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Etwas über Shakespeares Schauspiele

Ulrich Bräker: Etwas über Shakespeares Schauspiele - Kapitel 12
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authorUlrich Bräker
titleEtwas über Shakespeares Schauspiele
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I. Antonius und Kleopatra. 2. Timon von Athen. 3. Titus Andronicus.

Antonius und Kleopatra

Hier kommst du mir wieder wacker in den Wurf, armer Antonius. Man hat mir schon im vorigen Stück einen Wink von deiner Gemütsart gegeben, aber hier erscheinst du mir ganz gegliedert mit allen deinen guten und bösen Teilen. Ich habe Mitleiden mit dir, armer Glücksball; dich haben deine Leidenschaften umhergewirbelt wie eine Windsbraut die Wellen des Meers. Du warst ein trefflicher Held, aber Helden sollten sich nicht in den Armen der Wollust einwiegen lassen. Simson war auch ein Held, aber hättest du gewußt, wie seine Delila mit ihm gehauset, du wärest weit von deiner Kleopatra weggeblieben. – Nein, das wärst du nicht, diese Reize sind zu stark für Leute, die so gesinnt sind wie du, und wenn sie Zwanzigen sähen die Augen ausstechen und böte sich eine Kleopatra oder eine Delila an, oder sähe man eine nackete Bethsabe, sie sprängen zu, wie der Stier unter seine Schlächter. Doch deine Kleopatra war keine Verräterin, sondern eine getreue allerliebste Buhlerin. Hier zu siegen braucht's andere Helden, Josephs, nicht Antonius. O, in deinen nüchtern Stunden warst du klug genug, das all zu übersehen und verlangtest von einem Boten zu hören, was das Gerücht von dir sage. O, sagtest du weislich, wir bringen lauter Unkraut hervor, wenn uns keine Winde des Tadels umwehen; uns unser Böses sagen, ist eben so gut als uns umpflügen. Und weiter, welche Wahrheiten, was er sagte, als ihm der Bote sagte, seine Fulvia sei tod. In ihr verließ eine große Seele die Welt. Das hab ich gewollt – was wir mit Verachtung von uns stoßen, das wünschen wir oft wieder in unsern Besitz zurück. Das gegenwärtige Vergnügen wird durch beständige Wiederkehr das Gegenteil von sich selbst. Nun ist sie gut, nun sie dahin ist, eben die Hand, die sie fortstieß, möchte sie izt wieder zurückziehen. Gewiß, ein nettes Meisterstück hast du hier gemacht, großer William; so unterhaltend, daß man nicht aufhören kann, bis Antonius in sein Schwert rennt und Kleopatra an dem Schlangenbiß einschlummert. Man muß dieses unglücklich verliebte Paar verfolgen, daß man nicht Zeit hat, auf die andern acht zu geben. Oktavius Cäsar, Lepidus, Sextus Pompejus sind schön gezeichnet, aber sie interessieren mich nicht sonderlich wie das schöne Paar, deren Schicksal mir sehr am Herzen lag. Sie hatten auch das Glück, lauter getreue Bediente um sich zu haben, Enobarbus, ein lustiger Vogel, Eros, ein redlicher Freund, Alexas ein Schöps, Charian und Iras bei Kleopatra, auch lustige und getreue Kreaturen, ohne einen Schatzmeister Seleucus, der zum Verräter wurde. Ein Weilchen erscheint Oktavia, Cäsars Schwester, in einer reizenden Gestalt. Aber sie ist nur ein Schatten gegen Kleopatra. O, die Meisterhand Williams hat hier ein Paar geformet, geschmückt und charakterisiert, daß man ihnen in jener Welt die Fortsetzung ihres Glücks von Herzen wünscht. Keinen Brutus für einen Antonius, Brutus ist mir zu finster und steif; keine Königin für Kleopatra, sie ist die schönste unter allen salomonischen Frauen, die schönste, die je der kunstreichste Maler zeichnen kann.

