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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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Am zweitfolgenden Tag, einem regnerischen Vorfrühlingstag, kam Etzel zu ungewöhnlich früher Stunde, schon um drei, ziemlich verstört nach Lindow. Er sagte, er habe noch nichts gegessen und bat um eine Kleinigkeit; Marie ging selbst in die Küche und brachte Brot Schinken Eier Tee. Gierig schlang er alles hinunter, dann berichtete er, was geschehen war. Kein Unglück; sie braucht sich nicht zu ängstigen, es hat Bedeutung nur für ihn. Gestern also war er mit dem Meister in der Siedlung. Großer Empfang. Nell mit ihrem ganzen Hofstaat begrüßte den Meister. Sie führte ihn herum und erklärte ihm die ganze Organisation. Sie sagte, als sie von dem Vortrag nachhause gekommen, habe sie ihre Freunde und Freundinnen zusammengerufen, sie habe geradezu Reveil blasen lassen, mehr denn hundert seien trotz der späten Stunde erschienen, und da ihre, Nells, Erinnerung noch frisch gewesen, habe sie ihnen die Rede Kerkhovens rekapitulieren können. Woran nicht zu zweifeln war, sie hatte schon mannigfache Proben ihres staunenswerten Gedächtnisses abgelegt, war sie doch zum Beispiel imstande, den Inhalt eines Buchs, das sie vor Wochen gelesen, mit einer Genauigkeit wiederzugeben, die sich bis auf unscheinbare Einzelheiten erstreckte. Begreiflicherweise habe sie in diesem Fall auf wörtliche Treue verzichten müssen, fügte sie mit der gewinnenden Bescheidenheit hinzu, die, dem Meister gegenüber, durchaus ehrlich war, immerhin habe der schwache Abklatsch noch einen so tiefen Eindruck auf die Zuhörer gemacht, daß sie keinen innigeren Wunsch hätten als ihn zu sehen; sie seien im großen Saal des Hauptgebäudes versammelt, und wenn er ihnen ein paar freundliche Worte sagen wolle, wären sie überglücklich. Der Meister willigte ein. Es interessierte ihn. Es war eine echt amerikanische Veranstaltung, ein richtiges shake-hand-meeting, und hier nicht fehl am Ort, nicht das schlechteste, was sie von drüben importiert hatte. Der Meister umgeben von hundertzwanzig jungen Menschen, die voll Vertrauen zu ihm aufblickten, während er ungezwungen mit ihnen plauderte, es war eine geistig bewegte Szene, die nur gestört wurde durch Nells hektische Ruhlosigkeit, ihr Gelächter, ihre entzückten Aufschreie, ihre Sucht, lebende Bilder zu stellen, etwa Arm in Arm mit zweien ihrer Schützlinge, besonders gut aussehenden, in die Mitte der Gruppen zu treten und so eine allgemeine Akklamation hervorzurufen. Man konnte es dem Meister vom Gesicht ablesen, daß er sich seine stillen Gedanken darüber machte. (In der Tat war Kerkhoven nicht angenehm berührt von einem Schauspiel, das wie eine einstudierte Parade auf ihn wirkte, darauf berechnet, die Segnungen des Gemeinschaftsgeistes zu veranschaulichen. Die fröhlich aufgeschlossenen Mienen täuschten ihn nicht, sie waren zumeist das Ergebnis einer raffinierten Dressur, die auf listigstem Protektionismus beruhte. Unter einem dünnen Firnis von jugendlicher Sorglosigkeit lag Kritik Argwohn Neid auf Bevorzugte und vor allem, Stigma dieser Jugend, Zukunftsangst. Nell wußte es nicht, das heißt, sie nahm es nicht wahr und nicht an; sie war in jenem verhängnisvollen Sinn unschuldig wie es viele aktive Naturen sind, deren äußere Leistungsfähigkeit die seelische weit übertrifft, so daß das Getriebe leer geht und sich abnützt. Daher der Krampf, die Verstiegenheit, daher die Selbstvergewaltigung, die in Nells Fall freilich noch eine andere Ursache hatte: ein unbefruchtetes Herz. Sie war wohl nur physiologisch ein Weib. Das waren Kerkhovens Gedanken, die er einige Zeit später auch Etzel anvertraute.)

Aber nicht dieses hatte Etzel zu berichten. Es war nur die Umrahmung. Man hatte ihn dort boykottiert, man hatte getan als kenne man ihn nicht, das war es. Daß Nell ihn einfach übersehen, ihn nicht einmal gegrüßt hatte, darauf war er einigermaßen vorbereitet gewesen. Sie hatte es fabelhaft geschickt gemacht. Obwohl er sich immer dicht beim Meister gehalten hatte und sich dadurch ihrer Beachtung beinahe aufdrängte, hatte sie nicht die geringste Notiz von ihm genommen, als sei er Luft für sie. Dem Meister fiel es nicht auf, er hatte genug zu tun, ihre Fragen zu beantworten und ihre Erzählungen anzuhören. Etzel hätte sichs nicht nah gehn lassen, wenn nur das andere nicht gewesen wäre. Er hatte unter den jungen Leuten eine Menge Freunde und Bekannte von früher her, es waren noch viele da, die schon in der Siedlung gewohnt hatten, als er täglich dort ein- und ausgegangen war. Und die zeigten ihm die kalte Schulter. Sie erwiderten kaum seinen Gruß. Sie reichten ihm nicht die Hand. Wenn er einen anreden wollte, verschwand er alsbald unter den Übrigen. Ihre Mienen und Blicke gaben ihm zu verstehen, daß sie nichts mit ihm zu tun haben wollten. Als ihm die Geschichte zu bunt wurde, hielt er nach Max Mewer Umschau. Er machte ihn ausfindig und stellte ihn. Mewer wand sich und wollte nicht mit der Sprache heraus. Etzel sagte: »Entweder bekennst du Farbe, oder ich erkläre dich öffentlich für einen Schuft.« Mewer erwiderte hämisch: »Tu das nicht, Andergast, es könnte deiner Stellung schaden.« Doch dann erinnerte er sich seiner Verpflichtung gegen Etzel, die alte Anhänglichkeit brach durch, er nahm ihn vertraulich unter den Arm, zog ihn beiseite und sagte, es sei natürlich alles Mumpitz, was die sich in den Kopf gesetzt hätten, er seinerseits betrachte es keineswegs als Verrat, wenn man eines Tages Schluß mache mit dem . . . na, wie solle ers nennen, mit dem Altruismus. »Du bist mir sicher nicht böse, Andergast, wenn ich dir das sage, aber für uns alle warst du mal so was wie ein geistiger Verwaltungsrat, du verstehst, wir hatten immer das Gefühl, bei dem sind unsere Sachen gut aufgehoben, wenn auf keinen sonst Verlaß ist und alles schief geht, der Andergast hält durch, der bleibt uns. So ein richtiger Pfadfinder warst du für uns, in der wahrhaftigen Bedeutung des Wortes. Na, und da bist du dann untergeschloffen. Hast dich in Sicherheit gebracht. So fassen die es wenigstens auf. War eine große Enttäuschung. Sie können es nicht verwinden.«

