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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Drittes Buch.

Ορ. Λύπη μαλιστά γ' η διαφθείρουσά με.
Μ. Δεινὴ γὰρ η θεός, αλλ' όμως ιάσιμος.
Ορ. Μανίαι τε, –
. . . . . . . . . . . .
Μ. Φαντασμάτων δὲ τάδε νοσει̃ς ποίων ύπο:
. . . . . . . . . . . .
ΟΡΕΣΤ. 398 – 407.
O. Gram ist es, was am meisten mich verzehrt.
M. Ja, furchtbar ist die Göttin, doch sie bringt dir Heil ...
O. Und Wahnsinn ...
M. Von welcherlei Gesichten krankest du?
Euripides im Orestes.

Erstes Kapitel.

Betrug und Gewaltthat dringen sogar bis nach Grünthal – Peters Neuigkeiten. – Spaziergang der Liebenden. – Wiederholung eines Besuchs.

Woher kommst du, was willst du?
Kortolan.

Als einst Aram und Madeline auf ihrem gewöhnlichen Abend-Spaziergange durch das Dorf kamen, stürzte aus dem »scheckigen Hund« Peter Dahltrup mit höchst gewichtiger, von Furcht ein wenig verzogener Miene auf die Liebenden zu.

»O, Herr, Herr – (Fräulein, Ihr Diener!) – haben Sie die Neuigkeit gehört? Zwei Häuser in Checkington (ein Städtchen, etwas über eine Stunde von Grünthal entfernt) wurden vorige Nacht gewaltsam erbrochen, – ausgeplündert, Euer Edeln, ausgeplündert. Squire Tobson wurde an sein Bett angebunden, sein Schreibtisch ausgeleert, er selbst erhielt schlimme Kontusionen am Kopf; und das Dienstmädchen – ihre Schwester hat bei mir gedient, war 'n sehr gutes Kind – wurde in den – den – den – bitt' um Verzeihung, Fräulein – wurde in den Speiseschrank eingesperrt. Aus dem andern Haus nahmen sie alles Silberzeug fort. Waren nicht weniger als vier Männer, alle vermummt, Euer Edeln, und mit Pistolen bewaffnet. Wenn sie hierher kämen! So was war bis jetzt unerhört bei uns. Aber Herr – aber Fräulein – seien Sie deshalb nicht bange, denn ich sage mit dem Psalmisten:

Die Hefen soll der Sünder trinken,
Die er mit grimm hinunterschlingt, –
Denn ich heb' meine Stimm' und schlage
Ihn in die Flucht, dieweil sie singt.«

Auf eine wirksamere Art könntet Ihr sie wirklich nicht aus dem Felde treiben, Peter,« sagte Madeline lächelnd. »Aber sprecht einmal mit meinem Vater; ich weiß, wir haben im Hause ein ganzes Magazin alter Musketons und Flinten, die können jetzt ihre Dienste thun. Ihr freilich seid im Falle eines Angriffs ohnehin vorbereitet. Habt Ihr nicht die verrufene Katze des Korporals, Jakobine? Die nimmt's sicherlich mit fünfzig Räubern auf.«

»Ja, Fräulein, nach dem Sprichwort: ›Mit einem Diebe fängt man andere.‹ möcht' sie's wohl thun; aber im Ernst, 's ist mit der Sache nicht zu spaßen. So 'n Räubervolk gedeiht wie 'n grüner Lorbeerbaum, wenigstens für 'ne Zeitlang, und wir armen Lämmer haben 'n schlimmes Spiel, bis sie niedergehauen sind und wie Gras verdorren. Ihr Haus aber, Herr Aram, liegt ganz besonders einsam; keiner ihrer Nachbarn kann Ihnen zu Hilfe kommen. Thäten's nicht besser, Herr, Ihr Quartier für jetzt beim Squire zu nehmen?«

Madeline drückte Arams Arm an sich und sah ihm besorgt ins Gesicht. »Nein, mein Freund,« sagte er zu Dahltrup, »Räuber würden wenig Gewinn in meinem Hause machen, sie müßten denn wissenschaftlichen Beschäftigungen ergeben sein. Es wäre was Neues, Peter, eine Diebesbande ein Teleskop, oder ein paar Globen, oder ein staubiges großes Foliobuch fortnehmen zu sehen.«

»Ja, Euer Edeln, sie können aber gerade um so zornwütiger sein, wenn sie sich in ihren Erwartungen getäuscht sehen.«

