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Edward Bulwer-Lytton: Eugen Aram - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleEugen Aram
publisherHalle a. d. S. Druck und Verlag von Otto Hendel
translatorFriedrich Notter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectide45e0e22
created20070313
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Achtes Kapitel.

Das Vorrecht des Genies – Lesters angenehme Vorstellungen von der Zukunft – Seine Unterredung mit Walter – Eine Entdeckung

Alc.
Ich bin für Lidian;
Der Vorfall wird dem abgeschiedenen Leben
Ihn sicherlich entreißen...

Lis
.. Schon' meines Grames und vernimm,
Was ich dir sagen sollte.
Beaumont und Fletcher. ›The Lover's Progress‹

Im Laufe der mannigfachen Unterhaltungen zwischen der Familie in Grünthal und ihrem wunderlichen Nachbar zeigte es sich, daß das Wissen desselben keineswegs auf das Studierzimmer eingeschränkt war. Er warf mitunter Bemerkungen hin, die bewiesen, daß er in vielen großen Städten gewesen und mit der Absicht oder mindestens mit der Aufmerksamkeit eines Menschenbeobachters gereist war; aber er liebte nicht, daß man ihn um die Einzelheiten dessen, was er gesehen, oder wo er verweilt, befragte. Eine fortwährende, wenn auch zarte Zurückhaltung stand über seiner Vergangenheit – nicht die Zurückhaltung, welche Zweifel erregt, sondern jene Selbstbeherrschung, welche die Teilnahme des Beobachters vermehrt. Selbst die Anfälle seiner trübsten Laune deuteten mehr auf vorübergehende Reizbarkeit als auf mürrisches Wesen, und sein gewöhnliches Benehmen war ruhig, sanft und sogar anschmiegend.

In großer geistiger Überlegenheit liegt ein Zauber, der andere zur innigsten Anhänglichkeit bewegen kann, während ein viel gleichmäßigeres, ja selbst liebenswürdigeres Benehmen geringerer Menschen eine solche oftmals nicht erlangen kann. Das Genie macht sich viele Feinde, aber wahrlich es macht sich auch Freunde – Freunde, die viel vergeben, lange ertragen und wenig fordern – das Wesen des Schülers schmilzt mit dem des Freundes in ihnen zusammen. Im menschlichen Herzen wohnt ein mächtiger Trieb zur Hochachtung, zur Verehrung; in diesem Drange liegt der Urquell der Religion, der Unterthanentreue, sowie der unvergänglichen Huldigung, welche man dahingeschiedenen großen Männern so bereitwillig darbringt. Und wahrlich, es ist eine göttliche Lust, zu bewundern. Bewunderung scheint gewissermaßen unserem Selbst die Eigenschaften zuzuteilen, welche sie in andern verehrt. Wir verwachsen – verwurzeln mit den Naturen, die wir so gern betrachten und ihr Leben wird ein Teil des unsrigen. So scheint beim Tode eines großen Mannes, der unsere Gedanken, unsere Zukunftspläne, unsere Ergebenheit in Anspruch nahm, eine plötzliche Lücke in der Welt zu entstehen; ein Rad im Mechanismus unseres eigenen Wesens scheint auf einmal still zu stehen; ein Teil unseres Selbst und nicht der schlechteste, nach den reinen, hohen, großartigen Gefühlen, die in reichem Maße seinen Inhalt bildeten, stirbt mit ihm! Ja, diese seltene, begeisterte, nie auf gewöhnliche Menschen fallende Liebe ist das besondere Vorrecht der Größe, möge sich diese nun in Weisheit, in Unternehmungsgeist, in Tugend, oder, bis die Welt eine höhere Stufe eingenommen haben wird, sogar in der edleren, kühneren Art des Verbrechens darstellen. Heute kann jene Empfindung ein Sokrates auf sich ziehen – ein Napoleon morgen; ja selbst der in seinem Kreise ausgezeichnete Räuberhauptmann vermag sie so mächtig an sich zu fesseln, als die großartigen Irrungen eines Byron, oder die Erhabenheit des größeren Milton dies zu thun im stande sind.

Lester sah mit sichtbarem Wohlgefallen die steigende Neigung zwischen seinem Freunde und seiner Tochter; er betrachtete dieselbe als ein Band, welches jenen dauernd mit dem geselligen, dem häuslichen Leben versöhnen, welches das Glück seines Kindes gründen und ihm selbst in dem Manne, für den er unter allen Bekannten die größte Verehrung und Hochachtung fühlte, einen Verwandten sichern würde. In der ruhigen sanften Sinnesart Arams nahm er gar vieles wahr, was den Frieden des Hauses verbürgte und bekannt mit Madelines eigentümlicher Natur, fühlte er, daß gerade sie die Person sei, welche nicht nur die Eigentümlichkeiten des Gelehrten ertragen konnte, sondern sogar die Quelle derselben verehrte. Kurz, je mehr er sich mit dem Gedanken einer solchen Verbindung befaßte, desto mehr erfreut war er über deren Wahrscheinlichkeit.

