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Essays

Max Stirner: Essays - Kapitel 5
Quellenangabe
titleEssays
authorMax Stirner
typeessay
modified20170929
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Kritisches

Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt fuer die gebildete Welt. Neue Folge. IV. Jg. 1841. Dienstag den 28. December. No. 77. pp. 307/308.

Theodor Rohmer, Deutschlands Beruf in der Gegenwart. Zuerich und Winterthur. Verlag des literarischen Comptoirs 1841.

Wie gluecklich war ich als Kind, wenn ich auf gruener Matte hingestreckt, von duftigen Fruehlingslueften angeweht in den blauen Himmel hinaufblickte und von meiner glaenzenden Zukunft traeumte. Ein großer Herr mußte ich werden und mit Sechsen fahren, Gold aus dem Wagen streuen mit vollen Haenden, und angebetet werden von der beglueckten Menge des armen staunenden Volkes, Feenpalaeste und Alhambra’s bauen und in bluehenden Gaerten mich von rosigen Maedchen bedienen lassen. Haette ichs damals nur gleich ins Werk richten koennen, ich waere heute gewiß ein großer Mann; aber ach, ich haette es nur werden koennen, und ward es eben darum nicht. – Wer fuehlt nun nicht in aehnlicher Weise seine Brust gehoben von großen Hoffnungen, wem schlaegt das Herz nicht vor schmerzlich sueßer Ungeduld, wenn er in unserm Buche von Seite zu Seite weiter ließt, zu wie großen Dingen das deutsche Volk ausersehen ist und was es alles werden – koennte. Ja, wir sind berufen zur »Hegemonie; die deutsche Natur traegt den Stempel der geistigen Oberhohheit, und ist im Einzelnen mit einer Fuelle von Talenten gesegnet, wie sie in solcher Vereinigung keine Nation besitzt. Politische und militaerische , philosophische und wissenschaftliche, poetische und kuenstlerische, musikalische und sprachliche, industrielle und nautische, merkantile und technische Gaben – alles das ist uns so reichlich zugetheilt, daß wir es in den einzelnen Stuecken jedem Volke gleich, in einigen zuvorthun. Deutschland ist zum constitutionellen Koenigthum in dem großen Gemeinwesen bestimmt, das Europa heißt.« (pag. 169.) Ach, man muß unfaehig sein der Lust an bluehenden Hoffnungen und baar aller sueßen Schwaermerei fuer Vaterland und Menschheit, wenn man mit dem Verfasser nicht sehnend verlangen, nicht unmuthig verachten, nicht freudig erwarten, nicht jugendlich traeumen wollte. Und ich habe mit ihm verlangt, verachtet, erwartet und getraeumt, ich habe meine Liebe genaehrt an seiner Begeisterung und meinen Glauben gestaerkt an seinen Hoffnungen, ich habe genossen in reicher Fuelle; – warum nun bin  ich denn doch unzufrieden, unzufrieden mit diesem Buche?

Darum, weil ich auch hier wieder die Leidenschaft nicht finde, welche Leidenschaft weckt in den Seelen der Menschen; darum, weil ich auch hier derselben wohlmeinenden Halbheit begegne, die versoehnen will, ohne vorher zu entzweien, die nicht gekommen ist das Schwerdt zu senden, wie Christus, sondern den Frieden; darum, weil kein Zorn, kein Haß, kein Grimm hier verzehrend brennt; darum, weil auch diese Begeisterung nichts als ein Strohfeuer und diese Erweckungspredigt nichts als eine politische und diplomatische Superklugheit ist; darum endlich, weil es, statt unsere Einsicht in uns und in die Schmach unserer geknechteten Seelen zu foerdern, nur von unseren Aussichten spricht. Auf einer einzigen Seite (pag. 171; denn das faktenlose zweite Kapitel wird man doch nicht geltend machen wollen) thut der Verfasser unsere Gebrechen ab, und welche Gebrechen! Den Stader Zoll, die Weigerung Hannovers und Mecklenburgs zum Zollverein zu treten u. s. w.; nur beilaeufig wird der Gerichtsverfassung und der Presse gedacht. Dann schließt er sogleich: »Wenden wir uns hinweg von dem traurigen Anblick und betrachten die Aussicht, die die Zukunft uns bietet.« Und diese Zaertlichkeit entschuldigt er mit den Worten: »Wo das Uebel im Ganzen so tief liegt, da fruchtet’s weniger die einzelnen Maengel zu beleuchten; nicht als waere das nicht nothwendig oder der Muehe werth, sondern weil die Beleuchtung hier nimmermehr wirkt, was sie anderswo wirkt; weil es zahllose Dinge giebt, worin die Nation von oben bis unten die klarste Einsicht hat, deren Abschaffung dem simpelsten Verstande sich aufdraengt, und welche dennoch fortwuchern trotz dem ausgesprochensten Willen der oeffentlichen Stimme.«

»Die Nation hat die klarste Einsicht!« Woher soll sie die denn nehmen? Wie viele lesen z. B. in ganz Preußen mehr als die Staats- und andere privilegirte Zeitungen des Inlandes, in denen nur Festlichkeiten und keine anderen Graeuel besprochen werden, als die das – gemeine Volk begeht. Wann werden hier die großen Gedanken der Neuzeit, wie Preßfreiheit Oeffentlichkeit, Muendigkeit u. s. w. anders zur Diskussion gebracht als wenn sie uns unmittelbar Nichts angehen, weil sie nur in auswaertigen Kammern verhandelt werden? Man gehe in die Provinzen und lerne erstaunen ueber den unaussprechlichen Nutzen der Censur. So massenhafte Dummheit in Beziehung auf alle heiligen und unheiligen Fragen des Staatslebens findet man nicht leicht wieder; und sie sitzt so fest, diese Dummheit, daß kein leiser Strahl der Aufklaerung in diese Urwaldfinsterniß jemals einzudringen vermag, und nur der zuendende Blitz Erleuchtung bringen wird, welcher ein Feuer entflammt, von dem Alles, Alles ergriffen wird. Ich sehe schon ein Woelkchen am tiefen Horizonte aufschauern, zwar noch unscheinbar und verzagt, – es sehen es aber doch schon viele mit mir, obgleich es nur fuer die Augen der Sonntagskinder sichtbar ist –; es kann ein huebsches Gewitterchen geben nach den schwuelen Tagen.

