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Es läuten die Glocken

Carl Ludwig Schleich: Es läuten die Glocken - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenarrative
authorCarl Ludwig Schleich
titleEs läuten die Glocken
publisherConcordia Deutsche Verlags-Anstalt
printrun16. Auflage
year1922
firstpub1912
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidd5035b60
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VI.

Kommt ein schmucker Bursch gegangen

Eine Naturoper

Einmal erzählte Aldebaran:

»Istar, die gewaltige Göttin der Erde, die alles wohlgeordnet hatte im Reiche der lebendigen Wesen, beschloß, ihnen die Liebe zu schenken, auf daß sie sich mehrten und fruchtbar seien. Denn bisher hatte sie von allen unendlich zahlreichen Wesen immer nur ein einziges nach ihren Plänen hergestellt, so daß es in jener Zeit nur einen Löwen, einen Schmetterling, einen Adler und einen Menschen im Paradiese gab, das über die ganze Erde ausgebreitet lag. Da bemerkte die hehre Göttin, die aller Schönheit Maß im Busen trug, daß ihre Geschöpfe eine seltsame Veränderung überfiel. Sie hatte es in ihrer Weisheit wohl kommen sehen, daß ein Verlangen von Genoß zu Genoß in den Seelen keimen würde, aber sie hatte nicht gedacht, daß diese Sehnsucht mit so plötzlicher Gewalt und in so erschreckendem Umfange die Kinder der Erde überfallen würde. Viele verachteten Speise und Trank und entbehrten des Schlafes, sahen mit wehmütigen Blicken in die Sternennacht und brüteten des Tages in Höhlen über schmerzlichen Gefühlen; andere gebärdeten sich wie toll, rannten gegen die Bäume und Felswände, durchwühlten die Erde, schlugen Purzelbäume und führten so unsinnige Tänze auf, daß die gütige Istar sich entschloß, ihnen durch Liebe zu helfen. Zuvörderst aber wollte sie zu erproben suchen, welches Getier denn nun das Würdigste sei, der höchsten Gabe der Natur, der wunderreichen Liebe, sich gewissermaßen als Vorbild für die anderen zu erfreuen. – Da kam sie auf den Gedanken, einen großen Wettbewerb um die Liebe auszuschreiben, bestimmte Jahr und Stunde und ließ in allen Landen verkünden, daß jedes Wesen sich bis zum Termine des Wettstreites der Liebewürdigsten nach bestem Gutdünken und eigenem Ermessen von neuem zu schmücken habe. Es sei jedwedem überlassen, sich selbst die Eigenschaften auszusuchen, mit denen er glaube, einer Artgenossin Herz zu rühren; dabei seien der Phantasie des einzelnen durchaus keine Schranken gesetzt. Sie selbst werde an einem schönen Maitage – Ort und Stunde waren ganz genau bestimmt – die Entscheidung treffen. An demselben Tage noch oder, falls der Wettbewerb sich lange hinziehen sollte, in derselben Nacht würde der Sieger ein Weibchen in seinen Armen halten.

Da ging ein Arbeiten los in den Schneiderwerkstätten, Kürschnereien, Federläden und Farbfabriken der Natur, daß es eine Lust war. Täglich liefen die von frohester Hoffnung getragenen Geschöpfe zur Anprobe und peinigten sich und die Schneider mit Nörgelei und Abänderungsvorschlägen. Die Wehr-, Waffen-, Schwert- und Elfenbeinwerkstätten hatten alle Hände voll zu tun, ganze Balletschulen probten Pas und Pirouetten, Fechter, Boxer, Turner, Jongleure machten ihre Exerzitien, und in stillen Hainen übten die Tenoristen und Bassisten ihre Arien ein. Glaubte jeder doch zu wissen, daß es ihm nicht fehlen könne. Denn geht es um die Liebe, so hält man sich jeden Siegs gewiß und die Eitelkeit ist ein gefährlicher Spiegel, der alle Ecken zum sehr erfreulichen Ganzen rundet.

