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Gutenberg > Carl Wilhelm Salice Contessa >

Erzählungen und Märchen

Carl Wilhelm Salice Contessa: Erzählungen und Märchen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorCarl Wilhelm Salice Contessa
titleErzählungen und Märchen
publisher
seriesC. W. Contessa's Schriften
editorE. von Houwald
yearGeorg Joachim Göschen
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140531
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Der Todesengel

1814

 

Meister Trymms, des Goldschmidts, Haus schaute nach dem freien Platz hin vor dem Dome. Der Wind hatte in der Nacht draußen sein wildes Spiel, heulte durch die Thurmluken und warf den Regen an die Fenster. Maria saß mit Frau Susannen, ihrer Amme, beim Spinnrad und sang:

Der Wind fährt über die Haide
Wohl über ein offenes Grab:
Zwei blutige Herzen voll Leide
Die schaufeln sie dort hinab.

»Was habt ihr denn heute mit euerm traurigen Liede?« unterbrach sie Susanna. »Singt was lustiges, daß die Zeit vergeht.«

Maria hohlte tief Athem. »Mir ist heut so bange,« sprach sie, »als stünd' mir ein Unglück zu.«

»Es ist heut der Sterbetag eurer Mutter,« entgegnete Susanna und blickte nach einem Bilde von Mariens Mutter empor, welches an der Wand hing. – »Da seid ihr von jeher traurig gewesen. Doch denkt auch daran, daß ihr eine Braut seid, so mögt ihr wohl fröhlich werden.«

»Eine Braut, die ihren Bräutigam nicht kennt!« seufzte Maria.

Indem trat Meister Trymm langsam zur Thür herein, stellte die Lampe auf den Tisch und ließ sich schweigend in den Lehnstuhl nieder.

»Was fehlt euch Vater?« rief Maria: »Ihr seht so bleich aus.«

Meister Trymm antwortete nicht, sondern schaute starr vor sich hin. »Wieviel ist es an der Zeit?« fragte er über eine Weile. – »Acht Uhr vorbey!« erwiederte Susanne. – »Acht Uhr!« wiederhohlte er nachdenklich. »Vier Stunden also noch sind diesem Tage gegeben!«

»Wollt ihr nicht zu Nacht essen?« fragte Susanne. »Oder ich sollte wohl sagen, zu Mittag; denn ihr steckt ja seit zwei Tagen wieder ohne Unterlaß in dem geheimen Kämmerlein und vergeßt Essen und Trinken bei euern über- oder unterirdischen Dingen.«

Meister Trymm schwieg eine lange Weile; endlich streckte er die Hand nach seiner Tochter aus und sprach: »Maria, mein Kind, komm' zu deinem Vater!«

Maria stand schnell auf und ergriff die dargebotene Hand freudig, obwohl heimlich verwundert über des Vaters ungewohnte Milde und Freundlichkeit.

»Uns steht heute wichtiges bevor,« hub er hierauf an. »Das Schicksal klopft an unsere Thür; die Zeichen stellen sich wunderbar, doch kann ich nicht erforschen, ob uns zum Heil oder zum Verderben. Allein halt' ich sie mit dem Traum in der vergangenen Nacht zusammen, da ich meinen Tod sichtbar über unsere Schwelle schreiten sah, so kann ich nicht anders glauben, als daß die Sanduhr abgelaufen und heute noch mein Ende nahet. Vielleicht, daß in diesem Augenblick, wo ich mit dir spreche, der Todesengel schon zu meinem Haupte steht!«

Das bange Gefühl, welches Marien schon lange das Herz zusammenpreßte, brach jetzt in Thränen hervor, und die Amme rief: »Was ist das denn heute für ein schwarzer Tag? Beinahe kommt mir selbst ein Grausen an vor eurem Todesengel.«

Da schellte es draußen an der Hausthür. Maria schauderte sichtbar zusammen; Meister Trymm fuhr erschrocken auf, und Susanne nahm zögernd die Lampe und ging, nach dem späten Besucher zu sehen. In dem Gemach blieb's todtenstill, daß man den Holzwurm picken hörte. Die Hausthür ward endlich aufgeschlossen, eine fremde Stimme ließ sich vernehmen, hastige Schritte kamen die Treppe herauf, und Susanne trat herein, einen Brief in der Hand.

»Da kommt euch Nachricht,« rief sie, »von euerm alten Freunde in Braunschweig. Der Bote begehrt, euch selbst zu sprechen.« Und hinter ihr herein schritt ein junger Mann von hohem Wuchs, wohlgekleidet, verneigte sich und sprach zu Meister Trymm sich wendend: »Herzlichen Gruß voraus von euerm werthen Freunde; was sein und mein Begehr an euch ist, das werdet ihr in dem Briefe finden.«

Der Alte brach den Brief, und überlas ihn schnell; sein Gesicht erheiterte sich, seine Augen funkelten, er sprang auf, ging mit großen Schritten ein paarmal hin und her, und las dann wieder. »Das war es also,« rief er aus, »das war's? Nun, Gott sey gepriesen! Ja, das kann wichtig werden. Die Zeichen standen uns zum Heil. Seyd mir willkommen.«

Er hieß Susannen das Nachtessen beschicken, Marien für des Gastes Bequemlichkeit sorgen. »Ihr begehrt bei mir zu arbeiten?« fuhr er dann wieder zu dem Fremden gewendet fort, doch öfters noch in den Brief schauend. »Nun wohl, seht zu, ob's euch bei mir gefällt. Meister Ekkard weiß viel Gutes von euch zu sagen. Ihr seid gern gesehen.«

»Seitdem ich soviel von euern kunstreichen Arbeiten vernommen,« entgegnete der Fremde, »besonders seit ich den goldnen Becher gesehen, den ihr für Herzog Christian gefertigt, hatte ich nirgend Ruhe: ich mußte euch selber kennen lernen.«

»Des werdet ihr nicht sonderlich Gewinn haben,« lächelte der Alte. »An einem rechten Kunstwerk ist allzeit mehr als an dem Künstler selbst. Zudem ist die Zeit schon ziemlich lange vorbey, wo ich mich solchem Treiben einzig ergeben hatte. Kinder vergnügen sich an der Schaale, der reife Verstand sucht nach des Lebens goldnem Kern.«

Indeß sie also sprachen und der Fremde mit Verwunderung des Alten letzte Worte vernahm, ging Maria, ihres Vaters Befehl vollführend, ab und zu, und musterte mit verstohlenen Blicken den späten Gast. Es war ihr, als erhübe sich ein seltsamer Streit in ihrem Innern, sie fühlte sich von ihm zugleich angezogen und zurückgestoßen, und so oft sie das schöne, aber bleiche Gesicht, von dunkeln Locken umgeben, und die düster glimmenden Augen betrachtete, konnte sie sich des Gedankens an den Todesengel nicht erwehren, von dem der Vater erst gesprochen.

Seine Augen hafteten über Tische, wenn er sich unbemerkt glaubte, einigemal auf ihr. Sie fühlte, wie das Blut ihr nach den Wangen stieg und, gleich als erschräk' es vor seinen Blicken, plötzlich wieder nach dem Herzen zurückfloh.

Meister Trymm war zerstreut und eilte, und hatte kaum das Gebet gesprochen, als er Susannen befahl, den Gast, der müde seyn werde von der Reise, nach seinem Schlafgemach zu geleiten. Er aber griff nach dem Schlüsselbund, hieß seine Tochter zu Bette gehen und begab sich nach dem Laboratorium.

Der Freund in Braunschweig war auf höchst wichtige Entdeckungen und in der That dem ächten grün und güldischen Löwen auf die Spur gekommen, wie er dies vermöge ihres Vertrags und ihrer Freundschaft in dem Briefe mitgetheilt, und Meister Trymmen brannte das Herz vor Verlangen, die Wahrhaftigkeit jener Versuche durch den Schmelztiegel zu erproben, und vielleicht selbst das Werk zur Auferstehung zu bringen.

Als Frau Susanne von der Begleitung des Gastes zurückkam, floß ihr Mund über von dessen Lobe: sie konnte kein Ende finden, seine Schönheit und Freundlichkeit zu preisen; Maria aber seufzte und schwieg, wandte Müdigkeit vor, und schlich nach ihrem Kämmerlein. Doch der schöne Todesengel hielt noch lange den Schlaf von ihren Augenliedern fern.