Ein Buch, im preßfreien Lande der Schweiz erschienen, das sollte nicht wegschleichen ueber unsere Schande, sondern den scheinheiligen Pfaffenrock der Wolfsseele abreißen. Nicht Tiraden, nicht Ermahnungen, nicht langweilige Auseinandersetzungen greifen in Herz und Nieren ein, sondern Aufdeckung und Entbloeßung, so schonungslose Entbloeßung, daß dem nackten Menschenkinde im schneidenden Winterfrost die Zaehne klappern und die Glieder erstarren, bis es, vom Geiste der Besinnung getrieben endlich ein Laufen beginnt und ein rastloses Huelfe erjagen, daß der rettende Schweiß niedertrieft und die neue, schue-tzende Behausung erreicht wird. Es giebt ein Buechlein von sieben und vierzig Seiten; wir duerfens nicht nennen, aber es ist in wenig Monden fast so bekannt geworden wie die Spenersche Zeitung und obenein besser als zwanzig Jahrgaenge dieses revolutionirten Loesch-[308] papiers: das ist zu Tage noch unuebertroffen in der unvergleichlich einfachen Weise, die Geister zu revolutioniren und die Ueberzeugung zu wecken. Da wird uns nicht von den Praeadamiten her bewiesen, daß wir zur besten Race gehoeren und in dieser Race das »gottbegnadigste« Volk seien, sondern nur viermal gefragt und viermal geantwortet. Daran haette der Verfasser Popularitaet lernen koennen. Aber er ist ein Deutscher mit Haut und Haaren. Man hoere ihn pag. 201: »Erst muß die menschliche Seele zergliedert, ihr Bau erkannt, ihre Funktionen nachgewiesen, ihre Entwicklung von der Geburt bis zum Tode nach den einzelnen Stadien beschrieben werden; erst sollen wir die Lehre vom Geist, von den Individuen, der Gesammtindividuen, Racen, Voelkern, Nationen, Staemmen, Familien gruendlich ausarbeiten: dann wird die Menschheit, in diesem Sinne zum ersten Male, die Augen aufschlagen: sie wird sich kennen lernen, die Zeit ihrer Muendigkeit ist damit erfuellt. Je mehr sie, auf diese Weise, allmaehlig an Selbsterkenntniß waechst, je allgemeiner das psychologische Bewußtsein in den Massen um sich greift, desto moeglicher wird es, das Hoechste zu erreichen, was die Geschichte kennt – den vollkommnen Staat.« Es muß fast wie Heimtuecke erscheinen, daß ich diese laecherliche Stelle auswaehlte, wo den »Massen« empfohlen wird, Psychologie (ein im Sinne des Verf. ueberhaupt etwas weitschichtiges Feld) zu studieren, um durch diese Art von Selbstkenntniß endlich zum »vollkommnen Staate« zu gelangen; allein es ist das leider kein beilaeufiger Einfall, keine verzeihliche Grille ohne weiteren Belang, sondern es bildet den Grundgedanken des Buches. Kann es uns da wundern, daß der Verf. so enthusiastisch fuer Deutschheit schwaermt, da wir in ihm selbst einen so gruendlichen Deutschen erkennen? Begreift – so etwa spricht Herr Rohmer – den Character und die Bedeutung der Russen und Polen, der Franzosen, Englaender und Spanier, der Chinesen und Inder, kurz aller Voelker der Erde, begreift den Eurigen dazu und vergleicht Euch mit allen: dann werdet Ihr sehen, daß Ihr zur Hegemonie berufen seid als das »gesegnetste« Volk, und Ihr werdet Euch flugs daran machen, sie durch Einigkeit zu erringen. Zu jenem Begreifen soll Euch mein Buch helfen, worin alle Voelker die Revue passiren muessen, und wenn Ihr das nur recht inne habt, und es Euch tuechtig zu Herzen gehen laßt, so wird sich die Einigkeit schon finden, und dann kann es dir auch, mein deutsches Volk, an einem Parakleten nicht fehlen, den »der Hoechste aus den Deinigen erwecken wird und muß.«

Allerdings wird der Paraklet kommen, aber nicht eher als bis seine Zeit erfuellet ist. Und erfuellt sie sich etwa von selbst? Wir muessen sie erfuellen und zuvor Buße thun in Sack und Asche. Ziehet durch’s Land, ihr Bußprediger, dringet ein in jede Huette, predigt Zwietracht und das Schwert, nicht matte Einigkeit und confortable Zufriedenheit, geißelt die schlaefrigen Seelen, nicht mit den Fliegenwedeln trostreicher Hoffnungen, nein mit der Zuchtruthe der Aufklaerung ueber alle die Graeuel, die im Verborgenen geschehen, ohne daß die vertrauensvollen Glaeubigen sie zu ahnen vermoegen.

Was will Herrn Rohmer’s Ruf nach Einigkeit? Sind wir Deutschen nicht einig? Singen wir nicht alle mit Salbung: »Was ist des Deutschen Vaterland?« Begegnet nicht der Schwabe dem Hannoveraner, der Rheinlaender dem Sachsen, begegnen nicht alle Deutschen einander mit Freundlichkeit und Zutrauen, und fuehlen wir uns nicht alle verbunden in dem Worte: deutsch? das weiß Herr Rohmer so gut als wir Alle; und doch nennt er uns uneinig. Mit welchem Rechte? Leider mit einem nur zu begruendeten! Wir sind einig, wie eine große Heerde Schaafe. Die grasen alle in unvergleichlicher Friedlichkeit neben einander, und duengen in unwillkuerlicher Guete den Acker, und lassen sich scheeren und fressen dabei. Von Zeit zu Zeit stellt auch wohl das Woelflein sich ein, das bisweilen wenn es ein feiger heimtueckischer Bube ist, zur Vorsicht noch Schaafskleider anzieht, obgleich das gar nicht noethig waere, und langt sich so viele eifrige Exemplare, die ihm zu voreilig in den Rachen laufen, heraus, als seinem Appetite zusagen.

(Forts. folgt.)

Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt fuer die gebildete Welt. Neue Folge. IV. Jg. 1841. Donnerstag den 30. December. No. 78. pp. 310 – 3312.

[310] Kritisches.

Theodor Rohmer, Deutschlands Beruf in der Gegenwart. Zuerich und Winterthur. Verlag des literarischen Comptoirs 1841.

(Fortsetzung und Schluß.)

