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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Viertes Buch

Η Κύπρισ ου πάνδημος· ιλασχεο τὴν θεὸν ειπὼν
Ουρανιάν –

ΠΡΑΞΙΝΟΗ. Θάρσει Ζωπυρίων, γλυκερὸν τέκος, ου λέγω απφυ̃ν.

ΓΟΡΓΩ. Αισθάνεται τὸ βρέφος, ναὶ τὰν πότνιαν.         ΘΕΟΚΡ.

Nicht fürs Volk ist die Cypris; versöhne sie, nenne die Göttin
Himmlische. –

Praxinoe. Munter, Zophyrion, liebliches Kind, ich meine Papa nicht.

Gorgo. Wahrlich, der Knabe versteht's bei der Heiligen!
Theokrit.


Erstes Kapitel.

Worin wir zu Walter zurückkehren. – Seine Schuld der Dankbarkeit an Herrn Pertinax Grabfüller. – Des Korporals Rat und des Korporals Sieg.

Sei ein Arzt noch so vortrefflich, immer wird Leute geben, die ihn durchhecheln. Gil Blas.

Wir verließen Walter in einer Lage von so bedenklicher Natur, daß es von wenig Menschenliebe zeugen würde, wollten wir unsere Rückkehr zu ihm noch länger hinausschieben. Der Streich, der ihn niedergestreckt hatte, beraubte ihn einen Augenblick des Bewußtseins; allein er besaß eine Konstitution von nicht gewöhnlicher Kraft und Ausdauer, und die drohende Gefahr, in welcher er sich befand, trug selbst dazu bei, ihn schnell aus der momentanen Besinnungslosigkeit zurückzurufen. Wieder zu sich kommend, fühlte er, daß die Räuber ihn gegen die Hecke zu schleppten und schnell durchzuckte ihn der Gedanke, ihre Absicht gehe auf Mord. Diese Vorstellung gab ihm neue Kraft; er nahm seine ganze Stärke zusammen, riß sich plötzlich aus den Händen eines der Räuber, der ihn beim Kragen gepackt, los und hatte sich bereits auf die Kniee und sofort auf die Füße erhoben, als ein zweiter Schlag ihn aufs neue seiner Sinne beraubte.

Als ihm ein dämmerndes, wirres Bewußtsein zurückkehrte, bemerkte er, daß die Freibeuter ihn hinter die Hecke getragen hatten und nun eben daran waren, ihn mit vielem Bedacht auszuplündern. Eben wollte er den nutzlosen, gefährlichen Kampf erneuern, als einer von den Burschen sagte:

»Ich glaube, er regt sich; ich hätte doch besser gethan, ihm den Hals abzuschneiden.«

»Pah, nein!« erwiderte eine andere Stimme, »umbringen nicht, so lang's noch ein ander Mittel giebt; glaub' mir, 's ist ein garstig Ding, wenn man nachher dran denkt. Überdies wozu hilft's? Eine Räuberei ist hier bald vergessen, aber ein Mord bringt die ganze Gegend in Aufruhr.«

»Verdammt, Bruder! 's Ding ist schon geschehen, er ist so tot wie ein Thürnagel.«

»Tot?« wiederholte der andere mit bebender Stimme; »nein, nein!« Damit beugte sich der Räuber nieder und legte die Hand auf Walters Herz. Der unglückliche Reisende fühlte wie seine Muskeln sich bei Berührung dieser Hand krampfhaft zusammenzogen, enthielt sich aber klüglich jeden Rucks oder Aufschreis. Wie er übrigens so mit trüben halbgeschlossenen Augen die dunkeln verschwimmenden Umrisse des Gesichtes auffaßte, welches so dicht über ihn sich beugte, daß er den Atem seiner Lippen fühlte, war ihm als habe er dasselbe bereits gesehen, und nachdem der Mann nun aufstand und das bleiche Licht des Himmels einen etwas deutlichem Überblick seiner Züge gestattete, wurde diese Vermutung noch verstärkt, obwohl nicht bis zur Gewißheit erhoben. Bald jedoch verlor Walter wieder die Kraft zur Beobachtung seiner Plünderer: abermals schwindelte sein Gehirn, die dunkeln Bäume, die trotzigen Menschengestalten schwammen schattengleich vor seinem starren Auge und noch einmal versank er in gänzliche Besinnungslosigkeit.

