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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Zehntes Kapitel.

Die Liebenden – Zusammentreffen und Streit der Nebenbuhler

Zwei solche sah ich, wann der müde Stier
Mit offnen Strängen von der Furche kehrt.
Komus.

Pedro. Jetzt gebt mir meiner Ehre Recht.
Rodrigo. Genugthuung will ich Euch geben,
Doch mit dem Schwert nicht.
Beaumont und Fletcher. Der Pilger.

Während obiger Unterredung zwischen Walter und dem Korporal setzten Madeline und Aram, welche Lester bald allein gelassen, ihren Spaziergang über die einsamen Fluren fort. Ihre Liebe war vom Aug' zum Mund übergegangen und fand jetzt Ausdruck in Worten.

»Sehen Sie,« sagte er, als der zarte Druck eines Wesens, von welchem er sich voll geliebt fühlte, auf seinem Arm ruhte: »sehen Sie, wie der Spätsommer einen mannigfaltigern sanftern Glanz über die Landschaft bringt; wie eigentümlich rein und licht die Atmosphäre wird. Als ich vor zwei Monaten in der vollen Glut des Juni durch diese Felder wandelte, verhüllte ein grauer Nebel jene Hügel und den fernen Wald vor meinem Auge. In welch strahlender Ruhe breitet sich jetzt der Schauplatz seiner ganzen Ausdehnung nach vor uns aus. So, Madeline, ist der Wechsel, der in mir selbst seit jener Zeit vorging. Damals war, wenn ich über die beschränkte Gegenwart hinaussah, alles düster und undeutlich. Jetzt ist der Nebel verschwunden, – eine weite Zukunft breitet sich vor mir aus, ruhig und strahlend in der Hoffnung, die sie Ihrer Liebe entnimmt!«

Wir wollen die Geduld des Lesers, der selten mit besonderem Anteil in ein bloßes Liebesgespräch eingeht, nicht mit der Antwort der errötenden Madeline, oder mit all den süßen Gelöbnissen, den zarten Geständnissen auf die Probe stellen, welche der dichterische Schwung in Arams Seele für das Ohr der in stille Wonne versunkenen Geliebten um so köstlicher machte.

»Ein Umstand ist es,« sagte Aram, »der im Augenblick noch einen Schatten auf das Glück wirft, das ich genieße – ohne Zweifel errät ihn meine Madeline. Mich schmerzt es, daß die Seligkeit Ihrer Liebe durch das Unglück eines andern erkauft sein muß, und daß dieser andere der Neffe meines gütigen Freundes ist. Ohne Zweifel haben Sie Walters Trübsinn bemerkt, und die Ursache desselben ist Ihnen bekannt.«

»Wirklich, Eugen,« erwiderte Madeline, »es hat mich sehr geschmerzt, meinerseits die Beobachtung zu machen, auf welche Sie hindeuten – denn es würde eine falsche Scham sein, wenn ich leugnen wollte, daß sich jene Bemerkung auch mir aufgedrängt hat. Aber Walter ist jung und voll frischem Lebensmut; auch halte ich ihn nicht für eine Natur, die lange ohne Erwiderung liebt.«

»O! welche Folgerung aus der Vernunft,« sagte Aram nachdenklich, »könnte je auf die Liebe angewendet werden? Liebe ist gerade der Widerspruch aller Elemente unserer gewöhnlichen Natur – sie macht den Stolzen demütig – den Lebenslustigen traurig – den Hochfahrenden zahm; unsere festesten Entschlüsse, unsere kühnste Kraft sinkt vor ihr zusammen. Glauben Sie mir, Sie können aus dem Charakter eines Menschen, wie er sich Ihnen bis jetzt gezeigt hat, keinen sichern Schluß auf die Wirkung machen, welche fortan diese Leidenschaft in ihm ausüben wird. Es bekümmert mich, denken zu müssen, daß der Schlag hier einen Jüngling trifft, dessen Herz die Täuschungen der Welt noch nicht abgestumpft haben, dem noch keines von den vielfachen Interessen der Welt einen Ersatz bietet. Durch einen Schlag, der die Liebe ihrer Jugend traf, hat sich das Gemüt der Menschen oft ganz umgewendet, wenn sie sich die Ursache einer solchen Erfahrung nicht gehörig zurechtzulegen wußten, und ihr Lebensglück ging dabei zu Grunde. So wenigstens habe ich gelesen, Madeline, so es an andern wahrgenommen. Was mich selbst betrifft, so wußte ich aus eigener Erfahrung nichts von der Liebe, bis ich Sie kennen lernte. Wer aber kann Sie kennen und nicht dasselbe Gefühl mit jenem teilen, der Sie verloren hat?«