In solche Bilder verloren, ging der gute Squire eines Tages in seinem Garten spazieren, als er in einiger Entfernung seinen Neffen erblickte und bemerkte, daß Walter, wie er ihn gewahr wurde, statt ihm entgegenzukommen, eben in eine entgegengesetzte Allee einbiegen wollte.

Ein wenig ärgerlich darüber und sich zugleich erinnernd, daß Walter in der letzten Zeit sich selbst entfremdet und in seiner sonst hochstrebenden, lebensfrohen Stimmung bedeutend verändert schien, rief Lester den Forteilenden herbei. Langsam und offenbar ungern den Vorsatz, allein zu sein, aufgebend, kam Walter auf ihn zu.

»Wie, Walter?« begann der Oheim und nahm ihn beim Arm, »das ist nicht freundlich, daß du mich vermeiden willst. Hast du irgend etwas vor, das Heimlichkeit oder Eile erfordert?«

»Wirklich nicht, lieber Onkel,« sagte Walter etwas verlegen, »aber ich glaubte, Sie seien in Gedanken und es würde Ihnen unangenehm sein, gestört zu werden.«

»Hm! was das betrifft, so hab' ich keine Gedanken, die ich vor dir verheimlichen möchte, Walter, oder die nicht durch deinen Rat gewinnen könnten.« Der Jüngling drückte des Oheims Hand, antwortete aber nicht. Lester fuhr nach einer Pause fort:

»Du siehst, Walter, wie erfreut ich bin, daß du das etwas ungünstige Vorurteil, welches du anfänglich gegen unsern trefflichen Nachbar zu erkennen gabst, ganz überwunden hast. Für mein Teil scheint es mir, er habe eine besondere Zuneigung zu dir: er sucht deine Gesellschaft, und mit mir spricht er in Ausdrücken über dich, welche mir, da sie von einer solchen Seite kommen, zum höchsten Vergnügen gereichen.«

Walter nickte mit dem Kopf, aber nicht mit jener selbstgefälligen Eitelkeit, womit ein junger Mensch die Lobeserhebungen anderer in der Regel aufzunehmen pflegt.

»Ich gestehe,« hob Lester von neuem an, »daß ich unsere Bekanntschaft mit Aram als eines der glücklichsten Ereignisse meines Lebens, wenigstens,« setzte er mit einem Seufzer hinzu, »meiner spätern Jahre, betrachte. Ohne Zweifel hast auch du bemerkt, welche Vorliebe unsere gute Madeline für ihn an den Tag legt und noch mehr die Zuneigung für sie, welche aus Aram, trotz seiner Zurückhaltung und Selbstbeherrschung, hervorleuchtet. Gewiß hast du das bemerkt, Walter?«

»Ich habe es,« sagte Walter mit leiser Stimme, sich abwendend.

»Und ohne Zweifel teilst du mein Vergnügen darüber. Wie glücklich trifft es sich nun, daß in Madeline schon zeitig jene Neigung zum Nachdenken, zu den Studien sich aussprach, die, wie ich gern gestehe, mir früherhin einige Besorgnis einflößte. Sie hat dadurch den Wert eines Gemüts, wie dasjenige Arams, schätzen gelernt. Ehemals, mein guter Junge, hoffte ich wohl, daß mit der Zeit dich und sie ein noch engeres Band als das zwischen Bruderskindern vereinigen würde. Doch es wollte sich nicht so fügen, und jetzt bin ich darüber getröstet! Wirklich glaube ich, daß Ellinors Charakter noch eher darauf angelegt sein dürfte, dich glücklich zu machen, falls deine eigene Neigung je diesen Weg einschlagen sollte.«

»Sie sind sehr gütig.« sagte Walter mit Bitterkeit. »Ich gestehe, daß ich mich durch Ihre Wahl nicht geschmeichelt fühle; auch begreife ich nicht, warum die unbedeutendere, die weniger glänzende von den beiden Schwestern notwendig die geeignetere für mich sein soll.«

»Nun,« erwiderte Lester empfindlich und mit gerechter Aufwallung: »Ich glaube nicht, daß du, zugegeben, Madeline verdiene den Vorzug vor ihrer Schwester, an Ellinors körperlichen oder geistigen Reizen irgend einen Fehl nachweisen könntest. Doch das ist kein Gegenstand, worüber Verwandte miteinander streiten sollten. Ich bin weit entfernt, dich verhindern zu wollen, daß du, wo immer in der Welt es sei, eine Wahl treffest, die deinem Geschmack entspricht. Meine Hoffnung beschränkt sich darauf, daß deine künftige Frau an Herzensgüte und Sanftmut Ellinor gleich sein möge.«

»Daß ich, wo immer in der Welt es sei, eine Wahl treffe?« wiederholte Walter. »Ist dieser Winkel hier die Welt?«

»Walter, deine Stimme ist vorwurfsvoll! – Verdiene ich das?«

Walter schwieg.

