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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Siebentes Kapitel.

Arams geheime Reise. – Ein Auftritt, welcher der handelnden Personen würdig ist. – Arams Gewandtheit und Macht zu überreden oder sich zu verstellen. – Deren Ergebnis. – Eine furchtbare Nacht. – Arams einsamer Heimritt. – Wem er unterwegs begegnet und was er sieht.

Macbeth.
Jetzt scheint auf einer Hälfte dieser Welt
Erstorben die Natur.
Donalbain.
Die Trennung unsers Schicksals
Wird größere Sicherheit uns beiden geben.
Alter Mann.
Furchtbare Stunden, schauervolle Dinge.
Macbeth.

»Und Sie müssen wirklich nach ++++, um Ihren ungestümen Gläubiger noch diesen Abend zufrieden zu stellen? Der Sonntag ist keine gute Zeit für ein solches Geschäft, doch da Sie ihn mit einer Anweisung bezahlen, hat es nicht viel zu bedeuten, und ich kann Ihre Ungeduld, sich dieser Bürde entledigt zu fühlen, wohl begreifen. Aber es ist schon spät, und muß es einmal sein, so thäten Sie besser, möglichst bald aufzubrechen.«

»Wahr,« entgegnete Aram auf die eben vernommene Bemerkung Lesters, während beide miteinander vor der Hausthür standen. »Aber halten Sie sich auch hinlänglich gesichert gegen etwaige Erneuerung eines Überfalls?«

»Wenn sie kein ganzes Regiment bringen, gewiß! Ich habe einen Teil unserer Wache auf einen Posten gestellt, wo sie kaum wirkungslos sein kann, nämlich in das Haus, statt außerhalb desselben, und ich selbst werde ihnen den größern Teil der Nacht hindurch Gesellschaft leisten. Morgen will ich dann alles, was ich von Wert besitze, nach ++++ (dem Grafschaftsstädtchen) schaffen, samt den unglücklichen Guineen, die Sie mir nicht abnehmen wollen.«

»Die Anweisung, welche Sie mir zu geben die Güte hatten, reicht vollkommen zu meinem Zweck hin,« erwiderte Aram. »Und ist man also den Tag über auf keine weitere Spur über die Urheber der Räubereien gelangt?«

»Auf keine. Morgen werden die Behörden in ++++ zusammenkommen und sich über die zu ergreifenden Maßregeln verständigen. Es ist unmöglich, daß wir die Schurken nicht innerhalb weniger Tage entdecken, vorausgesetzt sie bleiben in dieser Gegend. Ich hoffe zum Himmel, Sie werden ihnen diesen Abend nicht begegnen.«

»Ich mache mich wohlbewaffnet auf den Weg,« antwortete Aram, »und das Pferd, welches Sie mir leihen, ist rasch und kräftig. Somit Adieu für jetzt: ich werde wahrscheinlich diese Nacht nicht mehr nach Grünthal zurückkehren, oder wenn ich komme, wird es zu so später Stunde sein, daß ich dann meine eigene Wohnung aufsuchen werde, ohne Sie in Ihrer Ruhe zu stören.«

»Nein, nein, es ist besser, Sie bleiben in dem Städtchen und kommen erst morgen zurück.«

Um jeder Möglichkeit einer Vermutung über seinen wirklichen Bestimmungsort aus dem Wege zu gehen, ritt Aram absichtlich nach dem erwähnten Städtchen, wo sein vorgeblicher Gläubiger ihn erwartete. Er stieg in einem Wirtshause ab, ging von da fort, als ob er jemand in der Stadt aufsuchte, kam zurück, saß wieder auf und gelangte sofort auf einem bedeutenden Umwege in die Nähe der Gegend, wo er Hausman treffen sollte. Dort bog er in einen langen, dichten Wald ein, band sein Pferd an einen Baum, sah nach der Ladung der Pistolen, die er unter seinem Reitermantel trug, und schritt dann zu Fuß nach dem bezeichneten Orte weiter.

Die Nacht war still und nicht ganz finster, denn obwohl die Wolken dick, waren sie doch zerstreut und ließen manchen Stern durch die dunstige Luft schimmern. Auch der Mond stand am Himmel, aber im letzten Viertel, und bleich und trübe sah sein Antlitz herab, wie er von Wolke zu Wolke wanderte. Es lag im notwendigen Gange unserer bisherigen Erzählung, mehr Arams äußere Erscheinung in seinen schwächeren Augenblicken wiederzugeben, als eine genaue Schilderung, seines Charakters zu liefern, wie wir es wohl gewünscht hätten: sobald er indes einer Gefahr wirklich gegenüberstand, war seine ganze Seele in Waffen, um derselben würdig entgegenzutreten: Mut, Scharfsinn, selbst List erwachten zum Kampf, und der Geist, den er sein Leben lang mit solchem Ernst gepflegt hatte, vergalt ihm in jeder Not mit vollendeter Gewandtheit und unerschütterlicher Kraft. Die Teufelsklippe, wie sie vom Volk genannt wurde, war ein Ort, an den sich manche schauerliche Sagen knüpften, die dem dunkeln Faden unserer Erzählung vielleicht nicht ganz unpassend verwebt würden, falls uns – angenommen, wir teilten die Ansicht einiger unserer Berufsgenossen, die da zu glauben scheinen, ein Roman habe wie ein Bündel Holz um so größeren Wert, je mehr er einzelnes Reisig enthält – der rasche Gang unserer Erzählung solche Einschaltungen gestattete.

Derselbe Bach, welcher den Fluren von Grünthal einen so sanften Reiz aufdrückte, nahm hier einen andern Charakter an. Breit, dunkel und jach wirbelte er durch ein von rauhen, steilen Ufern überhängenes Bett hin. Auf der entgegengesetzten Seite von Arams Weg erhob sich ein beinahe senkrechter Berg, bedeckt mit riesenhaften Tannen und Föhren, die einen deutschen Wanderer an die dunkelsten Schluchten des Harzes hätten erinnern können und wirklich kein unwürdiger Aufenthalt für den wilden Jäger oder für Samiel schienen.

