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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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Fünfzehntes Kapitel

Was er seiner Mutter schrieb, erfuhr Marie nicht. Er sprach nicht darüber, und sie fragte ihn nicht. Daß er nach einer Woche Antwort erhielt, erwähnte er beiläufig. Marie fühlte, daß er den Faden nicht wieder abreißen würde. Er war umgestimmt. Und so schien es, daß er auch Marie mit andern Augen betrachtete als bisher. Jener halb störrische, halb scheu bewundernde Blick, mit dem er sie angesehen, als sie ihn zu dem Versprechen gezwungen hatte, traf sie in den folgenden Tagen noch oft. Er benutzte nun jeden freien Augenblick, um mit ihr beisammen zu sein. Er kannte ihre Stundeneinteilung und wußte, was sie für den Tag vorhatte. Bei ihren Gängen in die Stadt begleitete er sie. Wenn sie nicht ausgehen konnte, schlechten Wetters wegen oder weil sie sich nicht wohl fühlte, erkundigte er sich, ob sie Aufträge für ihn habe. Er sorgte fast täglich für frische Blumen, aber da sie nicht wollte, daß er sich leichtsinnig in Unkosten stürze, verbot sie ihm den Luxus, worüber er sich nicht wenig erboste. Manchmal las er ihr vor, manchmal erzählte er ihr seine Erlebnisse mit einem Kameraden, aber nur, wenn es sich um Vergangenes handelte, oder eine Liebesgeschichte, in die er verstrickt gewesen, aber nur, wenn sie leichter Art war und Stoff zur Erheiterung bot. Mußte er Kerkhoven in die Anstalt begleiten, war er den Nachmittag, den Abend über nicht frei, so rief er sie an, um eine Viertelstunde am Telephon mit ihr zu plaudern. Gelegentlich schickte er ihr einen Zettel mit einer Bemerkung über ein Buch, einer hastig hingekritzelten Glosse zu einem vorhergegangenen Gespräch. Sie anzuregen und bei guter Laune zu erhalten schien sein einziges Trachten zu sein. Da er dabei, wie schon gesagt, keine Pflicht verabsäumte, keine Arbeit aufschob, hätte man glauben können, er habe einen Geheimvertrag mit einer Gesellschaft von Wichtelmännchen geschlossen, damit sie in der Stille für ihn schafften. Unmerklich gewöhnte sich Marie an den beständigen Dienst, den er ihr widmete. Unmerklich wurde es Bedürfnis, wurde es unentbehrlich, dies Kommen und Wiederkommen, die Erwartung und daß sie sich erfüllte, Abrede und lebendige Verbundenheit, Wort und Gegenwort, Ruf und Echo. Ohne Gewißheit der Wiederholung ist kein Fließen und Werden, kein Sammeln und Entfalten. Endlich wieder hat ein Mensch Zeit für sie. Laßt uns sehen, wie lang es her ist, daß ihr das geschah. Ein Weltenalter ist es her. Damals ist sie jung gewesen, hat verwundert die Augen aufgeschlagen zu dem Mann, der bei ihr stehen blieb, ein Gehetzter und Gequälter, um ihr ungemessen viel Zeit zu schenken. Wie dankbar sie war für das Geschenk, dessen Wert sie kannte und durch das sie sich auserwählt fühlte. Dann hat ihn allmählich die Zeit verschluckt, denselben Mann, aufgefressen Glied für Glied hat ihn die Zeit, deren Herr und Gebieter er war, fort ist er, zum Schatten ist er geworden, auch er. Mit einem Schatten kann man nicht leben, einen Schatten kann man nicht fragen, der Schatten erwidert dein Lächeln nicht, sieht nicht, wenn du ihn anschaust, bemerkt deine hingestreckte Hand nicht, vergißt dich, während er an deinem Tische sitzt, sogar während er seine Arme um dich schlingt. Wie kann man ihm begreiflich machen, daß man noch da ist, ihm, dem Retter, Helfer und Erwecker von Tausenden?

 

