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Etwas über Shakespeares Schauspiele

Ulrich Bräker: Etwas über Shakespeares Schauspiele - Kapitel 8
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authorUlrich Bräker
titleEtwas über Shakespeares Schauspiele
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1. Leben und Tod des Königs Johann. 2. Leben und Tod Richards II. 3. Erster Teil Heinrichs IV.

Leben und Tod des Königs Johann

Ein charmantes Stück Arbeit, ich möchte es alleweil lesen und immer wieder lesen, und wenn auch nichts darin vorkäme als die Reden Faulconbridges und Arthurs. Nein, überhaupt hab ich noch keines gelesen, wo mir alle Szenen besser gefallen. Faulconbridge ist der schönste Mann im ganzen Spiel. Keiner als dieser und Arthur, dem ich durchaus gut war. König Johann und Leonore waren ehrsüchtige, gewalttätige Herodes. Pembroke, Essex und Salisbury wären gute Lords, wenn sie nicht durchliefen. Philipp, der König von Frankreich, und all sein Anhang war ein Erzlumpenpack. Der päpstliche Gesandte Pandulpho, ein erzdummer, giftiger Pfaffe, dem hast du die Worte viel zu gut in den Mund gelegt. William, gewiß konnte der Kerl nicht so sprechen. Constantia, die ist rasend schön. Blanka steht so auf dem Kreuzweg, zuletzt weiß man nicht, wo sie hingekommen ist. Herzbrechend ist der Auftritt, wo Hubert und Arthur auftreten. Gewiß, lieber William, wärst du selber Arthur gewesen und Hubert wäre mit dem glühenden Eisen auf deine Augen losgeschnurrt: in dieser Höllenangst hättst gewiß nicht rührender, nicht wehmütiger, nicht herzbrechender, und doch gesetzter und natürlicher sprechen können. Aber wärst du Hubert gewesen, o du hättest gewiß diesen holden Knaben nicht so lange um seine Augen wimmern lassen, nein gewiß nicht. Der harte Hubert, ich hätt ihn bald prügeln können, wann er dem liebenswürdigen Knaben nicht nachgegeben. Auch hätt ich ihn kaum können von der Mauer herunterspringen lassen. Was die Kriege, all die Metzeleien betrifft, bin ich kein Liebhaber. Aber du bist ein Mann, William, wenn du da die Feldherrn redend gegeneinandern aufführst. Ich glaube nicht, dass Goliath und alle enakischen Hohnsprecher ihre schwülstigen, kriegerischen, hoch daherdonnernden Worte so haben formen können. Aber du wärst auch Manns genug, zu zeigen, wie es solchen Prahlern geht, wenn's auch das Schicksal nicht tat. Zuletzt kommt da noch ein französischer, ehrlicher Edelmann, Melun, tödlich verwundet, aufs Theater, der die abtrünnigen engelischen Lords warnt, sich vor seinen Landsleuten, den Franzosen in acht zu nehmen. Gott, es ist doch von jeher so bunt durcheinander gegangen in der Welt. Mußten doch die Menschen von Anfang an so blutgierig sein.

Leben und Tod Richards des Zweiten

Allererst tritt eine schimpfende Partei auf, Bolingbroke und Mowbray, die einander des Hochverrats anklagen, daß eim alle Finger schwitzen. Es ist entsetzlich, wann die Menschen, die armen Erdenwürmer, ihres elenden Wort's wegen, Leib und Seele aufs Spiel setzen, Himmel und Erden zu Zeugen herbeirufen und oft den lieben Gott beschwören, daß er ihr Zeuge sein soll. O es ist ein brutales Ding um die Menschen. Oft um nichts, nur weil sie ein einziges Wort nicht widerrufen wollen, kost's Leib und Leben. Hier war ein König nicht vermögend, diese ergrimmten Lords zu besänftigen, bis er sie verbannte. Mowbray mag in der Verbannung gestorben sein, aber Bolingbroke wurden seine Güter eingezogen. Diese und andere Ungerechtigkeiten erregten große Gährungen in Engeland. Bolingbroke fand bald einen gewaltigen Anhang. Richard ginge wider die Walliser ins Feld. Unterdessen bemächtigte sich Bolingbroke des Königreichs. Dem König wurde alleweil Botschaft gebracht, wo ihn je eine stärker angriff als die andere. Richards Reden und Verhalten, von dem ersten Gerücht bis zu seiner Arretierung und seinem Tod, dünken mich sehr schön, machten mir viel Gedanken. Freilich ist der Fall groß von einem Thron herab ins Kot. Ein nichts bedeutender Weltbürger kann nicht so hoch abfallen, und je tiefer einer fallt, desto weher wird's tun. Doch ist schon mancher nur aus dem Kot in Dreck gefallen und hat jämmerlich genug geheult. O Richard, es muß schmerzen, so tief fallen; aber mancher arme Tropf hat in seinen Ideen mehr als du hattest, und fallt in seinem Leben nicht nur einmal, sondern manchtausendmal von seiner Herrlichkeit ins tiefste Elend. Und du hattest noch das Vergnügen, tausend Beispiele ähnlicher Fälle gefallener Fürsten zu lesen. O mancher sich in Elend krümmende Wurm gäbe, was er hätte, wann er so viel Vorgänger abgemalt vor sich sehen könnte. Eben, das ist sein größtes Leiden, wann er glaubt, der Einzige zu sein von Anfang her, dem es so begegnet, daß er so unbemerkt, unbedauert in seinem Elend allein zabbeln müsse. O Richard, du konntest sehr schön über deinen Fall moralisieren, – das kann ein armer Tropf nicht – aber du konntest doch das Wehtun nicht hindern, du mochtest dir auch den Pomp und Pracht samt dem menschlichen Leben so eitel und hinfällig vorpredigen als du wolltest. Stolzner Bolingbroke! wie himmelweit mögen deine und Richards Gedanken voneinandern sein – aber dein Heraufsteigen ist gefährlicher als Richards Herabsteigen. Erbärmlich ist der Abscheid zwischen dem König und der Königin. Auch eine erbärmliche Szene, wo York seinen Sohn Aumerle selber als Verräter entdeckt und verklagt und die Mutter da auf ihren Knien Gnade schreit. Da müssen auch unruhige Köpfe Engelands Söhne sein.

