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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Zweites Kapitel.

Neue Spuren von Gottfried Lesters Schicksal. – Walter und der Korporal begeben sich auf eine neue Expedition. – Der Korporal zeigt sich besonders scharfsinnig hinsichtlich des alten Themas von der Welt. – Seine Ansichten von den Menschen, die Ansprüche auf Kenntnis in dieser Beziehung machen. – Über die Vorteile, die ein Bedienter genießt. – Über die Kunst, sein Glück in der Liebe zu machen. – Über Tugend und Temperament. – Über die wünschenswerten Eigenschaften an einer Geliebten etc – Eine Landschaft.

Diese feine Redeweise belebt das Gespräch bei uns ruhigen andern ungemein.
Der Zuschauer Nr. 3.

Walter fand bei seinen Nachforschungen, daß es in einer so ausgedehnten Grafschaft wie Yorkshire nichts Leichtes sei, auch nur über die einleitenden Punkte Kunde zu erhalten, nämlich über den letzten Aufenthaltsort und den Namen jenes Obersten aus Indien, dessen Vermächtnis in Anspruch und Empfang zu nehmen sein Vater aus dem Hause des ehrwürdigen Courtland abgereist war. Aber sobald er die Untersuchung der Sorgfalt eines betriebsamen, verständigen Rechtsgelehrten übergeben hatte, schien sich die Sache wie durch ein Wunder aufklären zu wollen, und in kurzer Zeit war Walter benachrichtigt, ein Oberst Elmore, der in Indien gewesen, sei im Jahre 17.. gestorben; aus dem letzten Willen desselben erhelle, daß er einem Daniel Clarke die Summe von tausend Pfund und das Haus, worin er vor seinem Tode gewohnt, hinterlassen habe, welches letztes Besitztum, da es eigentlich nur in einer hochangeschlagenen Nutznießung des Gebäudes bestanden, in dem Testament zu geringem Wert geschätzt werde, und in der Vorstadt von Knaresborough liege. Auch stellte sich heraus, daß etwa zwanzig Stunden von York der einzige noch lebende Testamentsvollstrecker, ein entfernter Verwandter des verstorbenen Obersten, Herr Jonas Elmore, wohne, der denn Walter aller Wahrscheinlichkeit nach besser als irgend jemand die Umstände angeben könnte, über welche derselbe eine nähere Auskunft so sehr wünschte. Walter schlug dem Rechtsgelehrten augenblicklich vor, ihn zu diesem Herrn zu begleiten; zufälligerweise jedoch konnte der Advokat für die nächsten drei oder vier Tage von seinen Geschäften in York nicht abkommen, und der junge Mann, voll Begier, auf der erlangten Spur weiter fortzugehen, und keineswegs geneigt, sich mit magern Nachweisungen aus Briefen abspeisen zu lassen, während eine mündliche Unterredung in seiner Macht stand, entschloß sich somit ohne Verzug, allein zu Jonas Elmore aufzubrechen. Und so sehen wir denn unsern edeln Korporal und seinen Herrn abermals in den Bügeln und am Beginn einer neuen Reise.

Der Korporal, immer ein Freund von etwas Neuem, war ungemein wohlgelaunt.

»Schauen's, Herr,« sagte er zu seinem Gebieter, indem er mit großer Zärtlichkeit den Nacken seines Gauls klopfte, »schauen's, Herr, wie munter die Geschöpfe sind: wie gut hat ihnen die lange Ruh' in York gethan. Ach, Euer Edeln, was das 'ne hübsche Stadt ist! Doch,« fügte er mit einer Miene großer Überlegenheit hinzu, »giebt's Ihnen keinen Begriff nicht von Lonnon – meiner Treu, keinen!«

»Na, Bunting, vielleicht sind wir, ehe ein Monat vergeht, in London.«

»Und bevor wir dahin kommen, Euer Edeln – nichts für ungut – möcht' Ihnen aber 'nen Rat geben; 's ist 'n kitzlich Nest, das Lonnon, und obwohl 's Ihnen keineswegs an Schönie fehlt, Herr, so sind's doch jung und ich bin –«

»Alt, das ist wahr, Bunting,« setzte Walter ganz ernst hinzu.

