Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Worin die Geschichte zu Walter und dem Korporal zurückkehrt. – Zusammentreffen mit einem Fremden, und wie der Fremde beweist, daß er durchaus kein Fremder ist.

Nachdem ich so aus der Stadt auf die Straße nach Penastor gekommen, Herr meines freien Willens und vierzig guter Dukaten, war das erste, was ich vornahm, meinem Maultier den Zügel zu lassen, damit es weitergehe, wie es ihm gefalle.
Ich verließ sie im Wirtshaus und setzte meine Reise fort: kaum hatte ich eine halbe Meile zurückgelegt, als mir ein gar stattlicher Reiter begegnete.
Gil-Blas.

Es war der zweite, sonnig-helle Mittag ihrer Reise herangekommen, als Walter Lester und der tapfere Begleiter, welchen ihm beizugeben dem Schicksal gefallen hatte, langsam in ein Städtchen einritten, wo nach dem stillen Herzensbeschluß des Korporals sein ramsnasiges Pferd gefüttert und er selbst erfrischt werden sollte. Schon war der jüngere der beiden Reisenden an zwei einladenden Gasthäusern mit so gleichgiltiger Miene vorübergezogen, als gehörten weder Futter noch Erfrischung irgendwie zu den notwendigen Bedingungen für die Bewohnbarkeit dieser Welt. Bei jedem der besagten Wirtshäuser hatte das zum Weitergehen genötigte ramsnasige Pferd mit entrüsteter Verwunderung aufgeschnaubt, und der würdige Korporal auf die Demonstration seines vierfüßigen Gefährten mit einem lauten Hm geantwortet. Gleichwohl schien es, Walter habe keine dieser bedeutsamen Ermahnungen vernommen; schon hatten sie die Stadt beinahe hinter sich und ein steiler Hügel, der sich eine ganze Ewigkeit hinaufzuwinden schien, bot sich dem schmerzlichen Blick des Veteranen dar.

»Der Jung' ist ganz toll,« brummte Bunting vor sich hin, »muß meine Schuldigkeit thun; ihm 'n Wink geben.«

Diesen bemerkenswerten und gewissenhaften Entschluß verfolgend, stauchte er sein Pferd in einen Trott, legte, als er an Walters Seite kam, die Hand an den Hut und begann:

»Warm Wetter, Euer Edeln – Pferde abgeritten – weit wie in die Höll' zur nächsten Stadt! 'n Bissel hier anhalten – uff!«

»Ha, das ist wahr, Bunting, ich hatte wirklich nicht daran gedacht, wie lange wir schon unterwegs sind. Aber schaut, dort ist ein Schild, das wollen wir uns zu nutze machen.«

»Uff! Euer Edeln haben recht; gut fürs Zweiundvierzigste!« sagte der Korporal, indem er wieder zurückblieb. Und nach wenigen Minuten zogen er und sein Tier zu ihrem beiderseitigen Vergnügen durch den Thorweg eines kleinen, aber freundlich aussehenden Gasthofes.

Der Wirt, ein Mann mit behaglichem Bauch und rosigen Wangen – kurz ein Wirt, bei dessen Anblick euch das Herz warm wird – trat sogleich herzu, hielt dem jungen Squire den Bügel (denn die Bewegungen des Korporals waren zu würdevoll, um schnell sein zu können) und führte ihn mit einer Verbeugung, einem Lächeln und einer Schwingung der Serviette in eines jener kleinen netten Zimmer mit Geschirrschränken voll Gläser und altem Porzellan, die wir auf abgelegenen Straßen und in weniger londonisierten Bezirken stets noch mit Freude als Beigabe älterer Gasthöfe finden.

Der Herr Wirt war ein ehrlicher Kerl und nicht über seinen Stand hinaus. Er schürte das Feuer an, stäubte den Tisch ab, brachte die Speisekarte und eine sieben Tage alte Zeitung herbei und eilte dann hinaus, um das Essen anzuordnen und sich in ein vertrauteres Gespräch mit dem Korporal einzulassen. Schon hatte dieser makellose Held den Stall in Aufruhr gebracht und die beiden Knechte vom Dienst bei den Rossen friedlicherer Leute aufgeschreckt, und sie angewiesen, sein und seines Herrn Pferd im Hofe auf- und abzuführen, damit die Tiere abgekühlt zu Ruhe und Futter kämen. Nunmehr war er in der Küche beschäftigt, wo er bereits die Zügel der Regierung an sich gerissen, den Küchenjungen zum Nachsehen, ob etwa eine Henne ein frisches Ei gelegt, fortgeschickt und die Schmähworte der dürren, schielenden Köchin auf sich geladen hatte.

