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Escal-Vigor

Georges Eekhoud: Escal-Vigor - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/eekhoud/escalvig/escalvig.xml
typefiction
authorGeorges Eekhoud
booktitleEscal-Vigor
titleEscal-Vigor
publisherMännerschwarm Verlag
seriesBibliothek rosa Winkel
volumeBand 44
isbn978-3-939542-44-5
year2007
firstpub1903
translatorRichard Meienreis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110207
projectid375ae96c
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II.

Heinrich, kühn und leidenschaftlich von Natur, hatte sich nicht ohne Grund gesagt, daß er sich in dieser halb barbarischen, ungekünstelten Umgebung vermöge seiner inneren Verwandtschaft mit ihr heimisch fühlen würde.

Er weihte selbst seinen Amtsantritt als Deichgraf mit einer Neuerung ein, gegen die der Pfarrer Balthus Bomberg hoch von der Kanzel herab unfehlbar seinen Bannstrahl schleudern mußte. Um den Gefühlen seiner eingeborenen Unterthanen zu schmeicheln, hatte Heinrich nicht nur einige Standespersonen und Großgrundbesitzer zu Tische gebeten, – außer zwei oder drei Künstlern aus der Zahl seiner Freunde aus der Stadt – sondern er hatte auch scharenweise einfache Pächter, kleine Rheder, untergeordnete Schaluppen- und Seglerführer eingeladen, den Leuchtturmwächter, den Schleusenmeister, die Deichaufseher, ja bis herab zu einfachen Arbeitern, die mitsamt ihren Frauen und Kindern zu diesem Einweihungsschmaus kommen durften.

Auf seinen besonderen Wunsch waren alle in ihrer heimischen Tracht oder in Uniform erschienen.

Die Männer kleideten sich in Jacken von braunem oder leuchtend rotem Sammet, die sich über der Brust öffneten und auf ihrem gestrickten Unterzeug die eingestickten Kennzeichen ihres Gewerbes sehen ließen: gekreuzte Anker, Ackergeräte, Stierköpfe, die Werkzeuge der Dammarbeiter, Sonnenblumen, Seevögel und Fische, deren bunte, fast orientalische Muster sich geschmackvoll von dem dunkelblauen Untergrunde abhoben, wie Wappenbilder von ihrem Schild. Ihre breiten Gürtel waren reich verziert mit alten silbernen Knöpfen von einer unbeholfenen, kindlichen Arbeit, die einen beinahe rührenden Eindruck machte; andere ließen den eichengeschnitzten Stiel ihrer breiten Messer sehen. Die Seeleute prangten in riesigen geteerten Stiefeln; dünne Ringe von Edelmetall schmückten ihre vom Sonnenbrand hochrot angelaufenen Ohren. Die Erdarbeiter hatten Rücken- und Seitenteile ihrer Jacken in die Hosen gesteckt, die von demselben Sammet waren, wie die Jacken selbst, und diese Hosen, die oben eng anschlossen, verbreiterten sich von den Waden ab bis zu den Füßen herunter. Ihr kleines Filzkäppchen erinnerte an dasjenige, das die Mitglieder der Bazoche zu den Zeiten Ludwigs XI. getragen hatten. Die Weiber trugen Spitzenhäubchen unter spitz zulaufenden Hüten mit breiten Bändern, reich bestickte Mieder mit noch fantastischeren Mustern, als sie auf den Westen der Männer zu finden waren, bauschige Röcke von demselben Sammet und derselben roten oder braunen Farbe, wie die Jacken und Hosen ihrer Ehehälften, Halstücher, die sich dreimal um ihren Hals schlangen, Ohrgehänge von altertümlicher, quasi-byzantinischer Machart, und Ringe mit Steinen, so groß und dick, wie die Hirtenringe der kirchlichen Würdenträger.

