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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Elftes Kapitel.

Abendessen der Familie – Die beiden Schwestern in ihrem Schlafzimmer – Ein Mißverständnis mit nachfolgendem Geständnis. – Walters herannahende Abreise und des Korporals Benehmen dabei. – Der Leser wird mit dem Liebling des Korporals bekannt gemacht. – Der Korporal erweist sich als ein gewandter Diplomat.

So wuchsen wir
Zusammen, einer Doppelkirsche gleich,
Zum Schein getrennt, doch in der Trennung eins.
Sommernachtstraum

Der Korporal hatte seine Maßregeln bei diesem Streich der Feuerwerkerkunst so schlecht nicht genommen.
Tristram Shandy

Als Walter spät abends nach Hause zurückkehrte, traf er die kleine Familie bereits um das letzte leichte Mahl des Tages versammelt. Ellinor machte ihrem Vetter schweigend neben sich Platz; diese kleine Aufmerksamkeit rührte Walter! »Warum lieb ich sie nicht?« dachte er, und sprach mit ihr in so teilnehmendem Tone, daß ihr Herz in Entzücken erbebte. Während des ganzen Essens war Lester der Nachdenklichste in der Gesellschaft: aber der alte und der junge Mann wechselten Blicke des wiederhergestellten Vertrauens, in welchen von seiten des erstern ein zärtliches Mitleid schimmerte.

Nachdem das Tischtuch weggenommen und die Bedienten sich entfernt hatten, übernahm es Lester, den Schwestern die beabsichtigte Abreise ihres Jugendgefährten mitzuteilen. Madeline hörte die Nachricht mit peinlichem Erröten, und nicht ohne sich gewissermaßen Vorwürfe zu machen; denn selbst wo ein Frauenzimmer sich nichts vorzuwerfen hat, bleibt sie bei dergleichen Gelegenheiten nicht ohne ein Gefühl von Gewissensskrupeln über die Schmerzen, deren Gegenstand sie ist. Ellinor aber stand schnell auf und verließ das Zimmer.

»Nun denk' ich,« hob Lester an, »wird London der nächste Ort deiner Bestimmung sein. Ich kann dir Briefe an einige meiner alten Freunde dahin mitgeben. Waren einst lustige Bursche. Nimm dich in acht, daß du bei ihnen nicht zu tief ins Glas siehst! Da ist John Courtland, ein Kerl, der einen gut zum Trinken zu verführen weiß. Sieh zu und schreibe mir, wie's dem ehrlichen John geht und wie er von mir spricht. Noch steht er vor mir, als wär' es gestern! ein feuchtes Schelmenaug', volle Wangen, gerade Nase, schwarzes, krauses Haar, Zähne glatt wie Würfel. Zeigte sie oft genug, seine Zähne, der alte John! ha! ha! ha! was der viel gelacht hat! – Dann Peter Hales – jetzt Sir Peter, erbte seines Oheims' Baronetschaft – ein braver, offener Kerl, wie je einer gelebt – wird dich oft genug zum Essen bitten, ja dir Geld anbieten, wenn du welches brauchen solltest: aber hüt' dich immerhin, daß er dich nicht zu leichtsinnigen Streichen verführt. Walter: ›Wer keine Schulden, hat nichts zu dulden.‹ Es wär' für den armen Peter Hales gut gewesen, wenn er dieses Grundsatzes immer eingedenk geblieben. Oft genug hab' ich's erlebt, daß er nach Marshalsea Marshalsea ist das Schuldgefängnis zu Southwark in London, welches unter dem Oberhofmarschallgericht steht. Anmerk. des Übersetzers. kam; aber er hatte auf ein bedeutendes Vermögen durch Erbschaft zu hoffen, obwohl ihn seine Verwandten damals knapp hielten; so wird's ihm denn hoffentlich jetzt gut gehen. Seine Güter liegen in –shire, auf deinem Wege nach London; ist er auf seinem Landsitz, so kannst du Quartier bei ihm nehmen und etwa einen Monat bei ihm zubringen. Ein gar gastfreundlicher Kerl!«

Mit diesen kleinen Schilderungen seiner Altersgenossen suchte der gute Squire über die Abendstunde wegzukommen. Gewährten ihm auch selbst die dadurch angeregten Jugenderinnerungen einiges Vergnügen, so war doch sein Hauptzweck, des Neffen Trübsinn etwas aufzuheitern. Nachdem jedoch Madeline abgegangen und die beiden allein waren, rückte er den Stuhl näher an Walter heran und lenkte in einen ernstern sorglichern Ton der Unterhaltung ein. Spät in die Nacht hinein saßen Vormund und Mündel bei einander, und als sich Walter endlich zu Bett legte, war sein Herz tiefer gerührt von der Güte des Oheims als vom eigenen Kummer.

Doch wir wollen den Tag nicht beschließen, ohne einen Blick in das gemeinschaftliche Schlafzimmer der beiden Schwestern zu werfen. Die Nacht war heiter und sternhell, Madeline saß am offenen Fenster, das Gesicht auf die Hand gelehnt und hinüberblickend zum einsamen Hause des Geliebten, das man in der Entfernung sehen konnte; ruhig schliefen die Bäume in der Runde; nur ein bleiches Licht schimmerte fort und fort wie ein Stern aus dem großen Fenster.

