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Escal-Vigor

Georges Eekhoud: Escal-Vigor - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/eekhoud/escalvig/escalvig.xml
typefiction
authorGeorges Eekhoud
booktitleEscal-Vigor
titleEscal-Vigor
publisherMännerschwarm Verlag
seriesBibliothek rosa Winkel
volumeBand 44
isbn978-3-939542-44-5
year2007
firstpub1903
translatorRichard Meienreis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110207
projectid375ae96c
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VII.

In der Erwartung, daß sich dieses vorzügliche Prognostikon bewahrheiten werde, nahm Kehlmark seine gymnastischen Übungen wieder auf, in denen er auf der Schule so Ausgezeichnetes geleistet. Unglücklicherweise betrieb er auch den Sport in der fieberhaften, übertriebenen Weise, die seine Worte und Handlungen charakterisierte. Er gefiel sich in halsbrechenden Bravourstückchen; es machte ihm Spaß, die breitesten Flüsse zu durchschwimmen, bei stürmischem Wetter zu segeln und störrische, mit allen Untugenden behaftete Pferde zu reiten. Eines Tages ging sein Reitpferd durch, galoppierte neben dem Schienenstrang mit einem Expreßzug um die Wette, bis es sich endlich überschlug und seinen Reiter unter sich begrub. Kehlmark kam mit einer Verstauchung davon. Ein anderes Mal hatte er dasselbe Pferd, das außerordentlich nervös war, von einen Dogcart spannen lassen; das Tier scheute vor einem Maurerkarren, der mitten auf der Straße stehen geblieben war, machte einen erschreckten Seitensprung und raste dann die Straßen entlang, bis es auf einem mit Bäumen bepflanzten Platz mitsamt dem Wagen gegen einen Laternenpfahl rannte. Kehlmark und sein Groom wurden kopfüber herabgeschleudert, ohne jedoch Schaden zu nehmen. Auch das Pferd ging unverletzt aus dem Zusammenstoß hervor. Dagegen war der Wagen verbogen und beschädigt; einer der herumlungernden Kerle erklärte sich bereit, ihn gegen ein gutes Trinkgeld zu einem Wagenbauer zu schaffen. Ein Großhändler des Viertels erbot sich alsbald, dem Grafen sein Pferd und seinen Wagen zur Verfügung zu stellen. Es fing schon an, dunkel zu werden, und die alte Gräfin erwartete Heinrich zum Diner, und er war noch weit von der Wohnung entfernt. Der Groom machte seinen Herrn auf die große Erregung des Pferdes aufmerksam, das die Ohren spitzte und schnaubend und zitternd danebenstand, und riet ihm, das Anerbieten des Großkaufmanns anzunehmen. Aber der Graf ließ sich nur bereit finden, den Wagen zu leihen. Das hitzige Tier wurde also vor den Wagen des Bürgers gespannt. Kehlmark ergriff die Zügel, der Groom stieg hinten auf seinen Sitz, nicht ohne ein schiefes Gesicht zu ziehen. Gegen ihre Erwartung schien das Tier jetzt beruhigt und trabte wie gewöhnlich los. Als sie aber in einen Weg einbogen, der unter einem Viadukt in der Nähe des Bahnhofs hindurchführte, bemerkten sie, daß unten an der Rampe eine aufgeregte Menschenmenge vor einem in Brand geratenen Petroleumzug stand, aus dem haushohe Flammengarben emporloderten.

Achtung, Herr Graf, das wird ihn wieder scheu machen. Bleiben Sie sitzen, ich werde umwenden! schlug Landrillon, der Reitknecht, vor.

Und er schickte sich an, abzusteigen.

Aber Heinrich hinderte ihn daran, indem er dem Pferd einen Peitschenhieb versetzte und ihm dann die Zügel ließ, so daß das erstreckte Thier auf die Menge zurannte.

»In Gottes Namen!« hatte der Graf mit einem geringschätzigen Lächeln auf den Lippen gesagt.

Entgegen den Befürchtungen des Kammerdieners durchschritt das Tier, das sonst ein Stückchen Papier, ein welches Blatt in Furcht versetzte, die Menge und trabte, ohne den geringsten Schrecken zu zeigen, mitten durch das Sprühen der Flammen, das Zischen des Wassers aus den Dampffeuerspritzen, das Schreien und Lärmen der Zuschauer hindurch.

