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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Erstes Buch.

Tiresias. Weh, weh! Entsetzlich ist das Wissen, wo es nicht Heil bringt dem Wissenden ...

Oedipus. Was ist's? wie mutberaubt erscheinest du?

Tiresias. Laß mich nach Haus; am leichtesten wirst du deines,
Das mein' ich tragen, wenn du mir gehorchst.


Erstes Kapitel.

Das Dorf. – Seine Bewohner. – Das alte Herrenhaus und eine englische Familie; deren Geschichte, welche ein geheimnisvolles Ereignis einschließt.

Geschützt durch die Gottheit, welche der Gegenstand ihrer Anbetung war, genährt von der Erde, welche sie bauten, und in Frieden mit sich selbst, genossen sie die Süßigkeiten des Lebens, ohne sein Ende zu fürchten, noch zu wünschen.
Numa Pompilius.

In der Grafschaft ... liegt ein einsames Dörfchen, das ich oft Gelegenheit hatte zu durchwandern, und woraus ich immer nur ungern und nicht ohne ein gewisses Widerstreben schied. Nicht bloß, daß es wirklich der Ort einer Geschichte ist, die mir trotz ihrer Furchtbarkeit von besonderem Interesse erscheint (obwohl dieser Umstand allerdings eine magische Gewalt auf meine Phantasie ausübt): – der Schauplatz selbst ist von der Art, daß er keiner darangeknüpften Sage bedarf, um die Aufmerksamkeit des Reisenden zu fesseln. In keinem Teile der Welt, wohin mich mein Schicksal geführt hat, kenn' ich eine so durchaus liebliche und malerische Landschaft, wie diejenige, welche auf jeder Seite des Dorfes, wovon ich rede, dem Auge sich darbietet. Das Örtchen, dem ich hier den Namen Grünthal geben will, liegt in einer Vertiefung, die sich ungefähr eine halbe Stunde weit, zwischen zwei Ketten sanfter, fruchtbarer Hügel, durch Gärten und fruchtbelastete Obstanlagen hinzieht.

Einzeln oder gruppenweise erblickt man da Bauernhäuser, die eine Behaglichkeit, einen ländlichen Luxus verraten, der im allgemeinen lange nicht so oft, als unsere Dichter erwähnen, das Abzeichen des englischen Landvolkes ist. Man hat die Bemerkung gemacht, worin wirklich eine Welt von tüchtigem Menschenverstand, ja von politischer Weisheit steckt, daß, wo man Blumen in einem Bauerngärtchen oder einen Vogelkäfig am Fenster sieht, man versichert sein darf, daß die Bewohner des Hauses besser und verständiger als ihre Nachbarn sind dergleichen bescheidene Andeutungen eines über die nackte Plage des Lebens hinausreichenden Sinns traf man – um uns sofort in eine bereits vergangene Zeit zu versetzen – fast an jeder der anspruchslosen Hütten Grünthals. Hier rankten Jasmin, dort wilde Reben über den Thürpfosten, nicht so durcheinander, daß man hätte annehmen können, sie wären gänzlich sich selbst überlassen gewesen, aber auch nicht so dicht, daß sie den Bewohnern die Luft abhielten, sondern wie zur Durchwürzung von dieser bestimmt. Jedes Häuschen hatte hinter sich eine Strecke Gartenland für die nützlichen und nahrungschaffenden Naturerzeugnisse, während die Mehrzahl sich von der wenig betretenen Landstraße noch durch ein kleines Beet für Wolfsbohnen, spanische Wicken oder die mannigfachen Spielarten der englischen Rose abgrenzte. Auch verdient bemerkt zu werden, daß die Bienen in größern Schwärmen nach Grünthal flogen, als nach irgend einem andern Teil des reichen, wohlbebauten Bezirks. Ein kleiner Anger, von einem Bach durchschnitten, den Bandweiden und gestutzte, wunderlich gestaltete Zwergbäume einfaßten, bot Futter für einige Kühe und das gefährtenlose Pferd des einzigen Kärrners. Das Bächlein selbst war nicht ohne einen gewissen Ruf unter der edeln Anglerzunft, der Brüderschaft, welche unsere Vereine der englischen Barmherzigkeit gegen die Tierwelt zum Trotz in Schutz nehmen; und dieser Ruf zog dem Dorf willkommene zeitweilig wiederkehrende Wanderer zu, durch welche es sein bißchen Kenntnis von der großen Welt geliefert bekam, sowie durch sie die einzige kleine Herberge des Ortes für anständigen Gebrauch geeignet erhalten wurde. Nicht als hätte übrigens Peter Dahltrup, der Eigentümer des »scheckigen Hundes,« sich mit dem Gewinn seiner Gastwirtschaft zufrieden gegeben; vielmehr verband er damit noch die leichten Mühen für eine kleine Pachtung, die er von einem reichen, leutseligen Herrn übernommen hatte, und da er überdies mit der Würde eines Kirchenschreibers bekleidet war, so galt er bei seinen Nachbarn als eine Person von nicht geringen Gaben und bedeutender Würde. Er war ein kleines, trockenes, dünnes Männchen, eher zur stillen Betrachtung als zum Scherz aufgelegt; den Kopf voller Phrasen aus Psalmen und geistlichen Liedern, auf welchen letztern, da sie dem Ohr der Dorfbewohner weniger bekannt klangen, als die erstern, starker Verdacht ruhte, daß, sie sein eigenes Werk seien. Dies gab seinem Gespräch mitunter eine dichterische, halb religiöse Färbung, die eher seiner Würde in der Kirche als seiner Stellung im »scheckigen Hund« entsprach. Gleichwohl schien er auch den Späßen des letztern nicht gram, wenn sie nur feiner und anständiger Natur waren; ja er verschmähte sogar nicht, mit minder zarten und begabten Gästen zum eigenen Wein sich niederzusetzen.

