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Escal-Vigor

Georges Eekhoud: Escal-Vigor - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/eekhoud/escalvig/escalvig.xml
typefiction
authorGeorges Eekhoud
booktitleEscal-Vigor
titleEscal-Vigor
publisherMännerschwarm Verlag
seriesBibliothek rosa Winkel
volumeBand 44
isbn978-3-939542-44-5
year2007
firstpub1903
translatorRichard Meienreis
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110207
projectid375ae96c
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II.

Ihrer Vereinbarung gemäß kam Guido jeden Tag nach dem Schlosse. Kehlmark schloß sich stundenlang mit ihm in sein Atelier ein. Der junge Bauernbursche brachte zu diesen Unterrichtsstunden den glühenden Eifer des Neophyten mit, würdig eines Creato oder Jüngers der Meister der italienischen Renaissance. Es gab für sie keine größere Erholung, als zusammen zu arbeiten und zu studieren. Guido war zugleich das Modell, der Gehülfe und der Schüler Kehlmarks. Wenn sie vom Lesen, Schreiben oder Zeichnen müde waren, nahm Guido seine Klapptrompete zur Hand oder er sang mit seiner sonoren, metallreichen Stimme die alten einfachen und heroischen Lieder, die er von den Fischern von Klaarwatsch gelernt.

Kehlmark konnte ohne seinen Schüler gar nicht mehr auskommen und ließ ihn holen, wenn er sich einmal verspätet hatte. Man sah sie niemals den einen ohne den anderen. Sie waren unzertrennlich geworden. Guido speiste gewöhnlich auf Escal-Vigor, so daß er nur um zu schlafen sich nach dem Pilgerhofe begab. Je mehr sich Guido vervollkommnete und sich seine hervorragenden Talente entfalteten, um so intensiver wurde die Zuneigung Kehlmarks zu ihm; er gönnte ihn keinem, ja er wachte mit Mißtrauen, fast Eigennutz über ihm. Er wollte für sich allein das Vorrecht haben, diesen Charakter zu bilden, diese bewundernswerte Natur zu modeln, so daß sie sein herrlichstes Werk würde. Er behielt sich vor, den köstlichen Duft dieser taufrischen Seele einzuatmen, ja er hütete ihn mit förmlicher Eifersucht, wie ein Blumennarr eine seltene Pflanze, zu der er niemand den Zutritt verstattet, so daß er den Zudringlichen oder Konkurrenten, der verwegen genug wäre, in seinen Garten einzudringen, eher totschlagen würde. Es bildete sich zwischen ihnen eine reizvolle Intimität; sie genügten einander vollständig. Ruhmsucht und Streben nach Lob mischte sich nicht in ihre künstlerische Thätigkeit.

Kehlmark hatte genug von der Welt gesehen, um die Schattenseiten des sogenannten Künstlertums kennen zu lernen. Er kannte die Unzuverläßlichkeit eines berühmten Namens, die Ungleichheit des Erfolges, den zweifelhaften Wert der Kritik, die wilde Rivalität zwischen den Nebenbuhlern, die dort noch abscheulicher ist wie unter Krämern und Schankwirten.

Blandine, die zuerst ein wenig mißtrauisch gewesen war, hatte dann doch den neuen Gast des Schlosses herzlich willkommen geheißen. Hocherfreut über die Glückseligkeit, welche der junge Govaertz Heinrich bereitete, war sie freundlich zu ihm, ohne ihm indessen näher zu treten. Eigentlich hätte sie sich bis ins innerste Herz getroffen fühlen dürfen, und trotz ihrer Seelengröße, trotz ihrer gesunden Vernunft empfand sie auch häufig einen instinktiven Widerwillen gegen diese intime geistige Gemeinschaft, dieses enge Sichaneinanderschließen, dieses vollkommene Einvernehmen, das die beiden jungen Leute verband. Sie ward selbst eifersüchtig auf die Talente und Anlagen des jungen Künstlers, diese Geistesgaben, die ihn der Seele Kehlmarks näher brachten, als ihre innige Liebe sie, die einfache Frau, die über sein Glück wachte. Allein das brave Geschöpf ließ nichts von diesen ihren Seelenregungen merken, die doch so natürlich und menschlich erklärlich waren, und zeigte nichts von der Schwäche, die ihr Verstand ihrem Instinkt zum Vorwurf machte.

