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Escal-Vigor

Georges Eekhoud: Escal-Vigor - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorges Eekhoud
booktitleEscal-Vigor
titleEscal-Vigor
publisherMännerschwarm Verlag
seriesBibliothek rosa Winkel
volumeBand 44
isbn978-3-939542-44-5
year2007
firstpub1903
translatorRichard Meienreis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110207
projectid375ae96c
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Erster Teil

Der Deichgraf

I.

Am ersten Juni bewirtete Heinrich von Kehlmark, der junge »Deichgraf« und Schloßherr von Escal-Vigor, eine zahlreiche Gesellschaft, bei der, wer kam, willkommen war, um seine Rückkehr zur Wiege seiner Ahnen, nach Smaragdis, zu feiern. Smaragdis, oder die Smaragd-Insel, war das reichste und ausgedehnteste Eiland in einem jener klaren und gewaltigen Meere des Nordens, dessen Buchten und Fjorde in tausend eigenwilligen Formen in das Land einschneiden und die zerklüfteten Ufer mit ganzen Scharen von größeren und kleineren Inseln umlagern.

Smaragdis gehörte zu dem halb germanischen, halb keltischen Königreich Kerlingaland. Als der Handel des Westens sich entwickelte, setzte sich eine Kolonie hanseatischer Kaufleute dort fest. Die Kehlmarks behaupteten, von alten Seekönigen oder dänischen Wikingern abzustammen. Sie verstanden sich Schätze, Macht und Ansehen zu erwerben, wobei sie auch den Ruf gelegentlicher Piraterie nicht scheuten. Es waren kluge und thatkräftige Männer. Sie folgten Friedrich Barbarossa auf seinen Zügen nach Italien und zeichneten sich durch eine unerschütterliche Hingebung an das Haus der Hohenstaufen aus, durch jene Treue, wie sie der Than für seinen König empfindet.

Ein Kehlmark war sogar der Liebling Friedrichs II. gewesen, jenes üppigen Kaisers, des »Sultans von Lucera«, des künstlerisch begabtesten aus dem romantischen Hause der schwäbischen Kaiser, der die unergründlichen Träume seiner nordischen Mannesseele in dem lichtdurchfluteten Vaterland der Sonne zur That werden ließ. Dieser Kehlmark fiel bei Benevent mit Manfred, dem Sohne seines kaiserlichen Freundes.

Heute noch stellte ein großes Wandgemälde im Billardsaal von Escal-Vigor Konradin, den letzten Hohenstaufen dar, wie er Friedrich von Baden umarmt, bevor er mit ihm zusammen das Schaffott bestieg.

Im fünfzehnten Jahrhundert blühte ein Kehlmark in Antwerpen als Geldgeber und Gläubiger von Königen, ähnlich wie die Fugger und Salviati, und prunkte unter den stolzen Hanseaten, die sich unter Vorantritt von Flöten- und Geigenspielern zum Gottesdienst – oder zur Börse begaben.

Das Schloß Escal-Vigor, ein geschichtlich merkwürdiger, fast legendärer Wohnsitz, das gleicherweise an eine altdeutsche Burg wie an einen italienischen Palast erinnerte, lag im äußersten Westen der Insel am Schnittpunkt der beiden riesigen Uferdeiche, von wo es weithin die Lande beherrschte.

Seit undenklichen Zeiten waren die Kehlmarks als Herren und Beschützer von Smaragdis angesehen worden. Die Bewachung und Erhaltung der gewaltigen Deiche lag ihnen seit Jahrhunderten ob. Man schrieb selbst einem Vorfahren Heinrichs die Errichtung dieser ungeheuren Bollwerke zu, die das Land für alle Zeiten vor Überschwemmungen bewahrt hatten, abgesehen von den gänzlichen Überflutungen, in denen mehrere Schwesterinseln ihren Untergang gefunden hatten.

Ein einziges Mal, gegen das Jahr 1400, hatte das Meer in einer Springflutnacht es fertig gebracht, einen Teil dieser Kette künstlicher Aufschüttungen zu durchbrechen und seine rasenden Fluten bis ins Herz der Insel zu wälzen, und die Überlieferung erzählt, daß Schloß Escal-Vigor geräumig genug und hinreichend mit Vorräten versehen war, um die ganze flüchtige Bevölkerung aufzunehmen und zu unterhalten.