»Eugen, Sie überschätzen die Wirkung der Liebe auf den Menschen. Ein wenig Groll und ein wenig Abwesenheit werden meinen Vetter von einer übel angebrachten und übel vergoltenen Neigung bald heilen. Sie wissen nicht, wie leicht es ist, zu vergessen.«

»Vergessen!« sagte Aram, plötzlich stehen bleibend, »ja, vergessen – es ist seltsam aber wahr: wir können vergessen! Der Sommer zieht über die nackte Furche hin und Korn schießt daraus auf –; der Rasen vergißt die Blume des vorigen Jahres; das Schlachtfeld vergißt das Blut, das auf seinen Boden verschüttet worden ist; der Himmel vergißt den Sturm, und das Wasser die Mittagssonne, die auf seiner Tiefe geschlafen. Die ganze Natur predigt Vergessenheit. Ein fortschreitendes Vergessen ist eben ihr Gesetz. Und ich – ich – geben Sie mir Ihre Hand, Madeline, – ich, ja! auch ich vergesse!«

Während Aram so aufgeregt sprach, verzerrte sich sein Gesicht; aber seine Stimme war leise und kaum hörbar; er schien eher mit sich selbst zu reden, als sich an Madeline zu wenden. Als er jedoch gegen das Ende seiner Worte die sanfte Hand der Geliebten fühlte und, den Blick erhebend, sah, wie ihre angstvollen Augen erschreckt, aber mit der ganzen Fülle des Vertrauens, auf sein Antlitz geheftet waren, nahmen seine Züge wieder die gewöhnliche Heiterkeit an. Mit einem Kuß auf die Hand, die er umfaßt hielt, fuhr er in gesammeltem festem Tone fort:

»Vergeben Sie mir, teuerste Madeline. Noch kommen diese eigensinnigen Launen bisweilen über mich. Ich bin so lange gewöhnt gewesen, jedem in meinem Geist aufsteigenden Zug der Gedanken, seien sie auch noch so wild, freien Lauf zu lassen, daß ich mich davon, selbst in Ihrer Nähe, nicht leicht los machen kann. Alle in wissenschaftlichen Strebungen lebenden Menschen – Einsiedler in der Dämmerung ihrer Bücher und Studierstuben – nehmen diese tadelnswürdige Sitte des Lautdenkens an. Wissen Sie doch, daß unsere Zerstreutheit zum allgemeinen sprichwörtlichen Scherz geworden ist. Lachen Sie mich recht darüber aus! Aber halt. Teuerste! – da ist eine seltene Pflanze zu Ihren Füßen; lassen Sie mich sie pflücken. So; sehen Sie ihre Blätter, – diese hängende Silberblüte? Setzen wir uns auf diesen Damm, da will ich Ihnen von den Eigenschaften derselben erzählen. So schön sie ist, enthält sie ein Gift.«

Die Stelle, an welcher die Liebenden ruhten, heißt bei den Dorfbewohnern noch auf den heutigen Tag der »Fräulein-Sitz«. Denn Madeline, deren Geschichte in jener Gegend liebevoll erhalten geblieben ist, fand sich später (während einer kurzen Abwesenheit des Geliebten, von welcher später die Rede sein wird) täglich auf diesem Ruhesitz ein, und nachfolgende Ereignisse haben jedem Ort. welcher im Rufe stand, von ihr begünstigt worden zu sein, ein besonderes Interesse aufgeprägt.