*

Also war nun Meister Trymms Hausstand, der, sich seit dem Tode von Mariens Mutter immer mehr und mehr ins Enge gezogen hatte, wieder um eine Person vergrößert. Meister Trymm, der, andern Dingen ergeben, wenig Lust mehr zu Betreibung seiner Kunst verspürte und dennoch ihrer bedurfte, war froh, einen willigen und geschickten Arbeiter gefunden zu haben, dessen Schultern er die lästige Sorge für den Lebensunterhalt gänzlich auferlegen konnte; Frau Susanne freute sich, daß nun wieder ein neuer Trieb in das abgestorbene Leben kommen sollte, Maria aber, der Einsamkeit und Beschränktheit seit lange gewohnt, fühlte durch die Gegenwart des Fremden sich in ihrem bisherigen Wesen seltsam gestört und behindert. Das widerstreitende Gefühl, welches sie bei seinem ersten Anblick ergriffen hatte, wollte auch bei öfterm Beisammensein nicht von ihr lassen, und obgleich sein bescheiden ehrerbietiges Betragen, sein stiller Eifer, ihr zu dienen und gefällig zu sein, die Neigung, die sie wider Willen zu ihm hinzog, mit jedem Tage vermehrte, so hielt doch die geheime Scheu, die sich allzeit abwehrend vor ihn stellte, mit jener gleichen Schritt, ja es schien, als ob beide wechselseitig auseinander Kraft und Wachsthum schöpften.

So kam es denn, daß Wolf, der neue Hausgenosse, schon geraume Zeit mit Marien unter einem Dache lebte, ohne daß, außer Gruß und Gegengruß, oder etwa einem halblauten Dank für einen stumm geleisteten kleinen Dienst, irgend ein Wort zwischen beiden gewechselt worden wäre. Ihm auf seiner Seite war Maria vom ersten Augenblick an als ein wundervolles Heiligenbild erschienen, dem in stiller Andacht und frommer Ehrfurcht zu dienen, sein Leben bestimmt sey, das ihm nun erst zum wahren Leben aufgegangen dünkte. Die Vergangenheit, die ihm theils bei einem strengen Vater, theils nach dessen Tode, in drückender Abhängigkeit von der Außenwelt ziemlich freudenleer verstrichen, kam ihm jetzt vor, wie ein starrer Winter, seine Gegenwart aber wie ein herrlicher Lenz voll schwellender Knospen und Blüthen, voll Sehnsucht und heimlicher Ahndung, über dem Mariens Augen wie ein klarer blauer Himmel standen, erweckend und belebend. Es war ihm, als ob ein neues Licht die Welt verklärte, und er wunderte sich oft selbst über die Bedeutung, die alles um ihn her gewonnen hatte. Besonders aber schien ihm in der Kunst ein neuer Morgen aufgesproßt. Die Art, wie er sie bisher betrieben, genügte ihm nicht länger. Er fühlte, daß sie höhere Zwecke haben müsse, als lediglich die Dienerin des armen Lebens zu sein; er ahnte den gemeinsamen Ursprung, das gemeinsame Ziel aller Künste, und es ergriff ihn ein heißer Trieb, etwas Würdiges hervor zu bringen, und was in seinem Innern glühend lebte, auch außer sich darzustellen.

Um desto verletzender mußten daher jetzt gerade die wunderlichen Reden Meister Trymms auf ihn wirken, der an allen Dingen zu tadeln fand, und was jenem das Höchste dünkte, mit Geringschätzung ansah, oder spottend in den Schlamm irdischer Verhältnisse herabzuziehen suchte.

»Das klingt gut,« – sagte er einst, als Wolf einmal seine Gedanken laut werden ließ; »es ist aber eitel Klang und nicht ein Kind mag sich daran satt essen. Und wenn ihr euer ganzes Leben an eure sogenannte Kunst setzt, kein Mensch bezahlt's euch! Sie danken's euch nicht einmal. – Es ist aber nur Spielwerk« – fuhr er fort – »der bunte Staub gleichsam auf den Flügeln der Welt und weit entfernt von dem innersten Wesen, das freilich nur wenigen Auserwählten gegeben ward zu ergründen.«

Mit solchen und ähnlichen Worten erregte er oft in Wolfs Innern, Widerstreit und Unzufriedenheit, die sich zuletzt aber allzeit gegen ihren Urheber kehrten, vor dessen entweihendem Blick jener nun Gedanken und Empfindungen sorgfältig in seiner Brust verschloß und treu seinem Streben und seiner Liebe ergeben blieb.

So waren wohl drei Monden hingegangen, als Meister Trymm, eines Abends sich zu Tische setzend, freundlich zu seiner Tochter sprach: »Nun Maria, rüste dich, deinen Bräutigam zu empfangen. Er wird in wenigen Tagen hier seyn.« Man erbleichte und schwieg, und indem sie nach einer Weile die Augen schüchtern emporschlug, sah sie, daß Wolf mit gesenktem Haupt und starrem Blicke regungslos wie ein Steinbild auf seinem Stuhl saß.

»Du kennst ihn zwar nicht,« fuhr der Alte fort, »allein ich kenne ihn und hoffe, du wirst zufrieden sein mit meiner Wahl. Er ist von stattlichem Ansehn, ist wacker und, vor allen Dingen, er ist reich. Ich denke, einer solchen Dreieinigkeit kann der Himmel in der Ehe nicht fehlen.«

Wolf stand hastig auf und verließ das Gemach. Meister Trymm fuhr in dem Lobe des Bräutigams fort und ordnete mancherlei zu seinem Empfang an. Maria hörte mit gepreßtem Herzen zu und als ihr Vater endlich, wie er pflegte, gleich nach dem Essen hinweggegangen war, umfaßte sie ihre Freundin Susanne, legte den Kopf an ihre Brust und brach in Thränen aus.

»Armes Kind,« rief Susanne, »ich weiß wohl, was dir das Herz bricht. Ach deine Mutter dort– sie zeigte auf das Bild an der Wand – »sie wußte auch davon zu sagen. Gott behüte dich vor ihrem Schicksal!« – Und damit sie noch einmal umarmend ging sie hinweg. Maria aber, von einem ihr unbekannten Gefühl bedrängt und verwirrt, warf sich Trost und Hülfe suchend vor dem Bilde der geliebten Mutter auf die Knie und streckte die Arme flehend nach ihm aus.

Das Bild schaute mit trüben, wehmüthigen Blicken auf sie nieder und wie das zitternde Licht der Lampe darüber hinlief, kam es ihr vor, als finge es an zu leben und sich zu regen, und je länger sie hinsah, desto gewisser ward es ihr, ja es schien endlich die Lippen zu öffnen und mit ihr zu sprechen, so daß sie ein leichter Schauder überlief. Indem öffnete sich hinter ihr die Thür, Maria sprang erschrocken empor und vor ihr stand Wolf, die Blicke zur Erde gesenkt. Maria schlug gleichfalls die Augen nieder, als sie ihn gewahrte, ihr Herz klopfte, als wollt es aus der Brust springen, und so standen sie beide eine Weile sich gegenüber. Endlich trat Wolf näher und sprach mit zitternder Stimme: »Ich komme euch Lebewohl zu sagen. Ich muß fort und bitte euch, ihr wollet dieses Kreuzlein, das ich für euch gearbeitet, auch von mir annehmen und meiner zuweilen gedenken.«

Er überreichte ihr dabei ein kleines Crucifix von Silber und Ebenholz und von der kunstreichsten Arbeit. Maria zögerte, es anzunehmen. »Ich bitte euch, nehmt es doch von mir,« sprach er flehend. »Für euch war es von Anfang an bestimmt; der Gedanke an euch hat sich unter der Arbeit tausendfach damit vereinigt und verschmolzen, ja ihr allein einigen Werth gegeben, und niemand anderm kommt es zu.«

Maria nahm es aus seiner Hand, unter ihren gesenkten Augenliedern drängten sich Thränen hervor und mit leiser Stimme sprach sie: »Ihr wollt von uns scheiden?«

Als er ihre Thränen sah, ergriff er ihre Hand und bedeckte sie mit heißen ungestümen Küssen; bei ihrer Berührung aber schlug die lang verhaltene Leidenschaft in unbändiger Flamme empor. Er gebot seinem Herzen nicht länger, umfaßte Marien und rief: »Mein bist du, Maria, mein! Kein anderer soll dich besitzen! Du bist mein, und sollt ich dich durch ein Verbrechen erkaufen!« – Maria sah ihn erschrocken an, und vor der wilden Glut, die aus seinen Augen brach, zurückbebend, suchte sie ängstlich sich von ihm loszumachen. Da warf er sich vor ihr nieder und bedeckte sein Gesicht, und indem Maria von Angst, Liebe und Mitleid gleich heftig bewegt, sich in der Verwirrung zu ihm herabneigte, ihn aufzuheben, schaute er empor, ihre Lippen begegneten sich und im ersten Kusse zuckte ihr Leben ineinander.