»Uff! Henker! alt, Herr, alt? – 'n Mann in der Blüte des Lebens – Haare kohlschwarz (abzurechnen 'n paar graue, die ich seit den Zwanzigen gehabt – Sorgen und Kriegsdienste, Herr!) – aufrechtes Gestell – feste Zähne – keinen Schaden in der Welt nicht, abzurechnen die Refmatissen: – ist nicht alt, Herr – in keiner Art – buff!«

»Ganz recht, Bunting; hab' ich gesagt alt, so meinte ich damit erfahren. Ich versichere Euch, daß ich für Euern Rat sehr erkenntlich sein werde. Stellt Euch, wie wir da eben den Hügel sachte hinaufreiten, vor, Ihr finget jetzt Eure erste Lektion an. London ist ein ergiebiges Feld. Was Ihr alles darüber mitzuteilen habt, kann nicht so bald erschöpft sein.«

»Das darf ich wohl sagen,« entgegnete der Korporal, ausnehmend geschmeichelt über die erhaltene Erlaubnis »und all', was mein armer Witz auftischen kann, steht zu Euer Edeln Dienst. – Hm hm! – Müssen wissen, unter Lonnon versteh' ich die Welt und unter der Welt Lonnon – kennen Sie's eine, so kennen's auch's andere. Aber die da thun, als ob sie's wunder wie kennten, sehen dem Ding gar nicht auf den Grund. Um Vergebung, aber ich denk', hoffährtige Leut', die immer mit hoffährtigen Leuten leben und sich Männer von Welt nennen, wissen oft nicht mehr als 'n Heide und leben in vornehmer Finsternis.«

»Die wahre Kenntnis der Welt,« sagte Walter, »kommt also nur den Unteroffizieren vom Zweiundvierzigsten zu – he, Bunting?«

»Was das anlangt, Herr, so ist's nicht so 'ne oder so 'ne Kondition, die einem zu was hilft; 's ist 'n angeborenes Schönie, das Talent, Obacht zu geben und durch Obachtnehmen gescheit zu werden. Gabelt einer wohl 'n Krümlein da, 'n Krümlein dort auf, hat er aber nicht 'ne gute Verdauung, Herrgott, was hilft 'm der schönste Wirtshaustisch? – 'n Gesunder gedeiht bei 'ner Kartoffel, 'n Kranker sieht übel aus bei Lendenbraten. – Euer Edeln wissen, daß ich, wie schon gemeldet, als Leibdiener beim Oberst Dysard stand. War 'n Neffe von 'nem Lord, 'n gar lustiger Herr, und verstand's mit 'en Damens; kannte niemand besser die Welt. So hatt' ich denn Gelegenheit, unter der besten Gesellschaft zu lernen; zudem auf Kosten Seiner Edeln – uff! Nach meiner Meinung, Herr, giebt's keinen Ort, von wo 'n Mann die Dinge besser übersieht, als von dem Bissel Fußteppich hinterm Stuhl seines Herrn aus. Der Herr ißt und schwatzt, und flucht und spaßt, und spielt Karten, und macht 'n Galanten, und sucht zu betrügen und wird betrogen, und sein Kerl steht hinter ihm mit offenen Augen und Ohren – uff!«

»Ja, ich sehe, um die wahre Diplomatie zu lernen, sollte einer eigentlich Lakai werden,« sagte Walter belustigt.