Es waren meistens kräftige Vertreter des braunen Typus, Musterbilder der feurigen Rasse der Kelten, dunkelfarbig und nervig, mit krausen, widerspenstigen Haaren. Die sonnverbrannten Seeleute und Bauern, die zu Beginn des Festmahles wohl etwas verlegen gewesen waren, hatten bald ihre Sicherheit wiedergewonnen. Mit schwerfälligen, aber niemals gezwungenen Bewegungen, oft selbst mit einer gewissen Anmut, handhabten sie Messer und Gabel. Je weiter das Mahl vorschritt, um so mehr lösten sich die Zungen; Gelächter, mitunter auch ein Fluch, ein derbes Wort in ihren abgehackten Kehllauten wurde hörbar, die Gesichter röteten sich, ja es kam zu Zärtlichkeiten und unvermuteten Liebkosungen.

Logisch in seiner Abweichung von der Etikette, jeglichen Rang außer Acht lassend, hatte ihr Gastgeber den guten Einfall gehabt, jedesmal neben einen seiner obersten Pairs eine Pächterin, eine Schifferfrau oder ein Fischweib zu platzieren, während hinwiederum zur Seite einer Nachbarin des Schlosses ein junger Pferdehüter oder ein Schiffsführer mit strotzender Muskulatur seinen Sitz erhalten hatte.

Kehlmarks Freunde stellten fest, daß fast alle Festgenossen in der Blüte oder in der reifen Vollkraft ihres Lebens standen. Man hätte eine Auswahl prächtiger Frauengestalten und gutgewachsener, wohlgeformter Burschen zusammenstellen können.

Unter den Geladenen befand sich einer der vornehmsten Landwirte der Gegend, Michael Govaertz mit Namen, der Besitzer des Pilgerhofs; er war Witwer und Vater zweier Kinder, Guido und Klaudia.

*

Nächst dem Schloßherren von Escal-Vigor war der Pilgerhofbauer der einflußreichste Mann von Zoutbertingen; so hieß der Flecken, auf dessen Gebiet auch das Schloß der Kehlmarks lag.

Während der Minderjährigkeit und der Abwesenheit des jungen Grafen stand Govaertz an der Spitze des »Waterrings«, des Rates zur Unterhaltung und zum Schutze der Schwemmländereien, der sogenannten Polder, während sonst der jeweilige Deichgraf diesem Rate präsidierte. Nicht ohne eine gewisse Kränkung seiner Eigenliebe sah sich der Pilgerhofbauer durch die Rückkehr Kehlmarks zum einfachen Mitglied der fraglichen Genossenschaft herabgedrückt. Indessen hatte die Leutseligkeit des jungen Grafen Govaertz bald diese kleine Verminderung seiner Autorität verwinden lassen. Saß er doch vorher als Vertreter des Deichgrafen im Waterring, während er als Vorstandsmitglied das Antragsrecht und eine beratende Stimme im Ausschuß hatte. Überdies, war er nicht kürzlich erst zum Bürgermeister des Sprengels gewählt worden? Ein behäbiger Bauer, ein Vierziger von stattlicher Erscheinung, nicht bösartig, aber eitel und ohne festen Charakter, hatte er sich außerordentlich geschmeichelt gefühlt, auf das Schloß eingeladen zu werden und dort mit seiner Tochter den Ehrenplatz an der Spitze der Tafel einnehmen zu dürfen. Gestützt auf seine Gevatterschaft, besonders bearbeitet und angestachelt von seiner Tochter, der nicht weniger ehrgeizigen, aber intelligenteren Klaudia, verkörperte er die Vorrechte und Freiheiten des Bürgerstandes und frondierte gegen den Pfarrer Bomberg. Einen Augenblick hatte er gefürchtet, daß Graf Kehlmark seinen Einfluß benützen würde, um sich zum Oberhaupt des Fleckens ernennen zu lassen. Aber Heinrich verabscheute die Politik, er haßte die Wahlmanöver, all die Niedrigkeiten und Kabbalen, die diese im Gefolge haben, die Kompromisse und Selbstbeschränkungen, welche die Politik ihren Klienten auferlegt. Von dieser Seite hatte Govaertz also nichts zu fürchten. Auch beschloß er sich den hohen Herrn zum Freunde und Verbündeten zu machen, um den Pfarrer zur Ohnmacht zu verurteilen. Diesen Rat hatte ihm Klaudia erteilt, gleich als man von der Rückkehr des Schloßherrn von Escal-Vigor Kunde erhielt.