Klaudia nahm dagegen weder anfangs noch selbst lange Zeit später Anstoß an dieser großen Gunst, die der Deichgraf dem jungen Govaertz zu teil werden ließ. Sie sah darin nur eine Form, indirekt der Schwester den Hof zu machen, indem man den Bruder an sich zog. Ohne Zweifel würde Kehlmark den jungen Hirten als Vertrauten seiner Liebe für die junge Bäuerin benutzen.

»Er ist zu schüchtern, um sich mir direkt zu erklären«, sagte sie sich; »er wird sich zuerst dem Kleinen eröffnen und von diesem die Natur meiner Gefühle für ihn zu erforschen suchen. Er hat sich da nicht gerade den besten Vermittler ausgesucht, aber er hatte wohl keine Wahl. Gleichwohl gilt die Sorgfalt, die der Graf diesem armseligen Landstreicher bezeugt, vielmehr mir!«

Und in ihrer Selbstgefälligkeit freute sich das derbe Landmädchen über diesen vertrauten Verkehr zwischen dem Deichgrafen und dem kleinen Taugenichts, der von den Seinigen so lange vernachlässigt, beinahe verstoßen worden war. Sie ließ selbst ab von ihrem schroffen und zänkischen Wesen gegen ihren jungen Bruder. Sie behandelte ihn jetzt freundlich und rücksichtsvoll, sorgte für seine Kleidung, hielt seine Wäsche in Ordnung, alles Dinge, um die sie sich früher nie gekümmert hatte. Um diese Umwandlung vor ihrem Vater zu erklären, hatte sie diesen in ihr großes Heiratsprojekt eingeweiht. Der Bürgermeister, der nicht weniger ehrgeizig war als seine Tochter, beglückwünschte sie zu diesen hochfliegenden Plänen und zweifelte keinen Augenblick an deren Erfolg. Er folgte dem Beispiel seines Lieblingskindes und begann nun auch seinerseits, seinen Sohn besser und liebevoller zu behandeln.

Als nach einigen Monaten der sogenannten Probezeit der Deichgraf dem Bürgermeister erklärte, daß er endgültig die Ausbildung des vermeintlichen Nichtsnutzes auf sich nehmen wolle, bestimmte Klaudia ihren Vater dazu, diesen Vorschlag Kehlmarks anzunehmen.

Der Bürgermeister, der sehr stolz war, hatte zuerst ein wenig gezögert, weil nach seiner Meinung die Lage Guidos die eines Untergebenen sein würde, eines Dieners, der wohl etwas über Landrillon stehen, gleichwohl aber ein Diener bleiben würde.

Früher hatte er zwar unter seinem eigenen Dache lange Zeit seinen Sohn erniedrigt, indem er ihn unter die Schar seiner geringsten Arbeiter steckte und ihn zu den niedrigsten Besorgungen in der Wirtschaft verwendete; doch hätte seine väterliche Eitelkeit stets unter dem Gedanken gelitten, daß sein Sohn von einer anderen Autorität als der seinigen abhängig sein sollte. Kehlmark hatte indessen, um seine Einmischung zu rechtfertigen, ihnen Zeichnungen des jungen Lehrlings unterbreitet, die von seinem Talent und Eifer das beste Zeugnis ablegten; allein nicht mehr als die Tochter war der Vater imstande, das Vielversprechende dieser ersten Versuche zu würdigen.

