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Etwas über Shakespeares Schauspiele

Ulrich Bräker: Etwas über Shakespeares Schauspiele - Kapitel 3
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authorUlrich Bräker
titleEtwas über Shakespeares Schauspiele
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1. Der Sturm. 2. Ein Sommernachtstraum. 3. Die beiden Veroneser.

Der Sturm

Wie konntst du, großer William, so ein Meisterstück machen, ohne eine ähnliche Geschichte zu wissen – freilich an Erfahrung wird's dir nicht gefehlt haben. Da in den ersten Auftritten das wütende Meer, die brausenden Wellen, die stürmenden Winde, dann der Matrosen ihr desperates Verhalten mag dir bekannt genug geworden sein. Aber wie konntest du so ein gräßliches Wetter, Feuer und Flammen auf die Bühne bringen – nein, das dachtest du nicht. Aber wie konntest du da einen Ariel erschaffen – Menschen, Luft und alle Elemente einem Geist Untertan machen und – nein, du hast keinen boshaften Geist gemacht – doch er mußte ja dem edlen Prospero gehorchen. – Aber wie können Menschen die Geister sich gehorchen machen? Ei, wir haben ja noch heutzutag Exempel genug unter uns, daß es Geisterbeschwörer gibt – das Wettermachen wird dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben. Wozu sonst all die priesterlichen Segnungen der Felder und Acker – wissen wir doch, daß es Fürsten des Lufts gibt – aber wissen wir denn auch, ob sie einige Macht haben über die Elemente oder nicht? Freilich ist's geschrieben, aber geschrieben ist nicht gedruckt, und gedruckt ist nicht erwiesen. Dein Sturm gefallt mir, lieber William, er hat keiner Seele Leids getan – und da hast du lauter so lustige Bursch, die imstande sind, einen solchen Sturm auszuhalten. Deine wüste Insel möcht ich gar für mein Eigentum, wenn kein Kaliban drauf wäre, und auch eine Miranda, wenn sie auch nur halb so gescheit wäre. Dein Prospero ist mir zu mächtig. Wir haben noch alleweil Leute genug, die bannen – gfrören – gestohlene Sachen rumschwören können – aber solche sind, wenn ich's auch glaubte, nicht meine Leute, und wenn sie so glatt wären wie Butter und so fromm wie Prospero. Antonio, Sebastian, Stephano hasse ich – Trinkulo, Kaliban machen mich zu lachen. Dem alten ehrlichen Gonsalo bin ich recht gut – am meisten aber bin ich in die Insel verliebt. Meine Ideen sind so anmutig, alles so reizend um Prosperos Hütte herum, das schönste Grün, die zierlichsten Bäume, mit lieblich duftenden Blüten prangend, das holde Gesang der prächtigsten Vögel – dann die herrlichste Lage. Ariels Musik in der Luft, die wiegt einen so in melancholische Träume ein, daß man ein gutes Weilchen da zu Hause ist, die schönsten Blumen pflückt und schier halb Ferdinand ist, und sich bald an Miranda vergriffe, wenn einen das Ungeheuer Kaliban und der besoffne Kellermeister nicht weckte.

Wer muß dich nicht als einen wundertätigen Theatergott ehren: Erst läßt du alles zu Grund und Trümmern im Sturm, Wind und Wetter, in Feuer und Flammen aufgehen, wirfst alles durcheinander in ein Chaos, daß jeder alles ussert ihm verloren glaubt – und endlich bringst du wieder alles so herrlich zusammen, wie der Küfer die Dugen zu seinem Faß. Was würde die Zauberkunst schaden, wenn sie alles so gut machte und der Gerechtigkeit auf den Thron hülfe. Genug, lieber William, dein Sturm hat mir viel Vergnügen gemacht, mir viel Materie zum Denken gegeben und oft in Labyrinthe geführt, in denen ich mit allen Freuden herumirrte und nicht herausbegehrte. Alle deine spielenden Personen, selbst das Ungeheuer Kaliban ist schön. Aber da sollst du sehen, lieber William, daß ich ein Klotz bin, grad die Personen, die vielleicht am schönsten sind, mag ich am wenigsten – Prospero und seine Miranda sind mir gar zu schön.

