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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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Elftes Kapitel

Nein, es war kein Zerwürfnis, kein Zwist. Er fürchtet, es nicht erklären zu können. Es gibt Fälle, wo Liebe zu viel fordert und zu viel veranstaltet. Es gibt etwas wie heilende Körperfremdheit. Versteht der Meister, was er meint? Gut. Sie verstand es auch, aber sie konnte nicht danach handeln. Mutter, das war für ihn der große Traum gewesen, das Höchste auf der Welt. Daran muß jede Wirklichkeit zerschellen, die allervollkommenste. Er begriff natürlich, was für eine Frau sie war, großartig, großartig. Charakter. Haltung. Und eine Frau, die was wußte, was gelernt hatte, nicht so ne Edelbürgerin mit Ansprüchen. Hätten sie einander ein Jahr früher oder ein Jahr später gefunden, es hätte was werden können. Aber so. Auch sie hatte ja ihre Erwartungen gehabt, zumindest die eine, daß sie ein Kind besaß, mit allem was in dem Begriff drinliegt: besaß. Das ging ihr nicht in Erfüllung. Da war kein Kind, kein Sohn. Eine Jammergestalt. Ein fühlloses Mißgebilde. Was sollten dem geschlagenen Scheusal Arme, die es umschlangen, eine Hand, die ihm die Stirn streichelte, Augen, die nicht aufhörten es anzuschauen? Er wird jetzt etwas Furchtbares sagen, der Meister soll weghören, es ist zu schauderhaft, zu unmenschlich. Die Mutter war ihm zu sehr Fleisch damals. Sie roch nach Fleisch und Blut. Sie hatte Haare in den Achselhöhlen. Es war aus seinem Hirn nicht wegzudenken, daß sie mit ihm geschlafen hatte, mit ihm, dem Vater, Trismegistos, vor achtzehn Jahren, vielleicht an einem genau zu bestimmenden Tag. »Konnt ich nicht aushalten, den Gedanken, konnt ich nicht. Verstehen Sie das, Meister?« – »Versteh ich, Andergast, versteh ich.« – »Der Mensch ist ein Vieh, nicht?« – »Ist er. Jawohl. Ist aber nicht das Ärgste an ihm.« – »Ich sah das so; verdammt, ich sah das so vor mir . . .« Er schwieg lange. »Man darf als Kind nicht eine Mutter haben, die tot für einen ist, während sie lebt,« sprach er vor sich hin. Dann war das mit den Ärzten. Das hätte sie sich ersparen sollen. Man ruft nicht die Feuerwehr, wenn mal der Blitz einschlägt und weiter nichts passiert als daß die Lampen verlöschen. Er hat die unverhältnismäßigen Sachen immer gehaßt. Sie hätte es spüren müssen. Er ist nicht so erzogen worden, bei den bürgerlichen Ängsten. Außerdem hat er schon als Kind die Feuerwehr nie leiden mögen, brennen war schöner als spritzen. Und wie gesagt, es brannte nicht mal, es war finster. Die Doktoren aber, zu lächerlich was sie quatschten. Wie primitiv sie sich alles vorstellten, trotzdem sie doch auf der »Höhe der Wissenschaft« standen. Er hat an das Molièresche Wort denken müssen: die Medizin ist bloß ein Jargon. Es war eine böse Zeit. Theoretisch genommen wäre er gern gestorben, praktisch betrachtet sah er ein, daß damit nichts gedient war; ob er sich umbrachte oder an einer Krankheit krepierte, in beiden Fällen hätten die Doktoren Recht behalten, und den Triumph wollte er ihnen nicht lassen. Nein, der Tod hätte nichts bewiesen, weil er nur selten was beweist. Freitod schon gar. Das ist nichts für ihn. Dazu ist er zu gebunden. Das eigenmächtige Ausbrechen aus der Gemeinschaft ist glatter Unfug. Ja, wenn es so wäre wie in der ionischen Kolonie Massilia, wo einer, der sich das Leben nehmen wollte, vor einem Rat von sechshundert der besten Männer seine Gründe darzulegen hatte, und erst wenn die gebilligt wurden, wenn man anerkannte, dieser Mensch hatte wirklich keine Möglichkeit weiterzuleben, dann durfte er den Schierlingsbecher trinken, und es wurde zu dem Zweck extra ein schönes Totenfest über ihn veranstaltet. »Das hat was, finden Sie nicht, Meister?«

 

Er sprang auf, ging einige Male durch das Zimmer, dann blieb er dicht neben Kerkhoven stehen, sah versonnen auf ihn herunter, und halb zutraulich, halb verspielt griff er nach dem schwarzen Uhrband, das aus Kerkhovens Westentasche hing, zog die Uhr heraus, betrachtete mit zerstreutem Lächeln das dünne Goldgehäuse, setzte sich wieder an seinen Platz und legte die Uhr vor sich hin auf den Tisch. Wunderliches Beginnen. Kerkhoven ließ dies alles ruhig geschehen. Er kam sich ein wenig wie ein Papa vor, aus dessen Tasche sich das kleine Söhnchen was zum Spielen holt. Zugleich hatte er das seltsame Gefühl als sei dadurch, daß ihm die Uhr abgenommen worden, auch die Zeit von ihm abgelöst, die tyrannische, die ihn zwang, den Tag und die Nacht in Teile zu spalten, die Teile wieder in Teile, wodurch so viel Kleinwerk und statt Fülle immer nur Masse entstand.