Schaafe sind einig, aber Schaafe haben keinen Willen. Reißt unseren willenlosen Menschen in Stuecke und die blutenden Herzen werden voll des einigen Geistes sein. Zeigt die Bloeße aller jener durch Menschensatzung aufgestellten Autoritaeten auf, die in den weichen Gemuethern, wo das Edelste Wohnung fassen koennte, sich eingenistet haben, verloescht ihren blendenden angemaßten Nimbus, daß er dem freien Menschen nicht mehr imponire, stoßt alle Stuetzen um, woran seine schwachmuethige Beduerftigkeit sich anlehnt, thut das kindische Wesen dar von all jener langmuethigen Treue, jenem traegen, hingebenden Vertrauen, jener angestammten Verehrung, kurz untergrabt jeden Glauben, der nicht ein Glaube des Geistes an den Geist ist, jedes Abhaengigkeitsgefuehl. Erst wenn der Mensch sich wieder bloß und verlassen sieht, kehrt er zu sich zurueck und ermannt sich, eine Riesenkraft spannt dann seine Muskeln, der Muth schwillt an und der Mensch erkennt sich selbst und seine Allmacht. Darum entkleidet frisch und muthig, reißt die Lappen des blinden Glaubens und der feigen Treue nieder; nur den Nackten erquickt das Bad im Morgenthau der Freiheit. Habt nur den Muth, destructiv zu sein, und Ihr werdet bald sehen, welch’ herrliche Blume der Eintracht aus der fruchtbaren Asche aufschießt.

Es giebt kein anderes Heil, als einen maechtigen Gedanken, der unsern Geist erfuellt, einen begeisterten Willen, der uns zu Thaten fortreißt. Wo findet sich in uns diese thatendurstige Seligkeit einer großen Idee, die unter großen Opfern unaufhaltsam eine eigene Welt und ein neues Dasein aufbaut. Wir Deutschen koennen in der That auf viele Dinge, und gewiß auf eben so viele eitel sein, als uns zur Schande gereichen. Aber stolzstolz koennen wir nur auf Eines sein; auf die selbstgewisse Freiheit des Gedankens, auf die ueberschwengliche Bedeutung des Ich. Und doch sind wir nur frei im Reiche des Denkens; wir sind noch nicht stolz auf diese Freiheit. Kein Volk haette ein groeßeres Recht, sein Ich mit großen Buchstaben zu schreiben, als das Deutsche, und wir gerade verstecken es am unscheinbarsten Plaetzchen und lassen dem englsichen I (Ich) den selbstsuechtigen Vortritt. Laßt uns erst die Allmacht des Ich fuehlen, des Ich, das allein der Deutsche mit dem Geiste zu identificiren wußte, waehrend das egoistische Ich des Englaenders noch unter der despotischen Autoritaet der Kirche steht und das franzoesische unter der Herrschaft der gloire zerfließt – laßt uns dessen nur recht inne werden, und wir werden – stolz sein. Ja der Stolz fehlt uns, der Stolz allein. Weg mit der Demuth, die sich beugt und kriecht; Selbst ist der Mann! Fragt nicht laenger nach Pflichten, die man Euch auferlegt; gebt Euch selbst die Gesetze: dann folgt Ihr ihnen erst mit eigenem und bewußtem Willen, dann erst seid Ihr frei.

[311] Doch es wird Zeit, daß ich dem Gange des Buches folge, an dessen einzelnen Partieen ich mich wahrhaft erfrischte, und das, waere es radical genug (denn nichts ist gut, als das Radicale, weil alles Andere eine Halbheit bleibt), nicht verstehen wuerde, durch klare Gedanken tief in die Gemuether einzugreifen. Die Ansicht, daß Deutschland den Beruf habe die Hegemonie zu ergreifen, schlingt sich als der rothe Faden durch die ganze Abhandlung. Dieß veranlaßt den Verf., die Weltstellung der Deutschen aufzusuchen, und zu dem Ende eine Vergleichung mit allen Nationen aufzufuehren, jede nach ihrem Berufe zu fragen, ihr die Nativitaet zu stellen und schließlich sie im Geschichts-Ganzen zu rubriziren. In der Einleitung wird das deutsche Bewußtsein mit Recht als das »politischer Unmuendigkeit« bezeichnet. Aus der Geschichte einerseits, deren geistiger Gehalt fortan in ziemlich breiter Ausfuehrlichkeit und mit geistreicher Reflexion angegeben wird, aus der Lage Europas andererseits, deren Betrachtung den zweiten Theil des Buches bildet, soll endlich der Beruf Deutschlands dargethan werden. Die Geschichte zeigt, daß Deutschland immer entscheidend war und das Herz Europa’s; »jetzt,« sagt endlich der Verf., »sollen die Deutschen, nachdem Andere zerstoert haben, aufbauen. Der Protestantismus, wie er unverrueckt nach der Wahrheit gestrebt hat, muß aus seiner Mitte ein Prinzip erzeugen, welches die innersten Fragen des Geistes und die tiefsten Probleme der Zeit zu loesen vermag.« Der Protestantismus wird hier freilich etwas keck mit Deutschland identificirt. »Dieses Prinzip,« heißt es weiter, »wird die hoechste Sehnsucht der Menschheit, die Sehnsucht nach einer gerechtfertigten Weltanschauung, nach einem bewußten Verhaeltnisse der Menschen zu Gott, befriedigen.« Ich will es hier noch einmal aussprechen, was schon in Obigen liegt, daß die hoechste Sehnsucht jetzt nicht auf eine gerechtfertigte Weltanschauung gerichtet ist, nicht auf diese theoretische Befriedigung, sondern auf freie Selbstbethaetigung. Jene Leidenschaft Goethe’s wird abgeloest durch die letztere, von welcher Schillers Streben entzuendet war. Nicht, wie sich der Mensch zu Gott verhalte, sondern wie sich der schoepferische Gott, als Geist, als freien, nur aus sich selbst producirenden Geist bethaetige und bewaehre, das ist jetzt die Frage und die Sehnsucht der Zeit. »Das Jahrhundert ringt nach der organischen Begruendung des wahren Staates,« sagt der Verf. pag. 44. Dieses Ziel, im Sinne des Herrn Rohmer gefaßt, mißleitet uns vielfach und gerade  so lange, als wir noch etwas anders machen und herstellen wollen, als uns selbst. Uns haben wir zu machen, zu manifestiren, frei zu machen. Uns zu wahren Geistern verklaeren, das heißt den wahren Staat erschaffen. Der Staat laeßt sich nicht machen, sondern er ist die Freiheit und freie Offenbarung des Geistes und der Geister. Es betheiligt sich der freie Geist an allem Geistigen als dem Seinigen; daher entsteht unter den freien Geistern von selbst, durch ihr nothwendiges Wirken, die freie Gemeinschaft der Geister, die allein Staat genannt zu werden verdient. Derjenige Staat, den man machen kann wie ein aufgegebenes Pensum, erbleicht wie die  Kirche vor dem Lichte der Freiheit, und gleich der sichtbaren Kirche, die zur unsichtbaren wurde, muß er sich zu einem unsichtbaren Staate verklaeren, zu einem geistigen. Herrn Rohmer ist es aber noch immer mehr um einen Zustand der Menschen (status – Staat) zu thun, in welchem sie ihr Wohl und Wehe finden sollen, als um die Freiheit ihres Handelns. Ueberhaupt nimmt er die ganze Litanei des Vorhandenen frag- und sorglos auf, und spricht von Staat, Kirche, Adel, doppelten Kammern u. s. w. als von Dingen, die sich von selbst verstehn und nicht in Frage gestellt werden koennten. Daher quaelt er sich denn auch ueber das Verhaeltniß von Staat und Kirche ab (z. B. pag. 206 ff.) und spielt den liebreichen Versoehner.