»Sag Ihr was, Jungfer – hat unrecht – ganz unrecht – die Welt gesehen, alter Soldat – weiß besser Eier zu braten als eine in den drei Königreichen – halt' Sie 's Maul – kümmere sich ums eigene Geschäft – wo ist die Bratpfanne? – uff!«

So gänzlich fühlte sich der Korporal in seinem Element, während er die andern alle aus dem ihrigen vertrieb, und so behaglich fand er es in dem neuen Quartier, daß er beschloß, das Füttern müsse auf jeden Fall ausgedehnt werden, bis er seinen guten Imbiß mit Verstand verdaut und seine gewöhnliche Pfeife geschmaucht habe, wie sich das gehörte.

Demgemäß erschien er – jedoch erst nachdem Walter das Mittagessen eingenommen hatte, denn unser Mann von Welt wußte, daß Herabstimmung unserer Thätigkeit und Erhöhung unserer guten Laune die gewöhnliche Folge dieses Mahles ist – mit ernster Miene vor seinem Herrn.

»Thut m'r leid, Euer Edeln – wer hätt's gedacht? – aber so 'n groß Tier taugt nicht zu 'nem langen Marsch,«

»Wie, was giebt's, Bunting?«

»Nichts, Herr, als daß der Braune so abgemattet ist, daß ich glaub', 's stünd' ihm 's Leben drauf, wenn er vor 'n paar Stunden wieder fort müßte.«

»Sehr gut; und wenn ich nun vorschlüge, bis zum Abend hier zu bleiben? Wir sind weit geritten und haben keine große Eile.«

»Gewiß nicht – gewiß und wahrhaftig nicht,« schrie der Korporal. »Ach Herr, Sie verstehen's zu befehlen, seh' ich. Nichts über Besonnenheit! Besonnenheit, Herr, ist 'n Juwel. Euer Edeln 's ist mehr als 'n Juwel – 's ist ein Paar Steigbügel!«

»Wie das. Bunting?«

»'n Paar Steigbügel, Euer Edeln! Steigbügel helfen uns auf, so auch Besonnenheit; helfen uns ab, so auch Besonnenheit. Reiter ohne Steigbügel sehen hübsch aus, reiten kühn, werden bald müd'; Leut' ohne Besonnenheit machen 'nen Lärm in der Welt, ist aber mit 'n aus, eh' man 'ne Hand umkehrt. Steigbügel – doch was sag' ich? Könnt' noch viel sagen, Euer Edeln, Hab' aber 's Schwatzen nicht gern.«

»Euer Gleichnis ist, wenn nicht dichterisch doch sinnreich sagte Walter, »aber es hält zuletzt nicht Stich. Wenn einer am Fallen ist, sollte ihn Besonnenheit schützen, aber durch seine Steigbügel wird er oft in den Kot gezogen.«

»Um Vergebung; sind falsch dran,« erwiderte der Korporal, keineswegs außer Fassung gebracht. »Sprach von den neu ausgeheckten Steigbügeln, die sich aufthun, wenn wir fallen und uns aus der Klemme lassen.«

Zufrieden mit dieser seinen Erwiderung ging der Korporal (der sich aufs Spaßmachen so gut als einer verstand) nunmehr ab, um eine solche Antwort ganz der Bewunderung seines Herrn zu überlassen. – Etwas vor Sonnenuntergang machten sich die beiden Reisenden von neuem auf den Weg.

»Hab' die Pistolen geladen, Herr,« sagte der Korporal und zeigte auf die Halftern an Walters Sattel. »Noch sechs Stunden bis zur nächsten Stadt – wird lang Nacht, eh' wir ankommen.«

»Ihr thatet sehr wohl, Bunting, obgleich ich nicht glaube, daß wir von Buschkleppern viel zu besorgen haben.«

»He! der Wirt spricht just 's Gegenteil, Euer Edeln – viel Räuberei vor kurzem hier herum vorgekommen.«

»Nun, wir sind gut beritten und Ihr seid ein Kerl, der Respekt einjagen kann, Bunting.«

»O, Euer Edeln,« sagte der Korporal, den Kopf steif abwendend, mit bescheidenem Lächeln, »werd' ganz roth; obwohl abgesehen daß man mir den Soldaten anmerkt, und ich was mehr in der Reife des Lebens steh', nicht viel fehlt, daß Euer Edeln ein ebenso unbequemer Herr wären als ich für jeden, der uns in die Quer kommt.«

»Sehr verbunden für das Kompliment!« sagte Walter, seinem Pferde die Sporen gebend. Der Korporal verstand den Wink und blieb hinter ihm zurück.