In der Mitte des Dorfes stieß man auf ein kürzlich erst geweißtes Haus, an welchem die beschnittene Hecke, sowie das nette, neu ausgebesserte Geländer, welches zu der Wohnung führte, auf eine strenge Ordnungsliebe des Besitzers schließen ließen. Hier wohnte der Stutzer und Hagestolz des Örtchens, allerdings etwas veraltet, aber immer noch Gegenstand großer Aufmerksamkeit und einiger Hoffnung von seiten der betagteren Jungfrauen der Nachbarschaft, sowie einer respektvollen Volkstümlichkeit bei der Gemeinde, was gleichwohl den jüngern Teil der Schwesterschaft nicht verhinderte, sich ein wenig über ihn lustig zu machen. Jakob Bunting, so hieß dieser Ehrenmann, hatte viele Jahre in königlichen Diensten gestanden, worin er es bis zum Rang eines Korporals gebracht und ein kleines Vermögen mühsam zusammengespart hatte, wovon er nun die Miete für sein Häuschen entrichtete und nach seinem Gefallen lebte. Er hatte einen guten Teil der Welt gesehen und die Erfahrung einen verschlagenen Kopf aus ihm gemacht; alle überflüssige Frömmigkeit aber war von ihm zugleich mit seinen Vorurteilen weggewischt worden, und obwohl er öfter als irgend ein anderer mit dem Wirt vom »scheckigen Hund« trank, haderte er doch auch am häufigsten mit ihm und zeigte am wenigsten Nachsicht mit den Psalmenfragmenten des Gastwirts. Jakob war eine hohe, stattliche, kerzengerade Persönlichkeit; der Rock, an dem man die Fäden zählen konnte, auf's sorgfältigste gebürstet; das Haar zu beiden Seiten mit strenger Genauigkeit in zwei harte, standhafte Locken, auf dem Scheitel aber in einen Hahnenkamm gekleistert, wie er das Ding zu nennen pflegte, das eigentlich einem Dachziegel weit ähnlicher sah. Seine Art sich auszudrücken hatte etwas Eigentümliches; gewöhnlich bediente er sich einer schnellen, kurzen, abgebrochenen Weise, die jeden Überfluß an Vor- und Bindewörtern abschneidend und im Sturmschritt auf der Rede Sinn losgehend, einen soldatenhaften und spartanischen Charakter an sich trug; Beweis genug, wie schwer es oft für einen Mann wird, zu vergessen, daß er Korporal gewesen. Gelegentlich freilich – denn wo sonst als in Komödien wäre die Ausdrucksweise der Laune stets die nämliche? – verlor er sich in eine breitere, weniger heidnische Manier, mit des Königs Englisch umzugehen, doch war solches hauptsächlich nur dann bemerkbar, wenn er vom Sprechen ins Predigen geriet, eine Schwelgerei, welcher sich hinzugeben der edle Krieger gar sehr liebte, denn er hatte vieles gesehen und über einiges sich seine Gedanken gemacht. Und da er sich, sonderbar genug für einen Korporal, auf seine Weltkunde mehr als selbst auf seine Kriegskunde zu gute that, so ließ er nicht leicht eine Gelegenheit vorüber, einen geduldigen Hörer mit dem Ergebnis seiner Beobachtungen zu erbauen.