»Und was hast du ihm geantwortet?« fragte Marie, als er schwieg. – »Geantwortet? Nichts. Darauf gibts keine Antwort. Aber ich will dir gestehen, was ich am Abend getan hab. Ich hab mir ein Taxi genommen und bin dreieinhalb Stunden herumgefahren, um die Dedekens-Zwillinge zu suchen. Ich hab dir ja von ihnen erzählt.« – »Und warum das?« – »Ja . . . es ist ein bißchen komisch . . . Um sie zu fragen, ob es stimmt mit dem Verrat. Die hab ich ja wirklich verraten. Zum mindesten mußten sies glauben. Und weil sie die reinsten Menschenkinder sind, die mir je begegnet sind, so hätte ihr Urteil den Ausschlag gegeben. Nur die Reinsten dürfen richten. Ich dachte es mir wie ein Gottesurteil. Aber ich hab sie nicht gefunden, das ist es eben. Niemand konnte mich auf ihre Spur bringen. Vielleicht sind sie gar nicht mehr am Leben. Der Orkus wird sie verschlungen haben.« – »Sehr schön, Etzel: nur die Reinsten dürfen richten. Aber in dieser Sache braucht es kein Gericht.« – Etzel nickte. »Ja, das hat mir auf einmal auch so geschienen, während ich wie verrückt ganz Berlin N.O. nach ihnen abgesucht habe.« Marie schob den Zeigefinger unter sein Kinn, so daß er den Blick zu ihr erheben mußte. Seine Augen wurden hell. Sie sah ihn an wie eine Fremde, mit vorsätzlicher Fremdheit, und was sie sehen wollte, sah sie, ja es dünkte ihr für gewiß, daß er in wenigen Monaten um ebensoviel Jahre reifer und gesammelter geworden war, ein Eindruck, zu dem außer dem männlichen Ernst in seinen Zügen auch das Gefühl des Intervalls beitrug, des Atemholens zwischen dem letzten tödlichen Ringen und dem nächsten. »Du hast sie nicht verraten,« sagte Marie, und ihre Arme legten sich um seinen Hals, »du bist weggegangen von ihnen. Die Menschen, die du hinter dir läßt, werden dich stets Verräter heißen, das ist ein Gesetz.« – Etzels Gesicht verfinsterte sich wieder. »Klingt so weit ganz plausibel,« erwiderte er, »aber du sagst es wahrscheinlich nur, um mich einzuschläfern.« Damit war das Losungswort für einen Krieg bis aufs Messer gefallen.

 

