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Escal-Vigor

Georges Eekhoud: Escal-Vigor - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/eekhoud/escalvig/escalvig.xml
typefiction
authorGeorges Eekhoud
booktitleEscal-Vigor
titleEscal-Vigor
publisherMännerschwarm Verlag
seriesBibliothek rosa Winkel
volumeBand 44
isbn978-3-939542-44-5
year2007
firstpub1903
translatorRichard Meienreis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110207
projectid375ae96c
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IV.

Blandine, das junge Mädchen, das der ehrgeizigen Klaudia zur Folie diente, die der Graf nicht ohne eine gewisse Ironie den Ökonomen, den General-Regisseur von Escal-Vigor genannt hatte, näherte sich dem dreißigsten Jahre. Zart und blaß, von zurückhaltendem Wesen, von durchaus vornehmem, edlem Charakter, mit melancholischem und stolzem Gesichtsausdruck, hätte sie niemals ihre niedrige Herkunft ahnen lassen.

Sie war die älteste Tochter kleiner Bauersleute, die Milchwirtschaft und Gemüsebau betrieben, und stammte aus jenen noch wenig kultivieren vlämischen Gegenden, in die sich Frankreich, Holland und Belgien geteilt haben. Als sie fünfzehn Jahre zählte, hätte sie sich vielleicht an stattlichem Wuchs und üppigen Formen mit der jungen Bauerntochter vom Pilgerhof messen können. Ihr Vater verheiratete sich zum zweiten Male, und um das Unglück der Ärmsten, die das einzige Kind erster Ehe geblieben war, voll zu machen, starb er, nachdem er ihr eine Anzahl von Brüdern und Schwestern gegeben. Die Stiefmutter überhäufte Blandine mit Arbeit und Schlägen. Diese ertrug alles mit stoischem Gleichmut und bildete sich zu einem wahren Arbeitstier heraus; nicht allein, daß sie ihrer zweiten Mutter in der Wirtschaft half und sich damit plagte, ihre jüngeren Stiefgeschwister zu überwachen und in Ordnung zu halten, nein, sie machte sich auch in der Küche und am Herde zu schaffen, besorgte die Kühe und marschierte jede Woche zu Fuß nach der Stadt, beladen mit Milchkannen und Gemüsekörben.

Oft noch in Stunden der Einsamkeit, wenn sie über eine Näharbeit gebückt dasaß, mußte Blandine an ihre Heimat und besonders ihre väterliche Strohhütte denken.

Dieselbe war dicht bewachsen mit Moos und Dachwurz; die morschen Mauern versteckten ihre Ritzen hinter Gaisblatt und wildem Wein. Auf dem Hofe tummeln sich die Schweine nahe bei dem Mist herum und scheuchen die Hühner, die gackernd davonlaufen, und die Tauben, die mit dem ihrem Fluge eigentümlichen klagenden Rauschen auf das Dach fliegen; ein schwarzer, kurzhaariger Hund von der Rasse der Spitze, zugleich ein aufmerksamer Wächter und ein kräftiges Zugtier, liegt schläfrig in seiner Hütte, und durch ein offenes Loch der Stallthür sieht man zwei Kühe behaglich den jungen Klee wiederkäuen.

Vor Blandinens Innerem stehen auch die Umgebungen des väterlichen Hofes noch lebendig da. Die Nethe fließt nicht weit davon in tausend umbuschten Windungen; einer ihrer toten Nebenarme verliert sich hinter dem kleinen Hausgarten in sumpfige Triften. Grüne Laubgänge von struppigen Erlen und knorrigen Weiden, im Sommer von duftendem Jelänger-Jelieber durchsponnen, begleiten wie eifersüchtige Tugendwächter den Silberlauf des Flüßchens, das unten an den Grenzen des Dorfes eine Mühle treibt, zur großen Freude der Dorfjugend, die munter in dem Wasser herumplätschert.

Hinter den Triften und dem Ackerland breitet sich eine triste Haide aus; in ihrer Mitte steigt ein kleiner runder Hügel auf, wo schwarze, seltsam gestaltete Wachholdersträucher wie eine Versammlung von Haidekobolden oder Wichtelmännchen kauern; dazwischen ragt einsam eine Buche in die Luft, ein Baum, der so selten in dieser Gegend ist, daß wohl nur ein Wandervogel seinen Samen dorthin tragen konnte.

Dieser Wunderbaum schrie ordentlich nach einem jener kleinen Marienbildchen unter Glas und Rahmen auf einem Miniaturaltar, welche die einfachen Landbewohner sonst mit erstaunlichem Instinkt an den romantischsten Fleckchen ihres Sprengels anzubringen wissen. Man konnte sich versetzt wähnen nach jenem Zauberbaum, unter dem Jeanne d'Arc ihre überirdischen Stimmen vernahm ...

