Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jakob Wassermann >

Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel

Kerkhoven brachte Lorriner in die geschlossene Abteilung seiner Anstalt. Das sollte kein Definitivum sein; die Übergabe an eine staatliche Anstalt behielt er sich vor. Er hatte seine Gründe, die Gedanken vorläufig nicht zu äußern, die er sich über den Fall machte, als sich ihm die einzelnen Umstände und der Hergang entschleiert hatten. Schwerer wog die Sorge um Etzel. Er wirkte wie ein Mensch, der mit aller Gewalt zu verhehlen sucht, daß er mit seinen Kräften am Rand der Erschöpfung ist. Als Kerkhoven ihn eines Tages fragte, ob er sich krank fühle, dachte er einen Augenblick nach und sagte: »Leider nein.« – »Wieso leider?« – »Ich war eigentlich nie richtig krank. Das fehlt mir vielleicht. Es schleicht was in mir herum als wärs zu feig, sich zu entschließen, was es tun soll.« – »Daran ist etwas prinzipiell Wahres,« erwiderte Kerkhoven; »wenn die Menschen einmal ihren Organfunktionen den Gefahrenmoment abhorchen lernen, werden sie ihre Physis quasi zur Offenheit zwingen und die tückische Aufhäufung von Störungsgiften verhindern können. Virulenz der Keime ist oft nur eine Folge der Trägheit unserer Sinne. Das hat auch mit der Instinktbasis zu tun, von der wir neulich gesprochen haben. Die Wissenschaft steht da ganz am Anfang.« – »Soll ich Ihnen sagen, wie mir zumut ist, Meister? Aber lachen Sie mich nicht aus: so violett. Von den Menschen, von mir, von allem hab ich ein violettes Gefühl.« – »Hm,« machte Kerkhoven verwundert und zog die Stirn kraus.

Das Mißliche war nach Kerkhovens Ansicht, daß der junge Mensch in seinen verschiedenen Zufallsquartieren alle häusliche Pflege entbehrte, jene Schonungen und Erleichterungen, die seiner jetzigen Verfassung sehr zugute gekommen wären. Am ehesten hatte man noch bei Lüttgens auf ihn acht gehabt, aber von dort war er längst ausgerückt, da er die Beziehung zu Hilde gelöst hatte. Gegenwärtig wohnte er in einem Hofgebäude in der Motzstraße bei einer Frau Blaustein, die die Schwester des bereits erwähnten Max Mewer war. Mewer, ein unansehnlicher häßlicher Mensch von prononciert jüdischem Typus, war bei einem Montagsblatt angestellt, in seiner freien Zeit besorgte er Nell Marschalls Korrespondenz. Diesen Posten hatte ihm Etzel verschafft, denn er war bettelarm und wußte sich nicht durchzusetzen. Nun stand auf seiner Visitenkarte stolz zu lesen: Max Mewer Schriftsteller und Sekretär der Britzer Freien Siedlung. Aus Dankbarkeit hatte er für Etzel die Wohngelegenheit bei seiner Schwester vermittelt; bis vor kurzem hatte ein schwedischer Ingenieur dort logiert. Die Zimmer seien geradezu herrschaftlich, beide mit Ausblick auf einen Park, versicherte Mewer. Park in der Motzstraße, das lohnte einen Gang. Als Etzel mit Mewer hinkam und zum Fenster hinausschaute, waren da fünf krüppelhafte Bäume, ihre bleichsüchtige Belaubung verbarg schamhaft eine mechanische Werkstätte auf der gegenüberliegenden Hofseite, vermochte aber die stählernen Hammerschläge nicht zu dämpfen, die scharf rhythmisiert die Luft durchschnitten. »Und wo ist der Park?« erkundigte sich Etzel, wie jemand, der auf seinem Schein besteht. – »Park . . . na ja, Garten . . .«, schränkte Mewer etwas betreten ein. – »Ich sehe auch keinen Garten.« – »Aber Bäume doch . . . nennst du das keinen Garten?« – »Kaum . . . Ich würde es Schmiede mit Gebüsch nennen,« erwiderte Etzel trocken. Jedoch mietete er die Zimmer.

