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Etwas über Shakespeares Schauspiele

Ulrich Bräker: Etwas über Shakespeares Schauspiele - Kapitel 13
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authorUlrich Bräker
titleEtwas über Shakespeares Schauspiele
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1. Troilus und Kressida 2. Cymbeline 3. König Lear

Troilus und Kressida

Nicht so gar traurig, nienen so traurig wie das vorige. Es fehlt ihm zwar nicht an Schönheit, überall sieht man des Dichters großen Geist, und doch ist es für unsereinen ein bißchen langweilig. Jedoch wollt's ich lieber lesen als auf der Bühne sehen. Das griechische Lager vor Troja voll griechischer Helden mit ihrer über- und unterirdischen Weisheit, so in einem Götterton, wäre nicht nach meinem Humor. Ich hörte sie viel plaudern, aber wenig handeln sah ich s'. Erst kommt Troilus, Kressida und ihr Vetter Pandarus auf die Bühne, hernach kommen einen ganzen Haufen schwätzhafte, prahlerische Griechen, die so hoch dahermoralisieren, philosophieren und einandern kritisieren, einen Agamemnon, Ulysses, Achill, Nestor, Ajax, Menelaus, Diomedes, Patroklus, Kalchas, Thersites. Dieser ist der lustigste, schon er ein boshafter, schmähsüchtiger Pflegel ist; ohne ihn und Pandarus wäre die Bühne gewiß trocken genug für die, welche dem Lustigen wegen dahin kommen. Pandarus ist ein ehrlicher Allerweltsplauderer, der Kuppeler zwischen Troilus und Kressida. Kressida scheint ein gutes l[ei?]chtes Mädchen, das witzig genug ist, spröde zu tun, aber auch leicht genug, sich bald zu ergeben. Troilus ein feuriger Prinz, zur Eifersucht geneigt. Trojaner sind sonst ein Priamus, Hektor, Paris, Deiphobus, Helenus, Aeneas, Antenor, denen bin ich allen günstiger als den Griechen, weiß nicht warum, mich dünkt, sie reden so allgemeiner, nicht so schwülstig wie die Griechen.

Die Hauptgeschichte soll eine Belagerung von Troja wegen einer geraubten Helena sein. Troilus und Kressida liebten einander im Geheim, Pandarus bringt sie zusammen und knüpft ein Ehband. In der Brautnacht kommt ihnen Bericht, daß Kressida den Griechen gegen einen Antenor soll ausgewechselt werden – ha, das ward ein herzbrechendes Scheiden. Kressida wurde einem Griechen Diomedes zur Verwahrung übergeben, der ward bald in sie verliebt, mag sie nachher auch ziemlich besiegt haben. Troilus konnte ins griechische Lager kommen und heimlich durch einen andern in Diomeds Zelt, wo er horchen konnte, wie vertraut Diomed und seine Kressida taten, das war freilich ein harter Kampf für Troilus. Er sahe, wie sie dem Diomed seine Halskrause, das Ehpfand gab, das schwur er morgen an seinem Helm zu tragen, damit es ihr voriger Liebhaber kennen würde, das war Pulver in Troilus Busen. Morgens ging's ins Feld. Einen Hektor fordert ein Grieche zum Zweikampf auf; seine Andromache und seine Schwester Kassandra wollen ihn absolut nicht gehen lassen, aber sein Heldenmut will nicht eher als mit seinem Tode befriedigt sein –. Ein Achill erlegte ihn. Troilus verlier ich gar im Schlachtfeld, daß ich nicht weiß wo er hingekommen, und von Kressida wird sich nur nicht mehr gedacht. Wenn man mir vollends ihr Schicksal gesagt hätte, so hätte ich Mitleid mit ihnen, aber so frag ich nicht viel nach Troilus und Kressida. Sie hatte einen lustigen Bedienten, Alexander. Sonst blähete sich dein Geist in diesem Stück, lieber Sir William.