»Er hat nicht Wort gehalten,« sagte Madeline; »ich werde ihn morgen darüber ausschelten. Er versprach mir, sein Licht jedesmal vor dieser Stunde zu löschen.«

»Nein,« sagte Ellinor in einem Ton, der etwas schärfer klang, als der natürliche sanfte Laut ihrer Stimme, indem sie sich im Bett aufrichtete und der milde Strahl des Himmels zwischen der halb weggezogenen Gardine voll auf den runden Nacken und das jugendliche Antlitz fiel – »nein, Madeline, bleib' nicht länger dort sitzen, die Luft wird scharf und kalt und schon ist ein Uhr vorbei. Komm, Schwester.«

»Ich kann nicht schlafen,« erwiderte Madeline mit einem Seufzer, »wenn ich denke, daß jenes Licht auf eine Arbeit herabglänzt, welche die Farbe der Gesundheit von seiner Wange, ja das Leben aus seinem Herzen stiehlt.«

»Du bist ganz überwältigt, bezaubert von diesem Mann,« rief Ellinor unmutig.

»Und hab' ich nicht Ursache – alle Ursache dazu?« entgegnete Madeline mit der vollen schönen Begeisterung eines liebenden Mädchens, indem ihre Wange sich rötete und damit die einzige bei ihr mögliche Zugabe von Lieblichkeit erhielt. »Wenn er spricht, ist es nicht wie Musik? – oder vielmehr welche Musik fesselt und rührt das Herz so? Mir dünkt es himmlisch nur ihn anzusehen – den Wechsel in diesen hoheitsvollen Zügen zu betrachten – jeden Blick, jede Bewegung als Nahrung für das Gedächtnis in mich aufzunehmen. Fällt aber dieser Blick auf mich, spricht seine Stimme meinen Namen: ach! Ellinor, dann ist's kein Wunder, daß ich ihn so sehr liebe, Wohl aber daß andere glauben können, auch sie hätten gewußt, was Liebe sei und doch ihn nicht geliebt haben! Und wirklich, ich fühle mit Bestimmtheit, daß was die Welt Liebe nennt, nicht meine Liebe ist. Giebt's noch einen andern Eugen als ihn? Wer als Eugen könnte so geliebt werden, wie ich ihn liebe?«

»Wie? gäb' es keinen, der eben so würdig wäre?« sagte Ellinor halb lächelnd.

»Wie du fragen kannst!« erwiderte Madeline mit dem Tone wirklicher Verwunderung; »wen könntest du ihm gleichstellen – gleich! ja nur auf den hundertsten Grad der Höhe stellen, welchen Eugen Aram in dieser kleinen Welt einnimmt?«

»Das ist Thorheit. Unsinn,« sagte Ellinor unwillig, »gewiß giebt es noch andere, die eben so brav, eben so edel, ebenso gut, und wenn nicht so gelehrt doch geeigneter für die Welt sind.«

»Du spottest meiner,« erwiderte Madeline ungläubig. »Wen könntest du mir nennen?« Von den schneeweißen Schläfen bis zum noch weißern Busen herab errötete Ellinor, als sie erwiderte:

»Wenn ich nun Walter Lester nennte, könntest du es leugnen?«

»Walter,« wiederholte Madeline, »mit Eugen Aram gleichstellen!«

»Ja und mehr als gleichstellen,« rief Ellinor beherzt mit warmem, aufgebrachtem Ton. »Und wirklich, Madeline,« fuhr sie nach einer Pause fort, »ich verliere etwas von der Hochachtung, die ich stets gegen dich empfunden habe, und die noch über die schwesterliche Liebe hinausging, wenn ich die rücksichtslose übermäßige Abgötterei mit ansehe, welche du gegen einen Mann an den Tag legst, der, wenn er nicht seine beredte Zunge und seine blumenreichen Worte hätte, weit eher jeden Reizes ermangeln würde, als daß er das Wunder wäre, das du aus ihm machst. Pfui, Madeline, ich erröte für dich, wenn du sprichst; es ist unnatürlich für ein Mädchen so zu lieben.«

Madeline erhob sich vom Fenster, aber das zürnende Wort erstarb ihr auf den Lippen, als sie sah, daß Ellinor, die ihre stürmischen Gefühle nicht länger zu beherrschen vermochte, auf das Kopfkissen zurückgesunken war und laut schluchzte.

Die Gemütsstimmung der altern Schwester war immer gleichmäßiger, ruhiger gewesen als die der jüngern, welche mit ihrer Lebhaftigkeit etwas von den leidenschaftlichen Launen und der so häufigen Reizbarkeit ihres Geschlechtes verband. Auch trug Madelines Liebe zu ihr jenen Charakter von schonender Duldung, den eine höhere Natur gegen eine geringere oft annimmt und welcher sie auch in diesem Augenblicke nicht verließ. Still schloß sie das Fenster, schlüpfte ins Bett, schlang ihre Arme um der Schwester Nacken und küßte ihre Thränen so liebkosend weg, daß Ellinor nur einen Augenblick sich abzuwenden vermochte und dann den Kuß mit gleicher Zärtlichkeit zurückgab.

