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Gutenberg > Carl Wilhelm Salice Contessa >

Erzählungen und Märchen

Carl Wilhelm Salice Contessa: Erzählungen und Märchen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorCarl Wilhelm Salice Contessa
titleErzählungen und Märchen
publisher
seriesC. W. Contessa's Schriften
editorE. von Houwald
yearGeorg Joachim Göschen
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140531
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Die weiße Rose

1820

 

Der Weinmonat hatte sein altes Recht gleich bei seiner Ankunft behauptet, über den lang gestreckten Rücken des Hochgebirges in einer Nacht eine glänzende Schneedecke gelegt, und der Wind, der von dort herüber strich, gab auch in den fern abgelegenen Thälern deutlichen Bericht davon.

In dem Hause des Oberförsters Wolfgang sammelten sich die Hausgenossen nach und nach als der Abend kam, alle um den warmen Ofen in der Wohnstube. Nur der Oberförster und sein Sohn waren noch draußen im Forst.

»Muhme Tinel,« hob Elisabeth, die siebzehnjährige Tochter des Oberförsters an, indem sie mit Spinnen einhielt und die Spindel in die Seite stemmte, »du könntest uns wohl etwas erzählen. Du bist mir ohnedieß noch die Geschichte von der weißen Rose schuldig. Der Wind raschelt draußen schon durch die dürren Blätter; da hört sich's gut zu.«

Muhme Christine lächelte und sah die Hausfrau an.

»Immerzu!« sprach Frau Anna. »Vergeht so die Zeit geschwinder, bis der Vater kommt.«

»Nur nicht von der weißen Rose!« sagte eine tiefe Baßstimme hinter dem Ofen, die dem alten Jäger Conrad gehörte. »Ist heut der dritte, Mondwechsel, und Freitag obendrein.«

Christine schaute rückwärts nach der dunkeln Ecke hin. »So wißt Ihr auch etwas von der weißen Rose?« fragte sie verwundert.

»Hm, davon ließe sich viel sagen!« brummte jener. »Wenn nur nicht vielleicht eben jetzt einer die Ohren dabei hätte, den ich nicht nennen kann und mag.

Denn in Zwielichts blassem Schein

Treten sie ins Haus herein.«

Elisabeth sprang auf, zündete einen langen Fichtenspahn im Ofen an, und steckte ihn auf den hohen eisernen Leuchter, der an der Wand stand. Frau Anna aber sprach: »Ihr alter Unglücks-Prophet, Ihr könntet einem wohl am hellen Tage mitten unter den Leuten ein Grausen machen!«

»Dann läg's an der Zeit, nicht an mir!« erwiederte er. »Es geht jetzt gar wunderlich her. Der Spuk oben im Gebirge ist lange nicht so toll gewesen. Das hat wieder etwas zu bedeuten. War auch so vor 15 Jahren, da der Preuße zuerst ins Land kam. Und ich hab's von guter Hand,« fuhr er nach einer Weile fort, »daß sich der Kaiser drüben ganz in der Stille zum Kriege rüstet. Wem soll das gelten, als unserm Lande?«

In dem Augenblick geschah ein Schlag aus dem Fenster wie mit einer starken Ruthe. Alle fuhren erschrocken zusammen. »Wart du verdammter Stöhrenfried!« rief Conrad, stand auf und ging nach dem Fenster. »Das war niemand anders als der wilde Junker drüben von Liebenwalde, der immer hier ums Haus schleicht. Aber ich bin ihm auf der Fährte.« Er machte das Fenster auf und schaute hinaus. Alles war still. Er warf es unwillig wieder zu, und sprach: »Was mag der Alte nur gesündigt haben, daß Gott ihn mit einem solchen Sohn gestraft!

Wem Kinder nicht gedeihen,
Was hat der auf der Welt?
Was soll den Stamm noch freuen,
Dem Blüth' und Frucht abfällt?

An dem erlebt der alte brave Mann gewiß noch großes Herzeleid. Seitdem er Soldat geworden, ist's nun vollends, als hätte der Gott sei bei uns leibhaftig bei ihm Quartier genommen.«

»Ein schöner Mensch ist's aber doch!« sagte Christine. »Und ist auch lange nicht so schlimm, als ihr ihn macht.«

»Ach, schweigt mir nur von dem!« unterbrach sie Frau Anna seufzend, und sah halb verstohlen nach ihrer Tochter hin, die mit dunkler Gluth auf den Wangen sich an dem Rocken zu thun machte. »Erzählt uns lieber Eure Geschichte, Muhme Tinel, daß wir auf andere Gedanken kommen.«

Christine legte neuen Flachs auf, setzte sich dann auf ihrem Stuhl zurecht, und nachdem sie noch einen scheuen Blick nach dem Fenster geworfen, hob sie an:

»Auf den hohen Bergen im Schweitzerlande, die viel, viel höher seyn sollen, als unsre hier, da wächst, wie sie sagen, eine gar seltene Blume, die wird das Alpenröslein genannt. Diese Blume hat in unserem Gebirge noch keiner aufgefunden; wahr und gewiß ist es aber, daß dagegen bei uns sich jährlich einmal eine andere Rose zeigt, die ihres Gleichen wohl in der ganzen Welt nicht antreffen mag. Wer Muth genug hat, in der Nacht vor Himmelfahrtstag sich auf das hohe Gebirge zu begeben, und dann die rechte Stelle weiß –«

Sie wurde hier unterbrochen. Die Thür öffnete sich, und der Oberförster trat mit seinem Sohne, einem Knaben von funfzehen Jahren herein. »Der Vater!« rief Elisabeth freudig aufspringend, und lief ihm entgegen. Es kam ihr vor, als sähe er bleich und verstört aus. Er umfaßte das liebliche Kind, schauete ihm lange in die frommen blauen Augen, die so voll Freude, Liebe und Sorge zu ihm aufsahen, und küßte es auf die Stirn.