»Gut, gut, Peter, wir wollen sehen,« erwiderte Aram ungeduldig, »später treffen wir Euch vielleicht wieder in der Halle. Guten Abend für jetzt.«

»Teuerster Eugen, ums Himmels willen«, sagte Madeline mit Thränen in den Augen, als sie ihre Schritte von Peter dem stillen Thal, an dessen Ende die Wohnung des Gelehrten lag, zuwandten, – jetzt mehr als je Madelines Lieblings-Spaziergang – »ums Himmels willen, zieh' ins Schloß herüber, bis man sich dieser Bösewichte versichert hat. Bedenk', wie offen dein Haus für einen Angriff liegt; gewiß ist jetzt keine Notwendigkeit da, dort zu bleiben.«

Arams ruhige Stirn verfinsterte sich für einen Augenblick. »Was, Geliebteste,« sagte er, »könntest du von der thörichten Furcht dieses Schwätzers beunruhigt werden? Bis jetzt wissen wir noch gar nicht, ob die unwahrscheinliche Geschichte irgendeinen Grund hat. Auf jeden Fall ist sie offenbar übertrieben. Wohl möglich, daß ein Einbruch in den Hühnerhof, wo ein hungriger Fuchs der wirkliche Räuber war, das einzig Wahre an dieser schrecklichen Mär sein mag. Nein, Liebe, sieh' mich nicht so vorwurfsvoll an; es wird immer noch Zeit genug für uns sein, unsere Vorsichtsmaßregeln dann zu nehmen, wenn wir dem Grunde dieses beunruhigenden Gerüchts näher auf die Spur gekommen sind; bis dahin schelte mich nicht, wenn mich in deiner Gegenwart keine Furcht beschleichen kann. O Madeline, teure, teure Madeline, wüßtest du, träumtest du, wie anders mein Leben geworden ist, seit ich dich kenne! Früher, ich will es offen gestehen, lagen finstere, unheimliche Beängstigungen oft schwer auf meinem Herzen, ja, ich lebte mehr unter düsterem Gewölk als unter der Sonne. Jetzt aber bin ich ein Kind geworden und kann nur Hoffnung um mich sehen; mein Leben war Winter – deine Liebe hat es zum Lenz aufgehaucht.«

»Und doch, Eugen, doch –«

»Was doch, meine Madeline?«

»Immer noch giebt es Augenblicke, wo ich keine Macht über deine Gedanken habe; Augenblicke, wo du dich plötzlich von mir abwendest; wo du in dich selbst hinein Empfindungen flüsterst, woran ich keinen Anteil habe, und welche das Bewußtsein aus deinen Augen, die Farbe von deinen Lippen zu rauben scheinen.«

»Wie,« rief Aram hastig, »so genau beobachtest du mich?«

»Kann dich das wunder nehmen?« erwiderte Madeline mit inniger Zärtlichkeit in der Stimme.

»Das mußt du nicht, das mußt du nicht,« antwortete der Geliebte beinahe zornig, »ich kann eine zu genaue und unvermutete Beobachtung nicht ertragen. Bedenk', wie lange ich Einsiedler an eine strenge Unabhängigkeit meiner Gedanken gewöhnt war, die keinen Wächter zuläßt und niemandem Rede stehen darf. Überlaß es der Zeit und deiner Liebe, ihr unabwendbares Ziel zu erreichen. Fordere nicht jetzt schon zu viel von mir und merke dir, ich bitt' dich: so oft gegen meinen Willen eine der Launen, von welchen du eben sprachst, mein Gemüt verfinstert, gieb nicht darauf acht, hör' nicht darauf – verlaß mich! Einsamkeit ist das einzige Heilmittel dagegen! Versprich mir das, Liebe – versprich.«

»Das ist eine harte Forderung. Eugen, und ich meine, ich werde dir die Gedanken wohl nicht so gänzlich als ausschließliches Eigentum zugestehen,« erwiderte Madeline scherzend, doch mit halbem Ernst. »Madeline,« sagte Aram mit feierlichem Ton, »es ist dies eine Forderung, von welcher meine Liebe selbst abhängt. Aus der Tiefe meiner Seele flehe ich dich an, mir diese Bitte zu gewähren, buchstäblich zu gewähren.«