Es war jetzt die schöne Dämmerstunde, wo Liebende besonders zärtlich gestimmt sind. Der junge Reisende schlug das dunkle Auge jeden Augenblick aufwärts und dachte – nicht an Madeline, sondern an ihre Schwester. Der Korporal selbst wurde nachdenklich, und nach wenigen Minuten war seine Seele in Betrachtung des freundlosen Zustandes der verlassenen Jakobine verloren.

So zogen sie ernst und still dahin, bis es mehr und mehr Nacht wurde. Beim ersten Sternenlicht gewahrte Walter einen dünnen, magern Herrn, der auf einem kleinen Paßgänger mit gestutzten Ohren und Mähne vor ihm her ritt. Der Mann schien ihm, als er sofort an ihn herankam, den großen Wendepunkt des Lebens bereits hinter sich zu haben, sah aber noch frisch und kräftig drein. Dabei war ein gesetztes und schlichtes vornehmes Wesen an ihm, das unwillkürlich Respekt einflößte.

Er faßte Walter, wie dieser sich näherte, scharf ins Auge und den Korporal noch schärfer, schien aber mit dem Überblick zufrieden.

»Mein Herr,« hob er, indem er den Hut leicht gegen Walter rückte, mit einer angenehmen, doch etwas scharfen Betonung der Worte an, »es freut mich sehr, einen Mann von Ihrem Aussehen auf meinem Wege zu treffen. Dürft' ich mir die Ehre Ihrer Gesellschaft, so weit Sie reisen, auskitten? Offen zu gestehen, fürchte ich halb und halb auf einige der betriebsamen Herren zu stoßen, die sich in neuester Zeit hier herum etwas bemerklich gemacht haben, und es dürfte für uns alle gut sein, in möglichst starker Begleitung zu reisen.«

»Mein Herr,« entgegnete Walter, indem er seinerseits den Sprechenden musterte und mit der Prüfung ebenfalls zufrieden war, »ich reise nach ..., wo ich auf meinem Wege nach der Hauptstadt zu übernachten gedenke; Ihre Gesellschaft wird mir sehr angenehm sein.«

Der Korporal stieß ein lautes Hm aus; dem scharfblickenden Weltmann wollte die Zuvorkommenheit des Fremden keineswegs recht gefallen.

»Was für 'n Narr doch so 'n Jung ist!« dachte er wenig befriedigt; »doch sieht der Mensch wie 'n ordentlicher Landedelmann aus, und wir sind zwei gegen einen; überdies ist er alt, klein und – uff, buff – mein' wohl, wir sind sicher genug gegen alles, was er thun kann.«

Der Fremde hatte ein feines, wohlgesittetes Benehmen; er sprach offen und viel, und sein Gespräch zeigte einen klugen, gebildeten Mann. Er erzählte Walter, daß nicht nur die Straßen von jenen damals noch häufig vorkommenden verwegenen Rittern gefährdet würden (deren Verdiensten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen wir selbst in einem unserer frühern Werke gesegneten Andenkens versucht haben), sondern daß neuerdings sogar mehrere Häuser angegriffen und zwei derselben vollständig ausgeplündert wurden seien.

