Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.

Unterredung Arams mit dem Fremden.

Die Geister, die ich lief, verlassen mich,
Der Zauber, den ich lernte, spottet mein.
Manfred.

Unterdessen schritt Aram rasch durchs Dorf und erst, als er das einsame Thälchen gewonnen, ließ er in seiner Eile etwas nach.

Schon war aus dem Abend Nacht geworden. Durch den dürren, düstern Wald schlich der Herbstwind mit leisem, aber überall vernehmbaren Ächzen. Dem Lauf des Baches entlang verhüllte ein dumpfer, gespensterhafter Nebel die Luft, der Himmel aber war ruhig und nur von wenigen Wolken unterbrochen, die in langen, weißen, geistermäßigen Streifen über die stillen Sterne hinzogen. Hier und da schoß eine Fledermaus schnell vorüber und berührte beinahe den Gelehrten, der tief sinnend einherschritt. Die kurzohrige Eule, die, ehe noch der Monat um wenige Tage vorgeschritten war, in dieser Gegend nicht mehr sichtbar sein sollte, erhob sich schwerfällig aus den Bäumen, gleich dem Gedanken an einen verübten Frevel, der aus seinem Schatten hervortritt. Es war eine von den halb düstern, halb sternhellen Nächten, die den Eintritt des Herbstes bezeichnen. Die Natur schien unstät und zum Wechsel geneigt; in der Atmosphäre waren jene Anzeichen, welche den Kundigsten in Zweifel lassen, ob sich der nächste Morgen unter Sturm oder Sonnenschein erheben werde. Es ist um diese Zeit, als ob der Einfluß des Himmels den Anstrich seines geheimnisvollen Unbestandes dem tierischen Leben mitteilte. Die Vögel verlassen ihre Sommerwohnungen; eine unerklärliche Unruhe geht durch die ganze vernunftlose Schöpfung; selbst Menschen haben sich in dieser haltungslosen Jahreszeit mehr als in andern von der Einwirkung und den Einflüsterungen dunkler Seelenkräfte beunruhigt geglaubt. Und jedes Geschöpf, das im Strom des allgemeinen Lebens schwimmt, fühlt auf der nachkräuselnden Oberfläche den mächtigen, großartigen Wechsel, der in der Tiefe vorgeht.

Aram hatte das Thal beinahe durchwandert und an der Grenze des Flachlandes, das sich vor ihm aufthat, ward eben seine Wohnung sichtbar, als der Fremde unter den Bäumen rechter Hand hervortrat und Plötzlich vor dem Gelehrten stand. »Ich hab' hier auf dich gepatzt, Aram,« sagte er, »statt dich zu der bestimmten Zeit in deinem Hause aufzusuchen; denn gewisse besondere Gründe machen rätlich, daß ich mich so viel als möglich unter den Eulen aufhalte und es war daher, wenn nicht behaglicher, doch sicherer hier unterm Farnkraut zu liegen, als mir im Dorf drüben gütlich zu thun.«

»Und was,« sagte Aram, »bringt dich wieder hierher? Sagtest du nicht, als du mich vor einigen Monaten besuchtest, du wollest dich in einem entlegenen Teil des Landes bei einem Verwandten niederlassen?«

»So war auch meine Absicht, aber das Schicksal, wie du sagen würdest, oder der Teufel, wie ich sage, bestimmte es anders. Ich hatte dich nicht lange verlassen, als ich mit einigen alten Freunden zusammentraf, kecken, zuverlässigen Burschen, tapfern Freibeutern auf Straße und Feld. Soll ich mich des Geständnisses schämen, daß ich ihre Gesellschaft, eine Gesellschaft, die mir schon längst nicht unbekannt war, dem dumpfen, einsamen Leben vorzog, das ich in der Wartung meines alten bettlägerigen Vetters in Wales geführt haben würde, der bei alledem noch seine zwanzig Jahre hinsiechen kann und mir am Ende kaum so viel hinterläßt, um das Unglück einer Woche am Spieltisch zu decken? Mit einem Wort: ich gesellte mich meinen wackern Freunden bei und traute mich ihrer Führung an. Seit der Zeit sind wir im Lande herumgekreuzt, haben's uns lustig schmecken lassen, die Furchtsamen erschreckt, die Widerspenstigen zum Schweigen gebracht und sind mit Hilfe deines Schicksals oder meines Teufels nun hierher geraten, um unsern Mut in der Gegend spielen zu lassen, welche mein gelehrter Freund Eugen Aram durch seinen Aufenthalt ehrt.«