Ehe man sich's versah, war der große Tag gekommen und mit ihm erschienen von allen Seiten ganze Völkerzüge von Geschöpfen aus allen Himmelsrichtungen der Erde. In langen Tagemärschen waren, je nach den Bedingungen ihrer Gangart und der Entfernung, die Liebeskämpfer herbeigeströmt über das feste Land, über Meer und Fluß und durch die Luft. Eine große Bühne auf einem Felsplateau war auf Istars Geheiß errichtet worden, die in sehr sinnreicher Weise auch den Tieren des flüssigen und feuchten Elementes gestattete, alle ihre vermeintlichen Vorzüge in das rechte Licht zu setzen. Während oben auf der Bühne sich die Tiere des Landes frei in der Luft produzieren sollten, war den Geschöpfen des Wassers ein großer gefüllter Kristallbogen überlassen, der etwas tiefer als die Schaubühne gelegen, von einem abgeleiteten Sturzbach mit klarstem Quellwasser gespeist wurde. Über diesem großen Wasserbogen hing frei in der Luft schwebend eine runde Glocke, deren kieselhelle Kugelwand allen Wesen der Luft unter Umstanden mit Vergrößerung den Aufmarsch gestattete. Das hatte Istar so angeordnet, weil sie nicht gern das Opernglas gebrauchte. Übrigens gab die Sonne, die seitlich Wasserbogen und Glocke genügend beleuchtete, der Lieberichterin reichlich Gelegenheit, die einzelnen Wesen auf das genaueste zu mustern. Unter der Hauptbühne und den Wasser- und Luftbühnen war ein sehr umfangreicher Orchesterraum abgesteckt. Einen Vorhang gab es nicht, dagegen waren die Wolken berufen, des Amtes der Kulissenschieber zu walten und für den richtigen Landschaftshintergrund zu sorgen, je nach der Heimat der Preisbewerber. Was hatten sie nicht alles mitgebracht aus ihrem alten Requisitenkram: große Schneelandschaften mit weiten Flächen und Hügeln, Wüstendraperien vom schönsten Gelb, Gebirgslandschaften, deren Kuppeln wundervoll bemalt waren mit Sonnen-Auf- und Untergangsfarben, phantastische Schluchten und Dekorationsballen mancherlei Art. Das lag ja alles in ihrem Metier, und der alte Wolkenschieber, Meister Wind, wollte heute einmal seine himmlische Verwandlungskunst von der großen Weltbühne auf diese Festvorstellung übertragen und zeigen, was er könne. Das Orchester war sorgfältig ausgesucht aus ersten Meistern, so daß jeder einzelne ein Künstler war, der sich dann später auch als Solist hören lassen mußte. Die Mücken und Zikaden spielten die Violinen, die letzteren mit richtigen Geigenbögen ihrer Flügel, von denen der eine auf dem anderen munter umherfiedelte, während sie mit andern kleinen Alabasterflügeln die Luft durchwirbelten. Größere Heuschrecken spielten auf eigenen Bauchleisten wirkliches Cello und sehr sorgfältig ausgewählte Knarrhähne und Grunzschweine hatten der Bässe Grundgewalt übernommen. Das Chor der Holzbläser stellten Häher, Rohrdommeln und Spechte, von denen einige auch zum Trommelchor beordert wurden, und die Blechinstrumente waren durch Tritonenhörner, Tapire und die Stabstrompeter Hahn und Enterich vertreten. Die Elefanten bliesen ihr gewaltiges Bombardon, und bei einigen schauervollen Stellen wurden die gedämpften Trompetenstöße des Esels mit verblüffender Wirkung verwandt. Sanfte Trommelwirbel waren dem fernen Murmeln des Baches zuerteilt, kleine Paukenschläge führten herabrollende Granitblöcke aus; bei den Stellen heißer Leidenschaft mußte sogar das Echo rollender Lawinen heran und der grollende Donner ferner Gewitter. Auf das Lieblichste aber wurde das ganze Stimmgewirr gemildert durch das Schlagen unzähliger Kastagnettenblätter der Bäume, das feine Orgelflöten, mit denen die Luft in Schilf und Rohr spielt, sowie durch ein sanftes Baßgeigen hoher Baumstämme, die sich im Windesgleichtakte bewegten, während sie im Walde rings um den Festplatz die Ehrenwache hielten.

