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Gutenberg > Carl Wilhelm Salice Contessa >

Erzählungen und Märchen

Carl Wilhelm Salice Contessa: Erzählungen und Märchen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorCarl Wilhelm Salice Contessa
titleErzählungen und Märchen
publisher
seriesC. W. Contessa's Schriften
editorE. von Houwald
yearGeorg Joachim Göschen
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140531
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Der schwarze See

Ein Nachtstück.

1815

[1.]

Der Förster Willbrand saß mit den Seinen beim Abendbrot. Der Sturm schritt mächtig rauschend durch den Eichenforst draußen; innen im Gemach aber ging es gar bang' und still her.

Willbrand hatte den Kopf auf den Arm gestützt und schaute düster vor sich hin; Frau Gertrud hob von Zeit zu Zeit den thränenschweren Blick auf das bleiche und verstörte Gesicht ihres Mannes und seufzte. Endlich wagte sie es, reichte ihm die Hand über den Tisch hin und sprach mit zitternder Stimme: »Wo warst du wieder so lange, Traugott?– Willbrand schrak empor, wie aus einem bösen Traume und wandte sich ab von ihr. »Was soll das Fragen?« entgegnete er finster nach einer Weile: »Ich war in der Stadt!« – »Und hast deinen Handel abgeschlossen?« fuhr Gertrud fort. Er schlug ein grimmiges Gelächter auf: »Handel! Ja wohl Handel! ein böser Handel. Bete du nur fein fleißig, daß er nicht zum Abschluß kommt!« Er sprang auf. Die Andern erhoben sich gleichfalls. Elisabeth, die Tochter, wollte nach angewohnter Sitte das Gebet sprechen, doch Willbrand rief: »Laß mir das Beten! Kann's alleweil nicht brauchen. Wer mit Menschen handelt, der wird betrogen; ich möcht' es einmal mit dem Teufel versuchen!« – Frau Gertrud schlich weinend nach der Kammer; Elisabeth aber faltete die Hände über die Brust und sah ihren Vater an, ernst und fest, daß er es nicht ertragen konnte, sondern sich umkehrte und eine Büchse von der Wand langend, sich etwas damit zu schaffen machte, seine Verlegenheit zu verbergen.

Elisabeth winkte den beiden Jägerburschen, daß sie sich entfernten, dann ging sie nach der Kammer und bat Frau Gertruden, jetzt mit dem Vater zu sprechen, denn jetzo sey der rechte Augenblick, der wohl sobald nicht wiederkehre.

Gertrud näherte sich Willbranden, und legte sanft die Hand auf seine Schulter. Willbrand schien es nicht zu bemerken; er knackte mit dem Büchsenschloß. »Hast du denn gar keinen freundlichen Blick mehr für mich?« hub Gertrud endlich sanft und leise an. »Hab' ich nicht neunzehn Jahre Freud' und Leid mit dir getragen: warum wendest du nun dein Herz von mir ab? Du bist auf keinem guten Wege, Traugott! Kehre um, weil es noch Zeit ist! Vertraue mir! Habe ich doch sonst wohl Rath gewußt; vielleicht kann ich dir auch jetzo helfen.«

»Hast du Geld?« fuhr Willbrand heraus, ohne sich umzusehen – »Geld! Geld! viel Geld! das kann mir nur helfen!«

»Ich kenne dich gar nicht mehr,« entgegnete Gertrud: »Nach vielem Gelde hat ja sonst nimmer dein Sinn gestanden. Aber seitdem der fremde Jäger hier war am Johannisabend, und von den verborgenen Schätzen sprach hier im Gebirge, seitdem bist du ganz verwandelt, und von Tage zu Tage wird es ärger mit dir. Nirgend Rast, nirgend Ruhe, als ob dich das böse Gewissen triebe! Es ist kein gutes Zeichen, Traugott, wenns einem zu Hause nicht mehr gefällt.«

Willbrand hing die Büchse an den Nagel, und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. »Immer ärger wird's!« hub er endlich an – »ja, du hast wohl recht. Einen steilen Berg hinunter geht der Weg nach der Hölle; wer ein Mal seinen Fuß darauf gesetzt, der muß auch wider seinen Willen immer weiter! – vom Trunk zum Spiel, vom Spiel zum Betrug, vom Betrug zum Stehlen, vom Stehlen – nun, was bleibt dann noch? – zum Raub, zum Mord! es sind nur wenige Schritte – immer rascher geht's sturzab, – kein Baum, kein Strauch, woran ich mich halten könnte – hin! treib zu, Teufel! treib zu, daß es zum Ende kommt!«

Er warf sich in den Großvaterstuhl, an welchem er eben stand, und legte den Kopf auf die Armlehne desselben. Gertrud stand vor ihm, die Hände ringend; denn vor ihrer Seele lag eine furchtbare Ahnung, wie ein finsterer Abgrund, in den sie schaudernd hinabschaute.

Da ließ sich draußen im Walde drei Mal hinter einander ein gellender Jägerruf hören. Die Hunde auf dem Hofe schlugen an; der Hühnerhund, der unter dem Tische lag, erhob sich knurrend. Es wurde heftig an das Thor geklopft. »Wer kann das noch seyn so spät?« sprach Gertrud ängstlich und eilte nach dem Fenster. Das Thor ward aufgemacht; sie unterschied in der Dämmerung eine lange Mannsgestalt, die über den Hof auf das Haus zuschritt. »So helfe uns Gott!« schrie sie auf – »das ist der fremde Jäger! Schau, wie die Hunde sich vor ihm verkriechen. Der bringt uns wieder neues Unheil in das Haus!«

Willbrand hob den Kopf empor und sprach: »du thust ihm Unrecht, Gertrud! das ist ein wackrer Gesell, wenn auch nicht von gar zu freundlichem Aussehen. Hätt' ich auf ihn gehört: es wäre nicht so weit mit mir gekommen.« Er stand auf, dem Gast die Hausthür zu öffnen, hieß ihn freundlich willkommen, führte ihn in's Gemach, und befahl seiner Frau, für des werthen Besuches Erquickung und Bequemlichkeit zu sorgen. Gertrud gehorchte mit schwerem Herzen.

Der Fremde warf, lange Zeit schweigend, forschende Blicke umher aus den dunklen Augen; schweigend ging Gertrud, den Gast bedienend, ab und zu; auch Willbrand schwieg, und schien mit sich selbst um einen wichtigen Entschluß zu ringen. Endlich begann jener: »Wo habt Ihr Euer Töchterlein, Frau Gertrud? Als ich das erste Mal bei Euch war, ward mir's nicht so gut, sie zu sehen, und fast bedünkt mich, als solle ihr Anblick mir auch heute nicht vergönnt seyn. Dennoch aber, ich will's Euch nicht länger verhehlen, ist sie es eigentlich, die mich zu Euch geführt hat.«

Indem Gertrud ihn über diese Worte verwundert und fast erschrocken ansah, trat Elisabeth aus der Kammer. Der Fremde erhob sich, ihr entgegen zu gehen; doch wie betroffen über des Mädchens Anblick, unterbrach er seine Schritte und starrte sie schweigend an. Elisabeth senkte erröthend den Blick zur Erde, in mädchenhafter Verwirrung; bald aber schlug sie die großen, blauen Augen wieder empor, und sah dem vor ihr Stehenden ernst und fragend in das finstere Antlitz. Ein leises Lächeln flog über dieses, wie Morgenroth über Gewitternacht; er trat näher und sprach: »Vergebt mir, wenn ich über Euerm Anschauen meinen Gruß vergessen habe. Ich hoffe, es wieder gut zu machen, indem ich Euch nun mit meinem zugleich noch einen werthern von einem alten Freunde bringe. Er geht Euch gleichfalls an – er wandte sich gegen Willbrand und seine Frau – »denn er ist vom Hauptmann Leuthold, des Oberförsters Leuthold Sohne.«

Elisabeth trat mit freudig leuchtenden Blicken näher. Willbrand rief wie aus dem Traum erwachend: »Von Leuthold! von meinem wackern Jäger! So seyd mir doppelt willkommen! Fast hielten wir ihn schon für todt.«

»Sagtet Ihr nicht vom Hauptmann Leuthold?« fragte Gertrud, und faltete ihre Hände.