Hat die Geschichte nun ihrerseits gezeigt, zu welcher wichtigen Rolle Deutschland berufen ist, so wird sich aus einer Recension der anderen Voelker das Gleiche ergeben. »Die politische Lage Europas, die Stellung der Voelker und Staaten, der Zustand ihrer Bestrebungen sollen uns den Beruf zeigen, auf welchen Deutschland inmitten Europas hingewiesen ist. In Wahrheit, seit der Reformation, noch deutlicher fuer die wenigstens, die nur die Oberflaeche sehen, seit der Revolution, ist Europa in unaufhoerlicher Gaehrung begriffen: Alles nur Uebergang, nur Krise oder Intzermezzo; die neue Zeit, welche in so unzaehligen Zuckungen die Menschheit anstrebt, muß erst noch geboren werden. Die Geburtswehen, hier convulsivisch heftig, dort langsam wuehlend schildert die Geschichte Europas (um nicht zu sagen: der Erde) seit 1789.«

In den vierzehn Kapiteln des zweiten Theils wird der europaeische Organismus aufs vielseitigste besprochen. Das Wichtigste davon ausheben, hieße den Leser um einen Genuß bringen, zu dem wir ihn vielmehr dringend aufzufordern gesonnen sind; auch waere es vergebliche Muehe, so reichen Stoff in kurze, unerquickliche Andeutungen zusammen pressen zu wollen. Die Summe ist folgende: »Seid einig – und zwei Großmaechte werden von eurem willen beseelt und es wird nur eine Macht sein mit zwei Armen. Seid einig – und Holland wird euch den alten Starrgeist opfern, und was deutscher Natur ist, in Belgien und der Schweiz, wir sich mit oder ohne Verlangen nach dem neuen Lichte kehren. Seid einig – und Skandinavien wird eure Hand ergreifen. Seid einig – und England wird euer Buendniß suchen in der ersten Zeit der Gefahr. Seid einig – und Rußland wird zittern, und Polen wird hoffen. Seid einig – und Oestreich auf die doppelte Grundlage von Deutschland und Ungarn gestuetzt, wird euren Willen zum Gesetz erheben in der Frage des Orients. Seid einig – und Italien begehrt von Euch seine Zukunft; ja durch Eure Einigkeit zwingt ihr Portugal, Spanien und Frankreich einig zu sein. Seid nur ihr selbst einig – und ihr seid das erste Volk der Erde.« (pag: 161.)

Aber woher diese Einheit nehmen? Wodurch soll sie erschaffen werden? »Ein Princip verlangt die Zeit, um die falschen Gewalten zu zerstoeren, neue zu schaffen und die Wahrheit zu verkuenden.« Und der Schoepfer dieses Princips – das erkennt selbst Herr Rohmer, den man in keiner Weise einen Philosophen nennen kann – soll die Philosophie sein. »Wir Alle wissen, daß nur die deutsche Philosophie den Grundstein einer hoehern Zukunft uns legen kann.« (pag. 188.) Wir sind hiermit in das Schlußcapitel des Buches gelangt. Wie muß man hier bedauern, daß der Verf. so wenig von der Sache kennt, die er bespricht. Er will freilich nur »die allgemeine Wirkung der Philosophie auf die Zeit und die Menschen schildern;« wie soll er aber von den Wirkungen wissen, ohne das Wirkende zu verstehen? Unzaehlige Wirkungen der Philosophie wird er gar nicht fuer Ausfluesse derselben ansehen, weil seine Augen nie die Quelle erblickt haben. Als ein Zuschauer aus der Ferne macht er die sinnigsten Beobachtungen, und eroeffnet uns gar manche bittere Wahrheit; das Innerste aber trifft er nirgends, und was besonders die Bedeutung der Hegel’schen Philosophie betrifft, so ueberlaeßt er sich ganz der naiv-absprechenden Unkenntniß, die wir einem großen Theile unserer wackersten suedlichen Brueder zu Gute zu halten schon lange gewohnt sind. Fichte ist ihm »ein ganz anderer und einziger Mann,« und allerdings soll »ihn die deutsche Nation ewig als einen der Retter aus tiefer Noth heilig halten;« wenn aber auch Hegel freilich die Leute nicht mehr unter der Devise: Fuer Koenig und Vaterland! zu einem Rachekriege entflammt, so reiß er doch – doch wohin verirre ich mich. Soll ich mit dem Verfasser ueber Hegel und Philosophie, ja auch nur ueber die Wirkungen derselben rechten? Ich achte ihn hoch und wiederhole es, daß sein Buch allen Denen eine Freude sein wird, die nicht traegen Herzens sind; aber – von jenen Dingen versteht er nichts. Wer, der z. B. nur eine Burdach’sche oder Schubert’sche Psychologie kennt, zu geschweigen der Hegel’schen und anderer aus ihr hervorgegangenen, kann die Psychologie, die wir jetzt besitzen, nur fuer »ein armseliges Conglomerat von Notizen und Beobachtungen« ansehen, die »Niemand eine Wissenschaft zu nennen den Muth haben werde?« Welche Wunderlichkeiten Herr Rohmer ueberhaupt unter Psychologie versteht, ist oben schon angedeutet worden. Das nennt er dann »die Lehre vom Geiste,« und erwartet von ihrer Ausfuehrung goldene Tage. Und pag. 200 schreibt er der Philosophie nicht nur ihre Probleme vor, sondern auch die Resultate, zu denen sie fuehren muesse, die er ganz aus seinen Herzensbeduerfnissen entnimmt, obgleich er kurz vorher (pag. 196) eine solche Scholastik nicht fuer Philosophie halten wollte. – Freilich hat die Philosophie und neuere Bildung nicht alle die Wirkungen, in denen [312] des Verf. Wuensche erfuellt werden; aber das liegt eben an diesen Wuenschen, die, wie schon gesagt, auf eine Versoehnung ausgehen ohne Entzweiung, und alte Begriffe von »Verbruederung von Staat und Kirche, Fuerstengewalt etc.« nicht sondern von neuen, oder eben nicht – radical sind.