Die ganze Musik zu der Vorstellung hatte der damals noch jugendliche Kapellmeister, Herr Sonnenfleiß, erfunden und eingeübt; eben begann seine langsam lockende Ouvertüre, die er eigenhändig mit einem ganz feinen, langen Sonnenstrahl dirigierte. Denn soeben trat die gewaltige Königin Istar ein, allein und unbegleitet, und ließ sich auf einem reich mit Rosen geschmückten, mit Palmen überschatteten Orchestersessel nieder: wie alle Majestäten genoß sie am liebsten ein Kunstwerk ganz allein. Ein ungeheures Vivatgeigen, Blasen, Trompeten. Donnern und Trommeln unterbrach den Strom der wohlgesetzten Musik. Dann begann auf ein Zeichen der Königin der Erde der Wettstreit, der sich genau wie eine Oper mit Aufzug und Szenenwechsel, Handeln, Dulden, Kämpfen und Siegen in wahrhaft ergötzlicher Weise abspielte. Jeder nach Anordnung und Reihenfolge des Kapellmeisters antretende Bewerber, sei es als Solist, sei es in Gruppen von Chor und Reigen, tat sein Möglichstes. Denn jeden durchglühte die Sehnsucht nach dem Preis: es galt eine Lebensbraut zu erringen!

Da kamen zunächst die Männchen, die da glaubten, durch Lockenschmuck und Bärtetragen, Künstlertollen und Mähnen als Symbol der Körperkraft und Geistestüchtigkeit der Niegeschauten Herz zu rühren. Es schritt der Löwe auf die Bühne, indes die Wolkenkulissen Wüstengelb und Wüstenlandschaft stellten. Er schüttelte die Mähne her und hin, zeigte Sprünge von unglaublicher Kraft und brüllte fürchterlich, um der künftigen Gemahlin die Schreckhaftigkeit seiner Stimme zu zeigen, mit der er sie vor Angriff treu bewahren könne. Ihm nach der nackte Mensch mit Lockenhaupt und Bart, den, stolz auf seinen Kinnbart, der Ziegenbock begleitete, und während im Wasserbassin der Seelöwe sein Schnurrbarthaupt über Wasser hielt und in der Luft Bartgeier und allerhand Geflügel mit besonderem Bartschmuck des Kopfes herumsegelten, schwammen Fische mit Kiemenschleiern, die herabhingen wie Silberfäden oder Regenbogensträhnen, und leuchteten hell in der Sonne durch den Kristallstreifen des hochgeleiteten Baches. Sie alle glaubten, daß die Allgewalt des schönen Haarschmuckes durchaus geeignet sei, des Liebchens Herz zu erregen, wie noch heutzutage Künstler stolz sind auf gewelltes Haar und Mähnenschmuck.

Dann kamen andere Züge auf die Bühne. Die hatten sich sogar mit Orden behangen; Kostümhelden, die viel auf seinen, engen Sitz der Kleider sahen, weil sie hier eine Schwäche der edlen Weiblichkeit vermuteten. Da kam der Strauß in prall angezogenem Rosatrikot der Schenkel, andere große Vögel mit lackierten Stulpenstiefeln und Sporen und ein Heer von Pinguinen mit schwarzem Talar und festansitzendem, schneeweißem Priesterhemd, die kleine, enge Küsterkappe auf dem runden Mönchsschädelchen. Wie eine Schar von kleinen, feisten Pastoren watschelten sie über die Bühne, wozu das Orchester mit seiner Ironie einen leisen Choral blies.