Die kleine Blandine war von ihrem zartesten Alter ab ein seltsames Mixtum-Compositum von Intelligenz und Exaltation, von Vernunft und Empfindung. Sie war im katholischen Glauben erzogen worden, aber schon von ihren Bibelstunden an kämpfte sie gegen den starren Buchstaben, um sich an den Geist zu halten, der allein lebendig macht. Je älter sie wurde, um so mehr flossen bei ihr die Begriffe Gott und Gewissen in eins zusammen. So lange sie glaubte, hatte ihre Religion nichts von Frömmelei und Heuchelei an sich, sondern war ganz Hochherzigkeit und Nächstenliebe. Die poetischen Anlagen Blandinens, ihre Phantasie, vereinigten sich mit einem tüchtigen und umfassenden Sinn für das praktische Leben. Tapfer und gewandt, wie sie war, besaß sie nicht sowohl die Erfindungsgabe einer guten Fee, sondern auch deren geschickte und fleißige Hände.

Jetzt die Leiterin eines großen Herrschaftssitzes, sah sie sich im Geiste als ganz junges Mädchen, als kleine Kuhhirtin, im Schatten der Buche, welche das weite Haidefeld beherrschte. In Gedanken hört Blandine die Frösche in den Pfützen quaken und ergötzt sich an dem unvergleichlichen Arom der Haidebrände, das der Wind meilenweit herüberträgt. Die Lagerstätten der Hirten künden sich in der Dämmerung durch die Rauchspiralen ihrer Feuer und in der Nacht durch deren bleiche Flammen an. O Seele der endlosen Ebene, du wilder Haideduft, der du lange schon vorher dein Land ahnen lässest, nie wird deiner vergessen, wer dich jemals eingeatmet!

Diese ein wenig einsame und traurige Poesie, die aber das Herz stärkt und die Kräfte entwickelt, die zu treuer Pflichterfüllung, ja zu Opfern selbst begeistert und heroische Thaten hervorbringt, die niemand erfährt, sie hatte auch die Seele Blandinens erfüllt, die damals noch eine kleine, rastlos thätige Bauerndirne war; aber immer fand sie noch ein Weilchen Zeit, ihren Träumen und Gedanken nachzuhängen, trotz der harten und ununterbrochenen Arbeiten, zu denen ihre Stiefmutter sie anhielt.

Einen Zeitpunkt gab es jedoch, bei dessen Annäherung die Pseudo-Schloßherrin von Escal-Vigor einen stechenden Schmerz sie überkommen fühlte: wenn der 29. Juni herankam, der Peter-Paulstag, an dem die Kontrakte zwischen Herren und Knechten ablaufen.

Dieser Gesindeziehtag bot jedes Jahr den Vorwand zu einem Fest, dessen sich Blandine mit einer zugleich wollüstigen und niederschlagenden Melancholie erinnert. In Smaragdis genügt ihr der Duft der Fliederblüten, um sich den Rahmen und die Darsteller bei diesem ländlichen Schauspiel zu vergegenwärtigen.

Strahlender Sonnenschein liegt über allen Hecken und Büschen, die berauschende Düfte in die blaue Sommerluft hinaufsenden. Die Wachtel schlägt, in das Getreide geduckt. Niemand arbeitet auf dem Felde. In ihrem Eifer, sich ins Vergnügen zu stürzen, haben die Leute hie und da Sichel und Sense, Egge und Hacke stehen lassen. Sind die Felder also verlassen, so sieht man dagegen auf den anstoßenden Wegen einen langen Zug von weiß gedeckten Planwagen, die nicht wie am Freitag mit Gemüsekörben und Milchkannen vollgepfropft, sondern neu angemalt und mit Blumen und Bändern reich geschmückt sind; gelenkt werden sie von Bauernburschen in ihrem Sonntagsstaat, während im Innern sich die Dirnen im höchsten Putz in heller Festesfreude durcheinander drängen.

Die Knechte kommen am frühen Morgen, um dem Brauche gemäß die Mägde aus ihren früheren Stellungen fortzuholen und sie ihren neuen Herren zuzuführen, und da die Burschen dieses ihr Amt erst am Abend niederlegen dürfen, so haben sie an dem langen Sommertage Zeit genug, sich mit ihren zukünftigen Gefährtinnen beim Säen und Ernten näher bekannt zu machen.

Öfters leihen die Tagelöhner desselben Sprengels oder die Angestellten der kleinen Bauern von einem Großbauern einen Heuwagen und schießen zusammen, um Pferde zu mieten. Vertreter jeder Art von Landarbeit, Schnitter, Drescher, Worfler, Kuhhirtinnen, Mähderinnen, nehmen Platz auf dem Wagen, der in einen wandelnden Garten verwandelt ist, wo die geröteten und pausbäckigen Gesichter wie rotwangige Äpfel durch die grünen Zweige leuchten.

Ein Fliegennetz schützt die starken Pferde, denn die Bremsen stechen wie toll in den Laubwäldern; aber die Maschen des Netzwerks verschwinden unter Margeriten, Goldknöpfchen und Rosenknospen. Ganze Züge formieren sich; die Wagen aus denselben Dörfern oder mit demselben Ziel schließen sich hintereinander an und bringen die neuen Mägde an ihren Bestimmungsort.

Wahrlich, ein farbenberauschender und freudejauchzender Festaufzug, eine Apotheose der Landarbeit durch ihre Vertreter. Wo sie hinkommen, zittert die Luft von Duft, Licht und Musik!