»Nehmen wir immerhin die Anerbietungen des Deichgrafen an!« drängte Klaudia, indem sie den Einwürfen ihres Vaters entgegentrat. »Erstens befreit es uns aus einer großen Verlegenheit, indem wir die ewige Sorge um den Taugenichts loswerden. Sodann, sei versichert, ladet sich der Graf den Schlingel nur auf den Hals, um sich uns angenehm zu machen, um mir seine Ergebenheit zu beweisen. Glaube mir, wir würden ihn nur vor den Kopf stoßen, wenn wir seine guten Absichten hinsichtlich des Kleinen durchkreuzten. Es handelt sich für ihn nur um eine Form, mir die Pforten von Escal-Vigor zu erschließen. Unter uns gesagt, er macht sich sicherlich nicht das geringste aus diesem Farbenkleckser und Papierverschmierer, oder wenigstens übertreibt er seine geringen Talente über Gebühr ...«

In den ersten Zeiten fragte, wenn Guido des Abends vom Schlosse zurückkehrte, seine Schwester ihn, was er den Tag über gethan und wie es in Escal-Vigor gewesen sei; sie horchte ihn aus über das Benehmen und die Worte des Deichgrafen.

»Hat der Graf sich nach mir erkundigt? Was hat er gesagt? Er interessiert sich wohl sehr für uns, nicht wahr? Sprich, rede, verhehle mir nichts! Sicherlich hat er dir doch eine gewisse Neigung für deine Schwester gestanden?«

Guido antwortete ausweichend, doch so, daß er sich keinen Unannehmlichkeiten aussetzte. Thatsächlich hatte sich der Graf nach ihr erkundigt, wie nach dem Vater, ja selbst nach den Leuten und dem Vieh auf dem Gute. Aber ohne großes Interesse. In Wirklichkeit kam Klaudia sehr wenig in den Gesprächen zwischen Lehrer und Schüler vor, die sich fast ausschließlich mit ihren Studien und Arbeiten beschäftigten.

Guido wurde von Tag zu Tage vorsichtiger und verschwiegener. Von der ersten Begegnung an hatte er seinem Beschützer Treue gelobt, die eben so vollständig und ausdauernd sein sollte, als die Blandinens. Zu seiner fanatischen Zuneigung gesellte sich eine lichtvolle Scharfsichtigkeit, wie sie die Intelligenz und die Entwickelung des Verstandes dem Gefühlsleben beigesellt. Guido, dieser sogenannte Dummkopf, dieser einfache, schlichte Bauernjunge, bewies einen hohen inneren moralischen Wert in einem Körper, der ein wahres Musterbild war und sich täglich kräftiger und herrlicher entwickelte.

Mit dem Feingefühl, dem Scharfblick, dem Instinkt des Liebenden hatte er bald heraus, daß seine Schwester in den Deichgrafen vernarrt war; aber er verhehlte sich auch nicht, daß dieser die Gefühle Klaudias niemals erwidern würde. Guido kannte seine Schwester nur zu gut und bemerkte mehr als eine unüberbrückbare Kluft, welche ihre niedrige Gesinnung und die Unvereinbarkeit ihrer Charaktere zwischen ihnen entstehen ließ.

Der Schüler hatte selbst erkannt, daß sein Lehrer ihn sogar der »Intendantin«, der hochherzigen Blandine, vorzog. Es war offenbar, daß der Graf sich mehr mit ihm als mit seiner Geliebten beschäftigte. Guido war zwar innerlich stolz darauf, daß er ihr vorgezogen wurde, doch trieb ihn sein gutes Herz, durch die größte Zuvorkommenheit gegen das junge Weib sie gleichsam um Verzeihung dafür zu bitten, daß er in dem Leben seines Meisters eine so überwiegende Rolle spielte.

Guido empfand und ahnte ganz recht: Heinrich würde sich nur seinem Schüler ganz enthüllen und nur ihm seine eigenste und innerste Natur zeigen. Den anderen gegenüber blieb er zurückhaltend, und seine liebenswürdigen Worte schlossen nichts Weiches, Liebkosendes und Vertrauensvolles in sich, wie er es allein seinem Schützling zukommen ließ.

