Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ulrich Bräker >

Etwas über Shakespeares Schauspiele

Ulrich Bräker: Etwas über Shakespeares Schauspiele - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
authorUlrich Bräker
titleEtwas über Shakespeares Schauspiele
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070703
projectid7733255d
Schließen

Navigation:

1. Zweiter Teil Heinrichs des Sechsten. 2. Dritter Teil Heinrichs des Sechsten. 3. Leben und Tod König Richards des Dritten.

Zweiter Teil Heinrichs des Sechsten

Nun bewillkommt der junge Heinrich seine Braut, seine schöne Margretha. Ach du armer Sklave, das hab ich wohl gedacht, daß das französische Blut das englische Heldenblut dämpfen werde. Welch ein abscheulich rares Stück hast du da gemacht, großer William! Rasch und hitzig hab ich's gelesen, und wieder gelesen und dreimal gelesen, immer in Wut gesetzt – ungeduldig, bis die Rache befriedigt. Hier bringst du aber die ganze Höllenbrut auf die Bühne, entdeckst den ganzen teuflischen Wust des menschlichen Herzens. Hier hast du mehr als eine Schlange in Weibergestalten, mehr als einen Teufel in Kardinals- und Lordskitteln. Konntest du's ohne Tränen schreiben, ohne Zittern dein Vaterland, dein königlicher Hof zur Mördergrube machen? Nein, ich spüre, wie dein Herz bewegt war, wie feurig du einen König, einen Warwik über Glosters Tod reden ließest, wie geschwind du die Rache des Himmels über die verdammten Mörder Suffolk und den schwarzen Kardinal kommen ließest. O Heinrich, du unköniglicher König, welch eine Brut hat dir Suffolk in der saubern gefangenen Margretha hergebracht, welch' eine Pest für deinen Thron! Möchte man nicht die Vettel ins Feur schleudern wie Paulus seine Schlange. Dann ein Hume, ein Bolingbroke und das Hexengezücht allszusammen obendrauf, und den phantasierenden Pfaffen auf seinem Krankbette, – tut's eim nicht in der Seele wohl, denselben in den letzten Zügen zu sehen? Aber den edlen Gloucester, den redlichen Vetter des Königs, seiner Leonore Ehrgeiz so bestrafen sehen, das kann man so hingehen lassen. Aber ihm, so unschuldig, einen schwarzen Schwarm, der ihm den Tod geschworen, ihm so Fuß für Fuß folgen und ihn gefangen nehmen sehen, und dem teuflischen Pfaffen, seinem ärgsten Feind übergeben – o das bricht einem schier das Herz, daß man nach dem Schwert greift wie Petrus und auf diese höllische Rotte einhauen möchte. Der Abschied Suffolks von seiner Königin: Ha, da sieht man den saubern Kuppler und das treue Gretchen. Ihre herzbrechenden Worte zeigen einem das Pack deutlich genug, ohne daß das Mitleid rege wird. Man möchte dann die Seeräuber sein und diesen Bösewicht selber bei Kopf nehmen. Simpcox da und seine Frau als Betrüger, die da ein Wunder vorgeben, die achtet man gar nicht, so sehr glimmt Mitleid und Rache im Busen. Hans Cade mit seinem Korps Rebellen, das ist ein treffendes Stück. Wer je in seinem Leben empörte Bauern gehört prahlen, der muß dir zurufen: O William, wie gut kanntest du sie; doch muß man den heldenmäßigen Rebellen dort in dem Garten noch bedauern. Hätte der ehrsüchtige York dies Kalb nicht gesäugt, so wär er nicht so ein brüllender Stier worden. Es sind von je welther große Aufwiegler unterm Tüchle gesteckt, wann solche Wühlereien entstanden.

O Heinrich, du Sklavenseele, es steht mißlich um deinen Thron. Vorher mocht ich's deinen Vorfahren nicht gönnen, aber nun sah ich's gerne, wenn's dem tyrannischen Hause York nicht in die Hände fiel. Aber des edlen Gloucester Tod muß gerächt sein, und deine feige Seele, dein stolzes Gretchen verdient keinen Thron. Unter allen Heinrichen hast du mir kaum ein besseres Stück gemacht.