Unterdessen hatte der tapfere Korporal, sobald er den Fall seines Herrn wahrgenommen, an dem Ort, wohin ihn sein Pferd wider seinen Willen getragen, plötzlich Halt gemacht und in der schnellem Schlußfolge, daß drei Männer am besten in einer gewissen Entfernung anzugreifen seien, beide Pistolen abgefeuert. Darauf war er, ohne abzuwarten, ob sein Schuß eine Wirkung hervorgebracht (was in der That nicht der Fall war), den jähen Abhang so schnell heruntergaloppiert, als wäre es die letzte Station »nach Lonnon« gewesen.

»Mein armer junger Herr,« murmelte er, »aber sollt's zum Ärgsten kommen, so ist doch der größte Teil vom Geld in meinen Satteltaschen und so, ihr Herren Diebe, seid ihr geprellt – uff!«

In kurzer Zeit hatte er die Stadt erreicht und die Herumschlenderer vor dem Wirtshaus in Alarm gebracht. Ein Posse comitatusSo nennt man die bewaffnete bürgerliche Macht einer Grafschaft. D. Übers. war schnell gebildet und eine Schar Helden, mit Waffen gespickt, als ging's, gegen sämtliche Räuber zwischen Hounslow und den Apenninen, den Korporal, der zuvor seine Pistolen wohlbedächtig wieder geladen hatte, an der Spitze, zog aus, »dem armen Herrn zu Hilfe, der schon umgebracht sei«.

Sie waren nicht weit gekommen, als sie Walters Pferd trafen, das glücklich den Räubern entkommen war und sich's jetzt an einem Fleckchen Gras neben der Landstraße wohl sein ließ. »Das Vieh sorgt selbst für sein Nachtessen,« brummte der Korporal, indem er an den eigenen Abendimbiß dachte, und bat einen von der Begleitung, einen Versuch zum Einfangen des Tieres zu machen, welches sich jedoch gegen jedes derartige Ansinnen abgeneigt gezeigt haben würde, wäre nicht ein langes Erkennungswiehern des ramsnasigen Korporalgauls dem Ohre des Herumtreibers bekannt vorgekommen und hätte denselben an die Seite des Reiters gerufen, der, während die beiden Rosse ihre Grüße wechselten, des Ankömmlings Zügel ergriff.

Als sie an den Ort gelangten, von wo aus die Räuber ihren Angriff gemacht, war alles still und ruhig und kein Walter zu sehen. Der Korporal stieg behutsam ab und spürte mit solcher Emsigkeit umher, als ob er eine Stecknadel suchte; aber der Wirt des Gasthofes, in welchem die Reisenden zwei Tage zuvor gespeist hatten, traf auf einmal die rechte Fährte. Blutstropfen auf dem weißen Kalkboden leiteten ihn nach der Hecke, und nachdem er durch eine kleine, eben erst gemachte Lücke geschlüpft, entdeckte er den noch atmenden Körper des jungen Mannes.

Walter wurde mit großer Sorgfalt nach dem Gasthof gebracht. Ein Wundarzt stand schon in Bereitschaft; denn Pertinax Grabfüller war auf die Kunde, daß ohne sein Wissen ein Herr ermordet worden, aus seinem Hause gestürzt und hatte sich auf die Straße gestellt, damit der arme Mensch mindestens nicht ohne seinen Beistand begraben werden möge. So groß war sein Eifer, sich über ihn herzumachen, daß er den unglücklichen Walter kaum ins Haus bringen ließ, als er auch schon mit seinen Instrumenten herausfuhr und sich mit dem Behagen eines Kunstfreundes ans Werk machte.

Obwohl der Chirurgus erklärte, daß sich der Patient in der größtmöglichen Gefahr befinde, hatte doch auch der scharfblickende Korporal, der sich mehr berechtigt glaubte, etwas von Wunden zu verstehen, als irgend ein Mann von friedlichem Beruf, so zerstörend die Ausübung desselben immer sein mochte, – der Korporal hatte, sagen wir, die Verletzungen seines Herrn bereits selbst in Augenschein genommen, ehe er zum lange verschobenen Genuß des Abendessens hinabstieg und versicherte jetzt im Vertrauen dem Wirt und der übrigen guten Gesellschaft in der Küche, »die Schläge auf den Kopf wollten nicht mehr sagen als Mückenstiche und sein Herr würd' in längstens 'ner Woche wieder so gesund sein als je.«

Und wirklich fühlte sich der Kranke, als er am nächsten Morgen aus der Betäubung mehr als aus dem Schlaf, der ihn befallen, aufwachte, zum Verwundern besser, als er nach der Versicherung des Wundarztes, der seine Sonde herauszog, möglicherweise sein konnte.

