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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Drittes Kapitel.

Neuer Schrecken im Dorf. – Lesters Besuch bei Aram. – Ein Zug zartsinniger Liebe in dem Gelehrten. – Madeline. – Ihre Zuversichtlichkeit. – Gespräch zwischen Lester und Aram. – Die Leute, durch welche dasselbe unterbrochen wird.

Nicht eigne Furcht, nicht der prophet'sche Schauer
Der Welt, die von der Dinge Zukunft träumt,
Kann je bewält'gen meiner Liebe Dauer.
Shakespeares Sonette.

Empfehlt mich ihrer Lieb'; und ich sei stolz,
Daß die Gelegenheit sich fand, um
Darlehn An Geld sie anzusprechen: mein
Ersuchen Fünfzig Talente.
Timon von Athen.

Am Nächsten Morgen war das ganze Dorf auf den Beinen, von Schrecken und Bestürzung geschäftig bewegt. Ein anderer noch verwegenerer Raub war in der Nähe vorgefallen, man hatte die Polizei des Landstädtchens aufgeboten, und diese spürte jetzt den Frevlern durch dick und dünn nach. Aram wurde schon früh durch die dienstbeflissene Ängstlichkeit einiger Nachbarn gestört, und noch einige Stunden vor Mittag fand sich Lester selbst ein, mit dem Gelehrten eine Beratung zu halten.

Aram war allein in dem großen, düstern Gemach, wie gewöhnlich von seinen Büchern umgeben, aber nicht, wie sonst, mit ihrem Inhalt beschäftigt. Das Gesicht in die Hand gestützt, auf ein trübes Feuer starrend, das an dem feuchten Brennholz schwerfällig hinaufkroch, saß er lautlos, in tiefen Gedanken, am Kamin.

»Gewiß, bester Freund,« begann Lester, indem er die Bücher von einem Stuhl wegräumte und denselben neben den Gelehrten rückte – »haben Sie schon die Neuigkeiten gehört und in einer so ruhigen Gegend wie die unsrige scheinen dergleichen Frevelthaten wirklich um so gefährlicher, je weniger man darauf gefaßt war. Wir müssen eine Wache im Dorfe aufstellen, und Sie müssen diese schutzlose Einsiedelei verlassen und zu uns herüberkommen; nicht um Ihretwillen – aber bedenken Sie, daß Sie eine Sicherheit mehr für Madeline sein werden. Verschließen Sie Ihre Wohnung hier, schicken Sie Ihre arme alte Haushälterin zu ihren Freunden ins Dorf und folgen Sie mir gleich in die Halle.«

Aram bewegte sich unruhig auf dem Stuhle.

»Ich empfinde Ihre Güte,« sagte er nach einer Pause, »aber ich kann sie nicht annehmen – Madeline« – bei diesem Namen hielt er inne und setzte dann mit veränderter Stimme hinzu: »Nein, ich will mich zu den Wächtern gesellen, Lester, will für Madelines – will für Ihre Sicherheit sorgen; aber unter einem fremden Dache schlafen kann ich nicht. Ich bin abergläubisch, Lester – abergläubisch. Ich hab' ein Gelübde gethan, vielleicht ein thörichtes, aber ich darf es nicht brechen. Mein Gelübde verpflichtet mich, nie, es müßte denn die unerläßlichste und dringendste Notwendigkeit eintreten, eine Nacht an einem andern Ort als in meinem eigenen Hause zuzubringen.«

»Aber diese Notwendigkeit ist da.«

»Meine Überzeugung sagt nein.« erwiderte Aram lächelnd. »Ruhig, mein teurer Freund! menschliche Schwächen können wir nun einmal nicht überwältigen, oder ankämpfen gegen das, was ein Mensch sich zur Gewissenssache gemacht hat.«

Vergebens suchte Lester Arams Entschluß in dieser Beziehung zu erschüttern; er fand ihn unbeweglich und gab endlich seine Bemühungen, von ihrer Nutzlosigkeit überzeugt, auf.