Um den Bürgermeister zu ehren, hatte der Graf Klaudia Govaertz zu seiner Rechten Platz nehmen lassen.

Klaudia, das geistige Oberhaupt der Familie, war ein großes, stattliches Mädchen, unbändig wie eine Amazone, mit üppigem Busen, muskulösen Armen, von kräftigem und doch biegsamem Wuchs, mit gewaltigen Hüften, durchdringender, gebieterischer Stimme, der Typus einer Walküre, eines Mannweibes. Reiches, goldbraunes Haar krönte ihren willensstarken Kopf und flutete in Ringeln über die kurze Stirn, beinahe bis über die kühnen und trotzigen Augen hinab, die braun wie flüssige Bronce schimmerten, während eine grade Nase mit stark vibrierenden Flügeln, ein gierig aufgeworfener Mund mit Raubtierzähnen den Eindruck der Herausfordernden und der Wildheit noch verstärkten. Ein Bedürfnis nach Herrschaft und Macht, ein unbändiger Ehrgeiz hatten allein ihre sinnlichen Lüste und Triebe zu zügeln vermocht und sie bis jetzt noch trotz ihres feurigen Temperamentes keusch und unberührt erhalten. Keine Spur von Empfindung und Zartgefühl, dagegen ein eiserner Wille ohne alle Skrupel, um ihre Ziele zu erreichen. Seit dem Tode ihrer Mutter, das heißt seit ihrem siebzehnten Jahre – heute zählt sie zweiundzwanzig – beherrschte sie den Hof, die Wirtschaft und bis zu einem gewissen Grade auch den Sprengel. Selbst der Pfarrer mußte mit ihr rechnen. Ihr Bruder Guido, ein Jüngling von achtzehn Jahren, und selbst ihr Vater, der Bürgermeister, zitterten, wenn sie die Stimme erhob. Sie war eine der besten Partien der Insel; sie war sehr begehrt gewesen, aber sie hatte die wohlhabendsten Bewerber abgewiesen, denn sie träumte von einer Heirat, die sie weit über alle anderen Frauen des Landes erheben sollte. Das war auch der eigentliche Grund ihrer Tugend. Ein üppiges, wollustzitterndes Stück Fleisch, ebenso leicht verführt als sie verführte, wies sie alle ernst gemeinten Annäherungsversuche der Männer zurück, obwohl es sie mit allen Fibern trieb, sich ihnen hinzugeben, in ihren Armen vor Wonne zu vergehen und sich ganz ohne Hintergedanken ihren wilden Trieben zu überlassen, ja, wer weiß, vielleicht selbst sie aufzureizen und nötigenfalls sie mit Gewalt zu erobern.

Um die Aufstachelungen ihrer Sinnlichkeit zu übertäuben, scharwerkte Klaudia die ganze Woche hindurch wie die niedrigste Dienstmagd und unterzog sich den anstrengendsten und ermüdendsten Beschäftigungen; auf den Kirmessen gab sie sich dem Vergnügen des Tanzes in rasendster Zügellosigkeit hin, provozierte Angriffe auf sich und hetzte ihre Anbeter zu Streit und Raufereien; aber den Sieger hielt sie zum besten, ja sie überbot ihn noch an Brutalität und ging sogar soweit, ihn zu schlagen und ihn so zu behandeln, wie er vorher mit seinen Rivalen verfahren war; dann entzog sie sich ihm unberührt. Oder sie ließ sich soweit gehen, ihm eine verstohlene Liebkosung zukommen zu lassen oder ihm eine unverbindliche Vertraulichkeit zu erlauben; im entscheidenden Augenblick jedoch zog sie sich zurück, indem ihr Traum einer glorreichen Zukunft ihr ihre Selbstbeherrschung wiedergab.