Kerkhoven besuchte ihn eines Morgens vor der Sprechstunde. Er wollte sehen, wie er hauste und ob es nicht wie die meisten Studentenbuden eine kleine Nervenhölle war. Er war noch nie bei ihm gewesen, und wenn es auch nur ein fliegendes Quartier war, eine von vielen Stationen, etwas vom Etzelwesen und vom Etzelgesicht mußte sich doch darin spiegeln. Und so war es auch. Mischung von achtlosem Durcheinander und peinlichster Ordnung. Ein liliputanischer Schlafraum mit abgeschrägten Wänden und einem lächerlich pompösen Messingbett; kein Schrank, die Anzüge an einer Stange hängend wie beim Schneider, die Röcke auf Bügeln, die Hosen in Streckern; vier Paar Schuhe auf Leisten; die Gegenstände auf dem Toilettetisch blitzsauber und pedantisch aufgereiht; das Arbeitszimmer dann voll altmodisch verschnörkelter Möbel, Stühle und Sofa mit verschossener rosa Seide überzogen, alles bedeckt mit Büchern Broschüren Schreibheften. Bücher auf dem halbzerfetzten Teppich, in Regalen, in den Ecken gestapelt, viele aufgeschlagen, mit Lesezeichen, mit Bleistiftnotizen am Rand, wissenschaftliche Lexika, ein Lehrbuch der Anatomie, Reuters »Lebensgewohnheiten der Insekten«, ein Roman von Joseph Conrad, politische Flugblätter, Stöße von verschnürten Briefpaketen, neben dem Ofen eine Matratze mit verdrückten Kissen als wenn jemand, der im Zimmer geschlafen hatte, eben fortgegangen wäre. Ein Tohuwabohu. Etzel, noch im Pyjama, war gerade beim Frühstück, er saß am Fenster; da auf den beiden Tischen, dem Schreibtisch und dem andern, kein Quadratzoll Platz war, hatte er die Tasse auf das Sims gestellt, leeren Tee übrigens, das Brötchen lag unangebrochen daneben. Vor Überraschung bekam er runde Augen bei Kerkhovens Eintreten. Er beförderte einen Haufen Bücher von einem Sessel aufs Sofa, damit der unverhoffte Gast sitzen konnte, redete lauter zusammenhangloses Zeug, lief ohne ersichtlichen Grund ins Schlafzimmer und kam wieder zurück; er wußte vor Reizbarkeit nicht, was er tun sollte. Kerkhoven packte ihn beim Arm und ließ ihn barsch an. »Ruhe,« sagte er, »was ist los, Mensch, was sind Sie denn so aus dem Häuschen.« Die Grobheit tat ihre Wirkung, er setzte sich still hin. Mit einem forschenden Blick in das übernächtige Gesicht fragte Kerkhoven, wann er zu Bett gegangen sei; um halb fünf, war der mit gesenkten Augen gegebene Bescheid, und als Kerkhoven schwieg, fügte er achselzuckend hinzu, sein Schlafbedürfnis sei in letzter Zeit gering, er habe immer das Gefühl, er dürfe den Schlaf nicht Herr über sich werden lassen, drei, vier Stunden ginge es, dann treibe es ihn wieder auf, ob er vielleicht ein Mittel nehmen solle. Auf keinen Fall, erwiderte Kerkhoven und fragte, was es denn für unaufschiebbare Geschäfte seien, die ihn zwängen, die Nächte um die Ohren zu hauen, wo sei er denn letzte Nacht so lang gewesen? In der Siedlung, war die Antwort. Warum denn nur? gehe dort was Besonderes vor? erkundigte sich Kerkhoven. »Ich will nicht in Sie dringen, aber vielleicht können Sie mich einweihen,« fügte er hinzu. Etzel sah ihn mit seltsam brennenden Augen an. »Wir müssen nächstens einmal darüber sprechen, Meister,« sagte er ziemlich bedrückt, »im Moment wäre es verfrüht. Ich komm schon. Renne ja immer zu Ihnen, wenn Feuer am Dach ist.« Nach einer Pause dann: »Wie stehts mit Lorriner? Was ist Ihre Prognose? Was haben Sie für Absichten mit ihm?« Kerkhoven erhob sich und schaute auf die Uhr. »Das läßt sich zwischen Tür und Angel nicht besprechen,« erwiderte er mit dem weitwegsehenden Blick, »da wäre viel zu sagen.« Er reichte Etzel die Hand, und mit einer Bewegung des Kinns gegen die Teetasse bemerkte er tadelnd: »Ein wenig gar zu frugal. Warum frühstücken Sie nicht ordentlich? Wollen Sie Ihrem Körper beweisen, daß Sie ihm über sind?« Etzel zupfte an seiner Nase. Er habe keinen Appetit, redete er sich aus, und das sei ihm nicht unlieb, er müsse sparen.

Es hatte zwar scherzhaft geklungen, das mit dem Sparen, aber es bestätigte Kerkhoven den lang gehegten Verdacht, daß in Andergasts Geldwirtschaft eine greuliche Verwirrung herrschen müsse. In einer Schale auf dem Tisch hatte er auch, unter andern Papieren, einen Pfandschein liegen sehen. Sicher war er vollständig blank, obschon es erst Monatsmitte war, und steckte wohl zudem noch in Schulden. Er hatte eine allzu offene Hand. Er gab, ohne zu rechnen, ohne hinzuschauen, wie wenn es unanständig sei, mehr in der Tasche zu haben als man für die nächsten Stunden unbedingt braucht. »Es ist mir langweilig, daß das ein Problem sein soll,« hatte er einmal zu Kerkhoven geäußert, »ja, es ist langweilig, daß man erst darüber nachdenken soll, ob man jemand einen schmierigen Fetzen zusteckt, mit dem er seinen Hunger stillen oder sich einen Wintermantel kaufen kann. Aufreizend ist es, man versteht gar nicht, daß sich Menschen das gefallen lassen, vielmehr man versteht alles, was sie tun, um sichs nicht gefallen zu lassen.« Zum Erstaunen simpel, Etzel Andergast, du erinnerst ein wenig an den Bauer Akim in Tolstois Macht der Finsternis, der gibt auch solche nationalökonomische Aufsässigkeiten im Kannitverstan-Stil von sich.