Kam man zufällig der Thür des Veteranen nahe, wo er gewöhnlich, falls er nicht mit Nachbar Dahltrup trank, oder seinen Thee mit Gevatter So oder Meister So schlürfte, oder ein paar lernbegierige Jungen im Gebrauch des Säbels unterrichtete, oder Forellen in dem Bache fing, oder, kurz gesagt, nicht mit etwas Anderem beschäftigt war, – wo er, sag ich, nicht selten auf einer rauhen Bank saß und mit halb geschlossenen Augen, gekreuzten Beinen, aber stets unweigerlich gerader Stellung, im Genuß seiner Pfeife schwelgte, – dann schlenderte man aufs Geratewohl vollends über einen hölzernen Steg, unter welchem, klar und bescheiden, das Bächlein hinrann, dessen wir vorhin mit Ehren gedacht haben, und nach einem Gange von wenigen Minuten langte man vor einem mäßig großen, altertümlich geformten Gebäude, dem Herrenhause des Kirchspiels, an. Es stand hart am Fuß des Hügels; dichtes, altes Weiden- und Erlengebüsch im Hintergrund hob die ausnehmende Frische und den grünen Glanz eines Fleckchens Wiese heraus, das unmittelbar vor dem Thor lag. Der Garten wurde auf der einen Seite vom Dorfkirchhof, mit seinen einfachen Grabhügeln und wenigen niedern Denksteinen, begrenzt. Die Kirche war sehr alt, und nur von einer einzigen Stelle aus bekam man mehr als einen Schimmer ihres grauen Turms und dessen zierlich auslaufender Spitze zu sehen, so dick und dunkel schlossen sich Eiben- und Lärchenbäume um das Gebäude her. Dem Thor gegenüber, durch das man in das Schloß gelangte, war die Aussicht nicht umfassend, aber reich an Gehölz und Weidegrund, und durch einen Hügel geschlossen, der, minder grün als seine Nachbarn, Schafherden auf seinem Rücken trug; ganz in der Nähe sah man das dunkelnde, fortrieselnde Bächlein, bis es dem Auge, wenn auch nicht dem Ohr, unter dem Buschwerk entschwand.

An dem gebräunten Lattenwerk zu beiden Seiten des Thors waren Spaliere ländlicher Obstarten hinaufgezogen, während Früchte und Blumen, in deren Anpflanzungen grüne und gewundene Baumgänge nicht ohne geschmackvolle Anlage hinliefen, durch ihr kräftiges gesundes Aussehen die Sorgfalt bekundeten, welche man auf sie zu verwenden pflegte. Der Stolz des Gartens war auf einer Seite ein gewaltiger Roßkastanienbaum, der dickste im ganzen Dorfe; auf der andern eine nach außen mit Geißblatt bedeckte, inwendig mit Moos ausgekleidete Laube. Das Haus selbst, ein graues, wunderliches Gebäude aus der Zeit Jakobs I., mit vorspringenden Steingesimsen und einem Giebeldach, hätte in jetziger Zeit kaum ein geeigneter Aufenthalt für den Gutsherrn scheinen dürfen. Fast die ganze Mitte desselben wurde durch die Halle eingenommen, wo die Familie gewöhnlich zu speisen pflegte: außer jener waren vom Baumeister nur noch zwei anständige Zimmer von sehr mäßigem Raum der Bequemlichkeit oder Prunksucht des Besitzers vorbehalten worden. Ein großes Portal sprang vom Hauptgebäude vor, welches ganz mit Epheu überzogen war, wie die Fenster mit Jasmin und Geißblatt; innerhalb des Portals standen Sitze umher, bedeckt mit manchem roh eingeschnittenen Anfangsbuchstaben und dem Datum längst verflossener Tage.

