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Escal-Vigor

Georges Eekhoud: Escal-Vigor - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/eekhoud/escalvig/escalvig.xml
typefiction
authorGeorges Eekhoud
booktitleEscal-Vigor
titleEscal-Vigor
publisherMännerschwarm Verlag
seriesBibliothek rosa Winkel
volumeBand 44
isbn978-3-939542-44-5
year2007
firstpub1903
translatorRichard Meienreis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110207
projectid375ae96c
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VIII.

Außer Blandine hatte der Graf von Kehlmark noch seinen einzigen Bedienten nach Escal-Vigor mitgenommen, denselben, der ihn bei dem Unfall mit dem Wagen begleitet hatte.

Thibaut Landrillon, der Sohn eines ardennischen Waldhüters, war ein untersetzter, stämmiger und kräftiger Bursche. Da er lange in der Kaserne gelebt hatte, so hatte er sich das Aussehen und die Manieren des »Marodeurs« bewahrt, des schneidigen Kerls, der »den Trotz der Männer und die Herzen der Weiber knickt«, wie er sich in seinem Soldatenkauderwelsch ausdrückte. Er hatte ein rundes Gesicht, braune, listig blitzende Augen, eine kleine schnuppernde Stuppsnase und dicke, leuchtendrote Lippen, ein Zeichen von Sinnlichkeit und Grausamkeit zugleich, unter denen ein kleines Bärtchen saß, eine sogenannte Fliege; seine Wangen waren von einer beinahe kupferigen Röte; er hatte kleine, haarige, verkrumpelte Ohren wie ein Satyr, dichtes, struppiges Haar, abfallende Hüften und runde Beine. Unter einem gewandten Benehmen und einer biederen Gesprächigkeit verbarg er eine gierige, hinterlistige, heimtückische Seele.

Seine drollige Art und Weise, seine pöbelhaften, gepfefferten Ausfälle hatten indessen die Gabe, zu erheitern und den immer geistig beschäftigten, gespannt nachdenkenden, grübelnden Schloßherrn von Escal-Vigor seinen trüben Gedanken zu entreißen, wie die Hofnarren ehemals den Tyrannen des Mittelalters über ihre schlechte Laune und ihre heimlichen Gewissensbisse durch ihre Späße hinweghalfen. In jedem Pfuhl der Ausschweifung hatte er sich schon herumgewälzt; wie seine Stalljacke und seine Stiefel, so war auch seine Moral mit Schmutz und Mist durchtränkt. Die Mütze schief auf einem Ohr, die Hände in den Hosentaschen, den Stummel in einem Mundwinkel, oder das Priemchen aus einer Backe in die andere schiebend schlenderte er umher, als ob er noch immer die Stallwache zu spielen hätte, indem er alles ringsumher vollspuckte oder mit erstickendem Tabaksqualm erfüllte.

Keine Wohlthat hätte ihn gerührt oder ergriffen. Gegen seinen Herren, der ihn sozusagen aus dem Rinnstein aufgelesen, der ihn trotz seines Strafabschiedes und der schlechtesten Referenzen zu sich genommen hatte, empfand er nur den Neid, das Übelwollen, die Rachsucht des Bettlers gegen den Reichen, des Niedrigstehenden gegen den Hochgeborenen, einen wilden Haß, den er unter der Maske treuherziger Biederkeit versteckte. Sein scheinbar kühles, durch nichts in Wallung zu bringendes Wesen verbarg eine zügellose Gier nach ordinären Vergnügungen, nach Luxus und Reichtum, und seine sinnlichen Gelüste hatten ausschließlich die physischen Sensationen, die mannigfachen Arten der Ausschweifung zum Gegenstand, welche sich die Reichen mit ihrem Gelde erkaufen können. Die geistigen Vergnügungen, an denen Kehlmark Gefallen fand, hielt er für albernen Trödel.

Der Graf zeigte gegen diesen Possenreißer eine große Nachsicht. Er lächelte ihm freundlich zu, wenn jener seine Hintertreppengeschichten auskramte. Eine besondere Force besaß Landrillon in allerhand Ausfällen gegen die Weiber; er überbot sich in herabwürdigenden Tiraden und gemeinen Paradoxen gegen ein Geschlecht, das ihm, wenn man ihm glauben durfte, nur allzuviel Entgegenkommen bewiesen hatte.

So lange sie in der Stadt lebten, wohnte Landrillon nicht im Hause der verwitweten Gräfin, – dieselbe konnte sich niemals an die »Grimassen dieses Affen« gewöhnen – sondern in einem besonders gemieteten Stallgebäude in einiger Entfernung von der Villa.

Jetzt fühlte sich der Bursche ganz im richtigen Fahrwasser, und wenn er auch sein Spiel noch nicht zeigte, so hatte er doch seinen Plan schon fertig. Das sollte ihm fehlen, sein ganzes Leben lang mit den ergatterten Trinkgeldern auszukommen! O nein, er hatte auch seine Projekte! Hatte die dicke Klaudia den Ehrgeiz, Gräfin von Kehlmark zu werden, so hatte er sich vorgenommen, die Leiterin des Schlosses zu heiraten. Ob er den intimen Verkehr zwischen Blandine und Heinrich gleich gemerkt hatte, ist schwer zu sagen; indessen würde er sich daran nicht gestoßen haben und mit dem zufrieden gewesen sein, was ihm sein Herr übrig gelassen hatte. Die Schloßverwalterin von Escal-Vigor war in seinen Augen an und für sich ein ganz leckerer Bissen, aber er würde sie besonders wegen des »schönen Groschens« heiraten, den sie verstanden hatte der Alten abzuluchsen. Er seinerseits, der schneidige Kerl, hatte doch auch gar kein so schlechtes Los in der Lebenslotterie gezogen; er besaß seine gewissen äußeren und inneren Vorzüge, die doch auch ein ganz nettes kleines Vermögen repräsentierten.