Über diesem Forst schimmerte jetzt der Mond mit dem bleichen, schwachen Licht, das wir bereits erwähnt haben, und senkte dadurch das regungslose düstere Nadelholz in nur noch tiefere Schatten. Unter allen Kindern des Waldes gewährt die Föhre vielleicht den trübsten, ödesten Anblick. Ihre langen Zweige ohne Blatt noch Blüte, ihre tote, düstere, ewig gleiche Farbe, die kein Winter zu verwittern, kein Lenz ins Leben zu rufen scheint, haben, ich weiß nicht was, von einem geheimnisvollen, unnatürlichen Leben an sich. Breitet sich um jedes Gehölz jener horror umbrarum aus, der im tiefen Schweigen der Nacht an feierlichen Schauern noch bedeutend gewinnt, so ist dies ganz besonders der Fall bei jenem trüben Immergrün. Vielleicht daß dieser Eindruck durch den unfruchtbaren, dürren Boden noch vermehrt wird, auf welchem dasselbe, wenn es in größeren Massen beisammen ist, in der Regel vorkommt; und eben die Beharrlichkeit, die Ausdauer, mit der es sein wunderbares, wechselloses Dasein aus den unerquicklichsten Wüsten, dem widerspenstigsten Boden zieht, verstärken, ohne daß wir uns dessen bewußt werden, seine unwillkommene Wirkung auf das Gemüt. Hier aber erhob das unten hinschäumende Gewässer noch die Wildheit des wuchernden Waldgrüns und teilte durch seine schwarzen, hie und da vom Sternenlicht erhellten Fluten, und durch das tiefe Brausen seines zürnenden Laufes dem Ganzen eine noch rauhere, wildere Großartigkeit mit.

Einen schmalen Pfad verfolgend, der durch das hohe nasse Gras beinahe am äußersten Rande des Baches hinführte – denn mit der ganzen Gegend war sein Fußtritt so vertraut wie mit einem Garten – erkannte Aram an dem vermehrten und betäubenden Geräusch des Wassers, daß er nahe an der bezeichneten Stelle sein müsse, und wirklich enthüllte das flimmernde ungewisse Licht gleich darauf die nebelhafte Gestalt eines riesigen Felsens, der sich jäh aus der Mitte des Baches erhob, und in seiner rauhen Nacktheit, seinen gewaltigen Verhältnissen im Dunkel der Nacht einem ungeheuren, mißgestalteten Wassergeschöpf glich, das plötzlich aus der zürnenden unheimlichen Tiefe emporsteigt. Dies war die weit berüchtigte Klippe, die ihren übeln, unheilkündenden Namen einer alten Sage entlehnte. Indem sich der Bach hier mit einem breiten, plötzlichen Schwung umbog, zeigte er dem Wanderer in geringer Entfernung, geisterhaft und undeutlich durch die Finsternis, den mächtigen Wasserfall, dessen Brüllen ihm zur Führung gedient hatte. Nur ein einziger Streifen des gewaltigen Flutensturzes schimmerte im Sternenlicht und gespenstisch glitzerte dieser lange Strich gebrochenen Lichtes über dem zerklüfteten Gestein und dem düstern Grün fort, das beide Seiten des Falles in das vollkommenste, jedes Strahls entbehrende Dunkel hüllte.

Nichts konnte die Einsamkeit, die furchtbare Majestät dieses Ortes übertreffen. Das Gebrüll des Wassers ersetzte dem Ohr, was die Nacht dem Auge entzog. Unaufhörlich und ewig donnerte es hinab in den Schlund, schoß dann aus dem schaurigen Becken wieder hervor, daß es dem Anschein nach einen zweiten Fall bildete, und brauste weiter, bis ihm die düstere steile Klippe entgegentrat, gegen deren Fuß es mit erneuertem Toben anprallte und den schaumigen, zornigen Gischt bis zur Hälfte der grauen Höhe hinaufwarf.

An dieser ernsten, grausenhaften Stelle, wohl geeignet für eine Unterredung der Art, wie sie zwischen Aram und Hausman allein möglich war, welche, was immer das Geheimnis sein mochte, das diese beiden Menschen so seltsam verknüpfte, notwendigerweise gleichfalls den Charakter von etwas Äußerstem, Gesetzlosem an sich zu tragen und Gefahr zum Hauptgegenstand zu haben schien, während sie dem Tode selbst ihre Färbung entnahm: – an dieser Stelle hielt Aram still und sah sich mit einem an Finsternis gewöhnten Auge nach seinem Gefährten um.

Er wartete nicht lange; aus den tiefen Schatten, welche den Raum unmittelbar um den Gießbach her umlagerten, trat Hausman hervor und gesellte sich zu dem Gelehrten. Der betäubende Lärm des Katarakts an dem Orte, wo sie zunächst zusammentrafen, machte jeden Versuch zu einem Gespräch unmöglich. So gingen sie denn dem Laufe des Flusses entlang. eine Stätte zu gewinnen, die weniger im Bereich des verschlingenden Getöses jenes Bergriesen war, der mit seinen gesammelten Wassern wie ein Feind auf das Thal niederstürzte.

Es war bemerkenswert, daß, wie sie vorwärts schritten, Aram mit argloser, ruhiger Haltung auftrat, während Hausman den Weg nicht etwa durch Vorangehen zeigte, sondern denselben nur mit der Hand andeutete, und indem er sich etwas hinter Aram hielt, dessen Bewegungen mit wachsamem, lauerndem Auge beobachtete. Der Gelehrte, der diesen Weisungen zufolge vom Pfade abgewichen war, blieb an einer Stelle, wo das verwachsene Gebüsch jedes weitere Vordringen unmöglich zu machen schien, stehen und sagte, das Stillschweigen hier zum erstenmal brechend: »Wir können nicht weiter; soll dies der Ort unserer Unterredung sein?«

»Nein,« entgegnete Hausman, »es ist besser, vollends durchs Gebüsch zu dringen. Ich kenne den Weg, mag aber nicht vorangehen.«

»Und warum nicht?«

»Die Spuren deines Griffes sind noch an meiner Kehle,« bemerkte Hausman bedeutungsvoll; »du weißt so gut als ich, daß es nicht immer taugt, einen Freund hinter sich zu haben.«

»So laß uns hier bleiben,« antwortete Aram ruhig, indem die Dunkelheit jede Veränderung seiner Züge verhüllte, welche der Verdacht seines Gefährten vielleicht hervorgerufen haben mochte.

»Doch wär' es viel besser,« sagte Hausman unschlüssig, »wenn wir in die Höhle dort unten gelangen könnten.«

»Die Höhle!« rief Aram und fuhr zusammen, als klänge ihm der Laut dieses Wortes fürchterlich.