»Spaße nicht mit mir, Hausman,« sagte Aram ernst; »verstehe ich dich doch kaum. Willst du mir andeuten, daß du und die frevelhaften Gefährten, denen du dich, wie du sagst, angeschlossen, jetzt auf Raub in dieser Gegend liegen?« »So ist's! vielleicht hörtest du bereits von unsrer Ritterthat in voriger Nacht, etwa zwei Stunden von hier?«

»Ha! rührt dieser Schurkenstreich von euch her?«

»Schurkenstreich?« wiederholte Hausman im Ton tückischer Empfindlichkeit. »Geht, geht, Meister Aram, dergleichen Worte dürfen zwischen uns beiden, Freunden von so altem Datum und auf einem Fuß, wie wir stehen, nicht gewechselt werden.«

»Sprich nicht vom Geschehenen,« erwiderte Aram mit bleicher Lippe, »und gieb denen, welche das Verhängnis einst gegen den Willen der Natur in einer augenblicklichen Vereinigung seinen dunkeln Strom hinabtrieb, nicht den Namen von Freunden. Freunde sind wir nicht; aber so lange wir leben, verknüpft uns ein Band, das stärker ist als Freundschaft.«

»Du sprichst Wahrheit und Weisheit,« sagte Hausman grinsend; »mir für meinen Teil ist es gleichgiltig, ob du uns Freunde oder Feinde nennst.«

»Feinde, Feinde!« rief Aram hastig aus. »das nicht! Bietet das Leben keine Mittelstufe in seinen Verbindungen dar? Nein! keine Feinde; wir dürfen nicht Feinde sein.«

»Es wäre eine Thorheit; wenigstens im jetzigen Augenblick,« bemerkte Hausman obenhin.

»Sieh, Hausman,« fuhr Aram fort, den Gefährten vom Wege ins Dickicht ziehend, und seine Stimme klang leiser und mehr in die Brust hinein: »sieh, ich kann nicht leben, wenn deine Gegenwart mein Leben umnachtet. Ist nicht die Welt weit genug für uns beide? Warum einander nachjagen? Welchen Vorteil kannst du von mir haben? Können die Gedanken, welche mein Anblick in dir erweckt, heller, friedlicher sein, als diejenigen, welche mich überfallen, wenn ich in dein Antlitz schaue? Schauert nicht um uns beide Gespensterhauch und Leichenduft? Warum uns absichtlich eine Qual aufladen, die so leicht zu vermeiden ist? Verlaß mich – verlaß diese Gegend. Die ganze Erde breitet sich vor dir aus – erwähle dir wo anders Beschäftigung und Wohnplatz, aber vergifte mir diesen kleinen Fleck nicht.«

»Ich wünsche nicht dich zu beunruhigen, Eugen Aram, aber ich muß leben und um leben zu können, muß ich meinen Gefährten gehorchen; verließ' ich sie, so müßt' ich verhungern. Nicht lange mehr werden sie in diesem Bezirk verweilen; etwa eine Woche, höchstens vierzehn Tage; dann werden sie, wie das Faultier, wenn die Blätter abgefressen sind, den Baum verlassen. Mit einem Wort, sobald wir mit der Gegend fertig, sind wir auf und davon!« »Hausman! Hausman!« rief Aram leidenschaftlich mit finsterem Stirnrunzeln, daß die Brauen das Auge beinahe bedeckten – was aber vom Augapfel noch sichtbar blieb, glühte in brennendem Feuer – »ich bitte jetzt, aber ich kann drohen – hüte dich! – still! sag ich;« (damit stampfte er, bemerkend, daß Hausman ihn unterbrechen wollte, wild mit dem Fuß auf den Boden); »hör' mich zu Ende. – Sag mir nicht, daß du hier noch weilen wollest – sprich nicht von Tagen, Wochen – während welcher jeder Stundenschlag wie eine Totenglocke in mein Ohr tönen würde! Laß dir nicht von einem Aufenthalt unter diesen ruhigen Schatten träumen, nicht von einer That des Schreckens oder der Gewalt. – Die Diener des Gesetzes sind gegen dich aufgeboten, von allen Seiten umgiebt dich die Wahrscheinlichkeit der Ergreifung und eines schmachvollen Todes.«

»Und eines vollen Geständnisses meiner früheren Sünden,« unterbrach ihn Hausman mit wildem Gelächter.