»Wie? Das ist,« – fing Madeline an. Da traf ihr Auge auf einen tiefen, dunkeln, unerklärlichen Blick des wunderbaren Geliebten; sie ward von einer plötzlichen Furcht, von welchem sie sich keine Rechenschaft zu geben vermochte, überfallen und nur mit leiser, unterwürfiger Stimme setzte sie, hinzu: »Ich verspreche dir zu gehorchen.«

Als ob eine Last von seinem Herzen genommen wäre, heiterte sich Aram auf einmal zur glücklichsten Stimmung auf. Er ergoß sich in einen Strom dankbaren Vertrauens, flammender Liebe, der aus den Gedanken der errötenden, entzückten Madeline die augenblickliche Angst, den schnell über sie gekommenen Schauder bald wieder wegschwemmte, womit jenes Anstarren ihre Seele unwillkürlich überwältigt hatte. Und wie sie nun durch den einsamsten Teil des waldigen Thales hinwandelten, er den Arm um ihren Leib geschlungen hielt und seine leise, aber silbertönige Stimme jedem Atemzug, welchen die Aufhorchende that, einen Zauber mitteilte, hatte sie vielleicht das Glück der Gegenwart nie so ganz und ungetrübt gefühlt, nie eine so gläubige Überzeugung von ihrer künftigen Seligkeit gehabt, als jetzt. Auch Aram selbst verweilte mit größerer Lebhaftigkeit und mehr ins einzelne eingehend als gewöhnlich auf den Hoffnungen ihrer gemeinschaftlichen Zukunft und der Ruhe und des Friedens, welchen die Einsamkeit in ihr Leben träufeln würde.

»Werden wir,« sagte er, »nicht mit stolzem Triumph aus unserer Abgeschiedenheit auf die wechselnden Leidenschaften, das leere Streben der fernen Welt blicken? Wir haben kein kleinliches Ziel, keine eitle Lockung, welche die Einheit unserer Neigung zerreißen könnte; wir müssen einander alles selbst sein; denn was sonst könnte an diesem Orte unsere Gedanken einnehmen, unsere Gefühle beschäftigen?«

»Hast Du, holde Schönheit, eine Wahl getroffen, welche die Welt bei deiner Jugend und Anmut sonderbar finden dürfte, so hast du mindestens einen Mann gewählt, der keinen andern Abgott als dich haben kann. Die Dichter sagen dir, und mit Recht, Einsamkeit sei der eigentliche Ort für die Liebe; aber wie wenig Liebende giebt es, welchen die Einsamkeit nicht zur Last wird! Sie stürzen sich in die Stille mit Seelen, die für die ernsten Freuden, die gleichmäßige Ruhe der Abgeschiedenheit nicht vorbereitet sind; bald werden sie einander überdrüssig, weil die Zurückgezogenheit selber, zu welcher sie entflohen sind, sie übersättigt und erdrückt. Mir aber ist jene Freiheit, welche niedere Gemüter Dunkelheit nennen, die wahre Nahrung des Lebens. Nicht als Fremdling, sondern als Priester trete ich in die Tempel der Natur; nichts kann mir die stillen erhabenen Altäre je verleiden, denen ich meine Jugend geopfert habe. Und jetzt, was Natur, was Wissenschaft mir einst waren – nein, nein, mehr, unendlich mehr als diese bist du mir! O Madeline, ich glaube, es giebt nichts unter dem Himmel, das dem Gefühl gleichkäme, welches uns von allem scheidet, was die große Menschenherde bewegt und durchströmt und herabwürdigt; das uns in stand setzt, auch die Zukunft unseres Lebens nach unserem Willen zu bestimmen, weil es jede Abhängigkeit von andern aufhebt, und uns, während die übrigen Erdenbewohner blind und bewußtlos von der Hand des Verhängnisses vorwärts getrieben werden, zu alleinigen Herren unseres Schicksals macht, und durch die Vergangenheit, die wir geleitet haben, uns befähigt, die Verkünder unserer Zukunft zu werden!«

In diesem Augenblick stieß Madeline einen schwachen Schrei aus und klammerte sich zitternd an Arams Arm. Verwundert und aus seiner Begeisterung gerissen, sah er auf, und als er die Ursache ihres Schreckens gewahr wurde, schien auch er wie von plötzlichem Entsetzen an den Boden gebannt.