Zunächst muß er ihr beipflichten, wenn sie ihm vorstellt, daß die Ziele, die ihm noch vor kurzem, vor einem Jahr noch, gemäß waren, heute seiner Mühe nicht mehr wert sind. Daß der Zusammenschluß in Bünden und Gruppen, unter welchen Gesichtspunkten immer er erfolgt, die Gefahr der Zersetzung enthält. Ist es nicht immer von neuem die Flucht in eine Sekte von Freizüglern, die schließlich dazu verurteilt ist, Partei zu werden, weil sie nur Teil von einem Teil ist? Den Weg zum Ganzen zu finden, darauf kommt es an. Zumal für ihn, der alle übrigen Wege schon gegangen ist, das Erlebnis der Kameradschaft kennt, der Hingabe an die Ringenden und Unterdrückten; der in Gemeinschaft um Gemeinschaft geschlüpft ist, um sich auszulöschen und tragen zu lassen von einem unpersönlichen Willen; der früher als die meisten seiner Altersgenossen erfahren hat, wie die Welt antwortet, wenn man sie mit unzureichenden Mitteln in ihrem Fafnerschlummer stört. Er muß sich lösen davon und seiner selbst inne werden. Er muß an seine Einmaligkeit glauben lernen, an seine Wesenheit, seine Unterschiedene, darf sich nicht fürchten vor denen, die es nicht »verwinden« können, daß er über sie hinausgewachsen ist. Die sind Gefangene ihrer Zeit. Der Tag beherrscht sie, der Tag räumt mit ihnen auf. Sie klagt (ihre alte Klage): es ist so viel Geschwätz in der Welt, der Himmel ist verhängt von verantwortungslosem Geschwätz, alles ist verseucht davon, man möchte gar nicht mehr leben. Ihr ist immer noch höchstes Glück der Erdenkinder die Persönlichkeit, für diese Überzeugung läßt sie sich verbrennen. Ja, aber denen aus der alten Welt ist Persönlichkeit die Ausrede, der geliebte Hemmschuh, wendet er ein. Die gehören von Haus aus dem Teufel, versichert sie eifrig. Wie will er denn dem Allgemeinen dienen, wenn er nicht den Mut zu sich selbst hat? Der Wahn tobt sich aus, es kommt wieder mal eine andere Zeit, auf einmal ist einer da, auf den die Herzen und die Geister gewartet haben, ganz in der Stille ist er angetreten, ein einziger Mensch, und das Wunder geschieht, das Wunder des Kristalls, der Mensch kommt. Immer ist es der Mensch, der einzelne einzige Mensch, der ein Ganzes schafft. Etzel hört verwundert zu. Hoffnungslose Individualistin, denkt er, aber es macht Eindruck auf ihn, er hat noch keine Frau so sprechen hören, auch der Meister hat dergleichen nie zu ihm gesagt. Es ist freilich das erste Mal, daß Marie sich in solcher Weise hinreißen läßt, die einsamen Jahre haben sie scheu gemacht, sie hat stets das Gefühl, die Scham zu verletzen, wenn sie einen Menschen überreden soll; ihre geistige Schamhaftigkeit ist noch größer als die körperliche. Doch der Strom der Empfindung verdrängt die Scham, sie wünscht, Etzel soll werden, was sie in ihm sieht. was sie in ihm ahnt, es wäre der herrlichste Lohn, den sie sich denken kann. Selten erreicht ein Mensch seine höchste Möglichkeit, in der Regel bleibt er im Anlauf stecken und hält seinem Genius nicht, was er ihm versprochen hat. Das sagt sie ihm in einer Anwandlung von Kühnheit. Er weiß es. Er hat Angst genug. Vor dem Sturm ihrer Beschwörungen zieht er sich mißtrauisch zurück. Er zweifelt an ihrer Aufrichtigkeit, wenn sie seine Abkehr von den früheren Freunden gutheißt. Er darf es, Marie darf es nicht. Sie darf es deshalb nicht, weil ihre Rechtfertigungen seines Tuns zu sehr danach klingen als wollte sie ihn ausschließlich für sich haben. Pro domo-Politik. Auf der einen Seite das Liebesnest, auf der andern die unbequem fordernde Welt. Das Nest ist tabu. Häßlicher Gedanke. Niedriger Verdacht. Doch kann er sich ihm nicht entziehen. Es ist wahr, er liebt sie bis zur Verrücktheit. Das Gefühl hat nicht die allergeringste Ähnlichkeit mit irgendeinem, das er je in sich verspürt hat, es ist wahr. Er liebt sie dermaßen, daß es nicht mehr gut ist, darüber nachzudenken. Aber ihr ist es nicht erlaubt, ihm aus dieser unheimlichen Tatsache ein Lebensgesetz zu zimmern und mit ihrer Weibergeschicklichkeit den Spieß umzudrehen. Die Verteidigung muß sie ihm überlassen. Ob seine eigene Verteidigung ausreicht, die anklägerischen Stimmen zum Schweigen zu bringen, wird sich erweisen. Gut, es ist ihm geschehen. Was er nie in Betracht gezogen, ist ihm widerfahren: die sogenannte Liebe hat ihn ergriffen, ist vielmehr über ihn hergefallen wie eine blutgierige Bestie, die einem die Zähne in die Gurgel schlägt. Man muß sich wehren. Vielleicht ist das Ganze nur eine Selbstverführung, eine Selbstvergiftung. Vielleicht ist das Bild, zu dem man verzückt emporschaut, bloß eine Fiktion. Vor allem hat man sich zu vergewissern, ob es der Kritik standhält. Ob es die Eigenschaften auch wirklich besitzt, die man ihm angedichtet hat. Sonst ist man der Gefoppte. Sonst ist man eben »eingeschläfert«, und das Erwachen wird grausig sein. Er hat sich dargebracht, ohne Abzug, ohne Klauseln. Hat sie das Gleiche getan? Nein. Sie hat ihre Bedingnisse und ihre Vorbehalte gehabt und hat sie noch. Er ist in den feurigen Ofen gekrochen, ja, das ist er, das ist er, und sie nicht. An diesem Punkt setzt, echt Etzelisch, sein Argwohn an. Da sie nicht in den feurigen Ofen kriecht und ihn allein drin schmoren läßt, kann ihre Liebe nicht von der nämlichen Beschaffenheit sein wie seine. Also ist zu befürchten, daß sie die Frau nicht ist, die er anbetet, deren Blick und Atem, Gang und Stimme seinen Herzschlag verändert hat. Es ist zu befürchten, daß sie eine Fiktion ist. Der Zweifel muß beseitigt, das allenfallsige Mißverhältnis zwischen der eingebildeten und der wirklichen Marie muß aufgedeckt werden.

 

