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Escal-Vigor

Georges Eekhoud: Escal-Vigor - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/eekhoud/escalvig/escalvig.xml
typefiction
authorGeorges Eekhoud
booktitleEscal-Vigor
titleEscal-Vigor
publisherMännerschwarm Verlag
seriesBibliothek rosa Winkel
volumeBand 44
isbn978-3-939542-44-5
year2007
firstpub1903
translatorRichard Meienreis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110207
projectid375ae96c
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II.

In einigen Tagen wollten Kehlmark, Blandine und Guido Escal-Vigor verlassen, ohne daran zu denken, jemals dorthin zurückzukehren.

Blandine, von Vorahnungen beunruhigt, beschleunigte die Vorbereitungen zur Abreise. Sie hatte Eile, wieder in die große Stadt zu kommen und die Villa zu beziehen, wo die alte Gräfin von Kehlmark gestorben war.

Landrillon sah seine Leute sich aus den Händen schlüpfen. Er schmeichelte sich, Klaudia zu erringen, allein vielleicht wäre ihm die Rache an den Schloßbewohnern beinahe lieber gewesen. Er beschloß daher, in beiden Richtungen die Ereignisse gewaltsam zu Ende zu bringen.

Es war am Vorabend der ausgelassenen Kirmeß von Smaragdis, des von Alters her bestimmten Tages der Verlöbnisse.

Landrillon begab sich nach dem Pilgerhofe und drängte Klaudia, zwischen ihm und dem Grafen sich endgültig zu entscheiden. Die Bauerndirne verlangte einige Stunden Frist. Sie hatte sich vorgenommen, am nächsten Morgen einen letzten Ansturm auf den Grafen zu wagen.

»Donnerwetter, wie sie doch alle auf diesen Kerl versessen sind!« rief Landrillon. »Nein, nein, Klaudia, ich sage dir, es hat gar keinen Zweck, sich auf den zu versteifen. Wende dich lieber mir zu. Der ist jetzt ruiniert, ich bin in jeder Beziehung mehr wert als er. Willige ein ...«

»Nicht bevor ich ein letztes Mal mit ihm gesprochen habe.«

»Verlorene Liebesmüh'! Ebenso gut könntest du einen Erfrorenen aufwärmen wollen, als den in einen Mann umzuschaffen, diesen ...«

Landrillon hielt an sich und sprach das abscheuliche Wort noch nicht aus, das ihm auf den Lippen schwebte.

»Man muß ihn nur zu erobern verstehen!« beharrte Klaudia.

»O, reizvollere als du würden sich da vergebens bemühen. Es liegt dir also soviel daran, Gräfin zu werden?«

»In der That.«

»Aber wenn ich dir sage, er hat keinen roten Heller mehr. Blandine hält ihn vollständig aus. In einigen Tagen werden sie das Land verlassen haben und das Schloß wird verkauft werden. Wenn du wolltest, Klaudia, könnten wir uns heiraten, wir könnten dann Escal-Vigor kaufen ...«

»Nein, Kehlmark wird mein Gatte werden. Es bedarf einer Gräfin in einem Schlosse. Übrigens liebt er diese Blandine nicht mehr ...«

»Aber dich liebt er erst recht nicht ...«

»Er wird mich lieben ...«

»Niemals ...«

»Warum niemals?«

»Du wirst's ja sehen!«

»Höre«, sagte sie, du kennst den Brauch auf dieser Insel. Morgen ist der große Verlobungstag, die St. Olfgar-Kirmeß ... Allen katholischen oder protestantischen Bischöfen zum Trotz haben, seitdem die Weiber von Smaragdis den Apostel zerrissen, der sich ihrem Wahnsinn widersetzte, an jedem Jahrestag des Märtyrers die jungen Mädchen die Gewohnheit beizubehalten, sich den schüchternen oder widerspenstigen Burschen zu erklären, die sie zum Gatten begehren. Ich will von diesem Recht Gebrauch machen. Morgen früh begebe ich mich nach Escal-Vigor und ich mache mich anheischig, mit dem Eheversprechen des Schloßherren das Schloß zu verlassen.«

»Lirum, larum!«

»Wie, du glaubst das nicht? Nun, ich bin dessen so sicher, daß ich mich verpflichte, wenn er mich ausschlägt, mich dir hinzugeben, Landrillon. Ich werde dir angehören und morgen Abend, nach dem Tanz, werde ich baar bezahlen!«

Durch dieses wüste Versprechen glaubte die Stolze sich zu nichts zu verpflichten.

