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Etzel Andergast

Jakob Wassermann: Etzel Andergast - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleEtzel Andergast
authorJakob Wassermann
firstpub1931
year1931
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleEtzel Andergast
pages5-661
created20060702
sendergerd.bouillon
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Die Mit-Welt

Etzel Andergast

 

 

Zwischen den letztberichteten Ereignissen und den nunmehr beginnenden liegen vierzehn Jahre. Die Welt, die wir verlassen haben, ist von der, die wir betreten, so verschieden, daß kein Gleichnis es veranschaulichen kann, außer vielleicht das von dem sagenhaften Epimenides, der nach siebenundfünfzigjährigem Schlaf in einer kretischen Höhle zu neuer Wirklichkeit aufwachte.

 

Achtes Kapitel

Eins der Grundgesetze, denen die Existenzen unterworfen sind, ist das der Begegnung. Darin wirkt sich recht eigentlich der geheime Wille der oberen Mächte aus, das was wir Schicksal heißen. Wir haben gesehen, wie Joseph Kerkhoven dem totgeweihten Irlen begegnen mußte, um sich selbst zu entdecken, seiner Bestimmung inne zu werden und die Gefährtin zu finden, ohne die er vermutlich trotz allem seelenlahm geblieben wäre. Wir werden sehen, wie Etzel von Andergast, ein junger Mann von zwanzig Jahren, nicht unbedeutend in seiner Art, belastet von Gewesenem, nie ganz Verwundenem, als Kind seiner Zeit und seiner Welt (also unserer Zeit und Welt) von allen ihren Nöten umfangen, mit allen ihren Bitternissen getränkt, wie der an einem Punkt, wo er aufs äußerste, aufs tiefste in seinen gesamten Lebensbeständen gefährdet ist, ebendiesem Joseph Kerkhoven begegnen muß, ihm und keinem andern, weil allein er die Kraft und Gabe hat, ihn aus einer Verwirrung, einer schier hoffnungslosen Finsternis zu lösen, in die er weniger durch eigene Schuld geraten ist (wäre es nur Schuld gewesen, so hätte er einen Anhalt gehabt, einen Fingerzeig gleichsam) als durch die Verkettung der Wege, die Gewalt der allgemeinen Strömung, die so und nicht anders beschaffene Charakterlage.

Das führt weit. Und wie dann neue Finsternis kommt, unheilvollere Verwirrung noch, verschuldete diesmal, die alle Beteiligten an den Rand der Vernichtung bringt, den geliebten Meister und Führer, die Frau und ihn selbst, auch das führt weit, kaum abzusehen wohin.

 

Außerdem erfordert es die Bloßlegung vielfach verschlungener Fäden, die nach allen Richtungen in die Vergangenheit laufen. Schon die mit der Begegnung verbundenen Umstände sind ziemlich ungewöhnlich und lassen sich nicht mit wenigen Worten erklären. Obwohl auch hier das Verlangen nach ärztlichem Beistand den ersten Anstoß gab, war es doch bei Licht betrachtet ein reiner Verzweiflungsschritt, namentlich wenn man bedenkt, daß dieser Arzt einer der beschäftigtsten, gesuchtesten von ganz Berlin war. Im Hinblick auf die Folgen, die der nicht sehr überlegte Entschluß nach sich zog, die eigentümliche Beziehung, die daraus entstand, ereignisschwer für beide Teile, sieht er durchaus wie etwas Schicksalsgewolltes aus. Da handelte es sich ja nicht um gleichberechtigte und annähernd gleichaltrige Personen, die der Zufall zueinander bringt und die auf der Basis einer vorhandenen Interessen- oder Geistesgemeinschaft zu Freunden werden, sondern auf der einen Seite um einen Mann auf der Höhe des Lebens, in einer Wirksamkeit von beispielloser Intensität und Tragweite, umglänzt von jenem fast legendären Ruhm, der mehr der Ausdruck des Dankgefühls der dunklen Masse ist als Schilderhebung und Fanfare; auf der andern Seite um einen mehr als achtundzwanzig Jahre jüngeren Menschen, einen Namenlosen aus der »dunklen Masse«, der keine weiteren Verdienste hat als ein entschlossenes Selbstbewußtsein (wenn das als Verdienst gelten kann), eine Reihe von brennenden Erlebnissen in der Seele und einen Geist, der gelernt hat oder es sich einbildet, alle Dinge des Lebens mit liebloser Glut auf ihren wahren Wert einzuschätzen. Eine Woche zuvor hat er wahrscheinlich noch nicht genau gewußt, wer dieser Professor Kerkhoven wirklich ist, der Name ist ihm ein unbestimmter Begriff gewesen wie hundert andere; als Universitätshörer und bei der beharrlichen bohrenden nachspürenden Aufmerksamkeit, mit der er jeden Fortschritt, jedes Phänomen auf naturwissenschaftlichem Gebiet verfolgt, wird er vermutlich von ihm gehört haben, dies und jenes, Kritisches und Anerkennendes, wenn auch der ausübende Mediziner gerade diejenige Figur ist, die ihm nur mäßiges Interesse einflößt. Es ist eher Abneigung, die er gegen ihn empfindet, und sie hat ihre Gründe. Eines Tages aber ergibt es sich, daß jemand seinen Namen nennt als des einzigen, der in einer gewissen dringenden Not in Betracht kommt, da besinnt er sich nicht lang und geht hin.