Tina Audenrieth, die häufig zu Marie kam und Etzel bei einem ihrer ersten Besuche kennengelernt hatte, begegnete ihm in der Folge noch oft bei ihr. Sie mochte ihn gut leiden und war keineswegs unempfindlich für die Umsicht, mit der er es darauf anlegte, ihr zu gefallen. Sie wunderte sich über seine Stellung im Hause, über sein Verhältnis zu Kerkhoven. Marie erklärte ihr es. Noch mehr wunderte sie sich jedoch über den frenetischen Eifer, mit dem er schier unausgesetzt um Marie bemüht war und, als wäre es das Natürlichste von der Welt, sich als ihr Ritter, ihr Page, ihr Heger und Beschützer aufspielte. Es hatte etwas wie Besitznahme, eine Art häuslicher Tyrannis, und wenn man tiefer sah, konnte man auch eine verdächtige Berauschtheit darin erkennen. So tief wollte Tina gar nicht sehen, ihre Bedenken gingen in eine andere Richtung. Als sie mit Marie offen darüber sprach, denn durch ihre langjährige Freundschaft war ihnen gegenseitige Offenheit selbstverständlich geworden, sagte sie: »Ich finde, daß er mit all der Aufmerksamkeit, die er dir erweist, und Aufmerksamkeit ist nur ein schwaches Wort dafür, deinem Mann ein Unrecht zufügt.« – »Wieso denn, Tina?« fragte Marie betroffen. – Tina lächelte. »Aber liebste Marie,« rief sie in einem Ton als glaube sie nicht an das Erstaunen in der Frage und als wolle Marie nur nicht zugeben, daß sie dieselbe Empfindung hatte. Marie dachte über Tinas Worte nach. Möglicherweise war es unvorsichtig von ihr, doch geschah es ganz impulsiv und bewies immerhin, bis zu welchem Grad der Vertraulichkeit sie bereits im Umgang mit Etzel gelangt war, daß sie ihm wiedererzählte, wie Tina Audenrieth sein Verhalten beurteilte. Kann sein, sie hoffte, er werde den Vorwurf widerlegen. Er schaute sie aber nur verständnislos an. Es klang wirklich zu verrückt. Er leistete sich doch selbst Erkleckliches an Überspitztheiten und queren Hypothesen, aber auf eine solche Idee wäre er nie verfallen. Er war ja im Gegenteil überzeugt, auch Kerkhoven zu dienen, indem er Marie diente, ja geradezu in dessen Sinn zu handeln. Sein Gedankengang war so: der Meister ist überlastet, die Bürde auf seinen Schultern wird täglich schwerer, jeder andere bräche unter ihr zusammen, er, mit übermenschlichen Kräften begabt, hält sich aufrecht und geht seinen wunderbaren Weg; ein solcher Mensch dürfte eigentlich keinen Anhang haben, keine Familie, es hemmt ihn, ja es verdüstert ihn, da er sich den Kindern und der Frau gegenüber immerfort eines Versäumnisses anklagen und sich bei der leider vorhandenen Weichheit seines Gemüts Gewalt antun muß, besonders der Frau gegenüber, denn er wäre nicht der, der er ist, wenn er nicht spürte, wie sie unter einer Entfremdung leidet, die er beim besten Willen nicht aufheben kann, bei aller Liebe nicht, mit der er sicherlich an ihr hängt; sonach kann ihm nichts erwünschter sein, als daß man sich um Marie kümmert, sie in ihrer ständigen Niedergeschlagenheit ein wenig tröstet und ihr über das Gefühl der Einsamkeit hinweghilft. Eine echt Andergastsche Konstruktion, von deren Richtigkeit er allerdings durchdrungen war. Und vielleicht war es nicht einmal eine Konstruktion, oder es war so, daß ihm die Wirklichkeit den Gefallen erwies, mit der ebenso scharfsinnigen wie verführerischen Theorie übereinzustimmen und sich ihr im Verlauf der Begebenheiten mehr und mehr anzupassen. In der Tat war Kerkhoven unendlich froh, daß sich zwischen den beiden eine so gute Beziehung entwickelt hatte. Er unterließ nichts, um Marie in der günstigen Meinung zu bestärken, die sie von Etzel gefaßt hatte. Wenn sie hie und da noch immer kritisch war, sich über seine geistige Anmaßung beklagte, Zweifel an seiner Verläßlichkeit äußerte, sich mokierte über seine Neunmalweisheit, entging es ihm, wie schwach die Einwände gegen früher geworden waren und daß sie wahrscheinlich nur erhoben wurden, weil sie sie entkräftet zu hören wünschte. Und er beeiferte sich, sie zu entkräften. Er erachtete es als eine Fügung, die nicht glücklicher hätte sein können, daß Etzel unter Maries Einfluß geriet. Er wollte Anzeichen der veredelnden Wirkung seines Umgangs mit ihr schon bemerkt haben, was Marie natürlich nicht ungern vernahm. Wenn er ins Zimmer trat und die beiden beieinander sah, ging ein freudiger Schein über sein Gesicht, oft blieb er länger als er beabsichtigt hatte und als es seine Zeit erlaubte, nur um ihnen ein wenig zuzuhören (wobei ihm nicht bewußt wurde, daß er durch so flüchtige Zufallsbesuche das lebendige Gespräch eher zerriß als förderte) und des wenn auch kurzen Vergnügens einer Geselligkeit teilhaftig zu werden, die ihm seit Jahren versagt war. Immer hatte er ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn er irgendeinmal am Tage bei Marie erschienen war, um fünf, wenns hoch kam, zehn Minuten mit ihr zu plaudern oder sich nur (ich erinnere an das Bild vom augenaufschlagenden Golem) zu vergewissern, ob sie da war, ob sie lebte, was sie trieb, wie sie gestimmt war. Zwar lächelte sie ihm dann dankbar zu, fragte in ihrer neckenden, manchmal melancholisch-neckenden Art: »Gehts dir gut? bist du mir grün? Sprich es aus, Joseph, sag etwas Freundliches,« und schmiegte sich, als suche sie Schutz und Wärme, an seine Brust. Er strich mit der Hand über ihr trockenes seidiges Haar, das unter der Berührung leise knisterte, nickte ihr liebreich und zerstreut zu, murmelte etwas vor sich hin, was er offenbar für das verlangte »Freundliche« hielt, und verschwand alsbald wieder. Aber noch lange nachher blieb in seinen Augen der fahle Schimmer jenes schlechten Gewissens, das ihr forschender und erwartungsvoller Blick, ein Abwenden des Kopfes, ein Zucken des Mundes in ihm erzeugte. Das war jetzt Gott sei Dank vorüber. Er wußte sie betreut. Er wußte sie sozusagen versorgt. Sie war »da«, sie war in seiner Nähe, was ihm auch seinerseits das Gefühl gab, »versorgt« zu sein, zugleich wich der unbequeme Druck von ihm, die Empfindung von Schuld, die sich einstellt, wenn man einem Menschen nicht sein kann, was man ihm sein müßte und sein möchte, und die zuweilen so heftig wurde, daß sie die Klarheit seiner ärztlichen Entscheidungen beeinträchtigte. »Haben Sie ihn angesehen? haben Sie sein Gesicht gesehen, als er mir die Hand gab und Sie auf die Stirn küßte?« fragte Etzel eines Tages ganz erregt, als Kerkhoven das Zimmer verlassen hatte; »können Sie noch einen Augenblick glauben, daß Tina Audenrieth den leisesten Grund hatte zu ihrer ungereimten Vermutung? Geben Sie zu, Frau Marie, der Meister ist restlos einverstanden mit unserer Freundschaft . . . oder darf ich das nicht sagen: Freundschaft? . . . dann verzeihen Sie . . . ich meine, er hat auf keinen Fall etwas dagegen, daß Sie mir erlauben, so viel bei Ihnen zu sein, vorsichtiger kann man es doch nicht ausdrücken, wie? es ist ihm recht, er billigt es, er wünscht nichts anderes, ich behaupte sogar, es entlastet ihn.« Marie wollte es weder zugeben noch leugnen, sie blieb still. Und das Wort von der »Entlastung des Meisters« wurde zur hinreichen Legende, mit der sich insofern leichter leben ließ, als sich unter ihrem kupplerischen Schutz die Frage nach der Verantwortung kaum stellte.

