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Essays

Max Stirner: Essays - Kapitel 3
Quellenangabe
titleEssays
authorMax Stirner
typeessay
modified20170929
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Bruno Bauer

Bauer, Bruno, geb. am 9. Sept. 1809 in Eisenberg, einem sachsen-altenburgischen Städtchen, wo sein Vater, der später nach Berlin übersiedelte, Porcellanmaler war, bezog 1829 die berliner Universität, um Theologie zu studiren. Hier schloß er sich vorzugsweise an Hegel und dessen Lehre an und widmete sich der Theologie mit jenem Eifer, der seinen Gegenstand nicht eher losläßt, als bis er ihn ganz überwunden. Als er sich im Jahre 1834 an der berliner Universität als Privatdocent habilitirte, stand er völlig auf dem spekulativ-orthodoxen Standpunkt der Hegel’schen Schule, und bewies dies theils in seiner Schrift des »Lebens Jesu« von Strauß in den »Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik« Decbr. 1836, dem Organe der Hegelschen Schule, theils in seiner von 1836-37 herausgegebenen »Zeitschrift für spekulative Theologie«, an welcher außer ihm Daub, Marheineke, Erdmann, Rosenkranz, Göschel und Baur in Tübingen arbeiteten, und selbst noch in seiner »Kritik der Schriften des alten Testaments (2 Bde., Berl. 1838), obgleich schon in dem letzteren Werke die Keime seiner spätern Kritik verborgen lagen, indem er darin die  religiösen Mythen des Judenthums in ihren allmähligen Umgestaltungen als eine Entwickelung im Volksbewußtsein der Juden selbst darstellte. Erst mit der Schrift: »Hr. Dr. Hengstenberg Kritische Briefe über den Gegensatz des Gesetzes und des Evangeliums« (Berlin 1839) brach er völlig mit der Orthodoxie. Diese Briefe sind an seinen jüngern Bruder Edgar gerichtet, dem sie beim Antritt seines theologischen Studiums als Propädeutik dienen sollten. Bisher war es nur das Alte Testament, mit dem sich Bauer kritisch beschäftigt, wo sich seine Kritik von den gläubigen Voraussetzungen befreit hatte. In der »Kritik der evangelischen Geschichte des Johannes« (Bremen 1840), stellte er darauf das ganze Evangelium als eine Reflexionsarbeit des Evangelisten dar, in der nur einzelne wirklich historische Züge als Anknüpfungspunkte sich finden und suchte in der, in demselben Jahre erschienenen Schrift: »Die evangelische Landeskirche Preußens und die Wissenschaft« (Leipzig 1840) darzuthun, daß die Kirche im Staate aufgehen müsse, wie dies dem Principe nach in der Union schon geschehen sei. – Bauer war inzwischen (1840) an die Universität nach Bonn versetzt worden. Hier schrieb er seine »Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker« (Bd. 1 und 2, Leipzig 1841, Bd. 3, Braunschw. 1842). Drückte sich bisher bei jedem seiner Werke ein Fortschritt gegen das vorhergehende aus, so erreicht hier die Kritik im Fortgange vom ersten zum dritten Bande ein Resultat, welches dem Verfasser beim Beginn seiner Arbeit selbst noch unbekannt war, ein die ganze Theologie zerstörendes, auflösendes Resultat. Während er im ersten Bande bittet, das Urtheil  bis zur Vollendung des Ganzen zu suspendiren: »wie kühn und weitgreifend auch die Negation in diesem Bande erscheine – am Ende werde sich doch zeigen, daß erst die verzehrendste Kritik der Welt die schöpferische Kraft Jesu und seines Principes lehren werde,« während  er in den beiden ersten Bänden Manches in dem Leben Jesu für geschichtlich zu halten scheint, ist ihm am Schluß des Werkes selbst die Existenz Jesu zweifelhaft. Das Werk eines theologischen Docenten, welches die Evangelien als die freie Schöpfung des Selbstbewußtseins darstellt, welches Lucas und Matthäus als töpelhafte Abschreiber des Marcus bezeichnet, welches bei jeder Gelegenheit