»Feind! Teufel!« rief Aram, indem er seinen Gefährten bei der Kehle faßte und mit solcher Gewalt schüttelte, daß Hausman, obwohl ein Mensch von großer Muskelkraft, nur ohnmächtigen Widerstand entgegenzusetzen vermochte.

»Laß noch ein solches Wort über die Lippen kommen, wag es, mich mit der Rache eines Wesens, wie du bist, zu bedrohen und bei dem Gott über uns, du liegst tot zu meinen Füßen!«

»Laß meine Kehle los oder du wirst zum Mörder,« keuchte Hausman schwer hervor, noch schwarz im Gesicht.

Da öffnete Aram hastig die krampfhaft geschlossene Hand und wandte sich rasch von ihm ab, unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd. Aber bald kehrte er zu Hausman zurück, dessen Züge vor Wut oder Furcht noch zitterten und im vollsten Wiederbesitz seiner Selbstbeherrschung betrachtete er ihn mit übereinandergeschlagenen Armen und seinem gewöhnlichen leidenschaftslosen, tiefen Ausdruck. Konnte Hausman ihm nicht keck ins Auge sehen, so bebte doch auch er nicht vor demselben zurück; so standen beide in geringer Entfernung voneinander da, beide schweigend, aber in diesem Schweigen lag etwas Gräßlicheres, als wenn sie gesprochen hätten.

»Hausman,« sagte endlich Aram mit ruhiger, aber hohler Stimme, »vielleicht hab' ich Unrecht gethan, aber es lebt kein Mensch auf Erden, als du, der mein Blut so in Aufruhr bringen konnte und selbst du nicht leicht. Wisse aber, daß, wenn du drohst, nicht diese Drohung meinen Geist überwältigt oder erschüttert, sondern was den Lauf des Blutes in meinen Adern hemmt, ist, daß du glauben könntest, deine Drohung habe wirklich eine solche Macht über mich, oder daß du – daß irgend ein Mensch – sich den Gedanken anmaßen soll, er vermöge durch Hindeutung auf irgend eine Gefahr Eugen Arams Seele zu demütigen, seinen Willen zu beugen. Jetzt bin ich ruhig; sage was du willst, jetzt kann mich nichts mehr aufbringen.«

»Ich bin fertig,« erwiderte Hausman kalt, »ich hab' nichts zu sagen; lebe wohl!« Damit schritt er unter den Bäumen fort.

»Halt!« rief Aram mit einiger Bewegung, »halt, nicht so dürfen wir scheiden. Sieh, Hausman, du sagtest du müßtest verhungern, wenn du deine jetzigen Genossen verließest. Das soll nicht sein: verlaß sie noch diese Nacht – diesen Augenblick; scheide aus der Gegend, und das Wenige, das mir gehört, soll dein sein.«

»Was deine Habe betrifft,« sagte Hausman trocken, »so fürchte ich, sie wiegt die Vorteile nicht auf, die ich durch Trennung von meinen Gefährten in den Wind schlagen würde. Ich hoffe gegen dreihundert Pfund zu fischen, ehe ich diesen Strich verlasse.«

»Gegen dreihundert Pfund!« wiederholte Aram zurücktretend, »das ginge allerdings über mein Vermögen. Ich sagte dir, als wir das letztemal beisammen waren, daß ich meinen kleinen Reichtum nur in Rentenzahlungen beziehe.«