»Was mich betrifft,« fügte er hinzu, »so hab' ich nur wenig Geld bei mir. und meine Uhr hat bloß für mich selbst Wert, weil ich sie schon sehr lange besitze, so daß, wenn die Schurken ihre Räubereien etwas manierlich trieben, ich mir nicht viel daraus machen würde, mit ihnen zusammenzutreffen. Aber es ist ein verzweifeltes Pack, das auch da Gewalt braucht, wo nichts zu bekommen ist. – Haben Sie heute einen weiten Weg gemacht, mein Herr?«

»Etwa sechs- bis siebenundzwanzig Meilen,« erwiderte Walter. »Ich gehe nach London, und mag meine Pferde durch eine zu schnelle Reise nicht überanstrengen.«

»Sehr recht, sehr gut; auch sind die Pferde jetzt gar nicht mehr, was sie in meiner Jugend waren. Welche Wetten ich damals gewann! Die Pferde liefen Galopp, als ich zwanzig Jahre alt war; sie liefen Trab, als ich fünfunddreißig hinter mir hatte; letzt sind sie nur noch Paßgänger. Wenn es Ihre Geduld auf keine zu harte Probe seht, mein Herr, so lassen Sie uns unsern Gäulen an dem Haus, das dort auf halbem Wege steht, etwas Heu und Wasser geben.«

Walter war damit einverstanden. Sie hielten vor einem kleinen Wirtshaus an der Heerstraße, aus welchem der Wirt, sobald er die Stimme von Walters Begleiter vernommen, mit großer Dienstbeflissenheit herauskam.

»Ah, Sir Peter!« rief er. »wie geht's Euer Edeln? 'ne schöne Nacht, Sir Peter – hoffe, Sie werden glücklich nach Haus kommen, Sir Peter.«

»Glücklich – ha! ich hoff's auch, Jock. Ist in den letzten Nächten alles ruhig geblieben?«

»Pst! Herr!« flüsterte der Wirt, indem er mit dem Daumen rückwärts nach dem Hause zu schnellte, »sind zwei garstige Gäste drin, die ich nicht kenne, haben verteufelt gute Pferde und zechen tüchtig. Kann nicht sagen, daß ich was über sie wüßt', denk' aber, Euer Edeln thäten besser, sich gleich wieder aufzumachen.«

»Ah, dank' Euch, Jock, dank' Euch. – Brauchst jetzt kein Heu zu fressen,« sagte Sir Peter, indem er das widerstrebende Maul seines Kleppers fortschob: und sich zu Walter kehrend: »Kommen Sie, Herr, halten wir uns nicht auf. Hui! wo ist Ihr Bedienter?«

Mit Verdruß bemerkte jetzt Walter, daß der Korporal in die Schenke getreten war; er schaute von außen durchs Fenster, woran das rote Licht des Kaminfeuers hell aufflackerte, und sah, wie der Weltmann ein Glas »Gutes« an die Lippen setzte, während neben dem Herd an einem runden mit Pfeifen, Gläsern u. dgl. bedeckten Tischchen zwei Männer saßen, die den langen Kriegshelden sehr ernstlich aufs Korn nahmen und selbst keineswegs von einnehmendem Äußeren waren. Besonders der eine zeigte, indem eben der volle Schein des Feuers auf sein Gesicht fiel, wunderlich gefurchte und unheimliche Züge. Eben dieser wandte sich, wie Walter sofort wahrnahm, mit einem verzerrten Lächeln an den Korporal, der, seine kleine Kanne niedersetzend, ihn seinerseits mit einem Blick anstarrte, worin Walter das Wiederfinden irgend eines früheren Bekannten ausgedrückt zu sein schien. Diese ganze Beobachtung war übrigens das Werk eines Augenblicks, denn Sir Peter nahm es auf sich, den Wirt nach dem zur Unzeit Zechenden abzuordnen, der alsbald herausschritt. So wie er sich mit gehöriger Gravität aufgesetzt, eilte das Trio in scharfem Trabe fort. Nicht sobald war ihnen die Schenke aus dem Gesicht, als der Korporal die Ramsnase seines Gauls in gleicher Linie mit seines Herrn Pferd brachte.

»Uff! Herr!« sagte er mit mehr als gewöhnlicher Kraft des Ausdrucks, »sah ihn!«

»Ihn! Wen?«

»Den Kerl mit dem Teufelsgesicht, der bei Peter Dahltrup einkehrte und 'n Bekannter von Herrn Aram war – kannt' ihn im Augenblick – ist sicherlich 'n Spitzbub!«

»Wie! Kennt Ihr Bedienter einen von den verdächtigen Gesellen, vor welchen uns Jock gewarnt hat?« fragte Sir Peter hoch aufhorchend.