In demselben Augenblick entstand an der Wand, wo das Bild von Mariens Mutter hing, ein heller heftiger Schall wie von einem Schlage. – Maria riß sich erschrocken aus Wolfs Armen, auch Wolf sprang auf und schaute mit verstörten Blicken um sich. Es war, als ob eine bange Ahnung sich wie eine Kluft zwischen beide würfe: keins wagte mehr dem andern zu nahen.

»Das ist mein Schicksal,« sprach Wolf mit Bitterkeit, »das überall störend und zerreißend in mein Leben greift.«

Susanne kam herein, des Vaters Rückkehr meldend, und da Wolf noch immer wie ein Gebannter auf seinem Platz blieb, nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn schnell durch eine Seitenthüre mit sich fort.

Meister Trymm trat mit ernster Miene in das Zimmer und nachdem er sich gesetzt hatte sprach er: »Das war ein seltsamer Schlummer, der mich heute beim Lesen überfiel, als ich kaum angefangen. Mir träumte von deiner Mutter.« Er sah bei diesen Worten nach dem Bilde empor. »Was ist das?« rief er aus, stand auf und trat mit der Lampe vor das Bild.

Maria blickte hin und sah nicht ohne Entsetzen, daß es, auf Holz gemalt, mitten voneinander gesprungen war und die geliebten Züge der Mutter in seltsamer Entstellung erschienen. Meister Trymm schüttelte bedenklich den Kopf und sprach: »Das trifft wunderlich zusammen. Gott wende Unglück von uns!«

*

Die Ankunft des Bräutigams verzögerte sich indeß von Lag zu Tage; von Wolfs Abreise war die Rede nicht mehr, und das Verhältniß der Liebenden ging im Verborgenen den gewöhnlichen Gang und wurde immer vertrauter. Denn obwohl die Scheu, welche Wolfs erster Anblick erzeugt hatte, Marien auch jetzt noch, oft in seinen Armen selbst, überfiel und sie emporschreckte, ja obgleich das Bild der Mutter ihr jeden Tag mit einer stillen Warnung entgegen zu treten schien, so diente dies, der einmal erwachten Leidenschaft, weit entfernt ihr ein Hinderniß zu sein, vielmehr nur zu Vergrößerung ihrer Gewalt, und die Liebe drang schmerzlich und nicht ohne Kampf, aber eben darum nur desto tiefer in Mariens Herz.

Eines Sonntags, da Meister Trymm am Fenster stand und Maria eben aus der Kirche kam, traf es sich, daß sie einen Handschuh verlor und Wolf, der nicht weit hinter ihr ging, lief geschwind hinzu, ihn aufzunehmen, und so kamen beide nebeneinander auf das Haus zu. Frau Susanne aber wollte die Gelegenheit benutzen und sagte: »Nun, Meister, schaut! Das gäb' ein feines Paar.«

Meister Trymm sah sie finster an. »Nimmermehr!« fuhr er heraus. »Meiner Tochter steht Großes bevor; der Bursche aber ist zur unglücklichen Stunde geboren.«

Indessen waren jene beiden ins Haus getreten und eine alte halb wahnsinnige Frau aus der Nachbarschaft, die bei dem Volke für eine Wahrsagerin galt, blieb eben vorbeygehend unter dem Fenster stehen, richtete sich an ihrer Krücke empor und rief: »Gebt doch wohl Acht, Nachbar, daß euch der Wolf nicht das Lämmlein frißt!«

Meister Trymm schwieg, allein er beobachtete von nun an die Liebenden im Stillen und überraschte sie eines Tages Hand in Hand im vertraulichen Gespräch. Sein Zorn entbrannte heftig gegen Marien und auch Wolf würde ihm nicht entgangen, sondern auf der Stelle aus dem Hause verwiesen worden sein, wenn er nicht seiner noch so nothwendig bedurft hätte.

Ein reicher Kaufmann der Stadt nämlich hatte, an einer schweren Krankheit daniederliegend, dem heiligen Stephan, seinem Schutzpatron, ein silbernes Altarblatt gelobt und nach seiner Genesung zu Verfertigung desselben den Meister Trymm ersehen, dieser aber die ganze Arbeit Wolfen überlassen. Wolf war mit Eifer und Liebe daran gegangen, und der Alte hatte ihn noch mehr dadurch aufzumuntern gesucht, daß er ihm mehrmals während der Arbeit versprach, den Lohn redlich mit ihm zu theilen, die Ehre aber ihm ganz allein zu überlassen. Das Werk war jetzt schon weit vorgerückt und der Vollendung nahe. Es stellte den Märtyrertod des Heiligen in hocherhobener Arbeit dar und zeigte bei einem großen Reichthum an Figuren eine sehr geschickte Anordnung und höchst kunstreiche und vortreffliche Ausführung.

Da nun Wolf unter diesen Umständen nicht entfernt werden konnte, so mußte sich Meister Trymm damit begnügen, daß er Marien allen Umgang mit ihm untersagte und Frau Susannen die strengste Aufsicht anbefahl. Wolf aber stand in der Gunst der letztern viel zu hoch, als daß sie den Liebenden in der That ein ernstliches Hinderniß in den Weg gelegt hätte. So gewann ihr Umgang durch den leichten Zwang und die nöthige Verheimlichung nur neue Reize und der Frühling der Liebe trieb, mitten unter winterlichen Umgebungen und vom Sturm bedroht, in ihren Herzen seine üppigsten Blüthen empor, alle Sinne mit süßem Duft berauschend.

Doch nur kurze Zeit war diesem Frühling gegeben und kein Sommer sollte ihm folgen. Die Ankunft des Bräutigams fiel plötzlich wie ein tödtender Nachtfrost in jenen Blüthenhimmel.

Meister Trymm trat eines Nachmittags mit einem Fremden herein in reicher Kleidung, von vornehmem Anstand, dem Ansehn nach nicht über die dreißiger Jahre hinaus, den er freudig als den lang' Erwarteten ankündigte. Mariens Herz erbebte bei seinem Anblick. Sie zitterte. Der Fremde schritt auf sie zu, und indem er freundlich ihre Hand faßte, sprach er sanft: »Ihr scheint zu erschrecken vor mir. Erinnert ihr euch eines Freundes nicht mehr, der euch als ein Kind schon liebte und oft auf seinen Armen trug? Wahrlich, so viel auch die Knospe schon versprach, so überrascht mich doch die Anmuth der Rose, die daraus emporgeblüht.«

Marie war keines Wortes mächtig und ihr Vater sprach: »Laßt ihr nur erst Zeit, sich selbst in dem neuen Verhältniß wiederzufinden. Sie ist des Umgangs mit Männern nicht gewohnt.«

Der Freund zog einen Ring hervor und steckte ihn an ihren Finger. Es war ein Rubin in Form eines Herzens. »So vergönnt mir wenigstens,« lächelte er, »daß dieser Ring durch seine Farbe und Gestalt ein Wörtlein von mir zu euch spreche.« Darauf entfernte er sich mit ihrem Vater und ließ sie in großer Verwirrung zurück. So hatte sie sich den Bräutigam nicht gedacht.