»Ja doch, ja; aber nicht St. Robertshöhle,« erwiderte Hausman, und das Grinsen seiner Zähne schimmerte durchs Dunkel der Nacht. »Aber komm, gieb mir deine Hand, und ich will's wagen, dich durch das Dickicht zu führen. – Das ist deine linke Hand!« sprach er mit schneidendem bittern Argwohn in der Stimme; »gieb mir die rechte.«

»Wie du willst,« sagte Aram mit gedämpftem aber verständnisvollem Ton, der tief aus seinem Herzen zu kommen schien und denjenigen, an welchen er gerichtet war, einen Augenblick bis ins Gebein durchschauderte; »wie du willst; aber seit vierzehn Jahren habe ich diese Rechte keinem lebendigen Menschen als Pfand des Vertrauens gegeben; du allein verdienst eine solche Aufmerksamkeit – hier!«

Hausman zauderte, ehe er die dargebotene Hand faßte.

»Pfui!« rief er endlich, wie über sich selbst ergrimmt, »was! Schatten sollen mir Angst machen! Komm (die Hand ergreifend), so recht – so, so; jetzt sind wir im Dickicht – tritt fest auf – hier her! – Halt!« fuhr er schwer atmend fort, als ob ein neuer Verdacht ihn packte, »halt! Jetzt können wir nicht einmal einen Schimmer von unsern Gesichtern sehen; aber in dieser Hand, meine Rechte ist frei, hab' ich ein Messer, das mir schon früher Dienste gethan hat, und spür' ich Ursache zur Vermutung, daß du falsches Spiel gegen mich vorhast, so begrabe ich die Klinge in deinem Herzen; verstehst du mich?«

»Thor!« erwiderte Aram verächtlich, »tot würde ich dich mehr fürchten als lebendig.«

Hausman gab keine Antwort, sondern kroch jetzt wieder dem Pfad im Gesträuch nach, den er augenscheinlich wohl kannte, während jeder, der sich nicht zuvor mit der Richtung bekannt gemacht, selbst bei Tage hier keinen Weg auffinden konnte, so dick standen die Bäume und so künstlich waren ihre Zweige in einem Zustand gelassen worden, der den Durchgang verdeckte.

Einige Minuten waren sie schon vorgeschritten und endlich auf einen zerrissenen, ziemlich steilen Abhang gekommen. Diese ganze Zeit hindurch schlug der Puls in der von Hausman umfaßten Hand mit so festem, gleichem Takt wie in der ruhigsten Stimmung einer wissenschaftlichen Arbeit, obwohl Aram sich bewußt sein mußte, daß ein Ausgleiten des Fußes, eine Verwicklung im Dornengebüsch das Messer in seine Brust senken konnte, falls ein solcher Zufall die leicht zu erweckende Besorgnis seines gewissenlosen Begleiters hervorrief. Aber nicht unter dieser Gestalt konnte der Tod Arams Nerven erschüttern, und während seine ganze Seele gegen eine Gefahr sich waffnete, empfand er die andere, die einer weniger gesammelten, weniger kräftigen Natur ebenso nahe und wahrscheinlich hätte scheinen dürfen, kaum. Hausman hielt jetzt an, bog dann die Zweige abermals auseinander, trat noch einige Schritte vorwärts, und mit Recht schloß Aram aus einer gewissen Dumpfheit und Bedrücktheit der Luft, daß sie nunmehr in der Höhle wären, von welcher sein Gefährte vorhin gesprochen.

»Jetzt sind wir angekommen.« sagte Hausman; »aber wart, ich will Licht schlagen, ich liebe die Finsternis nicht, selbst andern Gefährten gegenüber, als dem, mit dem ich mich zu unterhalten jetzt die Ehre habe.«

In wenigen Augenblicken war Licht da, das auf einen Vorsprung in der Höhle gesetzt wurde. Indes ließ der schwache düstere Strahl, den Fleck, auf welchem sie unmittelbar standen, ausgenommen, alles in einer Dunkelheit, die nicht viel weniger dicht war, als die vorhergegangene.

»Bei Gott, es ist kalt,« sagte Hausman schaudernd, »aber du siehst, ich habe Vorsorge getroffen für die Bequemlichkeit eines Freundes.« Mit diesen Worten näherte er sich einem Haufen dürren Holzes und Laubes, der in einem Winkel der Höhle aufgetürmt lag, hielt das Licht an den leicht entzündlichen Stoff und prasselnd stieg das Feuer auf, tausend Funken von sich sprühend und allgemach von den Rauchwolken, die es anfangs einhüllten, sich befreiend. Jetzt war es zu einer rötlichen, hellen Flamme emporgewachsen, und der warme Glanz spielte malerisch an den grauen Wänden der Höhle, die von bröcklicher Bildung und ziemlich klein war und warf ihr rotes Licht über die Gestalten der beiden Männer.

Hausman stand hart neben dem Feuer und hielt die Hände darüber ausgebreitet; eine Art von trotzigem Wohlbehagen schlich sich über das widerwärtige, Unheil drohende Gesicht, als er den tierischen Genuß der Wärme empfand.

Um den Leib trug er einen breiten ledernen Gurt, der ein Paar große Reiterpistolen und das Messer oder vielmehr den Dolch, mit welchem er Aram gedroht hatte, enthielt – ein zweischneidiges Instrument von beinahe einem Fuß Länge. Dazu diese breite, kräftige Gestalt, diese harten, verwitterten Züge und ein gewisser frecher, herausfordernder Ausdruck, den seine ganze Gestalt und Haltung in unbeschreiblicher Weise zur Schau trug, konnte man sich unmöglich einen geeigneteren Bewohner für diese schaurige Höhle, unmöglich jemand denken, der friedlichen Menschen wie Eugen Aram gerechtere Besorgnisse hatte erwecken dürfen.

Der Gelehrte stand in kleiner Entfernung von ihm, wartend, bis der Gefährte gänzlich bereit für die Unterredung sein würde und lehnte sich, das bleiche edle Antlitz in seine gewöhnliche, in solchem Augenblick aber fast übernatürliche Ruhe versunken, mit gekreuzten Armen gegen die rauhe Wand. Das Licht schien auf sein dunkles Gewand, von welchem der zierliche Reitermantel, wie man sie damals trug, halb zurückgeschlagen war und die Pistolen im Gurt samt dem Degen sehen ließ, eine Waffe, die zu jener Zeit zwar von allen, welche einen höheren Rang in Anspruch nahmen als die niederen und gewerbtreibenden Stände, getragen, von Aram aber, sofern sie nur eine Auszeichnung andeutete, in der Regel weggelassen wurde und, nur jetzt zur Verteidigung mitgenommen worden war. Nichts konnte ergreifender sein, als der Gegensatz zwischen den brutalen Formen seines Begleiters und der zarten, fein gebildeten Schönheit des Gelehrten, mit jenem Ausdruck von trauerndem Tiefsinn und klarem Bewußtsein der Überlegenheit und dem schlanken aber gleichwohl nervigen Ebenmaß seiner Gestalt.