»Da sind wir fein durchgekommen, Herr Graf!« sagte Landrillon, als sie die kritische Strecke passiert hatten.

Aber zwischen den Zähnen brummte er:

»Bei solchen Stückchen wird er eines Tages seine Haut lassen! Das ist allerdings seine Sache, aber mit welchem Recht setzt er die meinige aufs Spiel?«

Man hätte thatsächlich sagen können, daß der Graf jede Gelegenheit aufsuchte, um sich in Gefahr zu stürzen. Von welcher innerlichen Pein mußte er bedrückt werden, um so sein Leben zu mißachten, das zwei liebende Frauen ihm so sorgenfrei und angenehm wie möglich zu machen suchten?

Jetzt standen die Gräfin und Blandine noch mehr Todesangst um ihn aus als früher. Die arme Großmutter hoffte ihn ans Leben zu fesseln, indem sie seinen kostspieligsten Launen freien Lauf ließ; aber wenn er so weiterlebte, wie er es jetzt that, würde er Hab und Gut, Seele und Körper bald zu Grunde richten.

»Was wird aus ihm werden, wenn ich einmal nicht mehr bin?« fragte sich die würdige alte Dame. »Er braucht eine liebende und kluge Gefährtin, eine Frau, die ihn zu leiten versteht, einen Schutzengel, der ihm voll und ganz ergeben ist!«

Infolge eines Restes von Vorurteil ging die Gräfin Kehlmark nicht so weit, denen, die sie ihre beiden Kinder nannte, zur Heirat zu raten; aber sie würde sich einer solchen auch nicht widersetzt haben. Wenn sie mit Blandine allein war, so gestand sie ihr ihre Befürchtungen hinsichtlich der Zukunft des jungen Grafen.

»Er brauchte«, sagte sie, »eine wahre Heilige, einen Schutzgeist, der dieses thörichte große Kind sicher durchs Leben führen könnte, jemand, der ohne seine Hirngespinste brutal zu zerreißen, ihn mit sanfter Hand auf die Wege der Wirklichkeit leiten würde!«

Blandine versprach aus tiefster Seele ihrer Wohlthäterin, immer über dem jungen Grafen zu wachen und ihn nie zu verlassen, bis er sie davonjagen würde. Die alte Gräfin hätte wohl gern ihre Vereinigung unlöslich gestaltet, aber sie wagte nicht, mit Heinrich über diesen heiklen Gegenstand zu reden und ihm ihren Lieblingswunsch mitzuteilen. Infolge der vielen Aufregungen begann ihre kräftige Gesundheit zu wanken und ihr Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Sie sah ihr Ende herannahen mit jener stolzen Resignation, die sie aus den Schriften ihrer Lieblingsphilosophen geschöpft; sie sehnte den Tod herbei mit jener Freude, mit der der Arbeiter nach den Mühen und Lasten einer anstrengenden Woche sich die Ruhe am Sonntag ausmalt; nur das Schicksal ihres geliebten Enkels erfüllte sie mit Herzensangst.

Heinrich und Blandine saßen an ihrem Bett, und irregeleitet durch die Ruhe der Sterbenden, vermochten sie nicht zu glauben, daß das Ende so nahe bevorstände.

Es scheint, daß die Nähe des Todes den Sterbenden die Gabe des zweiten Gesichts und der Prophetie verleiht. Sah die alte Gräfin von Kehlmark die trübe Zukunft ihres Großsohnes voraus? Fürchtete sie, Blandine zu bitten, ihr Geschick unauflöslich mit dem Heinrichs zu verknüpfen? Immerhin ließ sie ihren höchsten und letzten Wunsch nicht laut werden. Mit einem unaussprechlichen Lächeln begnügte sie sich, beider Hände in einander zu legen und zärtlich zu drücken; dann schlummerte sie, traurig, nicht, daß sie sterben sollte, sondern, daß sie ihre Kinder verlassen mußte, hinüber. In ihrem Testament hatte sie Blandine eine beträchtliche Summe ausgesetzt, die hingereicht hätte, der treuen Dienerin die Unabhängigkeit und Selbständigkeit für zeitlebens zu sichern. Aber hatte diese nicht der hochverehrten Toten versprochen, ihr Leben lang bei Heinrich von Kehlmark zu bleiben?