»Mein Herzens-Herzensrösel!« sagte er leise mit bewegter Stimme. Dann reichte er seiner Frau die Hand, winkte dem alten Conrad, und begab sich mit diesem und seinem Sohn nach dem Nebengemach, dessen Thür er hinter sich schloß. Seine Frau sah ihnen ängstlich nach. Nach einer Weile traten sie wieder heraus; Conrad nahm seinen Hut, langte eine Büchse von der Wand und verließ das Zimmer, indem er einige Worte für sich hinmurmelte. Elisabeth glaubte etwas von der weißen Rose zu vernehmen.

Der Tisch ward gedeckt, die Abendmahlzeit aufgetragen; Elisabeth sprach das Gebet, alle setzten sich schweigend. Der Oberförster aß nicht, stand öfters auf, um zum Fenster hinaus zu sehen, und schien sehr unruhig. Da trat endlich der Jägerbursche Franz in die Thür. »Wo kommst du her?« rief ihm jener zu. »Aus der Stadt, Herr Oberförster, wie Ihr wißt;« erwiederte er. »Ich komme über Liebenwalde, da brachten sie eben den Junker todt nach Hause. In unserm Forst, hieß es, sey er erschossen worden.«

Der Oberförster sprang auf, und starrte ihn an, dann plötzlich griff er nach der Stuhllehne, wie um sich dran zu halten, setzte sich matt und langsam wieder hin und schlug die Hände über die Augen. Nach einer langen Weile sprach er leise: »Ich habe es wohl geahnt! Doch Gott ist mein Zeuge,« fuhr er mit stärkerer Stimme fort, »daß ich es nicht wußte in dem Augenblick, da ich auf ihn schoß.« –

Mit einem lauten Schrei stürzten jetzt Frau und Tochter auf ihn zu. Elisabeth warf sich an dem Stuhle nieder, schlang ihre Arme um den Vater, und schluchzte laut.

»Ich bin kein Mörder!« rief er, und richtete sich empor. »Es war Nothwehr, so wahr mir Gott gnädig sey! Zweimal schossen sie nach mir, und erst, als er zum dritten Schuß auf mich schon angelegt hatte, kam ich ihm zuvor. Du kannst's bezeugen, Karl. Erzähle du's, wie es war!«

»Vater!« entgegnete der Knabe, »wenn meine Flinte mir nicht versagte, so kamt Ihr wohl gar nicht zum Schuß. Ja, seht nur Mutter, wir waren oben gewesen auf dem langen Berge, der Vater hatte Holz angeschlagen, und als wir jetzt wieder nach Hause gehen, da finden wir – –«

»Im schwarzen Grunde bei der großen Buche,« fiel der Oberförster ein.

»Ja, im schwarzen Grunde bei der großen Buche, da finden wir drei Wilddiebe, wie wir dachten; sie hatten zerlumpte Kittel an, und die Gesichter geschwärzt. Wir gingen auf sie zu, der Vater rief sie an. Da schrie der eine: Ha bist du's, auf dich hab' ich gewartet! sprang nach seiner Büchse, die am Baume lehnte, und schoß nach uns. Ich war nicht faul: wie du mir, so ich dir! dachte ich, nahm den Kerl auf's Korn, und drückte los. Die Flinte versagte. Indem aber schoß auch schon der zweite; ich hörte die Kugel wohl zwischen uns durch pfeifen. Schieß den Hund doch nieder, schrie darauf der erste dem dritten zu, und da dieser zauderte, riß er ihm das Gewehr aus der Hand, und schlug wieder auf den Vater an. Der Vater aber war schneller, als er: die Büchse an den Kopf, und Knall und Fall, das war nur eins!«

»Sei uns gnädig und barmherzig!« schrie Muhme Tinel.

»Mir kam ein Grausen an,« fuhr der Oberförster fort, »da ich ihn fallen sah. Ich wandte mich schnell ab, und wie mit Ruthen jagte michs von dannen; denn jetzt erst kam mir eine Ahnung, wer es wohl seyn könnte.«

Seine Frau hob die Hände zum Himmel auf, und rief: »Gott sei gelobt! So hat er's an dich gebracht, und du bist unschuldig vor Menschen und vor Gott!«

»Ja, vor Gott ist er's,« sprach Conrad, der eben jetzt wieder ins Zimmer getreten war – »ein andrer hätte wahrlich nicht so zweimal auf sich schießen lassen – aber vor Menschen wird er's schwerlich seyn. Der Streit mit dem Junker neulich auf dem Jahrmarkt bricht ihm den Hals. Man wird nun doch glauben, daß er es aus Rache gethan.«

Der Oberförster sprang auf, und ging mit großen Schritten die Stube entlang.

»Aber die beiden Andern,« rief Frau Anna, »die werden's doch bezeugen – – «

»Das werden sie nicht!« – fiel Conrad ein. »Ich weiß, wer sie waren. Es war der Officier, der jetzt mit dem Junker zum Besuch gekommen ist, und sein Bedienter. Den Officier hat unser Herr bei dem Streite neulich, da er sich d'rein mischte, wohl auch nicht geschonet, und der Bediente ist niemand anders, als der Jäger Ludolf, der voriges Jahr bei uns im Dienst stand, und den der Herr fortjagte um seiner Liederlichkeit willen. Der hat sich hoch verschworen, daß er's ihm gedenken wollte, und jetzt läßt sich der schlechte Mensch die Gelegenheit wohl nicht entgehen. Drum ist mein Rath, Herr Oberförster, Ihr müßt fort, und jetzt gleich; denn sie werden bald zur Stelle seyn, um Euch zu holen.«

Gegen diesen Rath aber erklärte sich Wolfgang jetzt heftig, und bestand darauf, zu bleiben, und sein Schicksal zu erwarten. Die Flucht würde ihn nur erst der Schuld verdächtig machen. »Mein eigenes Blut,« rief er, »wollt' ich jetzt mit Freuden darum geben, wär' es nicht geschehen. Ach! ich habe wohl keine ruhige Stunde mehr. Immer, immer werd' ich den Knall hören, und werd' ihn fallen sehn! Aber wer an meiner Stelle hätt' es nicht auch gethan? Das darf ich fragen. Ich bin ein Mensch, und meine Richter sind auch Menschen. Nein, ich bleibe!«

Conrad aber meinte, eben darum, weil seine Richter auch Menschen wären, müsse er fort. Er gab ihm zu bedenken, daß der Erschossene preußischer Officier gewesen, sein Vater aber ein vornehmer, und bei der neuen Regierung viel geltender Mann sey; er führte ihm den Unterschied der Religion an, und wie er selbst mit Grund oder Ungrund doch wohl immer noch für einen Anhänger der alten Herrschaft gelten möge, und zeigte ihm, wie beides bei der Beurtheilung seiner That gar sehr in Anschlag kommen werde. Jetzt trat auch seine Frau auf Conrads Seite, und sein Entschluß fing an zu wanken.