»Ja, so sagte ich,« entgegnete der Fremde – »denn er ist's.«

»O, so erzählt uns doch, wie er zu solchen Ehren gekommen,« fuhr Gertrud fort. »Mir ist's, als sprächt Ihr von meinem Sohne. Und wahrlich, fast darf ich ihn mit Recht so nennen; denn nach seiner Mutter Tode war er ja mehr und lieber bei uns als bei seinem Vater heimisch, bis ihn der ewige Unfriede mit diesem endlich von dannen trieb: es sind jetzt gerade vier Jahre.«

Jener erzählte nun mit kurzen Worten verschiedenes aus Leuthold's Leben, wie er damals Dienste genommen bei den Schweden, die in Polen standen; wie das Glück ihm gar besonders wohlgewollt, daß sein Oberst ihn liebgewonnen, und König Karl ihn endlich selbst in der Schlacht bei Clissow Herr Balthasar hat hier wahrscheinlich die gewöhnliche Redensart der Franzosen im Sinne: il a fait l'impossible, je erai l'impossible etc. bemerkt und ausgezeichnet, wie er ihm, dem Erzähler, einen hochwichtigen Dienst erzeigt, und dieser der Grund ihrer Bekanntschaft geworden, wie er dann in allen ihren Gesprächen stets mit großer Liebe seiner Heimath gedacht und sich gesehnt, noch einmal dahin zurückzukehren, und wie er endlich bei der Reise in diese Gegend ihm das Wort abgenommen, die alten Freunde heimzusuchen und seiner theuren Jugendgespielin Elisabeth ein Zeichen seines, noch immer freudig und sehnsüchtig fortlebenden Andenkens, zu bringen.

Hierbei überreichte er der Hocherröthenden einen schönen Ring und bat, ihn selbst an ihren Finger stecken zu dürfen. Elisabeth sah ihre Mutter an; Frau Gertrud nickte freundlich bejahend. Der Fremde ergriff des Mädchens Hand mit großer Hast. Da sie ihm darüber in's Gesicht schaute, ward ihr fast unheimlich zu Muthe, denn ein gar seltsam triumphirendes Lächeln zuckte um seinen Mund, und aus den tiefliegenden Augen schoß es wie zwei dunkle Flammen. Der Ring brannte ihr am Finger, als wär' er glühend; sie hätte ihn gern wieder abgezogen, allein sie wagte es nicht.

Willbrand sowohl als seine Frau bemerkten nichts von ihrer Unruhe, denn das Herz war ihnen aufgegangen bei der Erinnerung an ihren Liebling, und des Hin- und Herfragens und Erzählens ward kein Ende. Der Förster hieß die letzte, lange aufgesparte Flasche Wein aus dem Keller bringen; doch der Gast gab es nicht zu, sondern holte selbst aus seinem Waidsack eine große Korbflasche voll feurigen Ungarweins herbei, schenkte die Gläser voll und munterte zum Trinken auf. Willbrand that fleißig Bescheid. Der edle Rebensaft schien leicht hinwegspülend jede Sorge von seinem Herzen, jedes schwere Bewußtseyn von seiner Seele zu heben; er ward mit jedem Glase munterer und fing an, allerlei Schwänke und lustige Jägerstücklein auf die Bahn zu bringen.

Der Fremde lenkte das Gespräch bald auf das Gebirge, an dessen Fuße Willbrands Wohnung stand, auf dessen wunderbare Beschaffenheit, und die Sagen, welche davon noch beim Volke umgingen. Hier wußte nun Willbrand gleichfalls vielerlei zu erzählen; der Andere hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Doch plötzlich stockte Jener in seiner Rede, schaute starr vor sich hin und ein finsterer Schatten zog über seine, von Wein und Gespräch freudig belebten Züge.

»Was ist Euch?« rief der Gast: »Habt Ihr Furcht vor Euren eigenen Worten? Sprecht weiter. Ich habe große Lust an solchen Dingen. Je grauser, desto besser!«

Er schenkte ihm bei diesen Worten das Glas wieder voll; Willbrand ergriff es hastig und leerte es auf einen Zug. »Nun ja,« rief er – »Ihr habt wohl recht, ich bin ein Narr und fürchte mich vor meinen eigenen Worten. Es sind freilich nur Worte, es ist ein Gespräch beim Glase Wein, es ist hier im Zimmer, hier innen, daß wir sprechen. Draußen aber bei nächtlicher Weile, wenn Käuzlein, Wald und Bergstrom ihre heisern Stimmen mit drein geben, oder etwa gar am See dort drüben im Gebirge, wenn die dunklen Wellen so schaurig an das Ufer klatschen und die Felsen ringsum jedes leise Wort vielfach zurücksprechen, als wollten sie es der Wasserfei berichten, die drunten haust in dem tiefen, schwarzen Wasserschlunde; da möcht' ich Euch freilich solch Gespräch nicht rathen, lieber Herr – glaubt mir, ich kann's Euch sagen – es ist etwas Entsetzliches um solche Reden, und leicht webt Ihr aus Euren eignen Worten Euch ein Netz um's Haupt, das Euch hinunterreißt zur Hölle!«

»Eben recht, daß Ihr des Bergsee's gedenkt!« rief der Andre: »Da laß ich Euch nicht los; denn dahin steht mein Sinn vor allem.«

Willbrand aber schien nicht auf ihn zu hören, hatte die Arme auf den Tisch gestützt und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen.

Da nahm Frau Gertrud das Wort und erzählte dem Gast, wie nicht gar weit von hier, doch tief im Gebirge, ein See gelegen sey, beinah' ringsum von mächtig hohen, schroffen Felsen umgeben, dem Anschein nach von ganz schwarzer Farbe, obwohl das Wasser hell und klar, und habe dessen Tiefe auch kein Mensch zu ergründen vermocht. Von diesem See nun gehe die Rede, daß darin eine Hexe oder Wasserfei ihr Wesen treibe, und, die Schätze hütend, die in dem Grunde liegen, wohl Manchen schon an sich gelockt, der dann verschwunden sey auf immer. Sie wolle die Wahrheit oder Unwahrheit davon anheim gestellt seyn lassen; doch sey so viel gewiß, daß oft bei stillem Wetter der See anfange zu brausen und zu wogen, man wisse nicht, woher noch warum, oft bei heiterem Himmel aus seinem Spiegel plötzlich dichte Wolken emporstiegen, aus welchen dann ein gräßliches Ungewitter mit Donner, Blitzen, Sturm und Hagel über die umliegenden Thäler losbreche, und möge solches Naturspiel vielleicht überhaupt den Grund zu jenem Mährlein gelegt haben.

»Ja, ja, erklärt nur immer alles fein natürlich!« sprach Willbrand mit dumpfer Stimme. »Das hast du von dem Pfaffen drüben gehört. Erklärt nur immer zu, und nennt Lügen und Mährlein, was ihr nicht begreifen könnt! Hättet ihr, wie ich, um Mitternacht am See gestanden; hättet ihr's gemacht wie ich, drei Steinlein und drei Worte in das Wasser hinabzuschicken, und hättet gesehen, wie es anfing zu kochen und zu brausen, und die wundersamen Nebelbilder daraus empor ringelten, und wie die Wasserfei – hu! mich friert, gebt mir noch ein Glas von Eurem Weine! Ich sag' Euch, Herr, es ist kein Mährlein, ich habe das Wasserbild sehen sitzen mitten auf dem See, ich habe ihre Stimme gehört durch Sturm und Donner – noch gestern erst, gestern Nacht, Herr! – Wenn Euer Wein nicht mächtig wäre in mir, ich müßt' erstarren vor Grausen noch jetzt, da ich's Euch erzähle.«

Er stürzte sein Glas aus und rückte vertraulich dem Fremden näher, der frisch einschenkte. Gertrud sah ängstlich auf ihren Mann, und dann ihre Tochter an. Elisabeth horchte mit gespannter Aufmerksamkeit.