Leider koennen wir zum Schlusse, wie durch das ganze Buch hindurch, und der traurigen Aussicht nicht erwehren, daß der Verf. seine prophetische Weltanschauung groeßtentheils tauben Ohren predige, da Diejenigen, welche von ihr begeistert zur Verwirklichung schreiten koennten, nur fuer eigene Gewalt und deren feste Begruendung Sinn haben, ohne kosmopolitisch zu fuehlen und zu wollen, die Andern aber, die davon eingenommen werden sollen, bei weitem noch nicht frei genug sind von der Bedientenhaftigkeit der Gesinnung, um Ideen fuer mehr als ergoetzliche Schwaermereien zu halten. Nur die Jugend und die jugendlichen Geister bleiben uebrig, und in ihren Herzen wird diese Aussaat – das hoffen wir – so ueppig aufgehen, daß das Unkraut der selbstsuechtigen Gewalthaber – und ihre Anzahl betraegt Millionen – nicht weiter wuchern kann. Stirner.


Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt fuer die gebildete Welt. Neue Folge. V. Jg. 1842. Dienstag den 17. Mai. No. 58. p. 1.

Neue Bauten.

Maurergeselle,
Was regst Du die Kelle?
Wohl wird's ein Lustgebaeude sein?
Ich seh', Du legst nicht große Massen ein.
»Ein Harem wird's für schoene Frau'n;
Wir bau'n, den Herren zu erbau' n .«

Maurergeselle,
Was regst Du die Kelle?
Wie ungern fuegt sich finstres Felsgestein?
Wer wird Bewohner dieses Hauses sein?
»Der Finsterniß ein finstres Haus;
Bald gehn hier Kutten ein und aus.«

Maurergeselle,
Was regst Du die Kelle?
Wie sind des Hauses Augen eng und klein?
Kaum schluepfen kann geschmeidge Luft hinein. »Dem freien Wort, dem kuehnen Aar,
Bau'n wir hier eine Todtenbahr.«

                G. Edward


Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt fuer die gebildete Welt. Neue Folge. V. Jg. 1842. Dienstag den 21. Juni. No. 73. p. 1.

Im Gebirg.

Es braust der Strom, es raucht das Thal;
Die Nebel drueckt der Sonne Strahl.
Ihr Berge, morgenhell durchglueht,
Singt laut mir nach das freie Lied:
Wach auf, du deutsches Volk!

Doch lebensvoll der Nebel wallt;
Will er sich formen zur Gestalt?
Sich, eine Jungfrau wunderbar
Mit blauem Aug und goldnem Haar. –
Wach auf, du deutsches Volk!

Zum Wanderer blickt das Auge hin,
Und eine Thraene glaenzt darin.
Wer bist du, hehre, holde Maid,
Du Goetterbild im Sonnenkleid? –
Wach auf, du deutsches Volk!

»In Deutschlands Eichwald ward ich groß,
»Wuchs maechtig in dem deutschen Schooß.
»Ich heiße Freiheit, bin verbannt
»Aus deutschem Sinn, aus deutschem Land.«
Wach auf, du deutsches Volk!

Du bist nicht mehr verkannt, verbannt.
Der deutsche Sohn hat sich ermannt,
Der dich im freien Liede preist,
Das bald auch fort zu Thaten reißt.
Wach auf, du deutsches Volk!

Doch sieh, es schwand das hehre Bild,
Der helle Tag die Thaeler fuellt.
Ihr Berge, morgenhell durchglueht,
Singt laut mir nach das freie Lied:
Wach auf, du deutsches Volk!

                G. Edward


Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt fuer die gebildete Welt. Neue Folge. V. Jg. 1842. Dienstag den 5. Juli. No. 79. p. 1.

An eine Mutter.

Wie die Blume, zu der Quelle
Sanft die Krone niederneigend,
Sieht ihr Bild im Glanz der Welle,
Still in ihrem Gluecke schweigend;

Schaust Du, schoene Mutter, milde
Laechelnd auf den Knaben nieder,
Siehst Du wie im Spiegelbilde
Treu Dein eignes Wesen wieder.

Wachend ueber seinen Schlummer
Scheuchest Du Fliegen, boese Traeume.
Lieberfuellt in Freud’ und Kummer
Sind des Mutterherzens Raeume.

Deine Seele laeßt das Ringen
Seines Lebens schon Dich ahnen; –
Fuehlt der Vogel seine Schwingen,
Sucht er seine eignen Bahnen.

Ach, dann wirst Du nicht die Schmerzen
Des geliebten Kindes wehren,
Wenn dereinst an seinem Herzen
Leidenschaft und Kummer zehren;

Denn in keine Welt voll Frieden
Hast den Liebling Du geboren; –
Gluecklich ist, wer jetzt hienieden
Hat ein gutes Schwert erkoren.

Holde Mutter, nenne leise
Schon dem Kind der Freiheit Namen!
Dieses Klanges große Weise
Streu ins Herz als guten Saamen!

Floeß dem Kinde ein, dem Knaben
Zu der Freiheit heiße Liebe!
Tief im Herzen eingegraben
Sprossen dann die edlen Triebe,

Daß der Mann, von feiger Blindheit
Ferne, fuer die Freiheit ringe,
Die ihm naht als Geist der Kindheit
Auf der Mutterliebe Schwinge.

Nicht um Fuerstengunst zu knieen,
Sei die Frucht er Deines Leibes;
Freie Maenner zu erziehen,
Ist die Goettlichkeit des Weibes.

Weinst Du? ja vor Freuden weine!
Nicht fuer Kuenft’ges furchtbefangen
Sieh! es laechelt hold der Kleine,
Rosen bluehn auf seinen Wangen;

Mag in unbewußtem Triebe
Ahnungsvolle Traeume haben.
Gott der Freiheit! Gott der Liebe!
Schuetz’ die Mutter und den Knaben.

                G. Edward


Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt fuer die gebildete Welt. Neue Folge. V. Jg. 1842. Dienstag den 13. August. No. 96. p. 1.

Wasserfahrt.

Wir saßen auf schwankem Kahne
Im rosigen Abendschein;
Es lag das Ruder mueßig,
Die Faehre trieb allein.

Die fichtenbekroenten Felsen
Beschatteten weit den See;
Es schlich aus den Gebueschen
Das schlanke, fluechtige Reh.