Immerhin konnte er mit diesen Vorzügen, die vielleicht auf eine Spülmagd Eindruck machen mochten, der zurückhaltenden und vornehm empfindenden Blandine wenig imponieren. Sie glich wahrhaftig einer feinen Dame, diese elegante Mamsell! Fürwahr, sie würde ihm keine Schande machen, wenn sie hinter dem Schenktisch einer fashionablen Sportbar paradierte, wo sich die Buchmacher und die kleinen Börsenjobber zusammenfinden würden.

Aber jetzt vorwärts, mein Junge! Mache dich angenehm bei der Rentiere! Bis dahin hatte Blandine die Aversion der verstorbenen Gräfin geteilt und ihm wenig Sympathie entgegengebracht; aber Thibaut Herzensbrecher war nicht der Mann, sich abweisen zu lassen. Im übrigen drängte ihn ja nichts, er konnte warten!

Wiegte sie sich vielleicht in dem schönen Gedanken, daß Kehlmark sie heiraten würde? Thibaut war nicht wenig erstaunt, daß sie jetzt, wo sie Geld genug hatte, um frei und unabhängig zu leben, Kehlmark nach Smaragdis begleitete. Gerade das aber bestimmte ihn, mit ihnen zu gehen.

»Wie dumm!« sagte er sich; »sie bleibt nur bei dem Gimpel, weil sie sich schmeichelt, ihn einzufangen. Fehlgeschossen, mein Herzchen! Der scheint die Nase voll zu haben! Faule Fische, der und dich heiraten!« –

»Na, ich bin auch noch da!« simulierte er eines anderen Tages, indem er sich an der Nase zog, was bei ihm immer ein Zeichen innerer Befriedigung war; »die Spitzbübin glaubt sich in die Wolle zu setzen, wenn sie die Zügel des Haushaltes an sich nimmt: Prost Mahlzeit! Das kann uns nur zu Gute kommen!« ...

Der Halunke beurteilte eben jeden Charakter nach dem Maßstabe des seinigen. Seine Schlauheit ließ ihn vollständig im Stich, wenn es sich darum handelte, edle Beweggründe zu entdecken.

In Escal-Vigor beschloß er, gerade auf sein Ziel loszugehen. Von der Langenweile geplagt, dem Deichgrafen vernachlässigt, würde die gnädige Intendantin den Bewerbungen des galanten Kutschers vielleicht geneigteres Gehör schenken. Und sollte das Zierpüppchen sich noch fernerhin hinter ihr vornehmes Gethue verschanzen und sich hinter ihre Tugend zurückziehen wollen, so schmeichelte sich der »verfluchte Kerl«, auf andere Weise zum Ziele zu kommen. Wenn Geduld und Überredung nichts nützten, würde er sie mit Überraschung und Gewalt überwältigen. Was würde da Schlimmes daran sein? Den Teufel auch! Sie konnte noch an eine kühlere Mannesperson kommen. In gewisser Hinsicht glaubte sich der Stallknecht seinem Herren mindestens gleich! Die Schöne würde also bei dem Tausch nichts verlieren ...

Kehlmark fuhr fort, sich dem Ton und Benehmen dieses lustigen Spaßvogels anzubequemen, von dessen wahrem Charakter er keine Ahnung hatte. Der Graf selbst fühlte sich versucht, zu glauben, daß dies Sichgehenlassen und dieser Cynismus aus einem unbändigen Freiheitsdrange herstammten, einem beinahe philosophischen Scharfblick, der seinem eigenen Auffassungsvermögen ähnlich wäre.

Heinrich war ordentlich gerührt von der Bereitwilligkeit, mit der sein Diener sich einverstanden erklärte, die Hauptstadt zu verlassen und ihm nach Smaragdis zu folgen.

»Du willst dich also auch mit mir in dieses Mövennest zurückziehen, mein armer Thibaut? Das ist wirklich nett von dir!«

Er ahnte nicht im entferntesten die Pläne dieses Schurken, ja er war verblendet genug, seine Treue und Ergebenheit auf eine Stufe mit der der hochherzigen Blandine zu setzen. Er hätte vielleicht eher die aufrichtige Zärtlichkeit des jungen Weibes entbehren mögen, als die Gegenwart dieses anmaßenden und verschlagenen Schlingels.

In der Folge wird man besser verstehen, warum der Spott, der Sarkasmus und die Blasphemien dieser elenden Bedientenseele dem verbitterten Gemüt des Deichgrafen wohlthaten. Man wird darüber klar werden, wie diese feingeartete, liebebedürftige und leidenschaftliche Natur so lange die Gesellschaft dieses gemeinen Schmutzfinken ertragen konnte, der unfähig war, eine Zuneigung, wie sie auch immer war, sich anders als im Verein mit niederen Ausschweifungen und unflätigen Intimitäten vorzustellen.

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