Cymbeline

Ich kann nicht glauben, daß du deine Werke, großer William, so wie sie sind, alle einandernach gemacht; nein, dein Gemüt, dein Geist sagt mir's, daß du bisweilen dies, bisweilen jenes gemacht hast. Deine Personen sagen mir's, daß du bisweilen dein Pferd Genie auch gespornt, bisweilen ging's von selbst einen guten Trab, bisweilen galloppiert es daher so hitzig und feurig, daß man lieber hätte, es ginge sanfter, da man Zeit hätte, seine Form und seinen Gang zu beobachten. Hier hast du wieder ein Stück für mich, mir an die Seele gemacht, hier floß dein Geist wie eine sanfte Quelle, er fühlte all das Schöne, das Menschliche in der mittlem Sphäre. So schön, voll inniger Anmut, so beweglich, so rührend ist Cymbeline. Die herrlichsten Szenen – sei es Geschichte oder Roman oder was es will, genug, ich les es mit Vergnügen, kann's in die Seel hinein trinken, wie ein labender Trank. Troilus und Kressidas Liebe hab ich nur von weitem gesehen, aber Posthumus und Imogens ihre, o, die geht mir innig nah; jene schien mir nur geschnitzelt, aber diese so, o so lebhaft, so natürlich, so ehrlich fromm, daß ich schwören würde, ich hätte solche gefühlt und gesehen, schon du sie, o Dichter, an einen Hof verlegt hast. Dann der gute, gute, ehrliche Pisanio, so redlich und fromm – o, William, man merkt dir es an, daß du auch gar zu sehr in so eine redliche Seele verliebt warst, daß du, wie von einem Strom hingerissen, zuletzt gar einen Romanhelden aus ihm machest. Bei Cymbeline bist du schonend, aber doch sieht man den Weibernarren deutlich genug vor sich. Dann seine Königin, o, die hast du wacker gebrandmarkt. Nett ist die verschmitzte Hexe gezeichnet. Was brauchte es mehr, einen auf so eine falsche Kanaille recht böse zu machen, daß man sie mit einer Peitsche wacker abhabern möchte, was brauchte es mehr, als deine Charakterzüge; und da hast du gar nichts Übertriebens – gewiß es gibt noch tausend solcher Weiber, die, wann sie ihre Macht hätten, es gewiß nicht besser machten.

Da ließest du einen guten, verbannten Posthumus in Rom so in eine Gesellschaft kommen, wie die Gesellschaften überall sind, von guten und bösen Menschen. Da ist ein redlicher Philario, danebend aber ein Spitzbub Jachimo. Ha, diesen Jachimo muß man überall verfolgen, man kann kaum erwarten, bis die Rache kommt. Welch ein boshafter Bube war dieser Jachimo, welch teuflische Schwanke bot ihm sein Spitzbubengenie dar. Als er in ihrem Zimmer die unüberwindliche Imogen vor sich hatte, hätte er ihr nur einen Schlaftrunk beibringen können, so wäre das Kleinod vom Arm nehmen und das Mal unter ihrer Brust begucken ein bißchen natürlicher herauskommen. Welch rührende Szenen, wo dieser Kerl Posthumus von seiner Imogen Untreu überzeugt – wie er da in einer Wut über das schöne Geschlecht herfährt und auch seine Mutter verdächtig macht – das war so natürlich – das schien ihm so, wann er an seinen Umgang mit Imogen dachte, wie fromm sie gegen ihn tat, ihn zur Enthaltsamkeit hielte – und dieser verruchte gelbe Kerl, o, konnte er änderst denken. Aber noch rührender, wie Pisanio den Befehl zur Ermordung bekam, und Imogens Verhalten, als sie die Briefe las. Da möchte man den Engel ins Paradies führen und ihr einen zehnmal edlern Posthumus geben. Aber die Einsiedelei, wo Belarius, ein von zwanzig Jahren her verbannter Lord, mit seinen zwei gestohlnen Königssöhnen Guiderius und Arviragus sich aufhielt, das ist reizend schön, – aber verziehe, William, hier bist du aber ein Fürstenschmeichler. Ei, daß doch Fürsten extra Blut haben sollten, das sich hier in dieser kalten Wüste nicht verändert hätte. Cymbeline war mir auch der rechte, du hättest ihm eine ander Kappe aufsetzen müssen wie Heinrich dem Fünften. Warum sollte Kloten – doch nein, diesen hast du meisterhaft gezeichnet – solch einer Königin Söhnchen – ein so vornehmer, ochsenmäßiger Flegel hättst du nicht schöner malen können.