 

Vor allem wirft sich die Frage auf: welche Möglichkeiten, welche Behelfe und Glücksumstände waren es, deren sich Joseph Kerkhoven bediente, um an eine Stelle des Lebens zu gelangen, von der er ehedem nicht einmal zu träumen gewagt hätte? Oder war alles von innen her geschehen als Fügung, Wachstum, Gesetz? Ich will versuchen, die ziemlich erstaunliche Linie einer zeitgenössischen Entwicklung nachzuzeichnen, die, so unergründlich auch das Triebwerk sein mag, doch sehr im Geist der Epoche liegt. Es ist nicht ohne Reiz, den Blick auf eine Existenz zu richten, die sich noch vor anderthalb Jahrzehnten gedrückt und nüchtern im Rahmen einer Kleinstadt abspielte und nun leuchtend in der Mitte der Welt stand, etwa wie wenn aus einem subalternen Provinzbeamten ein großer Staatsmann geworden wäre, der das Geschick seines Volkes zu lenken hat, den freilich auch die Häufung der Pflichten und Geschäfte, Verantwortung und Kampf, Forderung von allen Seiten und zu jeder Stunde des Tages und der Nacht um die Besinnung bringt, um den Schlaf, allmählich um das Gefühl, daß er lebt. Hilfloses Beginnen, Pedanterie, wollte ich an Bekanntes anknüpfen. Es ist nicht mehr derselbe Mensch. Wenn wir uns seiner erinnern, ist es als nähmen wir ein Jugendbildnis von ihm zur Hand; die Züge haben etwas rührend Fremdes wie bei einem Menschen aus einem früheren Jahrhundert. In einem Zeitraum von vierzehn Jahren erneuert sich der Mensch leiblich schon, keine Faser bleibt erhalten, und die Jahre von 1914 bis 28 haben sogar, viele behaupten es, das Bild der Menschheit verändert. Nur die Wand des Körpers macht, daß das Fließende nicht zerfließt, und auch sie ist nicht viel fester als der Schatten, den sie wirft, Membran, das sich hart wehren muß gegen den Andrang des Fließenden. Eigentlich ist es allein die Idee von Gesicht und Form, die dem Vergehen trotzt, deswegen bist du dir in jedem Spiegel einen Augenblick lang grausig unbekannt, und dein geheimnisvoller Schreck darüber ist nichts anderes als die jäh aufblitzende Erkenntnis der Illusion, der du dich über dein Ichsein unaufhörlich hingibst. Selbstverständlich ist es noch immer das einmalige Individuum Kerkhoven, mit den nämlichen Gliedmaßen, den nämlichen Organen, den nämlichen Trieben und Grundeigenschaften, aber die Verschiedenheit ist ungefähr so wie zwischen dem rohen Tonmodell und der ausgeführten Plastik. Nicht in allen Fällen gelingt es der Natur, die Absichten zu verwirklichen, nach denen sie ihre Geschöpfe anlegt, dazu bedarf es sozusagen einer großen Veranstaltung, zu der sie sich selten entschließt; geschieht es jedoch, dann beseitigt sie gleich jeden Zweifel an ihrer bildnerischen Kraft und läßt kein Mißverständnis zu über den Gedanken, der sie geleitet hat. Eine wunderlich eckige Gestalt, über mittelgroß, in den Schultern zusammengerafft wie bei Leuten, die sich häufig in einer Menschenmenge bewegen; die Haltung ruhig, frei, überlegen; der Kopf blockartig und beinah starr auf starkem Hals sitzend; das Gesicht klar aufgebreitet, schmal, mehr als hager; mit Ausnahme eines Kinnbärtchens (nicht größer als das Kinn selbst) bartlos; die Haut tief bronzefarben; die mongolische Stirn ohne Alterszeichen, nur an den Schläfenwölbungen, die ganz dünngehämmert aussehen, schiebt das sonst braungebliebene Haar graue Strähnen vor; die Augen gewöhnlich verdeckt, sodaß der Blick eingekerkert wirkt oder zurückgerufen oder heimlich wartend, bis sich eine Beute zeigt, die zu packen sich lohnt; so, würde ich sagen, sieht Joseph Kerkhoven mit achtundvierzig Jahren aus, wenn mir nicht bewußt wäre, daß mit einer solchen Aufreihung von Einzelheiten das Bild des Menschen eher verwischt als verdeutlicht wird. Es soll nur ein Steckbrief sein.

 

Hier einiges Material über ihn und wie ihn die Welt sah. Da er im allgemeinen für schwer durchschaubar galt, ja für heimlich und unoffen (vielleicht wußte niemand außer Marie, wie einfach er in Wirklichkeit war, wie naiv geblieben), bezeichneten ihn auch die Kollegen, wenigstens diejenigen, die Ursache hatten, von seinem wachsenden Ruf beunruhigt zu sein, als einen unzugänglichen Charakter, stolz, ungesellig, sogar hochmütig (nichts konnte falscher sein), durchdrungen von seiner Unfehlbarkeit (das gerade Gegenteil traf zu), ohne Solidaritätsgefühl und eigentliches Standesbewußtsein (daran war allerdings etwas Wahres, nichts erschien ihm schädlicher und widersinniger als ärztliche Korporationen), und im übrigen sei er als Wissenschaftler, sagten sie, wenn man den höchsten Maßstab anlegte, nicht ganz ernst zu nehmen. (Was zu untersuchen wäre, wenn es ein Forum dafür gäbe, vor dem zu bestehen jedoch nicht sein Anspruch war, es ging ihm um andere Dinge.) Nur unter den jüngsten waren viele, die ihm bewundernde Anerkennung zollten, teils solche, die ihm persönlich nahe standen, teils Häretiker, die sich dem Bereich der offiziellen Wissenschaft entzogen hatten, oder ernsthaft Ringende, die im Chaos der Theorien, im Überwuchern des seelenlosen Stoffes keinen Ausweg mehr fanden. Was sie anzog, war vermutlich seine herrliche Unbeirrtheit, die von seinem Wesen ausstrahlende Reinheit, sonst konnten sie ja wenig bei ihm gewinnen, es gab da keine Schule, kein System, keine umwälzende Entdeckung. Seine Gegner sprachen spöttisch von Relativitätsmedizin, manche taten ihn achselzuckend als eine Auferstehung des romantischen Arztes ab (wie wenn er damit vollständig erledigt wäre), nannten ihn demzufolge einen Entheisten und Exorzisten und stellten gewisse von ihm angewandte Methoden auf dieselbe Stufe wie das berühmte Kernersche Experiment, einen Tobsüchtigen mit dem Spiel der Maultrommel zu heilem Auch wohlwollende Beurteiler warfen ihm vor, daß er in seinem Bestreben, den Kranken zu helfen, oft kritiklos werde, sie verfochten den Standpunkt der Objektivität und kühlen Beobachtung gegen den philanthropischen, womit sie nicht unrecht gehabt hätten, wären seine innersten Motive wirklich nur menschenfreundliche oder mitleidige gewesen, sie waren aber von viel elementarerer Natur. Ja, wenn man will, war er auch Menschenfreund, aber ungefähr so wie eine Lokomotive unter anderm auch Wärme verbreitet.