Sobald sie Heinrich von Kehlmark zum ersten Mal gesehen, schwor sie sich zu, dereinst Schloßherrin von Escal-Vigor zu werden.

Heinrich war ein schöner, junger Kavalier, unverheiratet, fabelhaft reich, wie man sich erzählte, und von ebenso vornehmer Herkunft, als der König selbst. Koste es, was es wolle, er sollte die stolze Dorfschöne zu seiner Frau machen. Nichts leichter, als ihn zur Liebe zu entflammen. Hatte sie nicht allen jungen Dörflern den Kopf verdreht? Waren sie nicht zu den tollsten Extravaganzen bereit, nur um sie zu erringen? Den Mann wollte sie sehen, der sie zurückwiese, wenn sie einwilligte, sich ihm hinzugeben.

Klaudia wußte wohl, daß der Graf von einem jungen Weibe begleitet war, das seine Haushälterin, oder vielmehr seine Geliebte war; sie hatte sie zuweilen im Park oder am Meeresufer gesehen. Dieses intime Verhältnis hatte die heilige Indignation des Pfarrers Bomberg auf die Spitze getrieben. Aber Klaudia beunruhigte sich nicht sonderlich über die Anwesenheit dieser Person. Kehlmark legte jedenfalls nicht allzu großen Wert auf sie. Der beste Beweis dafür war, daß sie bei Tische nicht erschienen war. Klaudia schmeichelte sich, dieselbe bald heimzuschicken und nötigenfalls zu ersetzen, indem sie auf die Hochzeit wartete; sie würde sich Kehlmark hingeben und ihn sodann zwingen, sie zu heiraten. Diese üppige Rubenssche Frauengestalt hielt das kleine, schmächtige, bleichsüchtige Persönchen für herzlich unbedeutend, da sie der robusten Reize entbehrte, welche die derben Landleute allein hoch schätzen.

Nein, der Deichgraf würde nicht lange schwanken zwischen diesem Jammergestell und der herrlichen Klaudia, der blendendsten Erscheinung auf Smaragdis, ja in ganz Kerlingaland.

Während des Mahles maß sie den jungen Mann mit brünstigen Blicken und geblähten Nüstern wie eine Bacchantin; zu gleicher Zeit aber schätzte sie das Mobiliar, das Tafelzeug und Geschirr mit den Augen eines Gerichtsvollziehers oder eines vereidigten Taxators ab. Was den Wert seines Grundbesitzes anlangte, so war ihr der seit langem bekannt, ebenso wie den anderen Dorfbewohnern. Diese weite dreieckige Thalmulde, von beiden Seiten durch die Deiche und an der dritten durch ein Gewirr von breiten Gräben begrenzt, stellte mit den dazu gehörigen Wäldern und Kulturen etwa den zehnten Teil des Wertes der ganzen Insel dar. Und das Gerücht legte überdies den Kehlmarks große Besitzungen in den Niederlanden bei, sowie in Deutschland und Italien.