»Wirklich, Teuerste.« sagte Madeline sanft, »ich begreife nicht, worin ich dir wehe gethan haben mag, und noch weniger, wie Eugen dir ein Leid zugefügt haben soll.«

»Er hat mir kein anderes Leid zugefügt,« erwiderte Ellinor, deren Thränen fortflossen, »als daß er mir deine ganze Liebe gestohlen hat. – Aber ich bin ein thörichtes Mädchen – vergieb mir, wie du immer thust; gerade jetzt brauche ich deine Nachsicht besonders, denn ich bin sehr – sehr unglücklich.« »Unglücklich, liebste Nelly und warum?« Ellinor weinte ohne zu antworten. Madeline fuhr fort, auf eine Antwort zu dringen, und endlich schluchzte ihre Schwester hervor: »Ich weiß, daß – daß – Walter nur Augen für dich hat, die seine Liebe verwirft, verachtet: und ich – ich – doch das ist eins, er verläßt uns und an mich – mich Ärmste – wird er nicht denken!«

Madeline hatte längst einen halben Verdacht von Ellinors Neigung zu ihrem Vetter gehabt und diese oft damit geneckt; ja, es war vielleicht mitunter dieser Verdacht gewesen, der sie von vornherein ihre Brust gegen den augenscheinlichen Vorzug, stählen ließ, den Walter ihr gab. Ellinor hatte aber bis jetzt noch nie ernstlich zugestanden, wie sehr ihr Herz getroffen war, und Madeline, von der Glut und Begeisterung der eigenen Liebe befangen, hatte seit längerer Zeit weniger Aufmerksamkeit auf die Anzeichen gewandt, die auf die Neigung ihrer Schwester schließen lassen mochten. Sie war daher wenn nicht erstaunt doch bekümmert, als sie jetzt die Ursache des Unmuts vernahm, welchen Ellinor eben kundgegeben hatte, und beurteilte, ja überschätzte vielleicht nach dem Maßstabe ihrer eigenen Liebe die Schmerzen, welche jene zu dulden habe.

Durch alle Gründe, welche die fruchtbare Erfindungskraft schwesterlicher Liebe erdenken konnte, suchte sie ihr Trost einzuflößen; sie prophezeite, Walter würde bald zurückkommen, würde seinen knabenhaften Groll vergessen haben und nicht mehr durch eine hoffnungslose Neigung für die eine Schwester blind für die Reize der andern sein. Obwohl Ellinor sie von Zeit zu Zeit bald mit Versicherungen von Walters ewiger Anhänglichkeit an sein jetziges Ideal, bald mit der noch heftiger ausgesprochenen Behauptung unterbrach, daß er gewiß auf dem neuen Schauplatz einen neuen Gegenstand für seine Neigung finden würde, ließ sie doch von Madelines Überredungsmacht ihr Herz allmählich beschleichen und seinen Gram mit Hoffnung erheitern, bis sie endlich, die Thränen noch naß auf der Wange, in der Schwester Arm einschlief. Madeline regte sich nicht von der Stelle, damit die Bewegung die Schlafende nicht aufwecke, aber ihre eigenen Augen schloß kein Schlummer. Immer wieder hob sie den Kopf mit angehaltenem Atem leise empor, um einen Blick auf das einsame Licht in der Ferne zu werfen, und so oft sie hinsah, traf sein Strahl in schwermütiger Beharrlichkeit aufs neue ihr Auge, bis die Dämmerung grau am Himmel heraufschlich, und jener Lichtpunkt, heiliger für sie all die Sterne, mit diesen unter dem volleren Glanze des Tages erlosch.

Die nächste Woche ging in Vorbereitungen für Walters Abreise hin. Zu jener Zeit und in jenem entfernten Teile des Landes war es gewöhnlich Sitte der jüngern Reisenden, ihre Ausflüge zu Pferde zu machen, welcher Art auch Walter den Vorzug gab. Der beste Gänger in den Ställen des Squires wurde für seinen Dienst hergerichtet; ein starkes schwarzes Tier mit Ramsnase und langem Schweif aber der Führung des Korporals Bunting zugewiesen. Dem Squire war es sehr recht, daß sein Neffe sich einen solchen Begleiter verschafft hatte; denn der alte Kriegsmann, obwohl wunderlich und eigennützig, hatte immer einige Einsicht und Erfahrung, Eigenschaften, welche Lester keineswegs überflüssig für einen jungen Herrn hielt, dem die gewöhnlichen Betrügereien und der tägliche Verkehr der Welt, die er jetzt betreten sollte, noch neu waren.

Was Bunting selbst betrifft, so verbarg er die geheime Freude über die Aussicht auf neue Abwechselung im Leben und ein gutes Kostgeld unter dem kühlen Anschein eines Mannes, der die eigenen Wünsche seiner Anhänglichkeit an andere zum Opfer bringt. Er machte es sich zum besondern Geschäft, dieses Opfer dem Gemüt des Squires in seiner ganzen Ausdehnung einzuprägen. Die kleine Hütte war eben geweißt worden; die Lieblingskatze hatte eben geworfen; sodann wer sollte graben, Samen einsammeln, die Gewächse (Gewächse! der Korporal konnte deren kaum zwölf aufzählen, und neun davon waren Kohlköpfe) vor dem Frost sichern? Überdies war es gerade die Jahreszeit, wo die Gicht den Knochen und Lenden des würdigen Kriegers flüchtige Besuche machte, und immerhin schien es eine bedenkliche Sache, wenn er nun so »im Land 'rum kavalkaten sollte«, zur Zeit, wo er sich gegen den tückischen Feind, das Gliederweh, in die Festung seines Kaminwinkels hätte zurückziehen sollen!