Ochsentreiber und Pferdejungen, den blauen Kittel mit feuerrotem Band aufgeputzt, die Mütze mit einem Blütenzweig oder einem grünen Buschen besteckt, reiten dem Zuge wie Postillone vorauf oder tummeln nebenher ihre Pferde; die einen mit sehr kurz geschnallten Steigbügeln halten ihre Beine weit auseinander, wenn ihre Tiere einen breiten Rücken haben; die anderen sitzen seitwärts auf dem Sattel und lassen beide Beine nach links herunterhängen, wie man sie in der Dämmerung nach vollbrachtem Tagewerk oft heimwärts reiten sieht.

Ihre durchdringenden Stimmen hört man von einem Dorfe zum anderen.

»Da kommt noch ein ›Rosenland‹!« rufen die Buben erregt, wenn ein Wagen sich nähert; man hat diese festlich geschmückten Wagen »Rosenland« genannt auf Grund einer alten Ballade, welche die Festgenossen nur an diesem Tage zu singen pflegen:

»Ziehn wir nach dem Rosenlande,
Nach dem Rosenland einmal,
Mähn wie Heu wir Rosenblüten
Und bekränzen unsern Schleifstein
Mit den Rosen hoch und duftig,
Daß der Mond ein Auge schließen
Und die Sonne niesen muß!«

Man beginnt vor den Thüren der Krüge zu tanzen. Die »Rosenländer« – der Name ist von den Wagen auf deren Insassen übergegangen – stürmen den Platz mit einem Höllenlärm. Bei jedem Ruhepunkt füllt man einen enormen Krug mit Bier und Zucker und läßt ihn von Paar zu Paar in der Runde gehen.

Das Mädchen, von ihrem Führer bedient, nippt zuerst von dem Tranke; dann mit einer kühnen Bewegung ihres nackten, beinahe männlich kräftigen Armes ergreift sie den Henkel des originellen Trinkgeschirrs, schwingt und hebt es hoch bis zu ihrem Kopfe empor und neigt es schließlich gegen ihren Kavalier.

Ein Knie zur Erde gebeugt setzt derselbe seine Lippen an derselben Stelle an und trinkt in vollen Zügen mit einem so seligen Gesichtsausdruck, daß ihn die kleine Blandine fast wider Willen verglich mit der Ekstase eines Firmlings, der seinen Gott an einem hohen Feiertage zum ersten Mal empfängt.

Die einzelnen Gesellschaften lassen sich oft von einem Geiger oder einem Leierkastenspieler begleiten; aber unbekümmert um Melodie oder Rhythmus, die jene fiedeln oder orgeln, tanzt diese Bande immer nur den einen Tanz und plärren ihre gröhlenden Stimmen immer nur die eine Weise:

»Ziehn wir nach dem Rosenlande ...«

Die Knechte sind heute hier die Herren und die Armen hier die Reichen.

Der Lohn eines ganzen Jahres klimpert gegen ihr Knie in ihren Taschen, die tief sind wie ein Säetuch.

O Tag der Kirmeß, Tag der Lust, der die Priester aufbringt, die auf alle Freuden der Erde Verzicht predigen! Auf den heißen Morgen, der so manche idyllischen Bilder zeitigt, folgt der schwüle Abend, der die Fleischeslust entfesselt.

Nicht ohne guten Grund überwachen die Gendarmen in der Entfernung die »Rosenländer«.

Sie sind jetzt blaß und drehen nervös ihren Schnurrbart: am Abend, wenn die Reaktion eintritt, machen diese wilden, eifersüchtigen Burschen ihnen zu schaffen und bringen sie in Hitze, so daß ihre Gesichter feuerrot werden. Diese gutmütigen Kerle, die sich so eifrig zutranken, sind dann imstande, sich um ein Nichts die Krüge an den Kopf zu werfen und sich wie die Hähne zu zerzausen. Und manch liebevoller Gevatter hat seinen Nachbar dann schon so zärtlich an die Brust gedrückt, daß er ihm alle Knochen im Leibe zerquetschte und ihn beinahe zu Tode brachte.

Nicht alle Festteilnehmer amüsieren sich, aber alle suchen sich zu betäuben. Sie ertränken ihre Sorgen im Bier und ersticken sie im Lärm. Sie trinken: die einen, um zu vergessen, vielleicht um den Kummer zu lindern, daß sie das gewohnte Dach und die vertrauten Gesichter nun verlassen mußten, die anderen im Gegentheil, um die Befreiung von ihrem alten Joch zu feiern und hoffnungs- und vertrauensvoll die neue Heimat zu grüßen.

Die meisten stehen bald mit ihren künftigen Kameraden auf Du und Du und erklären sich eben so rasch den Mägden, die an derselben Stelle arbeiten sollen.