 

An einem Tag, dessen Häßlichkeit und Ungunst Marie schon spürte, als sie am Morgen das Bett verließ, glitt sie beim Verlassen der Wohnung auf der Stiege aus und fiel über drei Treppenstufen hinunter. Sie konnte sich nicht erheben, ein schneidender Schmerz im Leibe machte sie fast ohnmächtig, glücklicherweise hörte das Mädchen, das sie zur Tür begleitet hatte, den Lärm des Sturzes und den schwachen Aufschrei ihrer Herrin, eilte ins Stiegenhaus, beugte sich über die Liegende und rief Hilfe herbei. Man trug sie ins Schlafzimmer. Die Schmerzen wurden ärger, kurze Zeit hernach hatte sie eine Fehlgeburt. Weder Kerkhoven noch Etzel waren im Hause, nur Doktor Römer, der von dem Mädchen gerufen wurde und die sofortige Überführung in eine Privatklinik veranlaßte. Er brachte sie selbst im Krankenauto hin, die Anstalt lag in der Burggrafenstraße, der notwendige operative Eingriff wurde ohne Zögern vorgenommen, und als Kerkhoven das Geschehene erfuhr und gegen zwei Uhr mittags in die Klinik kam, war alles vorüber, Marie aus der Narkose erwacht. Er blieb bis drei Uhr an ihrem Bett sitzen, hielt ihre Hand in seiner und wandte den Blick nicht von ihrem bleichen Gesicht mit den festgeschlossenen Lidern. Neben dem physischen Leiden glaubte er in den äußerst gespannten Zügen ein seelisches wahrzunehmen, das ihn mehr beunruhigte als jenes. Am Abend kam er wieder, ihr Zustand war befriedigend, nur war das Gesicht wie im Fieber gerötet, die Augen hatten einen ungewöhnlichen Glanz. Aber die Temperatur war normal. Das Zimmer war von betäubendem Rosenduft erfüllt. Der Strauß, dem er entströmte, stand auf einem Tisch in der Ecke, ein wahrer Berg von Rosen, eine einzige rotleuchtende Flamme. Marie wies lächelnd hin und sagte: »Etzel.« Kerkhoven sagte: »Er war ganz verstört. Schon nachmittags fragte er, wann er dich besuchen darf. Ich hab ihm geantwortet, nicht zu früh, mein Lieber, nicht vor übermorgen, auch dann müssen Sie sich zusammennehmen und sich möglichst still verhalten.« – »Ja, er ist ein bißchen anstrengend,« gab Marie zu, »aber morgen gegen Abend kann er schon kommen, laß ich ihm ausrichten.« – Am andern Tag sagte sie: »Ich muß dir was gestehen, Joseph. Das Malheur, das mir da passiert ist, ist eins von denen, die der Mensch unbewußt herbeiruft. Es ist eine heimliche Verschwörung. Die Seele besticht den Leib und läßt ihm keine Ruhe. Nicht als sollte der Leib was unternehmen. Nur was unterlassen soll er. Und so unterläßt er die Wachsamkeit. Verstehst du? Ich hab mich gewehrt gegen das Kind, du weißt es ja, ich wollte es nicht haben, und jetzt . . . Jetzt ist mir doch zumut, als hätt ich ein Verbrechen begangen.« Sie schlug die Hände vors Gesicht, die Schultern zuckten krampfhaft. Es war kein richtiges Weinen, auch kein Schluchzen, es war Erschütterung. Darin lag eine Eigentümlichkeit ihrer Natur, sie konnte sich nur selten durch Tränen von einer Gemütslast befreien, es bedurfte einer solchen Erschütterung, die viel qualvoller war als ein Tränenerguß, in dem man das Leid doch immer ein wenig genießt. Kerkhoven redete ihr zärtlich zu, fühlte aber dabei seine innere Unmacht wie einen eisernen Ring um die Brust. Sie war der einzige Mensch in seinem Lebens- und Wirkensbezirk, bei dem er dies Gefühl der Unmacht hatte. War es Mangel an Hingabe und Vertrauen, bei ihr gerade, deren Wesen sich erst entfaltete in Hingabe und Vertrauen? War es ihr klarer und heftiger Intellekt, dem seinen weit überlegen, der sich wider ihn stellte und seinen Einfluß brach? Oder war er in ihren Augen zu sehr mit seinem Ich behaftet, so daß er für sie die magische Anonymität nicht besaß, ohne die der Arzt eine bürgerliche Figur ist wie ein Lehrer oder Beamter? Sicherlich war es das, zu nah war er ihr, zu nah sie ihm, ein Wort von Etzel Andergast kam ihm in den Sinn, das Wort von der heilenden Körperfremdheit; erleuchtetes Wort. Für Marie war er vielleicht nur eine Art Gaukler, eine allzu umschreibbare Person; wie hätte es anders sein sollen, da er ihr nicht zu geben vermochte, was alle andern von ihm empfingen, und er stets diese lähmende »Unmacht« verspürte, auch wenn es sich bloß um den Versuch zu trösten handelte? Als Marie ihn so grüblerisch dasitzen sah, betrachtete sie ihn mit seltsam bohrender Neugier. Als er sich erhob, um zu gehen, flammte in ihrem Gesicht und in den Augen etwas auf wie Flugfeuer, mit einem nur ihr eigenen Elan streckte sie ihm beide Arme aus den Kissen entgegen und sagte in dringlich flehendem Ton, in dem eine angstvolle Warnung mitschwang: »Gib acht auf mich, Joseph! hörst du? gib acht auf mich!«