Auf all diese Andeutungen und Einflüsterungen horchte der gute Lester ganz ernsthaft, und mit um so größerer Rührung, als sie unabänderlich mit einem Schlag des Korporals auf seinen kräftigen Schenkel und mit dem Schwur endigten, »er habe Herrn Walter so lieb wie Granatenfeuer, und wär's auch noch zwanzigmal mehr, so wollt' er alles gern für den hübschen jungen Herrn thun,« Jedesmal begannen die Augen des Squires bei dieser Beteuerung zu funkeln, neuer Dank floß auf den Veteran für seine uneigennützige Liebe und mit neuen Versprechungen möglichster Entschädigung ward er in Pflicht genommen.

Der gottselige Dahltrup empfand ein bißchen Eifersucht über das Vertrauen, das man zu seinem Freunde hegte. Auf dem Rückwege von seinem Pachtgut hielt er bei dem netten Geländer, das zum Wohnsitz des Korporals führte, an und sah etwas sauer zu, wie derselbe in der Abendkühle vor der Thür saß, sein Fischereigerät samt künstlichen Fliegen in verschiedene kleine Papiere verteilte und diese mit Hilfe einer stumpfen Feder, die wenigstens so lange als er selbst in Diensten gestanden hatte, sorgfältig bezeichnete.

»Na! Nachbar Bunting,« rief der kleine Wirt, indem er sich über das Geländer lehnte, aber dessen Grenze nicht überschritt: »wann geht's fort? Werdet immerhin was nasses Wetter haben (zum Himmel aufsehend), müßt Euch vorm Reumatissen in acht nehmen, ist kein Spaß in Euerm Alter, eh – hm!«

»Meinem Alter! möcht' doch wissen! Was meint Ihr damit? mein Alter! – uff! Schwerenot!« brummte Bunting, von seiner Beschäftigung aufsehend. Peter weidete sich innerlich an dem Aerger des Korporals und fuhr wie entschuldigend fort:

»Bitt' sehr um Vergebung, Nachbar; ich meinte nicht, als wärt Ihr zu alt zum Reisen. Machte doch Heinz Whittal, nächsten Michaeli zweiundachtzig auf'm Rücken, verwichenes Jahr noch 'n Ausflug nach Lonnon.

Gott ist's, der Schwache gern beschützt,
Die Müden trägt, die unterstützt,
Die nach dem Grabe wanken.«

»Laßt mich ungeschoren!« sagte der Korporal und drehte sich auf seinem Sitz um.

»Und was werdet Ihr mit der scheckigen Katze anfangen? In die Satteltaschen stecken? Werdet's doch nicht übers Herz bringen, Euch von ihr zu trennen.«

»Was das anlangt,« bemerkte der Korporal mit einem Seufzer, »so macht mich's ordentlich traurig, wenn ich an das stumme Tier denk'.« Damit legte er seine Fischhaken weg und streichelte die Seiten einer ungeheuern Katze, die alsbald mit aufgerichtetem Schweif, gekrümmtem Rücken und vernehmbarem »leni susurro,« zu deutsch »spinnen,« sich an des Korporals Beinen hin und her rieb.

»Was lungert Ihr da draußen? Wollt Ihr nicht eintreten, Dahltrup? Könnt doch über's G'länder steigen, baucht mich? He?«

»Dank Euch, Nachbar. Bin hier schon recht, das heißt, wenn Ihr mich hören könnt: Eure Taubheit ist nicht so beschwerlich, wie vergangenen Wint–«

»Wetter!« fuhr der Korporal mit einer Stimme dazwischen, die den kleinen Wirt kerzengrade aus der sichern Behaglichkeit seiner bisherigen Stellung aufschnellen ließ. Nichts in der Welt brachte den strammen Bunting so in Wut, als Winke über seine zunehmenden Jahre oder abnehmenden Kräfte. In diesem Augenblick jedoch, wo er eben darauf dachte, von Dahltrup einen Vorteil herauszuschlagen, bezwang er klüglicherweise den aufsteigenden Ärger und fügte als der Mann von Welt, welcher zu sein er sich mit Recht rühmte, mit so sanftem Ton wie eine sterbende Eule hinzu:

»Was erschreckt Ihr denn? kommt rein; hier ist 'n guter Kerl, der Euch was zu sagen hat. Kommt! U–u–f–f!« Letzterer Ton wurde zu einer langen, unartikulierten Liebkosung ausgedehnt und mit einem Wink der Hand und schmeichelndem Kopfnicken begleitet.

Solcher Lockung vermochte der gute Peter nicht zu widerstehen; er kletterte über das Geländer, und setzte sich neben den Korporal auf die Bank.