In seinen pekuniären Schwierigkeiten kann ich ihm nicht helfen, überlegte Kerkhoven, das bloße Anerbieten würde ihn an der empfindlichsten Stelle treffen, diese Art der Verpflichtung würde er gegen mich nicht eingehen. Es ist nicht einmal zu sehen, wie ihm sonst zu helfen wäre, er ist der geometrische Ort aller erdenklichen Schicksalsnöte, und daß er selber halbwegs unversehrt dabei bleibt, ist ein wahres Wunder. Die seelische Verfassung, in der er den jungen Menschen gefunden, beunruhigte Kerkhoven mehr als er sich zugestand, fortwährend mußte er an ihn denken, das Bild hatte Einfluß auf seine Handlungen und seine Worte, er spürte das aufgerissene Wesen, die Ratlosigkeit und Ungeduld, die innere Beschädigung auch, deren Sitz nicht nachweisbar war. Was tun? wohin mit ihm? wie ihn vor sich selbst schützen und verhindern, daß er sich mehr und mehr verstrickte? Dem Anschein nach war draußen in der Siedlung etwas im Werk, was ihn leidenschaftlich aufrührte, vermutlich hing es mit Lorriner zusammen, diese Sache war für ihn sicher noch nicht zu Ende, er mußte alles bis zum äußersten Ende führen, das war ein Charakterzwang. Kerkhoven dachte an das übernächtige Gesicht mit den vibrierenden Lidern und der ungesund leuchtenden Haut, er warf sich vor, zu lau gewesen zu sein, den Zustand nicht ernst genommen zu haben. Er fand sich verantwortlich für den jungen Menschen, und im Augenblick, wo er die Verantwortlichkeit in ihrem vollen Umfang feststellte, wurde sie die gebieterischste seiner Pflichten. Das hatte etwas außerordentlich Verwirrendes für ihn als habe er ein Gelöbnis getan, dessen Erfüllung möglicherweise über seine Kräfte ging. Er erwog allerlei Pläne. Ihn in der Anstalt unterzubringen, in einem ruhigen Gartentrakt etwa, wo er sich erholen konnte und unmerklich beaufsichtigt war, vor allem im Hinblick auf Schlaf und geregelte Ernährung, kam nicht in Frage, er würde sich nie freiwillig in eine Patientenrolle finden und bei der ersten Gelegenheit davonlaufen. Zudem war die Atmosphäre der Psychosen zu gefährlich, auch wenn man davon absah, daß die räumliche Nähe Lorriners ungünstig erregend wirken mußte. Blieb der andere Weg, daß ihn Kerkhoven bei sich aufnahm. Die Wohnung war groß genug, einige Zimmer wurden überhaupt nicht benutzt, wenn Marie in Lindow war, wurden alle Räume außer Kerkhovens Wohn- und Arbeitszimmer zugesperrt, überdies waren auf der Hofseite zwei Kammern, die seit Jahren unbewohnt waren, die alten Möbel darin stammten zum größten Teil aus Kerkhovens erstem Haushalt. Vielleicht lockt es ihn, ganz richtig mit mir zu leben, sagte sich Kerkhoven, vielleicht entspricht es seinem Wunsch, allerdings müßte ich ihn dann stärker binden, um ihm die Flucht zu seinen Leuten zu erschweren. Aber was würde Marie dazu sagen? Er fand nicht den Mut, mit ihr darüber zu sprechen. Ihre oft kundgegebene Antipathie gegen Etzel hätte ihn nicht abgehalten, sie für sein Vorhaben zu stimmen, es hätte nur eines Wortes bedurft, und sie hätte auch gegen ihre Neigung eingewilligt, war sie doch gewohnt, sich in allen wichtigen Lebensdingen nach ihm zu richten und ihre eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken. (Am Rande: dies erschien ihm schon so selbstverständlich, daß er damit wie mit einer gegebenen Tatsache rechnete; was nicht etwa auf gemeiner Ehemannshybris beruhte, sondern auf einer Art von versteinertem Zutrauen als etwas Unverrückbarem, das zu den notwendigen Bestandteilen der Existenz gehört; man hat nur vergessen, daß es einmal lebendig, nämlich wechselseitig war, und hat versäumt, gelegentlich nachzusehen, ob man es nicht nähren und erneuern