Mit Hilfe des Herrn Pertinax Grabfüller wurde Walter mehrere Tage lang in dem Städtchen hingehalten, und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, daß er ohne die Gewandtheit des Korporals noch heute daselbst sein würde, freilich nicht in der behaglichen Behausung des altmodischen Gasthofs, sondern in den kältern Gemächern eines gewissen grünen Ortes, an welchem, trotz seiner landschaftlichen Reize, nur wenige Menschen gern ihre dauernde Wohnstätte nehmen.

Glücklicherweise jedoch fand eines Abends der Korporal, der, die Wahrheit zu sagen, große Sorgfalt in der Pflege seines Herrn bewies – denn ausgenommen seine Selbstsucht, die vielleicht von seiner Weltkenntnis herrührte, war Jakob Bunting im ganzen ein gutmütiger Mann und hatte seinen Gebieter so gern als irgend sonst was, immer mit Ausnahme von Jakobine und von Kostgeld – eines Abends sagen wir, fand der Korporal, als er in Walters Zimmer trat, diesen mit einer sehr trübsinnigen, niedergeschlagenen Miene aufrecht im Bette sitzen.

»Na, Herr, was sagt der Doktor,« fragte der Korporal, indem er die Vorhänge auf die Seite schob.

»Ach, Bunting, ich glaub', mit mir ist's aus!«

»Behüt uns der Herrgott, Herr, gewiß spaßen's da?«

»Spaßen? Ach, guter Freund! Reicht mir einmal das Arzneiglas dort.«

»Das garstige Zeug!« rief der Korporal, indem er das Gesicht schief zog; »ja, Herr, hätt' ich Sie in der Mache gehabt – wären schon halbwegs nach Yorkshire. 'n Mensch ist 'n Wurm, und wenn ein Doktor ihn auf die Angel steckt, so angelt er mit dem Köder sicherlich nach dem Teufel – uff!«

»Was, glaubt Ihr wirklich, der verdammte Kerl, der Grabfüller, macht es so mit mir?« »Wird er so dumm sein, drei Arzneigläser des Tages, 4 Schilling 6 Pfennig, item ditto, ditto, aufzugeben?« rief der Korporal, wie verwundert über die Frage. »Aber spüren's nicht, daß Sie jeden Tag besser werden? Spüren's nicht, daß all das Zeug Ihnen wieder Leben macht?«

»Nein, wahrhaftig, ich befand mich am ersten Tage viel besser als jetzt, ich mache nur Fortschritte zum Schlimmern. Ach, Bunting, wär' Peter Dahltrup da, so könnte er mir jetzt zu einer angemessenen Grabschrift verhelfen; so aber wird sie wohl sehr kurz gefaßt werden. Grabfüller wird das ganze Geschäft übernehmen und mit auf seine Rechnung setzen: – item 9 Mixturen – item 1 Grabschrift.«

»Daß Gott erbarm', Euer Edeln,« sagte der Korporal und zog ein kleines rotgetüpfeltes Schnupftuch heraus, »wie können's so 'n Spaß machen? – 's ist ganz beweglich,«

»Ich wollte, wir selbst wären in Bewegung!« seufzte der Kranke.

»Und das könnten wir sein,« schrie der Korporal, »das könnten wir sein, wenn Sie 'n Bissel Mut fassen wollten. Lassen mich Euer Edeln mal nach Ihrem Kopf schauen, ich weiß besser als einer von den Kerlen, was 'ne Konfusion ist.«

Mit erhaltener Erlaubnis nahm sofort der Korporal die Bänder ab, womit der Doktor sein dem Pluto bestimmtes Opfer umwunden, und nachdem er die Wunden etwa eine Minute lang betrachtet hatte, streckte er die Unterlippe mit einem verächtlichen »pschuff, uff!« hervor.