»So recht; 'n ganzer Kerl! für's zweiundvierzigste gemacht!« rief Bunting und klopfte ihn auf den Rücken. »Na! und – u–n–d 'ne schöne Katz', nicht?«

»Ach!« brach Peter sehr kurz ab, denn so verträglicher Natur er auch, liebte er doch dieses Tiergeschlecht nicht. Überdies müssen wir dem Leser eröffnen, daß Jakob Buntings Katze im ganzen Dorf mehr gefürchtet als geachtet war. Der Korporal verstand sich meisterlich aufs Abrichten aller Tiere; Goldammern lehrte er mit der Muskete, Hunde mit dem Säbel umgehen; Pferde nach dem Dudelsack tanzen und die Taschen ausleeren. Besonders aber hatte er sich die Langeweile einsamer Stunden damit vertrieben, dem gelehrigen Naturell seiner Katze mehrfache Kunststücke beizubringen. Unter seiner Anweisung hatte sie gelernt zu apportieren; Purzelbäume zu machen wie ein Gaukler; euch auf die Schulter zu springen, wenn ihr am wenigsten daran dachtet; wie toll auf jeden loszufahren, auf welchen der Korporal sie zu hetzen für gut fand; vor allem aber Speisekammern, Schränke und Tische zu bestehlen und die Beute ihrem Herrn zu bringen, der keinen Anstand nahm, dergleichen verirrtes Gut als gesetzlichen Erwerb zu betrachten. So viele Freude übrigens diese kleinen Förderungen des Katzentalents demselben machten, und so viel Ansehen sie seiner Fertigkeit, keimenden Begriffen zum Aufschießen zu verhelfen, gaben, hatten sie gleichwohl, die Wahrheit zu sagen, seinen Liebling zum Sprich- und Stichwort der ganzen Nachbarschaft gemacht. Nie stand eine Katze in so üblem Geruch; dabei wurde der Widerwille, den man auf sie geworfen, durch Schrecken noch ungemein vermehrt; denn das Tier war ausnehmend groß und stark und überdies von so mutiger Natur, daß wenn ihr versuchtet, seinen Eingriffen in euer Eigentum Widerstand zu leisten, es augenblicklich den Buckel krümmte, die Ohren andrückte, das Maul öffnete und euch aufs bündigste zu erkennen gab, daß es ritterlich festhalten wollte, was es räuberisch ergriffen. Mehr als eine Bauersfrau war vor Schrecken über diesen Ausbund von Katze zu früh in die Wochen gekommen, wenn sie etwa bei Tagesanbruch sich nach der Küche begab und dort das Tier auf dem Anrichtetisch – Gott weiß wie es hereingekommen – kauern sah, mit den großen grünen Augen nach ihr herfunkelnd und dem boshaften Hexenausdruck im Gesicht.

Wirklich hatten sich auch von Zeit zu Zeit verschiedene Deputationen im Hause des Korporals eingestellt und den Tod, die Verbannung oder mindestens die ewige Einsperrung der Günstlingin gefordert. Aber der stämmige Kriegsmann nahm sie griesgrämig auf und schickte sie mürrisch wieder ab, und fortwährend wuchs die Katze an Größe und Arglist, und wie vom Teufel beschützt entging sie jeglicher Falle und Schlinge, die zu ihrem Verderben gelegt worden. Nie aber vielleicht war größere Bestürzung und Besorgnis im Dörflein, als wie vor etwa drei Wochen verlautet hatte, des Korporals Katze habe sich gelegt und glücklich eine zahlreiche Nachkommenschaft zur Welt gebracht. Von einem ganzen Geschlecht, von einer Unendlichkeit von Korporalskatzen mußte das Dorf unfehlbar überwältigt werden! Überdies mochten, da der Lehrmeister durch Übung mehr Erfahrung gewonnen hatte, die Nachkommen noch zu ganz anderer Höhe sich ausbilden als ihre frevelnde Stammmutter. Die schwache Hoffnung, durch einen vorzeitigen oder endlich auch den natürlichen Tod von ihrem Quälgeist befreit zu werden, schwebte den entsetzten Grünthalern nicht länger vor. Der Tod war eine Naturnotwendigkeit für eine Katze, mochte sie auch noch so viel Leben in sich tragen; nun aber hatte man eine ganze Dynastie von solchen Geschöpfen! Principes mortales, respublica aeteran!

Der Korporal jedoch liebte dieses Tier mehr als alles in der Welt und er war ernstlich in Sorge, wie er sie während seiner Abwesenheit in sichere Verwahrung bringen solle. Wohl kannte er den allgemeinen Haß, den sie sich zugezogen, und zitterte vor dessen wahrscheinlichem Erfolg, wenn er nicht mehr da sein würde, um ihr Schirm und Schutz zu gewähren. Zwar hatte ihr der Squire eine Freistätte im Schloß angeboten, aber des Squires Köchin war ihre erbittertste Feindin, und wer kann sich für das friedliche Benehmen seiner Köchin verbürgen? Der Korporal schlug daher mit einem schweren Seufzer das freundliche Anerbieten aus; und nachdem es ihn drei Nächte schlaflos gelassen und er in seinem Kopf den Charakter, das Gewissen und die Fähigkeit all' seiner Nachbarn um und um überlegt hatte, war er zu der Überzeugung gekommen, daß er seine Freundin niemand mit solcher Sicherheit anvertrauen könne, wie dem Peter Dahltrup. Allerdings war Peter, wie schon bemerkt, kein Liebhaber von Katzen, und die Aufgabe ihn zu überreden, daß er gerade der gehässigsten und boshaftesten unter allen Tisch und Wohnung bei sich gewähre, war daher kein leichtes Geschäft. Welche Intrigue aber wäre unmöglich für einen Mann von Welt?