»Hausman,« sagte Aram vortretend, als sein Gefährte das Gesicht endlich von der Flamme ab- und auf ihn zuwandte, »bevor wir auf den Hauptgegenstand unserer Unterredung kommen, sage mir, warst du Teilnehmer an dem Angriff, der vorige Nacht auf Lesters Haus gemacht wurde?«

»Beim höllischen Feind, nein!« erwiderte Hausman, »und nicht früher als diesen Morgen hab' ich von der Sache Kunde erhalten; sie ward erst wenige Stunden vor der Ausführung aus dem Stegreif entworfen, und die beiden Narren allein hatten damit zu thun. Der Hergang ist der: ich und der größere Teil unserer kleinen Bande waren mehrere Stunden von dort im westlichen Teil der Grafschaft an der Arbeit, zwei – unsere allgemeinen – Kundschafter kamen aus eigenem Antrieb in eure Nähe, um sich etwas umzusehen. Lesters Haus hatten sie sich bei Tage gemerkt und durch unverdächtiges Nachfragen im Dorf – beide waren als Fuhrleute verkleidet und die Sache überhaupt, wie ich aus früherer Erfahrung selbst bezeugen kann, sehr leicht – hatten sie verschiedene Umstände herausgebracht, aus welchen sie schlossen, das Haus möchte wohl genug enthalten, um die Mühe eines Einbruchs zu lohnen. Auf einem Gange über die benachbarten Felder hatten sie überdies gehört, wie der gute Herr des Hauses zu einem seiner Nachbarn von einer bedeutenden Summe sprach, die er liegen habe, ja wie er diesem sogar den Ort beschrieb, wo sich dieselbe befände. Dies bestimmte sie; sie besorgten (wie darauf der Alte auch wirklich hingedeutet hatte), die Summe möchte den andern Tag fortgeschafft werden. Über das Haus hatten sie sich hinreichend unterrichtet, um den gegebenen Fingerzeig benutzen zu können. So entschlossen sie sich also allein, denn es war zu spät, uns um unsere Hilfe anzugehen, in das Zimmer einzubrechen, worin das Geld lag, nahmen sich jedoch, weil in dem erschreckten Dörfchen alles zur Wachsamkeit aufgeregt worden und im Hause selbst Leute wohnten, die einen tüchtigen Widerstand leisten konnten, vor, einen weitern Raub zu versuchen. Sie rechneten auf die Heftigkeit des Sturmes und die Dunkelheit der Nacht als hinlängliche Schutzmittel, um weder gesehen noch gehört zu werden; sie irrten sich – das Haus kam in Alarm, sie waren nicht sobald in dem unglücklichen Zimmer, als –«

»Gut, ich weiß das übrige. Wurde der eine von ihnen gefährlich verwundet?«

»O, wird aufkommen, wird aufkommen: unsere Leute sind keine jungen Hühnchen. Ich gesteh' jedoch, daß ich deinen Verdacht, ich könnte Teil an dem Angriff gehabt haben, natürlich finde; aber wenn ich dich auch, wie ich früher gesagt, nicht liebe, möcht' ich doch unser Verhältnis nicht so verderben, wie eine Gewaltthat im Hause deines Schwiegervaters dies begreiflicherweise thun würde – wenigstens nicht so lange die Thür zu einem freundschaftlichen Vergleich zwischen uns noch offen ist.«

»Ich bin damit zufrieden,« sagte Aram, »und kann nun mit minderem Argwohn gegen dich unterhandeln. Ich sage dir, Hausman, daß die Bedingungen nicht mehr in deiner Gewalt stehen; du mußt diese Gegend des Landes verlassen und zwar sogleich, oder du bist unvermeidlich verloren. Die ganze Bevölkerung ist in Aufruhr und bereits hat man nach den Wachsamsten unter der londoner Polizei gesandt. Das Leben ist dir so süß wie uns allen, und ich kann mir nicht vorstellen, daß du wahnsinnig genug seiest, dich – nicht etwa in die Gefahr – sondern in die Gewißheit zu stürzen, dieses Leben zu verlieren. Du kannst deshalb die Drohung deiner Gegenwart nicht länger über meinem Haupt schweben lassen. Überdies, wärst du je fähig, so etwas zu thun, so bleibt mir selbst, was du vergessen zu haben scheinst, immer die Gewalt, mich von solcher Last zu befreien. Bin ich an jene Thäler gekettet? Kann ich sie nicht jeden Augenblick wo ich will verlassen? Kann ich nicht einen Schlupfwinkel suchen, der nicht nur deine Bemühungen zu meiner Entdeckung, sondern selbst diejenigen des Gesetzes vereiteln dürfte? Wahr ist, daß meine bevorstehende Heirat ein Gewicht an meine Flügel hängt; aber du weißt, daß unter allen Menschen ich vielleicht am wenigsten zum Sklaven einer Leidenschaft gemacht bin. Und welche Bande wären stark genug, die Schritte dessen aufzuhalten, der vor einem furchtbaren Tode flieht? Sind das Spitzfindigkeiten, Hausman? Ist nicht die Vernunft auf meiner Seite?«

»Was du sagst, ist richtig genug,« erwiderte Hausman mit einigem Zögern, »ich kann es nicht leugnen. Aber ich weiß, daß du mich nicht an diesem Ort und zu dieser Stunde aufgesucht hast, um meine Forderungen abzuweisen. Nur der Wunsch zu einem Vergleich kann dich hierhergeführt haben.«