»Ich erinnere mich dessen. Ich fordere kein Geld von dir, Eugen Aram; diese Hände können mich erhalten,« erwiderte Hausman mit grimmigem Lächeln. »Ich sagte dir die Summe, die ich im ganzen zu gewinnen hoffe, auf einmal, um dir einen Beweis zu geben, daß du dein mitleidiges Herz nicht darüber zu beunruhigen brauchst, wie mir aus der Not zu helfen sei. Wohl wußt' ich, daß die Summe, die ich nannte, dir nicht zu Gebot stehe, sie müßte denn ein Teil der Mitgift deiner Braut sein. Pfui, Aram! Geheimnisse vor deinem alten Freund? Du siehst, ich weiß die Neuigkeiten der Gegend herauszufinden, ohne dich zum Vertrauten zu haben.«

Von neuem zog ein Sturm über Arams Stirn hin und seine Lippe zitterte: aber mit bewundernswürdiger Selbstbeherrschung besiegte er die Erregung und antwortete in mildem Tone:

»Ich weiß nicht. Hausman, ob ich irgend eine Mitgift erhalte; sollte es der Fall sein, so bin ich bereit, eine Anordnung zu treffen, wodurch ich dich vermögen könnte, mich nicht weiter zu belästigen. Aber noch wird einige Zeit bis zu meiner Heirat vergehen; verlaß jetzt diese Gegend, und in einem Monat wollen wir uns wieder treffen. Was dann zu meiner Verfügung stehen wird, sollst du unumwunden erfahren.«

»Es kann nicht sein,« entgegnete Hausman, »ich verlasse diesen Bezirk nicht, ohne eine sichere Summe in meinen Händen, nicht bloß in der Hoffnung, mitzunehmen. Doch warum mir in den Weg treten? Ich suche meine Schätze nicht in deinen Koffern. Warum diese Angst, wenn ich dieselbe Luft mit dir atme.«

»Nicht das ist's!« antwortete Aram mit tiefer, geisterhafter Stimme, »aber wenn du in meiner Nähe bist, so ist es mir, als ob ich mit einem Toten wandelte: ich banne ein Gespenst, wenn ich mich von deiner Gegenwart befreie. Doch das ist's nicht, wovon ich jetzt spreche. Du bist deiner eigenen Aussage zufolge in verbrecherische nächtliche Unternehmungen verwickelt, in welchen du (und der Strom des Zufalls fließt diesem Ziel immerhin zu) von der Hand der Gerechtigkeit ergriffen werden kannst.«

»Oho,« sagte Hausman trotzig, »hast du mich doch noch eben beinahe erdrosselt, weil ich gesagt, du fürchtetest so etwas und dessen mögliche Folgen! – So darf Wahrheit in einem Augenblick sich ungestraft äußern, im nächsten nur mit Lebensgefahr! – Das sind wohl eure Spitzfindigkeiten, ihr weisen Gelehrten. Eure Aristotelesse. eure Zenos, eure Platos, eure Epikurs lehren euch merkwürdige Unterscheidungen, wahrhaftig!«

»Still!« sagte Aram. »Sind wir zu jeder Zeit ganz wir selbst? Bemeistern uns die Leidenschaften nie? Ja, du hast mich bis zur Raserei erzürnt; sieh aber, jetzt bin ich ruhig; wir haben ein Gespräch auf Leben und Tod zu führen; laß uns dasselbe mit gesammeltem, vorbereitetem Sinne eröffnen. – Wie, Hausman, willst du deinen eigenen Untergang wie den meinigen, daß du auf einer Bahn beharrst, die notwendig mit einem schändlichen Tod endigen muß?«

»Was kann ich anderes thun? Arbeiten mag ich nicht, und wie du in einer einsamen Wildnis von einer Rinde Brot leben, kann ich nicht. Auch hat mein Name nicht, wie der deinige, feinen Leumund durch das Lob ehrlicher Leute; mein Ruf ist bekannt; Leute, die früher mit mir umgingen, vermeiden mich; die Gesellschaft bietet mir kein anderes Auskunftsmittel – denn nur mit mir allein leben kann ich nicht – als mich Menschen meines Schlags beizugesellen, welche die Welt ausgestoßen hat. Ich kann mein Brot nur auf den Wegen erwerben, die vom Gesetz gebrandmarkt und mit Schlingen und Gefahr umgeben sind. Was wolltest du mir vorschlagen?«