Dritter Teil König Heinrichs des Sechsten

Nun muß ich mir's gefallen lassen, den mir verhaßten York siegen zu sehen. Ich kann's mir kaum vorstellen, wie die Grafen und Herzoge, Norfolk, Montague, Warwik, Salisbury, Pembroke, Hastings, Stafford und andere Edelleute, haben so blind sein können, und ein so ehrdürstiger Zweig einem blutdürstigen Verräter haben anhängen mögen. Er müßte dann sich ihnen nicht gezeigt haben wie auf der Bühne. Kaum hab ich ein Schauspiel gelesen, das mehr rührende Auftritte hat, ich wußt oft nicht, welcher mich am meisten rührte. Bald sah ich einen lieben Helden fallen, bald den Tyrannen triumphieren und das Recht unterdrücken, und bald darauf den Unterdrückten selbst wieder zum Tyrannen werden. O William, willst du deine Briten alle zu Mördern machen! Nein, ich habe dir unrecht getan, du schilderest die Menschen wie sie da sind, und wann es Könige sind. Ich dachte, du habest Heinrich V. mit Gold überzogen, aber weil du diesen so natürlich in seiner Schwäche zeigest, so muß ich dir jenen als einen edlen Helden gelten lassen. O was sind Thronen! Lieber ein Seifensieder, ein Schuhflicker, als ein König mit einer solchen Seele. O du armer Tropf, welch eine rührende Szene, wo du York, deinen Feind, auf dem Thron sehen mußt, und von ihm das Königreich auf lebenlang bittest und darüber alle deine Freunde verlierst. Wie weh tat's, den alten, redlichen Clifford durchs Schwert fallen zu sehen, und wieder weh, den jungen Clifford morden zu sehen. O du bist härter als ein Marmor, Clifford, daß du dich des Knaben Rutland nicht erbarmt; wie konntest du so grusam sein, die schöne Seele von ihrem zarten Körper zu trennen, da er doch so innig um sein junges Leben bat. O du bist härter, als alles das Härteste. Aber was übertrifft die Szene, wo York gefangen in den Händen Cliffords und der Königin. Zwar hat er etwas verdient. Aber welche Spottreden mußte er schlucken und mit dem Schnupftuch – rot von seines Sohnes Blut – die Tränen abwischen. O du Gret, Weib über alle Weiber, welcher Prophet hat seine Jesabell so gezeichnet, welcher hatte das Herz, eine Weiberzunge in dem Maul einer Königin so sprechen zu lassen. Edler Gloucester, du bist gerächt, wenn dich auch nichts gerächt hätte, als die Zunge dieses Weibs. Du häßliches Ungeheur, du babylonische Hure, unstät und flüchtig sollst du sein, wie Kain, ein Unhold mag dich gezeuget haben, und deine Mutter hat Menschenblut gelust, da du ihr unterm Herzen lagest, und dich hernach an einer Wölfin gesäuget. Mordet immer, ihr britischen Helden, und bringt ein Ungeheur nach dem andern auf den Thron: ich will meine Brust hart machen, vor keinem mehr zu schmelzen. Der edle Gloucester, Rutland und dieser Heinrich haben mein Herz gestählt, daß es für euch andern nichts mehr fühlt. Es mag dir Warwick, Somerset und dir Margarete noch so bunt gehen, sie mögen deinen Sohn an deiner Seite ermorden, dich schmälen und spotten – meinetwegen. Eduard hasse ich, mich wunderte sehr, daß ihm das Schicksal zweimal auf den Thron half – dem wollüstigen Weibernarren. Von diesem mag's mit Recht heißen, was vormals ein Malcolm im Macbeth mit Unrecht von sich sagte. Der sinnliche Narr schickte eine Gesandtschaft nach Frankreich, laßt um die Prinzessin Bona anhalten, während der Zeit fängt er eine Witwe Gray auf und macht sie zur Königin; zwar mochte sie besser sein als Margaretha. Gute Nacht, Eduard, dein bucklichter Bruder wacht für dich.