Ein Sommernachtstraum

Verzeih mir, lieber großer Mann, ich könnte dir auch mit Sommer- und Winternachtsträumen aufwarten, du würdest mir drauf hofieren. – Nein, so grob will ich deinem nicht begegnen – ich müßte ein Narr sein. Vielleicht schmeckt er deinen Engeländern ebenso gut als mir dein Sturm, und wann je ein Mann für allerhand Leute geschrieben, so hast gewiß du es getan. Dein Traum laß ich ungescholten, aber ich versteh ihn nicht – das Gereim hat mir einen ekeln Ton. Wenns mir je in meinem Leben träumt, daß ich im Schlaf in eine Gesellschaft komme, wo's in diesem Ton fortgeht, werd ich gewiß schlafend übers Bett hinausspringen. Da kommt ein Theseus, Lysander, kurz jede Fee mit ihren hölzernen Versen daher. Ich weiß nicht, was die Feen für Dinger sind, und wann ich's wüßte, möcht ich nicht mit ihnen umgehn, sie wären mir zu geschwind.

Die Personen des Zwischenspiels, die sind in diesem Traum meine Leute: Squenz, Schnock, Zettel, Schnauz, Flaut, Schlucker – wenn sie nichts redten, nur die bloßen Namen sagen mir, daß sie närrische Kerl sind. Ei, mein gelehrter Kritikus, da verrät er sich, daß er ein Tor, ein Narr ist. Oho, mein feiner, weiser, ernsthafter Mann, mit allen Freuden laß ich mich in die große Narrenzunft der Welt einschreiben – oder sage mir, ist nicht die große Welt das große Narrenspital? O weiser Jüngling, der du auf die große Schaubühne der Welt auftrittst mit einem Kopf voll Pläne, einem ganzen Rodel voll weiser Projekte – am Ende wirst du sehen, daß deine Rolle nicht viel besser ist als des Zettels seine. Oder wer spielt seine Rolle am besten – der seine Zuschauer am meisten vergnügt, oder der sie am meisten belehrt? Ich weiß es nicht, aber das weiß ich, daß die größten Narren den größten Beifall finden. Ihr müßt mir aber meine Narren nicht mit den eurigen verwechseln, sonst kam ich zu kurz. Es gibt ja vielerlei Narren, und wenn's drauf ankommt, was je einer aus dem andern macht, so ist wirklich die Welt platzvoll Narren – das müssen sich die größten Gelehrten gefallen lassen, die, welche von der halben Welt als Götter, als Weise verehrt werden. Die wissen's, daß sie von andern für Narren gehalten werden, und wenn sie das nicht wissen, so haben sie schon ein Stück vom Uelishut. Aber was geht mich das an, ich hab es mit dem Sommernachtstraum zu tun – es freut mich, daß es ein Traum ist – sonst aber wollt ich am liebsten mit Squenz und seinen Gesellen in der grünen Flur zwischen Zaun und Hecken spielen. Gute Nacht, Sommernachtstraum.

Die beiden Veroneser

Das ist mir ein wohlgemachtes Stück, aber ich zähl es mir doch nicht unter die besten, aber unter die mittlern. Proteus hat mich böse gemacht, ich hätt ihm Hundsfott gesagt, wenn er's mir so gemacht hätte; nein, ich hätt ihn gar beim Kopf genommen, wenn er mir bei einer solchen Silvia ins Gehege kommen wäre. Doch Valentin dünkt mir auch ein Tor, daß er sein größtes Geheimnis seinem Freund offenbarte, der in diesem Fall noch keine Probe gehalten: ich meinte doch, wenn einer von Jugend auf mit einem Freund umgeht, sollte einen besser kennen, ob er imstand wäre, in diesem Fall zum Verräter zu werden. – Doch was tut die Liebe nicht – schon vor manchhundert Jahren hat's geheißen, Wein und Weiber betören die Weisen. Der Herzog hat recht gehandelt – ich tat es auch nicht – nein, um alle Welt nicht, eine Tochter ließ ich mir nicht so leicht wegstehlen – und doch hätt ich's auch getan, wär ich Valentin gewesen.