»Weiß nicht, was Plomatie ist, Herr, aber weiß, daß so 'n Dienst für manchen jungen Herrn besser war' als alle Kollegs; würden nicht so viele Nasen gedreht, wenn der Lord so bisweilen den Johann ablösen könnt'. Ja, Herr, was ich in meinen Ärmel hineinlachte, wenn ich sah, wie mein Herr, der für 'n Schlausten am Hofe galt, so vor meinen Augen jeden Tag in die Patsche geriet. Da war 'ne Dame, der er, wie er glaubte, hart zugesetzt, daß er sie von ihrem Manne wegkriegte, und hatt' Ihnen Herzenspläsier über jeden Blick aus ihren braunen Augen – daß sie der Teufel hol'! – und 'ne Sorg', daß es der Mann nicht merken sollt' – 'n Dickthun mit seiner Dischkretion hier und seinem Sieg dort – und war doch, behüt' uns der Herr, alles zum voraus abgekartelt zwischen Mann und Weib, und dieweil der Oberst über 'n Hahnrei lachte, lachte der Hahnrei über 'n Übertölpelten. Denn sehen's, Herr, der Oberst war 'n reicher Mann, und das Edelgestein, das er der Dame kaufte, kam halb in ihres Gemahls Tasche – he! he! – das ist der Weg der Welt. Herr, – das ist der Weg der Welt!«

»Auf mein Wort, Ihr entwerft da ein sehr übles Bild von der Welt; Ihr tragt die Farben dick auf, und immer mehr bemerk' ich, daß, wenn Ihr jemanden einen Spitzbubenstreich begehen seht, Ihr, statt ihn einen Schurken zu nennen, Eure großen Zähne zeigt und lustig ruft: ein Mann von Welt, ein Mann von Welt!«

»Ganz gewiß, Euer Edeln; ist auch der rechte Name. Nur Gelbschnäbel kommen in 'ne Leidenschaft und brauchen harte Worte. Da sehen's schon, Herr, daß wir vor allem andern eins in der Welt lernen – 's Brot mit Butter streichen. Sich auf andere Leute verstehen, heißt nur verstehen, welche Seite des Brotes gebuttert ist. Kurzum, Herr, je g'scheiter wir werden, umsomehr sorgen wir für uns selbst. Giebt welche, die's Ziel verfehlen und dieweil sie für sich selbst sorgen wollen, ihren Hals in 'n Strick verfangen – buff! sind keine Schurken – sind nur so Möchte-gern-Leute von Welt. Andere sind umsichtiger (denn wie ich neulich sagte, Herr, Besonnenheit ist 'n Paar Steigbügel) diese sind die wahren Leute von Welt!«

»Ich hätte gedacht,« bemerkte Walter, »Weltkenntnis sei diejenige Kenntnis, die uns vor dem Betrogenwerden sichert, aber uns nicht zum Betrug befähigt.«

»Uff!« sagte der Korporal mit jenem Lächeln, womit ein alter Philosoph einen schön klingenden Irrtum von den Lippen eines jungen Schülers niederwirft, der sich schmeichelt, etwas Wunderherrliches vorgebracht zu haben. – »Uff! sagt' ich neulich nicht, Euer Edeln sollten 'mal auf die Professionen achtgeben? Was war 'n Avkat, wenn er's nicht verständ', 'nen Zeugen zu betrügen und die Geschwornen hinters Licht zu führen? Er weiß, daß er lügt – weshalb lügt er? aus Liebe zu seinen Spesen, oder zu seinem Ruf, der 'm Spesen einbringt. Uff! heißt das nicht andere betrügen? 'n Doktor überdies, Herr Grabfüller zum Beispiel –«

»Sprecht nichts von Doktoren; ich geb' sie ohne ein Wort Eurer Satire preis.«

»Die verdammten Windbeutel! Sagen's nicht, einer sei wohl, wenn's ihm übel, und übel, wenn's ihm wohl ist? – thun's nicht, als wüßten's, was sie nicht wissen?– schneiden 'ne ernsthafte Fratze auf jeden Auswurf, als ob die Gelehrsamkeit in 'nem ... stäke? und all das ums Geld ihrer Nächsten, oder um ihrer Reputation willen, die Geld macht – uff! Kurz. Herr – schauen's wohin Sie wollen, 's ist unmöglich, so viel Betrug zugelassen, gepriesen, ankouraschiert zu sehen, und sich viel über'n Betrüger zu erzürnen, der's nur nicht am rechten Fleck angefangen hat! Seh' ich aber, daß 'n Mann seine Butter bedächtig aufs Brot streicht – 's Messer fest – die Butter dick, und hungrige Kerle schauen zu und lecken sich's Maul – Mütter lassen ihre Rangen still stehn – ›sieh, Kind – Respekt vor dem Mann! – wie dick sein Brot gestrichen ist! – nimm deine Mütze vor'm ab!‹ – seh' ich so was, so wird mir's Herz warm; das ist der wahre Mann von Welt! – uff!«