Man erzählte sich außerdem, daß seine verwitwete Großmutter ihm drei Millionen Gulden Rente hinterlassen habe. Doch bedurfte es nicht erst der Bestätigung dieses Gerüchtes, um den jungen Kehlmark für Klaudia als eine höchst begehrenswerte Partie erscheinen zu lassen. Vielleicht wenn er nicht seinen Titel und diese kolossalen Reichtümer besessen hätte, würde sie einen vollblütigeren, kraftstrotzenderen Freier vorgezogen haben. Dennoch konnte sie nicht umhin, seine Eleganz, seine feinen aristokratischen Züge zu bewundern, sowie seine wohlgepflegten, frauenhaften Hände, seine schönen, tiefblauen Augen, sein feines Schnurrbärtchen und seinen sorgfältig gestutzten Kinnbart. Wenn sich der Deichgraf ein wenig scheu und zurückhaltend, ja bisweilen fast schmachtend und melancholisch zeigte, so konnte das dieser Kraftnatur nicht mißfallen. Für sie gab es keinerlei Empfindsamkeit; nein im Gegenteil, ihr Charakter war vielmehr ausnehmend materiell; aber in diesen Augenblicken der Träumerei schien sich ihr bei Kehlmark eine schwache Natur, ein passiver Charakter zu enthüllen. Sie würde nur um so leichter über seine Person und sein Vermögen herrschen können. Ja, dieses vornehme Herrchen würde recht schön nachgiebig und lenkbar sein. Wie hätte er sonst so lange das Joch dieses Geschöpfes, dieses »Fräuleins« ertragen, welche die kampfbereite Klaudia fast schon als einen Eindringling betrachtete. Die Erwägungen, denen sich das Frauenzimmer hingab, schienen der Folgerichtigkeit nicht zu entbehren: wenn er sich von diesem Zierbesen einwickeln und unterkriegen ließ, um wie viel eher mußte er sich nicht von einem ordentlichen kräftigen Weibe unterjochen lassen.

Und das Benehmen Heinrichs war nicht dazu angethan, sie zu enttäuschen. Er war die ganze Zeit über von einer geradezu fieberhaften Lustigkeit, wie wenn ein von seinen Gedanken Verfolgter diese zu übertäuben sucht; er scherzte und neckte sich mit seiner Nachbarin mit einer Beharrlichkeit, daß diese sich schon am Ziel ihrer Wünsche angelangt glaubte. Die Ausgelassenheit Kehlmarks erregte bei einigen Krautjunkern, die man zu diesem tollen Liebesmahle eingeladen, schließlich Ärgernis, aber sie ließen sich nichts merken, sondern entrüsteten sich nur innerlich über diese abgeschmackte Gesellschaft, bei der sie nur aus Rücksicht auf den Rang und die Stellung des Deichgrafen ihr Erscheinen zugesagt hatten; in seiner Gegenwart thaten sie so, als ob sie die Idee dieses Einweihungsschmauses riesig famos fänden, und überboten sich vor lauter Anerkennung. Man kann sich denken, in welchen Ausdrücken sie von der unziemlichen Maskerade dem Pfarrer und seiner Frau Bericht erstatteten, dessen ganze Gemeinde diese hochgeborenen Pedanten nebst zwei oder drei alten Betschwestern bildeten. Einer nach dem andern verlangten sie ihren Wagen und zogen sich verstohlen mit ihren zimperlichen Gattinnen und Töchtern zurück. Nun, man amüsierte sich nur um so besser nach ihrem Weggange. Der Graf, der wie ein Künstler von Beruf zeichnete und malte, hatte sich den Spaß gemacht, beim Kaffee eine reizende Skizze von Klaudia zu entwerfen, die er ihr anbot, nachdem sie bei Tische die Runde gemacht zur Verwunderung dieser Naturkinder, die über die vollkommene Durchbildung ihres jungen Deichgrafen immer mehr und mehr in Erstaunen und Entzücken gerieten. Michael Govaertz besonders, der sich durch die Liebenswürdigkeit des Grafen gegen sein Lieblingskind geschmeichelt fühlte, war im siebenten Himmel. Die ganze Zeit über hatte Heinrich ihr zugetrunken und machte ihr unaufhörlich Komplimente über ihr Kostüm.

»Es steht ihnen ganz entzückend«, sagte er. »Wie viel natürlicher sehen Sie aus mit ihrer einfachen Tracht, als jene Dame dort unten, die sich ihre Kleider aus Paris kommen läßt.« Und er bezeichnete ihr mit den Augen eine sehr aufgetakelte Baronin am anderen Ende der Tafel, die zwischen zwei tollpatschige Seebären gesetzt schon von Anfang an ein schiefes Gesicht gezogen und ein hochmütiges Stillschweigen bewahrt hatte.