Der Herr des Schlößchens hieß Rowland Lester. Seine Vorfahren, ohne ein hohes Alter der Familie in Anspruch zu nehmen, hatten doch schon seit zwei Jahrhunderten die Würde der Squires von Grünthal inne, und Rowland Lester mochte leichtlich der erste des Stammes gewesen sein, der über fünfzig Meilen von dem Hause weggekommen, worin der Reihe nach jeder seiner Ahnen geboren worden, und von dem grünen Kirchhof, worin eines jeden Todestag noch jetzt verzeichnet stand. Der nunmehrige Besitzer war ein Mann von gebildetem Geschmack. Anlagen, die ihrer Natur nach nicht weit übers mittelmäßige hinausgingen, hatte er durch Reisen und Studien gehoben. Er und ein jüngerer Bruder waren früh Herren ihres Schicksals und ihrer verschiedenen Erbteile geworden. Im Jüngern, Gottfried, ließ sich bald ein unstäter, zur Verschwendung neigender Hang bemerken. Kühn, zügellos, ausschweifend, ohne Grundsätze, erschöpfte sein Lebenswandel bald das spärliche Vermögen eines jüngern Sohnes aus dem Hause eines Landedelmanns. Schon früh geriet er in sehr mißliche Umstände, aber nie schienen diese ganz Meister über ihn werden zu können; eine unerwartete Wendung, ein günstiger Zufall hatte sich jedesmal eben im Moment eingestellt, wo man glauben mußte, das Glück sei gänzlich von ihm gewichen.

Zu diesen günstigeren Strömungen in der Flut seiner Angelegenheiten gehörte, als er ungefähr vierzig Jahre alt sein mochte, die plötzliche Heirat mit einer jungen Dame, deren äußere Glücksumstände im Verhältnis zu Gottfried Lesters Rang und den mäßigen Ausgaben jener Zeit, ganz zureichend und hübsch genannt werden konnten. Unglücklicherweise jedoch war diese Frau weder von schöner Gestalt noch von sanfter Gemütsart, und nach wenigen Jahren des Streites und Zankes schied eines Morgens der ungetreue Gatte, nachdem er alles, was von dem Vermögen noch übrig war, zusammengerafft, ohne vorherige Anzeige noch Abschied vom ehelichen Herde. Seiner Frau ließ er nichts als sein Haus, seine Schulden und sein einziges Kind, einen Knaben. Von dieser Zeit bis auf die Periode, welche uns jetzt beschäftigt, hatte man über den Entwichenen wenig erfahren, obwohl manche Vermutung aufgestellt. Doch kam man hinsichtlich der ersten Jahre seinem Schicksal soweit auf die Spur, daß sich ergab, er sei einmal in Indien gesehen worden und noch vorher einem Verwandten in England unter einem angenommenen Namen aufgestoßen; Beweis genug, daß seine Beschäftigung, worin sie auch bestehen mochte, schwerlich sehr ehrenhaft sein konnte. In der letzten Zeit dagegen war durchaus nichts mehr über den Herumschwärmer bekannt geworden. Einige hielten ihn für tot; die meisten hatten ihn vergessen. Die, welche in näherem Verhältnis zu ihm standen, vor allen sein Bruder, nährten den geheimen Glauben, daß wo immer Gottfried Lester wieder hervortreten möge, seine Schuhe (um den bezeichnenden sprichwörtlichen Ausdruck zu gebrauchen) gesohlt sein würden, und das gewohnte Glück des Taugenichtses mit der Thatsache zusammenstellend, daß man ihn in Ostindien gesehen habe, hoffte Rowland in seinem Herzen, ja verließ sich mit Zuversicht darauf, der Verlorene werde dereinst noch zurückkehren, beladen mit der Ausbeute des Morgenlandes und eifrigst beflissen, auf seine Verwandten, zur Entschädigung für sein langes Herumstreichen,

»Mit reichster Hand barbarisch Gold und Perlen«

auszustreuen.

Doch wir müssen zu der verlassenen Gattin zurückkehren. In der plötzlich hereingebrochenen Not blieb Mistreß Lester bloß der Ausweg, sich an ihren Schwager um Hilfe zu wenden, von welchem der Flüchtling allerdings nicht geschieden war, ohne ihn bei mehreren Gelegenheiten für ein solches Ansinnen vorbereitet zu haben. Schnell und edelmütig folgte Rowland dem an ihn ergangenen Ruf, nahm Kind und Frau in sein Haus auf, befreite die letztere von der Verfolgung aller gesetzlichen Schuldforderungen, und nach Verkauf alles noch übrig gebliebenen Eigentums überließ er den ganzen Erlös der verlassenen Familie, ohne seine Ausgaben für sie in Anschlag zu bringen, so wenig er selbst auch in Verhältnissen lebte, die für eine solche aufopfernde Selbsthintansetzung geeignet waren. Die Frau bedurfte übrigens der Freistätte an seinem Herd nicht lange; wenige Monate nach Gottfrieds Entweichung starb die Unglückliche an einem schleichenden Fieber, das Entrüstung und Kummer ihr zugezogen. Ihren Sohn der Fürsorge des gütigen Oheims zu empfehlen hatte sie nicht erst nötig. – Und nun müssen wir denn einen Blick auf die häuslichen Verhältnisse des älteren Bruders werfen.

