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Escal-Vigor

Georges Eekhoud: Escal-Vigor - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/eekhoud/escalvig/escalvig.xml
typefiction
authorGeorges Eekhoud
booktitleEscal-Vigor
titleEscal-Vigor
publisherMännerschwarm Verlag
seriesBibliothek rosa Winkel
volumeBand 44
isbn978-3-939542-44-5
year2007
firstpub1903
translatorRichard Meienreis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110207
projectid375ae96c
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VII.

Nach derartigen Auftritten war Kehlmark oft gegen sich selbst aufgebracht.

»Niemals wird man mich so von ganzem Herzen lieben, wie dieses Weib es thut!« sagte er, wenn er sich zur Vernunft zu bringen versuchte. Er erinnerte sich ihres ersten intimen Zusammenseins bei der Großmutter. Immer war er ihr Orakel, ihr Abgott gewesen. Sie bediente ihn bei der alten Gräfin, trat für ihn beschwichtigend ein, wenn seine Streiche sie aufregten, besorgte ihm Geld, wenn er solches nötig hatte. Wo sollte er je gleiche Treue und Ergebenheit wiederfinden? Ging sie nicht sogar jetzt so weit, seine Leidenschaft für den jungen Govaertz zu tolerieren?

Dann aber trat ein Umschlag ein und warf alle seine guten Vorsätze über den Haufen. Ein Wort, ein Klang ihrer Stimme, ein Blick, in dem er einen stillen Vorwurf zu lesen glaubte, ein ernster, strenger Zug in ihrem Gesicht ließen ihn wieder an Blandine zweifeln, ja sie verabscheuen; er sah dann in ihrer Ergebenheit nichts als üble Neugierde und kriechende Spioniererei, nichts als ausgeklügelte Rache und schlecht verhehlte Verachtung. Sie studierte ordentlich und grübelte darüber nach, meinte er, wie sie ihn demütigen und ihm ihre Abneigung recht fühlbar machen könnte. Dieser Engel war ihm dann nur ein recht raffinierter Folterknecht.

Und bei der ersten besten Gelegenheit überschüttete der Unglückselige sie dann mit immer heftiger werdenden Schmähungen.

Zu dieser Zeit spiegelte die Schönheit Blandinens das fast übermenschliche Märtyrertum ihrer Seele wieder; diese Schönheit hatte selbst etwas von der Majestät des Todes. Eine eisige Ruhe, eine Totenstille, die freilich ganz anders war, als die des Grabes, legte sich allmählich über ihr Herz.

Ewig gequält von Landrillon hatte sie sich endlich ihm hingegeben. Sie hatte ihren armen Leib zum Sühnopfer gebracht, um die Seele dessen zu retten, den sie gottvergessen und verbrecherisch wähnte; als fromme Christin betete sie für ihn, um ihn der ewigen Verdammnis zu entreißen; ihr ganzes Herz bäumte sich gegen den Undankbaren auf selbst in dem Augenblick, wo sie sich hingab und den Armen des verhaßten Erpressers überlieferte.

Dies Opfer wiederholte sich nach jeder Drohung, die der Halunke ausstieß. Blandine war dann beruhigt: Landrillon würde nichts gegen den guten Ruf des Grafen unternehmen. Sie rechnete auf ein Wunder. Kehlmark würde von seiner Verirrung zurückkommen. Der Himmel würde die Fürbitte der Heiligen erhören.

*

Wochen verflossen.

»Recht lange schon genießen wir des Vergnügens, mein Schätzchen«, sagte Landrillon eines schönen Tages, »aber es handelt sich nicht nur um solche Kleinigkeiten. Wir müssen nunmehr an ernste Dinge denken. Und um einen guten Anfang zu machen, wollen wir uns heiraten!«

»Bah! Ist das notwendig?« machte Blandine unter erkünsteltem Lachen.