Als einige Monate nach dem Tode seiner Großmutter der Graf, der sich immer mehr von der langweiligen und einförmigen Gesellschaft in der Stadt angeekelt fühlte, Blandine seinen Plan kundgab, sich in Escal-Vigor häuslich niederzulassen, fern von der Hauptstadt, auf diesem üppigen, barbarischen Eiland, antwortete sie ihm einfach: »Damit bin ich durchaus einverstanden, Herr Heinrich!« Trotz des vertrauten Fußes, auf dem sie standen, geschah es selten, daß sie dem Namen des jungen Mannes nicht diese respektvolle Bezeichnung vorhergehen ließ.

Kehlmark hatte die vollkommene Hingebung, die sie ihm weihte, noch nicht erkannt; er hatte geglaubt, daß sie die Freigiebigkeit der Verstorbenen benutzen würde, um in ihre Heimat zurückzukehren und sich dort nach einem passenden Gatten umzusehen.

»Was willst du damit sagen?« fragte er, eingeschüchtert durch den Ausdruck schmerzlicher Überraschung, den er auf dem Antlitz des jungen Weibes wahrnahm.

»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, Herr Heinrich, werde ich Ihnen überall hin folgen, wo Sie es für gut befinden, Ihr Heim aufzuschlagen, – wofern meine Anwesenheit Ihnen nicht ungelegen ist ...«

Und vorwurfsvolle Thränen zitterten in ihren Augen, obwohl sie sich Mühe gab, wie immer zu lächeln.

»Verzeihen Sie, Blandine!« stammelte der Ungeschickte; »Sie wissen wohl, daß keine Gesellschaft, die Gegenwart keines anderen Menschen mir so angenehm ist, wie die Ihrige ... Aber ich möchte Ihre Entsagung nicht allzusehr mißbrauchen ... Nachdem Sie mehrere der schönsten Jahre Ihrer Jugend geopfert, um meine würdige Großmutter zu pflegen, kann ich mich nicht damit einverstanden erklären, daß Sie sich da unten in einer Wüste mit mir lebendig vergraben, zumal sie sich dort in einer zweideutigen Lage befinden würden und den üblen Nachreden böswilliger Landleute ausgesetzt wären; ich kann es umso weniger jetzt, wo Sie Ihr eigener Herr sind, nachdem die teuere Verblichene sich bemüht hat, sich für Ihre treuen Dienste erkenntlich zu erweisen, indem sie Sie in den Stand gesetzt hat, ganz unabhängig zu leben ... Sie könnten sich also wohl gut selbständig einrichten ...«

Er wollte noch hinzufügen: »und einen Mann finden«; aber die Augen Blandinens, die sich immer mehr mit Thränen füllten, ließen ihn merken, daß ihr ein solches Wort schrecklich sein würde.

»Ja«, fuhr er fort, indem er ihre Hände ergriff und sie mit diesen rätselhaften Augen ansah, in welchen Melancholie und Exaltation zu gleicher Zeit schlummerten, »Sie verdienten glücklich zu werden, sehr glücklich, meine gute Blandine! ... Denn Sie waren so hingebungsvoll, viel besser als ich, ihr Großsohn, gegen die geliebte Tote ... Ach! Ich habe ihr wohl viel Sorgen gemacht – Sie wissen es wohl, denn Sie waren ja ihre Vertraute – ich habe ihr manchen Schmerz verursacht, gegen meinen Willen zwar, aber grausam war es doch ... Und vielleicht habe ich durch meinen ungleichmäßigen Charakter und meine zahllosen Tollheiten ihr Ende beschleunigt ... Aber glaube mir, Blandine, es war nicht meine Schuld; nein, nein niemals habe ich es absichtlich gethan ... Es war etwas anderes, etwas, das kein Mensch, selbst ich nicht begreifen und sich vorstellen kann; mein Schicksal, etwas Unbeschreibliches spielte da hinein ...«

Hier umschleierten sich seine Augen noch mehr; er wischte sich mit dem Handrücken der Linken den Schweiß von der Stirn; er konnte sich gerade jetzt zweifellos nicht frei machen von einem Bilde, einer Vorstellung, die ihn verfolgte.