»Und wie lange,« fragte er, »sagt Herr Grabfüller, daß Sie ihm noch unter 'n Händen sein werden – uff?«

»Er macht mir Hoffnung, daß ich in etwa drei Wochen eine recht sanfte Bewegung in der frischen Luft machen dürfe; – ja doch! ein Sarg bewegt sich immer recht sanft.« – Der Korporal fuhr zusammen und brach in einen langgezogenen Pfiff aus. Dann grinste er von einem Ohr zum andern, schnippte mit den Fingern und sagte:

»'n Mann von Welt, Herr – Mann von Welt, jeder Zoll an 'm!«

»Er scheint beschlossen zu haben, daß ich ein Mann von der andern Welt werden soll,« erwiderte Walter.

»Sag' Ihnen was, Herr – Nehmen's meinen Rat an – Euer Edeln wissen, ich bin kein Narr; – werfen's das Gebändel da weg; lassen's mich 'n Fetzen Pflaster auflegen – schmeißen's die Arzneikolben zum Teufel – lassen's morgen die Pferde vorführen, und wenn Sie 'ne halbe Stund' in der Luft gewesen, werden Sie sich selbst nicht mehr kennen.«

»Bunting! die Pferde morgen vor? – Wahrhaftig, ich glaube, ich bin nicht im stande, nur einen Gang durchs Zimmer zu machen.«

»Kommt nur aufs Probieren an, Euer Edeln.«

»Ach, ich bin sehr schwach, sehr schwach. – Meinen Schlafrock und Pantoffeln! – Euern Arm, Bunting! – Was? auf meine Ehre, ich trete ganz kräftig auf! he? Das hätt' ich nicht gedacht! Laßt mich einmal los – na, da komm' ich sogar ohne Eure Hilfe fort!«

»Gehen so gut, als Sie's je gethan.«

»Nun ich einmal außer dem Bett bin, denk' ich mich nicht so bald wieder hineinzulegen.«

»Möcht's auch nicht, wenn ich Euer Edeln wär'.«

»Und nach so viel Bewegung glaub' ich wirklich eine Art Appetit zu empfinden.«

»So nach einem Beefsteak?«

»Nichts käm' mir gelegener.«

»'n Schoppen Wein?«

»Hm, das wär' wohl zu viel – he?«

»Bewahre!«

»Nun, so geht, guter Bunting; geht und tummelt Euch – halt, der verfluchte Kerl...«

»'n gutes Zeichen, wenn einer flucht,« unterbrach ihn der Korporal; »haben eben in fünf Minuten zweimal geflucht – famoses Zeichen!«

»Wollt Ihr mich hören! Der verfluchte Kerl, der Grabfüller, wird in einer Stunde wiederkommen, um mir zur Ader zu lassen. Stellt Euch auf den Posten – laßt ihn nicht herein – zahlt ihm seine Rechnung – Ihr habt das Geld. Und hört, seid nicht grob gegen den Schurken.«

»Grob, Euer Edeln! Ich nicht – im Zweiundvierzigsten gestanden – weiß, was Mannszucht heißt – nur grob gegen Gemeine!«

Nachdem der Korporal zugesehen, wie sein Herr dem vorgesetzten Braten alle Ehre angethan – nachdem er dessen Zimmer geordnet, ihm Lichter gebracht, ein Buch für ihn geborgt und ihn für den Augenblick ungemein wohl aufgelegt und ganz bereit für die morgige Flucht verlassen hatte – zündete er seine Pfeife an, stellte sich unter die Thür des Wirtshauses und wartete auf Herrn Pertinax Grabfüller. Bald kam der Doctor, ein kleines, dünnes Männchen, geschäftig auf der Straße daher und wollte eben mit einem vertraulichen »Guten Abend« am Korporal vorbei, als dieser Edle, die Pfeife aus dem Munde nehmend, ehrerbietig anhob: »Um Vergebung, mein Herr – hab' mit Ihnen zu sprechen; haben's nur einen Augenblick die Güte. Will Euer Edeln mit mir ins Hinterzimmer?«

»Hui! ein anderer Patient,« dachte der Doktor, »so ein Soldat ist unvorsichtig – kriegt oft was ab! – Ja, Freund, ich bin zu Euern Diensten.«

Der Korporal führte den Mann der Mixturen nach dem Hinterzimmer, räusperte sich dreimal und sah verlegen aus, als wüßt' er nicht wie anfangen. Der Doktor machte sich's zum Geschäft, dem Schüchternen Mut einzureden.