Nachdem die Blume gehörig untersucht und die Belehrung darüber beendet war, wies Aram, der Vertraute aller Kennzeichen der Jahreszeiten, seiner Begleiterin die tausenderlei charakteristischen Merkmale des Monats nach, die einem weniger beobachtenden Auge entgehen. Die Hände ineinander verschlungen saßen beide da, und er vergaß nicht, eine Anspielung auf seine Liebe jeder seiner Bemerkungen beizufügen oder letztere aus einem Gesichtspunkte herzuleiten, durch den die Huldigung zugleich zum poetischen Bilde erhöht wurde. Er machte sie auf das Wogen der leichten Herbstfäden in der Luft aufmerksam, wie sie bald hoch in die erleuchtete Atmosphäre hinaufsteigen, bald plötzlich Halt machen und unter den Zweigen hinsegeln, sie da und dort mit seidenem Gewebe umhängend, das am nächsten Morgen von tausend Tautropfen glänzen wird. »So« – sagte er sinnig – »führt die Liebe ihre zahllosen Schöpfungen dahin, macht die Luft zu ihrem Wege und ihrem Reich, steigt nach ihrer herrischen Laune bald hoch empor, bald hängt sie ihre Maschen an jeden Zweig und läßt gemeines Gras beim Strahl der Morgensonne in feenhaftem Schimmer glänzen.«

Er zeigte ihr, wie auf dem stillen Anger die schon selten gewordene Wiesenhyacinthe sich noch zeigte, oder der geheimnisvolle Ring auf dem weichen Rasen von Oberons und seiner Genossen Versammlung sprach. Dieser Aberglaube gab Arams reichem Gedächtnisse, seiner lebendigen Einbildungskraft freien Spielraum, und Shakespeare – Spenser – Ariost – der Zauber eines jeden Meisters im Feenreich – wurden in das entzückte Ohr der Geliebten gerufen. Gerade durch dieses sinnige Spiel, das einem unruhigeren, mehr auf die praktische Welt gerichteten Gemüt vielleicht lästig geworden wäre, wurde Madelines phantasievolle, gedankenreiche Seele gefesselt, und so ward der, welcher einer andern vielleicht nur ein lebloser grübelnder Büchermensch gedäucht hätte, für sie das Wesen, von welchem ihr eigenstes Herz geträumt hatte– der Beherrscher und Beschwörer ihres Schicksals.

Aram kehrte nicht mit Madeline ins Haus zurück; er nahm am Gartenthor von ihr Abschied und schlug den Heimweg ein. Eben hatte er den Anfang des zu seiner Wohnung führenden Thälchens erreicht, als er Walter in geringer Entfernung quer über seinen Pfad hinschreiten sah. Sein von Natur gutmütiges Herz machte ihm Vorwürfe beim Anblick der düstern Versunkenheit, mit welcher der junge Mann einherging, wenn er sich an die hochschwellende Fröhlichkeit erinnerte, die sonst in seinem Benehmen gelegen. Er verdoppelte seinen Schritt und erreichte Walter, ehe seine Gegenwart von diesem bemerkt worden war.

»Guten Abend,« sagte er sanft. »Wenn Sie meinen Weg gehen, so gönnen Sie mir das Vergnügen Ihrer Gesellschaft.«

»Mein Pfad geht dort hinaus,« entgegnete Walter etwas unwirsch, »ich bedauere, daß es nicht der Ihrige ist.«

»In diesem Fall,« sagte Aram, »kann ich meinen Heimweg verschieben und will Ihnen mit Ihrer Erlaubnis meine Gesellschaft für ein paar Minuten aufdrängen.«

Walter nickte, ungern einwilligend, mit dem Kopf. Wortlos gingen sie eine Zeitlang nebeneinander her – der eine entschlossen, das Schweigen nicht zu brechen, der andere die Gelegenheit zur Rede erst suchend.