Aber soll das ein Trauerspiel heißen? Nein, lieber William, es ist kein sonderlich Trauerspiel, es hat mehr Freudiges als Trauriges; der Streich, den Jachimo zwischend Posthumus und Imogens Liebe spielt, ist freilich traurig, aber er endet ja desto freudiger – oder soll das klägliche Ende der Königin – freilich, daß sie eine Bösewichtin war, daß die Menschen so böse sind, das ist traurig – aber es ist ja befriedigend zu sehn, daß Bösewichter gestraft und der Gute nach den Leiden belohnt wird. Soll's so traurig sein, daß Guiderius Kloten den Kopf abhaut und ihn per Spaß die Themse herunter schickt, der Königin zu sagen, wie er gefochten habe – nicht gar so traurig; solche Köpfe nützen nicht viel auf ihren Rümpfen, wann sie hundert Jahr darauf stehen – nein, das war lustig. Oder soll die Schlacht so traurig sein – nein, dergleichen Schlachten sind recht possierlich; die diente zum Glück Posthumus', Imogens, Belarius und seinen königlichen Helden, sie befreiten ja das Extrablut Cymbelines. Was wird das für entzückte Freude sein, zwanzig Jahr verlorne Söhne zu finden, todgeglaubte Imogen zu sehen und diese einen wiedergebornen Posthumus zu herzen, ein verräterisches Weib begraben und einen reuenden Bösewicht Jachimo in den Händen haben und Gnade erteilen. Gewiß ein charmantes Lustspiel, du hast es zierlich gedrechselt, William, habe Dank dafür.

König Lear

König Lear soll vor uralten Zeiten, schon zu Zeiten Joas, König von England gewesen sein. Der Hauptinhalt dieses vortrefflichen Spiels ist kurz dieser: Lear hatte drei Töchtern: Gonerill, Regan und Kordelia. Gonerills und Regans Männer waren Herzog von Kornwall und Herzog von Albanien. Lear, vom Alter gedrückt, wollte seine Tage ruhig zubringen und sein Königreich seinen Töchtern verteilen. Er befragte sie um ihre Liebe gegen ihn. Die zwei ältesten logen ihm viel süße Schmeichelworte von ihrer Liebe und Hochachtung vor. Kordelia, die jüngste, aber sagte aufricht und ehrlich heraus, sie liebe ihn, so viel die Pflicht von ihr fordere. Dies zog ihr den Haß ihres Vaters zu, daß er sie enterbte. Aber Frankreich heiratete sie ihrer Tugend wegen. Die zwei Ältesten bekamen das Königreich und sollten wechselsweis jede einen Monat ihren Vater erhalten mit einem angedungenen Hofstaat. Sie vergaßen aber ihre Kindespflicht und begegneten ihrem Vater grausam, daß er zuletzt wahnwitzig im armen Leben herumlief wie ein Bettler. Ein Graf von Kent hatte sich der Kordelia angenommen; wurde aber deswegen verbannt, und gleichwohl nahm er sich des unglücklichen Königs an und berichtete seine getreue Kordelia von seinem Elend. Zletzt wurde ein Krieg draus, und alle, auch Kordelia, nahmen ein trauriges Ende, ussert dem Herzog von Albanien, der nicht so viel Anteil an diesen Bosheiten hatte. Auch hat der Dichter eine grausame Geschichte von einem Graf Gloster und seinen Söhnen Edgar und Edmund hineingeflochten. Der Bösewicht Edmund, ein Bastard, ward zum Verräter an seinem Bruder, seinem Vater und an allem Unheil schuld.