»Und wenn ich mir denke,« sprach Conrad endlich, »wie Ihr gewohnt seyd, von Jugend an in Gottes freier Luft zu leben, und mit den Bergen draußen zu verkehren, als mit Euren alten Freunden, und wie einem ehrlichen Jägerblut der frische Waldduft und Vogelsang eben so gut zur Leibes- und Seelen-Nahrung gehören, als Essen und Trinken und Orgelklang am Sonntag, und ich sehe Euch nun so vor mir sitzen im Armensünderstübchen, Monate lang, ja wenn's gut geht, Jahre lang, oder wohl gar bis an Euer Ende, und das schmale Gitterfensterlein mißt Euch Gottes Luft und Sonne so schlecht und spärlich zu, wie ein geitziger Armenvogt den Bettlern die Spitalsuppe, und Euer Leben verkümmert nun zwischen den feuchten finstern Mauern wie ein angeschossenes Wild, und Ihr dürft niemals, niemals wieder die treue Büchse über die Schulter hängen und hinaus ziehn und singen:

Frisch auf in den grünen Wald hinein! –

Herr, wenn ich mir das denke – nein, zum Teufel, ich mag mir's gar nicht denken! Das bricht mir das Herz!«

Er wandte sich unwillig ab, und große Thränen rollten ihm über die braunen, faltigen Wangen. Der Oberförster reichte ihm die Hand, warf dann einen Blick nach den stattlichen Gewehren, die in langer Reihe an der Wand hingen, und sagte: »Ja, Conrad, ich glaube du hast Recht. Ich trüge es nicht lange, und doch gern möcht' ich noch leben um dieser willen!« Er zog Mutter und Kinder an seine Brust.

»Ihr könnt ja schreiben,« sprach Conrad, »von drüben, wenn Ihr in Sicherheit seyd, und Euch vertheidigen. Und morgen geh' ich zu Eurem alten Freunde, dem Advokat Hübner, in der Stadt. Der wird Euch schon vertreten.«

Da richtete sich Wolfgang in die Höhe, und sagte: »Wohlan, ich gehe! Gott gebe, daß ich wiederkommen darf.« – Sein Sohn sollte ihn begleiten. Elisabeth schlang die Arme um seinen Hals, und flüsterte ihm die Bitte ins Ohr, sie mitzunehmen. Doch als er ihr vorstellte, daß sie, zart und der Mühseligkeit ungewohnt wie sie sey, ihm leicht hinderlich werden könnte, und daß die Mutter ohne sie ja dann ganz verlassen bliebe, stand sie traurig davon ab. »Ach, und wie bitter es ist,« setzte er mit leiser Stimme hinzu, so ganz allein und verlassen seyn, das mag der arme alte Vater drüben jetzt wohl fühlen! Er war immer so freundlich gegen mich! jetzt wird er mich doch immer seines Sohnes Mörder nennen, wenn auch das Recht mich frei spricht!«

Still weinend packte die Mutter Wäsche, Kleider und Geld zusammen. Christine half. Elisabeth aber saß bleich und stumm, die gefalteten Hände in den Schooß gelegt, und starrte vor sich hin. Doch als der Vater jetzt nach Hut und Büchse griff, sprang sie empor. Alle begleiteten ihn bis auf den Hügel vor dem Hause, über den der Weg nach Böhmen führte. Hier reichte er schweigend jedem noch einmal die Hand; als er aber zuletzt an seine Tochter kam, da brach ihm das Herz; er umfaßte und küßte sie, und weinte laut. »Es ist die höchste Zeit!« sagte Conrad jetzt. »Mir däucht, ich höre Stimmen durch den Wald. Macht fort!« Da riß er sich los, und schritt mit seinem Sohn den Hügel schnell hinab. »Vergiß dein armes Herzensrösel nicht!« rief ihm Elisabeth noch mit matter Stimme nach, und in dumpfem Schweigen führte die Mutter das halb ohnmächtige Mädchen ins Haus zurück.

*

Sechs lange, bange Monate waren jetzt beinah seit jenem traurigen Abend vergangen. Die Untersuchung gegen den Abwesenden war indeß fortgeführt worden, und sein Prozeß drohte, trotz der redlichen Verwendung seines alten Freundes, des Advokat Hübner, mit dem schlimmsten Ausgange. Die Ursachen davon hatte Conrad größtentheils richtig vorausgesagt; die Flucht des Oberförsters kam noch hinzu, und gab jeder Anschuldigung größeres Gewicht. Seine Stelle war indeß anderweitig besetzt worden. Frau Anne hatte mit ihrer Tochter weichen müssen, und war nach dem benachbarten kleinen Städtchen gezogen. Christine wollte sie nicht verlassen, und auch der alte Conrad war bei ihr geblieben, zu Schutz und Trutz, wie er sagte.

Hier lebten sie nun still und eingezogen von ihrer Hände Arbeit; denn auf des Oberförsters Habe war von Gerichtswegen Beschlag gelegt worden, und sie hätten sich wohl oft kümmerlich behelfen müssen, wenn ihnen nicht einigemal, zu ihrer Verwunderung, von unbekannter Hand eine bedeutende Unterstützung zugekommen wäre. Conrad hegte darüber seine eigenen Gedanken, die er jedoch nicht mittheilen wollte; nur einst, als wieder die Rede darauf fiel, sagte er mit großer Rührung den Vers aus einem alten Liede her:

»Vergeben, Mensch, ist dir Gebot,
Vergelten Gottes Sache.
Dem Feinde wohlthun in der Noth,
Das ist des Christen Rache.