»Nun,« sagte er, »auf alle Fälle haben wir eine Wache aufgestellt und können Ihnen zwei Mann zur Verteidigung abgeben. Diese sollen sich in der Nachbarschaft Ihrer Wohnung halten, wenn Sie auf Ihrem Vorsatz beharren. Das wird wenigstens einigermaßen zur Beruhigung der armen Madeline beitragen.«

»Sei es so,« erwiderte Aram, »und ist denn die liebe Madeline selbst so in Sorgen?«

Trotz all' der peinlichen Schreckgestalten, die sich in seiner Brust jagten und trotz der Gefahren, die, nur ihm bekannt, ihn umlagerten, bewies doch jetzt das Gesicht des Gelehrten, seine rege Aufmerksamkeit auf jedes Wort, das Lester über seine Tochter aussprach, welch' lebendigen Anteil er an dem kleinsten Umstand nahm, der sich auf Madeline bezog, und wie leicht der Gedanke an ihre unschuldige und friedvolle Persönlichkeit ihn von seinem eigenen Selbst abziehen konnte.

»Dieses Zimmer,« bemerkte Lester sich umsehend, »wird, wie ich meine, ganz nach Madelines Herzen sein; aber werden Sie ihre Gegenwart jederzeit hier ertragen können? Studierende lieben oft selbst die leiseste Unterbrechung nicht.«

»Ich habe nie vergessen, daß zu Madelines Behaglichkeit ein heiterer Aufenthalt, als dieser hier, erforderlich ist,« entgegnete Aram mit schmerzlicher Miene. »Folgen Sie mir, Lester, ich gedachte ihr damit eine kleine Überraschung zu machen. Aber nur der Himmel weiß, ob ich sie je dort einführen werde.«

»Wie? Könnte selbst ein so zukunftkundiges Gemüt, wie das Ihrige, hieran noch irgend einen Zweifel entdecken?«

»Wir sind wie die Wanderer in der Wüste, welchen man weislich andeutet, ihren eigenen Sinnen zu mißtrauen: was denselben wie ein wirkliches Wasser vorkommt, ist oft nur ein lügnerischer Dunst, der sie ins Verderben locken würde.«

Mit diesen Worten war er ans Ende des Zimmers gekommen und öffnete eine Thür, durch welche ein kleines, mit jenem in Verbindung stehendes Gemach sichtbar wurde, das er mit augenscheinlicher Sorgfalt und nicht ohne Anmut eingerichtet hatte. Jede Art von Gerät, das nach Madelines Sinn sein mochte, hatte er aus der benachbarten Stadt herbeischaffen lassen. Einige von den leichtern, mehr unterhaltenden Werken aus seiner Büchersammlung standen auf Borden gereiht und darüber Vasen zu Blumen. Das Fenster ging nach einem kleinen, unlängst zu einem Gärtchen umgebrochenen Gelände, das jetzt eben mit vielfachen Wegen durchzogen und reichlich mit Staudengewächsen bepflanzt worden war.

Es lag ein solcher Gegensatz in diesem Gemach zu dem anstoßenden Zimmer, es sprach sich in seiner Ausschmückung, seiner ganzen Anordnung etwas so Helles, Heiteres, ja Lustiges aus, daß Lester einen Ruf der freudigsten Überraschung ausstieß. Und wirklich schien es ihm rührend, daß dieser strenge, in Gedanken vertiefte Gelehrte, der den gewöhnlichen Verhältnissen des Lebens so wenig Beachtung schenkte, diese feine, zarte Aufmerksamkeit gezeigt hatte. Bei einem andern wäre so etwas nichts gewesen, aber an Aram war es ein Zug, der unwillkürlich Thränen in die Augen des guten Lester brachte. Aram bemerkte sie, trat schnell von ihm weg ans Fenster und seufzte tief. Dies entging dem Freunde nicht; nachdem derselbe sich über die Annehmlichkeiten des kleinen Zimmers noch weiter ausgelassen, fuhr er fort:

»Es scheint Sie etwas zu drücken, Eugen: sollte Sie vielleicht noch etwas Anderes in Unruhe setzen als diese Schreckensnachricht, die freilich allein hinreicht, die Nerven des Kühnsten von uns zu erschüttern?«