Immerhin hatte er eine Anzahl von Arbeiten publiziert, die die wissenschaftliche Welt zum Aufhorchen genötigt hatten, sie waren aus dem Bezirk der Erkenntnis nicht mehr fortzudenken. Eine davon, die ihm die Professur verschafft hatte, betitelt: »Die Frage des Primats in der Wechselbeziehung von organischen und psychischen Funktionsstörungen«, war in die breite Öffentlichkeit gedrungen und hatte im Publikum und in den Zeitungen erregte Diskussionen veranlaßt. Sie war Ende 1920 erschienen, nach dem Erlöschen der großen Grippe-Epidemie, und er hatte darin nachgewiesen, daß zwischen der Vehemenz der pestartigen Seuche und der Gemütsverfassung der Menschheit ein ursächlicher Zusammenhang bestehe, der durch eine Reihe von überraschenden Symptom-Feststellungen erhärtet war. Der Leitsatz von der »Krankheitssehnsucht des Leibes, wenn die erschöpfte Seele ihren Imperativ eingebüßt hat,« war eine jener Prägungen, die einen gewissen Einfluß auf die Geistesrichtung einer Zeit üben. (Also doch Romantik. Erinnern Sie sich an das Wort eines »romantischen« Arztes: »Nimmt die Seele die Krankheit nicht an, so kann sie den Leib nicht ergreifen.« Alles kehrt wieder.)

Wie zu erwarten war, wurde ihm dieser (keineswegs beabsichtigte) Versuch, wissenschaftliche Probleme zu popularisieren, von jenen, die sich selten nennen, dafür aber um so strenger richten, sehr verübelt. Man beschuldigte ihn sogar der Karriere-Macherei und zeigte sich umso erbitterter als er die Anklage durch sein Verhalten aufs bündigste entkräftete. Es wurde ihm damals eine führende Stellung im Reichsgesundheitsamt angeboten; er schlug sie rundweg aus. Während des letzten Kriegsjahres war er Chef des gesamten Sanitätsdienstes an der Ostfront gewesen, hatte dabei Erfahrungen genug gesammelt, um einzusehen, daß er in jedem Amtszwang verkümmerte. Es war seine abergläubische Überzeugung, er dürfe kein Kompromiß schließen, nach keiner Seite, um keiner Rücksicht willen, das sich nicht alsbald an ihm rächen würde, an der Aufnahmsfähigkeit seiner Sinne, der Sicherheit des Auges und der Hand. Trotzdem hatte er im Jahre 25 dem Drängen einiger Freunde in der Regierung nachgegeben und den Posten eines Generalgutachters der Eisenbahnen übernommen. (Vermutlich wollte man ihn sichergestellt wissen, das Jahresgehalt war sehr bedeutend, seine Einnahmen waren trotz des ungeheuern Umfangs seiner Klientel bei großen Aufwendungen verhältnismäßig gering, die Reste des Irlenschen Vermächtnisses hatte die Inflation verschlungen, ein Glück, daß Marie einige Jahre vorher das Gut gekauft hatte, das sie mit Hilfe ihrer Mutter mit günstigem Ertrag bewirtschaftete, dadurch war er der Sorge für sie und die Kinder enthoben.) Nach wenigen Wochen verspürte er aber ein derartiges Erlahmen seiner inneren Spannkraft, oder wie er es nannte: Leuchtstärke, daß er zunächst einen Urlaub zum Studium der rätselhaften Haffkrankheit nahm, die um diese Zeit an der kurischen Nehrung auftrat und zahlreiche Opfer forderte, und dann das Amt plötzlich niederlegte. Niemand begriff es, auch Marie verübelte ihm den unvernünftigen Verzicht bis zu einem gewissen Grad; schließlich sah sie ja immer alles ein und wußte, daß er nicht anders handeln konnte, in diesem Fall fiel es ihr schwer, sein Verhalten zu billigen und innerlich zu ihm zu stehen, nicht weil ihr gerade an dieser Stellung ausnehmend viel lag, so ehrenvoll und glänzend dotiert sie auch war, sondern weil schon damals in ihrem Leben eine schmerzliche Veränderung vor sich ging, etwa wie wenn ein Kristall sich trübt oder ein Baum, der bisher in jedem Frühling reich geblüht hat, auf einmal nicht mehr ausschlägt, man weiß nicht warum. Zudem kannte sie das Gesetz seiner Natur, die geheimnisvolle Wiederkehr geistiger Katastrophen, unter deren Einwirkung er unter Umständen alles von sich warf, um an irgendeinem Punkt, wo kein Mensch es vermutete, von vorn anzufangen, sie kannte das, denn sie hatte es bereits zweimal erlebt, das erste Mal vor Irlens Tod (wir entsinnen uns), das zweite Mal in den Tagen, als er vom Feld zurückgekommen war. Ihr ahnte, daß jene Amtsniederlegung nur ein Präludium war, ein Wetterleuchten, sie spürte es ihm an, sie wartete jahrelang auf den Ausbruch, mit ewig zurückgekämpfter Angst wartete sie: und so geschah es denn auch. (Doch damit greife ich weit vor. Es spielt da vieles hinein, was zu ausführlicher Darstellung drängt, vor allem die Beziehung zu Etzel von Andergast, sonst wäre ein Entschluß kaum verständlich, der seine ganze Existenz auf einen neuen Boden stellte und seine Anhänger, seine Freunde, die unabsehbare Schar seiner Patienten und Pfleglinge mit Erstaunen und Bestürzung erfüllte.)