Er stutzte zwar, aber dann nickte er mehrere Male, eifrig und ahnungslos.

 

Während der sechs Tage, die sie in der Klinik lag (ihr heilkräftiger Organismus überwand den schweren Eingriff schnell), hatte Marie reichlich Zeit, über die nächste Zukunft nachzudenken. Nach Lindow zu gehen, mußte sie sich nun wohl oder übel entschließen. Die Umstände verboten einen längeren Aufschub, ihre Mutter schrieb bereits ungeduldige Briefe. Man hatte sich gehütet, sie von dem Unfall zu benachrichtigen, sie wäre sonst gekommen und hätte mit übertriebener Sorge und geräuschvoller Wehleidigkeit Maries Genesung nur verzögert. Lindow war ihr eine zweite Heimat geworden, die Landschaft, besonders im Herbst, der jetzt nahte, bedeutete ihr viel; obwohl ihr das rauhe Klima nicht zuträglich war, liebte sie die strengen Linien, die ernste Einfachheit, die himmelspiegelnden Seen und einsamen Wälder. Jedesmal, wenn sie Etzel davon erzählte, ging sie mehr aus sich heraus als sonst, es klang wie Gedichtetes, in ihrer Phantasie verwandelte sich ja alles, unverwandelt verlor es Leben und Bewegung. Er hörte ihr zu als müsse er sich jedes Wort und Bild einzeln einprägen, unterbrach sie mit wißbegierigen Fragen und behauptete lachend, Weg und Steg und Land und Leute kenne er nun hinlänglich, von Maries Existenz dort könne er sich aber keine Vorstellung machen. Mit seinem Spürsinn war er längst dahintergekommen, daß es da etwas Verhehltes gab; nicht schwer, es zu erraten; seit er im Haus war, hatte sie jede Woche ein- oder zweimal Anstalten zur Übersiedlung getroffen und den Vorsatz alsbald wieder aufgegeben. Endlich faßte er sich ein Herz und fragte unumwunden; er habe es nicht verdient, daß sie Geheimnisse vor ihm habe, erklärte er mit unernstem Schmollen, worauf sie nicht ohne Koketterie entgegnete, wenn er ihr die Geheimnisse raube, habe sie nicht mehr viel zu geben. Doch empfand sie selbst das Bedürfnis, sich mitzuteilen, es ging in diesen Tagen Absonderliches in ihr vor, wie wenn alles von innen nach außen triebe, Verborgenes ans Licht wolle, das Starre sich biege. Da er mit seinen Vermutungen auf die richtige Fährte unmöglich kommen konnte, war es klüger, ihn auf der falschen nicht zu weit gehen zu lassen, er dachte sich sonst Gott weiß was, die Gedanken der Menschen machen vor nichts halt. Erst wollte sie nur das Eine berichten, das zarte Erlebnis mit Robert Suermondt, ihrem Gutsnachbar, das neben der Traurigkeit, mit der es beladen war, ihr Leben reicher gemacht hatte. Aber sie sah, daß es für sich allein nicht bestehen konnte; losgelöst von dem, was sich zwischen ihr und ihrer Mutter seit Jahr und Tag zugetragen hatte und was allmählich zur Seelenfolter für sie geworden war, nahm es sich aus wie ein stoffloses Gespinst neben einer Wirklichkeit, die unheimlich war durch das Ausmaß ihrer Banalität. Etzel war schon am Nachmittag gekommen; er hatte ihr einen ergreifenden Abschiedsbrief des Grafen Grünne vorgelesen, der sich am Tage vorher, lange vor dem Termin, den er sich gesetzt, erschossen hatte. Darüber sprachen sie bis es dunkel wurde, dann erst begann sie zu erzählen.