Herr Walter war ein fürstlicher Diener und im Besitz eines ansehnlichen Vermögens. Eine Bestellung seines Herrn hatte ihn mit Meister Trymm bekannt gemacht, der gemeinschaftliche Hang zu geheimen Wissenschaften beide enger miteinander verbunden. Bei einem Besuch vor mehrern Jahren sah er Marien, und obwohl sie damals erst acht Jahr alt war, machte doch das wunderschöne, fromme und freundliche Kind einen so lebhaften Eindruck auf ihn, daß selbst eine lange mit seinem Herrn unternommene Reise denselben nicht tilgen konnte und er, nach seiner Rückkehr das Bedürfniß einer treuen Genossin in Freud und Leid verspürend, sich gradezu an Meister Trymm mit dem Begehren nach seiner Tochter Hand wendete, welchem Antrag auch dieser um so freudiger zu willen gewesen war, da er seinem durch alchemistische Versuche bereits gar sehr zurückgekommnen Hauswesen mittelst eines reichen Schwiegersohns wieder aufzuhelfen hoffte.

Maria stand noch auf demselben Platze, wo der Bräutigam sie verlassen hatte, als Wolf mit verstörtem Gesicht und wilden Blicken hereinstürzte. »Maria,« rief er, »ist es wahr?« – Maria schwieg. Er faßte ihre Hand und ward des Ringes inne. Da ließ er sie plötzlich los, wandte sich ab und sprach mit leiser Stimme: »O ich Unglücklicher, so ist es denn entschieden! Fahr hin, Seligkeit!« fuhr er heftiger fort. »Der Himmel ist verschlossen; die Hölle thut sich auf.« Er ergriff einen Sessel wie um sich daran zu halten, sank daran nieder und legte, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, seinen Kopf auf den Sitz. Marie wußte nicht, was sie beginnen sollte; sie bat ihn aufzustehen und gab ihm die süßesten Namen; da er aber immer noch regungslos in seiner Stellung verharrte, kniete sie endlich neben ihm nieder und den Arm um seinen Nacken schlingend, rief sie schluchzend: »Ich bin ja dein, auf ewig dein!« – Wolf schaute sie lange an, dann drückte er wild seine Lippen auf ihren Mund: »Ja, du bist mein,« sprach er. »Wer will dich mir entreißen?« – Er sprang auf und zog sie mit sich empor. – »In deinem Herzen ist mein Leben festgewurzelt; wer dich von mir reißt, der tödtet mich! – Leben um Leben dann! Wohl; es gilt!«

Maria, die aus seiner wilden Gebehrde Arges fürchtete, hielt ihn ängstlich fest. Er aber sprach mit einem seltsamen Lächeln: »Sey ruhig Kind; ich will bei deinem Vater um dich werben.« Er küßte sie noch einmal auf Stirn und Augen und verließ das Gemach.

Maria zitterte nun vor der Rückkehr des Bräutigams; indeß er kam blos, um ihr Lebewohl zu sagen. Ein wichtiges Geschäft rief ihn noch desselben Tages von hinnen, doch hoffte er in zwei oder drei Wochen zurück zu sein; der Tag der Vermählung wurde in ihrer Gegenwart festgestellt und ihr Schweigen dabei für ihre Einwilligung genommen.

In dieser Zeit traf es sich, daß das Altarblatt eben vollendet worden war, und Wolf überlieferte es seinem Meister am andern Morgen nach des Bräutigams Abreise. »Es ist gut und wohlgerathen,« sprach Meister Trymm, nachdem er es lange aufmerksam betrachtet, und wollte sich hinwegbegeben, allein Wolf stellte sich ihm düster in den Weg und hielt um seiner Tochter Hand an. »Was ihr dort gesehn,« fügte er hinzu, »bezeugt euch sattsam, daß ich ein Weib ernähren kann. Maria liebt mich und ich vermag nicht ohne sie zu leben. So stehe ich nun zwischen Himmel und Hölle: ich flehe zu euch, rettet mich von dem Abgrund, den ich zu meinen Füßen schaue. Sprecht ihr nein, so bin ich verloren – und ich nicht allein!«

Der Alte blickte ihn verächtlich an, sein Gesicht überlief rothe Glut, dann wurde er wieder bleich. »Man muß in der Welt über manch Ding hinweg,« sagte er endlich spöttisch lächelnd, »so werdet ihr auch über mein Nein hinwegkommen. Meine Tochter ist zu etwas besserem bestimmt, als die Frau eines armen Goldschmidts zu werden. Du aber, mein Bürschlein, bist als ein armer Schlucker geboren, und wirst nimmermehr auf einen grünen Zweig kommen, mit all deiner Kunst! Es war eine unglückliche Stunde, die dich zur Welt kommen sah!« Und damit ließ er Wolfen stehen, durch dessen Brust seine Worte wie glühende Schwerter zuckten.

Von diesem Augenblick an schlich Wolf herum wie ein Träumender, erschien nicht mehr bei Tische, ließ sich überhaupt wenig im Hause sehen, sondern streifte außerhalb der Stadt in Sturm und Schneegestöber umher und so oft Marie ängstlich besorgt ihn fragte, was geschehn sei, gab er immer nur zur Antwort: »Sei ruhig, es soll alles noch gut werden.«

Indessen hatte Meister Trymm das Altarblatt abgeliefert; es war in der Kirche aufgestellt worden; von allen Seiten kamen Leute herbei, es zu beschauen und zu bewundern, und dem kunstreichen Verfertiger wurde großes Lob und reicher Lohn zu Theil. Meister Trymm aber, seines Versprechens uneingedenk, fand für gut, beides allein für sich dahin zu nehmen, und Wolfen wie einen gemeinen Arbeiter mit einem geringen Stück Geld abzufinden. Obwohl nun diesem in seiner jetzigen Stimmung weder Ehre noch Geld der Beachtung werth schien, so konnte ihm doch das unredliche Verfahren nicht entgehen, sondern schärfte den Stachel, den des Alten zurückweisende Antwort in seine Seele geworfen und trieb den Groll gegen ihn, der in seinem Innern glimmend lag, in rascher Glut empor. – Allein mit einemmale sollte die ganze Lage der Dinge eine gewaltsame Aenderung erleiden.

Eines Morgens stellte sich Meister Trymm nicht zum Morgenimbiß ein, wie er doch sonst pflegte; das Bett stand noch unberührt in seiner Kammer und ob er gleich wohl öfters schon ganze Nächte in seinem Laboratorium zugebracht hatte, so machte doch jetzt sein langes Ausbleiben Marien besorgt und sie wagte sich endlich, da es gegen Mittag ging, in Susannens Begleitung nach dem Hinterhause, in welchem sich die geheime Werkstätte befand, und pochte an die Thür. Doch keine Antwort, keine Spur des Lebens innerhalb, wie lange sie auch horchten, wie starck sie auch klopften. Vergeblich wurde nun das ganze Haus durchsucht, Mariens Besorgniß wuchs zur Angst auf und da auch Wolf nirgend zu finden war, mußte Susanne endlich den Beistand eines Nachbarn erbitten, um die Thür des Laboratoriums mit Gewalt zu öffnen.

Nur einmal in ihrem Leben hatte Maria, fast noch ein Kind, das Innere desselben gesehen, da ihr Vater einst den Schlüssel stecken lassen; sie erinnerte sich, daß der Anblick zweier riesenhafter Todtengerippe, mit großen Schwertern in der knöchernen Faust, sie damals voll Entsetzen zurückgescheucht hatte, und in die bange Erwartung, mit welcher sie jetzt der Oeffnung entgegen sah, mischte sich ein geheimer Schauder.