»Du hast recht,« entgegnete Aram, indem er seine bewunderungswürdige Kaltblütigkeit beibehielt und in der tiefangelegten, schlauen Verstellung fortfuhr, durch welche er die hündische Habgier, den Spürsinn des Eigennutzes, gegen welche er anzukämpfen hatte, zu überwinden suchte. »Es ist keinem von uns beiden leicht, den andern zu hintergehen. Wir sind Menschen, deren Einsicht ein Leben voll Gefahr nach allen Seiten hin geschärft hat; ich spreche offen gegen dich, weil Verstellung hier nichts helfen würde: Obwohl ich aus deinem Bereich fliehen – obwohl ich meine jetzige Heimat und die mir bestimmte Braut verlassen kann, möcht' ich doch, ich gesteh' es, gern freie Wahl behalten, auf demjenigen Lebenspfad und Schauplatz zu verharren, den ich mir nun einmal ausersehen habe – möcht' ich doch gern von jeder möglichen Besorgnis in Bezug auf dich frei sein. Es giebt nur zwei Wege, auf welchen ich diese Sicherheit erlangen kann: der erste ist durch deinen Tod; – nein, erschrick nicht, leg' die Hand nicht an deine Pistole; jetzt hast du keine Ursache mich zu fürchten. Hätt' ich dieses Auskunftsmittel erwählen wollen, so hätt' ich meine Absicht schon längst ins Werk setzen können. Als du vor einigen Monaten unter meinem Dache schliefst – ja schliefst – was hätte mich da hindern können, dir während des Schlafs den Dolch ins Herz zu stoßen? Vor zwei Abenden, als mein Blut kochte und Wut über mich gekommen war – was hätte mich abhalten können, die Hand, deren Spuren du jetzt noch trägst, fester zusammenzuziehen und dich erstickt zu meinen Füßen zu legen? Ja, selbst jetzt, obwohl du dein Auge auf jeder meiner Bewegungen, deine Hand auf deiner Waffe hast, möchte ein Kampf gegen einen verzweifelten und entschlossenen Mann, der schließlich lieber im Kampfe mit dir, als durch die späte Erfüllung deiner Drohungen zu Grunde gehen wollte, nicht zu deinem Besten ausfallen. Deine Kugel könnte fehlen – (ich sehe, daß deine Hand eben jetzt zittert) – die meinige bringt, sobald sie es will, gewissen Tod. Nein, Hausman, so wenig dein Auge den dunklen Schlund messen kann, in dessen Schoß jener Wasserfall seine Fluten hinabstürzt, so unmöglich ist es für deinen Verstand, die Tiefen meines Gemütes und meiner Beweggründe zu durchschauen. Ein Mord an dir, wenn auch in Verteidigung meiner selbst begangen, würde ein Gewicht auf meine Seele legen, unter welchem sie ewig versänke. Durch deinen Tod würde ich nur neue Wahrscheinlichkeiten einer Entdeckung vor mir sehen. Die Schrecken, die der Mord bringt, können nicht abgekauft, durch keine Drohung zur Ruhe gebracht werden; von einer Gefahr geriete ich nur in die andere und des Gesetzes furchtbare Rache würde mich in der letztem Gefahr sicherer erreichen als in der erstern. Sei also ruhig über diesen Punkt! Vor meiner Hand bist du, du müßtest sie denn selbst in tollem Wahnsinn gegen dich nötigen, vollkommen geborgen. – Kommen wir also auf die zweite Art, wie sich Sicherheit für mich erlangen läßt. Diese liegt etwa nicht darin, daß du für den Augenblick von meiner Verfolgung nachlässest oder dich bloß aus dieser Gegend entfernst. Das ganze Land mußt du verlassen – niemals wieder darfst du in dasselbe zurückkehren – deine Wohnstätte muß auf fremdem Boden aufgeschlagen, dein Grab in fremder Erde gegraben werden. Bist du dazu bereit? Wenn nicht, so kann ich nichts weiter sagen und werfe mich von neuem widerstandslos in die Arme des Schicksals.«

»Du forderst,« erwiderte Hausman, dessen Besorgnis durch Arams Rede sich gelegt hatte, wiewohl im nämlichen Augenblicke seine zügellose, wilde Natur durch die Ruhe des höheren Geistes, der sie gegenüberstand, unwillkürlich überwältigt und bemeistert worden war: – »du forderst,« sprach er, »keine geringe Gunst von einem Menschen, wenn du verlangst, daß er seine Heimat auf ewig verlasse; aber ich bin nicht der Träumer, dem ein Ort lieber Ware als der andere. Vielleicht würde ich ein fremdes Land, als das sicherere und freiere von alten Erinnerungen, sogar vorziehen, wenn ich dort leben könnte, wie es einem Mann angemessen ist, der des Lebens Güter liebt. Zeige mir Vorteile, die ich durch eine Verbannung gewinne und ich sage Englands bleichen Küsten für immer lebewohl!«

»Deine Forderung ist gerecht,« entgegnete Aram, »höre mich also an: Ich bin bereit, meine ganze kleine Habe, lediglich mit Vorbehalt desjenigen, was zur Erhaltung des nackten Lebens unentbehrlich ist, zu Geld zu machen, ja, ich bin sogar erbötig, all das, was ich möglicherweise von andern erwarten kann, in ein Jahrgeld für dich umzusetzen. Aber merke dir, es wird aus meinen Händen gegeben, so daß dir fürder keine Gewalt über mich zusteht, die hierüber festgesetzten Bedingungen umzuändern. Die Einrichtung soll so getroffen werden, daß die Zahlung in dem Augenblick beginnt, wo du ein fremdes Land betrittst, und ganz und für immer aufhört im Augenblick, wo du deinen Fuß auf irgend einen Teil des englischen Bodens setzest, oder auch im Augenblick meines Todes. Auf diese Art erlang' ich die Gewißheit, daß fortan keine Hoffnung auf mich dich verleiten kann, dieses Einkommen aufs Spiel zu sehen, denn da ich mein ganzes Vermögen daran gebe, kann dir der Gedanke nicht kommen, mir mehr abpressen zu wollen und ebenso gewiß werd' ich sein, daß du mein Leben nicht in Gefahr bringst, denn mein Tod würde dein Vermögen zertrümmern. So werden wir getrennt und sicher voneinander leben; du wirst alle Ursache haben, meine Erhaltung zu wünschen und ich werde keinen Grund haben, bei der deinigen zu schaudern. Nur einen Weg gäbe es dann noch, der mir Besorgnisse erregen könnte, nämlich daß du dir in deiner Sterbestunde die fruchtlose Rachelust beikommen lassen könntest, gegen mich zu zeugen. Dieser Möglichkeit muß ich mich indes geduldig unterwerfen: du, wenn auch älter, bist stärker und fester gebaut als ich – dein Leben wird das meinige wahrscheinlich überdauern; und sollte es selbst anders sein, warum sollten wir einander ins Verderben stoßen? Auf meinem Totenbett dein Geheimnis zu bewahren, will ich feierlich beschwören: warum solltest du nicht deinerseits, ich will nicht sagen schwören, aber wenigstens den Entschluß fassen, das meinige zu bewahren? Wir können einander nicht lieben: aber warum einander mit vergeblichem, teuflischem Rachegeist hassen? Nein, Hausman, wie auch die Umstände dein Herz verdunkelt oder verhärtet haben mögen, es hat ein Gefühl für Menschlichkeit. – Du wirst mir fortan ein sicheres, behagliches Leben verdanken – wirst fühlen, daß ich mir alles bis zum Darben entzog, um dir damit eine Gemächlichkeit zu erkaufen, die ich dir mit Freuden überlasse – wirst dich erinnern, daß ich mich, statt der Opfer, die ich mir durch diese Wahl auflege, begnügt haben könnte, deine Drohungen durch einen Angriff auf ein Leben zu vereiteln, das du zu einem Fallstrick und einer Folter für das meinige zu machen bemüht warst. Daran wirst du denken und mir die strenge, düstere Einsamkeit, in der ich ein Vergessen des Vorgefallenen suche, wirst mir den einzigen Trost nicht verbittern, durch den ich meinen Pfad in ein ruhiges Grab aufzuheitern ringe. Nein, Hausman, nein: verwünsche, hasse, bedrohe mich, wie du willst – bei alledem fühle ich, daß ich nicht Ursache haben werde, einen bloßen Mutwillen deines Rachegefühls zu fürchten.«