Er hat ein doppeltes Gehör, wenn sie mit ihm spricht. Er vernimmt, was sie sagt, und er versucht zu ergründen, was sie denkt. Es kann nicht ausbleiben, daß er vielen ihrer Äußerungen einen doppelten Sinn unterschiebt. Da sie ihrem Temperament häufig die Zügel schießen läßt, ist es nicht schwer, sie auf Widersprüchen zu ertappen. »Neulich hast du mir gesagt, seit wir uns nahe stehen, macht dir das Klavierspiel keine Freude mehr, heute hast du aber doch gespielt. Wie kommt das?« »Wenn dir der Verwalter so unsympathisch ist, wie du immer behauptest, warum bist du dann so besonders liebenswürdig mit ihm? Da stimmt doch etwas nicht.« – »Muß es absolut stimmen, Etzel?« fragt sie verwundert. Sie ist nicht die Person, die ihre Worte auf die Wagschale legt. Sie kann nicht mit Menschen verkehren als stehe sie vor Gericht und solle auf ihre Aussage vereidigt werden. Man gibt sich nach, gibt der Sympathie nach, die Menschen haben viele Gesichter, die Worte vielen Sinn, das Heute ist ein anderes als das Gestern, was ficht ihn an, daß er beständig hinter ihr her ist und aufpaßt? Er findet, sie hat in Gelddingen eine zu leichte Hand; obschon er anerkennt, daß sie sparsam und rationell wirtschaftet, mißfällt es ihm, daß sie beträchtliche Summen für die Befriedigung von Luxuslaunen verausgabt, den Kauf eines schönen alten Schreibtischs zum Beispiel. Das nimmt er ihr direkt übel, es hat kein Verhältnis, es stört seine Idee von ihr, das Notwendige darf schön sein, die Schönheit des Überflüssigen ist Herausforderung. Damit bringt er Marie in Harnisch; darf! darf! es fällt ihr nicht im Traum ein, ihr Leben nach dem Kodex des Dürfens und Bedürfens einzurichten, keine Armut wird sie jemals schrecken, aber setzt man sie aus Prinzip aufs Unentbehrliche, dann lieber gleich aufs Schafott oder nach Sibirien. »Damit widerlegst du mich nicht, Marie,« entgegnet er, »niemand weiß, was er sein wird, wenn er nur mit dem Notwendigsten in die Welt tritt. Es sind deine Arabesken, die mich an dir irre machen.« Eines jener Worte, die wie ein kleiner, aber geschickt geschleuderter Stein wirken. Sie lassen eine wunde Stelle zurück. Marie betrachtet die wunde Stelle. Sie weiß, die wunde Stelle wird heilen, und sie heilt auch, dann kommen neue kleine Steine und neue wunde Stellen. Zuletzt ist sie ganz bedeckt von wunden Stellen, die nicht mehr so rasch heilen wie die ersten. Die Frage der Rückkehr der Mutter muß erörtert werden. Die Professorin hätte schon im Januar kommen sollen, Marie hat sie gebeten, bis zum April zu warten, nun ist sie in größter Verlegenheit. Etzel tobt, wenn sie nur von der Möglichkeit spricht, daß die Mutter wieder im Haus sein wird. Nicht so sehr, weil er ihre Gegenwart fürchtet, die allerdings das freie Zusammensein mit Marie bedeutend erschweren wird, das auch; was ihn empört, ist ihre Schwäche, ihre Inkonsequenz, die ewige Berufung auf die Rücksicht, die sie zu nehmen hat. »Ich kann meiner Mutter nicht mein Haus verschließen,« sagt sie, »sie ist eine alte Dame, sie steht allein, in der Stadt fühlt sie sich nicht mehr wohl, die Freunde, bei denen sie wohnt, haben ihr Vermögen verloren, was für Gründe soll ich ihr für eine Maßregel angeben, die sie schwer verletzen muß?« – »Die wahren Gründe. Was denn für welche?« – »Ich bin noch nicht lang genug in deiner Schule, Etzel, um zu glauben, daß man wahr ist, wenn man roh ist. Verzeih, aber zu dieser Wahrheit zwingst du mich.« – »Das heißt mit dürren Worten, lieber beugst du dich unter das Joch, lieber spielst du die zärtliche Tochter und vergehst dabei vor Ungeduld und Abneigung. Lieber setzt du dir die Gouvernante vor deine Schlafzimmertür. Lieber als die aufrichtige Geste und der saubere Trennungsstrich. Wenn ich das begreife . . .« – »Ich will mich nicht ins Unrecht setzen. Sag mir, was ich tun soll.« – »Zu einer Zeit, wo du kaum von mir wußtest, hast du das Richtige ohne mich getan. Es scheint nicht, als ob du in meiner Schule mutiger und unabhängiger geworden wärst.« – »Es war nie der Plan, daß sie Lindow für immer meiden soll.« – »Wenn du nicht willst, daß ich es für immer meiden soll, bleibt dir keine Wahl.« – Marie, von jeher in ihrem Lebenskreis die Herrin, nicht gewöhnt, sich kommandieren zu lassen und nach Vorschrift zu handeln, lehnt sich auf. Daß ein Mensch sie so bündig »vor die Wahl stellt«, ist ihr neu. Sie ist nicht gesonnen, sich ohne weiteres zu fügen. Böse Worte gehen hin und her. Aber sie spürt die Kraft seines Willens wie ein niederziehendes Gewicht. Es ist ihr klar, wenn sie in dieser einen Sache nachgibt, ist das Machtverhältnis zwischen ihnen ein für allemal zu seinen Gunsten entschieden. Trotzdem erliegt sie. Der stete zähe Druck lähmt ihre Gegenkräfte. Sie setzen sich zusammen und entwerfen einen Brief an die Professorin Martersteig. Sie einigen sich auf die Formel, daß sich Marie noch monatelang schonen muß; die Anwesenheit der Mutter würde ihr wohl dankenswerte äußere Erleichterungen gewähren, ihr aber dennoch Verpflichtungen auferlegen, denen sie sich jetzt nicht gewachsen fühlt. Als sie ihm den Brief in der endgiltigen Fassung zeigt, tadelt er die Weichmütigkeit gewisser Wendungen und besteht auf größerer Bestimmtheit. Sie fügt sich abermals. Sie macht sich zwar über seinen Eigensinn lustig, zieht sein tyrannisches Gehaben ins Scherzhafte, aber sie fügt sich. Sie reicht ihm den geschlossenen Brief, bevor er in die Stadt fährt; er soll ihn mitnehmen. Ihre Miene hat etwas Schuldbewußtes. Es ist als frage sie sich: was wird aus mir? Er preßt sie mit einer Gewalt an sich, daß ihr die Sinne schwinden. Es kann mancherlei zu bedeuten haben, dieses Ansichreißen. Dank. Triumph. Gelöbnis, der zweiflerischen Sucht Einhalt zu tun. Oder gleichfalls das Gefühl von wachsender Verschuldung.