Der feinste Diplomat Europas hätte beim Korporal Unterricht nehmen können, als dieser sofort ernstlich zur Ausführung seines Planes schritt.

Er nahm das Tier, welches, wie wir zu bemerken vergaßen, er für gut befunden hatte nach sich selbst zu taufen und mit einem Namen, der fast etwas zu lang für eine Katze lautete (aber freilich war dies auch keine gewöhnliche Katze!), nämlich mit Jakobine, zu beehren. Er nahm also besagtermaßen Jakobine auf seinen Schoß, streichelte ihren gefleckten Rücken mit großer Zärtlichkeit und machte Dahltrup aufmerksam, wie ausnehmend sanft das Geschöpf in seinem Benehmen sei. Ja, er gab sich nicht zufrieden, bis Peter selbst sie mit furchtsamer Hand getätschelt und mit Widerwillen sich der Ehre unterworfen hatte, daß diese Hand zur Erwiderung von der Katze geleckt wurde. Glücklicherweise betrug sich Jakobine, die – um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen! – in der Gegenwart und nach dem Willen ihres Herrn überhaupt sehr sanft war, heute aufs vortrefflichste.

»So'n stummes Tier ist gar mächtig dankbar,« äußerte der Korporal.

»Ja, wirklich!« erwiderte Peter, und rieb sich die beleckte Hand mit dem Taschentuch ab.

»Gerechter Gott!« murmelte er, »was die Welt aufs Verlästern aus ist:

Beschwört Verleumdungshauch 'nen Sturm,
Er wild gar bald vergehn!«

»Sehr gut, sehr wahr; treffende Verse das!« sagte Beifall nickend der Korporal, »und doch kommt der Schaden oft vor'm Heilmittel. – Schwerenot, 's macht 'n Mann herzkrank über seine Nächsten, schamvoll, zur Menschenrasse zu gehören, wenn er sieht, was für Mißgunst dieses Thränenthal überschwemmt!« setzte er mit einem Blick gen Himmel hinzu.

Peter starrte ihn mit offenem Munde an. Der verschmitzte Heuchler fuhr nach einer Pause fort: »Da ist Jakobine – weil's 'ne gute Katz', 'ne treue Magd ist, hat sie 's ganze Dorf wider sich. Sagen Lügen über sie, Zeug, daß Ihr glauben könntet, 's wär der leibhafte Teufel. Geb' zu, geb' zu,« bemerkte er mit entschuldigender Aufrichtigkeit, »daß sie was wild und schnackisch ist; weiß wer ihr Freund und wer ihr Feind; hat Sabine Salomon Butter gestohlen. Aber was weiter? Sabine Salomon ist 'ne alte Hex! Sabine Salomon schenkt Euch zum Trotz Bier aus, hat 'n Schank aufgethan – Ihr könnt Sabine Salomon nicht leiden, Peter Dahltrup?«

»Wenn das alles wär, was Jakobine gethan hat!« sagte der Wirt grinsend.

»Alles! – Was hat sie sonst noch gethan? Na, ja! sie hat John Tomkins Kanarienvogel gefressen; und hat der naseweise Hund von Tomkins nicht gesagt, Ihr könntet nicht besser singen als 'n Rabe?«

»Ich habe derhalben nichts gegen das arme Tier einzuwenden,« erwiderte Peter, indem er die Katze aus eigenem Antriebe streichelte. »Katzen sollen Vögel fressen, 's ist 'ne Erlaubnis der Vorsehung. Aber was, Korporal!« – damit zog er die Hand hastig zurück und steckte sie in die Hosentasche – »aber was! hat sie Joe Websters kleinem Jungen die Hand nicht in Fetzen zerkratzt, weil er sie nicht mit einem Knäuel Zwirnfaden fortlaufen lassen wollte?«

»Na,« brummte der Korporal, »das hat Jakobine nicht aus ihrem Anlaß gethan; war mein Anlaß. Hatte den Zwirnfaden nötig, bot 'n Penny dafür – das bedenkt!«

»Ward aber drei 'n halb Penny geschätzt,« sagte Peter.

»Uff! werdet 'm Joe Webster auch nicht alles zahlen was er verlangt. Was hilf's 'nem Mann, die Welt zu kennen, wenn man's nicht versteht, die Verkäufer 'n bissel zum Abschlagen zu bringen? Handeln ist nicht betrügen, hoff' ich?«

»Gott bewahr!« erwiderte Peter.

»Und 's bissel Bindfaden anlangend, so nahm's Jakobine nur um Euretwillen. Fiel ihr nicht ein, Ihr just würdet Euch gegen sie wenden!«

Damit erhob sich der Korporal und ging in sein Haus, von wo er sogleich mit einem kleinen Netz in der Hand zurückkehrte.