»In diesem Falle eile ich, unser Aufgebot zu veranlassen!« frohlockte Landrillon, der besser als das dicke Frauenzimmer die unwandelbaren Anschauungen seines ehemaligen Herren hinsichtlich der Ehe kannte. »St. Olfgar stehe dir bei!« fügte er hohnlachend hinzu, als sie von dannen schritt, ihres Erfolges sicher.

*

Der Deichgraf empfing Klaudia mit Würde und herablassender Freundlichkeit. Der Ausdruck heiterer Melancholie schüchterte die Besucherin ein wenig ein. Doch bald faßte sie wieder Mut und ging nun ohne weitere Einleitung gerade auf ihr Ziel los.

Kehlmark fuhr sie weder barsch an noch wies er sie geradezu zurück. Er unterbrach sie mit einer verbindlichen Handbewegung und dankte ihr mit einem Lächeln, das der großen Bauerndirne wie Spott und Herausforderung vorkam, da sie unfähig war, darin den großen tragischen Verzicht auf das Lebensglück der gewöhnlichen Menschen herauszufinden.

»Sie lachen«, protestierte sie voll Wut, »aber bedenken Sie doch, Herr Graf, daß, obwohl Sie Graf sind, ich Ihnen ziemlich gleich stehe ... Die Govaertz, die ebenso lange in Smaragdis wohnen, als die Kehlmark, sind beinahe ebenso alter Abstammung, als ihre Herren.«

Aber plötzlich fing sie an, zu schmeicheln und zu bitten.

»Hören Sie, Herr Graf«, begann sie wieder, bereit sich ihm hinzugeben, wenn er sie nur durch das mindeste Zeichen ermutigt hätte, »ich liebe Sie, ja, ich liebe Sie ... Ich habe mir selbst lange eingebildet, daß Sie mich liebten«, fuhr sie lauter fort, aufgebracht durch seine heitere Miene, in der sie nicht einen verharschten Schmerz, eine Narbe von einer lange Zeit unheilbaren Wunde sah. »Ehemals bewiesen Sie mir einige Höflichkeit ... Ich schien Ihnen nicht gänzlich zu mißfallen – es sind jetzt drei Jahre her, – als Sie sich hier niederließen. Wozu dieses Spiel? Ich habe geglaubt und davon geträumt, Ihre Frau zu werden. Gestützt auf diese Überzeugung habe ich die reichsten Freier des Landes ausgeschlagen, selbst die vornehmsten Leute aus der Stadt ...«

Als er kein Wort erwiderte, beschloß sie nach einem kleinen Stillschweigen den entscheidenden Schlag zu führen:

»Hören Sie«, begann sie wieder, »man sagt, daß es mit Ihren Verhältnissen nicht allzu gut stehe; mit Verlaub, wenn Sie wollen, könnte man vielleicht ...«

Diesmal erbleichte er; aber dann sagte er in bestimmtem, fast väterlichem Tone:

»Mein liebes Kind, die Kehlmarks verkaufen sich nicht ... Sie werden leicht einen annehmbaren Freier unter Ihresgleichen finden. Jedenfalls seien Sie überzeugt, daß es nicht Hochmut ist, wenn ich Ihren Antrag ablehne ... Ich, ich kann Sie nicht lieben, hören Sie? Ich kann nicht ... Folgen Sie meinem Rat ... Nehmen Sie einen braven Burschen zum Gatten. Es fehlt ja glücklicherweise nicht daran auf dieser gesegneten Insel. Ich bin kein Mann, der für Sie paßt.«

Je weiter er sprach, ruhig, klar und überzeugend, um so lebhafter und leidenschaftlicher wurde Klaudia. Sie fühlte sich versucht, sein Verhalten als eine Mystifikation anzusehen, ihn selbst für einen hochmütigen Gecken, der sich über sie lustig gemacht hatte.

»Sie sagten soeben, daß ein Kehlmark sich nicht verkaufe«, sagte sie wutschnaubend. »Vielleicht habe ich nicht hoch genug geboten! Von Mamsell Blandine haben Sie, wie man sich erzählt, doch ohne weiteres so manches angenommen!«

»Ah, Klaudia!« rief er in einem herzzerreißenden Ton, der sie gleichwohl nicht entwaffnete: »Jetzt ist es genug! Brechen wir diese Unterhaltung ab, mein Kind. Sie werden ausfallend ... doch ich bin Ihnen nicht böse! ... Leben Sie wohl!«

Sein starrer, eiskalter Blick, der eine seltsame Keuschheit wiederspiegelte, in dem sich ein fester Entschluß, fast eine Art Glaubensbekenntnis konzentrierte, wies sie wirksamer ab, als jede Bewegung es vermocht hätte.