Der schaffende Geist der Erde
Umweht' uns still und groß
Mein Haupt lag sanft gebettet,
O Liebchen, in Deinem Schooß.

Ich blickte zum Aether traeumend –
Da tagte der Sterne Licht –
Sah zwischen Himmel und Erde
Dein sueßes Angesicht.

                G. Edward


Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt fuer die gebildete Welt. Neue Folge. V. Jg. 1842. Dienstag den 27. August. No. 102. p. 1.

Abschied.

Es rollen die Raeder, es schallet der Huf;
Es geht durch die Auen mit raschem Lauf.
Der Postillon weckt mit des Hornes Ruf
Den schlummernden Morgen vom Traume auf.

Ich schaue zurueck, wo dem duftigen Flor
Entsteigen die Thuerme der alten Stadt;
Sie ragen als letztes Zeichen empor,
Als letzter Trost, den mein Auge hat.

Dort sitzest Du, Holde; im Auge schwebt
Die heiße Thraene, und faellt in den Schooß;
Der letzte Kuß auf der Lippe noch bebt,
Du fuehlst noch den Arm, der Dich liebend umschloß.

Es rollen die Raeder, es schallet der Huf,
Und immer weiter fuehrt es mich fort.
Du goldene Welt, die die Liebe sich schuf,
Schwebst fern, wie der duftige Nebel dort.

                G. Edward


Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt fuer die gebildete Welt. Neue Folge. V. Jg. 1842. Donnerstag den 29. Septbr. No. 116. p. 1.

An die Geliebte.

Komm, nimm die Zither,
Sing mir ein Lied!
Weil ein Gewitter
Durch die Seele mir zieht.

Laß es nur rauschen,
Wie der Wind im Baum,
Laß stille mich lauschen
Blendendem Traum!

Liebchen, o singe.
Es throne das Recht,
Freiheit durchdringe
Der Menschen Geschlecht.

Deine Lippe wenn singet,
Toent es so hold,
Selbst Taeuschung klinget
Wie der Wahrheit Gold.

                G. Edward


Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt fuer die gebildete Welt. V. Jg. 1842. Donnerstag den 15. Februar. No. 19. p. 75.

Correspondenz

Berlin, den 29. Jan. 1842.

Juengst brachte einer unserer Geistlichen – da seines Gleichen keine Seltenheit sind, so thut sein Name nichts zur Sache – in einer Predigt die Klage vor, daß er sich in seinem christlichen Bewußtsein beschwert fuehle, wenn er einen geschiedenen Mann oder eine geschiedene Frau zu einer neuen Ehe einzusegnen habe. Jetzt zwar leide er durch das Gesetz noch Zwang, »aber,« mit diesen Worten schloß er, »wir hoffen und harren!«

Darf man dem Manne Unrecht geben, ihm, der als christlicher Prediger an die Norm der Bibel gewiesen und ihrem goettlichen Worte verpflichtet ist? Sagt nicht im Evangelium Matthaei (XIX, 9) Christus ausdruecklich: »Wer sich von seinem Weibe scheidet (es sei denn um der Hurerei willen), und freiet eine andere, der bricht die Ehe. Und wer die abgescheidete freiet, der bricht auch die Ehe.« Und wenn nun gar sowohl Lucas (XVI, 18), als Marcus (X, 11.f) nicht einmal vom Ehebruch als einem Scheidungsgrunde etwas wissen, dann moegen wohl die Schriftgelehrten unserer Tage durch allerlei Deutung und Auslegung sich aus der Schlinge zu ziehen und ihr Gewissen zu kuehlen verstehen; – ein wahrer Apostel des Herrn aber, der, wie wir in der »christlichen Sonntagsfeier« erinnert werden, gar wohl weiß, daß, so »Jemand das ganze Gesetz haelt und suendigt an Einem, der ist's ganz schuldig,« – wird nicht kluegeln und deuteln an dem goettlichen Worte, sondern halten die Gebote. Er kann sie aber nicht halten, ohne sein Amt zu verlieren. Die Alternative ist: Gott gehorchen oder – den Menschen! Der arme Wurm, der gehorchende Diener, mueßte vergehen in dieser entsetzlichen Noth, wenn ihm nicht ein Ausweg bereitet waere durch die – Schwaeche seines Charakters. Er dient – damit ist sein Gewissen beruhigt! – den Menschen einstweilen, um Gott kuenftig und unter guenstigeren Umstaenden zu dienen: er »hofft und harrt.« Mitunter aber faßt er sich ein Herz, und sagt’s den Gewaltigen wenigstens, daß er – »hoffe und harre.« Str

Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt fuer die gebildete Welt. V. Jg. 1842. Dienstag den 1. Maerz. No. 25. p. 99/100.

 

Correspondenz

Berlin, im Februar 1842

Daß durch das Censur-Circular die Fesseln der Presse, den ausgesprochenen Grundsaetzen nach, erleichtert werden sollen, erfreut natuerlich die Wohlmeinenden. Im uebrigen Deutschland und in Sachsen z. B., wo man laengst das hat, was uns hier geboten wird, muß indeß manche Aeußerung dieser Freude auffallen. So hat in der Spener'schen Zeitung (den 19. Febr.) der Criminaldirector Hitzig den koenigl. preuß. Beamten Rath erteilt, wie das Geschenk aufs vortheilhafteste zu gebrauchen sei. Diese erste Sorge geht aber dahin, den »fremden« Blaettern recht vielen Abbruch zu thun. Damit meint er aber andre deutsche! Diese fremden Zeitungen, heißt es, enthalten fast lauter Luegen, die ihnen »unwissende Correspondenzler« zuschicken. Darum, ihr preußischen Beamten, laßt euch ein wenig von der strengen Pflicht des Amtsgeheimnisses entbinden und schickt eure »beschlossenen Sachen« den hiesigen Redacteuren bei Zeiten zu, damit sie den »fremden« Blaettern zuvorkommen. Allein wem ist denn viel an den trocknen Actengeheimnissen gelegen, wenn sie nicht durch freimuethige Betrachtung in Fluß gebracht werden? Das gerade fehlte zeither. Wer sucht in den »fremden« Zeitungen nach solchem duerren Holze? Nein, weil in diesen Geschichten, wenigstens zuweilen, Geist gebracht wird, darum sucht und lies’t man sie gerne. – Auch von Reben- stein sind so eben »Einige Worte« ueber das Censur-Circular erschienen. Ich glaube aber, daß man nur dazu sagen kann, es sei gut gemeint. –

Eine Frommthuerin ist dieser Tage hier als Diebin eingezogen worden. Sie wußte gleich gut zu beten und Edelsteine auszubrechen. Da sie aber zuletzt sich auch an gemeines Geld wagte, so nahm sich die Polizei der duepirten hohen und hoehreren Herrschaften an. Die hoechst gebildete junge Dame war uns auch Hannover zugekommen und hatte die Rolle einer feinen Englaenderin [100] vortrefflich zu spielen gewußt . Sie amalgamirte ihren eigenen Namen mit dem einer Hereford und zwar bereits zu der ehrenvollen Stellung einer Vorleserin der – ausersehen, als sie das Unglueck traf, unserem altfraenkischen Aberglauben zu verfallen, der noch immer darauf haelt, daß der Diebstahl jeden Menschen schaende. Sie haette sehr zufrieden sein sollen, ihr Englisch so gut anzubringen. Jedenfalls hatte sie damit mehr Glueck, als der englische Juden-Missions-Prediger Pauli, der seit einiger Zeit in seiner Wohnung in der Alexanderstraße die waermsten Bekehrungspredigten in englischer Sprache haelt!