gegen die theologischen Apologeten rücksichtslos kämpft, die Theologen Heuchler, die Theologie den dunkeln Fleck der neueren Geschichte nennt, der nur die Reinheit der Kritik entgegenzustellen sei, ein solches Werk schien so bedenklich, der Ton der Untersuchung so wenig dem Charakter eines öffentlichen Lehrers der Theologie angemessen, daß das preußische Ministerium des Cultus unterm 20. Aug. 1841 bei den sämmtlichen evangelisch-theologischen Facultäten des Landes anfragte, welchen Standpunkt B. zum Christenthum einnehme und ob ihm die Lehrbefugniß zu gestatten sei. Die Meinungen der Facultäten als Körperschaften waren eben so getheilt, wie die der votirenden Professoren innerhalb der einzelnen Facultäten. Während Einige die Lehrfreiheit gefährdet sahen, wenn der Licentiat B. abgesetzt würde, glaubten Andere die heilige Sache des Christenthums in Gefahr, wenn er ferner lehren dürfte; die Vermittler schlugen im September vor, B. als Docenten in der philosophischen Facultät zu lassen, ja Marheineke beantragte für ihn, der nun schon acht Jahre Docent gewesen, eine Professur in der [79] philosophischen Facultät mit Gehalt, da er dann wenigstens – Brot haben und nicht von der Noth gezwungen schreiben würde, derselbe Marheineke, der zwei Jahre vorher, bei der Herausgabe der 2. Auflage von Hegels Vorlesungen über die Religionsphilosophie nicht genug Worte der Anerkennung des Scharfsinns, des speculativen Geistes, der Thätigkeit seines »Freundes« Bauer, welchem das meiste Verdienst für die würdige Art des Erscheinens dieser zweiten Auflage zukomme, finden konnte. Am 29. März 1842 wurde dem Licentiaten Bauer von Seiten der Facultät eröffnet, daß ihm die fernere Erlaubniß, an der Universität zu lesen, entzogen sei. Die Bauersche Angelegenheit wurde nun eine öffentliche, man erörterte sie in politischen und nicht politischen Journalen, in Broschüren und Büchern, in officiellen und nicht officiellen Schriften. Bauer antwortete nur indirekt, theils in der »Posaune des jüngsten Gerichtes über Hegel den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum« (Leipzig 1841), worin er mit colossaler Ironie, mit gut getroffener priesterlicher Salbung, und mit einem Reichthume von Citaten nachwies, wie Hegel der eigentliche Gottlose sei, und dadurch die Althegelianer zum offenen Bekenntniß zu zwingen suchte, entweder daß sie getäuscht worden seien oder daß sie getäuscht hätten; theils in der Fortsetzung dieser Broschüre: »Hegel’s Lehre von der Kunst und Religion. Vom Standpunkte des Glaubens« (Leipzig 1842), theils in den »Deutschen Jahrbüchern« von A. Ruge, in denen er über die moderne Theologie, den modernen Glauben, eine Reihe von Aufsätzen widerlegte, von denen diejenigen, welche die den »Jahrbüchern« vorgesetzte Censur nicht passirten, in die später von Ruge herausgegebenen: »Anektoda der neuesten Philosophie und Publicistik« (Zürich 1843) aufgenommen wurden. Nachdrücklicher war Edgar B. theils in seinen Beiträgen zu den »Deutschen Jahrbüchern«, theils in besondern Schriften für die Sache seines Bruders thätig. Endlich erfolgte auch die direkte Antwort B.’s auf die Angriffe der Gegner, so wie auf die Facultätsgutachten, die vom Ministerium gesammelt herausgegeben waren, in seiner Schrift: »Die gute Sache der Freiheit und meine eigene Angelegenheit« (Zürich 1843). Hier vertheidigt er seine Angelegenheit mit der Ruhe, die er nach all den durchgemachten Kämpfen errungen hatte, mit einer Ueberzeugung, die ihm das Bewußtsein einer Jahre lang mit Hingebung geführten Sache gegeben, und scheidet, nachdem er alle theologischen Parteien auf das Treffendste charakterisirt, von den Theologen und der Theologie mit einer Siegesgewißheit, zu