 

Robert Suermondt war vor dem Krieg ein gefeierter Schauspieler gewesen. Er hatte auf der Bühne zumeist urwüchsige, sehr knorrige, sehr männliche Charaktere darzustellen, darauf gründete sich auch sein Ruhm, denn diese Gestalten verdankten ihre unvergleichliche Wahrheit seiner eigenen Natur; er brauchte sich nur zu geben wie er war, um der stärksten Wirkungen sicher zu sein, im andern Fall versagte er. Sein Beruf hatte ihn aber nicht nur niemals ausgefüllt, sondern im Lauf der Jahre war auch ein unüberwindlicher Widerwille gegen das Theater und Theaterwesen in ihm entstanden, eines Tages, er war damals kaum vierzig, machte er kurzerhand Schluß, kaufte sich das Gut in der Mark, legte den berühmten Namen ab wie er sich vordem die Schminke vom Gesicht gerieben hatte und nahm den bürgerlichen wieder an, mit dem er geboren war. Nichts konnte ihn dazu bewegen, kein materieller Gewinn, kein Ruf der früheren Bewunderer, nur für die Dauer einer Stunde zu dem verhaßten Gewerbe des Komödianten zurückzukehren, er war gewillt, seine Tage, so viele oder wenige es waren, als Landwirt Gärtner und Jäger zu beschließen. Er verkehrte mit niemand. Er hatte die Brücken hinter sich abgebrochen. Ein paarmal im Jahr erschien er beim Stammtisch im Dorfkrug. Marie hatte vor etwa anderthalb Jahren zufällig seine Bekanntschaft auf dem Bürgermeisteramt gemacht, wo sie zu tun gehabt hatte. Er war mit seinen drei Rüden schneebedeckt hereingestürmt, ganz Waldmensch, um wegen einer Wasserregulierung einen furchtbaren Krach zu schlagen. Nachher entschuldigte er sich sehr gesittet bei ihr. Seine herrliche Stimme war ihr in die Glieder gefahren. In der Erregung klang sie wie eine Posaune. Er begleitete sie ein Stück Wegs. Sie lud ihn ein, sie zu besuchen, und er kam. Er holte sie zu Spaziergängen oder zu gemeinschaftlichen Ritten ab. Mit ihm auf die Jagd zu gehen weigerte sie sich. Sie verabscheute jede Art von Jagd. Als sie ihn näher kennenlernte, erstaunte er sie durch eine Beziehung zur Natur, die an Leidenschaftlichkeit und Tiefe alles übertraf, was sie in dieser Hinsicht für möglich gehalten. Eigentlich redete er nur von Steinen Pflanzen und Tieren, immer nur in Randbemerkungen allerdings, in kurzen Aperçus, von Wasser und Wolken, von den Schichtungen der Erde, den Kräften der Metalle, den Vorgängen in der Atmosphäre, und wie diese Erscheinungen und Zustände mit dem menschlichen Leben, Charakter und Schicksal zusammenhingen, ja, wie der Mensch gar nicht davon abgelöst werden könne. Da war kein dürres Buchwissen, keine äußerliche Beobachtung, das Wesen der Elemente erschloß sich, alles kam von der Anschauung her, und wenn er ein Scheit vom Wegrand auflas, um ihr die Faserung des Holzes zu erklären, oder das Ohr auf einen Ameisenhaufen legte, um, wie er sagte, in die Arbeit des Universums hineinzuhorchen, oder in seiner stockenden monologischen Weise über die Gliederung der Landschaft sprach, ihre Physiognomik, ihre unterirdische Struktur als Grundlage der Linienbildung, ihre geheime Bewegung, über das was er ihr Ideogramm und das was er ihr Gehirn und Herz nannte, war es wie wenn man das Wesen eines Menschen analysiert, nein, schöpferisch war es und tröstlich. Er hatte einen harten wilden Humor und eine souveräne Manier, Zeit und Welt über die Achsel anzusehen, er konnte roh und rücksichtslos sein und behandelte seine Leute mit äußerster Strenge, aber streng verfuhr er auch mit sich selbst; er pflegte zu sagen: niemand bedarf so sehr der Peitsche wie der, der andere damit züchtigt. Doch war oft eine kindliche Weichheit in seinen Augen, ein Ausdruck von Verlorenheit in seinem massigen Rubensgesicht wie man sie an Menschen beobachtet, die gewissermaßen ihr eigener Doppelgänger sind und des heimlichen Grauens über das Rätsel ihrer Zwiefachheit nicht Herr werden können. Was Marie zu ihm getrieben, ihr den Umgang mit ihm