»Schaut nun,« begann Willbrand von neuem – »es soll vor Alters ein Herzog oder Fürst dieser Gegend gewesen seyn, dem sich die Wasserfei zu Liebe ergeben, und der mit ihr solchergestalt vertrauten Umgang gepflogen viele Jahre. Als er endlich schon greis und alt zu werden anfing, trug es sich zu, daß seine eignen Söhne, denen nach der Herrschaft gelüstete, ihn mit Krieg überzogen, sein Heer schlugen in großer Feldschlacht, und, da er mit genauer Noth auf flücht'gem Roß entronnen, einen Preis setzten auf des Vaters Leben und ihn belagerten in seiner Burg. – Da nun der alte Fürst wohl merkte, daß auch die Wenigen, die noch bei ihm ausharrten, bald abfallen würden von ihm und ihn verrathen, belud er seine Diener und Sklaven in einer Nacht mit allen seinen Schätzen, vorgebend, daß er einen Vertrag geschlossen mit seinem jüngsten Sohne, und zog mit ihnen durch einen unterirdischen Gang, der sich in's Gebirge öffnete, in aller Stille aus der Burg, gerade nach dem schwarzen See. Und als die Diener alle auf sein Geheiß hinabgestiegen waren in das Felsenthal, fing das Wasser an sich zu erheben mit Macht, und trat wüthend über seine Ufer und verschlang die Diener allesammt, mit all' den Schätzen, die sie trugen. Der alte Fürst aber, da er solchergestalt seine Gut geborgen sah, sagte er dem Leben Valet, und stürzte sich von der Klippe, auf der er stand, gleichfalls hinab in den See, der Liebsten in die Arme, die ihm eine Ruhestatt bereitete in der dunkeln Tiefe. Da sitzt sie nun seit mehr als tausend Jahren, und hütet das Grab des Geliebten und seine Schätze. Wenn aber einer kommt, der sich los und ledig gemacht hat von allem, was sein Herz und seine Hand bindet auf Erden und sich ihrem Dienste ganz ergiebt, und zum Zeichen dessen einen goldenen Fingerreif, den ihm der Priester vor'm Altare an die Hand gesteckt, um Mitternacht hinabwirft in den See, so wird sie demselben hinwiederum zu Willen seyn, in Allem, was er begehrt und ihm freie Macht geben, zu schalten über alle ihre Schätze.«

Der Fremde, welcher der Erzählung Willbrands mit der größten Spannung und merklicher Unruhe zugehört hatte, sprang jetzt auf, seine Augen flammten: »Um Mitternacht?« rief er: »Wie weit ist es von hier nach dem See?«

»Zwei Stunden etwa,« entgegnete Willbrand – »wenn Ihr gut zu Fuße seyd.«

»Nun wohl,« fuhr Jener fort – »so bitt' ich Euch, beschreibt mir ein wenig den Weg, den ich von hier zu nehmen habe.«

Willbrand starrte bestürzt und erschrocken an ihm hinauf. Gertrud schlug die Hände zusammen und rief: »Wie? Ihr wollt doch nicht? – Ihr wollt doch jetzo nicht, – zu dieser Stunde?«

»Wohl will ich es,« sprach der Fremde – »und jetzt zu dieser Stunde. Jetzt bin ich gerade wohl gelaunt zu solchem Abenteuer. Beschreibt mir schnell den Weg! Ich muß die Wasserjungfer kennen lernen.«

Willbrand sprang gleichfalls empor und rief, indem er den Fremden beim Arm erfaßte: »Ich rath' Euch Gutes, Herr! Laßt ab davon! Ihr werdet und sollt es nimmermehr vollbringen. Die Schätze dort drüben warten nicht auf Euch.«

Der Fremde sah ihn an, und lachte voll Ingrimm. »Gebt Euch nur keine Mühe!« sprach er: »mein Wille ist in guter Schmiede gemacht. Ich will und muß hinüber und noch heut. Mögt Ihr mir den Weg nicht zeigen, nun so find' ich ihn wohl allein. Gehabt Euch wohl!«

Er griff bei diesen Worten nach seiner Jagdtasche und seinem Gewehr, und wandte sich zum Abschied. Willbrand aber sprang nach der Thür, sich ihm in den Weg stellend; sein Gesicht glühte von Wein und Zorn, seine Augen rollten fürchterlich, seine Lippen bebten. »Halt!« schrie er ihm zu: »nicht von der Stelle! Ich lasse Euch nicht.« – Der Andere blieb ruhig vor ihm stehen, und schaute ihn eine Weile an. »Du Thor!« begann er endlich: »was begehrst du denn? Du kannst den Schatz ja doch nicht heben. Dir sind ja Herz und Hand gebunden; du hast Weib und Kind!«

Willbrand schlug die Augen zur Erde und sprach dumpf: »das ist nicht deine Sorge. Kein Knoten ist zu fest, er kann gelös't oder – zerschnitten werden. Wer mag das wissen! Weiß doch kein Morgen, was der Abend im Schilde führt. Die Wasserfei ist meine Braut, und ich duld' es nicht, daß du ihrer begehrst.«

Da ergriff ihn der Fremde plötzlich mit gewaltigem Arm, schleuderte ihn weit hinweg von der Thüre, und schritt gelassen hinaus. Willbrand stand einen Augenblick ohne Regung, dann stürzte er wüthend nach der Wand, wo das Jagdzeug hing, riß eine Büchse herab und wollte Jenem folgen. Doch lautschreiend warfen Gertrud und Elisabeth sich ihm in den Weg, und hielten ihn mit Gewalt zurück. »Laßt mich los!« schrie er – »ich muß ihm nach! Es geht um sein oder mein Leben.« Man vernahm draußen die Stimme des Fremden, der dem Jägerburschen befahl, das Thor zu öffnen. »Laßt mich los!« schrie Willbrand noch ein Mal, »oder es geht zuerst an euer Leben! Ihr seyd es ja ohnedieß, die zwischen mir und meinem Glücke stehen. Ihr müßt doch fort!« – Da ließ Gertrud ihre Arme sinken, wandte sich ab und verhüllte ihr Gesicht; Elisabeth aber warf sich vor ihrem Vater nieder, und umstrickte weinend seine Kniee nur noch fester.

»Willbrand! Willbrand! rief Gertrud im höchsten Schmerz: »So weit ist es mit dir gekommen! Hab' ich das um dich verdient?«

Sein Blick senkte sich nieder auf das in Thränen schwimmende Gesicht seiner Tochter, die flehend zu ihm emporschaute. Er machte sich sanft von ihr los, hob sie empor und setzte sie auf einen Stuhl, der in der Nähe stand. Keines sprach ein Wort. Es war eine bange Stille. Endlich begann Willbrand leise, wie zu sich selbst sprechend: »Wo denn? wo denn? So zeig' mir doch, wohin? Wo ist denn ein Ausweg?« Und nach einer Weile sich zu seiner Frau wendend: »Schafft Geld!« fuhr er fort – »schafft Geld! Sonst sind wir allesammt verloren!«

Die Försterin ging schnell nach einem Wandschrank, holte daraus ein saubres Kästchen hervor, stellte es auf den Tisch und schloß es auf. »Das war für die höchste Noth aufgespart;« sprach sie weinend – »ich dacht' es nie zu brauchen; nimm und verkauf'! Ich will nicht weiter fragen.«

Willbrand warf einen trüben Blick auf den silbernen Becher und die gehenkelten, goldenen und silbernen Schaustücke, die in dem Kästchen lagen. Elisabeth zog ihren Ring vom Finger und legte ihn schweigend oben drauf. »Ach wenn das nur helfen könnte!« seufzte Willbrand. »Doch– rief er plötzlich aus und sprang empor – »wenn ich noch ein Mal – nur ein Mal noch – wer weiß – das Glück hat Launen. Ja, noch ein Mal will ich es versuchen. Zum letzten Mal! Betet nur fleißig! Ich komme bald wieder.«

Er raffte mit diesen Worten alles zusammen und steckte es zu sich; den Ring aber, welchen Elisabeth dazu gelegt hatte, schob er zurück. »Wo willst du hin, Willbrand?« rief Gertrud. »Nach der Stadt!« entgegnete er. »Es ist der letzte Gang, den ich mit dem Glück mache. Betet, betet für mich und für Euch! Ich komme bald wieder.«

Er ging mit schnellen Schritten zur Thür hinaus. Die Zurückbleibenden sahen ihm schweigend nach; dann sank Gertrud auf ihre Kniee und hob in inbrünstigem Gebet Augen und Hände zum Himmel auf; Elisabeth kniete gleichfalls nieder und betete. Und als sie geendet, legte die Tochter schweigend das Haupt an ihrer Mutter Brust, und beide weinten mit einander.

2.

Der Himmel erglühte in Westen; die Berge warfen lange Schatten vor sich hin. Elisabeth saß einsam auf einem waldigen Hügel seitwärts von der Försterei, und schaute hinaus in das weite Thal am Fuß des Gebirges, welches der Abend mit seinen reinsten Lichtern schmückte.

Willbrand war seit mehrern Tagen abwesend und hatte nichts von sich hören lassen. Ihr Herz war voll Sorge und trüber Ahnung.