Ich habe mich in dem Menschen nicht geirrt, ging es ihm durch den Kopf, er ist ein Ausnahmsexemplar; wie das alles beobachtet ist, fehlt bloß, daß er mir erklärt, was es etwa gewesen sein könnte, Fall von Imaginations-Neurose, Herr Kollege . . . und ich würde dann antworten: Sie haben wahrscheinlich recht, Herr Kollege, der Fall hat aber eine Seite, die Sie übersehen, nämlich die Neuartigkeit seines Trägers, die uns zu einer neuen Begriffsbestimmung nötigen könnte, so ungern wir uns auch dazu aufraffen . . .

Persistierende Betrachtungen, die die innere Bewegung des Mannes verdecken sollten, der zu sehr Arzt war, um sich ihr kritiklos zu überlassen. Was ihn eigentlich so bewegte, ließ er unerkundet. Das Wort war es nicht, bei allem Besondern, die mit jedem Laut durchbrechende Wahrhaftigkeit auch nicht, trotzdem sie der ganzen Erscheinung das Gepräge gab. Es war wohl die Tatsache des endlichen Sicherschließens einer Seele, die von Schritt zu Schritt auf ihren Widerstand verzichtete und unter so unnatürlichem Druck gestanden war, daß die allmähliche Befreiung davon zunächst ihr Gefüge erschütterte. Monate später sagte Etzel einmal zu Marie: »Wenn mich der Meister an jenem Abend nicht gehalten hätte wie ein Magnet die Stahlfeder, ich weiß nicht, was geschehen wäre, da war ein Moment, wo ich ihm am liebsten an die Kehle gefahren wäre . . .«

 