»Da, Peter, 'n Netz für Euch, Citronen aufzuhängen. Dankt Jakobine dafür, sie hat mir 'n Bindfaden dazu verschafft. Sag' ich 'nmal zu ihr – saß so vor meiner Thür wie heut – Jakobine, sag' ich, Peter Dahltrup ist 'n braver Kerl und hat seine Citronen in 'nem Sack; üble Gewohnheit – werden mulstrig; – will ihm 'n Netz machen. Und Jakobine schnurrte – (streichelt das arme Tier, Peter!) – und so machen wir zusammen 'n Spaziergang, und wie wir zu Joe Websters Haus kommen, zeig' ich ihr den Bindfaden. So kam sie um Euretwillen, Peter, in diese Ungelegenheit – uff!«

»Ach!« rief Peter lachend, »arme Mieze! arme Mieze! armes kleines Miezchen!«

»Und nun, Peter,« sagte der Korporal und nahm den Freund bei der Hand, »nun will ich Euch 'mal von meiner Freundschaft 'nen Beweis geben – will Euch 'ne große Gefälligkeit erzeigen.«

»O!« erwiderte Peter, »mein werter Freund, ich bin Euch höchlich verbunden. Kenn' Euer gutes Herz, aber in der That ich brauch' gar keine ...«

»Hol's der Henker!« schrie der Korporal, »bin nicht der Mann, der 'ne Gefälligkeit gegen 'nen Freund hoch anschlägt. Ruhig! sag' Euch was – sag' Euch was: mach' mich Mittwoch mit Tagesanbruch auf 'n Weg, und so lang' ich fort bin, sollt Ihr –«

»Was, mein guter Korporal?«

»Für Jakobine sorgen!«

»Für den Teufel sorgen!« schrie Peter.

»Uff! Puff! – was schwatzt Ihr da? Hört mich!«

»Mag nicht!«

»Sollt doch!«

»Will verdammt sein, wenn ich's thu'!« rief Peter keck. Es war der erste Fluch, den man von ihm gehört, seit er Kirchenschreiber war.

»Gut! gut!« bemerkte der Korporal, das Kinn aufwerfend, »Jakobine kann für sich selbst sorgen! Jakobine kennt Freund und Feind so gut als ihr Herr! Nie thut sie 'nem Freund 'n Schaden; nie verzeiht sie 'm Feind. Seht Euch vor! meine Katz schimpfen heißt mich schimpfen .... Ja doch, auf Jakobine fluchen, ja!«

»Wenn sie mir den Rahm stiehlt!« schrie Peter.

»Hat sie Euch je 'mal Rahm gestohlen?«

»Nein! aber wenn ...«

»Hat sie Euch je 'mal Rahm gestohlen?«

»Kann nicht sagen, daß sie das gethan hätt'!«

»Oder sonst was vom Eurigen?«

»Nicht daß ich wüßt', aber ...«

»Bedenkt, daß sie 's noch anders machen könnt'.«

»Wenn –«

»Wollt Ihr mich hören oder nicht?

»Na?«

»Ihr wollt mich hören?«

»Ja.«

»Vernehmt denn, daß ich Euch 'nen Dienst zu erzeigen willens war.«

»Hm!«

»Aufgepaßt! ich hab' Jakobine alles gelehrt, was sie kann.«

»Um so schlimmer!«

»Aufgepaßt! Lehrte sie ihre Freunde in Respekt halten – sich nie zu Hause bloßzustellen – im Hause nicht zu stehlen – zu Hause nicht an den Leuten 'nauffahren – zu Hause nicht kratzen – Mäus' und Ratten umzubringen – all', was sie wegkriegt, ihrem Herrn zu überliefern – thun, was er sie heißt – sein Haus wie 'n Kettenhund verteidigen. Dies Geschöpf, wie man's für kein Geld haben kann, wollt' ich Euch leihen – will's jetzunder nicht mehr, hol mich der Teufel!«

»Hm!«

»Aufgepaßt! Wenn ich geh', hat Jakobine niemand, der sie füttert. Wird sich selber füttern – wird nach jeder Speiskammer, jedem Haus im Dorf gehen – Ihr habt die beste Speiskammer, 's beste Haus – wird am öftersten zu Euch kommen. Probiert's Euer Weib, sie fortzujagen, kratzt sie ihr 's Gesicht aus; kommt Ihr selbst ihr in die Quer', traktiert sie Euch schlimmer als Joe Websters kleinen Jungen. Wollt' Euch davor sicherstellen – will's jetzunder nicht mehr, hol' mich der Teufel!«

»Aber, Korporal, wär' dem denn abgeholfen, wenn ich den Teufel ins Haus nähm'?«

»Teufel? – Schwatzt nicht so! Sagt' ich Euch nicht, daß der einzige, dem Jakobine nichts z' Leid thut, ihr Herr ist? Wollt' Euch zu ihrem Herrn machen: begreift Ihr, na?«

»Ist sehr hart,« sagte Peter murrend, »daß der einzige Weg, mich vor dem Teufelstier zu sichern, ist, es in mein Haus zu nehmen.«

»Teufelstier? Solltet Euch was einbilden auf ihr Attaschemang. Giebt Gutes für Böses zurück – hat Euch immer lieb; seht, wie sie sich an Euch reibt – ist eben der Grund, warum ich Euch aus 'm ganzen Dorf auserlesen Hab', daß Ihr für sie sorgen solltet. Aber Ihr thut mit eins Euch selbst 'nen Schaden, und schlagt Euerm Freund 'nen Dienst ab. Auf alle Fäll' wißt Ihr, daß ich den jungen Squire begleit', und wie lange wird's dauern, daß der hier der Herr wird, und ich werd' in Ansehen bei ihm stehen – werdet sehen – werdet sehen. Seht Euch vor, daß kein anderer »scheckiger Hund« aufkommt, – uff! zum Henker!«