 

Die nagendsten Zweifel richten sich gegen Maries Beziehung zu ihrem Mann. Je mehr Einblick er gewinnt, je dunkler wird ihm die Sache. Er erinnert sich an das Wort: »Er ist mir anvertraut.« Und an das andere: »Er ist die Säule, die mich trägt.« Da klafft ein Abgrund zwischen Wort und Tat. Entweder sie belügt sich oder sie belügt den Mann oder sie belügt den Liebhaber. Sie hilft sich aus der Klemme, indem sie den Gatten zu einem über den Wolken schwebenden Zeus-Vater macht (wozu Etzel das Seine beigetragen hat, das hat er nur vergessen), übersieht aber, daß sie damit dem Geliebten die klägliche Rolle eines kleinen Nebengottes zuerteilt. In Wirklichkeit können die Dinge auch anders liegen, aber wer kennt sich da aus. Manchmal glaubt er an gar nichts mehr. Alles scheint möglich bei dieser Frau. Sie hat das Janusgesicht. Sie laviert. Sie deckt sich hier und deckt sich dort. Er muß herausbringen, in welchem Ausmaß sie gegen den Meister aufrichtig ist. Ob sie sich bei der Vertuschung der Wahrheit aktiv oder passiv verhält. Ihn, Etzel, läßt sie selbstverständlich glauben, daß das letztere der Fall ist. Mag es immerhin so sein, sie erreicht damit, was sie erreichen will. Sie verstellt dem Meister keinen Weg zur Erkenntnis, führt ihn niemals irre und ist darauf gefaßt, daß er endlich bemerkt, was vor seinen sehend-unsehenden Augen geschieht. Vielleicht erwartet sie es sogar. Der Freibrief, den sie sich aus diese Art für ihr Handeln verschafft, ist ein diplomatisches Kunststück ersten Ranges. Unangreifbar. Und eben dadurch so verdächtig. Man lebt in einer mit Spannungen geladenen Atmosphäre. Schwül, verdammt schwül. Weder er noch der Meister noch Marie stehen in sonderlich günstiger Beleuchtung. Marie und ich, wir haben es nicht anders gewollt; urteilt man gerecht, so haben wir nicht anders gekonnt; aber der Meister: das schmerzt; ihn der Gloriole beraubt zu sehen, der Situation nicht gewachsen, das ist schlimm, das möchte man lieber nicht erleben. Auch Marie leidet. Sie erträgt Schwülnis nicht; jede Art von Schwülnis, auch die der Sinne, hat etwas Beleidigendes für sie. Ihre Haltung ist bei alledem bewundernswert. »Was meinst du, Marie, denkt der Meister über uns? Du läßt ihn doch nicht über die Grenze, wie? Im Notfall gelingt dirs doch immer, ihn zum Umkehren zu bewegen? Was wirst du tun, wenn es mal mißlingt?« Bei diesen Fragen sieht Marie aus wie eine schlafende Parze. Er will wissen, worüber sie mit dem Meister gesprochen hat. Präzis will er es wissen, bohrt und bohrt. Merkt sich jede Nuance. Wenn er dann mit Kerkhoven zusammen ist, bringt er das Gespräch unverfänglich auf Marie; schlau und hartnäckig wie er ist, gelingt es ihm zuweilen, daß dieser in der Fülle seines Vertrauens und um Etzel für eine Teilnahme zu belohnen, die ihm wohltut, eine Diskussion wiedergibt, die er mit Marie geführt hat, sagen wir über die Erziehung der Kinder, über irgendeinen Menschen, ein Ereignis. Dann vergleicht Etzel die Darstellung Kerkhovens mit der Maries, und bei der kleinsten Abweichung argwöhnt er eine Absicht Maries, zieht die verwegensten Schlüsse daraus und stellt sie inquisitorisch zur Rede. Durchaus nicht kalt und nüchtern; angstvoll, oft mit bebendem Mund, bis er wenigstens halbwegs sicher ist, daß sie keine Hintergedanken gehabt, sich keiner Zweideutigkeit schuldig gemacht, auch nicht liebedienerisch oder feig dem Meister etwas verschwiegen hat, was sie unter den gegebenen Umständen nicht verschweigen durfte. Wenn Kerkhoven anruft und Marie am Apparat mit ihm spricht, geht er im Nebenzimmer auf und ab. Er will nicht hören, was sie sagt, er will nicht indiskret sein, aber im Nebenzimmer bleibt er doch. Er braucht nicht zu hören, was sie sagt, die Stimme genügt ihm. Sie gibt sich zu viel Mühe, der Ton ist zu süß, die Freundlichkeit ist nicht echt, warum die überflüssige Floskel, warum so dringlich, warum lacht sie, Schauspielerei, nein, sie soll meinen Namen nicht nennen, er weiß ohnehin, daß ich da bin, muß sie ihn eigens daran erinnern, wozu das schmeichlerische Getue . . . Er hält sich die Ohren zu. Marie hat abgeläutet und kommt zurück. Sie findet ihn bleich, seine Augen starren sie feindselig an. Bestürzt eilt sie auf ihn zu und nimmt sein Gesicht zwischen ihre Hände. »Noch ein Bestechungsversuch,« höhnt er, »nicht einmal so viel Zeit läßt du dir, daß man den ersten vergessen kann.