Und diese Augenblicksmenschen, die das Denken anstrengen würde, sie geben sich ohne Vorsicht und Mäßigung bis zur Bewußtlosigkeit dem mächtigen Zauber jener kurzen Freiheit hin, wo sie einmal Herren über ihre Worte, ihre Thaten – und ihre Lüste sind. Sie sind toll wie Hunde, die von der Kette losgelassen werden; ein Taumel ergreift sie, wie im Käfig geborene Vögel, die zum ersten Mal sich in den blauen Äther schwingen; das Unendliche ihres Glückes packt sie ebenso wie das herbste Leid. Man weiß im Augenblick nicht, ob sie weinen oder unter Thränen lachen, ob sie vor Wonne zittern oder sich vor Schmerzen winden.

Da die Reise noch weit ist und der Tag noch lang, so hält man vor dem größten Wirtshaus des Dorfes und spannt aus. Die Blusenmänner lassen sich auf den Bänken des großen Saales vor den dampfenden Schüsseln nieder. Aber trotz ihres Heißhungers und ihres Freiheitsrausches, der sich den ganzen Tag über in wüsten, wilden Herausforderungen an Gott, die Jungfrau und die Heiligen äußert, machen sie doch immer erst das Zeichen des Kreuzes, ehe sie zulangen.

Sodann giebt sich Blandine eingehende und genaue Rechenschaft über alle Empfindungen und Eindrücke, die sie an einem dieser denkwürdigen Peter-Paulstage empfangen.

Obwohl sie zu jener Zeit erst dreizehn Jahre alt war, wurde sie bei den Ihrigen mehr überanstrengt, als die niedrigste Sklavin. Ihre Stiefmutter, die vielleicht einmal ein menschliches Rühren gefühlt hatte, oder wohl eher sie herabwürdigen wollte, indem sie sie mit Lohnknechten und Dienstmägden zusammensteckte, gab ihr die Erlaubnis, ein großes »Rosenland« zu besteigen, wozu auch sie beigesteuert. Die Kleine, rosig und pausbäckig, mit leuchtenden Augen, die bald wie der blaue Himmel, bald wie das grünliche Meer schimmerten, nahm dankerfüllt teil an diesen Belustigungen des Gesindes; der gute Humor, der von diesen armen Teufeln ausstrahlte, machte sie selbst fröhlich; sie fand ein naives Vergnügen darin, auf diesem buntgeputzten und lärmerfüllten Karren zu thronen und gezuckertes Bier zu trinken, wenn der Wagen eine Haltestation erreicht hatte. Die Burschen bezahlten das Bier, die Mädchen hatten für den Zucker zu sorgen; auch Blandine lieferte ihren Anteil an der Zeche in Puderzucker. Sie lachte, sang und sprang mit ihren Gefährten und Gefährtinnen. Sie dachte an nichts Böses; die Freiheiten, die man sich rings umher nahm, erschreckten sie nicht mehr als das Flattern der Vögel in den Zweigen oder der Tanz der Insekten im Sonnenlicht. Zur Mittagszeit teilte sie die Siesta der anderen »Rosenländer«; auch nachher blieb sie an ihrer Seite und ließ sich mit in den Strudel der Festfreude und allgemeinen Zärtlichkeit reißen, indem sie sich als ihre kleine Freundin betrachtete und sich nicht entschließen konnte, sie zu verlassen.

Indes gegen Abend ergriff sie ein schmachtendes Sehnen, eine süße Verwirrung. Die Küsse und Liebkosungen ringsum kamen ihr vor wie ein toller Traum. Nichts erschreckte sie. Sie befand sich in einer Gemütsverfassung, die alles verzieh. Die Nacht ist herabgesunken. Niemand kümmert sich mehr um Blandine. Jede Dienstmagd ist versorgt. Blandine wird jedoch noch drei Sommer mindestens zu warten haben, bis ein ehrlicher Bursche sich mit ihr abgiebt. Auch ihre Zeit wird kommen. Die ihr das wie eine vorweggenommene Huldigung sagen, streifen sie mit feuchten oder blitzenden Blicken oder streicheln sie mit zuckenden, verwegen tastenden Händen. Das Kind sieht in ihren Blicken und ihren lüsternen Berührungen nur eine etwas täppische Bekundung von Wohlwollen, weiter nichts! Rings um sie scheint die laue Luft die erhitzte Haut zu prickeln und zu kitzeln.

Seit Stunden aufgestachelt erhitzen sich die Gelüste immer mehr. Bald wird Blandine sich nicht mehr an die letzten Trink- und Tanzszenen, an denen sie teilnahm, erinnern können. Aber was sie berauscht, ist weniger der Duft der Rosen und des gezuckerten Bieres, als die Ausdünstungen der kräftigen Jugend rings um sie her. Wie im Traum, beinahe vergehend vor Wonne und Seligkeit, steigt sie auf das »Rosenland« und steigt wieder herab mit den anderen; und der unaufhörlich wiederholte Singsang kommt ihrem halbwachen Zustand zu Hülfe und schläfert sie immer mehr ein.