»Nein,« sagte Aram, »ich habe diese Nacht nicht geschlafen, mir ist nicht ganz wohl und mit meiner Gesundheit leidet mein Geist; aber gehen wir zu Madeline, ihr Anblick wird mich wieder beleben.«

Sie wanderten sofort hinüber nach dem Herrenhause und stießen unterwegs auf eine Schar der jüngern Helden des Dorfes, die sich freiwillig zu einer Streifwache eingefunden, und an deren Spitze sich Peter Dahltrup in einem Anfall von kriegerischer Begeisterung gestellt hatte.

Obwohl es heller Tag und somit wenig Ursache da war, an eine unmittelbare Gefahr zu denken, trug der würdige Gastwirt gleichwohl eine Muskete mit gespanntem Hahn auf der Schulter und sah sich bei jedem Schritt um, als bärge jeder Strauch, ja jeder Grashalm einen Räuber, der im Augenblick, wo er nicht auf seiner Hut wäre, auf ihn einstürmen würde. Neben ihm trabte die gefürchtete Jakobine, welche die ursprüngliche Anhänglichkeit an den Korporal auf ihren neuen Herrn übertragen hatte, lauernd einher, den Schweif steil emporgerichtet und die Ohren hin und her bewegend, mit einem unvergleichlichen Ausdruck wachsamer Klugheit. Der vorsichtige Peter zügelte bisweilen ihren Mut, wenn sie etwas ihren Schritt beschleunigen und den Marsch durch Sprünge, die sich besser für fröhlichere Zeiten schickten, beleben wollte.

»Halt, halt, Jakobine, halt, halt! Sachte, Jungfer, sachte; du weißt wenig von der Gefahr, die vielleicht auf dich wartet. Kommt, gute Kerls, kommt nach dem »scheckigen Hund«; will ein Fäßchen eigens um euretwillen anstechen, und wir wollen den Defensigungsplan für die Nacht entwerfen. Jakobine, Hierher, sag' ich, hierher!

Daß nicht, wie einen Löwen man
Dich reißt in Stücke klein.
Und niemand ist, der hilft dir dann
Und kommt dich zu befrei'n.

Holla, wer da? O! bitt' Euer Edeln um Verzeihung! Ihr Diener, Herr Aram!«

»Was patrouilliert Ihr jetzt schon?« fragte der Squire, »Ihr werdet Eure Mannschaft ermüden, eh' Ihr sie nötig habt; spart ihren Mut für die Nacht auf.«

»O, Euer Edeln, war nur auf Rekruten aus, wir kehren jetzt schon wieder heim, um das Ding 'n Bissel in Beratung zu ziehen. Ach! welch' leidiger Jammer, daß der Korporal nicht hier ist: der wär' ein starker Turm für die Gerechten gewesen. Einstweilen ihn' ich so mein Bestes, seine Stelle auszufüllen. – Jakobine, Kind, sei ruhig! – Könnte nicht sagen, daß ich auf den Musketendienst eingexerziert wär', Euer Edeln, denk' aber wie Sepp Schreihals, der Methodist, wir können 's Ding so aus 'm Stegreif machen.«

»Ein mutiges Herz, Peter, ist die beste Vorbereitung,« sagte der Squire.

»Und,« fuhr Peter schnell fort, »was sagt der Hochwürdige Herr Sternhold im fünfundvierzigsten Psalm, fünfter Vers?

Zeuch hin in frommer Eil,
In Milde, Wahrheit, Recht,
Und deine Hand wird dich
Bald lehren stark Gefecht.«

Peter sprach diesen Vers, besonders die letzte Zeile, mit grimmigem Stirnrunzeln und einem Schwenken der Muskete, welche die Herzen seiner kleinen Armee wundervoll ermutigte: Mit allgemeinem Gebrumm, dem Wahrzeichen ihrer Begeisterung, marschierte die kriegerische Schar nach dem »scheckigen Hund«.