Im Wasser zeigten im vollen Licht des Sonnenglanzes dazu Karpfen ihre perlartigen Behänge und schöne Wanderfische ihre purpurnen und feuerroten Rückenkämme. Wie im Ordensstolz wackelten mit ihren bunten Lappenfortsätzen und Hautanhängen die Puter, Kasuare und die stolzen Hähne dahin, während Glockenvögel aus Südamerika und Hornfasanen vom Himalaja sogar gekommen waren, um ihre Erfindung von Lohengrinhelmen und Bischofsmützen zu produzieren, die sie vom Schlunde aus über ihrem Kopfe hochaufblasen konnten, und damit sicher vermeinten, der Zukunftskönigen ihres Herzens ein holdes »Ah!« zu entlocken. Während im Wasser die Robben ihre aufblähbaren Klappmützen als Liebeslockmittel anpriesen, wollten die Insekten, denen dieselbe Idee des Liebeswerbens eingefallen war, nicht nachstehen und stürmten wetteifernd in die Hohlkugel, um ihre Hörner, Geweihe Halsschilder und großen Zangen zu zeigen: Herkuleskäfer, Nashornkäfer, Mistkäfer und viele andere. Dabei hob Istar öfter ihr Opernglas, wenn die Tierchen so klein waren, daß selbst die Sonne nicht alles deutlich zeigen konnte.

Nun aber kam ein Höhepunkt des Schaustückes. Wie in wildem Schwarm eilte alles auf Luft- und Wasser- und Erdenbühne, was durch eine berauschende Erfindungskraft in Zusammenstellung bunter Seiden, bunter Federn, bunter Schuppen, in Flittergold und Silberblitzen, im Wetteifer mit allen Edelsteinkristallen und den reinsten Farben des heiligen Regenbogens hoffte, das Gemüt des Weibchens wie im Taumel durch die geschauten Herrlichkeiten einfach zu überrumpeln! Da kamen die Pfauen mit ihrem prächtigen Purpurblau und Smaragdgrün, metallischem Alabasterglanz und Goldorange des Gefiederkleides und schlugen, wie um die eigene Schönheit noch durch Form und Farbe zu übertrumpfen, ihr Venusrad mit buntem Sonnenauge in jeder Feder, indem sie ihre grüne Schleppe plötzlich hoben. Das war ein schönes Bild, als da wohl an die fünfzig verschiedener Pfauenmännchen auf der Bühne wie zu einer Apotheose sich reihten, indes in der Luft Goldfasane, Kolibris, Papageien, Buntspechte, Edelfalken ihre Flattertänze wie ein Götterschwarm lebendig gewordener Urfarben aus Sonnengold, Wolkenglühn und Meeresfunkeln vollzogen.