»Meinem Geschmack nach,« bemerkte endlich Aram. »ist dies die schönste Stelle in der ganzen Gegend; sehen Sie, wie das scheue Bächlein sich dort unter das Gehölz birgt. Mich deucht, das Wasser sei mit instinktartiger Weisheit begabt, daß es sich also vor der Welt zurückzieht.«

»Eher,« erwiderte Walter, »mit der Liebe zur Veränderung, die allenthalben in der Natur vorhanden ist; es sucht die Schatten erst, nachdem es ,an der Menschen ragenden Städten, an des Marktes lautem Gewühl' vorüber ist.«

»Ich zolle dem Scharfsinn Ihrer Antwort meinen Beifall,« entgegnete Aram, »aber sehen Sie, wie viel reiner und lieblicher das Gewässer in dieser Einsamkeit erscheint, als wenn es die Mauern rauchender Städte badet, wo es die Spuren von tausend Befleckungen in seinen Schoß aufnehmen und von dem Lärm, dem Brodem und den unheiligen Trübungen des Wohnplatzes der Menschen leiden muß. Jetzt sieht es nur, was erhaben oder was schön in der Natur ist – die Sterne oder die belaubten Ufer. Der Wind, der es kräuselt, ist mit Wohlgerüchen durchschwängert; der Bach, der ihm zuströmt, kommt von den ewigen Bergen herab, oder wird durch die Regen des Himmels gebildet. Glauben Sie mir, es ist das Bild eines Lebens, das vor dem Jagen und mühevollen Drängen der Welt sich in die Einsamkeit birgt:

Nicht Schmeichelei, nicht Haß, nicht Neid wohnt dort,
Dort schleicht kein Argwohn unterm Stahlgewand,
Und, zitternd vor dem kampfgerechten Ort,
Fehlt hier der Stolz; kein Zwingherr ist bekannt.«Phineas Fletcher

»Ich will mich mit Ihnen in keinen Wettkampf von Gleichnissen oder dichterischen Wendungen einlassen,« sagte Walter mit zuckender Lippe; »genügt mir doch die Überzeugung, daß das Leben zur That auffordert. Bald werde ich die Probe machen, ob meine Ansicht irrig war.«

»So wollen Sie uns denn verlassen?« fragte Aram.

»Ja, in wenigen Tagen.«

»Wirklich? Das höre ich mit Bedauern.«

Diese Antwort fiel mit einem Mißton auf die gereizten Nerven des besiegten Nebenbuhlers.

»Sie thun mir mehr Ehre an, als ich wünsche, wenn Sie auch noch so geringen Anteil an meinen Plänen oder Schicksalen nehmen!«

»Junger Mann,« erwiderte Aram kalt, »ich sehe den ungestümen, gärenden Geist der Jugend nie ohne eine gewisse, vielleicht wohl schmerzliche Teilnahme. Wie gering ist die Wahrscheinlichkeit, daß ihre Hoffnungen erfüllt werden! Genug, wenn nicht ihr hohes Streben zugleich mit ihren glänzenden Erwartungen verloren geht.«

Nichts brachte Walter Lesters stolzen, feurigen Sinn mehr auf, als der Ton überlegenen Wissens und höheren Alters, den sein Rival gegen ihn annahm. Mehr und mehr belästigt durch dessen Gegenwart, antwortete er in nicht gerade versöhnlicher Weise: »Ich kann Warnungen und Besorgnisse eines Mannes, der weder mein Verwandter noch mein Freund ist, nur als eine vorsätzliche Beleidigung betrachten.«

Aram erwiderte lächelnd: »Hier ist kein Grund zur Empfindlichkeit. Behalten Sie diesen feurigen Geist, dieses hohe Selbstvertrauen bei, bis Sie zu diesem Orte zurückkehren, und mit Freuden will ich anerkennen, daß ich mich in Ihnen getäuscht habe.«

»Herr,« sagte Walter errötend, mehr über das Lächeln als über die Worte seines Gegners erbost, »ich verstehe nicht, mit welchem Recht oder aus welchem Grunde Sie sich nicht nur Ermahnungen, sondern sogar Vorwürfe gegen mich herausnehmen. Der Vorzug, welchen Ihnen mein Oheim giebt, räumt Ihnen keine Autorität über mich ein. Zu teilen verlange ich diesen Vorzug nicht.« – Er schwieg einen Augenblick, erwartend, Aram werde ihm leidenschaftlich antworten; als jedoch der Gelehrte mit gewohnter Ruhe seine Schritte fortsetzte, fügte er, erbittert über diese Gleichgiltigkeit, die er, nicht ganz ohne Grund, einem Gefühl der Verachtung zuschrieb, hinzu: »Und da Sie es auf sich genommen haben, mich zu warnen und mir Unfähigkeit zum Widerstand gegen die Befleckung der Welt, wie Sie sich auszudrücken belieben, verkünden, so sage ich Ihnen, daß Sie sich glücklich schätzen dürfen, wenn Sie ein so reines Gewissen, ein so unbeflecktes Gemüt haben, als dasjenige, dessen ich mich rühme, und mit welchem ich, wie ich zu Gott und meinem eigenen Herzen vertraue, zu meinem Geburtsort zurückkehren werde. Nicht der Heilige allein sucht die Einsamkeit, und ein Mensch kann sich von der Welt auch aus andern Gründen, als denen der Philosophie, zurückziehen.«