Lester und seine Gefährte sahen Madeline und Ellinor am Fenster der Halle; Madeline war die erste, die leichten Schrittes herbeisprang, die Rückkehrenden zu begrüßen. Selbst das Gesicht des Gelehrten heiterte sich auf beim Anblick des strahlenden Auges, der geöffneten Lippen, der gehobenen Gestalt, über welche sich, sobald sie ihn gewahr wurde, eine reine, unschuldige Freude ergossen hatte.

In Madelines Natur lag, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, eine besondere Zuversichtlichkeit. Gedankenvoll und ernst wie sie war, neigte sie doch immer den hellern Ansichten des Lebens zu. Nie sah sie der Zukunft bang entgegen – ein liebliches Hoffnungsgefühl schlief in ihrem Herzen; – sie gehörte zu den Menschen, welche sich mit hohem, unbedingtem Glauben der Führung eines Jeden, den sie lieben, und den Wechselfällen des irdischen Daseins hingeben. Eine holde Sorglosigkeit gehörte zu ihren schönsten Charakterzügen. In Gemütern, die nicht leicht verzagen, liegt etwas so Unselbstisches; man sieht, daß solche Personen nicht mit ihrer eigenen Existenz beschäftigt sind; sie vergällen sich die Ruhe des Lebens nicht mit dem Egoismus der Sorge, der Berechnung, des Vorbedenkens. Werden sie je ängstlich, so geschieht es um eines andern willen; aber auf das Herz dieses andern, wie unerschütterlich ist ihr Vertrauen!

Diese Gemütsbeschaffenheit Madelines war es, die der Seele ihres wunderlichen Geliebten ewiges Entzücken und ewige Qual bereitete. Wie sie jetzt freudig an seinem Arme hing, ihren Jubel darüber aussprach, ihn wohlbehalten zu sehen, und für den Augenblick vergaß, daß überhaupt Grund zur Besorgnis dagewesen, war seine Brust mit Grausen und öder Verzweiflung erfüllt.

»Wie,« dachte er, »wenn das arme ahnungslose Kind träumen könnte, daß ich in diesem Augenblick von Gefahren umgeben bin, aus denen ich keinen rettenden Ausweg ersehe? Steh' es an, so lang' es will, endlich, scheint es, muß der Schlag kommen. Wie, wenn sie denken könnte, wie furchtbar nahe diese Frevelthaten mich berühren; wie aller Wahrscheinlichkeit nach, falls ihre Urheber entdeckt werden, einer darunter ist, der mich mit in ihr Verderben ziehen wird; wie ich gefesselt und geblendet in die Hände eines andern gegeben bin, eines Mannes, dessen Herz gegen Mitleid gestählt ist, und welcher nur durch eine Drohung abgehalten wird, mich zu vernichten – eine Drohung, die ein auf ihn selbst fallender Streich unwirksam machen würde. Großer Gott! wohin ich mich wende, seh' ich Verzweiflung! Und sie, – sie klammert sich an mich, und wenn sie mich ansieht, glaubt sie, die ganze Welt sei mit Hoffnung erfüllt!«

Während solche Gedanken seinen Geist verdüsterten, zog ihn Madeline in die abgelegeneren Gänge des Gartens, ihm einige Blumen zu zeigen, die sie dorthin verpflanzt. – – Und bei der Rückkehr in die Halle, etwa nach einer Stunde, war Aram durch Blicke und Worte der Geliebten so besänftigt, daß, wenn er seine Lage auch nicht vergessen, er sich wenigstens soweit beruhigt hatte, um mit festem Auge die Möglichkeit eines Entkommens zu erwägen.