Die Bergschatten streckten sich immer länger; immer röther erglühten die Gipfel. Aus den nächsten Dörfern schwebte der friedliche Schall der Abendglocke zu ihr herauf; und wie der laue Wind aus Westen, der leise flüsternd an ihr vorüber strich, zog eine stille Wehmuth durch ihre Brust; in das bange Gefühl der Gegenwart mischte sich die Erinnerung heiterer Vergangenheit; im frischen Morgenglanze lag ihre Kindheit vor ihr; ihr früh gestorbener, geliebter Bruder, und Leuthold, ihr Gespiele, winkten ihr liebreich zu, und da sie an diesen dachte, stellte sich, sie selbst überraschend, das Bild des fremden Jägers dazu, der ihr den Ring gebracht. Aber sie standen alle in weiter, weiter Ferne, sie konnte die freundlich dargebotenen Hände nicht fassen, und indem ihr Blick sich schmerzlich auf ihr jetziges Leben zurückwendete, kam sie sich unbeschreiblich einsam und verlassen vor.

Jenseit der Schlucht, in welcher die Försterwohnung lag, fiel ihr eben auf dem hohen Gebirge eine Stelle in's Auge, die sich durch zwei, hoch von Steinen aufgethürmte Hügel, weithin auszeichnete. Hier sollte, nach der Sage, eine Mutter mit ihrer Tochter gestorben seyn, die beide, durch ein Ungewitter im Gebirge von einander getrennt, nach dreitägigem Umherirren sich endlich auf dieser Stelle wiederfanden, im Augenblick ihres Zusammentreffens aber vom Tode überrascht wurden. Die Hinterbliebenen häuften die Gedächtnißhügel von den umherliegenden Steinen auf, und noch jetzt ging Niemand dort vorüber, ohne einen Stein dazu zu legen.

Ein Lied auf diese Begebenheit, welches Elisabeth in früheren Tagen oft gesungen, regte seine wehmüthigen Klänge in ihrem Innern auf; sie erschien sich selbst, wie das verlassene Mädchen, und leise hob sie an zu singen:

Mutter hat ihr Kind gelassen
In den Bergen, weit vom Haus.
Will der Tag doch schon erblassen,
Und der Sturmwind macht sich aus!
Mutter, wer wird bei ihm seyn,
Bricht die wilde Nacht herein?

Horch, wie heult es in den Lüften!
Sieh, zum Strom wird jeder Bach!
Bergesstimm' aus Wald und Klüften
Wird mit tausend Schrecken wach.
Mutter, Mutter, saust der Wind,
Hörst du nicht dein armes Kind?

Ach, voll Angst und bittrer Schmerzen
Sucht's die Mutter überall,
Irrt wohl über Berg und Thal,
Wohl drei Tage hin und her,
Ach, und findet's nimmermehr!

Doch als sich der dritte neiget,
Mutter, schau, an Berges Höh',
Schau, was hoch sich dorten zeiget,
Weiß, wie frisch gefallner Schnee!
Mutter, dort im Abendschein
Leuchtend steht dein Töchterlein!

Wiederfinden, Himmelsfreude!
Trennung, allzubittre Pein!
Vater, Vater, laß uns Beide
Nimmermehr getrennet seyn!
Und Gott hört sie: sonder Schmerz
Bricht die Freude Beider Herz.

Pilger, schau, im Abendstrahle,
Leuchtend wie der frische Schnee,
Ragen hoch die Todes Male
An des dunkeln Berges Höh'.
Führt vorüber dich dein Lauf,
Leg' auch einen Stein darauf.

Sie konnte das Lied nicht ohne Thränen endigen; in schmerzlicher Sehnsucht breitete sie ihre Arme aus in die Luft, und gern hätte sie auch in diesem Augenblick ihre geliebte Mutter umfassen und mit ihr sterben mögen.

Da rauschte es in den Gebüschen, und als sie sich wandte, sah sie die hohe Gestalt des fremden Jägers vor sich stehen. Erschrocken sprang sie auf. »Elisabeth!« sprach der Fremde sanft und trat ihr näher: Sie wollte fliehen. »Elisabeth!« sprach er noch ein Mal und noch sanfter. Sie sah ihn an. Es waren nicht mehr die finstern, strengen Züge, die sie gestern mit heimlicher Scheu vor ihm erfüllt hatten; die dunkeln Augen blickten so mild; sein ganzes Antlitz war nur eine still bescheidene Bitte. Sie stand und fühlte ihr Herz in heftiger Bewegung schlagen.

»Warum wollt Ihr mich fliehen?« begann er. »Schon seit zwei Tagen treibt mich die Hoffnung, Euch zu sehen, ohne Rast um Eure Wohnung her. Ihr habt mich an Euch gebannt, Elisabeth, und mögt nun zusehen, wie Ihr meiner wieder ledig werdet.«

Elisabeth schlug erröthend die Augen nieder und sprach mit leiser Stimme: »Wißt Ihr nichts von meinem Vater?« Der Fremde schüttelte verneinend den Kopf. – »War't Ihr am schwarzen See?« fuhr sie fort. – Er sah sie lange schweigend an, dann faßte er ihre Hand und rief: »Könnt Ihr mir vergeben, daß ich ein Thor war? Wer, der Euch gesehen hat, darf sich vermessen, daß er freien Herzens sey? – Ja, ich war am schwarzen See, noch in derselben Nacht, da ich bei Euch gewesen; ich hatte schon drei Steine hinabgeworfen und die Wasserfei gerufen; das Wasser fing an zu brausen und zu kochen, und schon hatte ich diesen Fingerreif in der Hand, um ihn hinabzuwerfen und mich ihr zum ewigen Dienst zu weihen; da in dem Augenblick zerriß die Binde des Wahnsinns um meine Stirn; es war, als ob eine unsichtbare Hand mich bei den Haaren zurückzöge von dem steilen Ufer, und als ich in die Höhe schaute, sah ich Euer Bild mitten in den grauen Nebeln, die aus dem See stiegen; ja, Ihr war't es leibhaftig und schwebtet über dem höllischen Spuk, wie mein schützender Engel. – Und da fühlte ich es klar und deutlich, wie mein Herz ja schon seit dem Augenblick, da ich Euch gesehen, nicht mehr frei gewesen, und fühlte es mit Entzücken und mit Schmerz, wie die Liebe, die so lange schon heimlich darin gewohnt, jetzo siegend und triumphirend ihren Einzug hielt, und alles Irdische und Unheilige hinaustrieb aus ihrer Wohnung. So ließ ich mich denn auch nicht irren durch alle Gaukelei um mich her, und hörte nicht, was die heisern Stimmen aus den Klüften und Felsenrissen flüsterten und krächzten, sondern rief: »Weiche von mir, du Macht der Hölle! Nicht dir hab' ich mich ergeben, sondern dem Himmel; du hast fürder keinen Theil an mir! – Und so eilte ich rasch, ohne mich weiter umzusehen, den Berg hinab. Ein gräuliches Ungewitter tobte hinter mir her; links und rechts krachten die Fichtenstämme neben mir nieder; zornig aus ihren Ufern tretend, warfen sich die Gebirgswasser in meinen Weg; aber die Gedanken an Euch gaben mir übermenschliche Kräfte, denn Gottes Hand war sichtlich über mir; so kam ich durch.«

Während er so sprach, stand Elisabeth in großer Bangigkeit und Verwirrung; sie wagte es weder ihn anzusehen, noch ihre Hand aus seiner zu ziehen, und als er jetzt schwieg, war sie keines Wortes mächtig.

»Ja, Gottes Hand war über mir;« fuhr er fort, – »er wollte sein Werk nicht unvollendet lassen. Ihn erbarmte meines irren Lebens und der Gefahr meiner Seele – denn ach! Elisabeth, ich stand an einem Abgrunde, der fürchterlicher ist, als jener schwarze See – und siehe! er sandte mir in der Liebe zu Euch sichtbar seinen rettenden Engel. –

Stoßt diese Liebe nicht von Euch! Alle meine Hoffnung diesseits und jenseits hängt an Eurem Worte. – Schon bei meinem ersten Besuche bei Eurem Vater sah ich Euch, ohne daß Ihr mich sah't; die Reinheit Eurer Seele, die Hoheit Eures Geistes entging mir nicht – denn wie in einem aufgeschlagenen Buche lieset mein Blick in der Menschen Brust – und sie trafen mich wunderbar. Wie ein Blitz durchzuckte mich die Ahnung, daß mein bisheriger Weg nicht der rechte sey; daß ich nur mit Euch verbunden das Höchste erringen könne, was das Leben bietet. Noch ein Mal zwar, in jener Nacht bei Eurem Vater, siegte das Böse über mich, allein zum letzten Male. Hier auf dieser Stelle entsage ich von nun an dem finstern Treiben, das mein Gemüth bis jetzt erfüllte, und weihe mich dem Himmel und dir!«

Seine Stimme war laut und stark geworden bei den letzten Worten.