Aber Julie, die arme Julie! Nein, Valentins Verbannung hat mein Mitleid nicht so rege gemacht als Julies Schicksal – nein, das ist zu viel für ein Frauenzimmer: so standhaft lieben, einen Untreuen, Meineiden lieben und von seiner Untreu Augenzeuge sein; nein, so ein Weibsbild gibt's nicht in der Welt. Doch ich will das schöne Geschlecht nicht tuschieren, vielleicht gibt's noch viel solche; aber man sollte sie zu Rittern schlagen, ein Ordenszeichen umhängen, daß man sie kennte. Lucette, du bist viel mehr Weib als Julie, und doch hast du Männerverstand, fast gar die Gabe zu weissagen. Zum Mitleid bewegend ist die Räuberbande gemalt. O, wie mancher ist schon von seinen Nebendgeschöpfen fast gezwungen worden, ein Bösewicht zu sein. Ja, meine zwei Hauptmänner sind noch dahinten, und die sind Skeed und Lanz. Mich nimmt wunder, lieber Sir William, wie du hast können zwei solche Kerls so meisterhaft zeichnen. Nimm mir's nicht übel, lieber Sir, wenn ich auf den Grund komme; es heißt, je fäuler Studenten, je besser Herren. Du mußt mir auch ein rechter Bube gewesen sein; man sollte dich nur so von zehn bis in die zwanzig gekannt haben – o ich weiß es gar zu wohl, die Sprünge gehn eim nicht so leicht vom Hirn weg. Ja, ja, Skeed, ja, Lanz, ihr seid wackere Kerls; ich wette zehn gegen eins, wo ihr auf der Bühne nicht mehr Beifall findet als euere Herren, und wenn ihr nicht gescheiter sind als sie, so will ich Hans heißen. Spotte nur nicht, lieber Autor, über Lanzens Freierei, über sein braunes Baurenmädchen – melchen ist so gut eine Tugend als sticken und nähen – und der üble Atem ist von einer Stadtnymphe entlehnt; Lanz wird's besser riechen, er ist kein Narr nicht. Lieber Lanz, du magst wohl ein bischen ein ungehobelter Burscht gewesen sein, aber ich weiß doch, daß du feiner sein könntest, wann du nicht sähest, daß du deine Zuschauer belustigst. Aber wann dich irgend ein Junker agiert, ha, dann gibt's ein läppischer Auftritt. Man lacht über dich, wann du so in allem Ernst mit deinem Hund Krab sprichst – aber lache du auch, wann ein Pastor ganze Stunden mit seinem Schatten spricht, ein Philosoph mit seiner Katze, ein Doktor mit seiner Salbbüchse – lache auch, ich will dir helfen. Meiner Treu, du und Skeed sind zwei brave Kerls. Wenn euere Herren sonst nichts verschuldt haben, als daß sie euch prügelten, so ist ihre Widerwärtigkeit verdient. Aber so spitzfindig seid ihr nicht, man tut euch unrecht – geradezu, wie's im Busen steckt – das laß ich gelten – aber so Wortklauber, nein – und doch hab ich so Junkerdiener gekannt, die ein jedes Wort im Mund verdrehen konnten. Gut, ihr sind meisterhaft gezeichnet – Skeeds Gespräch mit seinem Herren, wegen Silvia, und Lanzens mit seinem Schuh und seinem Hund sind Meisterstücke, die von keinem Gelehrten ohne Erfahrung können gemacht werden. Aber wer sich in der Welt ein bißchen umgesehen hat, wird sich zu erinnern wissen, daß er Skeed und Lanzen genug gesehen hat. Ich habe mich oft verwundert, wie diese Kerl sich, nur ihren Herren zu gefallen, närrisch stellen mußten und Tag und Nacht nur auf die Wortspielerei studierten, daß sie ihren Herren in Gesellschaften Freude machen konnten. Zuletzt wird's ihnen zur Gewohnheit, daß sie nicht mehr vernünftig reden, alles nur vertrüllt; und wann sie selbst zu Herren werden, ist gar nicht mit ihnen umzugehn. Andere müssen wider ihren Willen närrische Kerl sein – und die sind froh, wenn sie von einem närrischen Herren weg und zu einem vernünftigen kommen können.

Zweiter Band

Drei Lustspiele

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