Diese Worte, unterstützt durch einen Ton der Stimme und einen Ausdruck des Gesichts, die ihnen vielleicht ihre größte Wirkung verliehen, packten selbst Hausmans verhärtete Seele wie durch plötzlichen Überfall. Es ergriff ihn eine Rührung, die er nimmermehr durch einen Menschen für möglich gehalten haben würde, der ihn bis jetzt durch die demütigende Weise, womit er ihn seine geringere Natur fühlen ließ, fortwährend erbittert hatte. Er reichte Aram die Hand.

»Bei – –,« rief er mit einem Fluch aus, den wir dem Leser ersparen, »du hast recht! du hast mich so widerstandslos in deinen Händen gemacht wie ein Kind. Ich nehme dein Erbieten an – schlug' ich's aus, so blieb ich zu dem Lebenswandel genötigt, den ich jetzt führe. Aber siehst du, ich kenne den Betrag des Jahrgeldes, das du mir aussetzen kannst, nicht; gleichwohl verlange ich nicht mehr, als zur Befriedigung von Bedürfnissen hinreicht, die, wenn sie auch nicht so gering wie die deinigen, mindestens nicht sehr übertrieben oder sehr verfeinert sind. Was das übrige betrifft, falls du noch etwas darüber hinaus haben solltest, so behalte das in Gottes Namen für dich selbst und sei versichert, daß, was mich anbelangt, du künftig nicht mehr belästigt werden wirst.«

»Nein, Hausman,« sagte Aram mit halbem Lächeln, »du sollst alles haben, was ich zuerst angab, d. h. ehrlich und vollständig alles, was nicht zu den unentbehrlichsten Erfordernissen der Natur gehört. Die besten Entschlüsse des Menschen sind schwach; wüßtest du, daß ich noch etwas übrig habe, so könnte dich ein eingebildetes Bedürfnis, eine augenblickliche Ausschweifung verführen, es von mir zu verlangen. Wenden wir die Möglichkeit solcher Verführung von uns! Aber schmeichle dir nicht mit der Hoffnung, daß das Jahrgeld fürstlich sein werde. Mein eigenes Einkommen ist nur gering und die Hälfte des Heiratsgutes, das ich von meinem künftigen Schwiegervater erwarte, ist alles, was ich für jetzt erhalten kann. Dieses ganze Heiratsgut ist keine bedeutende Summe. Indessen wenn es für dich nicht hinreicht, so muß ich anderwärts fordern oder borgen.«

»Nun, das ist immer ein angenehmerer Weg, Geschäfte abzumachen,« sagte Hausman, »als mit Drohen und Zürnen, und so will ich dir denn genau die Summe angeben, bei deren jährlicher Beziehung ich leben könnte, ohne über den Wegweiser des Gesetzes hinaus mich nach mehr umzusehen – die Summe, bei welcher ich England mit freudigem Herzen entsagen und den ›ehrlichen‹ Mann anfangen könnte. Von diesem Betrag aber, verstehst du, müßte die Hälfte auf meine kleine Tochter ausgestellt werden.«

»Was, hast du ein Kind?« fragte Aram lebhaft, sehr erfreut, ein weiteres Pfand für seine eigene Sicherheit zu entdecken. »Ja. ein kleines Mädchen, mein einziges, acht Jahre alt. Sie lebt bei der Großmutter, denn sie ist mutterlos und das Kind darf nicht ohne alles Geld bleiben, wenn ich vor der Zeit abberufen werden sollte. In etwa zwölf Jahren – denn 's arme Hannchen verspricht hübsch zu werden – kann sie durch eine Heirat meiner Fürsorge enthoben sein, aber ihre Kindheit darf der Möglichkeit des Bettels oder der Schande nicht ausgesetzt bleiben.«

»Gewiß nicht, gewiß nicht! – Wer will jetzt noch behaupten, daß in dem Menschen je alles Gefühl ersterbe?« – rief Aram. »Die Hälfte des Fahrgeldes soll für sie ausgesetzt werden, falls sie dich überlebt, aber unter denselben Bedingungen, so daß die Zahlung mit meinem Tode oder im Augenblick, wo du nach England zurückkehrst, aufhört. Und nun nenn' mir die Summe, mit welcher du dich zufrieden geben willst.«

»Nun,« sagte Hausman, indem er murmelnd an den Fingern herzählte, »zwanzig – fünfzig – Wein und Dirnen wohlfeil in der Fremde – hm! hundert zum Leben und halb so viel, um mich lustig zu machen! Na, Aram, hundertundfünfzig Guineen jährlich englisches Geld werden für ein Leben im Ausland hinreichen – du siehst, ich bin leicht zufriedengestellt.«

»Sei es so,« sagte Aram, »ich verpflichte mich, dir so viel auf dem einen oder andern Wege zu verschaffen. Zu diesem Zweck reis' ich morgen nach London; ich werde keinen Augenblick verlieren, um die nötigen Einrichtungen, unserer Abrede gemäß, zu treffen. Inzwischen aber mußt du dich verbindlich machen, diese Gegend zu verlassen und womöglich deine Kameraden vermögen, dasselbe zu thun – obwohl du deiner eigenen Sicherheit wegen nicht zaudern wirst, dich in kürzester Zeit von ihnen zu trennen.«

»Jetzt, da wir auf gutem Fuß miteinander stehen,« antwortete Hausman, »trag' ich kein Bedenken, dir durch Angabe folgender Umstände Freude zu machen: Meine Kameraden selbst beabsichtigen, die Gegend vor dem morgenden Tage zu verlassen, ja die Hälfte ist schon fort; mit Tagesanbruch werd' auch ich bereits einige Stunden von hier weg sein und mich von ihnen allen getrennt haben. – Treffen wir beide uns in London, wenn das Geschäft in Ordnung ist, und sehen wir uns dort zum letztenmal auf Erden.«