»Ich habe schon längere Zeit mit Wehmut bemerkt,« fuhr Lester fort, »daß du mir nicht mehr dasselbe Vertrauen schenkst, mir nicht mehr mit derselben Zuneigung entgegenkommst, die du mir sonst zu meiner Freude bewiesen hast. Einen Grund dieses Wechsels anzugeben vermag ich nicht. Laß uns einander nicht, mein Sohn – denn ich darf dich so nennen – laß nicht, indem wie wir älter werden, eine größere Entfernung zwischen uns eintreten. Die Jahre selbst schon scheiden den jüngern Mann von dem ältern durch eine hinlängliche Grenzfurche: wozu diese auf eine Naturnotwendigkeit gegründete Linie noch tiefer ausweiten? Du weißt, daß ich von deiner Kindheit an nie eine pedantische Vormundschaft über dich geübt habe. Es hat mich immer gefreut, zu deinen Vergnügungen beitragen zu können und durch die Offenherzigkeit, womit ich dich über meine eigenen Angelegenheiten zu Rate zog, habe ich dir hinlänglich bewiesen, wie sehr mir die deinigen am Herzen liegen. Sollte irgend ein geheimer Kummer, oder ein geheimer Wunsch auf deiner Seele lasten, sprich ihn aus, Walter – du bist mit dem Freunde allein, der dich auf Erden am wahrhaftesten liebt!«

Walter war von dieser Anrede überwältigt; er drückte des guten Oheims Hand an seine Lippen, und es dauerte einige Augenblicke, bis er hinlängliche Fassung zur Antwort gewann.

»Sie sind immer, immer alles gegen mich gewesen, was der liebevollste Vater, der zärtliche Freund hätte sein können: – glauben Sie mir, ich bin nicht undankbar. Habe ich mich in der letzten Zeit verändert gezeigt, so lag die Ursache nicht an Ihnen. Lassen Sie mich frei sprechen. Sie selbst fordern mich ja dazu auf. Ich bin jung, habe keine Ruhe im Innern; es drängt mich nach Thaten und Wagnissen hin: ist es nicht ein natürlicher Wunsch, daß ich mich sehne, die Welt zu sehen? – Dies ist die Ursache meiner gegenwärtigen Träumereien; ich habe Ihnen damit alles gesagt: entscheiden Sie.«

Lester blickte seinem Neffen ernsthaft ins Gesicht –

»So ist es denn,« sagte er, »wie ich aus Bemerkungen, die du in letzter Zeit fallen ließest, vermutet habe. Ich kann deinen Wunsch, dich von uns zu trennen, nicht tadeln; er ist sehr natürlich, und ich darf mich demselben nicht widersetzen. Geh, lieber Walter, wenn du so willst!«

Der Jüngling wandte sich mit blitzendem Auge und hochroter Wange gegen ihn.

»Wie, Walter?« fragte Lester, den Dank des Neffen unterbrechend, »warum so verwundert? wie konntest du so lange an meiner Liebe zweifeln? Glaubtest du von meiner Seite dir ein Verlangen verweigert zu sehen, das ich in deinem Alter selbst geäußert haben würde? Du hast mir unrecht gethan; du hättest uns beiden eine Welt von Unannehmlichkeiten ersparen können, hättest du mich mit deinem Wunsch gleich bei seinem Entstehen bekannt gemacht. Doch genug davon; ich sehe dort Madeline und Aram kommen, laß uns ihnen entgegengehen; morgen wollen wir uns über Zeit und Art deiner Reise verständigen.«

»Verzeihen Sie, lieber Onkel,« rief Walter, der plötzlich stehen geblieben war, während die Glut auf seiner Wange erbleichte, »ich habe mich noch nicht gehörig gesammelt, ich tauge noch für keine andere Gesellschaft, als die Ihrige. Verlangen Sie nicht, daß ich mich jetzt mit der Cousine unterhalte, und –«

»Walter!« sagte Lester, indem er gleichfalls stillstand und seinen Neffen groß ansah, »ein schmerzlicher Gedanke steigt in mir auf! Wolle der Himmel, daß ich mich täusche! – Solltest du je für Madeline ein wärmeres Gefühl als für ihre Schwester gehabt haben?«

Walter zitterte sichtbar. Thränen drangen in Lesters Augen: – mit Wärme ergriff er seines Neffen Hand.

»Gott tröste dich, mein armer Junge!« sagte er mit großer Bewegung; »so was hatte mir nie geträumt.«

Walter fühlte jetzt, daß er verstanden war. Dankbar erwiderte er den Händedruck des Oheims, stürzte dann, seine Hand wegziehend, in einen Nebenweg und war fast im nämlichen Augenblick verschwunden.

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