»Welche Frage! Ob es notwendig ist? Du bist meine Geliebte und weigerst dich, meine Frau zu werden!?«

»Zu welchem Zweck? Da du mich doch besessen hast ...«

»Wie, zu welchem Zweck? Ich bestehe darauf, dein Gatte zu werden! Oder erhoffst du etwa hier noch was?«

»Nichts!«

»Na, also! Ziehen wir weiter! Wir haben uns genug geschunden. Jetzt ist es endlich Zeit, daß wir uns und unsere Ersparnisse zusammenthun, erst vor dem Notar und dann vor dem Pfarrer. Und dann adieu, Herr Graf von Kehlmark!«

»Niemals!« stieß Blandine mit wilder Energie hervor; sie dachte an die beiden anderen, die dann hier zurückbleiben würden, und ihr Blick ward starr und schaute verloren ins Weite.

»Holla! Was ficht dich an? Und unser Pakt? Willst du ihn nicht halten? Ich will dich zur legitimen Gattin haben. Du hast ein paar Groschen. Ich brauche sie. Oder willst du lieber, daß ich Ehrwürden Balthus Bomberg und Klaudia Govaertz die keuschen Mysterien von Escal-Vigor enthülle?«

»Das wirst du nicht thun, Landrillon!«

»Das werden wir ja sehen.«

»Ein Vorschlag!« sagte sie. »Ich will dir Geld geben. Ich will dir alles geben, was ich habe, nur laß mich hier und suche dir eine andere Frau.«

»So liebst du ihn also noch, diesen Wüstling?« schrie der Halunke. »Um so schlimmer. Du mußt dich darein finden, ihn zu verlassen und Frau Landrillon zu werden. Jetzt keine Dummheiten weiter. Ich gebe dir zwei Monate Bedenkzeit, und dann los!«

Escal-Vigor verlassen! Kehlmark nicht mehr sehen!

Das Unglück wollte es, um ihren Jammer voll zu machen, daß sie Heinrich von Kehlmark begegnete, und daß dieser, gereizt von ihrem verstörten Aussehen, sie von neuem anfuhr.

»Herrlich! Prächtig! Noch immer diese Leichenbittermiene! Jetzt ist's am Tag! Ich bin das größte Scheusal unter den Menschen. Aber dann, Blandine, bist du dann nicht ein noch größeres Scheusal, daß du dich so an ein Wesen kettest, wie ich bin?

Und wer weiß«, lachte der Unglückliche mit dem krassen Humor eines zum Tode Verurteilten, »ob es nicht mein Ausnahmezustand, meine vermeintliche Anomalie ist, die deine verderbte Einbildungskraft kitzelt? Wer steht mir dafür, daß deine demutsvolle Unterwürfigkeit nicht auch eine Art von angeborener Perversion ist, wie die Hochgelahrten sagen; etwas von dieser Wollust des Leidens, das man mit dem schönen Namen Masochismus bezeichnet! In diesem Falle würde deine famose ›Aufopferung‹ nur Wahnsinn oder Krankheit für die Einen bedeuten, und Verbrechen und Schändlichkeit für die Anderen! O Reinheit! O Heiligkeit! Wohin seid ihr geschwunden?!«

Noch niemals war er ihr mit einer solchen wilden Erbitterung zu Leibe gegangen.

»Ach«, dachte sie, »mir sagen zu müssen, daß ich es bin, die ihn so zur Verzweiflung bringt. Ich, die ich ihm alles opfern möchte, die ich nicht weiß, was ich ihm noch geben sollte; ich, die ich mich entschlossen, um seine Ruhe zu erkaufen, zu leben, und welch ein Leben, o mein Gott!«

»Heinrich, mein Heinrich«, flehte sie, »schweige, um des Himmels willen schweige! Sage mir, was ich thun soll. Ich bin ja nur deine Dienerin, deine Sklavin. Was hast du mir denn noch vorzuwerfen?«