Elisabeth hob den Blick auf ihn, doch vor dem Strahl her Liebe, der siegend und gewaltig aus seinen Augen brach, senkte sie ihn schnell wieder, und indem sie bebend ihre Hand der seinigen entzog, fiel er auf den Ring, den sie am Finger trug. Da stand plötzlich das Bild Leuthold's, des trauten Jugendgespielen, vor ihr, streckte die Hände flehend nach ihr aus und schaute sie aus den blauen Augen so wehmüthig an. Schnell hielt sie die Hand mit dem Ringe dem Fremden entgegen und rief: »Seyd Ihr Leuthold's Freund?«

Er verstummte einen Augenblick; sein Gesicht verdüsterte sich. »Wohl, ich merke,« sprach er endlich mit Bitterkeit, – »was Ihr mit dieser Frage wollt. Ja, ich bin sein Freund! er hat sein Leben für mich gewagt, und ich bin jeden Augenblick bereit, es wieder für ihn auf's Spiel zu setzen, doch Euch entsagen, das werde ich nie! Nur Euer Wort entscheidet mein Loos, meines Lebens Glück, meiner Seele Heil. Er liebt Euch; wohl! ich auch. Kein früheres Versprechen bindet Euch an ihn; ich weiß es; Ihr seyd frei. Selbst dieser Ring spricht nicht für ihn, er spricht für mich, Elisabeth; denn mein Ring ist es, den Ihr tragt.«

»Nicht von Leuthold?« stammelte Elisabeth.

»Nein, nicht von ihm!« rief er mit starker Stimme, – »das war nur ein Vorwand, Elisabeth, den du meiner Liebe vergeben magst. Von mir hast du den Ring! mit ihm hab' ich dich zu meiner Braut geweiht, du Herrlichste deines Geschlechts, und mir gehörst du an. Drei Tage und drei Nächte hast du ihn getragen; die geheime Kraft der Zeichen, die du auf ihm eingegraben siehst, hat still ihr unsichtbares Netz um dich gewoben; du kannst nicht mehr entfliehen. Du bist mein! du mußt mein seyn! und Fluch und Verderben Jedem, der mir dich entreißen wollte!«

Elisabeth sah zitternd zu ihm empor; seine Wangen, vom letzten Abendstrahl noch höher geröthet, brannten in dunkler Glut, seine Augen standen wildlodernd darüber, wie zwei Unglück verkündende Sterne. Sie erbebte im Innersten ihres Wesens; und da er in diesem Augenblick auf sie zuschreitend, sie mit seinem Arm umschlingen wollte, entriß sie sich ihm mit Macht, und eilte in rascher Flucht den Berg hinab. – Sie hörte seine flehende Stimme hinter sich, sie vernahm seine Fußtritte, die ihr folgten; doch des Weges besser kundig und begünstigt von der einfallenden Dämmerung, gewann sie den Vorsprung, und erreichte das Haus, wo sie bleich und athemlos zu den Füßen ihrer Mutter sank.

3.

Es war am Abend des folgenden Tages spät, da saßen Mutter und Tochter noch bei einander im stillen Gemach und harrten, wiederum vergeblich wie es schien, auf Willbrands Rückkehr. Das Gespräch, welches die ängstliche Erwartung, die ihnen die Brust zusammenpreßte, schon längst nicht recht hatte aufkommen lassen, war jetzt gänzlich verstummt; man hörte die Kerze knistern, die auf dem Tisch stand; der Perpendickel der Wanduhr rechnete ihnen mit seiner heiseren Stimme leise und bedächtig die Augenblicke vor, die nicht mehr wiederkamen.

»Wieder nicht!« seufzte endlich Frau Gertrud, als die Uhr elf schlug. »Und auch Georg kehrt nicht zurück und bringt eine Nachricht!«

Elisabeth erschrack vor der Stimme ihrer Mutter. Sie fuhr empor, schlug das Buch zu, welches vor ihr lag, und schaute mit verstörten Blicken umher. Seit dem gestrigen Gespräch mit dem Fremden, war aller Friede von ihr gewichen; sie fühlte sich in ihrem Innern höchst verworren und zerrissen; nicht ohne Scheu und heimliches Grauen konnte sie des Fremden gedenken, und dennoch wollte sein Bild nicht aus ihrer Seele. Noch immer stand im rothen Abendscheine die hohe Gestalt vor ihr, als fühlte sie noch die dunkle Glut seiner Augen in ihrem Herzen brennen; noch immer hörte sie seine Stimme, die ihr so flehend nachrief, und zu gleicher Zeit sah sie Leuthold's Bild in der Ferne, das bittend seine Arme nach ihr ausstreckte, mit Gewalt wollte sie sich abwenden von Jenem, aber es gelang ihr nicht. Vergebens flüchtete sie zu ihrem Gebetbuche, in dem sie so oft Trost gefunden; dies Mal vermochte sie die wildschweifenden Gedanken nicht zu sammeln, keine wahre Andacht erquickte ihr Gemüth, keine Ruhe kam in ihre Brust, und mit Entsetzen mußte sie sich des unsichtbaren Netzes erinnern, dessen der Fremde gedacht, von des Ringes geheimen Kräften um sie her gewoben, aus welchem kein Entrinnen sey.

»Er kommt wieder nicht, Elisabeth!« wiederholte Gertrud, als die Uhr von neuem eine verflossene Viertelstunde anzeigte.

»Ach!« rief Elisabeth hastig, – »wär' er doch nie gekommen!«

Gertrud sah sie verwundert an, und schüttelte den Kopf: »Von wem sprichst du, mein Kind? Noch immer sind deine Gedanken bei ihm? Ich meinte deinen Vater.«

Elisabeth schlug die Augen nieder. »Nun ja,« hob sie nach einer Weile an, – »wer weiß – mir graut vor seiner Rückkehr nicht minder. Es drückt mich eine böse Ahnung. Möge Gott sich erbarmen, daß sie uns nicht ausgeht!«

Beide schwiegen wieder. Eine Eule hatte sich unterdessen vor dem Fenster auf die Gartenmauer gesetzt und krächzte eine gar traurige Weise. Gertrud sah ihre Tochter an; diese aber schien nichts zu hören. Sie hatte die Augen starr auf einen Fleck gerichtet, ihre Lippen bewegten sich, als ob sie mit sich selber spräche, auf ihren Wangen wechselte Glut und Blässe, so daß Gertrud endlich aufstand, und, sie besorgt bei der Hand fassend, sich neben sie setzte. Sie bemerkte es nicht.

Nach einer Weile fing sie leise und hastig an zu sprechen: »Das Wasser kommt – es kommt immer näher! Siehst du die Wasserwand? Sie wälzt sich in die Schlucht herunter. Nimm das blanke Schwert weg! Wirf es hinaus ins Wasser! Mir graut davor. Das gilt dir, Mutter! – Weh! da stürzt die Wasserwand herein – alles im See, rettet Euch!«

Sie sprang in die Höh' und wollte ihre Mutter mit sich fortziehen. »Elisabeth! mein Kind!« rief diese ängstlich, – »was hast du vor? besinne dich! du bist bei mir, du bist bei deiner Mutter!« Da wandte sie sich, sah ihre Mutter an und legte die Hand an die Stirn: »Wo bin ich denn?« sprach sie verwundert: »Ich habe wohl geschlafen, und mir hat geträumt? Das war ein seltsamer Traum, Mutter; das waren wunderliche Bilder. Fühle, wie mir das Her, klopft!«

Indem trat Heinrich, der Jägerbursche, herein. Er brachte die Schlüssel des äußern Hofthores. »Es muß heut',« hob er an, – »wieder einmal etwas gar besonderes los seyn im Gebirge. Ich habe dem Wesen wohl schon ein Stunde zugehört. Das ist ein Sausen und Heulen und Krachen da oben, daß einem ganz unheimlich wird draußen in der pechfinstern Nacht. Dabei ist es so still, so bang' hier unten, kein Lüftchen regt sich; und doch rauscht es dann und wann heftig durch die Blätter, recht als ob die alten Bäume selber sich schüttelten vor heimlichem Grauen.«

Gertrud faltete ängstlich die Hände und sprach: »Das bedeutet sicherlich wieder ein schweres Ungewitter. Wenn es ihn nur nicht unterwegs trifft!«

Sie hatte kaum ausgesprochen, als ein starkes Pochen an der äußern Thür sich vernehmen ließ. »Das ist er!« rief sie: »Ich kenne es am Klopfen.«

Heinrich eilte hinaus. Gertrud wankte nach dem Fenster. Sie vernahm ihres Mannes Stimme, der mit dem Burschen sprach. Der letztere kehrte nach dem Hause zurück, warf Büchse und Jagdtasche über, und verließ dann eilig den Hof. Willbrand verschloß und verriegelte die Thür hinter ihm.