Timon von Athen

Großes Genie, göttlicher Dichter, du übertriffst alle deinesgleichen; alle Dichter, alle Schriftsteller, Autoren und Menschenkenner; alle gelehrten Schwätzer müssen verstummen vor dir; die Physiognomiker erblinden mit ihren läppischen Schlüssen; kein Härchen entgeht deinem durchdringenden Blick; nie wird man müde, deine Gemälde zu beschauen und bei jedem sagt man, das ist das schönste. Unter Tausenden wollt ich deine Züge kennen, und, wann ich blind wäre, deine Geschöpfe unter Tausenden am Ton kennen. Tausend Menschenmacher machen solche, die unter der Sonne nirgends da sind: mißgeschaffene Kreaturen, die keine Originale haben, zerstümmlete, gebletzete Geschöpfe von zusammengerafften Stoffen. Du ahmst die Natur nach, und wer trifft sie wie du! Wo ist der Anatomist, der so zergliedert und weiß, in welchem Winkel die Krankheit steckt, und jedes Fieber am rechten Ort findt und ihm den rechten Namen gibt. Unsterblicher William, du hast mir mehr gesagt, als alle Bücher der Welt mir sagen konnten, du hast mich in Gesellschaft deiner Geschöpfe geführt, wo ich mehr hörte als in allen Gesellschaften der halben Welt. Deine Personen haben die zierlichste Sprache, alle Ausdrücke von dir gelernt und doch reden sie der Natur gemäß und und verfehlen ihres Stands und ihrer Lage nicht. Du hast mich böse, zornig, ergrimmt, oft fast rasend gemacht, du hast meine Brust aufgerissen, in Mitleid schmelzen gemacht, hast mich traurig, betrübt und melancholisch gemacht und alles wieder geheilt. Du hast mich ergötzt, lustig und fröhlich gemacht, daß mir tausend Stunden wie der angenehmste Traum verschwanden. Du bist mein Arzt. Wann Sorgen und Unmut meinen Geist umhüllten, traf ich in deiner Gesellschaft Leute an, die mir so treffend ans Herz redten und allen Gram wegpredigten, Leute, die den geheimsten Schmerz von der Brust wegscherzten und mich gesund und mutig machten. Hastig tat ich meine Arbeit, dann flog ich wie ein Pfeil auf die Bühne, um auf die ruhvollste Art die lehrreichsten Szenen zu sehen. Halbe Nächte verschwanden wie Minuten, und kein Schlaf kam in meine Augen. Jakobs Dienst um Rahel konnte nicht so geschwind und anmutig vorbeifließen als mir die Zeit bei deinen Spielen, wenn auch deren noch Tausende wären. Andere Schwätzer, die neu und gelehrt sein wollen, schläferten mich ein; das hast du nie getan, du immer munterer Geist, du laßt immer erwarten und betrügst nie; nie wird man müde, dich reden zu hören.