»Ist es nicht besser,« sagte Aram, »Frieden und Ruhe bei einem kleinen, aber sichern Einkommen zu genießen, als so von der Hand in den Mund zu leben, zwischen Reichtum und Hunger Hin und her zu schwanken und schlafend und wachend den Strick um den Hals zu fühlen? Suche deinen Verwandten auf, du selber sagtest mir, dein Ruf sei in jener Gegend nicht gebrandmarkt; lebe dort, lerne die Behaglichkeit stiller Tage kennen, und ich verspreche dir, daß, wenn es immer in meiner Macht steht, deine Lage deinen Bedürfnissen angemessen zu machen, eine solche dir, so lange du das Leben eines ehrlichen Mannes führst, ungeschmälert zu teil werden soll. Ist das nicht besser, Hausman, als eine kurze, schlaflose Laufbahn voll Schrecken?«

»Aram,« erwiderte Hausman, »bist du wirklich ruhig genug, um mich anhören zu können? Ich warne dich; vergißt du dich noch einmal und legst Hand an mich –«

»Keine Drohung, keine Drohung,« unterbrach Aram, »sprich. – Alles an mir ist jetzt kalt und still wie Eis. Sprich ohne Bedenken.«

»Sei es so; wir lieben einander nicht, du hast Verachtung gegen mich zur Schau gestellt – und ich – ich – kurzum – ich bin kein Stein oder Stock, der nicht fühlt. Du hast mich verhöhnt – hast dich an mir vergriffen – hast nicht einmal so viel Anstand gegen mich erheuchelt, als dir die Klugheit hätte eingeben sollen – und forderst doch jetzt von mir Benehmen, Mitgefühl, Duldung, Zugeständnisse eines Freundes. Du willst, daß ich diese Gegenden, wo, so weit ich urteilen kann, ein sicherer Gewinn meiner wartet, verlasse, bloß um deine Brust von ihrer selbstsüchtigen Furcht zu befreien. Um deiner selbst willen erbebst du vor den Gefahren, die mir bevorstehen; dein eigenes Schicksal siehst du vorgezeichnet, falls ich ergriffen würde. Du forderst von mir – nein, du forderst nicht, du möchtest mir befehlen, möchtest mir zuherrschen, daß ich Willen und Wunsch opfere zur Linderung deiner Angst und zur Vermehrung deiner Sicherheit. Höre mich, Eugen Aram: du hast mich wie ein gemeines Werkzeug behandelt: – so sollst du mich jetzt auch nicht als einen Freund leiten. Ich weiche nicht aus deiner Nachbarschaft, bis mein Zweck erfüllt ist – ich freue, ich labe mich an deinen Qualen. Ich werde mich an dem Schrecken, womit du jedes neue Unternehmen, jedes neue Wagstück, jeden neuen Triumph von mir und meinen wackern Gefährten vernehmen wirst. So bin ich gerächt für die Schmach, die du mir angethan hast.«

Obwohl die unterdrückte Wut in jedem Gliede Arams zitterte, blieb seine Stimme doch ruhig und auf seiner Lippe schwebte sogar ein Lächeln, als er erwiderte:

»Darauf war ich vorbereitet, Hausman; kein Wort von dir, das mich überrascht oder erschreckt. Du hassest mich; das ist natürlich; Menschen in einem Zusammenhang wie wir blicken selten mit einem freundlichen oder mitleidigen Auge aufeinander. Aber Hausman, ich kenne dich! – Du bist ein Mensch von zügellosem Temperament, doch die Liebe zum Gewinn ist bei dir doch noch starker als die Heftigkeit deines Temperaments. Wenn nicht, so haben, wir einander nichts weiter zu sagen. Geh – und thu' dein Ärgstes.«

»Wahr, höchst gelehrter Herr; ich kann den Tiger da drin, selbst in seiner tödlichsten Wut, mit einer goldenen Kette fesseln.«

»Gut denn, Hausman, es ist nicht dein Vorteil, mich zu verraten – mein Untergang führt den deinigen nach sich.«