Das Mittagessen ging so heiter wie gewöhnlich vorüber, und nachdem man den Gelehrten und seinen Wirt bei ihrem mäßigen Trunk allein gelassen, schlug ersterer einen Spaziergang vor, ehe der Abend hereinbräche. Lester sagte bereitwillig zu, und unverweilt schlenderte das Paar aufs Feld hinaus. Bald bemerkte der Squire, daß etwas auf Arams Seele lastete, wovon er sich mit augenscheinlicher Verlegenheit zu befreien suchte. Endlich sagte dieser unerwartet schnell:

»Mein teurer Freund, ich bin ein ungeschickter Bittsteller, lassen Sie mich daher so rasch als möglich über mein Gesuch hinwegkommen. Sie sagte mir einst, Sie beabsichtigen Madeline eine Aussteuer mitzugeben; einer Aussteuer wollte und könnte ich mich mit Vergnügen entschlagen, aber sollten Sie vielleicht jetzt in der Lage sein, mir einen Teil jener Summe als Darlehn zukommen zu lassen, – sollten Sie etwa dreihundert Pfund vorrätig haben, um mir damit auszuhelfen –«

»Sagen Sie nichts weiter, Eugen, nichts weiter,« unterbrach der Squire, – »Sie können doppelt so viel erhalten. Ich hätte bedenken sollen, daß die Einrichtungen für Ihre bevorstehende Heirat Sie in einige Verlegenheit setzen dürften. Noch morgen können Sie sechshundert Pfund von mir haben.«

Arams Augen leuchteten auf. »Das ist zu viel, zu viel, mein großmütiger Freund,« sagte er, »die Hälfte reicht hin; aber – aber eine alte Schuld drängt mich sehr, und morgen, oder vielmehr Montag früh, ist die zur Zahlung bestimmte Frist abgelaufen.«

»Betrachten Sie das als abgemacht,« entgegnete Lester, indem er die Hand auf Arams Arm legte; und fuhr sodann, sich leicht auf ihn lehnend, fort: »und da wir einmal an diesem Gegenstand sind, lassen Sie mich aussprechen, was ich Ihnen und meiner lieben Madeline mitzugeben beabsichtige; es ist nur wenig, aber meine Besitzungen, die an sich nicht von großem Wert sind, fallen nach der Strenge des Gesetzes an Walter: die Mitgift ist die Hälfte meiner Ersparnisse seit einer Reihe von Jahren.«

Der Squire nannte eine Summe, die, so gering sie unsern Lesern erscheinen dürfte, in jenen Tagen als eine nicht unansehnliche Ausstattung für die Tochter eines kleinen Landedelmanns galt und wirklich ein großmütiges Opfer von seiten eines Vaters war, dessen ganzes Jahreseinkommen sich kaum auf siebenhundert Pfund belief. Sie betrug das doppelte des jetzigen Darlehns, welches demnach einen Teil derselben ausmachte. Die gleiche Hälfte blieb für Ellinor zurückgelegt.

»Und Ihnen die Wahrheit zu sagen,« bemerkte der Squire, »müssen Sie mir für den Rest eine kleine Frist gestatten; denn da ich mir's vor einigen Monaten noch nicht einfallen ließ, daß ich das Geld sobald nötig haben würde, legte ich achtzehnhundert Pfund bei dem Ankauf von Winclose Hof an, wovon ich sechshundert, gerade soviel, als Sie noch trifft, gegen Ende des Jahres bezahlen kann; die andern zwölfhundert, Ellinors Anteil, bleiben auf dem Pachthof als Hypothek stehen. Und, unter uns, ich hoffe in Bezug auf das liebe Kind keine sonderliche Eile zur Ablösung nötig zu haben. Kommt Walter zurück, so, glaub' ich, kann diese Angelegenheit in einer Art und auf einem Wege ins reine gebracht werden, womit die höchsten Wünsche meines Herzens in Erfüllung gingen. Ich bin überzeugt, daß Ellinor ganz für ihn paßt, und ich denke, er wird, wenn er nicht etwa auf seinen Reisen sein Herz verliert, die nämliche Entdeckung bald nach seiner Rückkehr machen. Ich habe im Sinn, ihm gleich nach Ihrer Heirat zu schreiben und das Versprechen abzunehmen, uns jedenfalls auf Weihnachten wieder zu besuchen. – Lieber Eugen, was werden wir dann glücklich zusammen sein! Und seien Sie darauf gefaßt, daß wir einmal unser Quartier bei Ihnen aufschlagen und Ihre Gastfreundschaft und Madelines Geschick für die Haushaltung auf die Probe stellen.«

So fuhr der gute Squire noch einige Minuten in der Wärme seines Herzens fort, indem er sich über die Aussichten auf die frohen Abende am Kamin des weiteren verbreitete und den Gelehrten mit seinen einsiedlerischen Gewohnheiten aufzog, die ihm fortan, wie er verkündete, nicht länger ungestraft hingehen sollten.