»Man mußte doch an Ihre weitere Ausbildung denken,« sagte Kerkhoven. »Sie waren kaum siebzehn und hatten den Lehrgang eigenmächtig unterbrochen. Darin wird sich wohl die erste Schwierigkeit gezeigt haben.« Andergast räumte es ein, obschon es für seine Person keine Schwierigkeit gewesen sei. Er war schon damals entschlossen, sich nicht auf die sogenannte Zukunst festzulegen. Immerhin hatte er nicht die Absicht, auf dem Rücken zu liegen und Maulaffen feil zu halten. Er tat, was man von ihm verlangte. Er spielte, und merkwürdig, im Spiel gings viel besser als im Ernst. Die Moral davon: es ist dumm sich in eine Sache zu verbeißen, fallen lassen muß man sie, dann gibt sie sich. So hat er auch anderthalb Jahre später das Abitur gemacht, wie man bei einer Landpartie mittut, man könnte ebensogut daheim bleiben. Doch damit greift er vor. In die Kinderbewahranstalt, das Gymnasium, konnte er natürlich nicht zurück, die Stadt war ihm verleidet, eine andere wäre nicht lieblicher gewesen. Warum schiert man sich um ihn statt ihn seinen Kohl alleine kochen zu lassen? Aber da war Camill Raff, sein früherer Ordinarius, die Mutter wußte, daß er der einzige unter seinen Lehrern gewesen, der Einfluß auf ihn gehabt, sie wußte aber nicht, daß das vorbei war. Er hatte ihn immer noch gern, oder nein, nicht gern, was heißt denn gern, fand ihn nur nicht so unerträglich wie die meisten, seiner Kerl, aber Einfluß? Nachdem seine Frau gestorben, hatte er das Lehramt niedergelegt, auf ein totes Geleise hatte man ihn ohnehin längst geschoben, er lebte in ärmlichen Verhältnissen und griff zu, als ihm die Mutter vorschlug, eine Art Hofmeisterstelle bei dem so weit man sehen konnte mißratenen Herrn Sohn zu übernehmen. Raff glaubte wahrscheinlich, es wäre noch der Etzel aus der Streberzeit oder sagen wir der strebenden, der prähistorische. Aber sie hatten keinerlei Konflikte miteinander, war alles sanft wie Butter. Es wurde beschlossen, in die Schweiz zu übersiedeln. Also auf, in die Schweiz. Sie wohnten in einem Ort, der zwischen Bergen lag wie eine Brotkrume zwischen Kopfkissen und Kolter. Wenn man krank ist, liegen doch immer Brotkrumen im Bett. Ohne die Berge . . . na, der Meister wird gleich hören. Es war Winter. Er weiß nicht, wie die Tage vergingen, womit, wie viele es waren. Er hat damals eine Zeit der Schlafsucht gehabt, es ist vorgekommen, daß er sechzehn Stunden und mehr hintereinander schlief. Dazwischen erledigte er sein Pensum, redete mit Raff, redete mit der Mutter, sonst war niemand da, er hatte das Gefühl: weißes Gefängnis. Himmel Erde Bergmauern Bäume Häuser Träume, alles weiß. Eines Tages, es wird schon März gewesen sein, tritt er in das Zimmer der Mutter. Raff ist bei ihr. Sie sind nah beieinander gesessen, Raff steht hastig auf und geht zum Fenster. Die Mutter hält den Kopf gesenkt, rührt sich nicht, er sieht in der Dämmerung nur ihre Silhouette. Er bleibt stehen und schaut von einem zum andern. Da keins von beiden etwas sagt oder von seiner Gegenwart Notiz nimmt, dreht er sich um und geht wieder hinaus. In seiner Stube setzt er sich hin und überlegt, was da zu tun ist. Er weiß ziemlich genau Bescheid um das vergangene Leben der Mutter. Obwohl sie in ihren Erzählungen stets vermieden hat, Nachdruck auf Erlittenes zu legen, und auch vom Schwersten so gesprochen hat als unterscheide es sich durchaus nicht vom Schicksal zahlloser anderer Frauen, hat er begriffen, daß sie seit zehn Jahren wie eine Heilige gelebt hat. Er hat es nicht bloß begriffen, sondern es war das, was er erwartet hatte, anders durfte es nicht sein, wenn man die Mutter kennenlernt, mater renata. Darum war sie nicht jung und nicht alt in seinen Augen, hatte kein Geschlecht in seinen Augen, und hätte nicht der Makel an ihr gehaftet, daß sie nachweisbar mit Trismegistos geschlafen hatte, um ihn, den Sohn, zu zeugen, so wäre sie wie der Mond am dunkelblauen Nachthimmel gewesen, göttlich rein. Freilich war nicht zu erdenken, auf welche Weise er sonst in diese Welt hätte gelangen können, das war der Punkt, wo man ein bißchen den Verstand verlor und wo einen die sogenannten Weltanschauungen unheimlich lächerten. Raff am Fenster, die schöne Silhouette in der Dämmerung, da gab es nicht viel zu deuteln, am andern Morgen zog er den Rucksack aus dem Schrank, und als die Mutter zu ihm in die Stube kam, sagte er: ich geh für ein paar Wochen hinauf in die Berge, sorg dich nicht um mich, ich mach Ferien, da oben auf dem Paß ist ein Wirtshaus, da bleib ich und schau mir die Schneeschmelze und die Lawinen an. Sie schwieg. Sie wußte alles. Sie machte keinen Versuch, ihm sein Vorhaben auszureden. Sie stellte weder Fragen, noch zeigte sie sich erstaunt oder verletzt. Sie half ihm schweigend wie eine Kameradin, seine Sachen zusammenpacken, achtete darauf, daß er genügend warme Unterwäsche mitnahm, und als er sich marschbereit zur Tür wandte, ohne ihr die Hand zu reichen, mit einem Kopfnicken bloß, lächelte sie mit brüchigen Lippen. Das war alles. Er anerkannte diese Haltung, sie entsprach ihm. Auf der Dorfstraße traf er noch Camill Raff und wechselte ein paar Worte mit ihm, nicht anders als entferne er sich nur für einen Vormittag. Dann stieg er gegen den Julier hinauf, wanderte zweieinhalb Tage, die Straße war für die Postfahrten ausgeschaufelt, das Wirtshaus, in dem er sich einquartierte, hieß »Zum Piz Lagrev«, das Dorf hieß Bivio, die Landschaft war von grandioser Weite, Terrasse um Terrasse türmte sichs empor, jede Bewegung wiederholte sich auf der nächsthöhern Stufe in vereinfachter Form bis zu majestätischer Kahlheit, es gemahnte an ein heroisches Versmaß, veranschaulicht im Raum, jede Silbe ein Felsenkoloß, ein vereister Krater, jede Cäsur ein Abgrund, zum Schluß hatte er das Gefühl als begriffe er die obere Welt, denn die war klar und zerteilte sich im klaren Himmel, die untere blieb verworren und finster wie zuvor, war nur jetzt weit weg. Die Kammer, die er bewohnte, war nicht viel geräumiger als eine Zigarrenschachtel, die Fenster in den dicken Mauern glichen den Schießscharten einer Bastion, durch die bei Tag saphirblaues Licht, bei Nacht schwarze Stille floß. Es hielt ihn nicht zwischen vier Wänden, er schlug kein Buch auf, trotzdem er mehrere mitgenommen, nach dem Frühstück schnallte er die Skier an und zog in die weißblendende Einsamkeit, dunkle Gläser vor den Augen. Er hatte schon unten mit Raff begonnen, Ski zu laufen, hatte es aber zu keiner Fertigkeit gebracht, da oben gings plötzlich von selber, nach drei Tagen war ihm keine Abfahrt mehr zu steil. Es war ihm zumut als dehne sich sein Körper, als wüchse er in jeder Stunde einen Viertelzoll, er spürte überhaupt zum ersten Mal, daß er einen Körper hatte, in beglückender Weise nämlich, soweit bei ihm von Glück die Rede sein konnte, es war ungefähr so, wie wenn man durch die Umstände belehrt wird, was man mit dem Handwerkszeug anfangen muß, das man aus einem Schiffbruch in Sicherheit gebracht hat. Er lernte die Wetterzeichen kennen, Bedeutung des Nebels und der Wolken, die Färbungen des Gesteins im Auffall des Lichts je nach der Stunde, je nach der Art, den schwarzen Granit, den grauen Basalt, den roten Porphyr, und darüber im Geisterbogen die grünen Dome der Gletscher. Das eigentliche Erlebnis war nicht die Höhe, die Gewalt der Bildungen, die kristallne Transparenz der Luft, sondern das Gebirge als solches, das Urgebirge vielmehr, mit seinen elementaren Influenzen von Metall und Mineral, Wasser und Wurzel her, wie wenn seine magnetischen Ströme unmittelbar in Blut und Nervensystem übergingen und man organisch eingefügt wäre in den Umlauf der Erdsäfte. Man schied sich dabei nicht von der Menschengemeinschaft, man wuchs ihr erst recht zu, nicht in der verwirrenden Mitte, vom Rand aus, wo man wie Johannes in der Wüste stand, der vor dem Feind im Bruder floh und dem die Welt erst Bild wird und Sinn bekommt, wenn er den Bruder im Feind wiederfindet. Das hat natürlich nur die »Wüste« bewirken können . . .