Unterdessen rollen die weißüberspannten und blumengeschmückten Wagen langsamer durch das Land. Den Knechten und Mägden saust und summt es vor den Ohren und sie fühlen es über ihren Nacken gehen wie ein erschlaffendes Sommernachtslüftchen. Das ist der heiße Odem der Paare auf den Bänken hinter ihnen. Sie atmen schwer und tief; es klingt fast wie Seufzen ... Die Kleine schläft endlich ein, ganz benommen von dieser Atmosphäre, die mehr zu Kopfe steigt als der starke Duft der Heuernte. Da niemand sich erbietet, sie zurückzugeleiten, so wäre es für sie Zeit gewesen, sich auf die Beine zu machen und heim zu wandern; denn die anderen denken noch nicht an Rückkehr, und das »Rosenland« ist noch weit entfernt von der letzten Station seiner Pilgerfahrt. Für die ausgelassene Bande fängt das wahre Vergnügen erst an.

Endlich entschließt man sich, »das Kücken« zu wecken. Einer soll sie auf den richtigen Weg bringen und an der nächsten Haltestelle wieder zu seinem »Rosenland« stoßen. Aber die Kleine dankt dem Burschen. Er braucht sich nicht zu bemühen. Sie wird sich ganz alleine nach der väterlichen Hütte zurückfinden. Manchmal, an den Markttagen, kommt sie noch viel später nach Hause auf den schlechten Wegen! Ihr freundlicher Begleiter beschränkt sich also darauf, ihr den Weg zu beschreiben.

»Höre, Kleine, du mußt die Haide von rechts nach links schräg durchqueren; du kommst dann an einem Tannicht vorbei, das du rechts liegen lassen mußt ...«

Blandine hört schon nichts mehr; die Stimme des Erklärers dringt bereits nicht mehr bis zu ihr: sie ist leichtfüßig auf und davon gegangen. »Gute Nacht allerseits!« hatte sie noch gerufen, aber die Antwort der anderen verliert sich in dem Peitschenknallen und Räderknarren der weiterfahrenden »Rosenländer«.

Blandine hatte niemals Furcht gehabt. Und dann ist an diesem Abend nicht das ganze Land eitel Freude und Lust? Wer sollte da daran denken, einem Kinde etwas Böses zu thun?

Allerdings hatte man bei Tische vorher gräuliche Geschichten und schreckliche Abenteuer erzählt. Und jemand war erstaunt gewesen, daß ein gewisser Ariaan, genannt der »Worflerkönig«, der lange Zeit im Dienste eines Pächters des Sprengels gestanden hatte, nicht mit von der Partie gewesen war. Einer der Kameraden des Abwesenden teilte der Gesellschaft mit, daß der lockere Vogel seit ihrem letzten Fest wenig gut gethan habe, daß sein Herr ihn nicht einmal bis zum nächsten Peter-Paulstage oder einem anderen Ziehtermin habe behalten wollen. Trotz seiner Talente sei der »Worflerkönig« Knall und Fall entlassen worden, weil er den Mardern, Wieseln, Iltissen und anderen Hühnerliebhabern ins Handwerk gepfuscht habe. Da er niemand gefunden, der ihn habe mieten wollen, habe er zweifellos jetzt in einer Herberge Obdach gefunden, oder in einem der Asyle, die die Hochherzigkeit des Staates den Landstreichern zur Verfügung stelle.

Nicht ohne zu gähnen oder sich zu recken, hatte die Tischgesellschaft zugehört und zum Schein ihr Bedauern geäußert über das Mißgeschick eines alten Gefährten, der immer ein fideler Fähnchenführer gewesen sei, eine famose Klinge geschlagen habe u.s.w. Aber als einer der Burschen die Bemerkung machte, daß es jetzt nicht an der Zeit sei, Trübsal zu blasen, hatte man ihm zugestimmt und sich eiligst anderen Gesprächsstoffen zugewendet.

Wie kam es nur, daß die kleine Blandine, während sie die weite Haide durchquerte, immer an das Mißgeschick des »Worflerkönigs« denken mußte? Obwohl Ariaan ihr nicht gänzlich unbekannt war, so fesselte sie doch nichts weiter an ihn. Er hatte einen Sommer nicht weit von ihr gewohnt. Durch die Scheunenthür hatte Blandine ihn bisweilen flüchtig im Halbschatten gesehen, wie er nackt bis zum Gürtel, gerötet und schwitzend seine Arbeit verrichtete. Die Getreideschwinge schlug im Takt auf sein Knie, das davon schon ganz schwielig geworden war, und machte schließlich ein Loch in seine Drillichhose, die immer an derselben Stelle wieder geflickt werden mußte.

Blandine hörte plötzlich während des Gehens auf, das Rosenlandlied zu trällern, um die Weise des Worflers anzustimmen:

»Schwing! Schwinge! Hin und her!
Spreu! Fliege! Rings umher!«

Wenn ihr Herz ein wenig schneller schlägt, während ihr Fuß eiliger vorwärts strebt, so geschieht es nicht aus Angst um sich: sie denkt an den armen Verirrten, und ihr Herz fühlt Mitleid mit ihm. Die weiche, warme Nacht kommt ihren schweifenden Gedanken zu Hülfe. Die durchsichtige Dunkelheit erinnert sie an dunkelleuchtende Edelsteine. Die Finsternis umsprüht sie, als ob die durchdringenden Düfte, womit sie durchtränkt ist, plötzlich Feuer gefangen hätten. Mit dem Zirpen der Grillen mischt sich das Aufblitzen der Glühwürmchen ...