»Es scheint so, mein Herr,« sagte Walter, »er hat ihn einmal viele Stunden von hier gesehen; aber ich glaube, er weiß nichts Sicheres, sein Vorurteil zu begründen.«

»Uff!« schrie der Korporal, »auf jeden Fall hat er 'n verdammtes Teufelsgesicht!«

»Ihr Gefährte ist ein stattlicher Bursche,« sagte Sir Peter, indem er das Kinn mit der eigentümlichen Bewegung kurzer Leute, wenn sie ihre Gestalt über das natürliche Maß ausdehnen wollen, emporwarf. »Er hat was Militärisches an sich; hat er in der Armee gedient? Ich denk' wohl; so einer von den Grenadieren des Königs von Preußen? – Wahrhaftig, ich höre Pferdegetrappel hinter uns.«

»Hm!« rief der Korporal, indem er wieder auf die Seite seines Gebieters kam. »Um Vergebung, Euer Edeln – im Zweiundvierzigsten gedient – nichts über 'ne gleiche Linie – Nachzügler werden immer abgeschnitten – möcht' gerad' jetzt kein Nachzügler sein – Feinde hinter uns!«

Walter sah sich um und wurde zwei Männer gewahr, die im Galopp auf sie zukamen. »Wir sind ihnen wenigstens an Zahl gewachsen, mein Herr,« sagte er zu seinem neuen Bekannten. »Ich freue mich wie 'n Spitzbube, daß ich Sie getroffen habe,« lautete Sir Peters ziemlich selbstsüchtige Antwort.

»Ist der Spitzbube, ist's!« brummte der Korporal, als die beiden Männer sie sofort erreicht hatten und anhielten. Walter erkannte die beiden Gesichter, die er in der Schenke gesehen.

»Ihr Diener, meine Herren,« sagte der Häßlichere von den beiden, »Sie reiten schnell.«

»Und sind zu allem parat. Wetter – Uff!« rief schallend der Korporal, indem er ohne weitere Umstände eine gewaltige Pistole aus dem Halfter zog.

»Das freut mich, Herr,« sagte der Fremde mit den harten Zügen, keineswegs außer Fassung gebracht, »aber ich kann Euch ein Geheimnis sagen!«

»Was – Uff?« fragte der Korporal, indem er den Hahn spannte.

»Wer Euch was zu leid thun wollte, Freund, betrög' den Galgen!« erwiderte lachend der Fremde und spornte sein Pferd, um aus dem Bereich jeder praktischen Erwiderung zu kommen, mit welcher ihn zu beehren der Korporal etwa Lust fühlen möchte. Aber Bunting war ein kluger Mann und ließ sich nicht vom blinden Zorn hinreißen.

»Henker auch!« sagte er und senkte die Pistole, als der zweite Fremde seinem verdächtigen Gefährten nachsprengte.

»Sehen Sie, wir sind zu stark für sie!« rief Sir Peter frohen Mutes; »offenbare Räuber! Wie glücklich, daß ich mit Ihnen zusammentreffen mußte.«

Eben begann ein Regenschauer zu fallen. Sir Peter ward ernsthaft, hielt plötzlich an, schnallte seinen Mantel auf, der vorn auf seinem Sattel befestigt war – hüllte sich darein – begrub sein Gesicht in den Kragen – zog ein rotes Schnupftuch aus der Tasche und vermummte sein Kinn damit – wandte sich dann zu Walter und fragte: »Was, keinen Mantel, mein Herr? Nicht einmal einen Shawl? Wie bedaure ich, kein zweites Schnupftuch zu haben, um es Ihnen leihen zu können!«

»Mann von Welt, uff!« brummte der Korporal, und sein Herz ward warm für den Fremden, den er zuerst für einen Räuber gehalten.

»Und jetzt, lieber Herr,« sagte Sir Peter, indem er seinen Klepper auf den Hals klopfte und seinen Mantelkragen noch höher heraufzog, »lassen Sie uns so sachte fortreiten, wir haben keine Ursache zur Eile. Wozu unsere Pferde abtreiben?«

»Wirklich, mein Herr!« entgegnete Walter lächelnd, »wiewohl ich große Rücksichten gegen mein Pferd nehme, so hab' ich doch auch einige gegen mich selbst, und ich möchte lieber sobald als möglich aus diesem Regen sein.«