Gertrud zitterte so heftig, daß sie sich setzen mußte. Elisabeth stellte sich neben sie und faßte ihre Hand. Die Thür flog weit auf; Willbrand trat auf die Schwelle, Haar und Kleider in wilder Unordnung, alle seine Züge verzerrt und entstellt; aus zwei Schrammen an Stirn und Backe floß das Blut, ohne daß er es zu merken schien, über sein Gesicht herab, und vollendete das Gräßliche seiner Erscheinung. Gertrud bedeckte laut jammernd ihr Gesicht mit beiden Händen.

»Nun, Weib!« begann Willbrand mit dumpfer, heiserer Stimme, doch ohne die Augen zu erheben,– »was erschrickst du? was heulst du, Weib? Ich kann das Jammern und Heulen nicht leiden. Schweig still! 's könnt's einer hören; das gäb' Verdacht.« Er trat in die Stube und warf die Thüre zu. Seine Schritte waren unsicher und schwankend. Er lehnte sein Gewehr in die Ecke; den Hirschfänger behielt er an der Seite.

»Ich kann's nicht leiden!« hob er von neuem an, auf und abschreitend. »Ich will ihm ein Ende machen. Ich kann die trübseligen Gesichter nicht leiden. Fort, fort damit! Lustig muß es hergehen. Beim Teufel, lustig will ich seyn! Ich will's. Wer hat etwas dawider? Wer? – Ich hab' es neunzehn Jahr ertragen; nun ist's aus. Ich will um euretwillen nicht am Galgen sterben.« – Er warf sich in den Lehnstuhl und stützte die Stirn in die Hand.

Nach einer Weile fuhr er voll Ingrimm fort: »Ja, wär' der Amtmannssohn dein Mann geworden, was gilt's, der hätte freundlichere Gesichter gesehen! Den liebte sie; mich nahm sie nur, weil's der Vater wollte; vielleicht wohl aus Barmherzigkeit. Sie hat ihn aber nicht vergessen. Ich weiß es wohl. Ich habe die Barmherzigkeit oft fühlen müssen. Weh dir, daß du mich jetzt daran erinnerst, Weib! Ich hab' es neunzehn Jahre ertragen, heute geht's zu Ende! Heut' ist's dein Tod.«

Er sprang empor und näherte sich dem Tische, neben welchem Gertrud saß. Sie schrie auf und sprang gleichfalls von ihrem Stuhle. Elisabeth trat schützend vor sie. Willbrand aber stand plötzlich und betrachtete seine rechte Hand, die voll Blut geworden war; dann trat er zu dem Tische und fuhr langsam mit den Fingern darüber hin, so daß vier blutige Streifen darauf zu sehen waren.

»Schau her!« rief er, – »da steht's geschrieben. Vier Buchstaben – ganz recht. Vier blutige Buchstaben. Kannst du lesen? So stehn sie im Himmel geschrieben, oder in der Hölle – weiß nicht! Doch keines Menschen Hand löscht sie aus. Ich muß. Es steht geschrieben. – Und wer ist denn Schuld daran? Waren es denn nicht eben die trübseligen Gesichter, oh! und die versteckte Barmherzigkeit, die mich aus dem Hause trieben? Ohne sie hätt' ich nicht getrunken, ohne sie hätt' ich nicht gespielt, ohne sie wär' ich nicht zum Diebe geworden. Hei, lustig, lustig, nun geht's immer weiter! Merk' wohl auf, ich will dir was erzählen. Die funfzehnhundert Thaler, die ich dem Grafen bringen sollte für das Holz – merk' auf! – die sind verspielt, verloren – ich mußt' am Galgen sterben, ohne Gnade; wer sollte mich retten? – Nun schau, da hab' ich mich der Wasserfei verlobt im schwarzen See, deinen Ring hab' ich ihr hinuntergeworfen, sie wird mich retten von der Schmach, aber du – du mußt nun, könnt Ihr noch nicht lesen? Da steht's geschrieben, um welchen Preis – Blut! Blut! Mord! Mord! Vier Buchstaben! lest! Es ist Euer Urtheil: Ihr müß't sterben.«

Seine Stimme war laut und gräßlich geworden bei den letzten Worten, seine Augen rollten – er riß den Hirschfänger aus der Scheide, sprang nach der Thür und schloß zu. Gertrud fiel auf ihre Kniee und streckte flehend die Arme nach ihm aus. »Willbrand! Willbrand!« schrie sie bebend mit erstickter Stimme, – »was willst du thun?«

Indem erhob sich draußen ein furchtbares Toben. Der Sturm rasete durch den Wald, der Donner krachte, und zwischendurch brach ein entsetzliches Rauschen vom Gebirge her, das mit jedem Augenblicke näher kam. Willbrand stand horchend. »Sie ist's, sie kommt!« rief er: »Die Wasserfluth begräbt die That, und wäscht das Blut ab von meinen Händen.« – Ein Windstoß schlug an das Fenster und warf einen Flügel auf. Der Sturm heulte durch die Oeffnung. Zu gleicher Zeit wurde ein dunkler Körper hereingetrieben und fiel mitten in der Stube nieder. Gertrud sank mit einem Schrei ohnmächtig zu Boden. – »Heisa!« schrie Willbrand, – »nun kommt die Musik, nun kommen die Gäste, nun geht's zum Tanz!« –

Es war eine große Eule, die der rasende Sturm hereingeworfen hatte. Sie erhob sich zischend und klappend, und umkreis'te, einen Ausweg suchend, mit schwerem Fluge Willbrands Haupt.

»Heult nur und zischt nur!« fuhr dieser fort, – »so geht's lustig! Heisa! Die ganze Welt fängt an sich zu drehen. So ist's recht. Nun wird der Muth auch kommen in die feigen Glieder. Frisch, mein Jäger! Hast du nicht Blut genug vergossen in deinem Leben? Blut ist Blut! Nichts weiter. Frisch, nur zu! Es wird mir dunkel vor den Augen – Nur zu! Spielt wacker auf! Nun gilt's!«– Er schritt taumelnd mit dem geschwungenen Eisen auf Gertruden zu. – Elisabeth, die bisher nur mit ihrer Mutter beschäftigt gewesen war, sprang jetzt in die Höh', erfaßte schnell ein kleines Krucifix, welches auf dem Kaminsims stand, und trat ihrem Vater entschlossen in den Weg. »Halt ein!« rief sie mit starker Stimme, ihm das Krucifix entgegen streckend, – »halt ein, im Namen des Gekreuzigten, im Namen deines Heilandes, halt ein!« – Willbrand starrte sie an.

»Hast du den Muth,« fuhr sie fort, – »im Angesichte deines Erlösers – willst du sein Blut, das er für dich vergossen, ihm mit dem unschuldigen Blute der deinen vergelten? Weiche von ihm, verfluchte Macht der Hölle! dein Sieger ist über dich kommen? in seinem Namen verfluch' ich dich! in seinem Namen gebiet' ich dir: laß ab von diesem, den du bestrickt! gieb ihn frei aus deinen Banden? Und wenn ein blutig Opfer seyn muß, um ihn zu retten: hier ist's, ich bin's, nimm mich!« – Sie fiel auf ihre Kniee. »Hier bin ich, Vater! rette dich! nimm mich – und laß die Mutter leben! Stoß zu! Von deinen Händen schmerzt der Tod mich nicht.«

Diese letzten Worte vernahm Gertrud, indem sie, wieder zu sich kommend, die Augen eben aufschlug; sie sah ihre Tochter zu Willbrands Füßen liegen, sie sah diesen, wie er, in seiner letzten Bewegung erstarrt, noch immer mit dem geschwungenen Eisen vor ihr stand, als wolle er eben den Todesstreich vollführen; in entsetzlicher Angst raffte sie sich schnell empor und schrie, neben Elisabeth auf die Kniee stürzend und ihre Brust entblößend: »Hieher, hieher, du Mörder, in diese Brust! Mein Kind sollst du nicht haben. Mich willst du ja nur. Hieher! Ich will ja gern sterben für mein Kind.« – Als nun aber Willbrand Mutter und Tochter also vor sich liegen sah, Jedes bereit für das Andere freudig in den Tod zu gehen, da lösete der Anblick solcher Liebe plötzlich den feindseligen Wahnsinn, der ihn umstrickt hielt; die Erinnerung überkam ihn, wie er ja einst der Dritte in diesem Liebesbunde gewesen; das starre Herz brach in unsäglicher Wehmuth; aus seiner Hand glitt das Schwert; er stürzte hinzu, hob mit starken Armen Beide zugleich vom Boden empor und wollte voll heißer Sehnsucht sie an seine Brust ziehen. Doch indem seine Augen den ihrigen begegneten, überfiel ihn wieder das entsetzliche Bewußtseyn seiner Schuld; die sonst so geliebten und vertrauten Züge kamen ihm fremd, ja furchtbar vor, er konnte ihren Anblick nicht ertragen. »Nein, nein!« rief er schmerzlich, – »ich gehöre nicht mehr zu Euch!« und sank zu ihren Füßen nieder und umschlang laut schluchzend ihre Kniee.