Niemals hatte ihn Blandine so strahlend und heiter gesehen, als seitdem er die Erziehung und das Los dieses jungen Barfußläufers für seine Sorge erklärt hatte. Der stille Vorwurf, die liebevolle Demut im Blicke Blandinens vermochten die Freude nicht zu dämpfen, die Guido darüber empfand, daß er der einzige und beständige Gegenstand der Sorgfalt des Schloßherrn von Escal-Vigor geworden war. Es war keine Bosheit von ihm, nein, er freute sich naiv wie ein Kind darüber, er war selbst von einer gewissen Zärtlichkeit gegen das vernachlässigte Weib, ja in seinem egoistischen Stolz, der Erwählte, der Liebling Kehlmarks zu sein, bemerkte er das schweigsame und zurückhaltende Wesen Blandinens gar nicht, wenn der Graf ihn zum Mittagessen dabehielt, oder die sonderbaren Blicke, die sie dem einen und dem andern zuwarf, wenn sie sich bei ihrer Unterhaltung erhitzten und gleichzeitig in höheren Schwung gerieten, ohne auf die Anwesenheit dieser Zeugin Rücksicht zu nehmen.

Die Bewohner von Zoutbertingen nahmen auch die besondere Zuneigung, mit der der Deichgraf den jungen Govaertz beehrte, nicht übel auf.

Zwar an die Talente und hervorragenden Gaben des Kleinen glaubten sie ebensowenig wie der Bürgermeister und seine Tochter.

»Es ist ein gutes Werk, ein Almosen!« sagten sie unter einander. »Sein Vater hätte aus diesem kleinen störrischen und unlenksamen Bummelanten nichts machen können, der die Arbeit ebenso gering achtet, wie die Zerstreuungen der jungen Burschen seines Alters.«

Die guten Leute waren selbst erstaunt darüber, daß der Graf es scheinbar fertig gebracht hatte, diesen Jungen, der bisher nur seine Klapptrompete recht nett zu spielen verstanden, zu irgend welchen Dienstleistungen zu vermögen.

Je mehr sich übrigens Lehrer und Schüler liebgewannen, um so mehr zeigte sich Kehlmark gastlich, freigiebig, ja verschwenderisch; er bewies sich gegen die Einwohner außerordentlich nobel und veranstaltete immer häufiger Volksfeste und gymnastische Wettspiele.

Er hielt Segelregatten um die Insel ab, wobei er mit Guido eine Yacht benutzte, die reichen Flaggenschmuck in seinen Farben trug und oft den tüchtigsten Matrosen des Landes beinahe den Sieg entriß. Er ließ für die Gilde der heiligen Caecilie auf seine Kosten neue Instrumente anfertigen; er wohnte beständig den »Proben«, den Ausflügen und Veranstaltungen dieser Gemeinschaft junger Burschen bei; ja mehr als einmal kam es vor, daß er in schönen Sommernächten, wo Dämmerung und Morgengrauen in eins zusammenzufließen scheinen, nach einer Abendgesellschaft, die sich durch athletische Vorführungen und possenhafte Zwischenspiele übermäßig in die Länge zog, die ganze Bande quer durch die Insel schleppte und die lustigen Teilnehmer erst am andern Abend zu ihren Eltern und Gattinnen entließ, nachdem er mit seiner malerischen Karawane Orgien und Trinkgelage abgehalten, sowie allerhand Possen und Tollheiten teils in den Scheunen, teils unter freiem Himmel vollführt.

Kehlmark gab Geld aus, ohne zu rechnen. Es schien beinahe, als ob er sich durch oft übertriebene Freigiebigkeit und ungezählte gute Werke sein Recht auf ein geheimnisvolles und großes Glück erkaufen wolle, daß er gewissermaßen für eine gefährliche und gebrechliche Seligkeit ein Lösegeld bezahlen wolle.

Seine wahnsinnigen Ausgaben vermehrten zweifellos die Sorgen Blandinens; gleichwohl wagte sie keinen Widerspruch, sondern sann immer nur auf Mittel, diesen übermäßigen Aufwand bestreiten zu können.

Natürlich spielte bei der Volkstümlichkeit des Deichgrafen ein gut Teil Schmeichelei und Gewinnsucht mit; indessen liebten ihn die meisten Landbewohner doch außerordentlich, wenigstens auf ihre Weise. Die armen Teufel von Klaarwatsch hätten sich für ihren jungen Herrn in Stücke hacken lassen.