unvergeßlich gemacht hatte, darüber war sie sich lange Zeit nicht recht klar. Es war vieles zusammengetroffen, wofür sie in dieser Epoche ihres Lebens, in der sie sich wie kaum zuvor in einer gefährlichen Schwebe befunden, besonders empfänglich war, nicht allein die überschäumende Nahrhaftigkeit, die ihn wie einen Erdgeist oder Erdmann erscheinen ließ, eine Figur aus Vorwelt und Sage. Für sie das Fremdeste des Fremden, sie gestand es offen ein, sie hatte nicht viel übrig für nordische Götter und Dämonen, in keiner Gestalt und Erneuerung. Aber an dem Mann bewegte sie etwas bis ins Innerste, das war seine ungeheure Stummheit. Nie war sie einem so vollkommen stummen Menschen begegnet. Denn mit seinem Sprechen war es so: die tiefsinnigen Deutungen der Geheimnisse von Baum und Blume, Frucht und Quelle, Vogelflug und Feuer waren bloß die undurchdringliche Schutzhülle einer Stummheit, die selber ein mysteriöses Element war und jedem Versuch trotzte, sie zu brechen. Niemals redete er über sich und sein Leben, niemals über vergangene Dinge, niemals fragte er sie nach ihren persönlichen Verhältnissen und Erlebnissen, es interessierte ihn nicht, wer sie war, woher sie kam, was in ihr vorging, immer war es als wandere man eine Strecke Wegs mit einem Unbekannten, der einen nach hundert Schritten völlig zu bestricken wußte, dessen Hand, wenn er Abschied nahm, einem geisterhaft entschlüpfte. Das hatte ihr viel zu denken gegeben, die beim Gruß wie ein feiges Tier weghuschende Hand, das stumpfe Auge, das den Partner schon vergessen hatte, bevor er sich umdrehte, die Bestürzung, in der er einen zurückließ, wenn er gegangen war; als ob man für ihn gestorben sei und bis zur nächsten Begegnung keinen Anspruch zu leben habe. Das war die unschuldige Treulosigkeit des »Erdmanns«; es stieß sie ab und zog sie an, stieß wieder ab, zog wieder an, im quälendsten Wechsel, es war eine geistige Lockung und eine physische Angst, die Einsamkeit, mit der ihn ihre Phantasie umgab, erlitt sie selbst in ihren Träumen, die Unnahbarkeit einer Seele, die sich ausgeschlossen hatte aus dem Raum der Liebe und keinen Zugang mehr zu ihm fand, rief ein stürmisches, ein vermessenes Mitleid in ihr wach, ein lastvolles zugleich, das zur Untätigkeit verurteilt war, denn vor ihm stand sie genau so stumm, innerlich stumm, wie er vor ihr. Mitleid ist oft so nahe der Liebe, daß man den Unterschied nicht mehr spürt, sagte sie, außer wenn man liebt, da spürt man ihn; es war jedenfalls ein fremdartiges banges Gefühl, dem sie in ratloser Halbfreiwilligkeit Macht über sich einräumte. Bei alledem wußte sie wohl, es war ein selbstgesponnenes Gewebe, ein richtiges Traumgespinst, das sie über den klaffenden Riß in ihrem Leben hingebreitet hatte, nicht weil sie wähnte, ihn damit zu schließen, sondern um ihn nicht stets vor Augen zu haben. Gerade deswegen traf sie vielleicht sein plötzlicher Tod so schwer. Eines Morgens im letztvergangenen Dezember hatte er in der Nähe seines Hauses einen Baum gefällt, dann hob er den Stamm, der anderthalb Zentner wiegen mochte, auf die Schulter, um ihn wegzuschleppen; nach wenigen Schritten brach er vom Schlag gerührt zusammen als hätte sich der Baum an ihm gerächt und ihn ermordet. Sein Tod hatte etwas Unglaubhaftes, der Gedanke, er könne sterben wie andere Menschen sterben, war Marie fast immer widernatürlich erschienen, schon weil er mit seinen sieben- oder achtundfünfzig Jahren wie ein Mann von achtunddreißig aussah, und strotzend von Leben und Kraft dem Schicksal des Alterns nicht unterworfen schien. Ohne ihn wurde die Landschaft zum Kirchhof, der Gott hatte sie verlassen, der ihr die Seele eingehaucht hatte, so verarmt war Marie seit Irlens Tod nicht gewesen, es war überhaupt als wäre es dasselbe Erlebnis in einer andern Zeit und Welt, durch ein psychologisches Gesetz ihr in der Wiederkehr des Gleichen beschieden . . .