Plötzlich fühlt Blandine sich gepackt, umschlungen, auf einen Erdhügel niedergeworfen von einer menschlichen Gestalt, die hinter einem Ginstergebüsch hervorgestürzt ist. Der Angreifer reißt ihr die Kleider in die Höhe, wühlt in ihren sproßenden Haaren, drückt sie unter Ächzen und Seufzen heftig, aber ohne Brutalität an sich und überwältigt sie schließlich.

»Ariaan!«

Der Name, den sie rufen wollte, als sie den »Worflerkönig« erkannte, blieb ihr vor Schreck in der Kehle stecken. Sie spürt einen kurzen Schmerz, wie einen Einriß an ihrem Leibe, dann aber gleich darauf ein Gefühl ungeahnter Seligkeit. Hat sich ihr Sein verdoppelt? Durchdrungen von einem nie empfundenen Lustgefühl streckt und dehnt sie sich außer sich, um in einer unendlichen Wonne zu vergehen ...

Während er sie unter sich fest hält, fühlt sie sich ganz gebannt durch den beschwörenden Blick des Worflers und in ihrer Erinnerung fließt die flehende Bitte dieser Augen in eins zusammen mit dem Zirpen der Grillen und den Tönen des Rosenlandliedes und dem Rhythmus der alten Weise Ariaans:

»Schwing! Schwinge! Hin und her!«

Der Landstreicher erhob sich noch keuchend und half auch ihr auf die Füße; er schloß sie einige Sekunden in die Arme und sah ihr in die Augen mit einer zärtlichen, mit Reue gemischten Dankbarkeit; dann entfernte er sich, indem er seinen Anzug in Ordnung brachte, mit schlotternden Knien und unsicheren Schritten. Niemals vergaß sie sein gebräuntes Gesicht und die zitternden Zickzacklinien, die seine Silhouette an dem unbewegten Himmel abzeichnete, bis sie sich schließlich im Dunkel verlor ...

Blandine schleppte sich, mehr betrübt als empört, nach ihrer Hütte, und während sie sich niederlegte, schwor sie sich zu, niemals jemandem etwas von dem zu verraten, was ihr widerfahren war. Mehr ein Gefühl der Solidarität mit dem Unglücklichen als eine Empfindung von Scham trieb sie dazu. Sie brachte es nicht über sich, ihm zu zürnen, der zuerst so brutal und herrisch, nachher aber so verlegen, fast beschämt gewesen war; sie war selbst überzeugt, daß er sie um Verzeihung gebeten haben würde, aber Zärtlichkeit und eine gewisse Dankbarkeit machten ihn nachher ebenso blöde und zaghaft, als ihn vorher sein Verlangen wild und zügellos gemacht hatte.

Einige Tage später erfuhr Blandine, daß man den langen Ariaan festgenommen hätte; die Gendarmen hätten ihn abgefaßt, wie er die Nethe durchschwamm. Ihr bemitleideter Überwältiger war also nun ein rückfälliger Verbrecher geworden. Mehr als jemals schwor sie sich zu, zu schweigen, um ihm neue Unannehmlichkeiten zu ersparen und nicht zur Verschärfung seiner Strafe beizutragen.

Aber die Ärmste hatte nicht mit dem Verrat durch die Natur selbst gerechnet: sie wurde schwanger.

Ihre Stiefmutter, die Tugendheuchlerin, stieß ein lautes Zetergeschrei aus, raufte sich die Haare und spielte die Verzweifelte; aber im Grunde war sie hocherfreut über diese gute Gelegenheit, gegen ihr Opfer zu wüten und ihrer entmenschten Natur freien Lauf lassen zu können. Vielleicht hatte sie selbst dies Kind auf ein »Rosenland« geschickt in der stillen Hoffnung, daß man sie dort entehren würde!

»Tag des Gerichts und der Verdammnis«, heulte die Megäre. »Ewige Schande und unauslöschlicher Skandal! Um unsern guten Namen ist's geschehn! Liederliches Mensch! Schamlose Dirne! Welch ein Beispiel für deine Brüder und Schwestern! Ein Glück für dich, daß dein ehrenhafter Vater nicht mehr am Leben ist! Er würde dich totgetreten haben, wie eine läufische Hündin, die du bist!«

Sie forderte Blandine auf, genaueres zu erzählen:

»Sein Name? Wirst du mir seinen Namen sagen?«

»Niemals! Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen nicht gehorche, Mutter.«

»Sein Name? Wirst du reden? Los!«

Eine Ohrfeige, dann eine Sekunde Pause.