In Rowland erschien die wilde Art seines Bruders so weit gemäßigt, daß sie in ihm bloß den Charakter eines aufbrausenden Temperaments und fröhlichen Sinnes annahm. Seine Grundsätze waren ebenso streng, als sein Herz warm, und sein feines, festes Ehrgefühl unzugänglich für jede Versuchung. Keine Stunde konnte man mit ihm zusammen sein, ohne wahrzunehmen, daß er ein Mann sei, der Achtung verdiene, und ebensowenig konnte man eine Woche mit ihm verleben, ohne zu fühlen, daß er ein Mensch sei, den man lieben müsse. Auch er hatte sich vermählt, ungefähr ein Jahr nach seinem Bruder, aber nicht wie dieser um äußerer Glücksgüter willen. Seine Neigung hatte sich auf die vermögenslose Tochter eines Mannes seines Standes aus der Nachbarschaft geworfen. Er warb um sie, erhielt ihre Hand und genoß einige Jahre lang jene höchste Glückseligkeit, welche die Welt zu geben vermag – den Umgang und die Liebe eines Wesens, in welchem man keinen Zug anders wünscht und über welches hinaus man keinen Wunsch hat! Aber was Bosheit nicht verderben kann, wird vom Schicksal selten verschont. Wenige Monate nach der Geburt ihrer zweiten Tochter starb Rowland Lesters junge Frau, und im Hause eines Witwers hatten die Gattin und das Kind seines Bruders Hilfe gesucht. Rowland war ein Mann von vollem, innigem Gefühl. Zerbrach ihn auch jener Schlag nicht, so veränderte er ihn doch. Von Natur sprudelnd und feurig, ward seine Stimmung jetzt nüchtern und ruhig. Er entzog sich den ländlichen Festen und Gesellschaften, die er sonst gesucht, die er belebt hatte, und zum erstenmal in seinem Leben empfand der Trauernde die Heiligkeit einsamer Stille. Wie sein Neffe und seine mutterlosen Töchter mehr heranwuchsen, gaben sie seinem abgeschiedenen Treiben wieder einen Anhaltspunkt und seinen schmerzlichen Betrachtungen einen Trost. Er fand ein reines, nie versagendes Vergnügen darin, die Entfaltung der jungen Gemüter zu beobachten und ihre verschiedenen Neigungen zu leiten; und als ihr Alter sie endlich befähigte, seine Liebe zu erwidern, seine Fürsorge zu schätzen, da begann er von neuem zu fühlen, daß er noch eine heimatliche Stätte habe.