»Ach, ja so! Sie haben keinen Mantel, daran dacht' ich nicht. Das ist wahr – das ist wahr, lassen Sie uns ein Träbchen anschlagen; aber nicht zu rasch – nicht zu rasch! Ja, Herr, wie ich vorhin sagte, die Pferde sind jetzt nicht mehr so schnell als ehemals. Die gute Zucht ist von den Franzosen aufgekauft! Ich erinnere mich, daß einmal John Courtland und ich, nachdem wir in meinem Hause gegessen hatten, bis uns der Champagner in den Köpfen tanzte, aufstiegen und zehn Stunden Wegs um eine Wette auf tausend Pfund ritten. Ich verlor sie um eines Messerrückens Breite, verlor sie aber absichtlich. Die Bezahlung würde den Courtland halb ruiniert haben: und er hielt so viel aufs point d'honneur, Herr – so viel aufs point d'honneur, daß er es nicht zugegeben hätte, wenn das Geld von meiner Seite nicht angenommen worden wäre – was blieb mir also übrig, als absichtlich zu verlieren? Sie sehen, ich hatte keine andere Wahl!«

»Wie, mein Herr,« rief Walter, erstaunt und gerührt über ein so seltenes Beispiel großmütiger Freundschaft – »wie, mein Herr, nannte Sie nicht der Wirt der kleinen Schenke Sir Peter? Sollte ich vielleicht – da sie so vertraut von Herrn Courtland sprechen – die Ehre haben, Sir Peter Hales vor mir zu sehen?«

»Wirklich, das ist mein Name,« erwiderte der andere mit einiger Verwunderung, »gleichwohl ist es das erste Mal, daß ich die Ehre habe, Sie zu sehen –«

»Vielleicht ist Ihnen mein Name nicht unbekannt,« sagte Walter; »unter meinen Papieren habe ich einen Brief an Sie von meinem Oheim Rowland Lester.«

»Gott steh' mir bei!« rief Sir Peter, »wie, von Rowy? Ach, wie freut mich's, etwas von ihm zu hören. So, Sie sind sein Neffe? Ich bitte, erzählen Sie mir recht viel von ihm. Noch immer ein wilder, lustiger, toller Patron, he? Immer mit dem Degen bei der Hand, ja, ja! oder am Billard, oder scharf bei der Steeplechase? Gab keinen lustigern, besser gelaunten Kerl in der Welt als Rowy Lester.« »Sie vergessen, Sir Peter,« sagte Walter, über eine Beschreibung lachend, die seinem gesetzten, nüchternen Oheim so unähnlich war. »Sie vergessen, daß seit der Zeit, von welcher Sie sprechen, einige Jahre vergangen sind.«

»Ach ja, das sind sie.« erwiderte Sir Peter, »und was sagt Ihr Oheim von mir?«

»Daß Sie, als er Sie kannte, die Großmut, Offenheit, Gastfreundlichkeit selbst gewesen.«

»Hm, hm!« murmelte Sir Peter mit höchst verlegenem Aussehen, eine Verwirrung, die Walter lediglich seiner Bescheidenheit zuschrieb; »ich war damals ein toller Wildfang, noch ganz ein Knabe, ganz ein Knabe. – Aber Gott behüte, es regnet heftig und Sie haben keinen Mantel. Doch sind wir jetzt nahe an der Stadt. Ein treffliches Wirtshaus ist der Herzog von Cumberland; Sie werden dort sehr gute Aufnahme finden.«

»Wie, Sir Peter, Sie kennen also diesen Teil des Landes genau?«

»Ziemlich genau, ziemlich genau; ich wohne in der That nahe, d. h. nicht sehr fern von der Stadt. – Diese Straße, wenn's Ihnen gefällig ist! Wir trennen uns hier. – Ich habe Sie etwas vom Wege abgebracht – nicht über ein Viertelstündchen oder zwei – in der Besorgnis, die Räuber könnten mich angreifen, wenn ich allein wäre. Vergaß ganz, daß Sie keinen Mantel haben. Das ist Ihre Straße – dies die meinige. – So, so. Rowy Lester ist immer noch wohl und gesund? ohne Zweifel immer noch der herzensgute, wilde Kerl. Empfehlen Sie mich ihm aufs beste, wenn Sie ihm schreiben. Adieu, mein Herr!«

Die letzten Worte waren im Stillhalten gesprochen worden, so daß der Korporal sie hörte. Er grinste freundlich, als er vor Sir Peter, der sofort weiter ritt, den Hut zog, und murmelte nach seinem jungen Gebieter zu: »Verständiger Mann das, Herr!«

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.