Hier bringst du unter so viel Wundergeschöpfen die allerhervorragendsten aufs Theater. Man muß erstaunen, so einen Schwarm Schmeichler und Schmarotzfreunde beisammen zu finden, erstaunen ob einem Timon auf der höchsten Stufe der menschenfreundlichen Wohltätigkeit, der sich als ein Gott mit lauter Geben beschäftigt. Dann muß man erstaunen, so natürlich ist es, wenn man diesen Gott fallen sieht, einen Gott, in einen Teufel verwandelt, hört die ganze Menschheit verfluchen. O Timon, du vergaßest, daß du ein Mensch warst, daß deine Schätze erschöpflich sind, du vergaßest, daß deine Vergötterer, deine Anbeter Menschen sind von einem sehr trügerischen Geschlecht, die das Heucheln allzugut gelernt haben. Hättest du dich und deine Schätze und alle deine Nebengeschöpfe besser kennen gelernt, so wärst du nie zum Gott, aber auch in keinen Teufel verwandelt worden. Hättest du doch gewußt, daß diese niedrigen freß- und habsüchtigen Geschöpfe es dem lieben Gott nicht besser machen, daß sie ihn anbeten, ihm vorheucheln, solang er Korn, Most und Öl gibt, ihn aber verächtlich von sich weisen, sobald ein dürftiger Gesandter in seinem Namen nur ein Kleines begehrt. O Timon, das Lobgetön falscher Freunde hat dich bezaubert, dein Ohr und alle deine Sinne verruckt, du hast dir eine ganz andere Welt, viel bessere Menschen vorgestellt, du hast die höchste Stufe bestiegen in deiner guten Meinung von den Menschen. Was Wunders dann, wann du in dieser Meinung so tief herunterpurzelst. So gut man von einem Menschen denkt, so schlimm denkt man hernach, wenn man sich betrogen findet und des Gegenteils überzeugt wird. So schwer es hält, einen Freund bei uns in Mißkredit zu setzen, ist's doch hernach ganz unmöglich, wieder gut von ihm zu denken, wenn man von seiner Falschheit überführt wird. O Timon, bedauernswerter Timon, kaum geht mir ein Schicksal so nahe wie deins und doch hattest gewiß Vorgänger genug und tausend Nachfolger, die lieber mit dir in deine Höhle gingen, als mit einem König, unter einem Schwarm Schmeichler, deren heuchlerisches Lobgetön alle Ohren verhext, einen Thron bestiegen. O Timon, hättest du deinem rauhen Freund Apemanthus und deinem redlichen Hausmeister Flavius zum Vorbauungsmittel deine Ohren geliehen! Aber nun ist deine Krankheit unheilbar, deine Raserei ist aufs höchste gestiegen; alle Elemente mit allen ihren verderblichen Seuchen über die Menschen zusammenzufluchen, ist Linderung für den Brand in deiner Brust. Nun ist deine Ruhstätte nicht sicher vor den tobenden Wellen; wie wird dein rasender Geist in den ungestümen Fluten herumtoben und mit den Seeungeheuern fechten, daß die Elemente zittern und beben; dann wird dich ein Wetter mit Sturm, Donner und Blitzen durch die Luft führen, und Labung wird's für dich sein, wann's dir vergönnt wird, Menschen zu zerschmettern. Aber die wirbelnden Stürme führen dich in die Flut zurück. Die Götter verziehen dir, edler Timon, du hast nicht ohne Ursach geflucht, die ganze Schöpfung hat kein falsches, tyrannischers Untier als den Menschen. Alle Elemente sind zwar bereit, mit tödlichen Waffen parat, die Menschen umzubringen, wilde Bestien, fleischfressende, reißende Tiere zerreißen die Menschen in Stücke, aber sie töden auf eine wohltätige Art; nur die Menschen martern nach Art der Teufel langsam zu Tode, ihr verfluchtes Genie erfindet unerhörte Marter, peinliche Instrumente, daß alle Elemente zu arm sind, Materie herzugeben, um nach ihren erfinderischen Köpfen greulich zu töden. Wenig Bestien töden ihresgleichen und fressen ihr eigenes Fleisch, der Mensch, der Mensch allein, dies tyrannische Tier wütet gegen seinesgleichen. Gegen kein Tier, gegen keine ungeheure, wilde Bestie ist er so grausam als gegen sein Geschlecht. Dann sind sie noch so grausam und dichten dem Höchsten ihre eignen Grausamkeiten an, die sie von dem höllischen Bluthund, vom Vater der Teufel gelernt haben. Ah, dem Besten, dem Gütigsten, der diese wütenden Ungeheur noch so lange unter seiner huldreichen Sonne duldet, dem liebreichsten Vater diese tyrannische Denkungsart beilegen, das sind Bruten vom Teufel. O ihr Dichter, dichtet solche Stücke wie William, solche Stücke, von denen der Erdboden wimmlet, wo's alle Tage nah und fern Stoff genug an die Hand gibt, diesem Geschlecht seine Schande vorzustellen. Dichtet euch nicht immer Menschen, die nirgend da sind, macht ihnen ihre verdienstliche Tyrannei recht schwarz, in ihrer natürlichsten Gestalt, wie sie ist. William, dir sei tausend Dank für dies treffende Stück.