Von Wolfgang war ihnen nun zweimal bald im Anfang Nachricht zugekommen; jetzt aber harrten sie schon seit langer Zeit vergeblich auf weitere Kunde. Elisabeth, die mit unendlicher Liebe an ihrem Vater hing, härmte sich sichtbar ab; ja fast schien es, als trüge sie außer dem Gram um den Abwesenden, noch sonst ein stilles Weh in ihrem Herzen verborgen. Ihre frühere Heiterkeit und jugendliche Lust am Leben war ganz verschwunden; das frische Roth, das sonst auf ihren Wangen blühte, erblaßte mit jedem Tage mehr und mehr. – »Nun wird mich der Vater wohl nicht mehr sein Herzensrösel nennen!« sagte sie manchmal lächelnd, wenn ihr Blick den Spiegel traf. Das schnitt der Mutter tief ins Herz.

Und so hatte denn der Winter, der ihnen bei seinem ersten Antritt den Kummer zugeführt, jetzt bei seinem Abschied den trüben Gast nicht wieder mit sich fortnehmen wollen; dieser schien sich vielmehr täglich breiter im Hause zu machen, und selbst der Frühling, der draußen Berg und Thal bereits mit seiner Hoffnungsfarbe zu schmücken begann, brachte ihnen nur noch heißere und bangere Sehnsucht nach dem Entfernten dazu.

So saßen sie eines Abends wieder still und traurig beisammen. Der alte Conrad war ausgegangen. Frau Anne heftete den sorglichen Blick auf das bleiche Gesicht ihrer Tochter, die in sich gekehrt, auf die Arbeit niedersah, während dann und wann eine Thräne sich unter den gesenkten Wimpern hervor stahl und über ihre Wangen rollte. Das konnte die Mutter endlich nicht länger mit ansehen, sie brach das ängstliche Schweigen, und sagte: »Muhme Tinel, erzählt uns nun einmal wieder etwas. Es ist wohl lange nicht geschehen.«

Elisabeth schaute empor. »Ja, von der weißen Rose!« rief sie hastig. »Von der hab' ich diese Nacht einen wunderlichen Traum gehabt. Ich bitte Euch, erzählt!«

»Mir ist's recht!« erwiederte Christine. »Ich halte es immer lieber mit dem Sprechen, als mit dem Schweigen. Sprechen macht frisches Blut.« Und somit hob sie ihr Sprüchlein wiederum also an:

Auf den hohen Bergen im Schweitzerlande, die viel, viel höher seyn sollen als unsre hier, da wächst eine gar seltene Blume, die wird das Alpenröslein genannt. Diese Blume hat in unserm Gebirg noch keiner aufgefunden; wahr und gewiß ist es aber, daß dagegen bei uns sich jährlich eine andere Rose zeigt, die ihres Gleiches wohl in der ganzen Welt nicht antreffen mag. Wer Muth genug hat, sich in der Nacht vor Himmelfahrtstag auf das hohe Gebirge zu begeben, und dann die rechte Stelle weiß, der kann die Rose finden, und wer sie gefunden hat, dem steht ein Wunsch frei, ehe die Sonne aufgeht, und was er gewünscht hat, das wird geschehn noch selbigen Tages oder selbigen Jahres. Auf welche Weise nun aber die Rose entstanden seyn soll, das wird also erzählt.

Es war einmal ein wunderschönes zartes Fräulein, das lebte an dem Hofe der Königin Libussa von Böhmen; und einmals, da die Königin ins Gebirge gezogen war, der Jagd wegen, erblickte der Geist, der auf dem Gebirge sein Wesen treibt, die schöne Wlasta, und faßte gar heftige Liebe zu ihr. Er nahm alsbald menschliche Gestalt an, zog auch mit zahlreicher Dienerschaft und großem Gepränge in das Hoflager der Königin, um die schöne Wlasta zu freien. Diese aber hatte ihre Liebe schon in der Stille einem jungen tapfern Ritter zugewandt, wies daher alle Bewerbung von sich ab, und als dennoch ihre Verwandten, und selbst die Königin ihr immer schärfer zusetzten, daß sie, dem stattlichen und über die Maßen reichen Freier ihre Hand geben möchte, ließ sie von dem jungen Ritter sich bereden, und wollte heimlich mit ihm entfliehen. Es war in der Nacht vor dem Himmelfahrtstage, die Königin war wiederum ins Gebirge gezogen um der Jagd willen, da hinterging das Fräulein ihre Wächter, entwich aus dem Jagdschloß, wo die Königin mit ihrem Gefolge gerade hausete, und stieg muthig höher hinauf ins Gebirge, bis an den Ort, wo sie den Ritter treffen sollte. Der Geist vom Gebirge aber, der bald von ihrer Flucht und Absicht Kunde erhalten hatte, machte sich auf, und führte den Ritter durch mancherlei Blendwerk irre, und tief in die Wälder und Sümpfe hinein, und ich weiß nicht zu sagen, ob er sich jemals wieder dort heraus gefunden hat. So geschah es denn, daß die arme Wlasta an dem bestellten Ort ihr Lieb nicht fand, und nachdem sie lange geharrt und gehofft, und sich dort nicht länger sicher meinte, endlich noch weiter hinauf stieg nach dem Rücken des Gebirges zu; denn von dort her führte den Ritter sein Weg, bis sie an eine Gegend gelangte, die heut zu Tage die Festige heißt, und wo in uralter Zeit die Burg Navor gestanden haben soll, die dem Ariovist, dem König der Deutschen gehörte. Da konnte sie vor Müdigkeit und Angst nicht fürder, setzte sich auf einen Stein, und weinte bitterlich; und da sie sich nun auch nicht weiter vorwärts traute in der grausen Einöde, blieb sie zur Stelle sitzen, schaute immer hinaus nach der Gegend, von wo ihr Ritter und Retter kommen sollte und lauschte, und der Nachtwind spielte ungestüm mit ihrem langen gelben Haar, und von einem Augenblick zum andern hoffte sie immer: jetzt wird er kommen, und verzweifelte dann wieder, und weinte und klagte, bis endlich der Morgen kam, und da die Sonne aufging, und ihr Lieb sich noch immer nirgend zeigen wollte, da brach ihr das Herz vor übergroßem Leid. Zur selben Stunde aber kam auch der Geist vom Gebirge zur Stelle, und meinte, jetzt nach solcher ausgestandener Angst und Roth werde sie ihm als ihrem Retter willig folgen. Sie hatte ja aber ihren Retter schon gefunden, und brauchte keinen andern mehr. Und als er sie nun bleich und kalt, und doch immer noch schön, so vor sich liegen sah, da kam der Schmerz und die Reue gewaltsam über ihn, und er konnte das Tageslicht nicht mehr ertragen, sondern es trieb ihn hinunter auf lange Jahre in sein dunkles Reich tief unter seinen Bergen. Doch eh' er ging, begrub er den Leichnam der armen Wlasta da, wo er ihn gefunden, und ließ auf dem Grabe eine weiße Rose sprießen, die sollte jährlich an diesem Tage vor Sonnenaufgang wieder blühen, und schwur dabei, wo einer sie fände, und trüge etwa auch recht heiße Sehnsucht oder schweres Leid in seinem Herzen, und spräche dann auf dieser Stelle seinen liebsten Wunsch aus, dem solle er in Erfüllung gehen. Und so ist die weiße Rose entstanden.«