Wer duerfte jetzt von hier aus einen Brief schreiben, ohne Liszt zu erwaehnen? Er ist in die Academie aufgenommen, und wurde kuerzlich von dem Potsdamer Husarenregiment festlich bewirthet. Der Voraussetzung nach konnte bei diesem Diner nur Liszt als einziger Civilist erscheinen. Ihm hatte sich aber eine bekannte Klette angehaengt, die sich von jeher an jede Notabilitaet gehaekelt hat, an Hegel, an die Sonntag, an Schelling u. s .w. Die Gesellschaft nahm den Begleiter mit Befremden auf, konnte ihn jedoch als Liszt’s Gast nicht zurueckweisen, und mußte sich sogar von ihm den ersten Toast gefallen lassen, der ohngefaehr folgenden geistreichen Ff-Styl und Sinn hatte: »Wie einst Ziethen aus dem Busch mit List die Feinde besiegte, so siegt jetzt Liszt u. s. w.«

Juengst ging ich einmal waehrend des Gottesdienstes durch die Straßen der Hauptstadt. Ueberall herrschte Stille, die Laeden waren geschlossen, die Schaufenster sittsam verhangen; an einem Bilderladen verrieth sich jedoch, daß der Berliner auch gern sein Faeustchen in der Tasche macht. Alle Bilder waren naemlich durch einen Vorhang verdeckt und ganz ober nur guckte eine Haelfte des speculativen »Berlin bei Nacht« hervor. 1   Str.

1. »In Berlin«, so informiert eine Mitteilung in der "Eisenbahn" (Nr. 14, 5. Februar, 1842, p.56), »wurde um Weihnachten 1842 ein Bildchen verkauft und vielfach gekauft: ‘Berlin bei Nacht, vom dustern Keller aus gesehn,' auf dem man nichts als eine schwarze Flaeche sah.« Das Bild spielt auf den Tag an, »an welchem es wegen Mangel an Illumination sehr finster in Berlin war ...«.

Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt fuer die gebildete Welt. V. Jg. 1842, Sonnabend den 12. Maerz. No. 30. p. 120.

Correspondenz.

Berlin, im Maerz.

(Pusey – Liszt – W.Alexis und das Lesecabinet – Literarische Nova.)

Die Puseyisten fachten neuerdings in der rechtglaeubigen englischen Kirche die Flamme des Haders und eines echten Theologen-Gezaenkes an, und es wird Vielen interessant sein, zu erfahren, daß der Urheber jener Oxfordischen Unruhen, Pusey 1 , ein Schueler unseres frommen Neander 2 ist und als ein ruehriger Mann dem empfangenen »Steine des Weisen« – Leben zu geben wußte. – Die aus den Zeitungen bereits bekannte Abreise Liszt’s, der hier mehr als irgendwo gefeiert worden ist und besonders die Herzen der Damen und der Studenten voellig einzunehmen gewußt hat, fand am 3. d. unter Zulauf von Tausenden, mit einem glaenzenden Comitate der Studenten, nach dem nahegelegenen Friedrichsfelde statt, wo der Besitzer ihn und seinen Begleitern ein Fest des Abschiedes gab. Wir haben da wieder gesehen, was hier die Massen auf die Beine bringt. – Der eigentliche Besitzer des Berliner Lesecabinets, Dr. Haering (Wilibald Alexis), ist Buchhaendler geworden und wird mit ersterem Institute eine Verlags- und Sortimentsbuchhandlung verbinden, unter der Firma: »Buchhandlung des Berliner Lesecabinets.« Auf diese Weise werden mehr Buecher und Broschueren ausgelegt werden koennen, als dies bisher der Fall war, und der Kreis der Leser, der doch allmaehlig zu fuehlen anfaengt, daß man mit blos gelehrter Literatur weit hinter der Zeit zurueckbleiben kann, wird sich durch jene Einrichtung hoffentlich vergroeßern. – Von hiesigen literarischen Novitaeten ist zuerst anzumerken: »Preußen, seine Verfassung, seine Verwaltung, sein Verhaeltniß zu Deutschland. Von Buelow-Cummerow.« (Berlin 1842, bei Veit u. Comp.) Freimuethigkeit zeichnet das Buch in hohem Grade aus, so daß viele Eingeschuechterte befuerchteten, es werde demnaechst verboten werden. Allein der Koenig hat selbst schon ein Prachtexemplar des Buches erhalten und gegen den Verfasser noch nicht die mindeste Unzufriedenheit geaeußert. Herr v. Buelow-Cummerow ist ein reicher pommerscher Gutsbesitzer und, wie es heißt, nur darum nicht Landtagsabgeordneter geworden, weil er auf eine Virilstimme Anspruch zu haben behauptet. Auch mag bei dem praktischen Manne noch ein anderer Grund mitgewirkt haben, wenn einer Anekdote zu trauen ist, die sich hier nicht mittheilen laeßt. Die ausgezeichnetsten Partieen seines Buches sind unstreitig in der Abtbeilung »ueber die Verwaltung« zu suchen. – Eine Schrift: »Die Noth der Kirche und die christliche Sonntagsfeier. Ein Wort des Ernstes an die Frivolitaet der Zeit« (Berlin 1842) 3 wird der evangelischen Kirchenzeitung eine bedenkliche Stunde gemacht haben. Und was soll man dazu sagen, daß selbst eine verbotene Schrift in dem Schriftchen nicht nur erwaehnt, sondern sogar excerpirt wird? 4 Unwillkuerlich kommt einem der Gedanke: Wie wuerde die Censur darueber hergefahren sein, wenn in einem freisinnigen Buche ein solches verbotenes Buch mit Titel aufgefuehrt worden waere! So einem Eiferer fuer den Herrn geht das aber fuer genossen hin.  Str.