Nunmehr war die Reihe zornig zu werden an Aram. Wirklich war eine solche Bemerkung nicht nur an sich unstatthaft, sondern mußte einen Mann von so friedlichem und schuldlosem Leben, der sogar eine ausnehmende Festigkeit, ja Strenge der Moral bewies, noch mehr zur Entrüstung reizen. Auch zeigte Aram jetzt, daß bei all seiner gewöhnlichen Sanftmut und Duldsamkeit dieses milde Wesen doch keineswegs aus einem Mangel an männlichem Sinne hervorging. Gebietend legte er seine Hand auf die Schulter des jungen Lester und blickte ihm mit finsterem, drohendem Stirnrunzeln ins Gesicht.

»Knabe,« sagte er, »wäre Sinn in deinen Worten, so würde ich, hör' mich wohl! die Schmach rächen; – so aber veracht' ich sie. Geh!«

Es lag etwas so Großartiges, Erhabenes in Arams Wesen – so majestätisch war die Strenge seiner Zurechtweisung, die Würde seiner Haltung, als er sofort mit ausgestrecktem Arm sich abwandte, daß Walter seine Selbstbeherrschung verlor und gebeugt, tief herabgestimmt von der noch eben so heftigen Erbitterung, wie an den Boden gewurzelt stehen blieb. Erst nachdem Aram einige Schritte langsam gegen seine Wohnung zurückgethan hatte, kam dem jungen Mann seine kühne, hochfahrende Gemütsart wieder zu Hilfe. Vor sich selbst beschämt über die augenblickliche Schwäche, die er gezeigt, und voll Eifer, dieselbe wieder gut zu machen, eilte er der stattlichen Gestalt seines Gegners nach, stellte sich ihm mitten in den Weg und sagte mit einer von streitenden Gefühlen halberstickten Stimme: »Hallt! Sie haben mir eine Veranlassung gegeben, nach der ich mich lange gesehnt hatte. Sie selbst haben den Frieden zwischen uns gebrochen, der bitterer für mich war als Wermut. Sie haben sich erfrecht – ich wiederhole es, erfrecht – eine drohende Sprache gegen mich zu gebrauchen. Ich fordere Sie auf, Ihre Drohung zu erfüllen. Ich sage Ihnen, daß ich die Absicht, daß ich den Plan hatte, daß ich danach dürstete, Sie zu beleidigen: rächen Sie jetzt meine vorsätzliche, meine vorbedachte Beleidigung, wie Sie wollen und können.«

Der Gegensatz im Äußern beider Widersacher, wie sie jetzt Stirn gegen Stirn vor einander standen, war höchst bemerkenswert – Walter Lesters elastische, markige Formen, seine funkelnden Augen, seine sonnenverbrannte glühende Wange, seine geballten Hände, sein ganzes Aussehen in der lebendigen Kraft und Hitze, dem ungestümen Mut und feurigen Geist der Jugend; – auf der andern Seite die gebeugte Gestalt des Gelehrten, sich allgemach zu dem majestätischen Maß ihrer ganzen Höhe aufrichtend; die blasse Wange, deren erblichene Farbe weder zu noch abnahm, das große Auge Walter entgegenblickend, leuchtend, fest – und doch wie ruhig! Nichts Schwaches, nichts Unentschlossenes war in dieser Stellung, diesen hoheitsvollen Zügen zu bemerken, und doch war jeder Zorn aus seinem Ausdruck verschwunden. Er schien entschlossen und bereit.