« – »Etzel!« – Ach ja doch, Etzel und wieder Etzel, was soll ihm das, gib mir lieber ein Mittel, daß ich alles miteinander vergessen kann. – Sie überwindet ihr Herzweh, sie ist so zärtlich wie eine Schwester, was sie ihm von den Augen absehen kann, spricht sie und tut sie, warum so verstört, Etzel, warum so wild. Und küßt seine Handgelenke, seine Augenlider, seine Stirn, sein Haar, bis er schmilzt. O schwer schmelzbare Seele. Eines Abends im April fahren sie zu einer Vorstellung ins Deutsche Theater. Als sie sich zur Rückkehr nach Lindow anschicken, ist es nah an Mitternacht. Etzel chauffiert den Opelwagen, Marie sitzt neben ihm. Beim Großen Stern, wo man auf das Zeichen zur Weiterfahrt warten muß, raunt er ihr zu: »Der Meister.« Drei Armlängen weit hält Kerkhovens Auto. Das Innere des Wagens ist beleuchtet. Kerkhoven hat Notizbuch und Bleistift in der Hand. Er schreibt aber nicht, liest auch nicht. Sein Blick ist abwesend. Sein Gesicht hat einen tiefversunkenen Ausdruck. Es ist von einer Traurigkeit, die sie beide noch nicht darauf wahrgenommen haben, weder Marie noch Etzel. Dann entschwindet er ihnen. Und keins von ihnen spricht. Dieses Aneinandervorüberfahren in der Nacht will ihnen nicht aus dem Sinn. Draußen auf der Chaussee bricht Etzel das Schweigen mit einem harten Auflachen. »Warum lachst du, Etzel?« Keine Antwort. Er gibt dem Motor Gas, das winzige Zeug schießt in die Finsternis hinein. Während der ganzen Fahrt kommt nur eine einzige Frage über Etzels Lippen: »Ist das Geld gekommen?« Marie verneint. Es verhält sich damit folgendermaßen. Marie hat eine dringende Zahlung, sechshundert und etliche Mark, für die Ausbesserung des Dachstuhls zu leisten. Der Zimmermeister war schon zweimal da, er braucht zum Wochenende das Geld. Marie hat so viel nicht vorrätig gehabt und hat Joseph gebeten, es ihr zu schicken. Es ist nicht gekommen. Sie hat ihn gemahnt, sehr ungern, es ist ihr unleidlich, ihn um Geld angehen zu müssen, es ist wieder nicht gekommen, trotzdem er es versprochen hat. Morgen wird der Zimmermeister zum dritten Mal erscheinen. Und so geschieht es. Etzel wartet noch die Frühpost ab; kein Geldbriefträger. Marie spricht nicht darüber, er tut auch nicht dergleichen. Mittags, als er in der Großen Querallee mit dem Meister bei Tisch sitzt, fällt Kerkhoven die fleckige Röte seiner Stirn auf. Mit der gewohnten Freundlichkeit erkundigt er sich, ob ihm etwas fehle. Etzel schaut ihn an, eine Sekunde lang schwebt ihm das unbeschreiblich traurige Gesicht des Mannes im Auto vor, mit einer entschlossenen Kopfbewegung entzieht er sich dem Bild, reckt ein wenig den Hals und sagt: »Frau Marie ist in einer sehr unangenehmen Lage, Meister. Und noch unangenehmer ist es, daß ich Sie daran erinnern muß.« Kerkhoven weiß zuerst nicht, was er meint. Plötzlich versteht er. Er entsinnt sich. Er schlägt sich mit der flachen Hand auf den Scheitel. Er wird rot, der Mann. Er wird verlegen wie ein Schüler, der Mann. Jetzt kommt ihm auch der Ton zu Bewußtsein, in dem Etzel zu ihm gesprochen hat. Nicht in der Mitteilung war die Unehrerbietigkeit gelegen, sondern in dem Ton gereizter Belehrung und ungezogener Ungeduld. Kerkhoven blickt ihn hocherstaunt an. Zugleich ist in dem Blick eine rührende Schüchternheit, vor der Etzel innerlich erschrickt. »Die Sache wird sofort geordnet,« sagt Kerkhoven. Er läßt den Diener von unten kommen, übergibt ihm das Geld und beauftragt ihn, es telegraphisch nach Lindow zu überweisen. Dann nickt er Etzel zu, weder freundlich noch unfreundlich, und verläßt das Zimmer. Etzel sitzt am Tisch und zerkrümelt ein Stück Brot. Er kann den schüchternen Blick nicht vergessen. Der Mann hat ihn geschlagen mit diesem Blick. Der Mann hat Waffen, gegen die unsereins nicht aufkommen kann. Ich bin in der Falle. Ich komm aus der Falle nicht mehr heraus. Es gibt keine Rettung mehr. Der Kopf in der Schlinge, Arme und Beine in der Schlinge.