Außer sich schritt sie hinaus und warf die Thür hinter sich zu. –

»Nun?« fragte Landrillon, der sie am Ausgang des Parkes abpaßte, »was habe ich gesagt? Er liebt dich nicht, er wird dich niemals lieben!«

»Aber was ist denn das mit diesem Menschen? Bin ich nicht schön, die schönste von allen? ... Warum weist er mich mit so viel Kälte ab?«

»Potztausend, das ist wahrhaftig leicht genug zu erklären ... Man braucht nicht allzuweit zu suchen ... Er ist, wie soll ich sagen, selbst so eine Art heiliger Olfgar ... Doch nein, ich thue dem großen Heiligen unrecht.«

»Was willst du damit sagen?«

»Nun, um deutlicher zu sprechen, dieses schöne Herrchen hat den schlechten Geschmack, dir deinen Bruder vorzuziehen ...«

Sie brach in ein tolles Gelächter aus, gerade ihm ins Gesicht. Trotz ihrer Wut mußte sie lachen. Nein, was war dieser Landrillon doch für ein Spaßvogel!

»Da giebt's nichts zu lachen; es ist, wie ich dir sage ...«

»Du lügst, du bist von Sinnen. Wie kannst du mir mit solchen Flausen kommen ...«

»Es kommt noch besser: Guido erwidert seine Gefühle.«

»Unmöglich!«

»Stelle doch den Bengel auf die Probe... Das ist ganz einfach ... Er ist über einundzwanzig Jahre, obgleich er kaum so aussieht. Du wolltest soeben einen der Bräuche des Landes zu Hülfe nehmen. Thue es auch hier. Eine andere mag sich an deinen Bruder machen. Diesen Abend sind alle Burschen seines Alters verbunden, zum Tanz zu kommen und sich eine Gefährtin zu wählen, vorläufig oder auch endgültig ... Was wetten wir, daß dieses Jüngelchen sich ebenso kalt irgend einer beliebigen Schürze gegenüber zeigen wird, als sein Beschützer soeben zu Ihnen gewesen ist.«

»Geh doch!« stieß Klaudia mit einer dumpf grollenden und zugleich wutzischenden Stimme hervor. »Oh, diese Heuchler, diese Elenden! Aber wehe ihnen!«

»Gottlob! Na, endlich siehst du klar! Indem er den Galanten bei dir spielte, glaubte der saubere Herr euch von seiner wirklichen Liebe ablenken, euch dieselbe verheimlichen zu können ...«

Er erzählte ihr alles, was er beobachtet hatte; mit eigenen Zusätzen und Übertreibungen, dort wo er selbst nichts hatte beobachten können.

Klaudia knirschte innerlich vor Wut, aber äußerlich zeigte sie nur einen tugendsamen Abscheu vor solcher Verirrung.

»Höre!« sagte sie zu Landrillon. »Ich werde mich dir hingeben, diesen Abend noch. Ich hab's geschworen und ich werde meinen Eid nicht brechen. Aber erst mußt du mich rächen an allen, vor allem an meinem Bruder, diesem Gleißner, diesem Miststück, den ich verabscheue.«

Mit dem Scharfblick des Hasses war sie zu dem Entschluß gekommen, Guido eins zu versetzen, um Kehlmark desto sicherer zu treffen.

»Aber keinen Skandal!« sagte Landrillon.

»Sei ganz ruhig. Der Augenblick ist uns günstig. Die Kirmeß entschuldigt manche Extravaganz!« murmelte sie mit einem scheußlichen Lächeln.

Um den Namen Govaertz zu schonen, wollte sie nichts von dem verlauten lassen, was sie von der Stellung ihres Bruders zu dem Deichgrafen wußte. Sie würde sich begnügen, Guido in eine peinliche und demütigende Lage zu bringen. Sie wollte einige derbe ausgelassene Frauenzimmer gegen ihn hetzen, die sie vorher durch Bier und Branntwein für einen solchen Angriff genügend in Stimmung bringen würde.

Aber, wie die Folge lehrte, hatte sie zu sehr auf ihre Kaltblütigkeit vertraut und die Glut und den Taumel der Rache nicht in Rechnung gezogen.

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