 

Was die öfters erwähnten vierzehn Jahre betrifft, teilen sie sich in drei deutlich von einander unterschiedene Perioden, deren erste bis 1919 dauerte, während die zweite, eine Zeit der Rastlosigkeit, der Heimatlosigkeit, zugleich der innigsten Verbundenheit mit Marie, im Herbst 22 eine Art Abschluß durch den Tod Ninas erfuhr, den sie beide als Erlösung empfanden, da er es ihnen endlich ermöglichte, zu heiraten und einen geregelten Hausstand zu errichten. (Doch war da eine regnerische Vormittagsstunde auf dem Friedhof, als sie mit Ninas Sarg daherkamen und eine Krähe laut krächzend nah über seinem Kopf vorbeizog, da dünkte ihn, daß sie auch seine Jugend mit ins Grab hineinlegten und zuschaufelten und alles Sterben, das er in vier Jahren gesehen, kalt und wach wie einer der beim Jüngsten Gericht zugegen ist, zu einem einzigen grausigen Todesakt würde.) Ausführliche Angaben im Stil einer Lebensbeschreibung wären völlig unangebracht, was sich darbietet, ist ein Bild von Unruhe der Existenz, das sowohl die Epoche wie die Verfassung dieses Mannes kennzeichnet: immerwährender Wechsel des Domizils, Ausbrechen von Stadt zu Stadt; überall Suchen nach dem festen Punkt, nach einer Mitte der Bewegung, Marie stets tapfer folgend, erst mit Aleid und dem kleinen Johann Karl, der 1921 geboren war, und als Aleid in das Dresdener Erziehungsheim kam, nur mit jenem; dann 1925, nach der Geburt des zweiten Knaben, Ludwig Robert, die Erwerbung des Gutes Lindow, das nördlich von Neuruppin gelegen war, wo Marie anfangs nur selten längere Zeit verweilte, da sie ihren Mann ungern allein ließ; erst in den letzten Monaten zog sie sich häufiger und häufiger dahin zurück, als sie einsehen mußte, daß er ihr Dasein kaum recht wahrnahm. Es sind Daten, die ihren Platz haben müssen, aber etwa so wie das Kleingedruckte in den Geschichtsbüchern. Die dritte Phase, die nun sechs Jahre dauerte, brachte den Aufstieg, Ruhm, Erfolg, äußerliche Erfüllung. Nicht, was er davon erwartet hatte. Nicht das vollkommene Einverständnis mit sich selbst. Trotz einer Arbeitsleistung ohnegleichen, trotz täglicher vielfacher Bestätigung der Fruchtbarkeit dieser Arbeit nicht die unbedingte unerläßliche Zustimmung in der eignen Brust, die das Gelingen in einem höheren Sinn erst rechtfertigt. Warum? Das fragte er auch, wenn er irgendwann in seinem siebzehnstündigen Tag einmal zwei Minuten Zeit fand, um über sich nachzudenken.

 