Um neun Uhr abends fährt er in einem Tempo nach Lindow als wünsche er insgeheim aus dem Sattel zu fliegen und sich den Kopf an einem Baum zu zerschmettern. Der schüchterne Blick hinter ihm her wie ein unsichtbarer Vogel. Marie hat ihn schon erwartet. Sie beeilt sich, ihm zu sagen, daß sie das Geld unterdessen erhalten hat, sie möchte nicht, daß er sich ihretwegen in eine Verstimmung gegen den Meister hineinredet. »Ich weiß,« sagt er kurz. Sie sitzt am offenen Fenster, es ist eine milde Nacht, die Erde riecht feucht, einige Bäume stehen schon in Blüte. Er habe sich die Freiheit genommen, den Meister aufzurütteln, fängt Etzel an, und seine Augen blitzten gehässig. Es sei ziemlich unsanft ausgefallen, doch habe er sich nicht anders helfen können, er habe rot gesehen beim Gedanken an ein solches Maß von Gleichgiltigkeit gegen Marie und Maries Alltagsexistenz. Ein Übergriff, gewiß; respektwidrig und anmaßend. Trotzdem könne er den Schritt nicht bedauern. Wenn man in den Schacht nicht hinunterschreie, höre der Mann ja nicht. – Marie verfärbt sich. »Ich erlaube dir nicht, so von ihm zu sprechen,« sagt sie. – Er braust auf. »Ich habe mich gehütet, deine Erlaubnis einzuholen. Ich mußte dir doch die Möglichkeit geben, deine Hände in Unschuld zu waschen. Ein Ehepaar ist eine kompakte Majorität, das hält zusammen wie die Kletten.« – Marie faltet die Hände unterm Kinn. »Um Gottes willen, Etzel, du wirst schlecht.« – Große Neuigkeit, versetzt er, ist ihm längst bekannt, daß er schlecht wird, sie braucht nicht so entsetzt zu sein, aber in dem einen gegenwärtigen Fall (er fuchtelt mit dem ausgestreckten Zeigefinger vor ihrer Brust herum), wo sie auf einmal von ihm abgeschwenkt ist, um mit ihrem Mann gemeinsame Front gegen ihn zu machen, läßt er sich nicht von ihr um sein Gefühl betrügen. Ihn um alles andere zu betrügen, ist sie sowieso auf dem besten Weg. – Marie erhebt sich, schließt das Fenster und setzt sich ans Klavier; ihr Kopf sinkt nieder, die Stirn liegt auf der schwarzen Platte. Etzel geht hinter ihr auf und ab. Jammer genug, daß das geliebte Bild des Meisters seinen Glanz für ihn eingebüßt hat, fährt er verbissen fort, mit der Stimme eines bösen alten Mannes, eine Erfahrung, auf die er nicht vorbereitet war und die aus ihm einen Gläubiger macht statt einen Schuldner wie bisher. Er hat Anspruch auf das ungetrübte Bild. Er hat Anspruch auf des Mannes Größe und Unvergleichlichkeit. Wenn er, Etzel, an Stelle des Meisters wäre, er würde die Augen offen halten, verflucht nochmal, wie er die Augen offen halten würde, er würde nicht in die Lage kommen, daß sich eines Tages ein Quidam ins Haus schleicht und ihm sein Glück vor der Nase wegstiehlt. Er würde schon parat stehen, er, Etzel Andergast, kein Quidam sollte Schindluder mit ihm treiben. – Marie steht plötzlich aufrecht wie ein Pfeil. Mit blutleeren Lippen sagt sie: »Erst in diesem Augenblick hast du ihn verraten, Etzel.« – Er schweigt, Hände auf dem Rücken, Kinn auf der Brust. Das Toben hat aufgehört, das verzweifelte Gegensichselbertoben ist verstummt. – »Gehn wir auseinander,« fleht Marie; »komm nicht mehr zu mir, ich bitte dich. Laß mich. Versuch es. Wir wollen uns ein paar Monate lang nicht sehen. Im Juli kommt ohnehin Aleid, da ändert sich manches. Laß uns auseinandergehen.« – »Wenn ich nur könnte,« murmelt er und schaut nach links und nach rechts wie ein gefangenes Wild, »wenn ich das nur könnte!« – Marie bricht in ein Schluchzen aus als wolle ihr das Herz zerspringen. Er nähert sich ihr bestürzt. Mit flachen Händen streicht er an ihren Armen und Hüften entlang, unzählige Male. »Hör auf zu weinen,« bittet er, »liebe liebe liebe Marie.« Und sie: »Was sollen wir tun?« – Der ungeheure Schatten steht neben ihnen, der Mann mit dem schüchternen Blick, sie wissen nicht, was sie tun sollen. Er geht im Haus herum, der ungeheure Schatten, nicht wissend und allwissend, abwesend und gegenwärtig, er begleitet sie auf Schritt und Tritt, es gibt keine Hilfe gegen ihn außer ihn selbst. Die Raserei der Umarmungen bewirkt nur, daß man ihn vergißt, solange sie dauern. Aber das Unwetter dieser Leidenschaft, wieder- und wiederkehrend wie die Gewitter in den Tropen, bedroht sie ständig mit Vernichtung, alle beide. Wenn sie aus dem feurigen Abgrund auftauchen, sind sie selber Schatten geworden. Vor den verhängten Fenstern dämmert der Tag. Marie schläft. Der Kopf ruht auf den gekreuzten Armen. Der halboffene Mund gibt ihren Zügen einen kindlichen Ausdruck, trotzdem sie von einem geheimnisvollen Schmerz durchtränkt sind. Auch ihr Körper hat etwas Kindliches. Etzel steht am Bett. Er ist schon an der Türe gewesen, jetzt steht er da und betrachtet mit gierig-suchenden Blicken das Gesicht der Schlafenden. Von Minute zu Minute wird es heller, er vermag jedes Fältchen zu sehen, den Flaum auf der Haut, das konvulsivische Zucken der Lider, das sich zeigt, wenn ein Schlafender sich beobachtet fühlt. Da gewahrt er unter den Wimpern einen nassen Schimmer wie von Tränen. In einer unerwarteten Erschütterung beugt er sich nieder, und ganz behutsam, mit den Spitzen der Lippen, küßt er das Nasse weg. Dann schleicht er aus dem Zimmer.