»Ich geb' es zu; wenn ich aber ergriffen und wegen Raubes gehenkt werde?«

»So hättest du nicht länger einen Zweck, für meine Sicherheit besorgt zu sein: das begreif' ich vollkommen. Aber mein eigener Vorteil flößt mir den Wunsch ein, dich der Gefahr einer Ergreifung entzogen zu sehen, während dein Vorteil will, daß du einem mit Fährlichkeiten verbundenen Gewinn entsagest, wenn du den gleichen Gewinn in einer sichern Lage machen kannst. Sagen wir, was wir wollen, gehen wir soweit wir wollen – auf diesen Punkt müssen wir endlich zurückkommen.«

»Nichts kann klarer sein, und wärst du ein reicher Mann, Eugen Aram, oder könntest du die Mitgift deiner Braut (ohne Zweifel eine respektable Summe) vorher bekommen, so könnte die Übereinkunft auf einen Schlag getroffen werden.«

Aram schnappte nach Luft, that, wie gewöhnlich, wenn er in Aufregung geriet, ein paar Schritte vorwärts, wobei er schnell und unverständlich etwas vor sich hinflüsterte, und kehrte dann zurück.

»Wär' dies auch möglich, so würd' es nur eine kurze Abhilfe sein. Ich könnte dir nicht trauen: du würdest die Summe bald verthan haben, und ich mich von neuem auf dem Punkt finden, auf welchen du mich jetzt gebracht Haft, ohne dann die Mittel in meiner Gewalt zu haben, mich wieder loszukaufen. Nein, nein! Muß der Schlag treffen, so ist es gleich ob heute als morgen.«

»Wie du willst,« sagte Hausman, »aber« – in diesem Augenblick tönte ein langes, gellendes Pfeifen aus dem Thal herauf, wie von dem Bach her. Jener brach plötzlich ab: – »das Zeichen ist von meinen Kameraden; ich muß fort. Horch, noch einmal! leb' wohl, Aram.«

»Leb' wohl, wenn es so sein muß,« entgegnete Aram mit starrer Ergebung; »aber morgen – solltest du irgend ein Mittel wissen, welches mich für die Zukunft mehr als ein bloßes Versprechen gegen Belästigungen von deiner Seite sicherstellte, so wäre ich – doch wie das?«

»Für morgen,« sagte Hausman, »kann ich nicht für mich stehen. Nicht jederzeit darf ich meine Kameraden verlassen; ein begreiflicher Argwohn macht, daß sie längere Abwesenheit ihrer Freunde nie gern sehen. Aber halt – übermorgen abend, in der Nacht zum Sonntag, höchst tugendhafter Aram, kann ich noch einmal mit dir sprechen, aber nicht hier – etwa zwei Stunden von hier. Du kennst den Fuß der Teufelsklippe am Wasserfall; der Ort ist in jeder Hinsicht ruhig und versteckt genug für unsere Besprechung; und ich will dir ein Geheimnis sagen, das ich niemand sonst anvertrauen möchte – (horch, schon wieder!) – er ist hart bei unserem gegenwärtigen Schlupfwinkel. Triff mich dort! – Freilich wär's angenehmer, uns unter Dach zu verständigen – aber gerade jetzt möcht' ich mich in keines ehrlichen Mannes Haus in der Nachbarschaft wagen. Adieu! Sonntag, eine Stunde vor Mitternacht.«

Der Räuber, denn das war er damals, winkte mit der Hand Abschied zu, und eilte in der Richtung weg, von welcher das Pfeifen herzukommen schien.

Aram blickte ihm nach, aber es war keine Sehkraft in diesem Blick, und mehrere Minuten blieb er wie eingewurzelt an der Stelle, als wär' alles Leben aus ihm gewichen. »Sonntag nacht?« – sagte er endlich, sich langsam vorwärts bewegend – »und ich muß mein Dasein in Furcht und Unruhe bis dahin fortspinnen – bis dahin! und welches Mittel kann ich dann aufbieten? Es ist klar, daß ich mich auf sein Versprechen nicht verlassen darf, selbst wenn ich ein solches von ihm erlange; aber ich hab' nicht einmal, womit ich dieses Versprechen erkaufen könnte. Doch Mut, Mut, mein Herz; und du, mein geschäftiges Gehirn, streng' dich an! Noch nie habt ihr mich bis jetzt verlassen.«

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.