müßte.) Wenn es sich um Gastfreundschaft handelte, war sie zu jedem Opfer bereit, Gastfreundschaft zu gewähren, war ihr eine patriarchalisch-heilige Idee, das hatte sie von ihrem Vater, und in der tätigen Ausübung war sie eher zu enthusiastisch und zu generös als zu karg. Trotzdem er das alles wußte, verschob er es von Tag zu Tag, ihr sein Anliegen vorzutragen. Sie war so ungegenwärtig. Sie lebte wie in einem geschlossenen Gehäuse. Sie war immer müde, lag viel zu Bett. Wenn sie eine halbe Stunde gelesen hatte, entglitt das Buch ihrer Hand, und sie schaute mit ernstem unbewegtem Gesicht endlos lange in die Luft. Wenn er sie fragte, wie sie sich fühle, ob er etwas für sie tun könne, lächelte sie ganz flüchtig ihr zärtliches Lächeln, dann trat wieder der regungslose, fast feierliche Ernst auf ihre Züge. Einmal war Aleid für zwei Tage von Dresden herübergekommen, aber sie ertrug die Lebhaftigkeit des jungen Mädchens nur schwer. Besuche von Bekannten waren ihr nicht minder quälend, wo sie nur konnte, sagte sie ihnen ab. Sie empfand keine Neugier mehr für Menschen, auch die ihr lieb und interessant gewesen, waren ihr langweilig, sogar wenn man ihr Blumen brachte, blieb sie stumpf. Kerkhoven war voller Sorge, der Umstand, daß sie sich niemals darüber äußerte, was in ihr vorging, auch kein Verlangen, keinen Wunsch, keine Unzufriedenheit laut werden ließ, vergrößerte die Sorge noch. Gerade die Ruhe, die Gelassenheit, das Sichauslöschenwollen war beängstigend. Da geschah es eines Tages, als Kerkhoven an ihrem Bett saß und ihre kühlen Finger in seiner Hand hielt, daß sie sich nach Andergast erkundigte. Und als er ihr erwidert hatte: so und so, es stehe nicht zum besten mit ihm, verschiedene Anzeichen deuteten auf eine schwere Krise, man könne nicht wissen, was da werden würde, sah sie ihn einen Moment fest an als wolle sie die Gedanken in ihm lesen, und sie las sie auch, denn plötzlich sagte sie: »Willst du ihm nicht vorschlagen, daß er einige Zeit bei uns wohnen soll? Das wäre doch eine Lösung. An Platz fehlts uns wahrhaftig nicht, an Dienstpersonal auch nicht. Im Notfall kann ich ja nach Lindow telephonieren, die Mutter soll eines der Mädchen schicken. Was er braucht, ist ein Daheim, Menschen die ihm das Gefühl von einem Daheim geben. Meinst du nicht auch?« Kerkhoven war so überrascht, daß er erst nach einer Weile antwortete. »Du bist eine wunderbar gescheite Frau,« sagte er und zog ihre Fingerspitzen an seine Lippen, »ich habe es natürlich erwogen, habe aber befürchtet . . . ein fremder Mensch ist eine Last . . . zumal du doch jetzt . . .« – »Das macht mir nichts aus, Joseph,« versicherte Marie, »gerade weil es ein fremder Mensch ist. Tu es nur. Sags ihm.« Ihre Stimme klang merkwürdig mädchenhaft, namentlich wenn sie leise sprach, sehr freundlich, sehr artig. »Schön, ich wills ihm sagen,« erwiderte Kerkhoven mit sichtlichem Aufatmen; »aber wolltest du nicht dieser Tage die Kinder bei dir haben? Soll ich nicht warten, bis sie wieder fort sind? Es wird sonst zu viel für dich.« Marie schüttelte den Kopf. »Schieb es nicht hinaus,« sagte sie, »das ist nicht gut. Wer weiß, ob man nicht den Moment verpaßt. Die Kinder . . . nein. Ich möchte sie doch nicht kommen lassen. Ich hoffe, ich bin nächste Woche wieder ganz beieinander, dann fahr ich nach Lindow und bleib einstweilen draußen. Ich mag auch die Mutter nicht so lang allein lassen. Dir kann ich nichts sein, so wie ich jetzt bin, und das schrecklich große Haus rund um mich herum . . .« Mit einer Bewegung als bitte sie ihn, kein Gewicht auf ihre Worte zu legen, wandte sie den Kopf zur Seite und schloß die Augen.