1. Edward Bouverie Pusey (1800-1882), englischer Theologe, der sich 1834 der sogenannten Oxfordbewegung anschloß, einer religiösen Bewegung, die mit ihren »Tracts for the Times« eine Erneuerung der Kirche von England anstrebte (Rückbesinnung auf das katholische Erbe, Betonung der sakramentalen und liturgischen Elemente, Loslösung von der staatlichen Bevormundung).

2. Johann August Wilhelm Neander (1789-1850), einer der führenden Neupietisten und Professor der Kirchengeschichte in Berlin. Das Christentum verstand er als eine himmlische Kraft, die das Natürliche durchdringt und zu einem höheren Leben umformt.

3. Die im Verlag Hermes erschienene anonyme Schrift stammt von dem Berliner Journalisten Ludwig Buhl, dem Herausgeber der Zeitschrift »Der Patriot«; Buhl war einer der sogenannten Freien um Bruno Bauer und ein guter Bekannter Stirners.

4. Anspielung auf Stirners »Gegenwort«, das am 3. Februar 1842 polizeilich verboten wurde.

Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt fuer die gebildete Welt. V. Jg. 1842. Dienstag den 12. April. No. 43. p. 171/172.

 

Eine Zeitfrage.

Sabbath und Sonntag, oder Die christliche Sonntagsfeier. Eine Zeitfrage eroertert von Dr. Jachmann. Koenigsberg 1842.

Diese Frage wird in unserer Zeit freilich verhandelt, aber eine rechte Zeitfrage, d. h. eine Frage, auf welche die Zeit eine entscheidende Antwort erst noch zu geben haette, ist es schwerlich. Worueber die Menschen so in’s Reine gekommen sind, daß sie ihre ganze Lebensreise darnach eingerichtet haben, darin lassen sie sich nicht mehr irren. Inzwischen gibt es doch auch noch Bedenkliche und Ungewisse, und für sie, fuer die Befangenen hat Dr. Jachmann die verdienstliche Muehe übernommen, auf Veranlassung einer in Koenigsberg von Herrn Detroit gehaltenen Predigt den Nachweis zu geben, daß man sich zur Rechtfertigung einer strengen Sabbatsfeier weder auf Christi Lehren, noch auf die Geschichte des Christenthums berufen könne. Er liefert eine kurze Geschichte des Sonntags, worin es unter anderem heißt (Seite 11): »Erst die Kaiser Gratianus und Theodosius verboten die Schauspiele am Sonntag, aber nur aus dem Grunde, weil es damals nur heidnische Schauspiele gab, an denen die Christen allerdings Anstoß nehmen mußten. Allmaehlig versanken jedoch die Christen seitdem in eine so unfreie Werkheiligkeit, daß sie im siebenten Jahrhundert sich nicht mehr erlaubten am Sonntag zu reiten, zu fahren, zu schiffen, zu baden, selbst Brot zu backen; sie konnten in dieser Beziehung recht gut für Juden gelten, ueber die sie sich doch unendlich erhaben duenkten.« – Wer also Gefahr laeuft, durch den Vorwurf, als seien wir bei unserer laxen Sonntagsfeier Suender gegen unsere Religionslehren, in seinem bisherigen Verfahren irre gemacht zu werden, der findet den nöthigen geschichtlichen Trost und die Mittel zur Abwehr in der angefuehrten Broschuere. Auch thut es in unserer beweissüchtigen Zeit allerdings sehr Noth, daß man besonders wider diejenigen mit Gegenbeweisen sich waffne, welche uns mit geschichtlichen Thatsachen geschlagen zu haben meinen, so oft sie ihre Theorieen und Anmaßungen auf die Haarbeutelzeit zurueckführen. Ihnen gehen dann Andere zur Seite, die in den grauen Jahrhunderten der ersten Zeiten die Norm fuer Alles finden, und die z. B. die Aposteltage fuer alle Ewigkeit festhalten möchten, ohne der darauf folgenden geschichtlichen Entwickelungen zu achten. Trachtet man den Absolutismus zu rechtfertigen, so benutzt man die Geschichte zu dem Beweise, daß er schon lange bestehe; will man die geheiligte Macht der Bischöfe begruenden, so laeßt man sie in ununterbrochener Reihefolge Abkömmlinge der Apostel sein; will man den Sonntag recht heilig machen, so entwirft man ein ruehrendes Bild von der Frömmigkeit unserer Vordern. Gegen alle solche Geschichtsverunstaltungen, von bornirten oder intriganten Koepfen zum Heil iher »guten Sache« ersonnen, muß man sich einer redlichen Unbefangenheit in Betrachtung der Geschichte versichern, wie sie fuer den hier in Frage gestellten Gegenstand, die Sonntagsfeier, bei Jachmann anzutreffen ist. Es wird dann auch nicht fehlen, daß der Pfeil auf den falschen Schuetzen zurueckprallt, und der Verfasser sagt Seite 17 ganz mit Recht: »Kehren wir auch einmal die Sache um, suchen wir den Grund der Unkirchlichkeit in den Anklaegern und nicht in den Angeklagten, in den stolzen Anschuldigern und nicht in den armen Angeschuldigten. Diese Anschuldiger sind diejenigen, die uns immer und ewig die alten und veralteten Lehren einer unverstaendlichen Orthodoxie von den Kanzeln herab predigen, die uns immer mit Hoelle und ewiger Strafe drohen, als ob sie Satans Geheimräthe waeren; die nicht die Liebe verkuendigen, sondern den Haß; die absichtlich in den geradesten Gegensatz zu unserer jetzigen Bildung treten, und es vergessen, daß wir nicht in Jerusalem und an den Ufern des Jordan leben; die es laeugnen, daß unsere tiefere und allgemeiner verbreitete Erkenntniß auch eine andere Befriedigung religiöser Bedürfnisse heischt, als dem sechszehnten oder dem ersten Jahrhundert genuegte; die aus der Welt die Freiheit des Gedankens verbannen möchten, [172] weil sie selbst nicht einmal die Freiheit des Wortes kennen. Dieß der ganz einfache Schlüssel zu dem Raethsel, dessen Loesung ihr von England erwartet, von England, das noch nie ehrlich mit dem Auslande verfahren ist.« – Um nicht durch weitere Auszüge den Leser zu der Meinung zu verleiten, als habe er damit die Hauptsache des Schriftchens, enthalten wir uns lieber aller Anfuehrung und wünschen vielmehr, daß Jeder das Ganze lese. Str.

 


 

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