 

Zweiundzwanzig Tage verbrachte er in der Paßmulde, es war ein Anfang von etwas, das noch unübersehbar war, zugleich eine abgeschlossene Epoche, Lehrzeit, Richtzeit, zum ersten Mal ein fester Punkt, ein Ausgangspunkt auf jeden Fall, und es blieb das Gefühl, daß man was im Rücken hatte, worauf man sich stützen konnte. Man hatte die Möglichkeit des Hinunterschauens, über jeder Welt gab es noch eine andere Welt, über jedem Tal ein höheres, über den Firnen noch den Azur, und das Ganze war schließlich ein einziger Leib, so wie er sich als Kind vorgestellt hatte, das Universum samt allen Gestirnen sei vielleicht nur der Blutstropfen eines unbegreiflich ungeheuern Wesens. Die dritte Woche war vergangen, da kam an einem stürmischen Abend ein Bote von Sophia mit einem Schreiben, das nur wenige Worte enthielt: sein Vater lag im Sterben. Der Föhn hatte die Leitungen zerstört, sonst hätte sie telephonieren können, wie sie hinzufügte, sie fühle sich verpflichtet, ihm die Nachricht auf raschestem Wege zukommen zu lassen, seine Entschließung wolle sie weiter nicht beeinflussen. Eine Stunde darauf saß er im Schlitten, zu Mittag des andern Tags langte er an. Was während der nächtlichen Fahrt in ihm vorging, als der Schneesturm sein Gesicht zerbiß, die Kälte durch Decken und Mäntel drang, die Gäule hundertmal im aufgewehten Schnee den Weg verloren, flockendurchwirbelte Schlünde bald rechts, bald links wie kochende Seen gähnten, spärliche Dörfer sich angstvoll in die Finsternis verkrochen und hoch oben die Lawinen donnerten, darüber sprach er nicht. Er berichtete nur, was er von der Mutter forderte, fast im selben Atem forderte, da er sie begrüßte, und der Zuhörer gewann zunächst den Eindruck als hätten die entfesselten Elemente in jener Nacht den Verstand des jungen Menschen getrübt. Er verlangte nicht mehr und nicht weniger, als daß Sophia von Andergast mit ihm reisen, mit ihm zusammen an das Sterbebett des Mannes treten, dem Mann am Ende noch die Hand reichen solle, der ihr Herz verwüstet, ihr Leben zertrümmert, ihr das Kind entwendet hatte. Er stellte sie vor die Wahl, der unheimliche Knirps: entweder du begleitest mich dorthin, oder unsere Wege trennen sich überhaupt. Was fiel ihm ein? was hatte er vor? wars der unerloschene Trotz noch, von der Stunde her, wo er sie mit Raff im Einverständnis gesehen, der böse eifersüchtige Stachel, oder tyrannische Laune nur? erblickte er einen Sühneakt darin, Verzicht auf die alte Unversöhnlichkeit und die neue Bindung? sollte die Gegenwart der Mutter den Tod des Gefürchteten, haßvoll Bewunderten minder gewichtig für ihn machen, nachdem er inne geworden, daß dieser Tod, wie immer er ihn betrachtete, ihn erst zur eigentlichen Lebensverantwortung berief? Oder war es ein dunkles introvertiertes Rachegelüst, das beiden galt, Vater und Mutter, etwas, das jeder Erklärung spottete? Kerkhoven verstand es nach und nach; nicht die Motive im einzelnen, aber die Instinkthandlung selbst, und damit erhielt er einen jähen und ziemlich umfassenden Einblick in die seelische Verfassung des jungen Menschen. Die Mutter, wie nicht anders zu erwarten, weigerte sich. Sie zeigte ihm keinerlei Empfindung. Vielleicht war ihr Erstaunen größer als ihr Schmerz. Sie war gewohnt, sich zu verschließen, keine Miene verriet, daß sie den Verlust in seinem ganzen Umfang begriff. Später einmal gestand sie, daß dieser Tag der schwerste in ihrem Leben gewesen sei, da es ja den Anschein gehabt als hätte sich die Natur selber gegen sie gekehrt, und das kaum zurückerrungene Kind, halb losgelöst ohnehin, sei nun zum zweiten Mal und damit für immer dem Vater zu eigen geworden, Vaterssohn umso unumstößlicher als es der Tod jetzt war, der das Verhältnis endgiltig regelte. Am Tag darauf eröffnete sie Camill Raff, daß zwischen ihnen alles aus sein müsse. Sie hatte in Basel eine Zusammenkunft mit ihrem väterlichen Freund André Levy und reiste dann nach Baden-Baden, wo sie blieb, sich außerhalb der Stadt in Einsamkeit vergrub und wie vor der Vereinigung mit Etzel, nur spannungsloser und um vieles gealtert, als wahre Nonne lebte.