 

Etzel kam in den folgenden Tagen nicht zu Kerkhoven, er war wie verschollen. Kerkhoven wiederum, obgleich er dabei das Gefühl eines sträflichen Versäumnisses hatte, war zu beansprucht, sich um ihn zu kümmern. Es gab überhaupt keine Ruhepause mehr. Die Anstalt war überbesetzt, die Ordination dauerte vier fünf, ja sechs Stunden oft, ein paarmal wurde er als Konsiliarius nach auswärts berufen, nach Prag Basel Rotterdam. Um möglichst wenig Zeit zu verlieren, benutzte er das Flugzeug. Nur dringende und besonders empfohlene Fälle konnten ihn zu solchen Reisen bewegen. Es warteten zu viele auf ihn, in wahren Heerscharen kamen sie an, Pilgerzüge, Tag für Tag. Wenn er sich zum Schlafen niederlegte, um ein Uhr, zwei Uhr nachts, dünkte ihn als drängten sie sich vor der Schwelle und pochten fordernd an die Tür, eine Sinnestäuschung, die den Schlaf in kurze Dämmerzustände zerhackte. Es wurde immer ärger. Der Gedanke an ein astrales Verhängnis, das auf der Menschheit lasten mußte, kehrte wieder, an die »kosmische Störung«, von der anzunehmen war, daß sie auf das Sonnengeflecht des Sympathikus wirkte, dieses sternenhafteste unserer Organe, das zugleich der Sitz der Angst ist. Wie in früheren Jahrhunderten die Pest, wie das gelbe Fieber in den Tropen, wütet Krankheit des Gemüts, Seelenseuche Willenszerspaltung und etwas wie Dekubitus des Herzens. Ein neues Element der Verheerung. Europäische Vesper. Deutsches Inferno. Die nicht mehr fest in ihren Wurzeln stehen, fallen ins Bodenlose. Ein Symptom war es vor allem, das Kerkhoven zu denken gab, nämlich die Häufung ausschweifender Bekenntnisse und die eigentümliche Wollust, mit der sie geschahen. Nie hatte er solche Dinge zu hören bekommen wie jetzt fast in jeder Sprechstunde. Nie hatten sich Menschen so entblößt, nie hatten sie so gierig in ihrem Innern gewühlt, ihre Triebe zerfasert und sich losgelöst aus der Umwelt und der Ahnenwelt, bis sie sich endlich »frei« fühlten, »frei« und nackt vor einem standen, mit erkälteter und erfrorener Seele, und verzweifelt um ein Mittel gegen den tödlichen Frost bettelten. Sie selber hatten keines mehr außer dem Rauschgift, die Herabminderung der Lebenstemperatur war nur zu ertragen bei herabgemindertem Bewußtsein. Früher waren es hauptsächlich Intellektuelle gewesen, Gescheiterte aus den geistigen Berufen, verunglückte Einzelgänger, die in der Zerrüttung einen Trost darin gefunden hatten, aus ihrem Selbst einen Spiegel für ihr Ich zu machen, jetzt waren es ganz einfache Leute, die von der dämonischen Sucht ergriffen wurden. Da kam zum Beispiel eine fünfundvierzigjährige Frau zu ihm, Zeitungsträgerin; sie war zehn Jahre mit einem Mann verheiratet, der nicht nur ein Päderast und Kinderverführer war, sondern auch ein Frömmler, bei jedem Anlaß mit Bibelsprüchen bei der Hand. Das war das Ärgste, die Bibelsprüche. Die Frau wurde trübsinnig, ließ sich von ihm scheiden, wegen ihrer psychischen Verstörung wurden ihr die Kinder weggenommen, Kerkhoven setzte es durch, daß sie wenigstens die älteste Tochter bekam, die das Blumenbinden lernte. Dadurch gewann sie Vertrauen zu ihm und beichtete ihm die ungeheuerlichsten Dinge, aus ihrer Jugend und ihrer Ehe, über ihr Verhältnis zu Eltern und Geschwistern, ganz ruhig, ganz treuherzig, aber mit jenem verzehrenden Lohen in den Augen, das nur die Selbsthasser haben, die sich an sich selber dafür rächen, daß sie sind wie sie sind und leiden was sie leiden. Solche gab es zu tausenden, Männer und Weiber. Unheimlich, wie viel sie von sich wußten und was für Worte sie hatten, es zu sagen, man traute seinen Ohren kaum, es war eine Sprache für sich, und die Träume, die sie erzählten, waren wie von großen Dichtern gedichtet, geboren jedoch aus der beklommenen Enge der Armut und der hoffnungslosen Nüchternheit von Existenzen, die keinen Aufblick mehr kannten.