»Nun, mein guter Freund,« sagte er, indem er mit dem Rockärmel etwas Staub wegwischte, der sich auf seine Beinkleider gesetzt hatte: »Ihr wollt mich also über etwas zu Rate ziehen?«

»Ja, Euer Edeln, das will ich; aber – weiß nicht recht, wie ich's anfangen soll; – 'nem Fremden –«

»Pah! – Ein Arzt ist nie ein Fremder, ich bin der Freund eines jeden, der meine Hilfe in Anspruch nimmt.«

»Und ich brauch' Euer Edeln Hilfe bei 'nem recht üblen Ding.«

»Recht, recht; sprecht nur. Schon ein altes Übel?«

»O nein, erst seit wir hier sind, Herr.«

»Ach, weiter nichts? Nun?«

»Euer Edeln sind so gütig, daß ich weiter kein Bedenken haben will, Ihnen alles zu sagen. Sehen, wie wir ausgeplündert worden sind – wenigstens der Herr. – Ich hatt' 'n paar Bagatellchen in meinen Taschen – aber wir armen Bedienten sind ja nie reich. Sie scheinen so gutmütig – so aufmerksam für den Herrn – obwohl Sie wissen müssen, wie's gar keinen Vorteil nicht für Sie haben kann, einem ausgeplünderten Mann zu Diensten zu sein – daß ich nicht länger hinter dem Zaun halt' und mich untersteh', Sie zu bitten, uns fünf Guineen zu leihen, denn soviel hatten wir eben nötig, um die Rechnung hier zu bezahlen – hol's der Henker!«

»Mensch!« sagte der Doktor aufstehend, »ich verstehe Euch nicht, aber merkt Euch, daß ich mich nicht um meine Zeit und mein Eigentum betrügen lasse. Ich werde darauf beharren, daß man mir meine Rechnung augenblicklich bezahlt, ehe ich nur eine Hand weiter an Eures Herrn Wunde lege.« »Uff!« sagte der Korporal, froh, daß der Doktor so schnell in die Falle gegangen, »werden gewiß nicht so scharf sein – würden uns ohne 'n Deut lassen, um den Wirt zu bezahlen.«

»Unsinn! – Wenn Euer Herr ein Mann von Stande ist, so kann er um Geld nach Hause schreiben.«

»Ach, Herr, haben schon recht, so zu sprechen; – aber unter uns und dem Bettpfosten gesagt – der junge Herr ist verzürnt mit 'm alten Herrn – der alte Herr wollt' ihm keinen Pfennig geben – derohalben verlaß ich mich darauf, weil Euer Edeln 'n Freund von jedermann sind, der Ihre Hilfe in Anspruch nimmt – gar 'n schön Wort, Herr! – Sie werden uns 'n paar Guineen nicht abschlagen; – und Ihre Rechnung anlangend – nun –«

»Herr, Ihr seid ein unverschämter Landstreicher,« schrie der Doktor, so rot wie eine Flasche Rossoli aus dem Zimmer stürzend, »ich sag Euch, daß ich meine Rechnung vorlege und meine Bezahlung innerhalb zehn Minuten erwarte.«

Er wartete auf keine Antwort, stürmte nach Haus, kratzte seine Rechnung nieder und flog mit einer Eile zurück, als ob der Kranke sich schon einen Monat länger unter seiner Obhut und folglich am Rande jener glücklichern Welt befände, in welcher, weil ihre Bewohner unsterblich sind, Ärzte, als gänzlich unnütz, natürlich nie zugelassen werden.

Der Korporal empfing ihn wie das erstemal.

»Hier,« rief der Doktor atemlos und dann beide Arme in die Seiten stemmend: »bringt das Euerm Herrn und sagt ihm, er möge mich sogleich bezahlen.«

»Uff, daraus wird nichts.«

»Ihr wollt nicht?«

»Nein, denn ich selbst will Sie bezahlen. Wo ist Ihr Wisch – he?«

Und mit großer Gemütsruhe zog der Korporal eine wohlgefüllte Börse heraus und tilgte die Rechnung. Der Doktor war wie vom Donner gerührt, so daß er das Geld einsteckte, ohne eine Wort vorbringen zu können. Indessen tröstete er sich mit dem Gedanken, Walter, den er zu einer tüchtigen Hypochondrie herabgebracht, werde ihn gewiß am nächsten Morgen holen lassen. – Ach, über die Hoffnungen der Sterblichen! – am nächsten Morgen war Walter wieder auf der Reise.

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