Ohne den Krieg wäre er nicht geworden, was er war. Um in normalen Zeiten die Erfahrungen zu sammeln, die er sich dort aneignete, hätte er dreihundert Jahre gebraucht, wie er selbst sagte. Material lag buchstäblich auf der Straße. Man konnte wählen. Man konnte sichten. Es war eine millionenmal vergrößerte pathologische Anatomie samt Klinik. Es war alles da, alles, alles: für den Externisten, den Internisten, den Psychiater, den Bakteriologen, den Histologen, den Dermatologen, den Urologen, den Ophtalmologen, den Laryngologen, wozu aufzählen, alles, eine Universal-Lehranstalt von unerhörtem Ausmaß, ein gigantisches Seminar, in dem man gründlich erlernte, was es mit dem Menschen auf sich hat, wie er lebt und wie er stirbt. Verbranntes zerrissenes verfaultes Fleisch, zermalmte Knochen, vergiftetes Blut, wunderbare Fälle von Rückenmarksneurose, vasomotorischen Störungen, Paralysis agitans. Kein Glied, kein Organ, kein Nerv, keine Funktion, die sich nicht mit einer interessanten, oft geradezu demonstrationsreifen Verstümmelung und Beschädigung in Fülle und Überfülle dargeboten hätten, von Geistes- und Seelenwunden ganz zu schweigen, erst recht von der einfachen Durchlöcherung und dem einfachen schnellen Tod. Denn es gab vielerlei Tod, verwickelten langwierigen lärmenden anmaßenden unsaubern gemeinen Tod und stillen hohen geheimnisvollen seltenen, den zu studieren der Mühe wert war, weil es sich dabei gewöhnlich um unscheinbare Leute handelte, die von heroischen Idealen so wenig wußten wie von Bildung und Erziehung. Volk, das war jedenfalls etwas anderes als man zuhause gemeint hatte, etwas anderes auch als es in den Spitälern, Versammlungen, Kirchen und Kinos der Städte in unerfreulicher Menge in Erscheinung trat, etwas schwer zu Fassendes und im Einzelnen gar nicht Definierbares, man fühlte nur plötzlich auf eine unerwartete Weise, daß man dazu gehörte wie wenn man eines Tages die Nachricht bekommt, daß man einen Verwandten beerbt hat, den man nie gesehen. Die Massenhaftigkeit des Sterbens glich einer Rache der Natur an der Mannhaftigkeit des Lebens, von Auslese keine Rede, Schicksal? das wird auch der Trost der Weizenkörner sein, während sie gedroschen werden, und ob aus hingemähten Völkern himmlisches Brot gebacken wird, das ist noch die Frage. Es war ein Mechanismus, der sich als Gottheit aufspielte und ebenso planlos wie böse und dumm in Vernichtungsorgien schwelgte. Wer das Gemetzel nicht mit der Nüchternheit eines Schlachthausinspektors betrachtete, war schließlich doch in Gefahr, den Verstand zu verlieren, obschon der kein Arzt sein kann, der nur durch ein Zittern seiner Lider verrät, daß er selber leidet, wenn sich die Kreatur in rasenden Schmerzen vor ihm windet oder eine verstörte Seele ihn aus Augen anschaut, die nicht mehr Glanz haben als ein Mineral. Gewiß, die Qualen lassen sich betäuben, die Mittel sind dank den Fortschritten der Chemie so zahlreich wie unfehlbar, es ist als hätte sich der menschliche Geist beeilt, den Erfindungen seiner Mordlust einen versöhnlichen Schnörkel anzuhängen, doch hat noch niemand ergründet, was unterhalb der Betäubung vor sich geht und ob Bewußtlosigkeit gleichbedeutend ist mit Empfindungslosigkeit; wenn das Direktionsbüro auch geschlossen ist, in der Buchhaltung und in der Kassa wird vielleicht doch gearbeitet. Davon zu sprechen, lieben die Ärzte nicht, sie geben auch ungern Auskunft über ihre eigenen Gefühle. Abgehärtet wird der Harte, der Gewöhnliche gewöhnt sich, soviel scheint mir klar. Den der Anblick der Leiden leiden macht, ohne daß sein Blick sich trübt und seine Hand erlahmt, der hat eine höher geartete Kraft einzusetzen als der Mann aus Stahl, für den es keine Schrecken gibt, es ist eine andere Qualität der Wirkung. Und das war es, was Kerkhoven von vielen unterschied und was sich vom ersten Tag an bemerkbar machte. Der Grund seiner auffallend raschen Beförderung lag nicht darin, daß er gewillt war emporzusteigen und daher die ihm im Wege stehenden Hindernisse überwand, ganz und gar nicht, man bedurfte eben seiner, er konnte nicht übersehen werden, und man räumte ihm die Hindernisse von selbst aus dem Weg. Manchmal hatte er den seltsamen Gedanken: es gilt nicht mir allein, es ist noch einer dabei, dem es gilt, was wäre ich ohne ihn . . . Weiter zu denken wagte er nicht, hier war ein verrammeltes Tor.

Finstere Schule, durch die er ging. Es war wie wenn ein Maler einen Totentanz malen will und sein Dämon, der es gut mit ihm meint, läßt ihn einen erleben, wild und blutig, die blutige Vision vom Ende der Welt. Dann aber war er wirklich, was er vorher nur geglaubt hatte zu sein: Arzt.

 

Anfangs tat er wie alle aus der Zivilpraxis Einberufenen den vorgeschriebenen Dienst in den Feldlazaretten. Es dauerte nicht lange. Als er nach anderthalb Jahren die niederen Rangstufen hinter sich hatte, konnte er seinen Wirkungskreis selbst bestimmen, das heißt, er arbeitete für den gesamten Front- und Etappenraum seine Pläne aus und machte entsprechende Vorschläge. Wenn sie nicht die Absichten der Obersten Heeresleitung störten, ließ man ihm in der Regel freie Hand, und da unbeschränkte Geldmittel und Arbeitskräfte zur Verfügung standen, die ihm je weniger verweigert wurden, je sichtbarer die Erfolge waren, konnte er seine Ideen auf der breitesten Grundlage ausführen, ob es sich um notwendige Maßnahmen oder bloße Erprobungen handelte. Sein Interesse wandte sich hauptsächlich den Psychosen und Neurosen, den Nervenkrankheiten und Epidemien zu. Er errichtete Laboratorien, Ordinationszentralen und ambulante Beratungsstellen, die er alle unter persönlicher Aufsicht behielt, ohne jedoch auf eigene ärztliche Tätigkeit zu verzichten, im Gegenteil, der größte Teil seiner Zeit gehörte dem Lesen der Krankengeschichten, gründlichen Untersuchungen, Beobachtungen und Behandlungen. So war er häufig gezwungen, wenn er bei Tag an Ort und Stelle sein wollte, die Nacht im fahrenden Auto zu verbringen und zu schlafen so gut es ging, zuweilen nur um eines einzigen Falles willen, den er nicht aus dem Auge lassen mochte. Im Sommer 18 gründete er jene fast sagenhaft gewordene Waldsiedelung in der Ukraine (sie wurde ein Jahr später von der weißen Armee dem Erdboden gleichgemacht), die so weltentlegen war wie eine Blockhausniederlassung auf einer Südsee-Insel und wo er den sonderbaren Versuch unternahm (den er selbst nur als erstes Aufschimmern neuer Möglichkeiten bezeichnete), anscheinend hoffnungslose Fälle von Gemütsdepression durch eine Art von Wunscherfüllungsexistenz, begünstigt von der märchenhaften Abgeschiedenheit, in eine heilende Euphorie zu versetzen. Weiter verlautete darüber nichts, auch die Ergebnisse wurden nicht bekannt, aber die Tatsache zeigt, was für Träumen er sich damals überließ.