»Sein Name?«

»Nein, Mutter!«

»Ah, du weigerst dich ... Nun, wir werden ja sehen ... Sein Name! ... Denn er muß dich heiraten.«

»Sie würden ihn nicht zum Schwiegersohn haben wollen, Mutter!«

»Du Aas! Du gestehst also selbst seine Unwürdigkeit ein! ... Er ist also so niedrig, dein Liebhaber, daß solches Lausepack wie wir noch zu hoch für ihn steht! ... Aber er muß dich doch heiraten, der Lump, der dich gebraucht hat! Sonst muß er ins Gefängnis wandern, denn du bist noch minderjährig, wenn du auch frühreif und entwickelt bist wie eine Dachkatze. Ohne Zweifel ist es einer von den »Rosenländern«, irgend ein besoffener Schweinehirt, der dich untergekriegt hat, indem er an seine Lieblingssau dachte ... Hoffe nicht, ihn zu retten, denn die Richter werden ihn schon zum Geständnis bringen oder einer seiner Kameraden wird ihn schließlich doch verraten.«

Diesmal antwortete sie eifrig, von Mitleid getrieben:

»Nein, es ist keiner von den »Rosenländern«! Es ist ein armer Landstreicher, elender als der niedrigste von ihnen; ich habe ihn nie zuvor gesehen und er ist auch nicht von hier ... Einer von denen, welchen man gern Almosen spendet ... Ich würde ihm nichts verweigert haben, und ich wußte selbst nicht vor diesen letzten Tagen, was ich ihm nicht zugestanden hätte ...

»Elende Heuchlerin, du lügst!«

Die Furie stürzte sich von neuem auf das arme Mädchen und versetzte ihr Ohrfeigen, indem sie sie jedesmal aufforderte, zu gestehen; dann, als Blandine hartnäckig blieb, schlug sie mit Händen und Füßen auf sie ein.

Um sich Mut zu machen, erinnerte sich Blandine, ein Lächeln auf den Lippen, während die Schläge hageldicht auf sie niederfielen, an den großen Burschen mit dem broncebraunen Gesicht und den traurig flehenden Augen; es schien ihr verdienstlich, für diesen gehetzten und verfemten Menschen zu leiden.

Die Stiefmutter schleifte sie an den Haaren auf der Erde hin, aufs äußerste gebracht durch diese Heiterkeit ihres Opfers.

Da begann Blandine, unempfindlich gegen den Schmerz, verhärtet durch ihre Aufopferung, das Ave Maris Stella zu singen, einen Gesang für den Monat Mai. Und bei den Schlägen, die faustdick auf sie herabregneten, bildete das Kind sich ein, das Geräusch der gegen das Knie Adriaans schlagenden Getreideschwinge zu vernehmen. Halb ohnmächtig, aber von unbesiegbarer moralischer Widerstandskraft, brachte sie die beiden Weisen durcheinander, die religiöse Hymne und das Arbeiterliedchen; und wie sie die Augen schloß, floßen in ihrem Innern die Wolken des Weihrauchs und der Staub, der beim Getreideworfeln sich erhebt, der Duft der Kirche und der Schweißdunst des Landarbeiters zusammen, und sie sang:

»Schwing! Schwinge! Hin und her!
Spreu! Fliege! Ringsumher!
Schwinge! Ave! Maris Stella!«

Als sie ganz mit Blut überströmt war, schleppte die Rasende sie nach dem Schweinekofen, sperrte sie dort ein und ließ ihr durch eins der Kinder einen Krug Wasser und ein Stück trockenes Brot bringen. Am folgenden Tage gedachte die Stiefmutter sie wieder vorzunehmen, aber sie hätte eher selbst nicht mehr weiter gekonnt, ehe sie von Blandine herausgekriegt haben würde, was sie wissen wollte.

Des Kampfes müde ließ die tugendsame Bäuerin den Pfarrer ihre Stieftochter ins Gebet nehmen.

Dieser sprach väterlich freundlich und schmeichlerisch schlau auf sie ein:

»Was soll das heißen, kleine Blandine? Soll ich glauben, was deine würdige Mutter mir erzählt? ... Man spielt die Unartige! ... Man widersetzt sich? Nachdem man gesündigt, weigert man sich, seinen Mitschuldigen zu nennen? ... O, das ist böse, sehr böse ist das!«

»Ehrwürden, ich habe meinen Fehltritt meiner Mutter gestanden und ich bin bereit, ihn Ihnen zu beichten, aber die Angeberei widerstrebt mir ...«

»Sehr schön, meine Tochter, höchst erhaben gedacht; aber wenn ich, dein Seelsorger, es für nötig erachtete, daß du uns den Namen des Übelthäters mitteiltest ...«

»Ich würde ihn trotzdem verweigern, Herr Pfarrer.«

Und als der Priester, verdutzt über diese Auflehnung, ihr einen harten Blick zuwarf, brach Blandine in Schluchzen aus.

»Ja, ich würde ihn verweigern, Herr Pfarrer, diesen Namen, den ich selbst dem lieben Gott nicht sagen würde, wenn seine Allwissenheit ihn nicht kennen sollte. Dieser Mensch ist schon unglücklich genug. Ihn angeben hieße ihm eine neue Verurteilung zuziehen. Man soll ihn nicht länger im Gefängnis behalten um meinetwillen! ...«

Das gute Kind hatte in den letzten Tagen vieles bezüglich der menschlichen Gesetze gelernt und viel über die Begriffe von Recht und Unrecht nachgedacht.