Die ältere seiner Töchter, Madeline, hatte zur Zeit, wo unsere Geschichte beginnt, ihr achtzehntes Jahr erreicht. Sie war der Schmuck und der Stolz der ganzen Umgegend. Über die gewöhnliche Größe hinausragend, erschien ihre Gestalt nach reichen, herrlichen Verhältnissen geformt. So durchsichtig rein und zart war ihre Hautfarbe, daß man sie, ohne die frische hochrosige Lippe und den weißen Perlenglanz der Zähne, für ein Zeichen schwächlicher Gesundheit hätte nehmen können. Die tiefblauen Augen hatten einen nachdenkenden, aber heitern Ausdruck; die Stirn, höher und breiter, als bei Frauen die Regel ist, verhieß einen gewissen geistigen Adel und fügte eine, wenn auch ganz in den Grenzen der Weiblichkeit gehaltene, Würde den zarteren Merkmalen ihrer Schönheit bei. Und wirklich entsprach Madelinens eigentümliche Gemütsrichtung der Andeutung ihrer Züge, indem sie außerordentlich sinnig und stets nur auf Hohes gerichtet war. Früh hatte sie eine auffallende Liebe zu den Studien, und nicht nur ein Verlangen nach Wissen, sondern eine Verehrung für die, welche im Besitz desselben waren, bewiesen. Der abgelegene Winkel der Grafschaft, in welchem die Familie wohnte, und die nur selten unterbrochene Abgeschlossenheit, worin Lester, seinen wenigen da und dort zerstreuten Nachbarn gegenüber, sich gewöhnlich hielt, mußte natürlich jedes Glied des kleinen Kreises auf seine eigene Hilfsquellen beschränken. Ein Unfall hatte Madeline vor etwa fünf Jahren für mehrere Wochen, ja Monate im Hause gehalten, und da die alte Halle mit einem ziemlich ansehnlichen Bücherschatz ausgerüstet war, so hatte sie damals jenen Hang zum Lesen und Nachdenken, der sich schon in früheren Jahren vorzeitig ausgesprochen, zur vollen Reife und Ausbildung gebracht. Die weibliche Neigung zum Romanhaften lieh ihren Ansichten den eigentümlichen Anstrich, sie erhob ihren Sinn über das Gemeine, verlieh ihm aber zugleich eine besondere Sanftheit. Ihre um zwei Jahre jüngere Schwester Leonore, oder, um uns fortan des heimischen Ausdrucks zu bedienen, Ellinor, war von ebenso sanftem»aber von weniger schwungvollem Gemüt. Sie blickte zu Madeline wie zu einem Wesen höherer Art empor. Ohne einen Schatten von Mißgunst war sie auf die großartigere, überstrahlende Schönheit der Schwester selbst stolz und ließ sich in Beschäftigung und Neigung von einem Geist leiten, den sie freudig als dem eigenen überlegen anerkannte. Gleichwohl hatte auch Ellinor ihre Ansprüche auf besondere Liebenswürdigkeit – Ansprüche, die von ihrem eigenen Geschlecht vielleicht sogar mit mehr Bereitwilligkeit anerkannt werden mochten, als diejenigen ihrer Schwester. Der Sonnenschein eines frohen, schuldlosen Herzens schimmerte auf ihrem Gesicht und gab ihrem schnell bewegten nußbraunen Auge und ihrem aus tausend Grübchen brechenden Lächeln einen Glanz, dessen Anblick erquickte. Sie war minder hoch gewachsen als Madeline, und obwohl nicht so schmächtig, um die Rundung und Fülle weiblicher Schönheit zu entbehren, erschien ihre Gestalt doch dünner, schwächer und in ihren Verhältnissen minder reich als diejenige der Schwester. Wohl mochte der in ihrer körperlichen Bildung begründete Trieb, sich an fremde Hilfe anzulehnen und nicht auf die eigene Kraft zu vertrauen, auch auf ihr Gemüt einwirken, ihr die Liebe und die Abhängigkeit der Liebe mehr zum Bedürfnis machen, als der gedankenvollen, hochsinnigen Madeline. Die letztere hätte durchs Leben wandeln können, ohne je den einzigen zu finden, dem ihr Herz allein sich zu eigen geben konnte; während vielleicht jedes Dorf einen Helden besaß, den Ellinors Phantasie mit eingebildeten Reizen hätte umkleiden und welchem das Liebebedürfnis ihrer Natur ihre Neigung hätte zuwenden können. Beide besaßen übrigens jene Stärke und Reinheit des Herzens in ausgezeichnetem Grade, wonach sie, vielleicht in gleichem Maße, dem einmal ergriffenen Gegenstande ihrer Wahl, allen Wechseln der Zeit und dem Rande des Grabes zum Trotz, mit unerschütterlicher Treue und Ergebenheit angehangen haben würden.

Ihr Vetter Walter, Gottfried Lesters Sohn, stand jetzt im einundzwanzigsten Jahre, sein Wuchs war schlank und stark, und sein Gesicht, wenn nicht regelmäßig schön, anziehend genug, um für ersteres zu gelten. Hochstrebend, kühn, feurig, ungeduldig; eifersüchtig auf die Zuneigung derer, welchen er wohlwollte; dem äußern Schein nach fröhlich, innerlich aber unruhig, die Veränderung liebend, jener trüben selbstquälerischen Stimmung unterworfen, die man bei jungen heftigen Gemütern so oft findet: – so war Walter Lesters Charakter. – Die Güter der Familie Lester erbten in der männlichen Linie und mußten deshalb auf ihn fallen. Gleichwohl gab es Augenblicke, wo er seine verwaiste, einsame Stellung tief fühlte und mit Schmerz daran dachte, daß, während sein Vater vielleicht noch lebe, er mit seinem Liebesbedürfnis, vielleicht gar mit seinem Unterhalt, an die Güte anderer Leute verwiesen sei. Dergleichen Betrachtungen gaben seinem Benehmen bisweilen einen Anstrich von Starrheit und Trotz, der ihm in Wirklichkeit nicht eigen war. Denn was drückte wohl einem Menschen, der seinen Wert empfindet, einen so unliebenswürdigen Schein auf, als das Gefühl von Abhängigkeit?

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