So lange die Gewässer das Land bedeckten, beherbergte der Deichgraf sein Volk, und als sie sich wieder verlaufen hatten, stellte er nicht nur den Deich auf seine Kosten wieder her, sondern baute auch die Hütten seiner Unterthanen wieder auf. Im Laufe der Zeit hatten die Deiche, die nun bereits an fünf Jahrhunderte bestanden, das Ansehen natürlicher Hügel angenommen; ihr Kamm war bepflanzt mit einer dichten Wand von Bäumen, die durch den Westwind etwas schief landeinwärts gebogen worden waren. Der Gipfelpunkt war dort, wo die beiden Züge der Hügel sich vereinigten, um eine Art Plateau oder richtiger Vorgebirge zu bilden, das wie ein Sporn oder ein Schiffsschnabel ins Meer hinaus vorsprang. Diesem Kap kehrte sich das Schloß genau zu. Mit der Front nach dem Ozean, während der Deich zu beiden Seiten jäh abfiel, bildete es ein granitenes Bollwerk und erinnerte an jene majestätischen Felsenkegel am Rhein, aus denen die Burg, die sie krönt, selbst ausgehauen zu sein scheint.

Bei Hochflut brachen sich die Wogen am Fuß dieser Feste, die gegen ihre Wut errichtet war. Nach den beiden Landseiten zu fielen die Deiche in sanfter Neigung ab, und ihre beiden Zweige bildeten in allmählicher Verbreiterung ein sich immer weiter ausdehnendes Thal, das einen wundervollen Park mit Wäldern, Seen und Weiden darstellte. Niemals beschnittene Bäume boten ihre breiten Kronen den Seewinden dar, die sie unter Äolsharfenklängen durchrauschten. Flüchtiges Dammwild schoß wie ein fahler Blitz durch das dichte Laubwerk, oder kräftig gebautes Rindvieh weidete das feuchte, saftige Gras von einem leuchtenden, fast flüssigen Grün ab, das dem Eiland den Namen Smaragdis, die Smaragd-Insel, verschafft hatte.

Trotz der Beliebtheit, deren sich die Kehlmarks bei der Bevölkerung des Landes zu erfreuen hatten, war ihr Schloß in den letzten zwanzig Jahren unbewohnt geblieben. Die Eltern des gegenwärtigen Grafen, zwei junge, blühendschöne Menschenkinder, hatten sich derartig geliebt, daß sie einander nicht zu überleben vermochten. Heinrich war wenige Monate vor ihrem Tode zur Welt gekommen. Seine Großmutter väterlicherseits nahm ihn bei sich auf, doch mochte sie ihren Fuß nicht wieder in ein Land setzen, dessen verhängnisvollem Klima sie den vorzeitigen Tod ihrer Kinder zuschrieb. Der junge Kehlmark wurde also auf dem Festlande erzogen, in der Hauptstadt des Königreichs Kerlingaland; später hatte man ihn auf den Rat der Ärzte nach einem internationalen Pensionat in der Schweiz geschickt, wo er seine Studien vollenden sollte.

Dort unten in Schloß Bodemberg, wo seine Jugendzeit verfloß, erschien Heinrich lange als ein schmächtiger blonder Knabe, beständig bedroht von Bleichsucht und Auszehrung; seine Gesichtszüge hatten etwas Nachdenkliches und in sich Gekehrtes; die Stirn war breit und gewölbt. Die Farbe seiner Wangen erinnerte an hinwelkende Rosen, während ein frühreifes Feuer in seinen Augen loderte, die in einem tiefen amethystenen Violettblau wie die Wogen und Wolken beim Sonnenuntergang leuchteten; der allzu stark entwickelte Kopf erdrückte schier mit seiner Last die abfallenden Schultern; die Glieder waren schwächlich, die Brust unterentwickelt.

Seine zarte Körperbeschaffenheit schien den kleinen Deichgrafen zur Zielscheibe der Neckereien seiner Mitschüler machen zu sollen; doch wußte er denselben zu entgehen durch das Ansehen, das seine Intelligenz ihnen einflößte; ja selbst seinen Lehrern imponierten seine Geistesgaben. Jedermann achtete sein Bedürfnis nach Einsamkeit, seinen Hang, die Vergnügungen der Genossen zu fliehen, ganz allein in den entlegensten Tiefen des Parkes sich zu ergehen, wohin ihn höchstens ein Lieblingsbuch begleitete, meist jedoch nur seine einsamen Gedanken und Träume.