»Pah!« hatte Klaudia geantwortet, »Sie spotten, Herr Graf! Aber Sie haben ja diese ländliche Tracht zu befehlen geruht, sonst würde ich mich auch wie die Damen von Upperzyde gekleidet haben.«

»Ich beschwöre Sie«, antwortete der Graf, »lassen Sie diesen Firlefanz. Das wäre ein Verrat an Ihrer Schönheit!«

Und sofort stürzte er sich in einen Lobhymnus auf die Volkstracht, die sich den Eigentümlichkeiten des Landes, der Verschiedenheit der Völker unwillkürlich so prächtig anpaßte.

»Das Kostüm«, erklärte er, »vervollständigt den menschlichen Typus. Bleiben wir bei unserer besonderen Kleidung, wie wir unsere eigentümliche Flora und Fauna haben.«

In seiner Begeisterung schien er die schönen menschlichen Formen in harmonischer Bekleidung zu malen und zu modellieren.

Im Fortgang seiner ethnologischen Auseinandersetzung bemerkte er plötzlich, daß die junge Dorfschöne seinen enthusiastischen Worten zuhörte, ohne etwas davon zu begreifen. Um sie zu zerstreuen, schickte er sich pflichtschuldigst an, ihr verschiedenerlei im Schlosse zu zeigen, das jetzt teilweise neu hergerichtet und mit allerhand Andenken und Reliquien vollgepfropft war. Klaudia nahm des Grafen Arm und indem sie sich an die Spitze stellte, forderte sie die anderen Dörfler auf, sich paarweise anzuschließen. Mit glühenden Augen verschlang Klaudia das Gold der reichen Bilderrahmen, der Wandverzierungen und Lichthalter, die feudalen Gobelins und Tapeten, die Trophäen von seltenen Waffen, während sie die eigentlichen Kunstwerke und die geschmackvolle Einrichtung, denen dieses luxuriöse Beiwerk zur Folie diente, kalt ließen. Bei den herrlichen gemeißelten oder gemalten nackten Figuren, unter anderem Kopien der jugendlichen Gestalten Buonarottis von dem Plafond der Sixtinischen Kapelle, machte nur, daß sie in naturalibus dargestellt waren, Eindruck auf sie; sie brach in ein verlegenes albernes Lachen aus und bedeckte sich das Gesicht mit der Hand, indem sie sich als die Erschreckte und Verschämte aufspielte, und Kehlmark fühlte die zuckenden Bewegungen ihres Körpers an seiner Seite. Michael Govaertz folgte dicht hinter ihnen mit der staunenden und ulkenden Bande. Die Spaßvögel machten über die Gemälde der Meister ihre Bemerkungen und Witze, feuerten sich gegenseitig zu immer tolleren Zoten an und trafen vor den mythologischen Nacktheiten durch Augenzwinkern oder selbst hinweisende Handbewegungen ihre Wahl.

Als sie immer ausgelassener wurden, ermahnte sie der Bürgermeister, sich größerer Zurückhaltung zu befleißigen.

Aber seine Ermahnungen fruchteten wenig, so daß er schließlich davon abließ. Er näherte sich wieder dem Grafen und sagte: »Einer dürfte nicht einverstanden sein, Sie unter uns zu sehen, Herr Graf: unser Pfarrer, Ehrwürden Balthus Bomberg.«

»A bah;« machte der Deichgraf, »was schiert mich der! Ich bin zwar kein Geistlicher von Beruf, aber ich glaube doch eben so viel von Religion zu verstehen, wie er, und bin sicher, daß die ewige Gerechtigkeit sich ebenso meiner erbarmen wird, wie aller guten Menschen sämtlicher Religionen. Ehrwürden Balthus hat in der That meine Einladung zu heute abgelehnt, indem er mir zu verstehen gab, ein solches Durcheinander von Hoch und Niedrig widerstrebe seinem Charakter... Das ist nun ein Diener des Evangeliums... Es ist sehr nett von ihm gegenüber seinen Pfarrkindern...«

»Wissen Sie, daß er schon gegen Sie gepredigt hat?« fragte Klaudia.