Die von innen verschloßene Thür wich endlich der Axt, und wurde geöffnet. Unter einem schwarzen Vorhang, welcher im Hintergrunde des Gemachs den Eingang zu einem zweiten deckte, quoll ein dicker Rauch hervor, in demselben Augenblick schlug auch die Flamme in die Höh' und die Todtengerippe zu beiden Seiten grinseten in Rauch und Feuer gehüllt den Eintretenden gräßlich entgegen. Der Nachbar trat erschrocken zurück, Maria bebte und faßte Susannens Arm. Da kam plötzlich Wolf herbei, ein Gefäß mit Wasser in der Hand; mit dem Geschrei »Feuer! Feuer! um Gotteswillen!« drängte er sich bei ihnen vorüber, riß schnell den brennenden Vorhang herab, der Nachbar lief auch hinzu, und sie gewältigten das Feuer mit leichter Mühe. Doch als sie nun beide in das hintere Gemach drangen, stürzte Wolf sogleich wieder heraus, eilte auf Marien zu, die zitternd an der äußern Thür stand, ergriff ihre Hände in höchster Angst, und rief mit wild rollenden Augen: »Maria, um Gotteswillen hilf mir, rette mich, bete für mich! Ich kann ihn nicht ansehen!« – Zu gleicher Zeit vernahm Marie den Angstruf: »Um Jesu willen! er ist todt!« Sie hörte das Geschrei Susannens, die indeß auch hinzugeeilt war, lief, sich losreißend, nach der hintern Thüre, sah ihren Vater mit gräßlich entstelltem Gesicht leblos am Boden liegen und sank ohnmächtig nieder. Susanne und der Nachbar wußten nicht, wem sie zuerst beispringen sollten und liefen in der Bestürzung von einem zum andern, bis endlich dieser hinwegeilte, um Hülfe herbei zu schaffen und jene Wolfen, der in starrer Betäubung dastand, ihr beizustehen antrieb, worauf er, wie aus einem Traume erwachend, Marien hastig auf seine Arme nahm, sie nach ihrer Kammer trug und dort zu den Füßen ihres Bettes knieend liegen blieb, bis es Susannen gelungen war, sie wieder ins Leben zurück zu rufen.

Als sie die Augen aufschlug, sprang er empor: »das ist mein Himmel!« rief er »und keines andern bedarf ich weiter« Und als Susanne von ihm verlangte, er solle nun seinem Meister zu Hülfe eilen, sprach er: »Verlangt mein Leben! nur das nicht! Ich kann ihn nicht ansehen.«

Alle Bemühungen, auch Meister Trymm wieder zum Leben zu erwecken, waren unterdeß fruchtlos gewesen. Er war todt. Nach der Meinung des herbeigerufenen Arztes mußte er erstickt sein, und die Besichtigung des Laboratoriums machte es wahrscheinlich, daß der Tod ihn am Heerde bei Bereitung irgend einer verderblichen Materie getroffen, sein Fall den Tisch mit der brennenden Lampe umgestürzt und dadurch den darauf liegenden Teppich entzündet habe, an welchem das Feuer nun langsam fortglimmend sich bis zu dem Thürvorhang verbreitet und endlich durch den bei Eröffnung der Thür entstandenen Luftzug plötzlich in heller Flamme aufgeschlagen sei.

An seinem Begräbnißtage kehrte Herr Walter, Mariens bestimmter Bräutigam, von seiner Reise zurück. Er geleitete wehmüthig seinen Freund zur Ruhestätte, und da er bald inne wurde, wie nun die Sach' im Hause stand, trat er ernst, doch freundlich vor Marien und sprach: »Es war des Vaters Wille, mich mit eurer Hand zu beglücken, nicht der eure, wie ich jetzt erst sehe. Fern sei es von mir, euch Zwang auflegen zu wollen. Das Glück der Ehe gedeihet nur im Sonnenschein der Liebe. Möge es euch immer wohl, gehen! möget ihr allezeit glücklich machend auch glücklich sein!« – Marie sah eine Thräne in seinen Augen blinken, er reichte ihr noch einmal die Hand und schied von dannen.

*

Der Schreck hatte Marien eine Unpäßlichkeit zugezogen. Wolf wich nicht von ihrem Bett, und sogar am Begräbnißtage hatte Susanne ihn nicht vermocht, es zu verlassen, um seinem Meister das letzte Geleit zu geben. In dem Gefühl, daß Maria nun sein, daß nun jedes Hinderniß seiner Liebe entfernt sey, schien er allein wie in einem befreundeten Elemente leben zu wollen und jede Berührung mit der Außenwelt, ja selbst jeden andern Gedanken als feindlich zu vermeiden und zurückzustoßen. Ueberhaupt wurde mit jedem Tage auffallender eine seltsame Unruhe an ihm bemerklich, die wie ein böser Geist sich an seine Fersen heftete. Oft mitten im Gespräch verstummte er, saß in sich selbst versunken, die Blicke starr auf einen Fleck gerichtet, ohne Regung da; dann jagte ihn plötzlich wieder irgend ein unbedeutendes Geräusch empor, er schaute mit wild rollenden Augen erschrocken um sich, das Entsetzen lag auf seinem Gesicht und schüttelte seine Glieder wie im Fieberfrost, und in Marien regte sich wieder das unheimliche Gefühl bei seinem Anblick, welches nur eine Zeitlang geschlummert hatte. Doch in solchen Augenblicken flüchtete er allzeit an ihre Brust, wie zu einem rettenden Asyl; in ihren Armen schien er sich berauschen, in den Wogen der Liebe untergehend ein gänzlich Vergessen seiner selbst suchen zu wollen, und im Sturm der Leidenschaft, in halbem Wahnsinn riß er das schwache Mädchen mit sich fort.

Der Winter war indeß vergangen. Ein warmer Morgen lockte einst Marien mit dem Geliebten aus dem engen Garten am Hause ins freie Feld. Der Frühling begann zu erwachen und schaute aus tausend Knospenaugen schüchtern hervor; zu ihren Füßen und in den Lüften regte sich überall junges Leben, die blauen Berge traten Marien wie alle Bekannte entgegen, die Bäume, traute Gespielen ihrer Kindheit, nickten ihr freundliche Grüße zu, und in der Luft, die um ihre Wangen koste, wehte der leise Athem der Erinnerung. Es war noch alles wie sonst und doch wieder wie so ganz anders als damals, da sie als fröhliches Kind, als unschuldige Jungfrau auf diesen Wiesen spielend und träumend sich erging! Ihr Herz bebte in süßer Wehmuth und schmerzlicher Lust. Sie zog den Gefährten zu ihrem Lieblingsplätzchen nieder, das schon im neuen Grün prangte, legte den Kopf an seine Brust und erleichterte das volle Herz in sanften Thränen. Wolf schlang den Arm um sie, blickte düster hinaus in die freundliche Gegend und küßte von Zeit zu Zeit heftig ihre Hand.

»Wirst du mich auch immer lieben?« fragte Maria endlich leise.

»Bis in den Tod!« entgegnete Wolf.

»Wirst du auch allzeit bei mir bleiben?« fuhr Marie fort.

Wolf schwieg und schlug die Augen nieder. »Wenn nur dein Vater wollte!« sprach er endlich dumpf und leise.

Marie hob den Kopf und sah ihn verwundert an. Indem erschallte dicht hinter ihnen eine krächzende Stimme: »Laßt euch nicht von ihm anfassen, Jungfrau! Er macht euch blutig.«

Wolf sprang erschrocken empor. Die wahnsinnige Nachbarin stand vor ihm und schaute ihm grinsend ins Gesicht. – »Wasche deine Hände,« fuhr sie fort, »sie sind noch roth.«

»Wahnsinnige Hexe,« schrie Wolf außer sich, »was willst du von mir?«

Die Alte zog unter ihrem Brusttuch einige Veilchen hervor, reichte sie ihm hin und sprach: »Ich will dir Blumen schenken, die auf einem Grabe gewachsen sind, daß du mir das Lämmlein da nicht frißt. Halte sie wohl unter Gewahrsam, denn sie plaudern gar wunderliche Dinge. Was der Winter begraben, bringt der Frühling ans Licht. Sieh dich wohl vor.«

Marien überfiel ein Grauen vor der Alten und ihren Worten. Wolf faßte mit verstörtem Gesicht ihren Arm. »Fort!« rief er, »laß uns gehn! die Hexe macht mich selbst noch wahnsinnig.«

Mit gellender Stimme Hub die Alte an zu singen:

»Drei Klaftern in die Erde
Hat sich der Fuchs versteckt:
Der Jäger mit den Hunden
Der hat ihn doch gefunden.
Der Jäger mit den Hunden
Der hat ihn doch entdeckt.