Trotz der Erschütterung, die er als Mitmensch davon erfuhr, beobachtete Kerkhoven, der Arzt, die augenscheinlichen Veränderungen wie Vorgänge in der Natur, die für das Allgemeine etwas Bestimmtes zu bedeuten haben, was erst erforscht werden muß. Aber auf die Dauer ließ es sich doch nicht verhindern, daß der erregende Ansturm das Gesamte der Persönlichkeit in Mitleidenschaft zog und er dann das bange Gefühl hatte, er sei dem allen nicht gewachsen, sei nicht mehr jung und schmiegsam genug, um physisch durchzuhalten, zu eingeschworen auf seine Methoden, erstarrte Methoden, zu »erfahren« mit einem Wort, um sich zu erneuern und jedes Phänomen mit frischer Unschuld anzuschauen. Und anders war man kein Arzt. Hypochondrische Verstimmung, könnte man sagen. Wir werden sehen, daß es das nicht war, nicht allein war, daß alles in ihm nach jener »Erneuerung« schrie, deren er nicht mehr fähig zu sein fürchtete, und daß sie sich eben dadurch in seinem Innern vorbereitete. In ihm war keine Faulheit, des Blutes nicht, der Sinne nicht, er war ganz der Mann, alles über den Haufen zu werfen, ein unbewohnbar gewordenes Haus zu demolieren und es von Grund auf wieder zu errichten. Bei der ziemlich genauen Kenntnis seiner Natur wußte er, daß er sich am meisten davor zu hüten hatte, latente Konflikte innerlich weiter glimmen zu lassen und zu tun als wären sie nicht vorhanden. Das konnte nur durch Aussprache vermieden werden, aber er hatte keine Freunde, ärger noch, er hatte keinen Freund, seine Einsamkeit war in der Tat beispiellos, wenn er bloß hindachte, schauderte ihn, von Kollegen war ihm keiner auch nur wohlgesinnt, junge Leute konnten ihm nicht dienen, Anhänger Schüler Bewunderer nicht, auch Marie nicht (es war übrigens Gott weiß wie lange her, daß er mit Marie von sich und seinem Leben gesprochen hatte, in dem Punkt war sie wie ein von ihm vergessener Mensch, und ob die Schuld an ihm oder an ihr lag, darüber dachte er nicht einmal nach). Nein, hier war ein Mann von gleichen, wenn nicht überlegenen Einsichten vonnöten, bei dem ein Stichwort zur Verständigung genügte, und so verfiel er auf Heberle, den er länger als zwei Jahre nicht mehr gesehen hatte, wiewohl ihm bekannt war, daß der alte Herr seit einigen Monaten in Berlin lebte; er hatte seine wissenschaftliche Tätigkeit aufgegeben und sich zurückgezogen; wie es hieß laborierte er an einem Kehlkopfleiden. Er wohnte in Halensee, eines späten Nachmittags fuhr Kerkhoven zu ihm hinaus. Heberle begrüßte ihn mit rührender Freude. Er hauste mit seiner einzigen Schwester zusammen, man konnte sich nichts Altmodischeres denken als die beiden Menschen, die spießbürgerliche Einrichtung der Zimmer, das braune Samtjackett und die flatternde Lavallierekrawatte Heberles, die hohe Haartracht, die Spitzenärmel und die provinzlerische Betulichkeit seiner Betreuerin, die durch jeden Blick und jedes Wort erkennen ließ, daß der Bruder ihr Abgott war.

Heberle verbreitete sich nicht ohne Umständlichkeit über sein Leiden und schilderte humorvoll die Fehde, in der er wegen Berufung eines Spezialisten mit seiner Schwester lag; Fräulein Charlotte nannte er sie betont und mit lächelndem Augenzwinkern als habe er sich aus Freundlichkeit entschlossen, aus ihren siebzig Jahren vierzig zu machen. Er seinerseits wehre sich dagegen, wolle überhaupt von Ärzten nichts wissen, Kerkhoven möge ihm die Abneigung nicht verübeln; ihr habe man eingeredet, man müsse unbedingt den Professor Rahl beiziehen, das sei der Wundermann, Stern erster Größe, neueste Weltberühmtheit, einer, der alles könne, alles kuriere, den Kopf aufmeißle wie eine Nuß und, was in Hals Ohr und Nase überflüssig sei, begeistert wegschneide. Kerkhoven horchte bei der Nennung des Namens auf; er wußte natürlich von dem Mann, war ihm auch da und dort schon begegnet, alle Fachgenossen rühmten ihn, die Arbeiten, die er veröffentlichte, erregten Aufsehen, die Operationen, die er ausführte, galten als epochemachend. Doch wie ging es zu, vom erstenmal an, da Rahl in seinem Gesichtskreis aufgetaucht war, hatte Kerkhoven an jenen v. Möckern denken müssen, der ihm vor fünfzehn Jahren feindselig in den Weg getreten war, der Widersacher, der nie besiegbare, weil nie widerlegbare, das gegnerische Prinzip, der Mensch vom andern Pol. Wo mochte er sein, der ehedem bestaunte Heros der Wissenschaft, man hatte nicht mehr viel von ihm gehört, der Glanz um ihn war rasch erloschen, früher Ruhm ist oft eine Kinderkrankheit. Aber es kam ja nicht darauf an, daß der Widersacher so oder anders hieß, sich in dem oder jenem Spezialfach auszeichnete, von Zeit zu Zeit hatte er sich immer wieder erhoben, bald schattenhaft und heimlich Contremine legend, bald in offener Verfolgung fanatisch ergrimmt. Sie waren wie Abkömmlinge aus ein und derselben Familie, ein draufgängerischer Stamm, hart brutal selbstbesessen und phantasielos. Rahl machte entschieden den Eindruck als sei er einer der mächtigsten Häuptlinge des Stamms. Kerkhoven sagte: »Ich nehme die Partei Ihrer Schwester. Sie sollten sich nicht sperren. Gegen die Chirurgen mißtrauisch zu sein, haben wir noch am wenigsten Ursache. Chirurgie ist unter anderm eine Form der Courage. Und Rahl ist ohne Zweifel ein genialer Mensch.« Heberle lachte. »Gottseidank bin ich nicht Ihr Patient, lieber Freund, also dürfen Sie mich nicht ans Messer liefern,« antwortete er und kämmte mit allen zehn Fingern seinen moosgrünen Backenbart. Kerkhoven blickte ihn lächelnd an und dachte: die kleinen Frauenhände . . . Plötzlich faszinierten ihn die Hände, er hatte durchaus nicht zu sehen erwartet, was sie ihm verrieten, es war eine beunruhigende Vision, oft schon hatten ihm Hände mitgeteilt, was weder den Augen anzumerken, noch dem Herzschlag anzufühlen war, er machte eine unwillkürliche Abwehrbewegung und tat, was er in solchen Fällen zu tun pflegte (so haben wir ihn schon vor Irlen sitzen sehen), er beugte den Rumpf vor und streckte die Arme zwischen die Schenkel, bis die Fingerspitzen beinah den Boden berührten. (Erinnern wir uns an die visionäre Kraft in ihm, sie wird einmal, bei ganz anderer Gelegenheit, entscheidend für sein Leben sein.)