»Wo wirst du zu erfragen sein?«

»In Lambeth ist ein schmales Gäßchen, das nach der Themse führt, es beißt Beveril Lane; das letzte Haus rechter Hand ist meine gewöhnliche Unterkunft; eine sichere Wohnstätte zu jeder Zeit und für jedermann.«

»So will ich dich da aufsuchen. Und nun, Hausman, gehab dich wohl! So wie du deines Wortes gegen mich gedenkst, so möge deines Kindes Leben glücklich verfließen.«

»Eugen Aram,« hob Hausman noch einmal an, »es ist etwas in dir, wogegen sich der grimmige Teufel in meiner Brust vergebens aufzulehnen versucht. Ich habe gelesen, der Tiger könne durch das menschliche Auge in Furcht gehalten werden – du nötigst mich durch einen ebenso unerklärlichen Zauber zur Unterwürfigkeit. Du bist ein sonderbarer Mensch und es scheint mir ein Rätsel, wie wir je in diese Verbindung miteinander kommen konnten, oder wie – doch wir wollen das Vergangene nicht wieder ins Leben rufen; es ist ein garstiger Anblick und das Feuer ist eben ausgegangen. Solche Geschichten taugen nicht fürs Dunkel. Aber auf die Sache zurückzukommen: jetzt kannst du, wäre es auch nur um meines Kindes willen, auf mich rechnen; zudem ist eine solche Anordnung besser, als wenn ich eine größere Summe in die Hand bekäme, zu deren schneller Vergeudung mir die Versuchung vielleicht nicht fehlte, so daß, während ich mich nach mehr umsähe, mein Hals sich in einen Strick verfangen könnte, und das arme Hannchen von Almosen leben müßte. Aber komm, es ist hier beinahe wieder Nacht geworden, und ohne Zweifel möchtest du jetzt gern fort. Halt, ich will dich zurückführen und auf den rechten Weg bringen, damit du nicht auf meine Freunde stößt.«

»Ist diese Höhle einer von ihren Schlupfwinkeln?« fragte Aram.

»Bisweilen; aber heute schlafen sie auf der andern Seite der Teufelsklippe. Nichts besser für ein langes Leben als ein häufiger Wechsel der Wohnung – he?«

»Und sie sehen deine Abwesenheit ohne Bedenken?«

»Ja, wenn sie nur selten und unter der Ausrede von Familiengeschäften vorkommt. – Nun deine Hand, wie vorhin. Jesus! Wie es regnet – und Wetterleuchten dazu – ich könnte mit weniger Herzklopfen auf eine entblößte Klinge sehen, als auf diese rothen, zackigen, blendenden Blitze – horch! es donnert.«

Wirklich hatte die Nacht plötzlich ein anderes Ansehen gewonnen; in Strömen goß der Regen herab, mit noch größerer Heftigkeit als nachts zuvor, während der Donner, wie beide durch das Gebüsch hinaufklimmten, gerade über ihren Scheiteln rollte. Jeden Augenblick brach ein Strahl aus der gespaltenen Kluft der wie eine feste Masse über ihnen hängenden Finsternis, erleuchtete den ganzen Himmel mit bleicher, grauenhafter Flamme, und zeigte den zwei Männern ihre Gesichter, die in der fahlen Helle tot und gespenstartig erschienen. Hausman war sichtbar von der Angst ergriffen, die zuweilen selbst die trotzigen Bösewichter unter der Übermacht jener furchtbaren Zeichen des Himmels erfaßt, welche die Kraft und den Zorn des Menschen zum Nichts zu erniedrigen scheinen. Seine Zähne klapperten und er murmelte nur abgebrochene Worte über die Gefahr nahe an Bäumen hinzugehen, wenn der Blitz ein so zackiges Aussehen habe. Bei jeder solchen Äußerung verdoppelte er den Schritt und unterbrach sich bisweilen mit einem Ausruf, der halb Fluch halb Gebet war, oder mit einem Glückwunsch an sich selbst, daß der Regen wenigstens die Gefahr vermindere. Bald waren sie durch das Dickicht und nach wenigen Minuten standen sie wieder an den Ufern des Waldbaches, unfern dem Wasserfall, der jetzt mit verstärktem Gebrüll herabstürzte. Nichts auf Erden mochte vielleicht die schaurige Erhabenheit dessen überbieten, was sie nunmehr sahen: – Jeden Augenblick verwandelte der immer häufiger kommende Blitz die schwarzen Gewässer in brennendes Feuer, oder schlängelte sich in bläulichen Bogengewinden um die gewaltige auf kurze Augenblicke sichtbar werdende Klippe; dann wieder warf er, indem der Donner oben fortrollte, seine vergebliche Wut auf den herabströmenden Wasserfall und den zerrissenen Schoß des Schlundes, der unten brauste. Und noch erschreckender und drohender, als was das Auge erblickte, war das Getöse in der Luft: – das Schwanken, Ächzen und Krachen der Tannen auf dem Berge, die wilde Gewalt, womit der Regen auf den sprudelnden Bach niederplatschte, das fortwährende Gebrüll des Wasserfalles, von Zeit zu Zeit durch die noch grauenhaftere Stimme beantwortet, die oben aus den Wolken brach.

Sie hielten an, als sie noch weit genug von dem Wasserfall entfernt waren, um einander verstehen zu können. »Mein Weg,« sagte Aram, als der Blitz einen Augenblick über der Stelle weilte und die dunkle Gestalt des Gelehrten mit der ruhig erhobenen Hand und den bleichen aber furchtlosen und gefaßten Zügen im eigentlichen Sinn in ein fahles Leichentuch zu hüllen schien – »mein Weg geht dort hinaus; in einer Woche treffen wir uns wieder.«

»Beim höllischen Feind,« sagte Hausman schaudernd, »um keine hundert Pfund möchte ich allein über das Moor hinreiten über welches dich der Weg führt. Es steht dort ein Galgen an der Straße, an welchem ein Vatermörder in Ketten aufgehängt ist. Bitt' den Himmel, daß diese Nacht kein Vorzeichen für den Vertrag sein möge, den wir jetzt abgeschlossen haben.«

»Ein festes Herz, Hausman,« erwiderte Aram, indem er in seinen Pfad einbog, »ist sein eigenes Vorzeichen.«

Bald gelangte der Gelehrte an den Ort, an welchem er sein Pferd gelassen. Das Tier hatte keinen Versuch gemacht, die Zügel zu zerreißen, zitterte aber an allen Gliedern, und bezeugte durch ein kurzes schnelles Wiehern die Freude, mit welcher es seinen Herrn kommen und sich fortan nicht länger allein sah.