Am Himmel stehn zwei Augen,
Die sehen alles klar.
Es kommt ein lichter Morgen
Und was die Nacht verborgen.
Es kommt ein lichter Morgen,
Wird alles offenbar.«

Wolf zog Marien hastig mit sich fort, aber noch lange hörte sie das gräßliche Krähen hinter sich drein erschallen.

Seit diesem Auftritte stieg Wolfs Unruhe mit jedem Augenblicke zu größerer Heftigkeit. Bald lag er zu Mariens Füßen und barg den Kopf in ihren Schooß, bald sprang er wieder ängstlich horchend auf, schaute aus dem Fenster als erwartete er jemand, und lief dann nach der Hausthür, um zu sehen, ob sie verschlossen sei, und so trieb er es den ganzen Tag. – Am folgenden Morgen war er nirgend zu finden. Auf dem Tisch in seiner Kammer lag ein Zettel mit folgenden Worten: »Ich bin nicht mehr sicher in deiner Nähe. Ich muß fort. Bleibe mir treu, Marie, sonst muß ich verzweifeln. Ich kehre bald zurück, dich als mein Weib heim zu führen. Gott beschütze Dich!« –

Marie erstarrte in ihrem innersten Leben, als ihr Susanne den Zettel überbrachte. Sprachlos, ohne Thränen, saß sie und schaute unverwandt das unglückliche Papier an. Erst als sich Susanne in Klagen und Schmähungen gegen Wolfen ergoß, kehrte ihr die Sprache zurück. »Er kommt wieder,« rief sie mit ungewöhnlicher Heftigkeit, »ich weiß es, er muß wiederkommen!« – »Nun wenigstens,« fiel Susanne beruhigend ein, »wenigstens wird er uns doch bald Nachricht von sich geben.« –

Allein träge schlich eine Woche nach der andern bei der Harrenden vorüber, und Wolf kehrte nicht wieder und gab keine Nachricht. Und da die sechste vorüber war, mehrte sich Mariens stiller Schmerz und ihre bange Sehnsucht, denn unter ihrem Herzen fing ein junges Leben an sich zu regen.

Scheu entzog sie sich von nun an jedem fremden Blick und hätte sich gern vor sich selbst verborgen. Nur am frühsten Morgen verließ sie täglich das Haus, und ging nach dem nahen Dome, dort zu beten. Und so oft sie an dem Altarblatt von Wolfens Hand vorüber ging, fühlte sie die Pfeile, die des Heiligen Brust durchbohrten, auch tief in ihrem Herzen.

Als sich ihr Zustand nicht länger verbergen ließ, entdeckte sie sich Susannen. Die geringe väterliche Verlassenschaft wurde verkauft, und beide zogen nach der fürstlichen Residenz, wo Susanne Verwandte hatte. Hier wurde Maria von einem Knaben entbunden und, nannte ihn nach seinem Vater Rudolph.

In strenger Eingezogenheit lebten die beiden Frauen von dem Ertrag ihres kleinen Vermögens und von der Arbeit ihrer Hände lediglich der Erziehung des Kindes. In Mariens Brust war allmählich die Hoffnung, auf Wolfs Wiederkehr fast ganz erloschen und alle Liebe ihres Herzens, jede Kraft ihres Gemüths von nun an dem Knaben zugewendet, der, in wunderbarer Mischung des Vaters und der Mutter Züge in sich vereinend, unter ihrer Pflege und Obhut anmuthig und herrlich emporwuchs. »Das Kind ist zu schön und zu klug,« sagte Frau Susanne manchmal, »als daß es lange leben könnte!« – »Wenn es Gott zu sich nimmt,« entgegnete Marie allezeit, »so ists zu seinem Heil, und ich hoffe zu seiner Gnade, daß er mich dann bald wieder mit ihm vereinen wird.«

Oft wenn sie dem Knaben in die großen blauen, von schwarzen Wimpern umschatteten Augen schaute, flossen die ihren über von schmerzlicher Sehnsucht, nur einmal, einmal noch den Geliebten zu sehn, daß sie ihm seinen Sohn zeigen möchte. Aber er kam nicht. »Hättet ihr doch damals Herr Waltern Gehör gegeben!« sprach Susanne dann wohl. »Er war doch auch ein schöner Mann, und in seinen blauen Augen war so viel Treue und Gutmüthigkeit und sie schickten sich besser zu euern, als Wolfs schwarze und düstre. Gleich und gleich! so hab ich mein Lebtag gehört; aus so ungleicher Paarung aber konnte kein Heil erwachsen.« – Maria seufzte und schwieg.

*

So waren mehr als drei Jahre seit Wolfs Verschwinden still und ohne besondres Ereigniß vorüber gegangen, Mariens einzige Gesellschaft Susanne, ihr Kind und die Erinnerung an seinen Vater, ihre einzige Erholung, wenn es die Jahreszeit erlaubte, ein Spatziergang nach einer einsam gelegenen Meierei unfern der Stadt.

Hier saß sie einst auf einem Hügel hinter dem Garten, der kleine Rudolph lief hin und wieder und trug ihr Blumen zu, die sie ihm in Kränze zusammenflocht, als er auf einmal mit einem Lilienstengel auf sie zugelaufen kam. – »Wo hast du die schöne Blume her?« fragte Marie verwundert. »Da,« sprach der Knabe, »der Mann da hat sie mir geschenckt.« Marie blickte hin und ein jugendliches, aber stark von der Sonne verbranntes Gesicht, mit wild um den Kopf hängenden schwarzen Haaren, guckte aus den Gebüschen hervor. Maria erschrak und stand hastig auf. »Bleibt, Madonna, bleibt!« rufte der fremde Jüngling – »ihr habt nichts zu fürchten.« Er trat heraus, kreuzte die Arme über die Brust und blieb so in demüthiger Stellung stehen. Marie betrachtete ihn mit Verwunderung. Es war eine schlank aufgeschossene Gestalt und doch schien er kaum den Knabenjahren entwachsen.

»Erlaubt ihr, mich zu nahen?« sprach er endlich mit sanfter Stimme. – Marie lächelte. Da schritt er auf sie zu, ließ sich vor ihr auf die Knie nieder und sprach: »In meinem Vaterlande ist ein Bild der heiligen Jungfrau, auf welchem sie von Blumen rings umgeben dargestellt ist, einen Lilienstengel in der Hand. Als Knabe habe ich oft zu ihm gebetet. Ich sah euch unter den Blumen sitzen, und daß auch die Lilie euch nicht fehlen möchte, hab ich sie aus jenem Garten schnell geholt.«

»Wer seid ihr denn?« fragte Maria erröthend und verlegen, »und was führt euch hierher?«

»Ich heiße Antonio,« entgegnete er lächelnd, »und was mich hieher geführt, das war mein Glück: ich habe gefunden, was ich suchte. Denn ihr seid es oder keine. Ihr seid Maria.«

Indem kam Susanne langsam den Hügel herauf. Antonio sprang empor, und einen von Mariens Kränzen ergreifend rief er: »Das ist der Oelzweig, den ich heim bringe! Alle Noth hat nun ein Ende. Gehabt euch wohl, Madonna, und wenn ihr glücklich seid, so gedenkt meiner!« Er zog sich schnell in das Gebüsch zurück, Marie sah ihm voll Erstaunen nach, und da sie nach ihrer Heimkehr, der seltsamen Erscheinung nachdenkend, am Fenster stand, glaubte sie ihn in der Dämmerung noch langsam vor ihrer Wohnung vobeischreitend zu erkennen.

Eine Ahnung regte sich in ihrem Busen, die sie, oft getauscht, sich selber kaum gestehn mochte, und die geheime Hoffnung, sie vielleicht dort erfüllt zu sehen, trieb sie am andern Tage unablässig zu einem neuen Spatziergang nach der Meierei an. Doch schon um Mittag schwärzte sich der Himmel, ein Gewitter stieg auf und lößte sich in einen anhaltenden Regen.