 

Die Schlinge zieht sich fester zusammen. Wären sie beide um eine Spur gewöhnlicher, um einen Grad banaler und durchschnittlicher, was hätte ihnen das alles anhaben sollen, was hätten sie zu fürchten, was sollte ihrer Liebe Abbruch tun? Sie könnten, mit einigen kleinen Schrecknissen, die bloß ein Anreiz mehr wären, ihr Glück genießen, und das Ende wäre schlimmstenfalls eine kleine Dutzendtragödie. Allein dies spielt sich unter Wesen ab, die begriffen haben, daß es nur eine einzige wirkliche Verschuldung gibt, nämlich die des Menschen gegen sich selbst. Sie ist nur tilgbar durch das Finden einer neuen Seelenform, und das ist ein Prozeß, der den Charakter einer tödlichen Krankheit hat. Nur wenige überstehen sie.

Die verzweifelten Versuche Etzels, sich aus der Doppelkette zu lösen, gipfelten in dem frivolen Spiel, das er mit Aleids Pensionatsfreundin trieb und das dann auch zur Katastrophe führte. Man könnte sagen, das Schicksal hatte bereits alle Vorbereitungen getroffen und harrte nur des letzten Signals. Aber vorher ereignete sich noch etwas, das Etzel den verhängnisvollen Weg erst wies, den er dann mit verwildertem Herzen ging, ohne zu bedenken, fast ohne zu wissen, was er tat; es war ein an sich ziemlich bedeutungsloses und folgenloses Erlebnis, äußerlich wenigstens. Innerlich bedeutete es sehr viel und hatte sehr entschiedene Folgen.

Mitte Mai lernte er in der Ordination Kerkhovens eine etwa vierzigjährige Frau kennen, Constanze Dufour hieß sie, eine Schauspielerin mit politischer Vergangenheit; sie hatte zwei Jahre Festungshaft verbüßt. Sie wollte Kerkhoven wegen eines Nervenleidens konsultieren, einer Schreckneurose, doch hatte dieser seine Privatpraxis schon erheblich eingeschränkt und nahm sich des Falles wenig an. Frau Dufour hatte einige Male Gelegenheit, mit Etzel zu sprechen und verliebte sich Hals über Kopf in ihn. Sie war eine kleine zarte Person, Typus Jessie Tinius, aber ungleich geistiger, noch immer hübsch, recht elegant und von ziemlich aggressiven Umgangsformen. Zuerst hatte er sich für sie interessiert, jedoch als sie sich ihm unverblümt eröffnete, wurde sie ihm lästig, und er zeigte es ihr. Das ernüchterte sie keineswegs, sie schrieb ihm überspannte Briefe, lauerte ihm zu allen Tageszeiten auf, machte ihm Szenen, drohte ihn zu erschießen, sich zu erschießen, und als sie eines Abends in der Kerkhovenschen Wohnung erschien und ihn zu sprechen begehrte, mußte er sie mit unmißverständlicher Deutlichkeit zur Tür zurückgeleiten. Nun begnügte sie sich damit, ihn mit ihren halbverrückten Episteln zu bombardieren. Er berichtete Marie davon, anfangs lachend, ganz obenhin, wie man über einen halb amüsanten, halb unbequemen Zwischenfall spricht, als sie ihn aber jedesmal neugierig fragte und er zu seiner Verwunderung merkte, daß ihre Wißbegier über ein rein psychologisches Interesse hinausging, schilderte er die Begegnungen und Gespräche mit der Frau ausführlich, beschrieb ihr Gehaben, ahmte ihre Redeweise nach und zitierte drastische Stellen aus ihren Briefen. Marie konnte gar nicht genug hören. Es machte den Eindruck als unterhalte sie das Ganze, etwa wie ein spannender Roman in Fortsetzungen, aber da sich alles was in ihr vorging fast mediumistisch auf ihn übertrug, spürte er ihre geheime Angst nur zu gut, obwohl sie sie mit heroischer Anstrengung unter einer heiteren und sorglosen Miene zu verbergen verstand. Und so erwachte die dämonische Lust in ihm, die Angst zu steigern und sie mit wesentlicherem Stoff zu nähren als mit den Abenteuerlichkeiten der ältlichen Dame Dufour. Dabei bezog sich ein Teil von Maries innerer Unruhe, wie ihm nicht entging, gerade auf das Alter der verliebten Verfolgerin. Voll Bestürzung sagte sie sich: er stellt mir ein warnendes Exempel der Lächerlichkeit auf, wahrscheinlich ist es ihm gar nicht bewußt, die Grausamkeit ist darum nicht geringer, das Memento für mich nicht weniger ernst. Und sie fing an, um ihn zu zittern.

So weit war es jetzt. Sie hatte kapituliert. Sie hatte sich an ihn verloren. Die Sinne hatten ihren Machtspruch gesprochen, und der schien unwiderruflich. Der Zauber der sinnlichen Fixierung hatte ihre Seelenlage von Grund aus verändert. Der Aufruhr des Bluts, der Sturm bis in die Träume hinein, die Erschütterung der Lebenswurzeln: es war erstmalig. Darauf war sie nicht gefaßt gewesen. Bei einer Frau wie Marie wehrt sich der Körper gegen eine solche Revolte bis aufs äußerste. Solange es irgend geht, widersetzt er sich dem Einbruch des Chaos und flieht gewissermaßen zu den Grazien, um bei ihnen Schutz zu finden. Später, als sich Kerkhoven bemühte, aus den Trümmern ihrer und seiner Existenz zu retten, was noch zu retten war, als er in vielen Nächten und vielen Tagen pflegend sorgend forschend und langsam aufbauend Ursache und Tragweite des Geschehenen zu erkennen und ihr selbst verständlich zu machen suchte, sagte er einmal in einem Augenblick hoher Eingebung: »Du bist im Element getroffen worden, dort, wo die allerdunkelsten Kräfte wohnen, wo die Urnacht der Kreatur beginnt. Das ist selten, die meisten Menschen werden davor bewahrt. Wir müssen die lichten Kräfte versammeln, damit der Riß sich wieder schließt, denn mit ihm weiterzuleben ist unmöglich.« Da blickte sie aus ihrer schauerlichen Zerbrochenheit mit erster Hoffnung zu ihm empor und entdeckte etwas, was sie immer bloß geahnt hatte und was ihr ganzes Verhältnis zu ihm veränderte und erneute: Irlen sprach aus seinem Mund zu ihr; Irlen wohnte in seiner Seele . . .

 

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