»Aber«, warf der Priester ein, »du liebst doch diesen Elenden!«

»Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe, aber ich hasse ihn nicht.« –

»Er hat dir aber doch Böses zugefügt, mein Kind!«

»Vielleicht ... Ich will es selbst glauben, da Sie es mir versichern; aber, Herr Pfarrer, heißt es nicht in der heiligen Schrift, wir sollen unsern Feinden vergeben, diejenigen lieben, die uns hassen, denjenigen Gutes thun, die uns beleidigt haben ...«

Der Priester fluchte innerlich, aber er drang nicht weiter in sie.

Die neugierige Bäuerin änderte ihre Taktik und wollte wenigstens wissen, ob man Blandine gewaltsam überwältigt habe.

Diese jedoch, um die Spione der Justiz irrezuleiten und den Fehltritt des armen Kerls zu verdecken, behauptete keinen Versuch gemacht zu haben, um sich seinem Angriff zu widersetzen.

Allein die Stiefmutter blieb bei ihrem Verdacht, daß der eine oder der andere von den »Rosenländern« der Attentäter gewesen sei; die arme Blandine fühlte sich dadurch den schmerzlichsten Zweifeln preisgegeben. Wenn sie sich weigerte, den wirklichen Schuldigen anzugeben, setzte sie nicht diese braven Burschen allerhand Ungelegenheiten aus? Glücklicherweise wurde es ihnen allen leicht, ihre vollkommene Unschuld zu beweisen.

Diese guten Jungen waren ganz außerordentlich betrübt über den ihr zugestoßenen Unfall; besonders derjenige, der sich erboten hatte, Blandine heimzugeleiten, machte sich jetzt die herbsten Vorwürfe, daß er nicht selbst gegen ihren Willen seine Absicht ausgeführt habe.

Manchmal auch ergriff dieses hochherzige Kind das Verlangen, den aufzusuchen, der sie entehrt hatte, und der jetzt nicht wagen würde, seinen Fehltritt wieder gut zu machen, nicht nur weil er in den Augen der Menschen ein Verbrechen begangen, sondern auch weil in den Augen der Menge die Lage eines Jungfernkindes und einer unverheirateten Mutter noch erträglicher sei, als die eines legitimen Sohnes und einer rechtmäßigen Gattin eines Diebes und Vagabunden. Blandine in ihrer immer höher steigenden Exaltation wähnte sich imstande, sich über alle Konvention religiöser oder sozialer Art hinwegzusetzen.

Seit jenem verhängnisvollen Peter-Paulstage fühlte sie eine himmlische Berufung zur Selbstverleugnung und Aufopferung tief in ihrem Herzen brennen.

Sie war jetzt entschlossen, sich in das Gefängnis zu begeben. Sie wollte Ariaan sehen, um ihm ihre Vergebung anzukündigen; ja sie wollte selbst durch eine hochherzige Unwahrheit ihn entlasten und sich anklagen, daß sie sich ihm freiwillig hingegeben und ihm ihr Alter verheimlicht habe. Kräftig entwickelt, wie sie war, hätte Ariaan allen Ernstes glauben können, ein großjähriges Mädchen verführt zu haben. Sie wollte sich selbst darein finden, die Frau des Diebes, des abgestraften Verbrechers zu werden.

Allein welch geheimnisvolles Vorgefühl hemmte die begeisterte Nächstenliebe des jungen Mädchens und ließ sie empfinden, daß ihre Stunde noch nicht gekommen sei, daß ein anderes Wesen, ebenso unglücklich und verfemt als dieser gutherzige Hühnerdieb, auf sie Anspruch machte?

Zwischen Zweifeln und Bangen, zwischen dumpfen Schmerzen und Kämpfen ihres Inneren schwankte sie hin und her, bis ein Ereignis plötzlich jedes Opfer überflüssig machte: Blandine kam mit einem toten Kinde nieder.

Diese Lösung befreite mit einem Male das arme Opfer und brach allem Skandal die Spitze ab. Das Verbrechen war auf diese Weise gesühnt; selbst die Stiefmutter behandelte die Ärmste jetzt weniger barbarisch. Ihre Brüder und Schwestern beleidigten Blandine nicht mehr und wichen ihr nicht mehr wie einem stinkenden Tiere aus. Man nahm wieder ihre Dienste an und war so gütig, ihr zu gestatten, daß sie sich wieder für das Wohl der Familie abschinden dürfe. –

Einige Zeit später starb ihre Mutter. Blandine, damals fünfzehn Jahre alt, bewies einen heldenhaften Mut, obwohl sie nicht viel Wesens davon machte. Sie leitete den Haushalt, erledigte die vielfachen Geschäfte, bekümmerte sich um alles, nahm sich der Kinder an und sorgte für sie, bis sie dieselben günstig untergebracht hatte, die einen in der Lehre, die anderen in Stellungen. Die wackre kleine Mutter schaffte so tüchtig, daß man sie für mehr als rehabilitiert ansah. Der Pfarrer vor allem kam nie mehr auf die Vergangenheit zurück; seiner Bewunderung mischte sich eine Art Staunen bei. Die Tapferkeit und Charakterstärke dieser Kleinen verwirrten und beschämten ihn.

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