»– Während du, Blandine«, fuhr er fort, »sie mit Licht und Duft, Lächeln und Liebkosung umgeben hast ... Ach, lasse mich, mein armes Kind! Wir müssen uns jetzt trennen ... Dies wird besser sein für uns beide, wenn nicht für mich ...«

Er wandte sich ganz erschüttert ab, selbst den Thränen nahe und entfernte sich von ihr, indem er mit der Hand eine Bewegung machte, als ob er sie zurückstoße; aber sie ergriff diese Hand, welche sie wegweisen wollte, und umklammerte sie krampfhaft:

»Das werden Sie mir nicht anthun wollen, Heinrich!« rief sie mit flehender Stimme, die dem jungen Grafen tief ins Herz schnitt. »Wohin sollte ich gehen? Nachdem ich Ihre angebetete Großmutter verloren, habe ich nur noch Sie. Sie sind mein Lebenszweck. Und vor allem sprechen Sie mir nicht von Opfer. Die Jahre, die ich das Glück hatte bei Ihrer hochverehrten Großmutter zubringen zu dürfen, hätten niemals schöner sein können! ... Alles verdanke ich der teuren Entschlafenen! ... O lassen Sie mich in Demut die Schuld an Ihnen abtragen, die ich gegen sie hatte ... Sie brauchen einen Intendanten, einen Administrator, der sich mit Ihren Angelegenheiten beschäftigt, der Ihr Vermögen verwaltet, der Ihrem Hauswesen vorsteht ... Sie haben den Kopf zu sehr voll hochfliegender Ideen, um sich mit all diesen prosaischen und materiellen Details zu befassen. Zählen, rechnen ist Ihre Sache nicht. Das ist aber etwas für mich, darauf verstehe ich mich! Nein, mein Herr Künstler« – und sie sah ihn mit einem bezaubernden Lächeln an – »schicken Sie mich dies Mal nicht fort; lassen Sie mich die Stelle einnehmen, die ich bei der Frau Gräfin ausfüllte ... Wenn sie noch hier wäre, so würde sie selbst für mich eintreten ... Oder gedenken Sie zu heiraten?«

»Heiraten!« schrie er auf. »Ich, heiraten?«

Es war unmöglich, die Betonung dieser Worte mißzuverstehn. Der Graf von Kehlmark mußte ein abgesagter Feind jeder ehelichen Verbindung sein.

Blandine konnte ihre Freude kaum verbergen; sie lächelte durch ihre Thränen.

»Nun gut, Heinrich! Dann will ich Sie nie verlassen. Wer soll Ihr großes Schloß dort unten in Ordnung halten? Wer für Sie sorgen? Kennt jemand Ihre Wünsche so genau wie ich? Und wer sollte sich so bemühen, ihnen zu entsprechen? Nein, Heinrich, wir können uns nicht trennen ... Sie können nicht mehr ohne mich auskommen, wie ich nicht mehr ohne Sie leben könnte ... Sehen Sie, selbst wenn Sie verheiratet wären, würde ich Ihnen in Ihr Heim folgen, im Dunkel, ungesehen, unterwürfig, als Ihre ergebene Dienerin ... Ja, wenn Sie es wünschen, will ich nicht mehr sein, als Ihr treues Faktotum ... Ach, Herr Heinrich, nehmen Sie mich mit; Sie sollen sehen, ich werde Sie durchaus nicht stören, ich werde Ihnen mit meiner Person nicht lästig fallen, ich werde nur thun, was Sie wollen ... Außerdem, ich darf es Ihnen wohl sagen, Heinrich, war es der Wunsch Ihrer Großmutter; behalten Sie mich aus Rücksicht auf die teure Dahingeschiedene ...«

Und tief bewegt brach Blandine aufs neue in Schluchzen aus; auch Kehlmark fühlte sich erschüttert bis in die Tiefen seiner Seele.

Er zog das junge Mädchen sanft an seine Brust und küßte sie brüderlich auf die Stirn.

»Nun gut, geschehe es nach deinem Begehr«, murmelte er, »mögest du es niemals bereuen, mir niemals Vorwürfe machen, daß ich dir nachgegeben.«

Bei diesen letzten Worten zitterte seine Stimme; dumpf klang es aus ihr wie die Drohung einer unabwendbaren Katastrophe.

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