Der alte Conrad, der während der Erzählung in das Zimmer trat, und sich still in seinen Winkel gesetzt hatte, sagte jetzt, da sie zu Ende war und alle schwiegen: »Ja, so ist's. Und mancher ist seit jener Zeit wohl hinauf gegangen, um die weiße Rose zu finden, und hat sie nicht gefunden, und ist auch nicht wieder heimgekehrt. Denn die Geschichte hat ihr Aber, und der Geist vom Gebirge läßt nicht von seiner Art.

Trug und Tücke im Genicke,
Im Gesichte Freundlichkeit.«

Elisabeth drang sehr hastig in ihn, er sollte sprechen, wenn er mehr davon zu sagen wüßte; allein es war nichts weiter aus ihm zu bringen. »Wenn ich hier war,« brummte er, »so erzählte Euch die Muhme die Geschichte gar nicht. Ich habe einen Widerwillen dagegen, und weiß recht gut warum, und wir alle wissen ja auch, auf welche traurige Weise sie uns schon einmal unterbrochen wurde.«

Elisabeth schwieg; aber von diesem Abend an zeigte sich eine merkliche Veränderung in ihrem ganzen Wesen. Sie ward allmählig wieder heiterer und gesprächiger, ja sie tröstete die Mutter oft, daß nun ihr trübes Schicksal sich bald wenden werde, und dabei leuchteten ihre Augen von einem ungewohnten Feuer.

Als der Mai gekommen war, und sich gleich in seinen ersten Tagen so mild und freundlich wies, daß selbst der höchste Rücken des Gebirges schon, wider seine Gewohnheit, das weiße Winterkleid ablegte, da trat Elisabeth eines Tages vor die Mutter, und sprach ein wenig schüchtern und mit niedergeschlagenen Blicken, wie das Wetter so schön sei, und wie sie wohl Lust hätte, wieder einmal nach dem einige Meilen entfernten Frauenkloster zu gehen, um dort die Schwester Barbara, ihre Verwandte und Pathe zu besuchen. Dazu gab nun die Mutter gern ihre Einwilligung, der alte Conrad aber bot sich auf der Stelle zur Begleitung an; das schien Elisabeth eben gewünscht zu haben, und so machten sich denn beide schon des andern Morgens auf den Weg.

Allein sie waren kaum eine Stunde weit vom Haus, da kam Elisabeth an einen Ort, wo die Straße sich theilte, blieb Im Original fehlt hier ein Wort. D. Hrsg. plötzlich stehn, und sprach: ihr Weg führe nun zur Linken, denn ihre Absicht sei keinesweges, die Schwester Barbara im Frauenkloster zu besuchen. »Morgen ist Himmelfahrtstag,« fuhr sie fort, »da will ich diese Nacht auf dem Gebirge seyn: vielleicht daß mir die weiße Rose beschieden ist.«

Conrad erschrak heftig über diese Worte, und gab sich ängstlich alle Mühe, ihr das Vorhaben auszureden: die ganze Geschichte sei doch nur ein einfältiges Mährchen, an welches kein vernünftiger Mensch im Ernste glauben, noch viel weniger aber darum wohl gar Leib und Leben auf's Spiel setzen werde. Doch vergebens. »Daß du es selber für kein einfältiges Mährchen hältst,« sagte sie, »das weiß ich gar wohl, und noch neulich erst hast du versichert, daß es damit seine Richtigkeit hat. Auch ist mir im Traum nun schon zum drittenmal verheißen, daß ich die Rose finden soll, mir auch der Ort, wo sie steht, deutlich gezeigt worden. Ich gehe.« Und als er ihr nun vorstellte, welche Gefahr zu jetziger früher Jahreszeit eine Nacht auf dem Gebirge ihr bringen könne, wie mancher nach der Rose gegangen, der niemals wieder zurück gekehrt sei, ja als er ihr endlich gestand, daß er selbst in seiner Jugend den Gang gewagt um eines Mädchens willen, das er gar lieb gehabt; was ihm aber dort widerfahren sei, nie über seine Lippen kommen werde, und daß er nur wie durch ein Wunder das Leben davon getragen, da erwiederte sie ruhig: »So oder so! Ich kann nicht ohne den Vater seyn, ich kann die Mutter nicht länger weinen sehen, mein Leben geht doch dabei zu Grunde, das fühl' ich wohl. Drum muß ich's versuchen, und wird mir die Rose zu Theil, so wünsche ich, daß der Vater bald wiederkehrt und wieder zu Glück und Ehren kommt; dann hat alle Noth ein Ende, und ginge es mir auch dabei ans Leben, nun so bin ich für den Vater gestorben: das ist ein schöner Tod!«