Dies ist mir eins von den allerschönsten Stücken – es setzt alle Lebensgeister in Bewegung – ich las und konnte nicht aufhören, ich war ganz Leidenschaft, bald in Zorn entbrannt, bald so voll Mitleid, daß ich weinen konnte, bald voll Hoffnung, bald unwillig und aufrührisch in meinem Busen – und wann ich wüßte, daß es eine Fabel wäre, könnt ich mich nicht erwehren, an jeder Szene Anteil zu nehmen. Ich war ganz in jenen Zeiten, in allen Gegenden, ich verfolgte die heuchlerischen Hexen Gonerill und Regan und zupfte den eigenliebigen, liechtgläubigen Lear aus allen Kräften gleich anfangs beim Ermel. Ich begleitete mit tausend Segenswünschen die gute Kordelia und den ehrlichen Kent. Ich folgte dem Teufel Edmund mit Flüchen auf dem Fuße nach und mochte seinem redlichen Vater und Bruder seinen Busen entdecken, über Berge und Hügel laut ihn als einen teuflischen Verräter ausrufen. Ich irrte mit dem edlen Edgar in der Irre umher und verlor ihn im Gebüsch. Ich fand den armseligen Lear und seinen Narren im Sturm und Wetter, und der gute Kent stieß zu uns – wir fanden dich, armer Edgar, in einem elenden Schopf – der arme Thoms friert. Wer konnte mich in der Stube so in gräßliches Sturm- und Donnerwetter verwickeln, wer kann so die Sprache eines Ungeheurs, eines Kobolden reden als du, großer William. O, ihr aufgeklärten Zeiten, wo ihr die Sprache verfeinert, alle Künste aufs höchste gebracht und so viel hochfliegende Geister zeugt, warum zeugt ihr keine Williams mehr, warum – warum nur so langweilige Schwätzer, die halbe Tage von einem gelben oder braunen Haar, von einer bogichten Nase schwätzen; die ganze Bogen füllen von dem Hauch eines Fürsten und in ganzen Bändern die Meinung eines andern von einem Holzapfel zergliedern. Schreibt lieber, wie man Flöh und Wanzen vertilge und den Schneevogel stumm mache.

Gloster, edler Gloster, dein Schicksal geht mir am nächsten unter allen; konntest du nicht wie Arthur um deine Augen wimmern? – O, dieser Kornwall ist ein Ungeheur, er ließ sich nicht wie Hubert erweichen –. Aber ich habe des redlichen Bedienten Hieb einen wackern Nachdruck gegeben, daß er sich verbluten mußte. Armer, guter Gloster, du hast's erfahren, was es ist, ein paar holde Augen zu verlieren, sich einen boshaften Teufel aufs Gesicht stampfen lassen, den man noch so gut bewirten wollte. Wie liebenswürdig bist du noch, blinder Mann. Erst da du dein Gesicht verloren hattest, siehst du, siehst du, daß du betrogen wurdest, daß dein Sohn Edgar edel und dein Edmund ein unnatürlicher Böswicht ist. Doch noch ein Glück für dich, daß du wieder deinem Edgar in die Hände fielst. Welch eine Szene, wo er dich auf eine Höhe führt und da die schauderhaften Abgründe, eine förchterliche Tiefe beschreibt, wo du so gerne hinabspringen möchtest. Armer, elender Mann; kein Wunder – bemeistert sich ja unser die Ungeduld, wenn wir nur Zahnweh haben. Aber auf diese Art in der Welt zu leben – dem denkt man nicht nach – eines Paar Augens auf diese Art beraubt sein, wo die Löcher noch schmerzen – so stockfinster in der Welt herum irren, welche mit solchen Tyrannen angefüllt, die eim stündlich was Ärgers drohn – dem mußt wohl eine solch gräßliche Tiefe ein sanftes Bette dünken. Wie wohl tut's eim zuletzt, den gottlosen Buben Edmund, die Ungeheuern Lears-Töchtern gerächt sehen. Aber was hat nun Gloster davon? Edgar, Kent und Albanien allein haben dies Vergnügen, es zu sehen. Warum mußte doch Lear und seine schöne Kordelia ein Opfer des Todes werden? O Kordelia, ich könnte deinen Mörder zwanzigmal erdrosseln, ohne eine mitleidige Miene zu machen – aber Lear hätte doch noch ein Weilchen leben können.

Zwölfter Band

Drei Trauerspiele

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