Sein kränklicher Zustand vermehrte noch seine Anfälligkeit. Häufig fesselten nervöse Kopfschmerzen oder Fieberanfälle ihn ans Bett und schlossen ihn für mehrere Tage von seiner Umgebung ab. Einmal, wie er gerade sein fünfzehntes Jahr erreicht hatte, war er nahe daran, zu ertrinken, als gelegentlich einer Wasserfahrt einer seiner Kameraden das Boot zum Umschlagen gebracht hatte. Wochenlang schwebte er in Lebensgefahr, bis es sich herausstellte, daß der Unfall, der beinahe seinen Tod herbeigeführt hatte, vermöge einer seltsamen Laune des menschlichen Organismus die heilsame Krisis, den Umschlag brachte, den seine besorgte Großmutter, deren einzige Freude und Hoffnung er war, so lange herbeigesehnt hatte. Im Verein mit den Vormündern des jungen Grafen hatte sie selbst dieses so entfernt gelegene Pensionat ausgewählt, das nicht nur eine Musteranstalt, sondern gleichzeitig eine vortreffliche Heilstätte in einer der gesündesten Gegenden der Schweiz war. Bevor es in ein kosmopolitisches Gymnasium für junge Patrizier aus aller Herren Ländern umgewandelt wurde, war Schloß Bodemberg eine vornehme Heilanstalt gewesen, wo sich die eleganten Kranken aus der Schweiz und Süddeutschland zusammenfanden. Die Großmutter Heinrichs hatte auf das heilsame Klima des Aarthales und die vorzüglichen hygienischen Einrichtungen dieser Erziehungsanstalt gerechnet, um den einzigen Sprößling einer edlen Rasse dem Leben wiederzugeben und in Gesundheit und Kraft neu erblühen zu lassen. War dieser vergötterte Enkelsohn doch das einzige Kind ihrer Kinder, die vor allzu großer Liebe kurz hintereinander gestorben waren.

Der junge Kehlmark erhielt nicht nur seine Gesundheit völlig wieder, sondern sah sich auch mit einer ganz neuen Körperkonstitution beschenkt; nicht nur, daß ihm seine rapide Genesung die alten Kräfte wiedergab, zu seiner eigenen Überraschung wurde er größer und kräftiger als zuvor, bekam Fleisch und Blut, gewann an Muskel- und Brustumfang. Mit dem Wiedergewinn seiner Jugendkraft war über den jungen Deichgrafen eine köstliche naive Frische gekommen, von deren Zauber seine verträumte und vergrübelte Seele bisher nichts geahnt hatte.

Er, der früher von allen athletischen Übungen nichts hatte wissen wollen, stürzte sich jetzt mit wahrem Feuereifer darauf und brachte es bald darin zu einer außerordentlichen Meisterschaft. Weit entfernt, sich wie ehemals allen anstrengenden Wettübungen zu entziehen, zeichnete er sich jetzt vielmehr durch Unerschrockenheit und Tollkühnheit aus; und er, der, um den Mühen einer Bergbesteigung im Jura zu entgehen, sich oft in den Kellern und Zellen des ehemaligen Badehauses verkrochen hatte, gewann nun den Ruhm, einer der unerschrockensten Bergsteiger zu sein.

Trotz seiner jetzigen Vorliebe für körperliche Kraftproben und Sportspiele blieb er doch gleichzeitig ein eifriger Jünger der Wissenschaft; er erinnerte in dieser Hinsicht an die harmonischen Vollmenschen der Renaissance.

Nach dem Tode seiner Großmutter, die er hoch verehrt hatte, war er nun gekommen, um sich auf dem Sitze seiner Ahnen niederzulassen, dem er als echter Sohn des Landes stets ein treues Gedenken bewahrt hatte, zumal dessen einfache, thatkräftige Bewohner mit seiner freimütigen, überschäumenden Seele so trefflich harmonierten.