 

Es war nicht das, was ihm Ansehen verschaffte. Weder die Experimente noch die organisierte Fürsorge. Es war der Mann, der Mensch. Wenn er einen Krankensaal betrat, entstand die Stille der Spannung, alle Augen richteten sich erwartungsvoll auf ihn, auch die von Sterbenden. Er hatte keine Gewohnheitsphrasen, er war nicht jovial, er klopfte keinem auf die Schulter, teilte keine Trostsprüche aus, weder erheuchelte noch gutgemeinte, und wie sein Betragen ohne beschäftigte Strenge und ungeduldige Hast war, so daß jeder Patient der hilfreichen Täuschung unterlag, er widme ihm seine ganze Obsorge allein, zeigte er sich auch frei von der Nervosität, die bei manchen seiner Kollegen im Krieg zu einem richtigen Verfolgungswahn wurde, das Opfer von Simulanten zu werden, da er in den meisten Fällen auch die Simulation für eine Form der geistigen Erkrankung hielt. Niemals erlaubte er sich eine hochmütige Geste, ein zerstreutes Wegschauen, die gelangweilte Miene, die zu verstehen gibt: weiß ich alles, hab ich hundertmal gehört; das ironische oder schlaue Lächeln, das sagen will: du übertreibst, mein Lieber, ist lang nicht so schlimm, ich tu dir nur den Gefallen als nähm ich dich ernst. Nichts davon; wodurch er die Kranken vom ersten Augenblick an für sich einnahm und sogar in nachhaltige Verwunderung versetzte, besonders Leute aus dem Volk, war die eigentümliche Bescheidenheit seiner Haltung, die ungeteilte intensiv hingegebene Aufmerksamkeit, mit der er den geringsten Mann behandelte, die geringste Beschwerde freundlich entgegennahm. Was sie einschüchterte und manchem sogar ein wenig Angst einflößte, waren seine Augen, der verschleierte, schlafende Blick, der aus jäh geöffneten Lidern plötzlich aufspringen konnte, um sich einem in die Seele zu bohren. Es war wie eine schmerzhafte Injektion mit wohltätigen Folgen, indem sie ein schier unbegreifliches Vertrauen erweckte. Untergebene und Leute, mit denen er außeramtlich und nicht als Arzt zu tun hatte, verspürten natürlich eine derartige Wirkung nicht, man könnte sagen, ihnen gegenüber blieb der Blick »eingesperrt«, aber dadurch hielt er die Menschen ohne es zu wissen und zu wollen in Distanz, ja in einer gewissen Scheu.

Jedenfalls war eine Atmosphäre hochgesteigerten Zutrauens um ihn, die sich (im Bereich seines Wirkens zumindest) merklich abhob gegen den mit den Jahren stetig anwachsenden Dunstkreis von Übelwollen, Aufsässigkeit, Verzweiflung und Haß. Nicht nur bei der Truppe, in Spitälern und Infektionsbaracken, bei Mannschaften und Offizieren genoß er eine an Verehrung grenzende Achtung, sein Ruf war auch in die Dörfer und besetzten kleinen Städte gedrungen; an manchen Orten fanden förmliche Wallfahrten zu seinem jeweiligen Quartier statt und die Straße war stundenlang von Bauern und Juden belagert, die zu seiner Sprechstunde vorgelassen zu werden hofften. Lahme, Blinde und Bresthafte begleiteten ihn auf Schritt und Tritt und flehten ihn an, er möge sie heilen, und da sie ihn für einen Wunderdoktor hielten, verlangten sie oft nichts anderes, als daß er mit der Hand ihre Stirn oder ihre Brust anrühre. Den Juden dieser Gegenden war jeder Arzt ein Gegenstand heiligen Respekts, und wenn der Name von solchem Nimbus umgeben war wie der Kerkhovens, sahen sie ihn für einen Propheten an. Einmal brachte ihm ein jüdischer Dorfältester einen kleinen Beutel mit Goldmünzen und legte den Schatz schweigend vor die Füße Kerkhovens; er fühle sich seit seinem dreißigsten Jahr krank, erzählte er in seinem schwerverständlichen Jargon, der Herr Generaloberarzt möge ihn gesund machen; dabei konnte er nicht sagen, was ihm fehlte, er dachte wahrscheinlich: da ist ein berühmter Doktor, die Gelegenheit muß man benutzen, er kann auf alle Fälle was finden und mich vor einer richtigen Krankheit bewahren. Als Kerkhoven eines Morgens aus seinem Zimmer trat, hockte eine Frau vor der Tür, die ein bis zum Gerippe abgezehrtes Kind auf den Knieen liegen hatte. Bei siebenundzwanzig Grad Kälte hatte sie die ganze Nacht im Flur zugebracht. Während der Fahrt durch ein wolhynisches Dorf warf sich eine Schar von Bauernweibern, mehr als zwanzig, mit irrem Geschrei vor sein Auto. Durch einen Zufall hatten sie erfahren, daß er das Dorf passieren würde, eine Epidemie der zerebralen Kinderlähmung hatte in kürzester Frist drei Viertel aller Kinder hinweggerafft, von den Säuglingen bis zu den Zwölfjährigen, weit und breit war kein Arzt, und die Mütter der noch Lebenden waren es, die mit aufgehobenen Händen um Hilfe schrieen. Er ließ halten, ging von einer der elenden schmutzstarrenden Hütten in die andere, aber da war wenig zu tun, es war eine außerordentlich schwere Form der Meningitis, er teilte Chinin und Kalomel aus soviel er bei sich hatte, an durchgreifendere Maßregeln war bei dem ganzen Zustand des Ortes nicht zu denken. Lange konnte er die Augen nicht vergessen, mit denen ihn jede dieser Mütter anschaute, wenn er an die kümmerliche Lagerstätte trat; manche kniete vor ihm nieder und küßte seine Hände, seine Schuhe. Auch das Bild des betrunkenen zerlumpten Popen vergaß er nicht, der im einen Arm ein quiekendes Schwein, im andern das Kreuz hielt und unter einem verwilderten Bart ungeheure gelbe Zähne bleckte.

