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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Sechstes Kapitel.

Sir Peter in seiner wahren Gestalt. – Ein Weltmann leidet durch einen andern. – Der Vorfall mit dem Zaum führt den Vorfall mit dem Sattel, der Vorfall mit dem Sattel den Vorfall mit der Peitsche, der Vorfall mit der Peitsche dasjenige nach sich, was der Leser erfahren wird, wenn er dieses Kapitel liest.

Nihil est aliud magnum, quam multa minuta.
Vet. Auet.

»Also,« sagte Walter am nächsten Morgen zum Oberkellner, der mit den Zubereitungen zum Frühstück beschäftigt war, »also sagen Sie, Sir Peter Hales wohne nur eine Viertelstunde von der Stadt?«

»Kaum eine Viertelstunde, mein Herr – schwarzen oder grünen Thee? – Sie sind gestern Abend am Wege zu seinem Hause vorübergekommen. – Die Eier sind diesen Morgen sehr frisch, mein Herr. – Unser Wirtshaus gehört Sir Peter.«

»O was! – Kommt viele Gesellschaft zu Sir Peter?«

Der Kellner lächelte.

»Sir Peter giebt recht hübsche Mittagessen, Herr, zweimal des Jahrs! Ein gescheiter Herr, Sir Peter! Man sagt, er soll der beste Haushälter in der ganzen Grafschaft sein. – Befehlen Yorkshire-Kuchen? geröstetes Brot? Sogleich, mein Herr!«

»So, so,« sagte Walter zu sich selbst, »da hat mir der Oheim eine recht treffende Beschreibung von diesem Herrn gemacht: ›Würde mich zu oft zu Tisch laden! – Mir Geld anbieten, wenn ich in Verlegenheit käme! – Könne einen ganzen Monat in seinem Hause zubringen! – Der gastfreundlichste Kerl von der Welt!‹ – Der Oheim muß geträumt haben.«

Walter sollte erst erfahren, daß Leute, welche die größten Verschwender sind, wenn sie nichts als Aussichten haben, häufig die größten Knicker werden, wenn sie einmal den Reiz des wirklichen Besitzes kennen gelernt. Überdies hatte Sir Peter eine reiche schottische Dame geheiratet und war mit elf Kindern gesegnet! Aber hatte sich Sir Peter Hales überhaupt geändert? Sir Peter Hales war in der That noch ganz derselbe Mensch, der er immer gewesen. Ehemals war er selbstsüchtig in seinen wilden Streichen, jetzt war er es im Knausern. Mit sich selbst war er von jeher zufrieden gewesen und hatte andere Leute getadelt, und daß er dies jetzt noch that, rechnete er sich gerade zum Verdienst an. Das Wunderlichste an Sir Peter war jedoch, daß, während er selbst unaufhörlich die Dienste anderer in Anspruch nahm, er sich gewaltig fürchtete, von andern in Anspruch genommen zu werden. Er saß im Parlament und war dafür bekannt, daß er seine Postfreiheit keinem, der nicht zu seiner Familie gehörte, zu gute kommen ließ. Bei alledem war Sir Peter Hales immer noch ein angenehmer Mann; ja, er war beliebter und geschätzter als je. Neigung zum Sparen vergiebt man endlich leicht; wenn aber einer zu freigebig mit seinem Eigentum ist, so können die Leute höchst erbost darüber werden. So etwas ist ein Hohn, den er ihrer eigenen Klugheit anthut. »Welches Recht hat er zu so tollen Streichen? Was für ein Beispiel für unsere Dienerschaft!« Unser knickriger Nachbar dagegen demütigt uns nicht. Wir lieben unsern knickrigen Nachbar; wir fühlen Respekt vor unserem knickrigen Nachbar; wir haben unsern harmlosen Scherz über ihn – aber er ist ein ganz ehrenwerter Mann.«

»Ein Brief, Herr, und ein Paket, von Sir Peter Hales,« sagte hereintretend der Kellner.

Das Paket war ein großes, eckiges unbehilfliches Pack mit braunem Papier umwunden, einmal gesiegelt und mit der kleinstmöglichen Menge Bindfaden zusammengehalten; es war an Herrn Johann Holwell, Sattlermeister – Straße ++++ adressiert. Der Brief lautete an – Lester Esq. und war in einer sehr netten, geraden italienischen Handschrift also abgefaßt:

»Vrehrt. Hr.

Hoffe, es sei Ihnen nicht schwer ge wdn den Hr zg von Cumb rld aufzu fdn; es ist ein vortr flchs Wirts hs.