In diesem Augenblicke rasete das Ungewitter, das eine kurze Zeit geschwiegen, von neuem mit verdoppelter, alles vor sich niederwerfender Wuth heran; in wilden Strömen prasselte der Regen herab, ohne Unterbrechung reihten sich die Blitze an einander; es war, als ob der Himmel, sich in Feuer und Wasser lösend, auf die zitternde Erde niederstürzen wollte; gräßlich heulte der Sturm, das ganze Haus schien zu wanken, die Balken krachten, die Thüren sprangen auf und das furchtbare Rauschen, das sich schon früher hören ließ, schien jetzt ganz nahe, draußen vor den Fenstern. – »Das ist die Wasserwand!« rief Elisabeth. »Sie kommt, sie stürzt herein!« – Sie sprang nach dem Fenster. Da eben brach vor der heranwogenden Fluth die äußere Hofmauer zusammen; im Licht der Blitze sah sie die weißschäumenden Häupter der Wogen, die sich auf das Haus zuwälzten. »Fort, fort.« schrie sie, – »hinauf!« faßte des Vaters und der Mutter Hand und zog sie mit sich zur Thür hinaus. Das Wasser folgte ihnen auf dem Fuße; sprudelnd und wirbelnd kam es auch von der andern Seite ihnen schon entgegen; kaum vermochten sie die Treppe zu erreichen, die nach dem obern Stockwerck führte.

Allein auch hier war nicht lange Sicherheit für sie; die Fluth stieg mit entsetzlicher Schnelligkeit. Schon hörten sie das Wasser wieder dicht unter den Fenstern rauschen. Elisabeth trieb zur letzten Zuflucht unter dem Dache. »Was hilft es!« rief Willbrand, – »es folgt uns auch dorthin. Sie läßt sich ihre Beute nicht entgehen.« – Elisabeth aber zog ihn mit Gewalt die Treppe hinauf; die Mutter folgte.

Der Sturm schien sich zu legen, das Gewitter rollte in die Ebene hinab; doch das Wasser stieg noch immer. Sie hörten, wie es unter ihnen ein Fenster nach dem andern eindrückte.

Willbrand lief verzweifelnd hin und her, und schlug mit der Faust an Brust und Stirn. »So müssen sie dennoch sterben um meinetwillen!« rief er. – Gertrud rang die Hände angstvoll zum Himmel empor. Elisabeth schaute bald hier bald da durch die Dachluken und tröstete dazwischen, das Haus sey fest und stark gebaut und könne wohl noch lange widerstehen; der Tag müsse bald anbrechen, und dann sey ihnen Hülfe gewiß.

Wirklich dämmerte bald darauf im Osten ein heller Streif am Rande des Himmels auf. Elisabeth zeigte ihn freudig ihrer Mutter, und schaute nun aufmerksam über die wogende und wirbelnde Fläche nach den immer lichter hervortretenden nahen Bergen hin, ob sich die Rettung noch nicht zeigen wolle.

An derselben Stunde aber standen dort hinter jenen Bergen, nach welchen Elisabeth hoffend und vertrauend ihre Blicke sendete, zwei Männer auf Tod und Leben einander gegenüber. Die Waldschlucht ertönte von den Streichen ihrer Schwerter; je klarer der steigende Tag jedem die Gesichtszüge seines Gegners zeichnete, desto wüthender entbrannte der Kampf. Und dennoch, als in diesem Augenblick Heinrich, der Jäger, von dem Geräusch herbeigeführt, durch das Dickicht drang und ihnen zurief: »Haltet ein, wer Ihr auch seyd! Jetzt gilt's nicht Todtschlagen, sondern vom Tode retten. Das Thal dort drüben ist zum See geworden; der Förster mit den Seinen muß elendiglich verderben, wenn ihm nicht schleunig Hülfe wird!« – da riefen Beide, wie aus einem Munde: »Elisabeth!« warfen beide zugleich, den Kampf aufgebend, das Schwert in die Scheide, sprangen nach den seitwärts angebundenen Rossen und jagten, ohne ein Wort weiter zu verlieren, den Berg hinauf, über welchen die Straße nach der Försterwohnung lief.

Jetzt hatten sie den Rücken des Berges erreicht; sie hörten das furchtbare Rauschen der Wasserfluth, die der Wald noch ihrem Blick verbarg; es trieb sie zu verdoppelter Hast. – Und jetzt sprengten sie aus dem Walde, und vor ihnen lag die schäumende, wild bewegte Fläche und von dem drohenden Tode rings umgeben, ragte die Försterei nur mit dem Giebel noch daraus hervor. Schnaubend standen die Rosse; zur Rechten und zur Linken flogen die Blicke der Reiter, nach einem Zugang spähend; da zeigte sich an einem Dachfenster der Försterei eine weibliche Gestalt und streckte die weißen Arme ihnen entgegen, und: »Elisabeth!« riefen Beide wieder zugleich und trieben die zitternden Rosse gerade aus hinein in die reißenden Wogen.

Schon längst hatte Elisabeth in dem einen der muthigen Schwimmer, mit hochklopfendem Herzen, des fremden Jägers hohe Gestalt erkannt; jetzt waren sie nahe genug gekommen, um auch die Züge des Andern zu unterscheiden; eben hob er die blauen Augen zu ihr empor, da warf sie lautweinend sich an ihrer Mutter Brust und rief: »Mutter, es ist Leuthold!«

Der Fremde hatte mit seinem größern und kräftigern Pferde dem Gefährten einen Vorsprung abgewonnen und rief nun, dem Hause ganz nahe, Elisabeth zu, sich unverweilt aus dem großen Giebelfenster herabzulassen; doch sie faßte schnell ihre zagende Mutter, zog sie zum Fenster hin, – »erst meine Mutter!« rief sie, und ließ sie mit Willbrands Hülfe in die Arme des Reiters hinabgleiten, der sogleich sein Pferd wendend, den Rückweg antrat; darauf trieb sie ihren Vater, sich mit Leuthold zu retten, der nun eben auch heran drang, und als er sich weigerte, schwur sie mit ernster Entschlossenheit, lieber auf der Stelle hinabzuspringen und vor seinen Augen umzukommen, als ihn hier zurückzulassen. »Erst meinen Vater, Leuthold!« rief sie diesem zu. »Das Haus steht fest. Mir ist nicht bange. Ihr werdet mich schon holen.« – »Elisabeth!« schrie Leuthold, und streckte die Arme nach ihr aus. Willbrand sprang hinab, erfaßte den Schweif des Pferdes und der Strom riß sie Beide mit sich fort. So wie er das Wasser berührte, schien die Wuth desselben sich zu vermehren; mannshohe Wellen drängten sich zwischen ihn und das Pferd und versuchten, ihn loszureißen; doch weder er noch Georg verloren den Muth und die Besonnenheit, und so strebten Beide frisch nach dem Ufer hin.

Drüben jenseit des Wassers hatten sich indeß, von Georg und Heinrich herbeigerufen, viele Menschen versammelt, und der Zulauf ward noch immer größer, mit ängstlicher Erwartung folgten Aller Augen dem verwegenen Beginnen der beiden Reiter; man sah den Förster und seine Frau sich ihren Rettern anvertrauen; man sah diese den Rückweg antreten und muthig kämpfen mit der erzürnten Fluth; man sah Elisabeth mit emporgehobenen Blicken und Händen am Fenster stehen; Angstgeschrei und freudiger Zuruf ward wechselnd in der Menge laut; von manchen Lippen stieg heißes Gebet zum Himmel auf, Georg und Heinrich mit Schrecken gewahrend, daß Elisabeth zurückblieb, fingen sogleich an, mit Hülfe Anderer von einigen umherliegenden Baumstämmen ein Floß zusammen zu setzen, mit welchem sie des Mädchens Rettung unternehmen wollten.