 

Da erst wurde das tägliche unausweichliche Beisammensein mit der Mutter zur kaum erträglichen Pein.

Der Vorgang ist nur zu verstehen, wenn man sich Art und Person der Professorin Martersteig vergegenwärtigt hat. Sie ist eine Frau von vierundsechzig Jahren, hochgewachsen, schlank, von edler Haltung, mit einer herrlichen Krone grauen Haares auf dem stolz aufgerichteten Haupt und den Spuren ehemaliger großer Schönheit in dem edel geschnittenen Gesicht. Sie sieht aus wie eine Herzogin, und so ist sie auch von ihren Freunden und Freundinnen genannt worden, die Herzogin. In ihrer Jugend ist sie von Lenbach und Lavery gemalt worden, sie erwähnt es bei passendem Anlaß gern. Sie trägt sich wie sie sich fühlt, es gibt wohl keinen Menschen, der sie je in vernachlässigter Toilette gesehen hat. Wenn sie am Morgen ihr Schlafzimmer verläßt, könnte sie ohne weiteres eine Staatsvisite machen, und so bleibt sie den ganzen Tag über, besuchsbereit, empfangsbereit, ihrer Würde bewußt, wie wenn sie wirklich die große Dame mit großen Traditionen und großer Vergangenheit wäre, als die sie sich gibt. Daran hat auch das einfache Leben und die ländliche Umgebung auf Lindow nichts zu ändern vermocht. Sie befindet sich immer und überall in einem imaginären herzoglichen Schloß. Den Gruß des Verwalters, die Respektserweisungen der Dienstleute erwidert sie mit freundlichem, aber gnädigem Kopfnicken, der Tochter streckt sie noch immer die Hand zum Kusse hin. Sie leitet den Haushalt, beaufsichtigt den Unterricht des kleinen Johann, hat sich in die Gutsbewirtschaftung eingearbeitet und Marie den größten Teil der Last abgenommen, führt also durchaus kein Drohnendasein, aber das rechnet sie sich hoch an, so hoch, daß Marie außerstande ist, die Rechnung zu begleichen, und ihr nichts übrig bleibt als bei jeder Gelegenheit ausdrücklich oder durch Blick und Miene zu versichern: ja, Mutter, du bist eine Perle, du bist die umsichtigste tüchtigste fleißigste kenntnisreichste aller Frauen, ohne dich wüßt ich mir nicht zu helfen und müßte die Bude zusperren. Schön. Das wäre auszuhalten. Auch der unablässige laute oder stille Anspruch auf das gesamte große und kleine Zeremoniell, das in obligatorischen Fragen nach Befinden Schlaf Verdauung besteht, in endlosen Beratungen, ob ein Fenster offen bleiben oder geschlossen werden muß, ob es sich zwecks Verhütung von Erkältung empfiehlt oder nicht empfiehlt, einen Thermophor ins Bett zu legen, ob man den Besuch des Landrats und seiner Gemahlin morgen oder übermorgen oder erst nächste Woche erwidern soll, ob sich das bisher benutzte Badesalz bewährt hat oder ob man es einmal mit einer neuen Sorte versuchen müßte, und so weiter. Das macht man mit. Es geht zum einen Ohr hinein, zum andern hinaus. Sie ist im Grunde gutherzig, man muß ihre Schwächen schonen. Ein Dutzend stereotype Wendungen sind ausreichend, um Rede und Antwort zu stehen und die der Mutter gebührende Achtung nicht zu verletzen. Aber damit hat es keineswegs sein Bewenden. Nicht auszuhalten, von Jahr zu Jahr, von Woche zu Woche, von Tag zu Tag weniger, ist der hemmungslose ichbezogene Redeschwall. Geschichten Geschichten Geschichten. Von früh bis spät, im Haus und im Freien, bei Tisch und im Lehnstuhl: Geschichten, eine nach der andern, ohne Punkt, ohne Komma, ohne Pause, eine langweiliger pointeloser inhaltloser als die andere, ein Leerlauf von Assoziationen. Jede mit den Worten beginnend: erinnerst du dich noch, Marie? oder: kanntest du den Soundso (oder die Soundso), nein? von dem (oder der) muß ich dir was außerordentlich Merkwürdiges erzählen. Oder: Da wir gerade davon sprechen (wir haben aber gar nicht davon gesprochen), hab ich dir nie erzählt, wie die Verlobung der kleinen Baronesse Mayern, übrigens eine Kusine der böhmischen Mayern, enorm reiche Leute, mit dem Hofjuwelier Stark zustande kam? Furchtbar komisch, das mußt du hören. (Es ist nichts weniger als komisch, sie will es gar nicht hören, außerdem kennt sie die Geschichte bereits in drei Fassungen.) Immerhin ist das Repertoire von erstaunlicher Reichhaltigkeit, es sind nicht nur Geschichten von Herren und Damen der Vorzeit, Familienereignisse, Schilderungen von Bällen Reisen bengalischen Nächten Mordtaten Bränden fürstlichen Personen, sondern auch Lebensläufe von Hunden Katzen Kanarienvögeln Papageien, mit einer Fülle von Episoden und charakteristischen Zügen, das heißt solchen, die sie für charakteristisch hält, da ja alles darauf hinzielt, sie im Mittelpunkt jeder Szenerie und jedes Vorgangs zu zeigen und den Beweis zu liefern, welche Wertschätzung sie bei allen Kreaturen Gottes genossen hat, bei Menschen wie bei Tieren. Die Ringe an ihrer Hand, der Schmuck an ihrem Hals, ein seidener Schal, eine emaillierte Dose, jedes hat seine Geschichte, ist auf irgendeine, meist sehr weitläufige Weise mit der Vergangenheit verquickt. Man nennt eine Jahreszahl, einen Namen, den Titel eines Buchs, es dauert keine zehn Atemzüge, und eine Geschichte kommt, ob sie paßt oder nicht, mit dem Thema zusammenhängt oder nicht, kommt unweigerlich und hat ebenso unweigerlich auf die hervorragende Rolle Bezug, die Adrienne Martersteig im Leben gespielt, wie sie sich in dieser oder jener Situation benommen, welches Maß von Bewunderung man ihr gezollt hat. Bisweilen verliert sie den Faden, gerät vom Hundertsten ins Tausendste, verwechselt die Menschen und die Ereignisse, verhaspelt sich gänzlich, will zum Ausgangspunkt zurückkehren und hat ihn vergessen und redet schließlich nur, weil sich die Worte in ihrem Mund wuchernd wie Pilze vermehren. Dabei ist sie äußerst animiert, ahmt Stimmen und Gesichter nach, zitiert was sie gesagt hat, was die Leute gesagt haben, bricht an Stellen, die sie für ergötzlich hält, in herzliches Gelächter aus, und bei besonders gefühlvollen Erinnerungen schließt sie die Augen, während sich ein fast krankhaft beseligter Ausdruck über ihre verfallenen, aber noch immer schönen Züge breitet. Marie kann sich nicht retten. Es ist ein Wolkenbruch von Geschwätz, Tag für Tag, Abend für Abend. Wenn sie zu ihren Kindern flieht, sich mit einem Buch in ihrem Zimmer einsperrt, Briefpflichten vorschützt, ist es nur eine Unterbrechung. Sie kann die Mutter nicht abendelang allein lassen. Sie kann nicht unartig gegen die Mutter sein und sie bitten, zu schweigen. Sie muß täglich eine oder zwei Stunden mit ihr spazierengehen, im letzten Jahr, wo sie die Wanderungen mit Robert Suermondt unternommen hat, sind Vorwürfe und beleidigte Mienen ohnehin nicht ausgeblieben. Die Prätension ist immer die gleiche, ja sie wächst mit den Jahren, der phantasielose Egoismus des Alters überschreitet alle Grenzen. Ihr ist zumut als werde sie von Geschwätz plattgedrückt. Die Stunden, die sie mit der Mutter zubringen muß, wie Gott den Tag gibt und den Abend schickt, sind Höllenstrafen. Unaufhörlich surrt ein glühendes Rad in ihrem Gehirn. Sie sitzt da, kann nichts denken, nichts lesen, hört nicht, sieht nicht und geht um Mitternacht zerschlagen zu Bett. Und es ist die Mutter . . .