Die vielfache Berührung mit slawischer Welt, die nicht nur auf die unteren Schichten beschränkt blieb, erfüllte ihn mit Erstaunen und ahnungsvoller Abneigung. Die Mischung von Inbrunst und Schamlosigkeit, Leidenschaft und Schwäche, Bestialität und Mystik, die ungeheure Traurigkeit der Steppen und der Seelen, all dies Weite Schwere Maßlose und Amorphe alterierte ihn und zog ihn zugleich unwiderstehlich an. In seinen Briefen an Marie war oft davon die Rede, sie aber wehrte sich mit aller Kraft gegen das asiatische Unwesen, wie sie es nannte, ich will davon gar nichts wissen, schrieb sie, es ist mir unheimlich, es ist mir fatal, ich habe auch keine Lust, es zu verstehen, der Himmel behüte, daß wir uns damit befassen sollen. Trotzdem er ihre Empfindung teilte, war ein Zwiespalt in ihm, sein dunkleres Ich, das träumende, chaotische, das urkerkhovensche, war verlockt, erregt, sah die Grenzen des Seelischen erweitert, das andere (soll ich sagen das Irlensche, durch die Flamme des Irlenschen Todes gegangene?) erkannte die Gefahr und war auf der Hut.

 

Die Monate vom November 1918 bis Februar 19 glichen dem finstern Durchlaß zwischen zwei Straßen, einer verwüsteten im Rücken, auf der es nicht weiter ging, und einer neuen, die erst gefunden werden mußte. Was ihn in den ersten Wochen hinwarf wie einen abgesägten Baum, war nicht allein die aufgeschobene Selbsthilfe des Organismus gegen das jahrelange Übermaß an Kräfteverbrauch, war vielmehr die gewaltsame Korrektur einer Lebensrichtung, die bei einer so geschlossenen und immer gleich in ihrer Gesamtheit bedrohten Natur das zeitweilige Aussetzen der Funktion, ja, einen vorübergehenden Tod bedingte. Vermutlich wäre der Zusammenbruch ohne die allgemeine Katastrophe kein so tiefgreifender gewesen; aber der Anblick der Zersetzung, die Verdunkelung der Existenz, das Gefühl der Vergeblichkeit von Opfer und Hingabe forderten unerbittliche Prüfung der Erlebnisse und Erfahrungen, und da stand auf einmal wieder alles in Frage, Übung und Lehre, Wissen und Wissenschaft, alles stürzte ein wie ein Kartenhaus. Bis in die Nacht seiner Erschöpfung hinein spürte er die Lockerung, den Zweifel am scheinbar Gesicherten, das Schwanken des Bodens, auf dem er sich bewegt hatte. Als das Schlimmste überstanden war und er sich langsam aus den Trümmern herausarbeitete und wieder Hoffnung schöpfte und Licht sah, faßte er einen eigentümlichen Entschluß. Es lebte damals in Leipzig der Pharmakolog Heberle, einstiger Schüler und Freund des berühmten Naunyn, ein richtiger Sonderling, der eine Art Privat-Institut besaß, in dem er nur wenige Assistenten beschäftigte und wo er in jedem Jahr drei oder vier Vorlesungen abhielt, die in der Fachwelt als Ereignisse betrachtet wurden; nicht bloß die studierende Jugend, auch in der Praxis ergraute Ärzte und die anerkannten Größen der Fakultät drängten sich dazu. Er hatte etwas von einem alten Alchymisten, obschon er ein Mann der strengsten Forschung war, exakt wie die Instrumente, mit denen er wog und maß, und allen wissenschaftlichen Träumereien gründlich abhold; was nicht gewogen gemessen und gezählt werden konnte, war keiner Beachtung wert. Kerkhoven hatte vor Jahresfrist in einer bestimmten toxikologischen Angelegenheit mit ihm einige Briefe gewechselt, jetzt fragte er bei ihm an, ob er drei Monate in seinem Laboratorium arbeiten dürfe. Die Antwort lautete: Ja, kommen Sie. Heberle verstand nach dem ersten Gespräch, was er wollte. Natürlich handelte es sich diesmal nicht mehr wie vor fünf Jahren um die Elemente, der Lehrlingschaft war er entwachsen, aber als er erkannt hatte, welche Wendung es mit ihm nahm und wohin der innere Zug ging, suchte er instinktiv das Gebiet der unanzweifelbaren Feststellung auf. Es war eine Ruhepause. Überschau: was ist da, womit kann man rechnen. In seinem Schreibtisch hatte er ein Manuskript verwahrt, es hieß: Der Gehorsam gegen die Krankheit. Er hatte nicht die Absicht, das Werk zu veröffentlichen, tat es auch nie. Es war als Bekenntnis wie als Programm gleich revolutionär und hätte Acht und Bann gegen ihn heraufbeschworen. Diese Furcht hielt ihn nicht zurück, aber er wollte es für sich bewahren; die Schrift enthielt in der Anlage die ganze spätere Entwicklung. Sie war dem Andenken Irlens gewidmet. In ihrem allgemeinen Teil standen Sätze, wie von Irlens Geist diktiert. Als er Marie diesen Abschnitt vorlas, packte sie ihn genau so bei den Schultern und sah ihn genau so tiefbetroffen an wie einst, da er die Worte von der durchstoßenen Eisdecke gesagt hatte.