Es war Abend geworden, Marie mit dem Knaben allein, der heut gegen seine Gewohnheit gar nicht zu Bett gehen wollte. Sie hatte sich einen Augenblick nach einer anstoßenden Kammer begeben und ihn in der Stube spielend zurückgelassen, als er ihr schnell nachgelaufen kam, sie bei der Hand ergriff und freudig ausrief: »Komm, Mutter, komm, der Vater ist da!« Ein freudiger Schreck durchzuckte Marien. »Was träumst du, Kind!« rief sie, doch der Knabe zog sie ungestüm nach der Thür. Sie erblickte einen Mann von hohem Wuchs und Anstand, in reicher Kleidung. »Das ist der Vater nicht, mein Kind!« sprach sie und sich gegen jenen wendend: »Wen sucht ihr und was ist zu euern Diensten?« Doch dieser breitete die Arme gegen sie aus und rief mit bebendem Tone: »Maria, du kennst mich nicht mehr?« Da erkannte sie Wolfs Stimme; Gegenwart und Erinnerung, Freude und Leid griffen zu gleicher Zeit gewaltsam an ihr Herz, ihre Knie brachen ein und sie wäre niedergesunken, wenn nicht Wolf hinzuspringend sie in seinen Armen aufgefangen hätte.

»Maria,« rief er schmerzlich aus, »kann dein reines Auge meinen Anblick nicht ertragen?«

Maria schlug die Augen auf, sah ihn an, legte dann den Kopf an seine Brust und weinte heftig. »Du bist lange geblieben!« sprach sie sanft.

»Ach, woran erinnerst du mich!« rief er. »Das war eine gräßliche Zeit, die hinter mir liegt. Ich habe mit ihr gerungen wie mit einem Tiger. Jetzt aber ist mein blauer Himmel wieder offen und ein neues Leben beginnt.«

»Nun siehst du, Mutter,« hub jetzt Rudolph an, »ich wußte wohl, daß es der Vater war. Es hat mir's jemand diese Nacht gesagt, daß er heute kommen würde.«

»Und dieser schöne Knabe?« rief Wolf, »Maria, dieser Knabe?« – – –

»Er ist dein,« sprach Marie leise und erröthend.

Da schloß Wolf den Knaben in seine Arme, hob ihn hoch empor und küßte ihn auf Mund und Stirne und zwei große Thränen perlten über seine braunen Wangen. Er umfaßte die Mutter und das Kind zugleich; seine Augen, bald hierhin, bald dorthin gewandt, schienen sich in ihrem Anschaun zu berauschen und er konnte seiner Lust daran gar kein Ende finden.

Der Knabe lächelte freundlich und schlang, ledig aller Furcht und Scheu, seine Aermchen dem Vater und der Mutter um den Hals.

»O ihr Engel,« sprach Wolf »ihr sollt und werdet mich zurückführen in mein verlohrnes Paradies! Daß Gott mir diesen Knaben schenkt, das ist mir ein Zeichen, daß ich wiederum seiner Gnade theilhaftig werden soll.«

Susanne trat jetzt herein und auch sie erkannte Wolfen nicht, denn mehr noch als seine stolzere Haltung, veränderte Kleidung und sein sonneverbranntes Gesicht, machte ihn ein starker Knebelbart an Kinn und Oberlippe unkenntlich.

Als die ersten ungestümen Wellen der Freude und Ueberraschung sich gelegt hatten, begehrte Frau Susanne zu wissen, warum er sie und auf so lange Zeit verlassen, und wo er indeß gewesen sey. –

»Es giebt mancherlei,« entgegnete Wolf mit schnell verdüstertem Gesicht, »was man wohl thun, aber nicht so bald auch aussprechen kann, und wenn jedes Warum eine genügende Antwort aus dem Menschen zerren wollte, möchte die höllische Meute leicht sein bischen Verstand in Fetzen reißen.

Ich führte sonst Hammer und Grabstichel,« fuhr er nach einer Weile fort, »jetzt führe ich das Schwert. Ich war sonst ein armer Schlucker und sollte es bleiben« – er schlug ein wildes Gelächter auf – »nun, er hat gelogen, denk ich! – Doch weg damit! Ihr zwingt mich Galletropfen in meinen Freudenwein zu gießen.«

»Nun, nun,« sprach Frau Susanne, »ich begehre ja nichts weiter zu wissen. Wenn ihr nur von nun an bei uns bleibt.«

Er schloß von neuem seinen Knaben in die Arme, herzte und küßte ihn und rief: »Gott hat mir hier ein Zeichen seiner wiederkehrenden Gnade gegeben. Das wüste Leben hat nun ein Ende. Ich will, mir eine Heimath suchen, auf daß ich mein Weib heimführen möge.«

Der lockende Schlag einer Nachtigall ließ sich dicht unter dem Fenster vernehmen. »Das ist mein Antonio!« sprach Wolf zu Marien. »Du hast ihn gestern gesehen. Es ist ein wackrer Bursch, mir treu ergeben, und auch du kannst ihm vertrauen. Er ruft mich. Ich muß fort.«

Maria wollte ihn nicht aus ihren Armen lassen und Frau Susanne rief: »Noch immer keine Ruh und Rast!« – »Noch ist es mir nicht vergönnt,« entgegnete Wolf, »zu kommen und zu gehen wie meinem Herzen gelüstet. Der Tiger ist noch nicht todt. Doch morgen Abend bin ich wieder hier und hoffe länger zu bleiben.«

Er nahm Abschied von Marien und dem kleinen Rudolph, und da er schon an der Thür war, wandte er sich noch einmal, kehrte wieder zurück, küßte den Knaben auf die Stirn, drückte Mariens Hand an seine Brust und an seine Lippen und rief: »ich bin solches Glücks nicht werth!« und verließ darauf eilig das Gemach.

Als Susanne von seiner Begleitung zurück kam, sprach sie kopfschüttelnd: »Er hat sich viel verändert und will mir nicht recht gefallen; ja wenn ich so sein ganzes Wesen bedenke, wird mir fast unheimlich zu Muth.« Aber Marie hörte nicht was sie sprach, denn sie kniete vor dem Bilde der Mutter Gottes, welches auf einem kleinen Hausaltar in der Ecke des Zimmers stand, und sendete heiße Gebete zu der hehren Vertrauten aller nun geendeten Noth und Schmerzen. In dem Gefühl des Danks und der Freude war in diesem Augenblick jedes andre untergegangen, und nur wie fernes Wetterleuchten zuckte, von ihr selbst kaum bemerkt, ein leises Weh vorbedeutend an dem heitern Himmel ihrer Seele hin.

*

Wolf kam nun fast mit jedem Abend. Er war größtentheils sanft und selbst heiter, und wie an einem warmen Frühlingstage, nach anhaltendem Sturm und Regen, die Blume freudig ihre Blätter entfaltet und die Strahlen der lange entbehrten Sonne begierig einsaugt, so gab sich sein Herz der Gegenwart seiner Lieben hin. Nur zuweilen schien ihn eine ängstliche Mahnung an seine übrigen Verhältnisse, oder eine schreckende Erinnerung aus der Vergangenheit zu überfallen, was sich dann durch ein plötzliches düstres Verstummen, seltsame Unruhe, oder auch wohl durch eine wunderlich lustige Laune und eine Art wilden Scherzes kund gab, die Marie nicht an ihm gewohnt war und sie jederzeit bis ins Innerste mit bangem Grauen erfüllte.

Dem kleinen Rudolph schloß er sich mit der innigsten Neigung an, und seine Liebe zu ihm wuchs mit jedem Tage. Er spielte mit ihm, er erzählte ihm Mährchen und Geschichten, und der Knabe fand um so mehr Gefallen daran, da seine geistige Entwickelung seinen Jahren weit voraus gegangen war.