Die Ureinwohner von Smaragdis gehörten jener keltischen Rasse an, aus der die Bretonen und die Irländer hervorgegangen waren. Im sechzehnten Jahrhundert wiederholten sich die Kreuzungen mit spanischen Elementen immer häufiger und verstärkten dadurch noch das Überwiegen des brünetten Schlages über den blonden Typus. Kehlmark wußte, daß seine Insulaner, die ihre dunkelhäutige, heißblütige Beschaffenheit in Gegensatz brachte zu der zarteren, blonden und rosigen umwohnenden Bevölkerung, auch eine Sonderstellung gegen die übrigen Bewohner des Königreichs einnahmen durch ihren dumpfen Widerstand gegen die christliche, und besonders die protestantische Moral.

Als die Bekehrung dieser Landstriche zum Christentum vor sich ging, nahmen die Barbaren von Smaragdis die Taufe erst an nach einem Vernichtungskriege, den die Christen gegen sie führten, um den Blutzeugentod des heiligen Olfgar zu rächen, der von den erfinderischen Kannibalen auf die grausamste Weise zu Tode gemartert worden war. In der Pfarrkirche von Zoutbertingen waren diese Gräuelszenen zum Schmuck der Kirchenwände mit abstoßender Genauigkeit auf Fresken dargestellt durch einen Schüler von Thierry Bouts, der mit Vorliebe solche blutrünstigen Schindereien malte. Die Legende berichtet, daß die Weiber von Smaragdis sich bei dieser Metzelei besonders hervorgethan hätten, wobei sie ihrer Mordgier noch unzüchtige Scheußlichkeiten hinzufügten, indem sie mit dem heiligen Olfgar ähnlich verfuhren, wie weiland die Mänaden mit Orpheus.

Oftmals im Verlauf der Jahrhunderte hatten allerhand wollüstige und umstürzlerische Ketzereien ihren Ursprung genommen in diesem Lande voll glühender Sinnlichkeit, das ein unausrottbares Selbständigkeitsgefühl beseelte. Im Königreich Kerlingaland, das zum Protestantismus übergetreten war, wo das Luthertum als Staatsreligion ein strenges, fast grausames Regiment führte, war die latente, bisweilen in wilden Eruptionen losbrechende Gottlosigkeit der Bevölkerung von Smaragdis eine beständige Sorge der obersten Kirchenbehörden.

Soeben erst hatten dieselben einen kampfesfreudigen Pfarrer hingesandt, einen engherzigen, galligen Fanatiker, Namens Balthus Bomberg, der darauf brannte, sich hervorzuthun, und nach Smaragdis gezogen kam wie in einen Kreuzzug gegen neue Albigenser.

Dieser hoffte für seine Katechisation ein reiches Feld der Thätigkeit zu finden. Trotz des orthodoxen Druckes bewahrte das Eiland einen angestammten Schatz religiöser Freiheiten und Spuren von Heidentum. Die Ketzereien der Antwerpener Tanchelin und Peter l'Ardoisier, die im Verlauf von fünf Jahrhunderten die benachbarten Länder Flandern und Brabant beunruhigten, hatten bei den Einwohnern von Smaragdis stark Wurzel gefaßt und ihren ursprünglichen, freiheitstrotzigen Charakter noch gekräftigt.

Alle Arten von Überlieferungen und Gewohnheiten, die anderen Provinzen ein Gräuel waren, hier setzten sie sich fest trotz aller Ermahnungen und Bannflüche. Die Kirmeß artete aus in die tollsten geschlechtlichen Orgien, noch wilder und wüster als die in Friesland und Seeland, die doch schon durch die Zügellosigkeit ihrer Kirchweihfeste berüchtigt waren, und es schien, als ob gerade die Frauen jedes Jahr zu dieser bestimmten Zeit von jener blutgierigen Hysterie oder Männertollheit befallen würden, die ehemals die Schlächterinnen des Bischofs Olfgar zu wilden Bestien werden ließ.

Vermöge des bizarren Gesetzes der Kontraste, wonach die Extreme sich berühren, blieben diese Insulaner, die heute noch ohne eine bestimmte Religion waren, abergläubisch und fanatisch, wie die meisten Eingeborenen auch anderer Länder, wo blitzende Irrlichter gespenstische Nebel durchzucken. Ihr Wunderglaube stammte aus entlegenen Götterfabeln, aus den düstern und fatalistischen Kulten Odins und Thors; aber je nach Gutdünken mengten sie ihre eigenen fantastischen Einbildungen hinein, und diese machten sie in ihrer Liebe wie in ihrem Haß nur um so heftiger und schlimmer.

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