»Sie hatten die Absicht mich zu beleidigen!« sagte er; »gut, diese Freimütigkeit ehrt Sie. Aus welchem Grunde jedoch hatten Sie die Absicht? Was wollen Sie damit gewinnen? – einen Mann, dessen Leben Friede ist, wollten Sie zu einer Gewaltthat reizen? Würde in einer solchen mehr Triumph oder mehr Erniedrigung für Sie liegen?– Einem Mann, den Ihr Oheim ehrt und liebt, wollten Sie ohne Ursache eine Schmach zufügen, einen Hinterhalt stellen – wollten ihn, nachdem Sie die Gelegenheit erlauert, herbeigeführt hatten, zur Selbstverteidigung verlocken? – Ist das des Hochsinns würdig, dessen Sie sich gerühmt haben? – ist es eines edeln Zorns, eines vornehmen Hasses würdig? Fort! Sie verleumden sich selbst. Ich erschrecke vor keinem Kampf – wie sollt' ich? ich habe nichts zu fürchten: meine Nerven sind fest – mein Herz gehorcht meinem Willen; vielleicht daß das Leben, das ich führe, meine Kraft vermindert hat, aber immer kommt dieselbe noch der Kraft der meisten Menschen gleich. Der Gebrauch weltlicher Waffen liegt zwar außerhalb meines Berufs und der peinlichste Richter in Ehrensachen würde mich entschuldigen, wenn ich etwas abweise, was weder meiner Stellung noch meinen Lebensgewohnheiten angemessen ist; aber längst habe ich soviel aus Büchern gelernt: »Sei auf alles vorbereitet« So bin ich denn vorbereitet, und wie ich den Entschluß zur Selbstverteidigung, zur Rächung fremder Feindseligkeit in mir hervorrufen kann, so fehlt mir auch die Geschicklichkeit dazu nicht.« Mit diesen Worten zog Aram eine Pistole aus dem Busen und richtete sie langsam auf einen Baum, der einige Schritte vor ihnen stand.

»Sehen Sie den kleinen weißen Fleck in der Rinde? Ihr Auge wird eben noch scharf genug sein, um ihn wahrzunehmen! – Wer eine Kugel durch diesen Punkt senden kann, hat nicht nötig, einen Kampf, den er vermeiden will, zu fürchten

Mechanisch wandte sich Walter gegen den Baum; so erbittert er war, entfuhr ihm kein Laut. Aram schoß und die Kugel schlug mitten durch den Fleck. Sofort steckte er die Pistole wieder in den Busen und sprach:

»Früh in meinem Leben hatte ich viele Feinde und unterrichtete mich deshalb in dergleichen Künsten. Aus Gewohnheit trag' ich noch immer die Waffen bei mir, die ich, wie ich hoffe und bete, nie Gelegenheit haben werde zu gebrauchen. Doch auf, unsere Sache zurückzukommen: Ich habe Sie beleidigt, Ihren Haß auf mich gezogen – wodurch? was sind meine Vergehen?«

»Fragen Sie nach der Ursache?« sagte Walter zähneknirschend. »Haben Sie nicht meine Lebensaussichten zerknickt – meine Hoffnungen vernichtet – eine Liebe von mir weggezaubert, die mir mehr als die Welt war? Treiben Sie mich nicht mit zermalmtem Geist und freudlosem Herz aus der Heimat? Sind das nicht Gründe zum Haß?« »Hab' ich das gethan?« rief Aram zurückweichend und sichtbar im Innersten bewegt – »Hab' ich Ihnen so großes Leid zugefügt? – Ja, es ist wahr – ich weiß es – ich fühl' es – ich las in Ihrem Herzen und – der Himmel sei Zeuge! – tief schmerzte mich die Wunde, die ich Ihnen mit schuldloser Hand schlage. Doch seien Sie gerecht: fragen Sie sich selbst, ob ich irgend etwas gethan, das Sie in meinem Fall nicht gethan haben würden? Bin ich in meinem Triumph übermütig, hochfahrend in meinem Siege gewesen? Wenn das ist, so hassen, so verachten Sie mich.«

Walter wandte sich unentschlossen ab.