Danach begann er, zögernd und schwerfällig, von dem zu reden, was ihn hergetrieben. Er fällt mit der Tür ins Haus, er fragt, ob es auch in vergangenen Zeiten solche Massenentartung der Psyche gegeben und vielleicht bloß der Name gefehlt hat. Schafft aber nicht der Name erst das Ding? Solang eine Erscheinung namenlos bleibt, ist sie nicht erkannt, und vielleicht verschwinden viele, ohne Schaden anzurichten, weil sie noch keinen Namen haben, so wie sich manchmal ein Symptom verspurlost, wenn man es nicht in Evidenz hält. Klingt paradox, nicht wahr, aber am Ende ist ein Quentchen Wahrheit drin enthalten, es soll ihm heute auf ein Pfund Unsinn nicht ankommen, falls sich ein Gramm Sinn herausdestillieren läßt. Wir haben ja eingesehen, daß keine Zelle, kein Gefäß, keine Drüse erkranken kann, wenn nicht zugleich der gesamte Organismus seine Normalverfassung verloren hat, daher könnte man sagen, jede Krankheit ist ein Kollektivum, sowohl was das Einzelwesen angeht wie auch das Gesamte des Menschheitskörpers. Es liegt nahe zu denken, daß die großen geschichtlichen Katastrophen, Kriege Revolutionen, Untergang von Völkern in viel innigerem Zusammenhang mit Einbrüchen von Neurosen stehen als wir bis jetzt begriffen haben, die Erforschung dieser Zusammenhänge würde freilich eine doppelte Pathogenese bedingen, einmal die Krankheit als Ursache angesehen und einmal als Folge, jede ein Bild für sich, total verschieden in der Wirkung, mit total verschiedener Therapie. Wäre es nicht wichtig zu wissen, vor allem wichtig, brennend wichtig, ob wir das Ursachenphänomen oder das Folgephänomen vor uns haben? Die Ereignisse liefern den Anhalt nicht. Geschichte ist das was geschehen ist, nicht was geschieht. Nur wenn man das Kommende wüßte, könnte man Antwort auf die Frage geben. Das macht ihm viel zu schaffen, damit steht und fällt seine ganze Arbeit, sein ganzes Streben. – Heberle hat aufmerksam zugehört. »Ich glaube, es ist eine müßige Frage,« sagt er, »da alle Entwicklung in Kurven und Spiralen vor sich geht und alles Leben Wiederholung mit unwesentlichen Varianten ist.« – Kerkhoven schweigt eine Weile. Er schnürt sein Schuhband zu, das aufgegangen ist. »Mag sein,« erwidert er fügsam, »aber hier wird sich eines Tages eine Grenzscheide bilden. Man wird lernen, seine Kräfte dort einzusetzen, wo man bauen kann. Man wird sie nicht am unbrauchbaren Material vergeuden. Da liegt der Hund begraben. Da ist der Kern des Problems.« – »Also spartanisch,« höhnt Heberle, »die Krüppel in den Taygetos. Und wo bleibt die Barmherzigkeit? Ich, ein herzloser alter Apotheker, muß einen Joseph Kerkhoven an die ärztliche Barmherzigkeit erinnern?« – Kerkhoven blickt betroffen vor sich hin. Hat er dies nicht schon einmal erlebt? »Wiederholung in der Variante?« »Nein,« sagte er mit sonderbarem Lächeln, »das müssen Sie nicht. Ich weiß, daß es meines Amtes nicht ist, für die Zukunft der Menschheit zu sorgen, wer wollte sich des anmaßen, aber es müßte möglich sein, das Fruchtbare vom Vergeblichen zu sondern.« – »Das setzt voraus, daß man sich die Entscheidung darüber zutraut, was fruchtbar und was vergeblich ist. Denken Sie mal, wenn Sie Beethovens Vater geschlechtlich sterilisiert hätten, weil er ein Lump und Säufer war.« – »Davon ist nicht die Rede.« – »Ach, Sie meinen, es hätte genügt, wenn er Ihr Patient geworden wäre, da hätten wir schon gar keinen Beethoven gekriegt?« – »Vielleicht.« – Beide lachen. – »Aber wo haperts denn? Wie kann man Ihnen helfen?