Leben und Tod König Richards des Dritten

Noch das grausamste und verhaßteste Stück, man wird es, ob Gott will, auf keiner Bühne spielen und das Ungeheur Richard vor gutartigen Menschen aufführen. Dank dir, Übersetzer, daß du es nicht in Prosa wie die andern geschrieben, nicht in der mir sonst so lieben, rührenden Schreibart, sonst hätten mich einige Szenen so sehr angegriffen, daß meiner Gesundheit nachteilig gewesen wäre.

Du Bluthund Richard! Kein Wunder, daß sie dich immer Krummbuckel genannt haben. Ich glaube, deine Seele war eben so krumm und bucklicht als dein Körper, wann du nicht schon im Mutterleibe für den Teufel angezeichnet warest; oder zeigst du nicht selbst in allen deinen Reden solche Gesinnungen, die sonst dem Teufel zugeschrieben werden. O du Unglückskind, überall graute dir vor keiner Tat, was du nur mit Manier tun konntest. Aber du mußtest doch noch die für dich viel zu gute Welt scheuchen, ob du schon das mörderische Handwerk von deinem Meister perfekt gelernt. Du konntest mit kaltem Blute deine Brüder, Brüderskinder, Weib, Vettern und deine besten Freunde morden. Und welch' ein Meister im Heucheln! Da zwischen zwei Priestern in der Andacht dich vom Volk zum König bitten lassen und so demütig tun, so heilig abbitten, wo du dir den Weg zum Thron schon durch die greulichsten Morde gebahnt hast. O William, ich glaubte nicht, daß ein Mensch auf Erden sei, der ein solches Ungeheur mit solchen Zügen malen könnte, daß man einen Nero, einen Domitian so reden lassen, solche Gesinnungen selbst an den Tag geben lassen könnte, und doch müssen sie auch so gedacht haben. Richard mag ein treffliches Muster von allen Bösewichtern sein. König Eduard war doch noch zehn Teile mehr Mensch als dieser angebrannte Richard. Welch ein rührender Auftritt, wo da Clarence, Richards Bruder in der Gefangenschaft und sein Bewahrer Brackenbury auftreten und Clarence seine schreckenden Träume erzählt, und da die zwei Mörder kommen und so miteinander und mit ihrem Gewissen moralisieren: o anders, treffender konnt's nicht sein, dergleichen Kerl müssen so denken. O welchen Herzstoß, den edlen Clarence so vor dem Tode zittern und endlich durchbohren sehn und hernach seine Gemahlin und seine Kinder über seinen Tod sprechen und heulen hören. O da muß das Herz wie Wachs schmelzen, und da ging's immer an's Morden. Wie bedauert man den guten Hastings, der dem Teufel Richard erst Erdbeeren aus seinem Garten holen ließ und dafür schnell seinen Kopf hergeben mußte. Ratcliff, Rivers, Gray, Vaughan wurden auch geschlachtet. Buckingham war des Teufels vornehmstes Werkzeug, daß dieser Tyrann König wurde; aber er bekam seinen Lohn gut. Ihm war die Grafschaft Hereford versprochen, aber mußte zuletzt seinen Kopf als Verräter hergeben. Wieder so eine erbärmliche Szene, wo der Mörder Tyrrel die zwei jungen, zarten Prinzen im Tower auf des Königs Befehl ermordet. O man möchte diese Bande von Lotterbuben samt ihrem Haupt auf der Stelle in tausend Stücke zerhauen und das Gehäck wilden Sauen vorwerfen. Genug von diesem eingefleischten Teufel Richard, es brauchte ein Mann, so eine Pestie zu schildern. Noch dies: im Schlachtfeld, des Nachts, erschienen die Geister all der Ermordeten Richard und seiner Gegenpart, dem edlen Richmond, diesem sangen sie Glück und Sieg, jenem Rache, Tod und Untergang: gewiß so natürlich, daß diese Träume nicht ausbleiben konnten. Zuletzt wird man fast böse, daß Richard noch so gut von der Welt kommt. Margaretha und andere Weiber, Anna, Gray u.s.f. kommen auch wieder aufs Theater, fluchen und schmälen nach der meisten Weiber Art.

Neunter Band

Ein historisches und zwei Trauerspiele

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.