»Können Sie einen Ersatz darin finden, wenn ich mich selbst darüber anklage, daß ich, ein Mann von verwelktem, einsam gewordenem Herzen, noch die Anmaßung hatte, mich in den Bereich menschlicher Leidenschaft zu stellen; – daß ich mich der Gefahr aussetzte, die besser begründeten, glänzenden Hoffnungen eines andern zu durchkreuzen, oder es wagte, mein Schicksal durch die zarten, heiligenden Bande zu lindern, die nur für frischere, jugendlichere Naturen gemacht sind! – Können Sie einen Ersatz darin finden, daß ich mich darüber anklage und verfluche – daß ich mit Schmerzen, mit Vorwürfen gegen mich selbst meinem Verhängnis nachgab – daß ich noch spät mit zerrissenem Herzen dessen gedenken werde, was ich Sie gegen meinen Willen koste: so dürfen Sie getröstet sein.«

»Es ist genug.« sagte Walter; »scheiden wir. Ich verlasse Sie mit mehr Bekümmernis über meine vorige Hitze, als ich eingestehen mag; geben Sie sich damit zufrieden; was mich selbst betrifft, so fordere ich keine Entschuldigung oder...«

»Die Sie jedoch in vollem Maß haben sollen,« unterbrach Aram, indem er mit einer ihm sonst ungewohnten Offenheit der Miene auf jenen zutrat. »Ich allein war zu tadeln; ich hätte bedenken sollen, daß Sie der Gekränkte waren – ich hätte Ihrer Rede freien Lauf lassen sollen. Worte sind ja doch nur ein ärmliches Auskunftsmittel für ein gekränktes, brennendes Herz. In Zukunft will ich's so halten; sagen Sie, was Sie wollen, greifen Sie mich an, schmähen Sie mich, bedecken Sie mich mit Vorwürfen, ich will alles ertragen. Ist es mir doch selbst, als waltete eine Zauberei, ein Märchen in dem, was geschehen ist. Wie! ich begünstigt, wo Sie lieben? Ist's möglich? Das könnte den Eitelsten von der Eitelkeit bekehren. Sie, der Junge, Kräftige, Frische, Schöne – und ich, der ich des Lebens Herrlichkeit und Reiz in staubigen Wänden verpaßt habe; ich, der – wahrlich das Schicksal spottet aller Wahrscheinlichkeiten!«

Damit schien Aram von einem Anfall jenes Versinkens in sich selbst überwältigt; er hörte auf laut zu sprechen, aber die Lippen bewegten sich fort, und die Augen waren träumerisch an den Boden geheftet. Walter betrachtete ihn eine Weile mit einem Gemisch streitender Empfindungen. Noch einmal war die Rachbegier, war der bittere Grimm der Eifersucht in die Tiefen seiner Seele zurückgesunken, und wider seinen Willen eine gewisse Teilnahme für den wunderlichen Nebenbuhler in seine Brust geschlichen. Aber wird die liebevolle Madeline in einer so geheimnisvollen, launenhaften Natur wirklich Glück, Ruhe finden? wird ihre Wahl sie nie gereuen? Die Frage drängte sich ihm auf. Während er eine Antwort darauf suchte, gewann Aram seine Fassung wieder, wandte sich plötzlich zu ihm und reichte ihm die Hand. Walter nahm sie nicht an; er verbeugte sich mit kalter Höflichkeit. »Ich kann meine Hand nicht ohne mein Herz geben,« sagte er; »eben waren wir Feinde; noch sind wir keine Freunde. Ich weiß, daß ich hierin unvernünftig handle; aber –«

»Sei es so,« unterbrach Aram; »ich verstehe Sie. Ich dränge Ihnen mein Wohlwollen nicht weiter auf. Wird einst dieser Schmerz vergessen, diese Wunde geheilt sein, werden Sie einst den, der jetzt Ihr Nebenbuhler ist, näher kennen gelernt haben, so treffen wir uns vielleicht wieder mit andern Gefühlen von Ihrer Seite.«

So schieden sie und die einsame Lampe, die in den letzten Wochen zur gehörigen Stunde im Hause des Gelehrten erloschen war, glänzte diese ganze Nacht hindurch aus seinem Fenster. War sie Zeugin friedlicher Forschung oder eines ruhelosen Herzens?

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