 

Etzel kniet vor einer Leiche. Er hat den Vater nicht mehr lebend angetroffen. Nun kniet er neben der Bahre. Es ist der erste tote Mensch, den er sieht. Der Vater, der erste Mensch, den man tot sieht, das ist gewaltig und primitiv wie ein Mythos. Lange schon hat die Selbstbezweiflung auf ihn gelauert, die ihn jetzt überfällt und ihm den Schädel aushöhlt. Tat ich recht gegen den Mann? Hatt ich Ursach und Vollmacht, mich zum Richter über ihn aufzuwerfen? war er mir Verantwortung schuldig? wer darf Verantwortung fordern? ist Verantwortung möglich? zerbricht sie nicht das Gefäß der Persönlichkeit in einem Fall wie dieser war? hab ich ihn nicht aus dem Sinn seines Lebens herausgestürzt und von ihm allein verlangt, was man nur von der gesamten Menschheit als sittlichem Organismus verlangen kann? Aus dem Sinn des Lebens herausgestürzt . . . das wäre die Sünde der Sünden, die Todsünde schlechthin, Vater in Deine Hände befehle ich meinen Geist. Wie findet man, wie finde ich hinein in den Sinn des Lebens? Wahrscheinlich hat schon Kain diese Frage an Adam und an Gott gerichtet. Mund, der so viel Regel und Gesetz in eherne Worte fassen konnte, wie grausig schweigst du auf einmal . . .

Es kam dann eine sonderbare Geschichte, die er wie abseits hinerzählte, mit einem gelegentlichen Achselzucken wie einer, der verlernt hat, sich über gewisse Effekthaschereien des Schicksals zu wundern. Es konnte ihm doch nicht zum Vorwurf gemacht werden, daß es ausgerechnet die abgedankte Mätresse des Vaters war, die ihn in die Geheimnisse der Liebe einweihte, wie man sich kitschig auszudrücken pflegt. Das Frauenzimmer hatte jedenfalls keine Hemmungen, möglich, daß es sogar ein perverses Gelüst bei ihr war, so kindlich und harmlos sie auch schien. Ohne Umstände nimmt sie ihn von der Leiche des Vaters mit fort, und eh er weiß, wie ihm geschieht, liegt er schon mit ihr im Bett. Er hatte natürlich keine Ahnung von ihrer Beziehung zu Trismegistos, hatte sich einlullen lassen von ihrem vogelhaften Plappern, erst am andern Tag rutschte es ihr heraus, kann auch sein, sie wollte einen Trumpf gegen ihren toten Liebhaber ausspielen; daß es ein ziemlich makabrer Trumpf war, spürte sie wohl kaum, Gott weiß, was sie von Trismegistos hatte erdulden müssen. Ohne diesen Theatercoup wärs ein Wald- und Wiesenabenteuer gewesen, bißchen pikanter, bißchen schauriger durch die Nähe, die Gegenwart fast des toten Vaters, so aber kam was von Blutschande hinein, was Dunkles, das an Urzeit und Fabel erinnerte. Vielleicht hatte es Trismegistos im Tode so verfügt, daß seine Geliebte sich der Unschuld des Sohnes annehmen sollte, diabolischer Gedanke, aber wer kannte sich aus in dem Mann, vielleicht wollte er auf eine unerforschliche Art Vergeltung üben, vielleicht war es eine erzieherische Maßregel, darin war er ja so unsäglich vertrackt und hintergründig. Doch auch die Mutter war auf ihre Weise im Spiel, dies kann er aber nicht näher erklären, so wie der Engel mit verhülltem Antlitz war sie im Spiel, wie man es auf frommen alten Bildern sieht.