Titus Andronikus

Ein schröckliches, ungeheures, grausames, teuflisches Stück. Wer die Menschen nicht kennt, die alten und neuen Geschichten nicht weiß, der wird sagen: du lügst, du lügst, William. Ich sage das nicht, ich weiß, daß es von jeher Menschen gegeben hat, die dergleichen barbarische Taten zu verüben fähig waren. Aber das sag ich dir, großer Dichter: wann du das Ding für die Bühne selbst gemacht hast, ohne eine solche wahre Geschichte zu wissen – schämtest du dich nicht in die Seele hinein, da du doch auch ein Mensch warst, schämtest du dich nicht, solche Ungeheur auf die Bühne zu bringen, welche die ganze Menschheit entehren? Dachtest du nicht daran, du möchtest einen guten Teil von deinem Kredit verlieren und dich verraten, als wenn du Lust hättest, solche Greuel zu schreiben, unmenschliche Handlungen auf die Bühne zu bringen? Ich wüßte nicht, was für eine Klaß Menschen dergleichen barbarische Spiele mit Vergnügen ansehen könnte. Dachtest du nicht, du möchtest die besten Zuschauer verjagen, wenn du da einen ganzen Tropp eingefleischte Teufel herbrächtest, die gleich anfangs die Bühne mit Blut bespritzten, gleich anfingen morden, und dann in einem fort morden, schänden und die abscheulichsten, teuflischen Taten verrichteten. Nein, William, du hast sonst nie solche Schandtaten so frei, ohne wehmütige Empfindungen geschrieben. Hier bringst du fast keine guten Menschen aufs Theater, und wenn du sie noch so gut reden lassest, handeln sie doch konträr. Ja, das ist der Welt Humor, freilich. Aber du hast doch sonst die Leute ihren Reden gemäßer handeln lassen. Ich weiß nicht – deine Personen in diesem Stück haben nichts von mir erhalten, als daß ich auf die meisten von Herzen böse bin, daß ich sie als Teufel in den Abgrund verwünschte und rasend der Mutter Erde sagte, daß sie nie mehr solche Ungeheur hervorbringe zu ihrer Schande. Bassianus, des Kaiser Saturninus Bruder, und Lavinia, Andronikus Tochter, sind die einzigen, deren Schicksal mir zu Herzen ging. Andronikus schien mir aus seinen Reden ein ehrlicher, menschlicher Kriegsheld zu sein, aber seine blutdürstigen, unnatürlichen Handlungen machten ihn mir nicht liebenswert. Und seine Söhne, dächt ich, wären vom gleichen, und sein Bruder Markus ist auch nur so ein geschnitzelter Großsprecher. Saturninus, der Kaiser, ist ein wollüstiger Bösewicht, sein Weib Tamora ist ein Ungeheur oder gar des Teufels Großmutter. Ihre Söhne Chiron und Demetrius, welche den Bassianus mordeten und Lavinia entführten, schändeten und jämmerlich verstümmelten, sind junge Teufel, ihrer Mutter ähnlich. Aron aber, ein Mohr, der Tamora Sklave oder Bedienter, Buhler – dieser übertrifft alle, in der Tat, der ist ein gräßliches Meisterstück. Ich dachte, wer den Teufel selbst von Person kannte, konnte ihn nicht anderst zeichnen. Die meisten Mord- und Schandtaten waren Erfindungen seines teuflischen Kopfs. Erst schlachten die Söhne Andronikus einen Gefangnen, Tamora Sohn, dann ersticht Andronikus sein eigner Sohn, hernach wird Bassiano ermordet, Lavinia mehr als gemordet, Markus und Quintus unschuldig geschlachtet und Andronikus um seine Hand betrogen. Aron ersticht die Wärterin und Hebamme, als sie ihm einen Mohr von der Kaiserin bringen, hernach schlachtet Andronikus der Kaiserin Söhne, ersticht sie und seine Tochter und der Kaiser ihn, der Lucius den Kaiser. Pfui, pfui, fort mit den schröcklichen Mördereien.

Elfter Band

Drei Trauerspiele

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