»Nun, Bunting,« rief Walter lachend, »bei all Eurer Milde gegen die armen Schelme, die bei andern Leuten Spitzbuben heißen, und all Euerm Rühmen von den Herren, die am klügsten auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, werdet Ihr doch wohl die Möglichkeit der Tugend annehmen, und Euer Herz wird beim Anblick eines Mannes von Wert so warm werden, als beim Anblick eines Mannes von Welt?«

»Wissen's, Euer Edeln,« entgegnete der Korporal, »was die Tugend anlangt, so liegt sie zu 'nem Teil im Temperment; was aber Kenntnis der Welt betrifft, so erwirbt sich die jeder erst selbst«

»Da Eure Ansicht von den Weibern beinahe dieselbe wie die von den Männern ist, so wundert's mich wirklich nichts Bunting, daß Ihr bis jetzt immer noch unverheiratet geblieben seid.«

»Uff! Euer Edeln verstehen mich falsch! – Bin kein Miß-an-drob nicht. Männer sind weder 's eine noch 's andere – weder gut noch schlimm, 'n gescheiter Mensch hat nichts von 'nen zu riskieren, und 'n dummer nichts zu gewinnen – buff! Was Weibsbilder anlangt, Euer Edeln, so liegt die Tugend, wie schon gesagt, zu 'nem Teil im Temperment. Werd' nicht fragen was 'nes Mädels Verstand ist, noch was sie für 'ne Verziehung erhalten – sondern sehen, was sie für Gewohnheiten hat; ist alles – Gewohnheiten und Temperment all' eins – spielt eins dem andern in die Hand.«

»Und welche Anzeichen, Bunting, würdet Ihr bei einer Dame am meisten schätzen?«

»Für's erste, Herr, dürft 'n Weib, das ich heiraten wollt', wenn 's allein ist, keine Maulaffen feil haben! müßt sich selber Amüsemang machen können, müßt' leicht zu amüsieren sein. Das ist 'n großes Zeichen von 'nem unschuldigen Gemüt, wenn sie mit 'nem Strohhalm zu kitzeln ist. Zudem, wenn sie sich was zu schaffen macht, wird sie nicht trübselig. Für's zweite würd' ich mein Aug' drauf richten, ob sie viel auf 'nen Ort hält, Euer Edeln – ob sie ungern den Platz wechselt – das ist 'n sicher Zeichen, daß sie nicht leicht überdrüssig wird, sondern wenn sie jetzt ihren Mann aus Liebhaberei gern hat, sie 'n allmählich aus Gewöhnung gern kriegt. Für's dritte, Euer Edeln, dürft' sie keine Averschion gegen den Putz haben; – wenn sie dahin einschlägt, so zeigt sie, daß sie 'ne Lust zu gefallen hat. Leute, denen nicht dran liegt zu gefallen, ist nie recht zu trauen. Viertens muß sie's ertragen können, daß mitunter was nicht nach ihrem Kopf geht; würd' mich vorher wohl versichern, ob sie 'n Widerspruch leiden kann, ohne zu maulen oder zu belfern; denn wenn sie dann, Euer Edeln wissen schon, was haben will, das Geld kostet, so braucht man's ihr nicht zu geben – uff! Fünftens darf sie's nicht zu sehr mit der Rel'gion haben. Euer Edeln! so 'ne P'etistenjungfer hält sich immer für was Apartes gegen uns Männer – versteht unsere Sprache und Wege nicht, Euer Edeln; verlangt nicht nur, daß wir glauben, sondern sogar daß wir zittern sollen – Henker auch!«

»Ich bin mit Eurer Schilderung im ganzen gar nicht übel zufrieden,« sagte Walter, »und wenn ich mich einmal nach einer Frau umsehe, will ich Euch um einen Fingerzeig bitten.«