»Wahrhaftig? Allzuviel Ehre!«

»Er hat Sie nicht direkt angegriffen und sich wohl gehütet, Sie zu nennen«, nahm der Bürgermeister das Wort, »aber die Anwesenden haben ganz von selbst gemerkt, daß es sich um Euer Gnaden handelte, als er auf die schönen Schloßherren hinwies, die aus der Hauptstadt kämen und nun unter ihm Untergebenen die Ideen des Unglaubens verbreiteten, die ohne ihre Verpflichtungen zu erfüllen, den geringeren Pfarrkindern ein böses Beispiel gäben, indem sie durch ihre lockeren Sitten das allerheiligste Sakrament der Ehe verspotteten! Und so weiter! Lirum, larum! Es scheint, daß er sich eine ganze Viertelstunde dabei aufgehalten hat, wenigstens nach dem, was mir verschiedene alte Betschwestern erzählt haben; denn weder ich noch die Meinigen setzen einen Fuß in seine Kirche.«

Als der Graf diese Anspielung auf sein häusliches Leben hörte, hatte er leicht die Farbe gewechselt und seine nervös vibrierenden Nasenflügel verrieten den in ihm aufsteigenden Zorn, was Klaudia nicht entging.

»Werden wir nicht die Ehre haben, die gnädige Frau,... oder sage ich besser das Fräulein?... zu begrüßen?« stammelte sie in gemachter Verwirrung.

Ein neuer Ausdruck von Unangenehmberührtsein flog über die Züge Kehlmarks. Diese Wolke entging der lauernden Dorfkokette gleichfalls nicht.

»Um so besser«, sagte sie sich, »der Jammerlappen scheint schon ausgespielt zu haben.«

»– Ach, Sie meinen Fräulein Blandine, meine Wirtschafterin«, erwiderte Kehlmark mit belustigtem Gesichtsausdruck. »Entschuldigen Sie sie. Sie ist sehr beschäftigt und überdies außerordentlich scheu... Ihr größtes Vergnügen besteht darin, ganz im stillen, sozusagen hinter den Kulissen, für meine Gäste zu sorgen und alles zu dirigieren... Sie ist gewissermaßen mein Zeremonienmeister, der Generalregisseur von Escal-Vigor...«

Er lachte, aber Klaudia fand dies Lachen ein wenig gekünstelt und gekniffen. Der Deichgraf jedoch fuhr mit warmer, fast gerührter Stimme fort: »Sie ist mir beinahe wie eine Schwester... Wir beide haben meiner Großmutter die Augen zugedrückt.«

Klaudia schwieg.

»Sie werden uns doch einmal auf dem Pilgerhof besuchen kommen, Herr Graf?« fragte sie nach einer kurzen Pause; sie war ein wenig beunruhigt durch die letzten in beinahe inbrünstigem Tone gesprochenen Worte Heinrichs, da ihre Heiratspläne dadurch einen Stoß zu bekommen schienen.

»Ja, Herr Graf, Sie würden uns durch Ihren werten Besuch eine große Ehre erweisen«, drängte nun auch der Bürgermeister. »Ohne uns rühmen zu wollen, der Pilgerhof hat nicht seines Gleichen im ganzen Königreich. Wir besitzen auserlesenes Vieh, erstklassige Tiere, Kühe und Pferde sowohl, wie Schweine und Schafe.«

»Rechnen Sie auf mich!« sagte der junge Mann.

»Ohne Zweifel kennen der Herr Graf das ganze Land?« fragte Klaudia.