« fragte Heberle. – »Ich sehe keine Hilfe. Es ist da ein Punkt . . . Bisweilen will mir scheinen, daß wir durch zuviel Behandlung sündigen. Durch all das Zugeben und Nachgeben, Zuhören und Verstehen. Das Harte wird aufgeweicht, das Verschlossene gesprengt, die Tiefe entgeheimnist. Die Terminologie, die wir erfunden haben, vergewaltigt unser Urteil und unser Auge. Indem ich einen Fall indiziere, mache ich ihn zu dem, was er mir scheint. Wer sagt mir, daß ich auf die Weise die kontagiösen Stoffe nicht erst entbinde, die ich unschädlich machen will? Im Seelischen gibt es eine Übertragbarkeit wirklich, in einem Grad, den wir kaum ahnen, was wir im Physischen dafür halten, ist oft bloß Gleichzeitigkeit des konstitutionellen Geschehens. Wer weiß das alles. Die Natur ist ungeheuer tückisch, sie läßt uns hie und da einen Blick in ihre Werkstätte tun, merkt sie aber, daß wir ihr zu neugierig auf die Finger gucken, so schlägt sie uns den Fensterladen vor der Nase zu. Man ist immer der Belämmerte, und wenn man sich noch so groß vorkommt.« – »Allerdings, allerdings,« bestätigte Heberle mit einer Heiterkeit, die auf jahrzehntealter Resignation beruhte, »das haben Sie gut gesagt. Es geht verflucht langsam, das Zeug. Aber hören Sie mal, Verehrter . . . wenn ich mir Sie so anschaue, Sie sind doch ein Kerl. Sie haben doch was vor sich gebracht. Sie stehen doch auf einer Höhe. Sie brauchen sich doch Ihrer Sache nicht zu schämen. Ich bin ja ein blutiger Laie in Ihrem Fach, aber ich habe mir erzählen lassen . . . na, ich finde, wir können ganz zufrieden sein, daß wir Sie haben.« – Kerkhoven hebt etwas verwundert die Brauen. Er gehört zu den Männern, die nie wissen, was sie gelten, so tief sie unter Verkennung leiden, so wenig machen sie sich daraus, wenn man sie rühmt. Das Getane kommt nicht in Betracht, weil das zu Tuende alle Kräfte und Gedanken fordert. Das ist nicht Bescheidenheit, es ist eine panische Bedrängnis, ausgehend von der Irrealität der Zeit und der Realität des Todes. Der Tod ist allgegenwärtig und erfüllt sie, ohne daß sie ihn fürchten. Sie ringen mit dem Tod um die Zeit. »Was hab ich nach Ihrer Ansicht denn erreicht?« fragt er achselzuckend, »was ists denn, wenn mans ehrlich prüft? Ich kämpfe gegen eine Hydra, der hundert Köpfe nachwachsen, wo ich einen abgeschlagen habe. Ich bin quasi damit beschäftigt, Sprungtücher auszubreiten, während die Leute aus den Fenstern eines brennenden Hauses stürzen. Ist ja ganz verdienstlich, aber den Brand müßte man löschen können, und das kann man nicht. Ich fühle mich auch nicht getragen. Nicht aufgenommen, nicht angenommen. Ich stehe so ziemlich allein. Es bereitet mir keinen Kummer, aber es ist auch nicht gerade ein Ansporn. Es war immer so. Es ist wohl in den Sternen geschrieben. Die reinen Wissenschaftler sehen mitleidig auf mich herab, die Psychiater speien Gift und Galle, wenn sie von mir reden, für die Psychoanalytiker bin ich erst recht der böse Feind, die Internisten nennen mich einen Quacksalber und Fakiristen, die Nervenärzte sind erbittert, weil ich ihnen die Kundschaft wegschnappe. Ich schnappe aber gar nicht, Gott behüte. Ich habe nur einen Wunsch: ich möchte nicht mehr flicken. Nicht mehr Reparaturen machen. Mir graut vor der sogenannten Praxis. Kann man da wirklich wirken? Von den Elementen aus? Es ist wie wenn man mich in eine Bibliothek von zehntausend Bänden setzt, mit deren Inhalt ich mich ernstlich vertraut machen soll. Stellen Sie sich vor, man hätte zwei drei Dutzend Seelen, die man heraushebt aus der Luft von Ansteckung und Gefahr, die man erforscht und kennt wie anatomische Präparate, mit allen ihren Eigenschaften, allen Beeinflussungen, allen Möglichkeiten der Entwicklung, allen Brechungen und Reflexen, jeweils die, und wenn man die gesichert hat, wieder andere, stellen Sie sich vor, was das dann wäre, Arzt zu sein . . . Da wäre Sinn drin, da wäre Folge drin . . .«

Heberle schwieg lange. Dann sagte er mit bedenklichem Kopfschütteln: »Phantasmen, guter Freund, Phantasmen . . . Darüber wollen wir in ein paar hundert Jahren sprechen.«

 

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.