der ihn die offenbare Ueberlegenheit über seine Gegner und die vollständige Erkenntniß seines Gegenstandes berechtigte. Bauer hatte jetzt mit der Theologie vollständig abgeschlossen. Der Gang seiner Entwickelung, oder wie er es bezeichnet, die Entwickelung der angeführten Kritik wird durch die angeführten Schriften dargestellt. Es war ihm jetzt, wollte er sich nicht wiederholen, eine wissenschaftliche Polemik gegen die Vertheidiger des Glaubens unmöglich geworden. Eine Schrift, in der er Alles zusammenfaßte, was seine Ansicht von der Theologie bestätigte und die unter dem Titel: »Das entdeckte Christenthum« im Anfang des Jahres 1843 erscheinen sollte, wurde selbst in Zürich von der Regierung confiscirt und der Verleger (Fröbel) deshalb zur Gefängnißstrafe veurtheilt. Er wandte sich jetzt der Kritik der socialen Zustände zu. Aus der Zeit der »Deutschen Jahrbücher reicht in diese Periode die Judenfrage« hinüber, die Bauer dort beleuchtet hatte und nun als Broschüre in 2 vermehrten Auflagen herausgab (Braunschweig 1843). Er stellt darin den Satz auf, der christliche Staat könne die Juden nicht emancipiren, die müßten erst ihr besonderes Privilegium aufgeben, welches sie von den socialen Bestrebungen der Menschheit bisher abgesondert, sie müßten aus Juden Menschen werden (dieselbe Forderung stellt B. freilich auch an die Christen), um im Staate die Rechte aller Staatsbürger zu haben. Dieselbe Frage gab ihm noch Stoff zu einer Abhandlung in Herwegh’s »Ein und Zwanzig Bogen aus der Schweiz« (Zürich 1843); sie beschäftigte ihn ferner in Form einer Recension der seither erschienenen Gegenschriften beim Beginn seines neuen Unternehmens, der »Allgmeinen Literatur-Zeitung«, einer Monatsschrift, die er seit Novbr. 1843 in Charlottenburg herausgab, wo er in Verbindung mit seinen Brüdern eine Buchhandlung begründet hatte aus [80] der von nun an alle literarischen Unternehmungen Bruno und Edgar B.’s hervorgingen. Sie zogen es vor, einen fortwährenden, ermüdenden Kampf mit der preuß. Censur einzugehen, statt, wie bisher, ihre Arbeiten den Pressen censurfreier Länder zu übergeben, mußten aber gleich im Anfange ihrer Unternehmung den drückenden Einfluß der Censur zur Genüge erfahren. Ihnen kam das um diese Zeit in Preußen erschienene Gesetz von der Censurfreiheit der Schriften über 20 Bogen nicht zu Gute. Schon über Bruno’s ersten Band der »Geschichte der Politik, Cultur und Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts« entspannen sich weitläufige Verhandlungen zwischen der Polizei und dem Obercensurgerichte einer-, und dem Verfasser und Verleger andererseits, die damit endeten, daß der Verfasser viele Stellen des schon gedruckten Buches umarbeiten mußte und das Werk erst ein halbes Jahr nach dem Erscheinen (1844), ausgegeben werden konnte. (S. über diese Verhandlungen: »Actenstücke zu den Verhandlungen über die Beschlagnahme der Geschichte etc.« von Br. B. Thl. 1, Christiania 1844). B. hatte sich schon, wie man aus dem »Briefwechsel zwischen Bruno und Edgar Bauer« (Charlottenburg 1843) sieht, in Bonn viel mit Forschungen zur Geschichte der französischen Revolution beschäftigt. Wie großartig aber auch die Vorarbeiten zu dieser Culturgeschichte angelegt scheinen, so entspricht ihnen doch die Ausführung nicht. Man findet im 1. Bde. pittoreske Schilderungen deutscher Zustände im Anfange des vorigen Jahrhunderts, welche charakteristisch für jene Zeit sind, man sieht den Verfasser mit besonderer Vorliebe bei den theologischen Zuständen verweilen, namentlich setzt er dem von ihm schon früher in Erinnerung gebrachten Edelmann und Dippel darin ein Ehrendenkmal, doch ist das Werk kein Geschichtswerk im gewöhnlichen Sinne zu