Soll er noch erzählen, wie es vor sich ging? Es ist wohl kaum von Interesse. Gut, wenn der Meister wünscht. Der Tote lag in einem Zimmer der Anstalt aufgebahrt. Die letzten zwei Jahre seines Lebens hat ja Herr von Andergast im Nervensanatorium zugebracht, unaufhaltsamer geistiger Verfall hat seine Internierung notwendig gemacht. Als Etzel sich von der Leiche abkehrte, gewahrte an der Tür eine schwarzgekleidete Frau, die ihn neugierig musterte, dabei aber das Taschentuch in der Hand hielt, mit dem sie von Zeit zu Zeit ihre Tränen trocknete. Das war putzig. Sie schien ihm nicht jung zu sein, mindestens dreißig, mit seinen achtzehneinhalb dünkte ihn eine Dreißigjährige ehrwürdig. Als sie ihn anredete, war sie dann doch jung, jünger als er selber, zutraulich wie ein Kätzchen, das sich in ein unbekanntes Haus verirrt hat. Während sie mit gespitztem Mäulchen halblaut dumme Worte zwitscherte, schielte sie ängstlich auf das marmorweiße Gesicht der Leiche als hätte sie allen Grund, vor dem unbeweglichen Mann zu zittern, erst draußen wich der Bann von ihr, ein süßes seelenloses Stimmchen drang auf ihn mit hundert einfältigen Fragen und in einem zügellosen englisch-deutschen Kauderwelsch ein, zahllose Male wiederholte sie, daß sie den Verstorbenen »herzlich gut« gekannt habe und daß er one of the greatest men of the world« gewesen sei. Etzel, von schweren Gedanken bedrückt, ließ sie schwatzen, es war wie Schellengeklingel. Er wußte nicht, wohin er gehen sollte, seine Sachen hatte er in einem billigen Hotel am Bahnhof, er kannte keinen Menschen in der Stadt, der Plan war, daß er morgen nach dem Begräbnis wieder abreisen wollte. So ging er mit, als ihn Violet Winston einlud, zu ihr zu kommen, wie ein Handwerksbursch, dem man ein Obdach anbietet, alles übrige ergab sich von selber. Kleines Geschenk, kleiner Rausch, kleines Almosen im Fleisch. Dann hatte die Sache ihren Platz im Leben, stand dort, wo sie hingehörte. (Ei du kleiner großer Narr und Pedant, dachte Kerkhoven mitleidig-belustigt). Im ganzen eine Enttäuschung, was nicht eigens bemerkt zu werden braucht, es liegt in der Natur (warum nicht gar, hochweises Wesen, dachte Kerkhoven), er will nur noch sagen, daß er von Geschlechtsunruhe nie so geplagt worden ist wie ers von den meisten Kameraden weiß, die mit fünfzehn, mit dreizehn schon wie toll dahinter her waren. Er hat es nie begriffen, es war ihm nicht wohl dabei, die eklige Heimlichkeit der einen widerte ihn genau so wie die verlogene Sachlichkeit der andern, er war in seinem Innern anderweitig beschäftigt, höchstens daß ihn mal ein Traum durcheinander brachte oder das Blut prickelte, wenn er müßig war. (Er war aber selten müßig.) Kein Verdienst weiter, bloß Glück. Von einer Kinderkrankheit verschont geblieben. Er weiß, die meisten schwindeln, wenn sie sich in der Hinsicht für weiße Schafe ausgeben, aber wozu soll er schwindeln, da er ja bald genug das schwärzeste aller Schafe geworden ist. Hat keine Wichtigkeit. Lauter überschätzte Dinge . . . Er hat Violet nie wieder gesehen.

 

Kerkhoven ließ seinen forschenden Blick auf dem jungen Menschen ruhen. Nicht ohne Genugtuung stellte er fest, daß sowohl der Körper wie auch das Gesicht durch den zehntägigen Aufenthalt in der Anstalt merklich verändert waren: die Züge straffer, der Ausdruck reiner, der Glanz der Augen frischer, Bewegung Gesten leichter, ohne Überreiztheit. Ruhe und lange Abgeschlossenheit mochten Anteil daran haben, in der Hauptsache war es wie bei den meisten behandelten Fällen unverkennbar das Ergebnis der umgestimmten Ernährung, die, nach individuellen Erfordernissen modifiziert, eine der wesentlichen Stützen von Kerkhovens Nerventherapie war. Der Satz: was du ißt, das bist du, hatte ihn schon früh geleitet, bevor gleichgerichtete Entdeckungen einzelner Abseitsgänger ihn bestätigten und den Hohn der Fachwelt etwas dämpften.