»Oder doch beinahe. Sein Anblick ist verschiedenartig genug. Zum Beispiel Upperzyde hat mir den Eindruck eines reizenden Städtchens hinterlassen, mit hübschen Denkmälern und einem ganz merkwürdigen Museum... Ich entdeckte dort einen allerliebsten Franz Hals... Ach, einen entzückenden pausbäckigen Schalmeibläser; das wunderbarste Zusammenstimmen von Hautfarbe, Kleidung und Atmosphäre, das dieser überströmende und männlich empfindende Künstler jemals auf die Leinwand gezaubert... Für diesen süßen kleinen Schelm würde ich sämtliche Venusse hingeben, selbst die von Rubens... Ich muß nach Upperzyde zurück.«

Er unterbrach sich, indem er bedachte, daß er für diese braven Leute griechisch redete.

»Man hat mir auch von den Haiden und Dünen von Klaarwatsch erzählt... Richtig. Giebt es da nicht ganz sonderbare Käuze?«

»Ach, diese Wilden!« machte der Bürgermeister mit Protektormiene von oben herab. »Eine Bande von Prahlhänsen! Die einzigen Vagabunden und Armen im Lande! Unser Guido, mein Sohn, treibt sich bei ihnen herum! Traurig genug, es sagen zu müssen: er könnte einer von ihnen sein.«

»Ich möchte Ihren Sohn bitten, mich eines Tages einmal dorthin zu führen, Bürgermeister!« sagte Kehlmark, indem er seine Gäste in ein anderes Zimmer geleitete. Sein Blick hatte sich erhellt, als er an den kleinen Schalmeibläser dachte. Jetzt umflorte er sich wieder und seine Stimme begann zu zittern; eine unsägliche Melancholie kam plötzlich über ihn; er unterdrückte ein Schluchzen, das in ihm aufstieg, damit keiner es merken sollte. Klaudia fuhr fort, sich rechts und links umzuschauen, indem sie die Nippsachen und Raritäten ringsum auf ihren Kaufpreis abschätzte.

Im Billardsaal, wohin sie nun gelangt waren, wurde die eine ganze Wand eingenommen von dem Kolossalgemälde »Konradin und Friedrich von Baden«, das Kehlmark selbst nach einem in Deutschland sehr beliebten Stich gemalt hatte. Der letzte Kuß der beiden jungen Fürstensöhne, der Opfer Karls von Anjou, gab ihrem Gesicht einen Ausdruck hingebendster, beinahe sakramentaler Liebe, der von Heinrich vorzüglich getroffen war.

»– Das?... Zwei junge Prinzen, denen einer meiner Urahnen diente... Sie sollen enthauptet werden«, erklärte er in seltsam spöttisch klingendem Tone. Klaudia verschlang das Gemälde mit den Augen, da derartige Exekutionen sie erregten.

»Die armen Kleinen!« bemerkte das kolossale Mädchen. »Sie umarmen sich wie zwei Liebende.«

»Ja, sie liebten sich auch!« murmelte Kehlmark, als ob er Amen gesagt hätte. Und er schleppte seine Gesellschaft weiter. Als sie in naiver Weise auf die große Zahl der Gypsabgüsse und männlichen Akte unter den Gemälden und Marmorstatuen hinwies, antwortete er: »Ach ja, das sind Modellfiguren, wie man sie in Upperzyde und in anderen Museen findet!... Das dient zur Dekoration! Und da ich hier keine lebenden Modelle habe, arbeite ich darnach.« Er sagte das alles diesmal in einem leichtfertigen, gefühllosen Tone, indem er die profane Sprechweise derjenigen, die er führte, nachahmte.

Machte er sich lustig über seine Gäste – oder nahm er sich zusammen?

Nach ländlichem Brauche war man um zwölf Uhr Mittags zu Tische gegangen.

Jetzt war es neun Uhr und der Abend sank herab.

Plötzlich hörte man ein schmetterndes Getöse wie von Blechmusik.

Fackeln näherten sich unter den Rhythmen eines Jahrmarktsmarsches und warfen in das Halbdunkel der Säle einen rötlichen Nordlichtschein.

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