Da stürmte, diesem Vorsprung der Schönheit nacheifernd, das bunte Volk der im Wasser blitzenden Farbenträger, der Fische, heran. Sie wollten doch noch überbieten, was den Luftgeistern an weicher Schönheit des Farbensammts und Federflaumes eigen, durch das bunte Sprühn und Metalleuchten unzähliger Schuppen. Die waren meist aus der heißen Gegend herangeschwommen mit ihrem Hochzeitskleid aus feuerroten, meerblauen, dunkelvioletten, purpurnen, blaßgrünen, stahlblau funkelnden, kleinen zitternden Flittern: ein Farbenspiel, das in der munter schnellenden Bewegung noch lebhafter wurde und oft den ganzen Leib der lebenden Silber- und Goldschiffchen wie ein züngelnder Strom von vielfarbigen Bändern durchlief. Die Königin war nahe dabei, dieser wunderbaren Verherrlichung der Farbe, zu der die Musik wie im Rausch überquoll und Wonne brodelte, in lauten, vielleicht parteiischen Beifall auszubrechen – da hielt sie an sich. Denn jetzt wurde all diese Schönheit fast noch übertrumpft von einer Szene der Paradiesvögel, die vieles in den Schatten stellte, was sie bisher gesehen. Die Pfauen, Fasane, Goldhähne usw. traten ab und heran schwebten aus den Wolken, deren Kulissen sich zu Kristallbogen, Feuerzinnen und leuchtenden Gottestürmen zusammenschoben, wie Boten aus anderer Welt, Hunderte von Königs-Paradiesflatterern, sämtlich in glänzendem Karmoisinrot, unten weiß wie Schnee, um die Kehle tief smaragdengrün, an den Flügeln eingerollte Außenfahnen, tief goldgrün, mit bronzefarbenen Steuerfedern. Und andere: sammetschwarz, ins Purpurblaue überstrahlend, mit metallgrünem Brustkragen, stahlblauem Nacken und Hinterhals, darüber glänzend bronzefarbene Mäntel. Dann die allerschönsten, die Strahlenparadiesvögel, mit flammend goldenem Brustkragen, aber an jeder Seite außer dem ganzen Farbengewimmel ihrer Artbrüder mit einem Büschel schöner, langer, weißer Federn und wunderbar ringelnder, segelnder, kleiner Endfahnen. Das im ganzen sammetschwarz wirkende Gefieder löste sich dann manchesmal plötzlich im Lichte auf beim Steigen und Schwenken und zerstrahlte in ein Wolkenmeer von Farbenflöckchen, während die Brustbüschel aufgerichtet wie eine hüllende Federwolke und ein Zauberschleier die bunten, schwebenden Linien umwallte.

Und als wollte die Natur zeigen, daß keine Steigerung der Schönheit ihr zu hoch sei, wenn's um die Liebe geht – schwirrte da eine Schar der schönsten Riesenfalter durch die Luft und deckte fächerartig ausschwärmend, immer steigend, eins über das andere, den ganzen Himmel und selbst den Schwarm der Paradiesvögel zu. O, wie viel trunkene Farbenlust loderte hier in zierlichen, der Luft verbrüderten, seligen Steuerflügeln des Äthers auf! Alle die satten Violetts, Rotgelbs und Ultramarine, das Stahl-, Himmel-, Wasserblau und die Scharlachrots! Wie viel Dukatengold und Silbergrün, Aurorafeuer und nächtlicher Dunkelsammet! Und während oben in der Luft die ganze Fülle von Faltern dahinschwebte, zog immerfort ein einzelner Liebesflatterer still in der Glaskugel seine Kreise, um im einzelnen noch den Prunk seiner Brüder oben in ihrer Hochzeitszier bewundern zu lassen. Als nun mit zierlichem Wogen sich die Bühne leerte, da gab es einen kleinen Augenblick der Stille, nur eine Vorbereitung zu der Schlußapotheose des ersten Aktes: denn auf einem schwebenden Muschelkahn aus Rosenblättern gefertigt, schwebte der Wagen der Schmetterlingskönigin daher: der duftige Geist der Schönheit. Eine kleine, nackte Venus, aufrecht in dem Rosengefährt, lenkte zwölf große, bunte Falter, weiß und blau und schwarz und gelb, an kleinen Leinen aus silbernem Spinngeweb' und Seidenfädchen, warf unaufhörlich Handküßchen zu der großen Schwester Istar und zog langsam über die Bühne dahin.

Da hielt es den einzigen Menschen nicht, der solche Wunder schauen durfte – er kniete ganz unvorschriftsmäßig nieder und hob die sehnenden Arme überschwenglich hingerissen zur kleinen schwindenden Göttin – –

Das war der erste Akt.