Conrad sah ihr eine Weile schweigend in die leuchtenden Augen, dann faßte er leise ihre Hand, und sprach: »Den Vater also wollt Ihr Euch wünschen?«

»Wie kannst du noch fragen!« rief sie. Was für einen andern Wunsch hätte ich denn noch auf Erden? Sonst freilich hatt' ich auch noch andre thörichte Wünsche in meinem Herzen: der Himmel hat sie mit der Wurzel ausgerottet. Doch ich muß fort. Leb' wohl, wenn du mich nicht begleiten willst! Ich dachte freilich, du würdest mir beistehn auf diesem Gange, doch – – «

»Elisabeth!« unterbrach er sie, »denkt Ihr so schlecht von dem alten Conrad? Es war mir ja nur um Euch. Das alte mürbe Endchen Lebensfaden ist hier ja nicht der Rede Werth. In Gottes Namen denn. Es gilt den Vater!« – Und damit schritt er auf dem Wege zur Linken rasch voran, und Elisabeth folgte ihm. So waren sie um Mittag dem hohen Gebirge ganz nah gekommen. Der Weg hatte ihr kurz gedäucht, denn Conrad erzählte im Gehen manche Geschichte aus alter Zeit, sang auch dazwischen wohl ein schönes Lied, wie er deren eine große Menge wußte. Nachmittags ließ sich am Abhang des Gebirgs ein kleines weißes Wölkchen blicken, das allmählig immer größer ward. Bald stiegen an andern Stellen noch mehrere empor. Conrad blieb stehen, schüttelte bedenklich den Kopf, und meinte, das sei ein gar schlimmes Zeichen; es bedeute ein großes Unwetter auf die Nacht. Elisabeth sagte: »das ist freilich übel, doch steht es nicht zu ändern,« und schritt immer vorwärts. In dem letzten Dorfe, das schon hoch hinauf am Gebirge liegt, drang Conrad darauf, noch einen Führer mitzunehmen; doch es wollte sich erst niemand dazu willig finden lassen, jeder sah den harten Strauß vorher, der diese Nacht bevorstand, und rieth ihnen ernstlich bis morgen zu verweilen. »Dann ist's zu spät!« rief Elisabeth. »So oder so, Conrad! Ich muß fort!« – Da zeigte sich endlich einer gegen ansehnlichen Lohn bereit, sie zu führen. Aber die Wetter-Prophezeihung bewährte bald ihre Richtigkeit. Die weiße Wolkenmasse, die sich aus dem kleinen Wölkchen gebildet, und in Gestalt eines langen Wulstes auf den Rücken des Gebirges gelagert hatte, senkte sich immer weiter herab, und nicht lange nach Sonnen-Untergang brach der Sturm daraus hervor. Die Wandrer sahen sich bald in Wolken eingehüllt. Der Sturm ward immer wüthender, die Kälte immer schneidender, je höher hinauf sie kamen; endlich gesellte sich auch noch heftiges Schneegestöber hinzu, das ihnen fast Gesicht und Athem nahm. Keiner konnte mehr nur einen Schritt weit um sich sehen. Der Führer flüchtete sich hinter einen Felsen; Conrad rief nach Elisabeth, die er eben erst noch dicht vor sich erblickt hatte: seine Stimme hatte in dem Schneegestöber allen Klang verloren, und er erhielt keine Antwort. In großer Angst eilte er immer rufend vorwärts; noch konnte deutlich Elisabeths Fußtapfen auf dem frischgefallenen Schnee unterscheiden, von einem Augenblick zum andern hoffte er sie einzuholen. Plötzlich verschwand die Spur am Rande einer Schlucht; er hörte unten Wasser rauschen; über seinem ängstlichen Hin- und Hersuchen brach die Nacht vollends herein. Der zurück gebliebene Führer trug die Laterne. Conrad hielt für das Klügste, diesen erst herbei zu holen; der Felsen, wo er ihn zurück gelassen hatte, konnte kaum zwei hundert Schritte entfernt seyn. Allein in der Finsterniß verfehlte er selbst den Weg, und wohl erst nach Verlauf einer Stunde gelang es ihm, den Felsen zu erreichen, wo er auch noch den Führer fand. Das Unwetter fing jetzt an sich zu legen; sie zündeten das Licht in der Laterne an, und machten sich eilig wieder auf. Conrad jauchzte laut, und brach in Freudenthränen aus, als sie an der Schlucht und jenseits des Wassers Elisabeths Fußtapfen wieder fanden; denn bis hierher war die geheime Furcht mit ihm gegangen, daß sie wohl gar hier verunglückt seyn möchte. Sie folgten nun der Spur mit frischen Kräften, und wenn sie auch dann und wann von neuem verloren ging, so gelang es ihnen doch jederzeit, sie wieder aufzufinden. Darüber verstrich aber doch die Nacht größtenheils, und als sie den Rücken des Gebirgs erreicht hatten, und sich auf der andern Seite hinabwärts wenden wollten, nach der Festige zu, fing der Morgen bereits an zu dämmern. Da wurden auf einmal vor ihnen mehrere Stimmen laut, und bald darauf erkannten sie drei Mannsgestalten, die ihnen entgegen kamen. Anruf und Gegenruf erfolgte von beiden Seiten. Conrad erschrak über die bekannten Stimmen. Rasch eilte er auf die drei Wanderer zu – es war der Oberförster Wolfgang mit seinem Sohn und einem Führer. Erstaunen, Schreck, Freude und Schmerz drangen zu gleicher Zeit so mächtig an Conrads Brust, daß er keines Wortes mächtig war, und lange Zeit stumm und versteinert stand bei allen Fragen. Endlich rief er sich ermannend und Wolfgangs Arm ergreifend: »Rückwärts, Vater, rückwärts! Schau da die Spur im Schnee, das sind die Fußtapfen deines Kindes. Das müssen wir erst wiederfinden!« Und so zog er jenen mit sich fort. Im Gehen aber hob er an, ihm den ganzen Zusammenhang zu erzählen. »Mein Kind,« rief Wolfgang in schmerzlicher Angst, »mein armes Kind! Wo bist du? Ach, das war es also,« fuhr er fort, »was in der letzten Herberge mir keine Ruhe ließ, und mich mitten in der Nacht zum Aufbruch trieb! Mein armes Kind allein in dieser Einöde, in dieser furchtbaren Nacht!« –