»Was würd' aber mein Weib sagen, wenn ich die Katze nähm'? Kann ihren Namen nicht nennen hören.«

»Laßt mich allein mit Eurem Weib fertig werden. Was sagt sie, wenn ich ihr von Lonnon 'nen hübschen seidnen Rock mitbring', oder 'n nettes Halstuch mit blauem Rand – blau steht ihr; – oder 'n Theekästel – das wär' was für Euch beide, und 's putzte's hintere Gastzimmer heraus. 'n Mahagoni-Theekästel – oben ausgelegt – Anfangsbuchstaben in Silber – J. B. für D. und P. D., – zwei Theebüchsen und 'ne Schachtel zum Zucker in der Mitte. – Ha! ha! Wer mich gern hat, hat meine Katz gern! Wann war Jakob Bunting undankbar? – uff?«

»Na! na! Wollt Ihr mit Dorchen drüber reden!«

»So willigt Ihr also ein? Dank, mein guter, lieber Peter; meiner Seel', seid 'n ganzer Kerl; wißt wohl, habt am meisten zu sagen in der Gemeind'. Wenn Ihr sie in Schutz nehmt, darf ihr niemand was zuleid thun: wenn Ihr sie schlecht macht, ist alles über sie her. Denn – wie Ihr letzten Sonntag sagtet oder vielmehr sanget – war't trefflich bei Stimme –

Hilf', denn allenthalben droht
Ihr Verwüstung, Schwert und Tod.«

»Hätte nicht geglaubt, daß Ihr ein so gutes Gedächtnis hättet, Korporal,« sagte Peter schmunzelnd – die Katze kauerte sich jetzt in seinem Schoß zusammen –: »Alles betrachtet scheint Jakobine – doch 'n wunderlicher Name! – ziemlich sanft zu sein.«

»Sanft wie 'n Lamm, weich wie Butter, mild wie Rahm – und wie sie Euch aufs mausen aus ist!«

»Aber ich glaub nicht, daß Dorchen –«

»Will Dorchen schon dazu kriegen!«

»Gut! wann wollt Ihr vorsprechen?«

»Komm' in 'ner halben Stund' und trink 'ne Tass' Thee mit Euch. – Braucht 'n neu Theekästel; was neues, hübsches!«

»Ja, ja, möcht' so sein!« sagte Peter aufstehend und die Katze sacht auf den Boden setzend.

»Na! wollen schon sehen! wollen sehen! Gott befohlen für jetzt. In 'ner halben Stund' bei Euch.«

Allein mit Jakobine gelassen, sah der Korporal das Thier fest an und brach in folgende pathetische Anrede aus:

»Jakobine, du weißt wenig davon, welche Müh' ich mir deinetwegen mach' – die Lügen, die ich um deinetwegen sag' – die Gefahr für mein Seelenheil um deinetwillen, du Vieh! Ja! reib' dich nur an mir! Jakobine! Jakobine! bist's einzige Ding in der Welt, das mich 'n Knopf wert achtet. Hab' weder Kind noch Kalb. Bist mein Weib – mein Freund – meine Tochter. Wenn dir was passierte, hätt' ich nicht mehr den Mut, mein Herz an was Anderes zu hängen. Hol' mich der Geier, wenn du nicht so zärtlich wie 'n Schatz und viel umgänglicher als 'n Weib bist! aber die Welt schmäht dich, Jakobine. Was? thust etwa was Schlimmres als die Welt? Hast keine Moral nicht, Jakobine; aber ist denn welche in der Welt? – Nein! – Aber Spitzbüberei ist drin – in dir ist keine Spitzbüberei, Jakobine. Meiner Treu, Jakobine, bist besser als die Welt. Uff! Sorgt für dich, aber sorgst auch für deinen Herrn! liebst mich wie dich selbst. Wenig Katzen können das von sich sagen, Jakobine, und keine Gevatterin, die 'nen Stein nach deinem hübschen gestreiften Fell wirft kann halb so viel sagen. Wollen deine Kleinen nicht vergessen, Jakobine; hast vier – muß für sie gesorgt werden. Sind die Kinder von 'ner Katz' nicht so gut als 'nem Edelmann seine? Hab' dir 'n gutes Haus besorgt, Jakobine – nimm dich zusammen und halt's nicht mit jedem Kater im Ort. Sei mäßig und bleib' im ledigen Stand, bis ich wiederkehr'! Komm Jakobine, wollen's Haus abschließen und nach 'm Quartier sehen, das ich dir gemacht. Hallo!«

Nachdem der Korporal seine Anrede beendigt, schloß er die Thür der Hütte ab und schritt, Jakobine zur Seite, mit seiner gewöhnlichen Gravität nach dem »Scheckigen Hund«.

Frau Dorothee Dahltrup empfing ihn mit bewölkter Stirn, aber der Mann von Welt wußte, mit wem er's zu thun hatte. Mittwoch morgen ward Jakobine in die Hausrechte des Wirtes eingesetzt, und hart neben ihr miauten ihre vier Jungen, sich behaglich in einem mit Flanell ausgefütterten Korbe dehnend.

Leser! es ist Weisheit in diesem Kapitel: nicht jeder versteht eine Katze unterzubringen!

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