Sehr bedaure, daß Sie so pres rt sd nach Lond n zu gehen, widr gnfls es mir zum größten V rgngn gereicht h bn würde, Sie bei mir zu Tisch zu sehen, und bei Lady Hales einz fhrn. Ein and r Mal hoff ich, wird uns das Glück mehr begünst gn.

Da Sie durch das Städt chn ++++, 6 Stund n von hier, auf dem Weg nach Lond n kmm n, so hab n Sie die Gewog nht, Ihrem Be dtn aufz gbn, daß er beil gnds Pak tchn in seine Tasche stecke und an die Adresse über lfre. Es ist ein Zaum, den ich zurück zgbn genötigt bin. Arb tr auf dem Land sd nun einmal solche Pfuschr.

Ich hätte mir jedn fls noch die Ehre gen mmn Ihnen meine per sönl Aufw artg zu mach n, aber dr Regen hat mir eine hef tge Erkäl tg zug zgn; hoffe, es ist Ihnen nicht auch so er gngn, ob whl Sie frei lch weder Mantel noch Shwal h ttn.

Meine an glgnstn Em pflgn an Ih rn tref lchn Oheim. Ich bin über zgt, daß er noch ganz der alte lustige Gesell ist, der er immr war. Sagn Sie ihm das.

Vrehrtr Hr. Ihr aufrchtgr

Peter Grindlescrew Hales.

N. S. Vie llcht ist Ihnen schon bekannt, daß der arme J hn Court d, der vertrau tste Freund Ihres Oheims, in ++++, dem Städtchen, wo Ihr Be dntr den Zaum ab zgbn hat, wohnt. Er ist sehr verändert, der arme J hn

»Verändert! Veränderung scheint bei meines Oheims Freunden Mode zu sein!« dachte Walter, indem er dem Korporal läutete und seiner Obhut das schwerfällige Paket übergab.

»Es soll auf Verlangen des Herrn, den wir gestern abend trafen, sechs Stunden weit mitgenommen werden – ein verständiger Mann das, Bunting!«

»Uff – wuff – Euer Edeln!« brummte der Korporal, indem er den Zaum griesgrämig in die Rocktasche steckte, wo er ihn sofort den ganzen Weg über belästigte, da er unaufhörlich zwischen seinen Sitz von Leder und seinen – Ehrensitz geriet. Es ist ein Trost für den Unerfahrenen, wenn ein Mann von Welt durch die Schlauheit eines andern seiner Art leidet; wir unterwerfen uns dann williger unserem eigenen Schicksal. Unsere Reisenden machten sich wieder auf und bereits nach wenigen Minuten war der Korporal aus der eben angedeuteten Ursache in den höchsten Unmut geraten.

»Sagt mir doch, Bunting,« fragte Walter, indem er den Diener an seine Seite rief, »seid Ihr überzeugt, daß der Mann, den wir gestern in der Schenke trafen, derselbe ist, den Ihr vor einigen Monaten in Grünthal sähet?«

»Daß du verdammt wärst!« schrie der Korporal und fuhr mit der Hand nach hinten.

»He? – guter Freund! –«

»Um Vergebung Euer Edeln – schoß mir so über die Zunge – aber das verfluchte Paket! – Uff – Henker!«

»Warum tragt Ihr's nicht in der Hand?«

»'S sieht so unbehilflich aus! Daß es verdammt wär! Und wie kann ich 's Paket halten und das Tier da leiten, das zwei Hände braucht? Sein Maul ist so hart wie 'n Ziegelstein – uff!«

»Ihr habt mir noch nicht auf meine Frage geantwortet.«

»Um Vergebung, Euer Edeln! Ja freilich ist der Kerl der nämliche: so 'ne Fratze vergißt man nicht wieder.«

»Seltsam,« sagte Walter nachdenklich, »daß Aram einen Bekannten haben soll, der, wenn nicht, wie wir vermuteten, ein Räuber, wenigstens von sehr rohem Benehmen und abschreckendem Äußern ist. Auch finde ich auffallend, daß Aram immer vermied, auf diese Bekanntschaft zurückzukommen, obwohl er dieselbe selbst zugestanden hat.« Damit warf er sich in einen Trab und der Korporal in eine Reihe Flüche.