Eine ausgesprochene Feindschaft dagegen hegten gegen den Grafen nur der Pfarrer Balthus Bomberg und einige alte zimperliche Betschwestern. Jeden Sonntag donnerte der Gottesmann gegen die Ruchlosigkeit und Zügellosigkeit des Deichgrafen und drohte die greulichsten Höllenstrafen allen denen seiner Schäflein an, die sich diesem Wüstling, diesem reißenden Wolf anschließen würden; er jammerte besonders über jene Vermessenen, die so häufig Escal-Vigor besuchten, dieses Teufelsschloß, das mit skandalösen Nacktheiten vollgepfropft sei.

Ungeachtet seines Zerwürfnisses mit dem Bürgermeister entschloß sich dieses gallige Männchen, dieser fanatische Hitzkopf, sich nach dem Pilgerhofe zu begeben, um dem Vater vorzustellen, welche Gefahr er liefe, wenn er die Erziehung des jungen Guido diesem reichen Bösewicht überließe, der der ganzen Gemeinde durch sein unkeusches und ruchloses Leben Ärgernis gebe. Wie alle eingewurzelten Kalvinisten war Balthus auch noch ein eifriger Bilderstürmer. Wenn er nicht die Wuth der Bauern gefürchtet hätte, welche an den alten Religionen hingen, die sie an den Widerstand ihrer Vorfahren gegen die Einführung des Christentums erinnerten, so hätte er gar zu gern die Fresken, die das Martyrium des heiligen Olfgar darstellten, abkratzen oder übertünchen lassen.

Kehlmark war ihm doppelt verhaßt, als Eingeborener des Landes und als Verehrer der Kunst. Um den Bürgermeister einzuschüchtern, mahnte Balthus ihn eindringlichst, seinen Sohn den Klauen des Verführers zu entreißen, sonst würden die beiden hochehrbaren Tanten Klaudia und Guido enterben. Aber der Bürgermeister und Klaudia, die immer mehr von ihrem Deichgrafen eingenommen waren, schickten den Lästigen unter Spott und Hohngelächter nach seiner Kirche zurück. Guido, dem er sich eines Tages in der Umgebung des Parkes von Escal-Vigor näherte, lieh seinen Mahnungen auch kein Ohr; er drehte ihm achselzuckend und mit einer unziemlichen, aber deutlichen Geste den Rücken.

Indessen schien es Klaudia mit ihrer Heiratsangelegenheit nicht sichtbarlich vorwärts zu gehen.

»Sage mal, du erzählst mir ja gar nichts, du Schlafmütze!« sagte sie zu ihrem Bruder, zwischen dem und Kehlmark ihrer Einbildung nach sie das einzige Band bildete. »Hat dir der Graf nichts für mich aufgetragen? Läßt er mir gar nichts besonderes sagen?«

Guido erfand dann irgend eine Notlüge, oder wenn sie ihn unversehens ankriegte, verwickelte er sich auch in Widersprüche oder verstummte gänzlich. Das grobe Frauenzimmer ärgerte sich dann über die vermeintliche Dämlichkeit ihres Vermittlers und begann ihn wieder schlecht und brutal wie ehemals zu behandeln.

Aus taktischen Gründen besuchte der Deichgraf immer noch weiter den Pilgerhof und spielte gegenüber dem jungen Weibe den liebenswürdigen Schwerenöter. Sie hätte ihn etwas kühner gewünscht. Er brauchte wahrlich viel Zeit, um zum Entschluß zu kommen und seinen Antrag vorzubringen. Kaum daß er sich getraute, ihre Fingerspitzen zu berühren, und niemals hatte er ihr einen Kuß geraubt.

Sobald sie den Trab seines Pferdes und das Keuchen seiner beiden Gordonsetters vernahm, kam sie eilends herbeigelaufen, indem sie sich beinahe ein Vergnügen daraus machte, ihre Liebe ganz öffentlich zu zeigen. So sicher war sie ihres Erfolges. In den Spinnstuben begann man schon über diese häufigen Besuche des Deichgrafen auf dem Pilgerhofe zu munkeln.