Dies nur nebenbei, Andergast befand sich ja nicht als regulärer Patient im Hause, er wußte nicht einmal, daß er während der ganzen Zeit nach Kerkhovens Vorschrift gelebt hatte, Essen und Trinken waren ihm gleichgiltig wie allen geistig exzessiv gespannten Menschen, bedürfnislos wie ein Trappist schmeckte und roch er nichts, was späterhin für Marie geradezu ein Ärgernis bildete. Die tiefe Sympathie Kerkhovens war es, Vereinigung der übersinnlichen Neugier des großen Arztes und einer menschlichen Ergriffenheit, wie er sie ähnlich kaum je verspürt hatte, die ihn etwas wie eine körperliche Umschichtung wahrnehmen ließ, aus der er sehr bestimmte Hoffnungen schöpfte. Im übrigen wandte er Etzel seine ungeteilte Aufmerksamkeit sogleich wieder zu, ohne daß eine Leitungsunterbrechung stattfand, denn das bisher Berichtete war offenbar nur Auftakt und Präludium gewesen.

 

Er reiste noch einmal zur Mutter, für kurze Zeit. Einzelheiten über den Besuch erfuhr Kerkhoven erst nach Monaten aus einem Brief Sophias: jede Stunde des Beisammenseins war eine Qual für sie. Er kam, gezeichnet von Erlebnissen, die sie nicht kannte. Es war verschiedenes Äußerliche zu ordnen, das Materielle der Existenz lieferte Stoff zu Gesprächen, bei denen er eine unrührbare Trockenheit an den Tag legte. Man mußte zum Anwalt, in dessen Händen die Regelung des väterlichen und großmütterlichen Nachlasses war und dem auch die Vormundschaft übertragen wurde. Etzel erhielt bis zu seiner Großjährigkeit eine monatliche Rente von dreihundertfünfzig Mark, das Peinliche war, daß bei dieser Gelegenheit auch Sophias Bezüge erörtert werden mußten, die bis jetzt kaum hingereicht hatten, ihre Existenz zu fristen. Da sie sich weigerte, über diesen Gegenstand zu verhandeln, ging Etzel eines Tages allein zu dem Anwalt und erreichte es nach kurzer Aussprache, daß ihr zu Lasten seines zu erwartenden Erbes ein anständiges Jahrgeld ausgesetzt wurde. Er sagte, er sei recht froh, so viel zu haben wie man brauche, um nicht verhungern zu müssen, das Übrige würde er ihr gern schenken, wenn es gesetzlich möglich wäre. Seine Beziehung zu Geld und Besitz war sehr souverän, sie änderte sich auch nicht mit den Jahren.

Bald danach legte er die Reifeprüfung ab, und nun erst stand er vor dem Nichts. Da war sie wieder, die Frage: wie finde ich hinein in den Sinn des Lebens? Eures Lebens, das ist es ja eben, nicht meines. Mit der bloßen Forderung, das war ihm bereits klar, findet man nicht hinein. Sie stieß automatisch auf die Gegenforderung, und man sah sich ohnmächtig vor einer geschlossenen Phalanx. Wer da nicht die Waffen streckte und gehorsam in Reih und Glied trat, wurde als Verräter an der Gemeinschaft gebrandmarkt und für vogelfrei erklärt. Gefährlich lockender Doppelsinn: vogelfrei, er hat nicht übel Lust, es darauf ankommen zu lassen. Aber er erblickt kein Ziel dabei, vor nichts graut ihm so wie vor dem Experimentieren, die Schimpflichkeit des Umkehrenmüssens hat er gekostet: einmal und nicht wieder. Wenn er kuscht und einsieht, daß die Welt läuft wie sie läuft, daß die Fortschritte in den menschlichen Einrichtungen sich in einem verzweifelten Schneckentempo vollziehen, daß die Gesellschaft ein bösartiger Moloch ist, den nur Elementarereignisse manchmal aus dem Schlummer rütteln, daß der Einzelne wenig oder nichts dazu beitragen kann, daß es anders wird, und daher trachten muß, dem mörderischen Tumult mit möglichst heiler Haut zu entschlüpfen: hat er das erfaßt und verzichtet er auf Selbsttreue, schön, damit hat er seinem irdischen Wohlergehen unbedingt gedient, aber was hat der ganze Klamauk für einen Sinn gehabt, wenn die Geschichte ausgeht wie das Hornberger Schießen? Darauf kanns doch nicht hinauslaufen, daß er die Wünschbarkeit und Verdienstlichkeit einer braven Abdankung demonstriert: bitte untertänigst um Verzeihung, ihr Herren und Damen, habe mich ein bißchen überspannt benommen, wollen Sie mir gütigst mitteilen, wie ich nach Kanossa komme? Worauf man ihm gerührt den Rücken tätschelt und ihm Trost zuspricht: sehr brav, mein Junge, sehr verständig, mit sechzehn und siebzehn darf man gelegentlich über die Schnur hauen, aber von jetzt ab heißts Ordre parieren und die donquichottischen Alfanzereien abschwören. Der wieder in Gnaden Aufgenommene stammelt einen beglückten Dank, er weiß jetzt, was die Glocke geschlagen hat, er beeilt sich unterzukriechen und das sogenannte Schäfchen ins trockne zu bringen, kleine Seitensprünge behält er sich für später vor, wenns nicht mehr so gefährlich ist.