Um Mittag langten sie in dem von Sir Peter bezeichneten Städtchen an und kamen auf ihrem Wege nach dem Gasthof (denn Walter beschloß hier anzuhalten) an dem Hause des Sattlers vorbei. Es traf sich, daß Meister Holwell zu den erfahrensten in seinem Gewerbe gehörte und daß ein Jagdsattel von neuer Erfindung an seinem Fenster Walters Aufmerksamkeit auf sich zog. Der gewandte Meister überredete den jungen Reisenden abzusteigen und »das bequemste und hübscheste Sättelchen zu betrachten, das je gesehen worden«. Da der Korporal keine Zeit verloren hatte, sich seiner Bürde zu entledigen, schickte ihn Walter mit den Pferden nach dem Gasthaus voraus und nachdem er den Sattel im Umtausch gegen den seinigen erstanden, trat er in den Laden, um nach einer neuen Knebeltrense zu sehen. Eben befand sich ein Bedienter in demselben und handelte um eine Reitpeitsche; der Ladenjunge zeigte ihm unter andern eine große altmodische Gerte mit abgeriebenem silbernen Griff. Reitknechte haben keinen Geschmack an Altertümern und so warf der Diener die Peitsche trotz des silbernen Griffes verächtlich beiseite. Ein Scherzwort, welches er dabei aussprach, zog Walters Aufmerksamkeit auf dieselbe: er nahm sie nachlässig in die Hand und bemerkte mit großer Verwunderung, daß der Helmschmuck seines eigenen Wappens, eine Rohrdommel, an dem Griff angebracht war. Er untersuchte denselben sofort genauer und es fand sich unter dem Helmschmuck ein G. und ein L., die Anfangsbuchstaben zu seines Vaters Namen.

»Wie lange haben Sie schon die Peitsche da?« fragte er den Sattler, indem er die Bewegung verbarg, welche dieses Anzeichen von dem verlorenen Vater in ihm erregte.

»O, 'ne mächtig lange Zeit, mein Herr.« erwiderte Meister Holwell, »'s ist ein närrisches altes Ding, aber wirklich nicht so übel, wenn das Silber ein wenig aufgeputzt wär' und eine neue Schlinge drangemacht würde. Sie können 'nen guten Handel machen, Herr, wenn Sie Lust dazu haben sollten.«

»Können Sie sich erinnern, wie Sie zu derselben gekommen sind?« fragte Walter ernsthaft, »ich sehe an dem Helmschmuck und den Anfangsbuchstaben, daß die Peitsche jemand gehört hat, dem ich gern näher auf die Spur kommen möchte.« »Lassen Sie mich sehen,« sagte der Sattler, indem er sich am rechten Ohrläppchen kraute, »'s ist gar lange her, seit ich sie habe: habe ganz vergessen, wie ich dazu kam.«

»Ach, nach der Peitsche fragt der Herr?« sagte des Sattlers Frau, die durch den Anblick des hübschen jungen Reisenden vom hintern Zimmer herbeigezogen worden. »Weißt du nicht mehr, 's ist viele Jahre her, daß einmal 'n Herr, der bei Squire Courtland, als er sich eben erst hier am Orte niedergelassen hatte, auf Besuch war, zu uns kam und die Peitsche bei uns ließ, um ihm 'ne neue Schlinge d'ran zu machen. Aber er muß sie vergessen haben, mein Herr«; (sich an Walter wendend), »denn er ist später nie wiedergekommen und die Leute des Squires sagten, er wär' nach Yorkshire gegangen. So ist die Peitsche immer dageblieben. Ich weiß es noch, mein Herr, weil ich sie beinah' 'n Jahr lang im Wohnzimmer behielt, daß sie gleich bei der Hand sein sollte.«

»Ach ich meine, jetzt besinn' ich mich auch,« sagte Meister Holwell, »ich denk, es mag so 'n Jahrer zwölf sein. Glaube, ich kann sie jetzt wohl verkaufen, ohne daß sie der Herr wieder zurückfordert.«

»Nicht mehr als zwölf Jahre,« rief Walter ängstlich, denn es war schon siebzehn Jahre her, seit seine Familie die letzte Nachricht von seinem Vater erhalten hatte.

»Nun, 's mag ihrer dreizehn sein, Herr, oder so, mehr oder weniger, kann's nicht genau sagen.«

»Eher vierzehn!« sagte die Frau, »viel länger kann's aber nicht sein, mein Herr; denn nächsten Christtag sind wir erst fünfzehn Jahre verheiratet! Aber mein Alter da ist 'n zehn Jahre älter als ich.«

»Und der Herr, sagen Sie, sei bei Herrn Courtland zu Besuch gewesen.«

»Ja, mein Herr, das weiß ich gewiß,« erwiderte die verständige Frau Holwell, »sie sagten, er sei kurz vorher von Innien gekommen.«

Walter, der die Hoffnung, hier genauere Auskunft zu erhalten, aufgab, kaufte die Peitsche. Immerhin segnete er jetzt die Weltklugheit des Sir Peter Hales, die ihn auf eine Spur gebracht hatte, der er, so schwach und so fern sie war, nachzugehen beschloß; er erkundigte sich nach Squire Courtlands Wohnung und begab sich sogleich dahin.

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