Indeß waren die beiden Reiter näher gekommen; das Pferd Leuthold's schien ermattend nur noch mit Mühe gegen den Strom zu kämpfen, der es immer weiter abwärts trieb, da warf sich Heinrich schnell entschlossen in das Wasser, schwamm hinüber, und das Pferd beim Zügel erfassend, versuchte er, es mit sich fort zu ziehen. Dies, so wie sein und des Reiters Zuruf gaben dem Thier neuen Muth, und bald hatte es festen Grund unter den Füßen.

Alle waren gerettet. Doch Leuthold und der Fremde hatten kaum ihre Rosse einen Augenblick verschnaufen lassen, als sie von neuem sie in die Fluth hineintrieben, die immer wüthender um das Försterhaus herumwogte und wirbelte. »Nehmt Euch in Acht!« rief ein alter Mann ihnen zu, – »der schwarze See kocht über, die Wasserfei will ihr Opfer haben,« – Heinrich bat flehend, doch nur zu warten, bis das Floß vollendet sey, allein sie hörten nichts und schwammen schon mitten in den Wogen.

Leutholds Pferd blieb allmälich zurück, gegen den muthigen Rappen des Andern; immer wilder riß der Strom; das erschöpfte Thier konnte ihm nicht widerstehen; man sah es, trotz aller Anstrengung, immer weiter abwärts treiben, ein Wirbel ergriff es endlich, drehete es herum und es verschwand in den Wellen; sein Reiter mit ihm. Ein Schrei des Entsetzens rang sich aus jeder Brust. Im nächsten Augenblick aber schon erschien Leuthold allein wieder über dem Wasser, und ruderte mit Kraft aus dem Wirbel heraus. Doch war der Zug des Stromes viel zu gewaltig, als daß es jetzt hätte gelingen können, ihm entgegen das Försterhaus zu erreichen. Auch er ward seitab von demselben fortgerissen, bis es ihm endlich in einer beträchtlichen Entfernung davon, gelang, sich an den Zweigen eines hervorragenden Baumes zu halten, und in dem Wipfel desselben wieder festen Fuß zu gewinnen.

Während dieser Zeit sah man Elisabeth mit verzweifelnder Gebehrde von einem Fenster zum andern laufen. Und als jetzt der Fremde, welcher indeß unaufhaltsam und wie durch übernatürliche Macht geradeaus die Wellen durchschnitten, dem Hause schon ganz nahe war und ihr freudig zurief, erschien sie an dem großen Giebelfenster, winkte ihm abwehrend mit der Hand entgegen, und sprang dann plötzlich hinunter in die Wogen.

Sie verschwand sogleich; in einiger Entfernung aber tauchte sie wieder empor, blieb eine Zeitlang auf der Oberfläche, und man konnte bemerken, daß der Strom sie ziemlich in der Richtung nach Leuthold's Baume zu hintrieb. Dann verschwand sie abermals. Leuthold aber sprang sogleich von neuem hinab, und versuchte quer durch den Strom zu schwimmen, und da wollte es das Glück, daß Elisabeth ganz nahe bei ihm zum zweiten Mal auftauchte. Schnell ergriff er sie, als sie eben wieder untersinken wollte, schlang seinen linken Arm um ihren Leib, und ruderte mit mehr als menschlicher Kraft und Gewandtheit einer kleinen Insel zu, die durch einen über das Wasser ragenden Hügel gebildet, nahe vor ihm lag.

Willbrand und Gertrud hatten indeß jenseit, ihre Hände flehend zum Himmel gestreckt, auf den Knieen gelegen. Doch als sie jetzt ihre Tochter in die Wellen springen sahen, sprangen sie beide lautaufschreiend empor, und Willbrand lief mit dem Ausruf: »mein Kind! mein Kind!« gerade in das Wasser, als Heinrich ihn noch erfaßte und flehentlich bat, mit ihm das Floß zu besteigen, das so eben vollendet sey. »Schaut doch nur hin,« fuhr er freudig fort, – »da hat sie ja der wackere Leuthold schon – und seht! da erreicht er mit ihr die kleine Insel – da trägt er sie hinauf! Nun ist's an uns, sie dort zu holen!«

Das Floß ward schnell in's Wasser gebracht. Willbrand sprang sogleich darauf; Heinrich folgte ihm, mit zwei langen Stangen versehen, die statt der Ruder dienen sollten. Doch kaum hatten sie einige Schritte vom Ufer gestoßen, als das Wasser mit zuvor noch nie geschehener Wuth zu toben anfing, aufwogend und schäumend, als würd' es von unterirdischer Glut zum Kochen getrieben. Reißend schnell flog das gebrechliche Fahrzeug dahin.

Das versammelte Volk folgte ihm mit lautem Geschrei am Ufer entlang, bis nach der Gegend, welche der kleinen Insel gegenüber lag. Frau Gertrud ward von Georg und einigen Bauern nachgetragen. Auch der Fremde, welcher indeß glücklich das Land wieder erreicht hatte, sprengte dorthin.

Er kam eben an, als Willbrand und Heinrich gleichfalls in die Nähe der Insel gelangten. Nur mit der ungeheuersten Anstrengung war es ihnen gelungen, sich bis jetzt auf dem Floß zu erhalten. Ein rasender Sturm, der aus den Schlünden des Gebirgs sich von neuem aufgemacht hatte, peitschte die Fluth zu immer wilderer Bewegung. Da sahen Alle, die am Ufer standen, in diesem Augenblick, wie eine hohe, hohe Welle, die drohend aufgerichtet, wie ein gewappneter Mann, hinter dem Fahrzeug her lief, plötzlich es erreichend, über dasselbe hinwegschlug, und den Förster mit sich herunter riß. Eine zweite Welle warf das Floß an die Insel und Heinrich sprang an das Land.

»Ich wußt' es wohl,« sagte drüben der alte Mann zu dem bestürzten Volke, – »ich wußt' es wohl, daß es so enden würde. Die Wasserfei läßt sich ihr Opfer nicht entgehn. Nun aber ist's vorbei.«

Wirklich legte sich von diesem Augenblick an der Zorn der empörten Fluth, und da der Zufluß von oben her gehemmt zu seyn schien, fiel das Wasser, wegen des schnellen Abflusses aus der Schlucht in's Thal hinaus so schnell, daß bald nachher schon mehrere Männer sich an verschiedenen Orten hinein wagten, um den unglücklichen Willbrand aufzusuchen und wo möglich noch zu retten, andere aber sich nach der Insel hinüber begaben, um den dort Ausgesetzten Hülfe zu bringen.

Noch immer lag Elisabeth ohne Bewußtsein. Doch als man sie jetzt hinüber getragen hatte, und dort ihr eine Tragbahre bereitete, sie weiter fortzuschaffen, schien die Stimme ihrer Mutter, die sich lautjammernd an ihrer Seite niederwarf, sie in's Leben zurückzurufen. Sie schlug die Augen auf, und, Leutholden und die Mutter neben sich erblickend, lächelte sie sanft und reichte Beiden die Hand.

Da trat der Fremde heran, welcher bisher starr, mit gesenktem Haupte, den dunkelglimmenden Blick auf das Wasser geheftet, im ernsten Sinnen an sein Roß gelehnt gestanden hatte, reichte Leutholden die Hand, und sprach mit dumpfer Stimme: »Lebt wohl für die Ewigkeit! mit Euch und Eurer Liebe ist ein Höherer. Ich werde sie fürder nicht stören. Mein ist nun die Wasserbraut!« und dann zu Frau Gertrud, ihr einen Beutel voll Gold auf den Schooß legend: »Rettet damit des Todten Ehre! Ich wollte es ihm eher bringen: es hat nicht seyn sollen!« – Darauf wandte er sich, schwang sich auf seinen Rappen und jagte die Anhöhe hinan in den Wald.

Der Leichnam des Försters ward weder heute, da sich das Wasser völlig verlaufen hatte, noch auch bei fortgesetztem Nachforschen am folgenden Tage gefunden. Auch den Fremden hat Niemand wieder gesehen, und da Leuthold allezeit ein hartnäckiges Stillschweigen beobachtete, wenn die Rede auf ihn fiel, so hat auch Niemand je erfahren, wer er gewesen.

An dem Todtenmale Willbrands aber, welches die Landleute nach alter Sitte hoch auf dem Hügel der Försterei gegenüber, errichtet hatten, da wollte noch viele Jahre nachher Mancher in stürmischen Rächten eine hohe dunkle Gestalt sitzen gesehen haben, und die dunkle Erscheinung war in der ganzen Gegend unter dem Namen, »der fremde Jäger« wohlbekannt.

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