Aram saß auf und eilte noch einmal der großen Landstraße zu. Kaum fühlte er den Regen, obwohl der tobende Wind ihn gerade auf seinen Weg zutrieb; kaum bemerkte er den Blitz, obwohl dieser seine Pfeile oft nach ihm selbst zu schnellen schien: sein Herz war vertieft in das Gelingen seines Anschlages.

»Mag der Sturm da draußen heulen,« dachte er, »der Sturm im Innern hat jetzt wenigstens Ruhe. Mitten unter dem Wind und Regen kann ich freier atmen, als ich's am heitersten Sommertage vermocht. Durch den Zauber eines tieferen Geistes und einer gewandteren Zunge hab' ich diesen drohenden Feind besiegt; zum Schweigen gebracht hab' ich diesen verhärteten Ausspürer meiner Seele und dem Himmel sei Dank, auch er hat seine menschlichen Regungen, und an diesen Regungen halt' ich ihn! Ich eile jetzt nach London – bringe dieses Jahrgeld in Ordnung – sorge, daß das Gesetz jeden Faden des Vertrages straff anzieht und wenn alles geschehen und dieser gefährliche Mensch in seine Verbannung abgegangen ist, kehr' ich zu Madeline zurück und weih' ihr ein Leben, das nicht länger dem Zufall und der Stunde knechtisch angehört. Aber ich habe Vorsicht gelernt. So sicher mich meine Klugheit gegen künftige Besorgnisse vor Hausman gestellt haben mag, will ich mich doch seiner Macht gänzlich entziehen. Dennoch will ich meinen früheren Plan ausführen, will einen neuen Namen annehmen und einen neuen Schlupfwinkel suchen. Madeline darf die wahre Ursache nicht erfahren, aber dieses Gehirn ist an Vorwänden nicht arm.« Indem er hier seinen Mantel dichter um sich zog, spürte er auf der Brust die Börse, welche die von Lester erhaltene Anweisung enthielt. »Ha!« sagte er, »diese wird jetzt das Ihrige dazu beitragen, nicht augenblicklichen Aufschub, sondern das Jahrgeld für ewiges Stillschweigen einzulösen. Leichter als ich es erwartet, bin ich durch diese Feuerprobe gekommen. – Seine Abwesenheit ist so notwendig, daß wenn der Dämon in ihm auch schwerer zu beschwichtigen gewesen wäre, ich dieselbe um jeden Preis hätte erkaufen müssen. Mut, Eugen Aram! dein Geist, für welchen du gelebt und für welchen du deine Seele aufs Spiel gesetzt hast – wenn Seele und Geist voneinander verschieden sind – dein Geist kann dich noch durch manche Gefahr tragen. Nimmermehr wird es dir, solange du nicht von seiner Höhe herabsinkst, an Verteidigung fehlen.« – »Wie freudig,« murmelte er nach einer augenblicklichen Pause, »wie freudig will ich, um sicher zu sein und ruhigen Herzens die Luft, worin Madeline weilt, atmen zu können, mich alles dessen, was nicht zum unentbehrlichen Bedürfnis gehört, entschlagen. Und – so bedürftig wie früher kann ich jetzt nicht mehr werden. Wer die Quellen jedes Wissens kennt, aus welchem Reichtum hervorgeht, der gebietet über den Reichtum selbst.«

Von Zeit zu Zeit in diese Selbstgespräche ausbrechend, fuhr Aram fort, gegen den Sturm anzureiten, bis er die Hälfte seines Weges zurückgelegt hatte und auf ein langes, bleiches Moor gekommen war, das den Anfang zu dem schönen Landstrich bildete, in welchem die Fluren von Grünthal gebettet lagen. Stärker und stärker kam der Regen, und obwohl die Gewitterwolken nunmehr hinter ihm waren, folgten sie in ihrem schwarzen Zuge doch noch drohend dem Pfade des einsamen Reiters.

Jetzt aber vernahm er nahenden Hufschlag; er lenkte sein Roß auf die eine Seite der Straße und bei der Helle, die ein breiter Blitzstrahl in diesem Augenblick um ihn her warf, wurde er vier Reiter gewahr, die im gestreckten Galopp dahergesprengt kamen. Sie waren bewaffnet und sprachen laut miteinander – ihre Flüche hallten vernehmbar und mißtönig durch die feierlichen, zürnenden Stimmen der Nacht. Wie sie an dem Gelehrten vorüberjagten, hatte er die Hand an der Pistole, denn in einem der viere erkannte er den Mann, der unverwundet aus Lesters Hause entkommen war. Er und seine Gefährten gehörten also augenscheinlich zu Hausmans verwegener Bande. Auch sie, wiewohl sie an Aram in zu schnellem Lauf vorbeikamen, um ihre Pferde plötzlich anhalten zu können, hatten den einsamen Wanderer bemerkt, warfen jetzt die Tiere herum und riefen ihm ein Halt zu.

Der Blitz war vorüber und die Dunkelheit entzog die Räuber und ihr beabsichtigtes Opfer gegenseitig den Blicken. Aber Aram hatte keinen Moment verloren; rasch flog sein Pferd über das Moor hin, und als er beim nächsten Blitzstrahl zurücksah, ward er gewahr, daß die Frevler, die sich selbst um einer Beute willen den Schrecken der Nacht nicht aussetzen mochten, ihm nur wenige Schritte gefolgt waren und dann wieder umgewandt hatten. Noch immer jagte er vorwärts und war jetzt bald über das Moor hinüber; hinten rollte der Donner schwächer und schwächer und nur in längern Zwischenräumen zuckte das Leuchten des Gewitters, als es nach einer ungewöhnlich langen Pause die ganze Gegend plötzlich in eine weniger blendende aber fahlere Helle setzte, als bisher der Fall gewesen. Das Pferd, das bis jetzt ohne scheu zu werden oder einen Fehltritt zu thun, fortgerannt war, fuhr in jähem Schrecken zurück und der Reiter, nach der Ursache aufschauend, erblickte das Hochgericht, wovon Hausman gesprochen, unmittelbar vor sich. Der gespenstische Leichnam bewegte sich hin und her, indem der Wind durch das dürre, ausgetrocknete Gebein klapperte; und wie im Hohn starrte das furchtbare Grinsen des Schädels auf Aram herunter.

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