern, umwölkten Tage, seine Reise auf einem farblosen, trübseligen Wege fortsetzte, war seine Seele mit jener dunkeln Ahnung, jenem Schatten eines kommenden Ereignisses erfüllt, welche der Aberglaube für Boten besonders tragischer Entdeckungen, auffallend furchtbarer Vorkommenheiten des Lebens hält. Er fühlte sich gestählt und vorbereitet für eine grauenhafte Lösung des Knotens, – für eine Reise, auf welche die Hand der Vorsehung selbst seine Schritte zu lenken schien, und sah auf das Leichentuch, welches die Zeit über alles wirft, was über den Augenblick der Gegenwart hinausliegt, mit derselben gesammelten, schmerzlichen Fassung, womit wir in einer Tragödie das Aufziehen des Vorhangs vor dem letzten, die Katastrophe enthaltenden Akt erwarten, zu deren Anschauung es uns bei allem Schauder hinzieht.

Indessen haben wir in der Verfolgung von Walter Lesters Begegnissen dem Gange der Ereignisse in Grünthal bedeutend vorgegriffen und kehren jetzt dorthin zurück.

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