»Aber es fängt an dunkel zu werden,« sagte er, von dem Gegenstand, der ihn hingerissen, wieder zu sich kommend; »jetzt werden Peter und unsere Patrouille sich in der Halle einfinden. Ich hieß sie auf den Abend anfragen, um ihnen ihre verschiedenen Dienste und Posten anzuweisen; – kehren wir zurück. In der That, Aram, kann ich Sie versichern, daß ich für mein eigen Teil die triftigsten Gründe habe, mich gegen jeden Angriff vorzusehen; denn außer dem alten Familien-Silbergeschirr, das freilich nicht bedeutend ist, liegen – Sie kennen den Schreibtisch im Gesellschaftszimmer links von der Halle – ja in diesem Schreibtisch liegen dreihundert Guineen, die ich bis jetzt in ** noch nicht sicher unterbringen konnte und daher gerade jetzt an Sie abgeben kann. So wär' es denn freilich kein kleiner Unfall, wenn ich beraubt würde.«

»Pst!« flüsterte Aram, indem er stillstand, »war mir's doch, als hört' ich Tritte auf der andern Seite der Hecke.«

Der Squire horchte auf, vernahm aber nichts; indessen waren die Sinne seines Gefährten ausgezeichnet scharf, besonders das Gehör.

»Zuverlässig ist jemand da; ja, da seh' ich Fußtritte von ihrer zwei,« raunte er Lester zu. »Lassen Sie uns durch die Lücke dort unten auf die andere Seite der Hecke hinüber.«

Beide beeilten ihren Schritt, und als sie jenseits angekommen, wurden sie wirklich zwei Männer in Fuhrmannskitteln gewahr, die nach dem Dorfe zuschlenderten.

»Es sind zudem Fremde, keine Grünthaler,« bemerkte der Squire nicht ohne Argwohn. »Hui, denken Sie wohl, die könnten gehört haben, wovon die Rede war?«

»Waren es Leute, die sich ein Geschäft daraus machen, auf andere zu horchen, dann ja; aber nicht, wenn es ehrliche Leute sind,« erwiderte Aram mit jenem Scharfsinn, in welchem er oft Bemerkungen hinwarf, von denen man kaum begriff, wie sie mit seinen stillen, abstrakten Studien, die den praktischen Sinn in der Regel ertöten, Hand in Hand gehen konnten. – Lester und er hatten jetzt die beiden Fremden eingeholt, die übrigens nur gewöhnliche Bauernburschen zu sein schienen, und ihre Hüte mit der gewohnten Unterwürfigkeit ihres Standes abzogen.

»Heda, Leute,« rief der Squire, indem er seine Amtsmiene annahm – denn selbst der mildeste Squire in der Christenheit kann ein Sultansgesicht ziehen, wenn er sich daran erinnert, daß er Friedensrichter ist; »heda, was macht ihr da! um diese Tageszeit? Ich fürchte, ihr seid auf nichts Gutes aus.«

»Bitten um Verzeihung, Euer Edeln,« erwiderte der ältere Bursche in der eigentümlichen Mundart jener Gegend, »wir kommen von Gladmoor und gehen auf Arbeit zu Squire Nixon in Mowhall, auf nächsten Montag, und weil ich 'n Bruder hab', der auf den Wiesen vor'n Squire wohnt, so wollen wir dort schlafen und 'n Sonntag bei ihm bleiben, Euer Edeln.«

»Hm, hm, wie heißt Ihr?«

»Joseph Wood, Euer Edeln, und der da ist Hutchings Wilhelm.«

»Gut! so geht eure Straße weiter,« sagte der Squire, »und treibt keinen Unfug: es sollt' mich nicht wundern, wenn ihr unterwegs einen von Nixons Hasen wegfinget.«

»I! das wäre! Euer Edeln.«

»Geht, geht!« sagte der Squire, und die Leute gingen ihres Weges.