Nur wenige Schritte von ihnen, zwischen dem hohen, üppigen Farnkraut, das zu beiden Seiten ihres Pfades wuchs, stand regungslos, das Paar mit spöttischem Lächeln betrachtend, der unheimliche Fremde, mit welchem das zweite Kapitel unseres ersten Buches den Leser bekannt gemacht hat.

Einige Sekunden schien Aram vom tiefsten Grauen überwältigt. Seine Wange wurde totenbleich und Madeline fühlte, wie sein Herz mit lauter, furchtbarer Gewalt an die Brust schlug, an welche sie sich anklammerte. Aber er war nicht die Natur, die von irgend einem irdischen Grausen lange bezwungen werden konnte. Leise hieß er Madeline weitergehen, und langsam und mit seinem gewöhnlichen festen aber sanften Tritt setzte er seinen Weg fort.

»Guten Abend, Eugen Aram,« sagte der Fremdling und lüftete bei diesen Worten ein wenig den Hut vor Madeline.

»Ich danke dir,« erwiderte der Gelehrte mit ruhiger Stimme, »verlangst du etwas von mir?«

»Hm, ja, wenn's dir gefällig wär'.« »Verzeihe, teure Madeline,« sagte Aram sanft, und machte sich von ihr los, »nur für einen Augenblick!«

Er trat auf den Fremden zu, und Madeline konnte bloß bemerken, daß Arams Stirn, als er jenen anredete, sich furchte, und daß sein ganzes Benehmen heftig und aufgeregt erschien, aber sie vermochte weder die Worte des einen noch des andern zu verstehen; auch dauerte das Gespräch nicht über eine Minute. Der Fremde nickte, wandte sich ab und verschwand schnell unter dem Gebüsch. Aram trat wieder an die Seite der Geliebten.

»Wer,« rief sie heftig, »ist dieser furchtbare Mann? Was ist sein Geschäft? Was sein Name?«

»Er ist ein Mann, mit dem ich vor etwa vierzehn Fahren in genauer Bekanntschaft stand,« erwiderte Aram kalt und mit Fassung. »Mein Leben war damals nicht so ganz einsam und wir wurden oft zusammengeführt. Seit der Zeit ist er in unglückliche Umstände gekommen, ließ sich wieder anwerben – er war in seinen jüngern Jahren Soldat gewesen und abgedankt worden – trat in ein Geschäft und machte bankerott; kurz, es trafen ihn jene Wechselfälle, die vom Leben eines jeden, der in die Welt getrieben wird, unzertrennlich sind. Als er vor einigen Monaten durch diese Gegend kam, hörte er zufälligerweise, daß ich in der Nachbarschaft wohne, und suchte mich natürlich auf. So arm ich bin, konnt' ich ihm einige Unterstützung bieten. Jetzt führt ihn sein Weg wieder zurück, und er sucht mich abermals auf, ja, ich glaube wohl, daß ich ihm auf's neue werde aushelfen müssen.«

»Und ist das wirklich alles?« sagte Madeline, freier aufatmend; »ach der arme Mann, wenn er dein Freund ist, so kann er keine schlimme Absichten haben – ich habe ihm unrecht gethan. Und er braucht Geld? Ich kann ihm einiges geben – hier, Eugen,« und in ihrer lieblichen Herzenseinfalt legte das Mädchen ihre Börse in Arams Hand.

»Nein, Teuerste,« rief er zurückfahrend; »deines Beitrags bedürfen wir nicht, ich kann den Menschen für den Augenblick hinreichend versehen. Aber laß uns heimkehren, es wird kühl.«

»Und warum verließ er uns, Eugen?«

»Weil ich ihn bat, mich in einer Stunde in meinem Hause aufzusuchen.«

»In einer Stunde? so wirst du heute nicht mit uns zu Nacht essen?«

»Nein, heute nicht, Geliebteste!« Das Gespräch stockte hier. Umsonst suchte es Madeline wieder anzuknüpfen; Aram, wenn auch ohne Zurückfallen in sein träumerisches Vertieftsein, antwortete ihr doch nur einsilbig. Sie langten beim Herrenhause an, wo der Gelehrte sich für heute am Gartenthor von ihr verabschiedete und auf seine Wohnung zurückeilte. Madeline sah seiner Gestalt nach, bis sie unter dem dunkelnden Schatten verschwand und trat dann mit unhörbarem Schritt in das Haus. Eine namenlose schaudernde Ahnung kroch ihr ans Herz; sie hätte niedersitzen und weinen können, ohne eine Ursache zu wissen.

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