»Dein Verächtlichthun, dein Fratzenschneiden, dein scheinheiliges Gebaren. Verlasse mich. Trenne dich von diesem Verpesteten. Ich mag dein beleidigendes Mitleid nicht mehr hören! Immer stehst du vor mir, wie ein Fleisch und Bein gewordenes Gewissen, wie ein lebendiger Vorwurf. Was du auch thust, mir ist es wie ein Spiegel, in dem ich mich beständig an den Schandpfahl gekettet sehe, unter dem glühenden Eisen des Henkers ...«

Und er packte sie in wildem Grimm mit seinen Fäusten, als ob er sie umbringen wollte; dann schrie er ihr ins Gesicht:

»O du Normale, Tadellose, Musterhafte! Ich hasse dich, hörst du, ich hasse dich!

Geh, ich kann dich nicht mehr sehen. Lieber alles Äußerste, als diese Hölle. Geh, liefre mich ans Messer, du weiblicher Judas! Hetze unsre tugendsamen Nachbarn, ja die ganze Insel hetze gegen mich. Lauf hin zum Pfarrer, sag' ihm, wie ich bin. Ha! Mir ist das alles jetzt ganz gleich ...

Dieses ewige Lügen, dieses fortwährende Heucheln, es erstickt mich, es drückt mich zu Boden. Alles ist dieser Höllenqual vorzuziehen. Wenn du nicht sprichst, so werde ich sprechen! Ich werde ihnen alles sagen! ... Ach, wie verworfen werde ich dir dann erscheinen, Blandine! ... Aber du, du bist noch verworfener als ich, da du so lange auf Kosten dessen gelebt, den du verachtest, dich hast ernähren, aushalten lassen von diesem Verruchten, so lange zu seinen Lastern beide Augen zugedrückt hast, da er dich reichlich bezahlte! ...«

»Heinrich, mein Heißgeliebter! Wahrhaftig, das glaubst du!? Wie würdest du dir zürnen, wie würdest du dich selbst verabscheuen, wenn du die Wahrheit kenntest!«

*

In der That, er war ungerecht. Die Ungerechtigkeit, deren Opfer er sich selber wähnte, sie machte ihn toll und blind, grausam wie das Verhängnis.

Er rechnete sie zu der großen Menge, dem bösgesinnten, niedrig denkenden Haufen, sie, diese Bewundernswerte, diese hochherzige Liebende; wohl ward sie manchmal schwach und brach beinahe zusammen, indem sie ihre fast heroischen Kräfte überschätzte, an deren Ende sie angelangt war; aber dann schöpfte sie aus ihrer Liebe immer wieder neue Stärke, sich aufzurichten, höher und höher, obwohl die Liebe sie ewig von ihren höchsten Wonnen, ihren seligen Gefilden ausschloß.

»Ja, wahrhaftig, ich glaube das!« beharrte der Unglückliche, der ganz außer sich war. »Du schonst mich nur, weil du hier ein behagliches Leben als Schloßherrin führst und weil du dich für unentbehrlich hältst, denn dieser tolle Verschwender hatte ja nie gelernt, zu rechnen. Du bildest dir ein, daß ich nicht ohne dich auskommen könnte. Du drängst dich mir darum auf. Aber geh jetzt! Laß mich Körper und Seele und Ehre zu Grunde richten. Du bist reich genug. Befreie mich von deiner Gegenwart! ... Ich will dir noch Geld zugeben, soviel du willst! Aber, um Himmelswillen, entferne dich so schnell als möglich. Wir können nicht mehr zusammen leben. Was zwischen uns geschehen, läßt sich nie wieder gut machen. Wir sind uns fernerhin nur gegenseitig zum Ekel.«

»O mein Heinrich!« schluchzte das arme Weib ... Sie wollte sprechen, aber sie würde ihn beschämt, gedemütigt haben; und so zog sie sich zurück, um nicht in Versuchung zu kommen, ihm die Wahrheit zu sagen.

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