 

Heberle, der um diese Zeit nah an siebzig war, faßte ein Interesse für Kerkhoven, das sich nach und nach in väterliche Zuneigung verwandelte. Daß er die vor Kerkhoven zu verhehlen suchte, lag nicht an seinem Mangel an Umgänglichkeit und Welt (er war keineswegs der knorrige Wauwau und Kauz, als den ihn viele hinzustellen beliebten, sondern ein liebenswürdiger alter Herr), es lag an der zurückhaltenden Art Kerkhovens, der sich seit dem Verlust des einzigen Freundes, den er besessen, an keinen Mann enger angeschlossen hatte und auch in diesem Fall durch eine Menschenfurcht, die er nie loswerden konnte, schwer zu beseitigende Schranken zog; sie fielen immer nur, wenn ihm der kranke Mensch gegenübertrat. Dennoch entstand eine zarte und geistige Beziehung zwischen ihnen, wie sie sich nur zwischen Männern bilden kann, die einander bewundern, indem jeder das Leben und die Anschauungen des andern für tragisch verfehlt hält. Heberle weigerte sich leidenschaftlich, in der praktischen Medizin eine Kunst zu sehen, er verwies Begriff und Wort aus diesem Bereich und erklärte, es sei ein billiger Vorwand für Leute, die im trüben fischen wollten. Auch von der sogenannten Intuition des Arztes wollte er nichts hören, insofern damit der geringste Verzicht auf die wissenschaftlichen Grundlagen verbunden war. »Habt ihr Lust zu phantasieren, schön, dann heißt euch Künstler,« rief er aus, während er etwa ein Lötglas aus der Flamme zog, »für den wahren Arzt hat die Intuition nur eine heuristische und provisorische Geltung.« Er war aber nicht pfäffisch, in keiner Weise, und wenn er vom Einbruch einer gesetzlosen Psychologie in die Medizin wie von einer Heiligtumsverletzung sprach, konnte er lächeln wie ein weiser alter Priester, dem am Ende die menschlichen Angelegenheiten doch näher gehen als die kirchlichen. Als ihm Kerkhoven eines Tages seine Gedanken über die Beziehungen des Auges zu den Krankheiten des Herzens mitteilte, hörte er ihm zu wie einem Märchenerzähler, dann sagte er: »Wunderbar, ganz wunderbar, aber der Nachweis? der feste Punkt? womit kann ich da arbeiten?« Und da Kerkhoven schwieg, legte er seine kleine glatte Hand (die Hand eines Verwachsenen) auf die des andern und fuhr fort: »Ich erinnere mich, es wird jetzt fünfzig Jahre her sein, da kam der junge Naunyn einmal in aller Frühe freudestrahlend auf meine Bude und weckte mich erbarmungslos auf, um mir zu verkünden, daß er endlich die Flimmerhaare auf der Innenfläche des Echinokokkusmembrans gefunden hätte. Und das stimmte. Und es war was. Man konnte es sehen und belegen. Und er hatte Ursache, sich zu freuen.«

Ungefähr um diese Zeit war es, daß Kerkhoven gegen einen der Hauptpfeiler der herrschenden Wissenschaft jenen Angriff unternahm, den man ihm nie verziehen hat; in einem Vortrag, den er im Verein der Charité-Ärzte hielt, sprach er über die Kontagiosität der Epidemien, wies insbesondere bei der Serumbehandlung der Diphtherie die Fehlerhaftigkeit der statistischen Angaben, ja die Wertlosigkeit alles zahlenmäßigen Materials nach und stellte, unter unwilligem Kopfschütteln der Versammlung, dem Begriff der Ansteckung den der periodischen Massendisposition, hervorgerufen durch soziale Schwächung, gegenüber. Wider alles Erwarten fand er in Heberle einen Verteidiger, ich glaube, er selbst war am erstauntesten darüber. Heberle schloß seine kurze Ansprache mit den Worten: »Die Ausführungen des geschätzten Vorredners haben mich wohl nicht zu überzeugen vermocht, aber andrerseits bin ich außerstande, ihn zu widerlegen, da mir die bisherigen Erfahrungen nicht dazu ausreichend erscheinen, wenigstens nicht in dem Maß, daß aller Widerspruch für die nächsten drei Jahrhunderte zu verstummen hat. Sollte aber einer der anwesenden Herren zu einer klinisch und physiologisch unanfechtbaren Demonstration bereit sein, so wird der geschätzte Vorredner seinen Irrtum gewiß in Demut abschwören. Bis dahin bin ich verpflichtet zu sagen, daß eine millionenfache Erfahrung noch kein Naturgesetz ist und die verführerischste Wahrscheinlichkeit noch keine Wahrheit.« Hierauf erfolgte bestürzte Stille. Kerkhoven stand einsam, mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf, an einer Wand des Saals.

 

Und so ging er den schweren Weg. Einsam.

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