»Euer Edeln können ihn auf der Stell' haben – Miß Ellinor ist ganz was für Sie taugt.«

Walter wandte den Kopf ab und sagte mit einer Miene gewaltiger Entrüstung, der Korporal sollte kein Narr' sein. Aber Bunting, der hier seiner Sache nicht völlig gewiß war. jedoch wußte, daß Madeline jedenfalls an Aram verheiratet werden würde, und es daher für sehr unnütz hielt, irgend ein Wort zu ihrer Verherrlichung zu verlieren, dachte, es verlohne sich immerhin, ein paar Lobschüsse aufs Geratewohl in die Luft zu thun und fuhr daher fort:

»Uff, Euer Edeln. Hab' nicht dazu meine Augen im Kopf, daß ich nicht g'scheit wär'. Miß Ellinor und Euer Edeln sind freilich nur Bruderskinder, aber viel eher wie Bruder und Schwester, als sonst was. Wie dem auch sei, sie ist was Rares, und wer sie kriegt, hat 'n Gesicht an ihr, daß ihm die Welt noch mal so lustig scheint. Wenn man sie morgens früh zuerst vor die Augen bekommt, ist's so gut wie die Sonn' im Juli – uff! Aber, wie ich sagte, Euer Edeln, was die Weibsbilder im ganzen –«

»Genug davon, Bunting. Nehmen wir an, Ihr wäret so glücklich gewesen, eine nach Euerm Geschmack zu finden – wie würdet Ihr um sie werben? Natürlich hat auch die Bewerbung ihre Geheimnisse, die Ihr einem Menschen nicht vorenthalten werdet, der, wie ich, so sehr des Beistandes der Kunst bedarf – weit mehr als Ihr, der von der Natur in so hohem Maß begünstigt wurde.«

»Die Natur anlangend,« entgegnete der Korporal mit ziemlicher Bescheidenheit, da er die Wahrheit des ihm eben gemachten Komplimentes nie in Zweifel gezogen hätte – »so ist 'n Mann deshalb, weil er sechs Fuß ohne Schuhe mißt, dem Herzen einer Dame noch nicht näher. Herr, ich will Ihnen gestehen, obwohl die Sache gegen meinen und Ihren Vorteil spricht, daß ich glaub', 's macht einer bei den Damens um seiner Schönheit willen um kein Haar mehr Glück! Das alles ist recht gut bei 'n Bereitwilligen, Euer Edeln – die man auf 'n ersten Blick hat; aber die bessere Sorte schert sich den Henker um die Schönheit! Was, Herr, wenn wir oft die Männer sehen, die am meisten Glück beim Weibsvolk machen – was für ärmliche kleine Vogelscheuchen das sind! Der eine 'n Zwerg – 'n anderer hat krumme Kniee – 'n dritter schielt – und 'n vierten könnt' man als 'n Affen sehen lassen! Gar nicht Ihre zarten, schmeichelhaftigen, hinsterbenden Jungen, die anfangs so verführerisch scheinen; passen wohl zu Liebhabern, sind aber dann beständig Zurückgewiesene. Auch, Euer Edeln, verlangt die Kunst, bei 'n Damens sein Glück zu machen, gar nicht all' das Taubengeschnäbel und Scherwenzeln, die Schnörkel, Maximen und Schlagwörter, die der Oberst, mein alter Herr und die vornehmen Leute, wie bekannt, die Kunst zu lieben nennen – buff! Die ganze Wissenschaft, Herr, besteht in den zwei Regeln: ›Fordre bald und fordre oft.‹« »Das wär' eben nicht sonderlich schwer, Bunting.« »Nicht für unsereinen, der Grütz hat, Herr; aber da ist immer noch was in der Art, 'ne Forderung zu machen – man kann nie zu viel Feuer haben – kann nie zu viel schmeicheln – und vor allem darf einer sich nie 'ne abschlägige Antwort gefallen lassen. Damit, Herr – wenn's meinem Rat folgen – können's allen Ehmännern in Lonnon den Frieden aufkünden – Henker – wuff!«