Nein, so billig sollen sie ihn nicht haben. Er kann nicht kleinbeigeben. Er kann nicht. In seiner Brust ist eine Unruhe, nicht zu stillen, mag er sich äußerlich gebärden wie er will, so ernüchtert kalt und zynisch wie er will. Er beschließt, sich durch die enge Spalte zu zwängen, die das mechanisierte Leben zwischen Beruf und Berufung noch offen gelassen hat. Er weiß, es ist ein Thermopylä, an dem die edelste Jugend verblutet, immerhin, es muß gewagt werden. Er darf nur nicht leichtgläubig sein und für bare Münze nehmen, was sie von technischen Errungenschaften und den Wundern der Entwicklung faseln. Die richtige Verwirrung beginnt für ihn in dem Augenblick, wo er sich entscheiden soll. Wollte er Schreiner oder Schuster werden, er würde alsbald die sonderbare Entdeckung machen, daß es keine Schreiner und Schuster mehr gibt. Man kann nirgends was schaffen, man kann nur was fabrizieren oder Handlanger und Maschinen bezahlen, die es fabrizieren. Man kommt nicht an den Kern heran, man kommt nicht an die Wurzel, ein Ganzes wird nicht verlangt, ein Ganzes kann nicht geleistet werden. Da und dort auf dem Planeten leben vielleicht noch ein paar Universalgeister wie übriggebliebene Ichthiosaurier, aber denen wächst auch bereits die Materie über den Kopf, und sie ersticken im formlosen Stoff. Was tun? Er sagt sich: ich muß warten bis mich eine Sache ergreift oder ein Mensch. Das heißt, sich mit Handschellen dem Zufall überlassen. Wie die Dinge liegen, ist Warten ein Verbrechen. Er rechnet sich aus, daß das Leben, wenns hoch kommt, aus vierundzwanzigtausend Tagen besteht, an die siebentausend hat er schon hinter sich, vergeudet er einen, so ists einer weniger, und einer macht dreihundertfünfundsechzig. Aus Ratlosigkeit in die Tretmühle, als Advokat, als Lehrer, als Beamter, als Gott weiß was, nein. Er sieht da nichts, er spürt da nichts, dann lieber auf einen Kohlenbunker oder in die Fremdenlegion oder eine Pasta erfinden, die die Neger weiß färbt, damit kann man Millionär werden. Die Leere drückt ihn zu Boden, das Vakuum wird unerträglich, es will und will keinen Inhalt gewinnen. Zornig gewahrt er es auch in den Gesichtern der Altersgenossen, überall grinst ihm dieselbe Wut entgegen, die hämische Bereitschaft, ein Schock Ideale und sich selbst dazu für ein Linsengericht zu verkaufen. Was ist das für ein Geschlecht? Was ist das für eine Zeit? Dicht neben dem verruchtesten Lärm das tödlich schweigende Nichts. Nun, da sind die Bücher, vielleicht findet man in denen Aufschluß und Weisung. Eines Tages legt er sich ein Verzeichnis von etlichen dreihundert Werken an, die er sämtlich zu lesen entschlossen ist. Er liest und liest, in brennenden Nächten ohne Schlaf. Aber da verdunstet das lebendige Sein in Meinung und Deutung, der Geist der Bejahung schreit hü, der Geist der Verneinung hott, der Wagen, an dem sie ziehen, rührt sich nicht vom Fleck. Er treibt Philosophie Religionsgeschichte Sozialwissenschaft, lernt und lernt, häuft Berge von Notizen an, gewinnt keinen Ausblick, verirrt sich im Gestrüpp. Er stürzt sich in die Biologie, ungeheures Feld, wo jedes Wissen gleich ins Rätsel mündet, die Amöbe in der Pfütze sich am Stern im Äther vermißt; (eine ihm nicht unvertraute Vorstellung, wie wir gesehen haben, die ihm aber jetzt, wo er um Ordnung und Erkenntnis der Stufungen ringt, frech und gleichmacherisch erscheint.) Er will nur eines wissen: wie entsteht Gerechtigkeit aus dem Gesetz? Das Gesetz läßt sich ja ergründen, sogar ein allbeständiges zuweilen, aber Gerechtigkeit gibt es offenbar in der Natur so wenig wie in der menschlichen Gesellschaft, es sei denn, der unbegreifliche Schöpfer habe sie auf so lange Fristen berechnet, daß man bei der Bemühung um den Nachweis schlechterdings verzweifeln muß. Wo ist aber die Aufgabe? Wie soll er das Gemeinsame fassen, das ihm dient und den andern, denen er dienen will? Wie soll er sich mitteilen, kenntlich machen, wie anfangen und fortsetzen, von wem sich führen lassen, wie die Hölle der tausend Kreuzwege vermeiden, die siebenfach versiegelten Schlösser der unbekannten finstern Zukunft sprengen?

 

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