Obwohl der Deichgraf sich beinahe ausschließlich mit dem kleinen Guido beschäftigte, so gab er sich doch Mühe, das Wohlwollen aller zu erwerben. Er trieb seine Großherzigkeit so weit, daß es fast wie ein Haschen nach Gunst aussehen konnte. Als Antwort auf die Schmähungen und Bannflüche des giftgeschwollenen Pfaffen gab er Almosen und spendete in überreichem Maße für die Armen, die direkt von der Pfarre unterhalten wurden, Kleidungsstücke und Lebensmittel. Der Pfarrer verteilte das Geld und die anderen Almosen, wurde aber dadurch nicht milder gestimmt.

Mehr als einmal erboten sich Heinrichs Freunde, die Krabbenfischer und Strandläufer von Klaarwatsch, den Pfarrer zur Raison zu bringen, namentlich fünf unter ihnen, die beständig im Schlosse Dienste leisteten und eine Art von Leibwache für den Schloßherren von Escal-Vigor bildeten. Es waren Enkel von Schiffbrüchigen, Gelegenheitsarbeitern, ja Strandräubern, die der junge Maler oft als Modelle benutzte; ihre Ring- und Messerkämpfe machten ihm Spaß; oder er ließ sie erzählen und ergötzte sich mit Guido an ihrer urwüchsigen Ausdrucksweise, sowie an der drolligen Art, wie sie ihre Heldenthaten berichteten. Diese unverbesserlichen Schlingel, die ziellos umherstreiften, nirgends zu Hause waren und überall fortgejagt wurden, diese famosen menschlichen Schößlinge, die ersten Meister und Lehrer Guidos, schwuren auf Heinrich von Kehlmark und Escal-Vigor.

»Sprechen Sie nur ein Wort!« schlug bald der eine, bald der andere Kehlmark vor; »sollen wir uns den Priester mal vornehmen und ihn ordentlich durcheinander schütteln? sollen wir diesen Psalmenplärrer mit den Beinen zu oberst aufhängen? oder sollen wir ihm lieber die Haut abziehen, wie es die von Smaragdis ehemals mit dem Apostel Olfgar machten, diesem anderen Freudenstörer?«

Es hätte nur einer Handbewegung, eines Nickens ihres Meisters bedurft, so hätten sie ihren Worten die That folgen lassen, und mit ihnen hätten sich alle mit Wonne des unbeliebten Predigers entledigt.

Mehrmals brachten ihm die Musiker der Gilde der heiligen Caecilie vor seinem Hause eine Katzenmusik. Nach einem feuchtfröhlichen Abend ging man gar so weit, ihm die Fenster einzuwerfen. Am Sylvesterabend lehnte man gegen die Thür des Pfarrers eine greuliche Gliederpuppe aus Stroh mit einem Kopfe von geknetetem Schwarzbrot, die seine verdammte Seele vorstellen sollte; und als der Pfarrer sich infolge dieser Beschimpfung in neuen Bannflüchen gegen den Deichgrafen und Blandine erging, beschmierten die Klaarwatscher Schlingel die frischgeweißte Vorderwand des Pfarrhauses mit Kot.

Gelb und grün vor Gift und Galle schien der Pastor allein seine ganze Parochie, ja die ganze Insel gegen sich zu haben.

»Wie soll ich es anfangen«, überlegte sich Balthus Bomberg, »diesen stolzen Kehlmark zu demütigen? Wie sein Ansehen schädigen, diese irregeleiteten und verblendeten Bestien von ihm losreißen, sie gegen ihren Abgott aufhetzen, sie dazu bringen, daß sie verbrennen, was sie jetzt anbeten?«

Anstatt ihm zuzuhören, mied man seine Kirche. Er predigte schließlich vor leeren Bänken. Ein Dutzend alte beschränkte Frömmlerinnen, darunter seine Frau und die beiden Schwestern des Bürgermeisters, waren die einzigen, die zu ihm hielten.

In die abgöttische Verehrung, die der junge Deichgraf sich zu erringen gewußt, mischte sich ein wenig von dem exaltierten Kultus, den das Volk von Rom seinem Kaiser Nero entgegenbrachte, der ihm so reichlich panem et circenses, Brot und Schauspiele verschaffte.

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