nennen. Der erste Band geht bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts, die Behandlung der Zeit von da ab bis zur französischen Revolution, fehlt noch gänzlich, dagegen beschäftigten sich die bis jetzt als zweite Abtheilung unter dem Haupttitel »Deutschland und die französische Revolution« erschienenen drei Bände mit Deutschland und Frankreich vom Anfange der Revolution bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Sie bringen bald in gemessener, aphoristischer Darstellung, bald in unverhältnißmäßiger Ausführung, die Lage der Dinge in Deutschland und Frankreich, während jener Zeit, zur Anschauung, und in einem Style, der keineswegs an die Eigenthümlichkeit und Schönheit in den letzten Schriften der theologischen Periode (z. B. die gute Sache u. s. w.) erinnert. – Die schon erwähnte »Allgemeine Literatur-Zeitung,« von der in dem Zeitraume eines Jahres 12 Hefte erschienen waren, mit deren letztem sie endete, sollte das Organ für die neue Wendung in der Entwickelung der Kritik sein. Der Kampf, den nunmehr Bauer begann, sollte gegen die »Masse« gerichtet sein, »die Masse in dem Sinne, in welchem da Wort auch die sogenannte gebildete Welt umfaßt,« die Masse, die sich keine Mühe giebt, einer Wahrheit »durch ihre Beweise hindurchzufolgen«. Doch beschäftigt sich die ganze Literatur-Zeitung zum größten Theil nur mit Mittelgut. Was bei Bauer noch originell erscheint, wird unter seinen Mitarbeitern nicht selten zur Carricatur. Es konnte daher nicht fehlen, daß sich gegen diese Richtung ein Widerspruch erhob, und daß selbst Diejenigen, die B. zum Theil früher auf den Schild gehoben, zum Theil denselben Weg mit ihm gegangen waren, sich von ihm abwanden, oder seine erklärten Gegner wurde. Namentlich waren es zwei Gegner, die gegen diese neue Richtung B.’s auftraten: K. Marx (früher Mitredact. der Rheinischen Zeitung, dann der deutsch-französischen Jahrbücher) in Verbindung mit Fr. Engels in der Schrift »die heilige Familie etc.« (Frkfrt. 1845) und Max Stirner in seinem Werke: »Der Einzige und sein Eigenthum« (Lpz. 1844). Während Jene mit kleinlicher Gehässigkeit, die zuweilen durch gewisse pointenreiche Expositionen wie sie Marx liebt, unterbrochen wird, weniger eine Kritik liefern, als vielmehr die kleinern kritischen Verstöße B.’s hervorheben und spöttisch mit seiner Terminologie spielen (wobei man wohl gestehen kann, daß das, was Marx über B’s Kritik der Judenfrage, des franz. Materialismus, der franz. Revolution, des Socialismus etc. sagt, von seinem Standpunkte aus richtig ist); sucht Stirner in seinem Werke der B’schen Richtung ihre geeignete Stellung anzuweisen. Er betrachtet sie als den Vertreter des von ihm sogenannten humanen Liberalismus und faßt Bruno B. und Feuerbach, die er sonst [81] allerdings zu unterscheiden weiß, speciell als Vertreter des logischen Subjectes (in der Art was bei Feuerbach »Mensch«, bei Bauer »Geist« ist), dem er das einzige Subject, das, was er »den Einzigen« nennt, gegenüberstellt. Feuerbach hat schon versucht, hierauf zu antworten (Wigand’s Vierteljahrsschr. 1845 2. Bd.) Bauer aber hat bis jetzt auf alle Angriffe geschwiegen.

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Anmerkung: Für die Autorenschaft Stirners sprechen die Worte ab der 38. Zeile der Seite 80 bis Seite 81. – Es gibt Bauers Ausführungen zu Feuerbach und Stirner in Wigand’s Vierteljahrsschrift, 3. Band 1845, pp. 123-146. Demnach liegt die Abfassung dieses Artikels über Bruno Bauer in der Zeit zwischen der Veröffentlichung des 2. und 3. Bandes der Wigand’schen Zeitschrift.

Wigand's Conversations-Lexikon. Bd. 2, Leipzig 1846, pp. 78-81.

 


 

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