»Mein Oheim weiß gar nicht, was für einen preiswürdigen Vormund er mir in Euch gegeben hat, Bunting,« rief Walter lachend. »Jetzt aber, da die Straße so gut ist, laßt uns von derselben profitieren,«

Da sie am Morgen erst spät ausgeritten waren und der Korporal einen erneuten Überfall aus einer Hecke befürchtete, beschloß er, gegen Abend sollte eines der Pferde plötzlich einen hinkenden Fuß bekommen (was er durch geschicktes Einschieben eines Steines zwischen Huf und Eisen bewerkstelligte), ein Übel, das augenblickliche Abhilfe und Ruhe für die ganze Nacht erforderte. Und so zogen denn unsere Reisenden erst mit Beginn des folgenden Mittags in das Dorf ein, worin Herr Jonas Elmore wohnte.

Es war ein milder, ruhiger Tag, obwohl bereits zu Ende des Oktobers, denn der Leser wird erwägen, daß die Zeit, solange Walter unter Obhut des Herrn Pertinax Grabfüller gelegen, sowie im Verlauf seiner darauf folgenden Reise und Nachforschung nicht stillgestanden hatte.

Die Sonne schien hell auf einen breiten Strich grünen, mit Ginster bedeckten Heidelandes, über welches die Hütten und Pächterhäuser des Dörfleins zerstreut waren. Auf der entgegengesetzten Seite, bemerkte Walter, wie er den sanften Hügel zu dem abgelegenen Örtchen herabgeritten kam, eine große Wiesenfläche, durch frische, umschattete Weiher mehrfach unterbrochen und gegen einen reichen Waldgürtel hinausgeschoben, der damals eben in all dem traurigen Pomp prunkte, womit das »königliche Jahr« sein Verscheiden zu verhüllen sucht. Auf diesen Wiesen sah man Gruppen von Vieh, das ruhig graste oder halb versteckt in den stillen, umwachsenen Weihern stand. Weiter ab, gegen das Gehölz zu, ging ein einsamer Waidmann nachlässig dahin, umgeben von einem Halbdutzend Hühnerhunden. Es war noch eben nahe genug, das gellende, hohe Gebelfer eines jüngern Gliedes der Meute, das gegen bessere Zucht und Ordnung von den übrigen sich getrennt hatte und bereits in den Wald hineinrannte, zu vernehmen, durch die Entfernung zu einem frischen, luftigen Schall gesänftigt, der die Heiterkeit der Scene nicht störte, sondern belebte.

»Schließlich hatte der Gelehrte doch recht,« sagte Walter laut für sich hin – »nichts geht über das Landleben:

O Seligkeit in süßer Stille Schoß!
Dort lebst du sicher, lebst du sündenlos.«

»Sind das Verse aus den Psalmen, Herr?« fragte der Korporal, der hart hinter ihm war.

»Nein, Bunting; aber sie wurden von einem verfaßt, der, wenn ich mich recht erinnere, die Psalmen in Verse brachte.Denham. Ich hoffe, sie haben Eure Billigung?«

»Nein, wahrhaftig, Herr – doch da sie nicht in den Psalmen stehen, so hat unsereiner gar nicht 'n Recht an sie zu denken.«

»Nun, warum gefallen sie Euch denn nicht, Herr Kritikus?«

»Was hat man von 'r Sicherheit, wenn man sündenlos ist, und sie sich doch nicht zunutz macht? – buff! Verschließt keiner seine Thür umsonst, Euer Edeln!«

»Ihr sollt mir Eure wohlmeinende Lehre in dieser Hinsicht ein andermal weitläufiger auseinandersetzen: für jetzt ruft jenen Schäfer an und fragt nach dem Wege zu Herrn Elmore.«

Der Korporal gehorchte und erfuhr, daß eine Baumgruppe am Ende der Trift das Dickicht sei, das Herrn Elmores Haus umgebe. Ein kleiner Galopp über die Heide hin brachte sie vor ein weißes Gatter, und nachdem sie dasselbe passiert, stand ein bequemes backsteinernes Gebäude von mäßigem Umfange vor ihnen.

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