Jetzt waren sie indeß, nach der Erklärung der Führer, an den Ort gekommen, der die Festige heißt. Der Sturm schien hier am heftigsten gehaußt zu haben, und hatte jede Spur verweht. So fanden sie für gut sich zu theilen, und verabredeten einen Sammelplatz. Conrad aber, nachdem er eine Weile zwischen den Felsblöcken umhergeirrt, schritt gerade auf den einzeln gelegenen Berg zu, auf welchem der Sage nach des Berggeists Schloß und Wohnsitz, oder wie Andre meinen, die alte Burg Navor gestanden haben soll. Eine Felsengruppe erhebt sich auf dem Gipfel; sie wird der Festigstein genannt. Dicht über ihr schwebte ein Steinadler. – Am Abhang fand Conrad die verlorne Spur wieder. Mit bang klopfendem Herzen eilte er hinan. Oben stieß er auf Wolfgang, der von einer andern Seite her gleichfalls den Berg erstiegen hatte. Athemlos und schweigend zeigte er diesem die Spur. Sie führte sie nach einem einzeln liegenden Granitblock. Auf dem glatten Rande desselben lief eine Schneelerche hin und her, blieb öfters stehen, und drehte das Köpfchen, als schaute sie neugierig nach etwas auf der andern Seite hinunter. Jetzt traten sie um die Ecke, und siehe! da saß Elisabeth, den Kopf an den Stein gelehnt, bleich und mit geschlossenen Augen, als ob sie schlummere, die blassen Lippen aber lächelten freundlich, wie von einem schönen Traum bewegt; der Wind spielte leise mit ihrem losgegangnen, langen gelben Haar; in ihrem Schooß lagen abgepflückte Kräuter und Blumen. Wolfgang und Conrad standen beide eine Weile starr und festgewurzelt in den Boden: es war, als wagte keiner einen Fuß weiter vorwärts zu setzen, damit er nicht dem nächsten Augenblick begegne, der ihm vielleicht ein entsetzliches Wort zu sagen hatte, von jedem doch schon geahnet in der zitternden Brust. Und kein Laut regte sich ringsum; hoch über ihnen zog der Adler langsam seine Kreise; im Osten stieg der dunkelrothe Rand der Sonne über die Berge herauf. – Da trat Wolfgang endlich hinzu, kniete neben seine Tochter nieder. »Elisabeth,« sprach er mit schwankender Stimme, »mein Kind, mein Herzens-Rösel!« und faßte leise ihre Hand. Schnell aber ließ er sie wieder fahren, starrte ihr einen Augenblick in das bleiche Gesicht, schlug dann die Hände über seine Augen, und sank mit einem dumpfen Schrei auf ihre Brust. Als Conrad dieß sah, sprang er herbei, und legte seine Hand auf Elisabeths Stirn. Die eisige Kälte, die ihm bei der Berührung ins Herz zuckte, sprach das schon lange gefürchtete Wort deutlich aus. Seine Arme sanken herab, sein Kopf neigte sich, seine Knie schwankten, er lehnte sich an den Felsen, um nicht zu fallen. »Ich wußte es ja,« sagte er leise, »ach, ich wußte es ja gleich vom Anfang an, daß es so kommen würde.« Und nun war es wieder todtenstill ringsum. Und nach einer langen Weile richtete sich Wolfgang empor, schauete auf das bleiche Engelsbild hin, und sein Auge fand Thränen, und er sprach, Herz und Stimme in herbem Weh gebrochen: »Sieh, Conrad, Ihr seyd ausgegangen, die weiße Rose zu suchen, aber ich habe sie gefunden!«

Doch jetzt fielen die ersten rothen Strahlen der Sonne auf Elisabeths Gesicht, und vom freudigen Schreck durchschauert sprang Wolfgang empor, faßte Conrads Arm, und rief: »Um Gottes willen, Conrad, sieh, sie ist nicht todt; schafft Hülfe! Ich habe das Auge deutlich zucken sehn. Sie lebt!« Und warf sich wieder neben ihr auf die Knie, und legte forschend die zitternde Hand auf ihre Brust. Conrad hob Augen und Hände zum Himmel: »Mein Leben für dieses da!« sprach er leise. »Doch wenn noch Hülfe ist,« fuhr er fort, »so ist sie hier nicht zu finden. Laßt uns daran denken, sie eilig hinab zu schaffen!« Er sprang fort, und rief mit gellendem Jägerruf die Gefährten. Und aus abgehauenen Aesten ward eilig eine Tragbahre zusammengeflochten, und so trugen sie das Mädchen über das Gebirge hinab. Wolfgang hatte seinen Sohn vorweg gesandt, daß er vom nächsten Dorfe gleich nach einem Arzt oder Wund-Arzt aussenden möchte. Als sie daher dort anlangten, fanden sie schon einen geschickten Arzt aus der Stadt zugegen, der eben in der Nachbarschaft beschäftigt gewesen, und herbei geholt worden war. Doch vergebens boten Kunst, Mitleid und Eifer alles auf, was sie vermochten. Das Leben und die Liebe des jugendlichen Herzens, sie hatten seinen letzten heißen Wunsch selbst hinauf getragen zu dem Vater, von dem sie stammten, und kehrten nicht wieder zurück in die verödete Brust.