Nun kam die Abteilung, der man Kraft und Gewandtheit als Überschrift hätte geben können. Dazu gehörten Fechter, Paukanten, Athleten und Jongleure, die glaubten, daß nichts der Richterin über die Liebe so gefallen könne, als Kampf, Sieg und Geschicklichkeit. Da traten Hirsche an und rangen um Tod und Leben; während Hähne nach ihrem Herzen stießen und Federschilde um die Hälse breiteten, Bären sich balgten und Känguruhs boxten. – Im Wasserbogen suchten Krebse einander die Scheren abzukneifen und Libellen die Flügel abzubeißen. In der Luftkugel schwirrten stahlblaue Panzerinsekten und Kriegsschmetterlinge umeinander und suchten sich in ikarischen Spielen zu besiegen auf Tod und Leben. Dazu spielten alle Musici immer neue Gladiatorenmärsche, und immer reichlicher zog das Heer der todgeweihten Fechter mit Stoßwaffen, Degen, Sägen und Hellebarden heran.

Dann kam eine Wettluftschiffahrt; um mit der Kunst des seligsten Fluges den süßen Preis zu gewinnen, stiegen Schnepfen in wundervollen Schraubentreppen der Luft in lichte Höhen, um sich dann, plötzlich abstürzend, wie ein Meteorsteinchen herabfallen zu lassen. Solches Sichtodstellen vor Begierde mußte doch der Liebsten Herz rühren! Andere Vögel versuchten es wieder mit Seiltänzerkunststückchen in der Luft, überschlugen sich, machten allerhand drollige Purzelbäume ohne Draht und Balanzierstange, stülpten sich im Salto mortale die Ballettröckchen förmlich über den Kopf zusammen und taumelten wie flugberauscht von allen Seiten hin und her, den von den Winden gepeitschten Tanz der Blätter nachahmend. Finken mit langen, bunten Schwänzen schwangen sich überschlagend gegenseitig durch ihre langen Federreifen und machten Pirouetten und Luftkaskaden, während Papageien und kleine Äffchen Turn-Wellen um Äste wirbelten. Schwanwolken stiegen auf, in wundervoll geschlungenen Schraubenbahnen drehten Störche sich in die Höhe, und über allem spreiteten der Aar, der Kondor und der Albatros ihre seligen Fittigarme aus!

Nun kamen Zauberer, Beschwörer, Maskentänzer, Baumeister von Zaubernestern und Brutpalästen herbei – die Gauklervögel, welche Scherben, Blumen, Knöpfe, Mauersteinstückchen, Kleidfetzen usw. heranschleppten und sich duckend allerlei Zauberei und Taschenspiel verübten, ja schließlich selbst hinter ihren Federschleiern verschwanden und wieder plötzlich emportauchten. Mit solchen Fakirwundern glaubten sie gewiß die Aufmerksamkeit des vielleicht gleichgültigen und unwillfährigen Liebchens zu erregen. So wundersam war alles ausgedacht, daß einmal mitten hinein in die kuriosen Tanzsprünge und Koboldkapriolen des Auerhahns, zu denen die alte Kulissenschieberin Wolke eine prachtvolle Schneelandschaft auf den Hintergrund gezaubert hatte, die hehre Istar lächelnd in die Hände klatschte und ganz für sich allein ausrief:

»Ei! was nicht die Liebe tut!«

Nun waren die Tänze vorbei, und der Gesang kam zu seinem Recht. Ganz leise wurde die Musik, nur die Sordinogeigen der Insektenschwärme wisperten leise Melodien zu dem sanften Schlafliedermurmeln des Baches; der Mond stieg langsam zur Höhe, und auf die Bühne trat der kleine, unscheinbare, aber konkurrenzlose erste Tenorist der Weltbühne, der holde, viel umschwärmte Sänger der Liebe, Herr Nachtigall, und sang seine schluchzende Arie, daß alle Wesen den Atem anhielten und selbst Frau Istar sich ein Tränchen aus den Augenecken wischte. Der Mensch aber, der überall ein bißchen überschwenglich und aufdringlich mit dem Übermaß seiner Gefühle war, schlug sich ans Herz und schrie:

»Gib ihm den Preis! Mutter! Kröne den Sänger der Liebessehnsucht!«

Istar saß aber schon wieder da mit strenger Richtermiene und hörte aufmerksam das Lied der Drosseln und Stare an und sah der Lerche nach, die sich singend um einen Sonnenstrahl in die Höhe tirilierte. Ja, selbst aus der Rohrdommel schauerlichem Gespensterschrei, aus dem Meckern der Bekassinen, dem Trommeln der Schwarzspechte hörte sie nicht minder die ehrliche Absicht heraus, wie aus dem Schrei der Füchse, dem Stöhnen der Hirsche und dem wenig melodischen Liebesgrunzen der Brüllaffen. Als aber Kater und Gibbon, die beide eine ganze Oktave von Radquietschen und Wetterhahnkreischen virtuos beherrschten, sich zu einem kurzen Duett vereinten, da kamen vor Schreck die Musiker aus dem Takte und der Kapellmeister bekam einen, Gott sei Dank! nur kurzen Ohnmachtsanfall.

Das war der zweite Akt. Aber noch hatten die Feuerwerker und Nachtwächter, die ja die Dunkelheit abwarten mußten, noch nicht das Wort gehabt und hofften unverzagt auf den Sieg ihrer ganz anderen Methode des Liebeswerbens. Sie schritten denn auch bald hervor als leuchtende Käferlein, Fliegen, Glühwürmchen in Farnen und stiegen zu Millionen und aber Millionen wie lebendig gewordene Sternchen plötzlich gleich einem Lichtschnee über die Bühne. Die kleinen, zu Milliarden erschienenen winzigen Meeresnachtlichte, die einen ganzen Ozean in Glut versetzen können, und die Istar nur mit dem Opernglas einzeln erkennen konnte, erhellten Bäche und Wasserfälle ringsum; die alten Weiher fingen an zu phosphorleuchten und die sehr phantastisch geballten Wolken zeigten Kulissen mit Mondsilberbeschlag und Sternenfranzen. Es war ein wundervolles Bild von mildem Glanz und schwülem Zauberlicht.

Als aber nun der völlig schönheitstrunkene Mensch auf die Bühne stieg und hinausschrie in die Welt, vor Istar niederkniend: »O, gib uns die allmächtige Liebe!«, da machte diese Feindin jeglicher Sentimentalität das Schlußzeichen.

Die große Oper war aus. Nun harrte alles schweigend der Entscheidung Brust an Brust, ein Völkermeer von klopfenden Herzen. Istar aber erhob sich schnell. Sie wollte ein Ende machen, ehe das Mondlicht sank, und sprach:

»Ich kann niemand den Preis geben! Ihr habt euch alle gleich redlich bemüht. So sollt ihr alle gleich belohnt werden. In dieser Stunde schenk' ich euch allen eure Braut!«

Und sie hob die gewaltigen Arme und schüttelte die flutenden Gewänder und siehe! Aus den Falten ihres Mantels stolperten, krochen, flogen, glitten und sprangen Millionen Weibchen: für jede Art ein passendes. Aus ihrem Haupte flatterten Schmetterlinge, von ihrer Brust hob sich die Eva, unter ihren Fußgewändern krochen Löwinnen, Jaguare, Tigerinnen hervor. Und alle, alle sanken dem harrenden Geliebten beseligt ans Herz.

Von da ab rauscht es in jeder Nacht von Liebesschwüren und Küssen durch die Dunkelheit, die der Mantel alles Geheimen ist – – –«

Elselein zeigte nach dieser Geschichte am andern Tage Aldebaran einen Zettel Papier, darauf hatte sie geschrieben:

»Alles um das Weibchen!«

Naturoper in drei Akten von Aldebaran, Musik von Lutzi Sonnenfleiß.

Personen:

Der Fürst der Liebe – Herr Nachtigall

Kriegsminister – Herr Löwe Kiki, der unbeständige Krakeeler Herr Hahn

Ein alter Störenfried – Herr Adam Mensch

Die Schmetterlingskönigin – Fräulein Phantasie (sonst kommen keine Damen vor).

Regie, Kulissenwerk, Malerei, Ausstattung besorgt die Welt-Firma: »Wolke und Wind«.

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