Erster Teil König Heinrichs des Vierten

Hier sitzt Bolingbroke auf dem Thron. Ich bin ihm nicht mehr gut wie in seiner Verbannung, ich möchte lieber wieder Richard als diesen. Großer Menschenmacher, mußt du deine Menschen immer umbilden, oder tun sie es? O, der Stand bildet alle um! Wie genau folgest du der Natur. Und wenn's auch Bolingbroke nicht getan hätte, das ist der Menschen Art; Veränderung des Standes zeigt der Welt, was sie sind. Wie manches Glückskind predigt aller Welt Ruhe und Zufriedenheit; aber laß es nur ein Unglück überrumpeln, so wird sich der Hiob zeigen, wie er in der Asche heult. Wie mancher Bettler klagt über den Stolz und Hochmut der Großen: laßt ihn groß werden, er wird der Ärgste sein unter Allen.

William, hier waren deine Tage recht heiter, hier hast du Charakter gezeichnet, die dir schwerlich einer nachmachen wird. Recht sonderlich bin ich in eine Hotspur verliebt, wie ich es in einen Falconbridge war. So sehr ich sonst blutdürstige Leute hasse, muß ich doch diese lieben, wegen ihren beliebten Launen; und so einem Helde verzieh ich's gerne, der nur Unterdrückungen nicht leiden kann. Hotspur ist ein Mann, dem ich Gesellschafter sein möchte, und wenn's auch in die andere Welt ginge. Und seine Lady, sein Käthchen, ha, die ist so nett gezeichnet, daß man schwören sollte, man sähe das Original vor sich, man hätte sie in ihrem Leben gekannt. O Hotspur, ich verfolgte dich überall mit meinen Glückwünschen, und doch halfen sie nichts. Nun könnt ich nichts, als dir auf dem Schlachtfeld eine Träne weinen und denken, ha, das ist allemal das Ende rechtschaffner Helden, wo feige Memmen trocken hinterm Ofen sitzen. O Glück, deine Lieblinge sind dumme Gecken, falsche Spitzbuben, feige Memmen, Häßligesichter, Überbeiner, Högger und Kröpfe, die weder Sonne noch Mond kennen, denen Disteln und Rosen einerlei ist.

Hotspur, Douglas, Mortimer, Worcester, Glendower, o ihr davidischen Helden, man muß euch gut sein. Obschon ihr Rebellen sind, seid ihr doch wahre Helden; ihr allein wißt, wie schwer es ist, den Hals unter ein sklavisches Joch zu biegen, ihr allein, denen keine Sklavenseele gegeben ist. Und o ihr Fürsten, wie unsicher ist euer Thron, da ein einziger Stein, mit Blut bespritzt, zum Grunde liegt. Ihr solltet euere Throne besteigen wie David, der wollte nicht Blut zum Grunde haben, war ein Vatter echter Helden – o diese lassen sich nicht ins Bockhorn treiben, solang die Welt steht und es Helden gibt.

Nun kommt eine andere Klasse von lustigen Burschen aufs Tabet. Ich danke dir, William, hier hast du das Ernsthafte und Lustige auf eine angenehme Art zu vermischen gesucht. Prinz von Wallis, Königssohn, diesen rechne ich aber nicht zu der lustigen Bande, schon er eine Zeit lang aus Politik mitlief; aber Falstaff, Poins, Gadshill, Bardolph, Peto, die Wirtin Quickly: das sind lustige Brüder, in deren Gesellschaft man nie müde wird. Ich dachte oft, es sei eine Schande, daß ich so verliebt in diese Spitzbuben-Rott – je nun, ich kann mir nicht helfen, wenn ein Dichter so den lustigen Weltzank zu spielen weiß der kälteste Bietist müßte ihn lieben. Falstaff ist ein Mann, man kann ihn unmöglich hassen; so sehr er auch ein Schurke ist, hat er alleweil soviel Vernunft, Witz und List, daß er sich beliebt machen kann. Seine Laster erscheinen an ihm bei weitem nicht so häßlich als an einem andern. Seine Bildung, sein schneller Witz, der ihm so flugs aus aller Verlegenheit heraushilft, macht sein Lügen zu lauter angenehmen Schwänken. Der Himmel verzeihe dir, Falstaff, du bist ein Erzlumpenkerl, aber doch hast du weit mehr Menschen belustigt als beleidigt. Wann ich schon zehen von unsern lustigen Brüdern zusammenschmiedete, könnt' ich schwerlich so ein adelicher dicker Hans mit allen deinen Qualitäten, Formen und Figuren daraus machen. Gut, ich werd dich mehr antreffen, aber du wirst deinen Prinzen anderst finden.

Siebenter Band

Drei historische Schauspiele

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