So setzte der traurige Zug nach einigen Stunden auf Wolfgangs Geheiß sich von neuem in Bewegung weiter nach der Ebene hinab.

Wolfgang war jetzt seines Schmerzes Herr geworden; er hatte mit der Hoffnung abgeschlossen für diese Welt; sein Blick aber war ihr gefolgt, wie sie sich empor schwang, und ihre Hand die dunkle Wolke theilte, die auf der Erde lastet, von den Menschen Tod genannt, und ein Strahl des Jenseits war in die Nacht gefallen, die ihn umgab.

So zogen sie langsam schweigend hin. Die Sonne neigte sich schon zum Untergange, als ihnen ein stattlicher, reichgekleideter Mann zu Pferde begegnete, der von zwei Dienern begleitet war. Er hielt die Träger an, die mit der Leiche voraus waren, und nach einigen Fragen an sie, sahen Conrad und Wolfgang, wie er plötzlich vom Pferde sprang, an die Bahre eilte, und das darüber gedeckte Tuch zurückschlug. Conrad erkannte jetzt den alten Freiherrn, dem Wolfgang den Sohn erschossen hatte. Mit festem Schritte ging Wolfgang auf ihn zu, und stellte sich ihm gegenüber. Der Freiherr schauete erst auf die Leiche nieder, und als er jetzt aufblickte, und jenen wahrnahm, trat er einen Schritt zurück, und rief in großer Bewegung: »Wolfgang! Wolfgang!« –

»Ja, ich bin's!« erwiederte dieser. »Ich gebe mich in Eure Hand. Laßt mich nur erst mein Kind zur Ruhe bringen, dann halt' ich Euch still.«

Conrad erzählte nun dem Freiherrn alles: wie Elisabeth mit ihm auf das Gebirge gegangen sei, um die weiße Rose zu finden und sich den Vater zurück zu wünschen, wie das gräuliche Unwetter sie überfallen in voriger Nacht und sie getrennt, wie Wolfgang von der Sehnsucht nach Weib und Kind verzehrt, und auf dem Wege sie zu besuchen, es entstehe auch daraus, was da wolle, in der letzten Herberge nicht Ruhe gehabt, sondern mitten in derselben Nacht fortgetrieben worden sey, und wie er am Morgen endlich sein weißes Röslein gefunden.

Auf dem Gesicht des Freiherrn wechselte der Ausdruck der verschiedensten Empfindungen. Er kämpfte gegen die Rührung, die ihn übermannen wollte, und schaute immerfort schweigend zur Erde. Endlich hob Wolfgang an: »Seht, Herr, es ist mir nicht um mein Glück oder Leben, das gilt mir in diesem Augenblick gar wenig, aber wohl um Eure Meinung von mir, drum lege ich meine Hand auf die kalte Brust meines theuren Kindes, und wiederhole es Euch: ich kannte Euren Sohn nicht, da ich auf ihn schoß, und nur, da er zum dritten Mal auf mich abdrücken wollte, kam ich ihm zuvor. Ich denke, heut werdet Ihr mir glauben.« Da reichte ihm der Freiherr tief erschüttert rasch die Hand hinüber, und rief: »Wolfgang, ich glaube dir, du armer Vater, und ich verzeihe dir!« Wolfgang ergriff die dargebotne Hand, und beide schauten sich schweigend an, und Thränen brachen aus ihren Augen. Und der Freiherr gelobte feierlich, seine erste Bitte an den neuen Landesherrn solle seyn, daß Wolfgangs Prozeß niedergeschlagen, und er selbst wieder in seine Stelle gesetzt werde.

»Ach, Wolfgang,« fuhr er dann fort, »wenn Ihr damals auf dem Markt meinen Sohn nicht so hart und schnöde zurück wieset, als er von Eurer Tochter zu sprechen begann, wer weiß, es wandte sich dann vielleicht alles zum Besten. Er liebte sie mit großer Leidenschaft, das ist mir klar geworden; er hatte sie öfter gesehn, auch zweimal mit ihr gesprochen. Und wenn mich nicht alles trügt, so war auch sie ihm nicht abgeneigt.« – Hier nickte Conrad bedeutsam mit dem Kopfe. – »Diese Liebe,« fuhr jener fort, hätte vielleicht die Wildheit des jungen Menschen gezügelt, und mich zum glücklichen Vater gemacht. Wolfgang, ich kannte Eure Tochter wohl; ich habe sie lange im Stillen beobachtet, ich hatte sie lieb wie mein eigen Kind, und auch jetzt, da Ihr abwesend wart, habe ich mein Auge nicht von ihr gewendet.«

»Ich weiß es wohl,« rief Conrad, »ich habe Euch errathen, Herr!« faßte hastig seine Hand, und küßte sie.

Er winkte ihm zu schweigen, und sprach: »Gott hat es anders gewollt! Laßt uns jetzt mit einander den sauren Gang vollenden, und der armen Mutter ihr Kind bringen. Ich begleite Euch.« So zogen sie weiter, und brachten der armen Mutter das traurige Wiedersehn, die größte Freude und das herbste Leid, Leben und Tod zugleich ins Haus.

Der Freiherr hielt Wort. Wolfgang ward in seine Stelle wieder eingesetzt; und Christine konnte sich nicht erwehren zu bemerken, daß die weiße Rose doch also auf eine oder die andere Art ihre Kraft bewährt haben möge.

Wolfgang freute sich seines Glücks nur um seiner Frau und seines Sohnes willen. Das Schicksal hatte die Blüthe abgestreift von seinem Leben, und keine rechte Freude wollte ihm mehr zur Reife kommen.

Der alte Conrad aber schlich von der Zeit an still und trübsinnig im Hause umher. Er konnte sich's doch nicht recht vergeben, daß er auf dem Gebirge auch nur einen Augenblick von Elisabeths Seite gewichen war, und als der weiße Rosenstock auf ihrem Grabe die erste Rose trug, bereiteten sie auch dem alten, treuen Freunde seine letzte Ruhestatt an ihrer Seite.

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