Ein Sonderfall, sie weiß es. Dergleichen gibt es nur selten, und daß es ihr zugestoßen ist, hat wohl auch seinen besonderen Sinn. Es braucht nicht bemerkt zu werden, daß sie die beschämenden Einzelheiten dieses Zustandes und Leidens vor Etzel nicht eigens ausbreitet. Was sie verschweigen kann, verschweigt sie. Sie will ihm ja nur erklären, weshalb sie nicht eben mit sehnsüchtiger Ungeduld zu ihrem Heim strebt. Sie hat in der letzten Zeit viel darüber nachgedacht. Findet Etzel nicht auch, daß eine eigentümliche Polarität zwischen den beiden Lebensvorgängen besteht? Der stumme, für Menschendinge indifferente Mensch und der redende, Menschendinge zerredende: jeder ein geschlossenes Schicksal und sie in der Mitte, ohnmächtig gegen beide? Was mag es zu bedeuten haben? Es sagt doch wahrscheinlich für sie, ihren Charakter, ihre ganze Existenz, etwas Bestimmtes aus, sie kann nur nicht ergründen, was. Verschärfung in dem einen Fall ist, daß der Tod alles zerschnitten hat, im andern, daß es sich um die Mutter handelt. Darauf kommt sie immer wieder zurück. Auf die naturgegebene Gegnerschaft zwischen Mutter und Tochter. Das mystische Unbehagen, aus einem Leib hervorgegangen zu sein, dessen Geist und Seele einen wie Moder anhauchen, mit dem man durch nichts verbunden ist als durch Pietät, ein subalternes Gefühl, wenn es nicht aus einem wahrhaft frommen Herzen kommt, vielleicht überhaupt kein Gefühl, eine Willensbemühung bloß. In ihr ist der Vater, dem ist sie zu eigen, dem verdankt sie sich, und wenn sie sein Bild aufruft, wird ihr die Mutter doppelt fremd, obschon gerade dadurch wieder die Pflichtliebe zum sittlichen Gebot wird, dem sich zu entziehen ihr unmöglich ist. Doch kann sie sich Vater und Mutter nicht als eines denken, es sind zwei feindliche Parteien, sie gehört zu der des Vaters, was der Mutter gefehlt hat, um sich zu erfüllen, ist ein Sohn. Das wäre der Ausgleich gewesen . . .

Etzel schaut und schaut. Die ist ja schön, denkt er, verdammt nochmal, das hab ich gar nicht gewußt . . . Es ist ihm zu Sinn als müsse er sie mitsamt dem Bett, in dem sie so still und geheimnisvoll liegt, aufheben und tausend Meilen weit wegtragen, an einen Ort, wohin die Bedrängnisse und Ängste nicht dringen können, deren Beute sie ist.

 

Es war ein Montag, als Marie die Klinik verließ. Kerkhoven konnte in den Vormittagsstunden nicht abkommen und bat Etzel, sie auf der Fahrt nachhause zu begleiten (was er unter allen Umständen getan hätte). Aber es war eine überflüssige Vorsicht, die Begleitung der Pflegeschwester hätte genügt, Marie versicherte ihrem Mann am Telephon, daß sie schon ganz gesund sei und überhaupt keine Garde brauche, was solle ihr denn Etzel, er störe nur. Trotzdem war sie froh, als er kam. Beim Aufstehen und Ankleiden hatte sie sich kaum auf den Beinen halten können vor Schwäche und Schwindelgefühl, jeden Augenblick fiel sie der Schwester in die Arme. Etzel fand sie so blaß, daß er den behandelnden Arzt fragte, ob ihr die Fahrt im Auto nicht schaden werde. Der Arzt beruhigte ihn, allerdings müßte sich die gnädige Frau zuhause noch sehr schonen. Dafür werde gesorgt werden, erklärte Etzel peremptorisch, worüber Marie laut auflachen mußte. Er wollte überall Hand anlegen und war nur schwer zu überzeugen, daß man seiner Hilfe nicht bedürfe. Es machte Marie nervös, daß er sie fortwährend anstarrte, und als die Schwester auf ein paar Minuten das Zimmer verlassen hatte, fragte sie ihn, was ihm denn an ihr nicht recht sei. »Nicht recht?« gab er erstaunt zurück, »davon ist nicht die Rede. Sie kommen mir nur so schlank vor, Frau Marie. Unerhört schlank.« Und um nicht allzu dumm zu erscheinen, lächelte er aufgeklärt. Marie errötete. Als sie mit dem Lift in den Hausflur gefahren waren, nahm sie seinen Arm. Schritt für Schritt gingen sie zum Auto, die Schwester stützte sie an der andern Seite, ging aber dann voraus, um das Tor zu öffnen. Auf einmal blieb Etzel stehen und sagte erschrocken: »Was ist Ihnen, Frau Marie? Warum zittern Sie? Fühlen Sie sich schlecht? Sie zittern am ganzen Leibe . . .« – Marie flüsterte hastig: »Nichts . . . lassen Sie . . . nicht sprechen . . .« Mit gesenktem Kopf ging sie weiter.

 

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