»Sie scheinen denn doch ehrliche Bursche,« bemerkte Lester.

»Es hätte mir besser gefallen,« erwiderte Aram, »wenn derjenige, welcher das Wort führte, weniger Einzelheiten angegeben hätte; auch bemerkten Sie wohl, daß es ihm daran gelegen schien, seinen Begleiter nicht zum Sprechen kommen zu lassen; das ist etwas verdächtig.«

»Soll ich sie zurückrufen?« fragte der Squire.

»Hm, es ist kaum der Mühe wert,« entgegnete Aram; »vielleicht bin ich allzu behutsam. Und in der That, wenn ich sie jetzt wieder betrachte, so scheinen sie mir das wirklich zu sein, wofür sie sich ausgeben. Nein, es ist unnötig, die armen Leute noch weiter zu belästigen. Es liegt etwas Demütigendes für den menschlichen Stolz in dem Leben eines Landmannes, Lester. Es schneidet ins Herz, wenn man an den Ton denkt, den wir uns oft unwillkürlich gegen Bauern erlauben. Wir sehen in ihnen die Menschheit in ihrem ungeschmückten Zustande, uns ist es ein trauriger Gedanke um das Bewußtsein, daß wir diesen Zustand verachten, daß alles, was wir an unserer Gattung schätzen, nur ein Gebilde der Kunst ist – ein guter Anzug, eine glänzende Equipage, oder meinetwegen ein gebildeter Verstand; die reine nackte Natur sehen wir gleichgiltig an, oder treten sie höhnend nieder. Armer Sohn der Mühe! von der grauen Morgendämmerung bis zum Untergang der Sonne ist sein Leben nur eine lange Arbeit! – Keine Idee entwickelt – kein Gedanke zum Bewußtsein gebracht, als soviel eben hinreicht, ihn zum Werkzeug der andern – zum Sklaven des harten Bodens zu machen! Und dann bemerken Sie, wie sauer wir zu seinen spärlichen Feiertagen sehen, wie wir seine Lust mit Gesetzen umzäunen und seine Fröhlichkeit zum Verbrechen stempeln. Die ganze heitere Welt, worin wir uns bewegen und vergnügen, machen wir für ihn zu einem Ort voller Fallstricke und Gefahren. Weicht er nur einen Augenblick von seiner Arbeit – wie viele Versuchungen drängen in diesem Augenblick auf ihn ein! Und doch haben wir kein Erbarmen mit seinen Verirrungen; Kerker, Deportation, Galgen – das sind unsere einzigen Lehrbücher, die einzige Art, wie wir Beschwerde führen. – Ha! pfui über die Ungleichheiten der Welt! Sie verkrüppeln das Herz, verblenden den Sinn, schrumpfen die tausend Fäden zwischen Mensch und Mensch zu den zwei niedrigsten irdischen Banden – Knechtsinn und Hochmut – ein. Ich glaube, die Teufel lachen laut auf, wenn sie uns dem Landmann beteuern hören, seine Seele sei so erhaben und ewig wie die unsrige, und gleichwohl in der zermalmenden Plage seines Lebens nicht ein Funke dieser Seele zu Tage kommen kann; – wenn dieselbe eingekerkert in ihren lumpigen Erdenklos von der Wiege bis zum Grabe fortschläft, ohne daß ein Traum sie aus ihrer Totenruhe erweckt.«

»Und doch, Aram,« sagte Lester, »haben auch die Fürsten des Wissens ihre Leiden. Steigern Sie die Seele so hoch Sie wollen, Sie können sie nicht über den Schmerz erheben. Besser vielleicht, sie schlafen zu lassen, wenn ihr Blick beim Erwachen nur auf eine Welt voll Qualen fällt.«

»Sie haben recht, Sie haben recht,« entgegnete Aram, sein Herz bezwingend, ich gestattete einer thörichten Empfindelei, mich über die nüchternen Grenzen des Alltagsverstandes hinauszutragen.«

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