»Soll ich dir auch etwas erzählen?« sprach er einst zu seinem Vater. »Von dem frommen Knaben, den Gott zu sich nahm? Oder von dem bösen Räuber? Dem zerbrach eine große Perle, die er geraubt hatte, und sein Mund that sich auf zum Fluch, da sah er in der Perle ein Bild, das stellte den Sohn Gottes vor am Kreuze. Du kennst es doch?« – Er lief nach der Kammer und kehrte mit einem kleinen Crucifix in der Hand zurück: es war dasselbe, welches Maria einst von Wolfen empfangen. – »Sieh, das ist Gottes Sohn am Kreuze!« fuhr der Knabe fort. »Und der Räuber ging in sich und bereute seine Uebelthaten, und betete und that Buße zwanzig Jahr, und Gott hat ihm verziehen um seines Sohnes willen.«

Wolf nahm das Crucifix, drückte es an sein Herz und küßte es; Thränen stürzten aus seinen Augen, und er saß lange Zeit stumm in sich selbst versunken. Endlich hob er das Kreuz in seinen gefalteten Händen hoch empor, blickte zum Himmel und sprach leise: »Um deines Sohnes Jesu Christi willen!«

»Kennst du es wohl noch?« hub Maria nach einer Weile an.

»Ach, das war eine glückliche Zeit,« entgegnete er, »da ich noch an dem Kreuzlein arbeitete und Andacht, Liebe und Begeisterung wie eine heilige Dreieinigkeit in meinem Herzen wohnten! mit meinem Blute möcht ich sie zurück erkaufen; dort aber steht der Engel mit dem Flammenschwert und weigert die Rückkehr dem Gefallnen.«

Frau Susanne hielt das Gespräch bei der Vergangenheit fest, erinnerte Wolfen an manche kleine Begebenheit aus der ersten Zeit seiner Liebe und wollte dabei, seine heutige sanfte Stimmung benutzend, einen nochmaligen Versuch machen, ihm einige Erklärung, sowohl über sein bisheriges Leben und Treiben, als über die eigentliche Quelle der Geschenke zu entlocken, die er fast bei jedem Besuch mit freigebigen Händen austheilte, die von Marien aber um so mehr mit einem geheimen Widerwillen angenommen wurden, da sie in der That sehr reich und kostbar waren. Allein er wich allen Winken, Wendungen und versteckten Fragen auch diesmal geflissentlich aus, und sogar der Ort seines jetzigen Aufenthalts blieb fortwährend ein Geheimniß. Er kam allzeit in der Dämmerung, wohl bewaffnet, und entfernte sich früher oder später, doch immer vor Mitternacht. Das Haus, worin Maria wohnte, lag in der Vorstadt. Als Susanne beim Weggehn fragte, ob er sich denn nicht fürchte in der finstern Nacht über Feld zu gehen, zumal da wieder stark von dem schwarzen Jäger gesprochen werde und er sich sogar, wie verlauten wolle, in hiesiger Gegend habe spüren lassen, sah er sie kopfschüttelnd an und sprach: »Mit dem ists vorbei! – Auch hat wohl,« setzte er nach einer Weile hinzu, »der Mensch weit minder sich vor Räubern zu fürchten, als vor den bösen Trieben seines eigenen Herzens, die wie Gewappnete ihn auf der Straße des Heils überfallen und ihm sein kostbarstes Kleinod, den Frieden seiner Seele, rauben.« –

Schon einigemal war bei heiterm Wetter die Meierei vor der Stadt zum Ort ihrer Zusammenkunft bestimmt worden und so geschah es auch heute für den andern Tag, da der Knabe großes Verlangen danach bezeigte. Am folgenden Tage indeß wandelte Marien eine seltsame Abneigung an, mit dem Knaben hinauszugehen, die noch dadurch verstärkt wurde, daß dieser schon vom Morgen an sich geklagt hatte und nur Susannens Zureden und des kleinen Rudolfs anhaltende Bitten besiegten endlich diesen Widerwillen, welchem nicht bloß, wie sie wohl fühlte, des Kindes Unpäßlichkeit zum Grunde lag, von dem sie sich aber sonst durchaus keine Rechenschaft zu geben vermochte.

Wolf und Maria saßen auf dem Hügel hinter der Meierei. Ein lauer Wind wehte von dem bewölkten Himmel, der Abend spielte mit Wolkenschatten und goldnen Lichtern in dem weiten grünenden Thale, und wiegte sich auf dem Spiegel des Flusses, der seine Wogen mit leisem Rauschen am Fuß der Anhöhe vorüber trieb. Stiller Friede breitete sich über die Landschaft und zog auch in Wolfs Busen ein. Er umschlang Marien, der Knabe spielte zu beider Füßen. Er theilte ihr seine Hoffnung mit, nun bald, wenn auch fern von hier, eine Heimath zu erwerben, wohin er sie führen könne; er sprach von ihrer häuslichen Einrichtung und schmückte das Bild der Zukunft mit reichen Farben aus. Da erschallte ein Gesang über ihnen wie aus der Luft herab. Meine Nachtigall!« sprach Wolf lächelnd. Maria schaute empor und erblickte den Antonio, der sich singend in den höchsten Zweigen einer schlanken Tanne schaukelte. Er sang:

Es wehen die Lüfte: wohin?
Es ziehen die Wolken: wohin?
Es schlägt die Sehnsucht die Flügel auf,
Gedanken und Wünsche beginnen den Lauf.
Es steht nach der Ferne wohl allen der Sinn
Und wissen doch alle nicht recht wohin.
                Wohin? Wohin?

Bald darauf kam er herunter, begrüßte seinen Herrn und Marien und machte sich mit dem kleinen Rudolph zu schaffen, dem er Blumen zutrug, Kränze flocht, in den dichten Laubkronen der Bäume schlanke Ruthen aussuchte und so, bald dahin bald dorthin laufend, sich immer weiter mit ihm entfernte. Wolf und Maria, im vertraulichen Gespräch befangen, bemerkten es nicht. Plötzlich sah Maria zwei bewaffnete Männer von wildem Ansehn aus dem Gebüsch hervortreten. Sie machte Wolfen aufmerksam; er wandte sich rückwärts und halb erschrocken, halb erzürnt, wie es schien, sprang er empor und ging schnell den beiden Männern entgegen. Obgleich Maria wegen der Entfernung nichts von ihrem Gespräch verstehen konnte, so merkte sie doch, aus ihren heftigen Gebärden, daß sie mit einander stritten. Sie ahnte Schlimmes und wollte aufstehn, den Antonio herbei zu rufen. Indem erschallte von dem Ufer des Flusses herauf ein ängstliches Geschrei. Im selben Augenblick vermißte sie mit Schrecken den kleinen Rudolph. Ihre Blicke flogen suchend nach allen Seiten. Auch Wolf hatte das Geschrei vernommen; sie sah, daß er sich umdrehte, die Hände voll Entsetzen zusammenschlug und dann wie ein Pfeil den Hügel hinab nach der Gegend zu rennte, wo es herzukommen schien. Sie folgte ihm eilig und machte sich Bahn durch das Gesträuch, welches ihr die Aussicht hinderte. Als sie ins Freie trat, sah sie, wie Antonio sich aus dem Wasser an's Ufer emporrang und mit Wolfs Hülfe, der gerade hinzukam, den kleinen Rudolph nach sich zog. Sie schrie laut auf und flog hinab. Der Knabe schlug eben unter Wolfs Händen die Augen wieder auf, sie warf sich über ihn und hob ihn an ihre Brust; Wolf faltete die Hände und schaute dankend zum Himmel empor; gleich darauf aber, als würde das Gefühl des Verlustes, der ihm gedroht, erst lebendig in ihm, riß er den Dolch aus seinem Gürtel und sah sich mit funkelnden Augen nach Antonio um. »Unglücklicher,« rief er, »was hast du gemacht!« Erschrocken fiel ihm Maria in den. Arm; Antonio erzählte, wie er mit dem kleinen Rudolph am Ufer nach bunten Steinen gesucht, wie der Knabe plötzlich ausgeglitten und in den Strom gefallen, und wie er ihm auf der Stelle nachgesprungen sei und ihn bei den Haaren erhascht habe. »Als ich das Kind schreien hörte,« setzte er hinzu, »und mich umsahe, war mirs fast, als säh' ich eine schwarze Faust, die den Knaben in die Fluth hinunter zog; allein hier gab es nicht Zeit sich zu fürchten, und ich hätte das Kind wohl dem Teufel selber abgerungen!« Maria schauderte. Wolf reichte ihm die Hand und Antonio drückte sie an seine Brust. Der kleine Rudolph weinte und zitterte vor Frost in den triefenden Kleidern. Hier war nicht Rath noch Hülfe zu schaffen; die Leute in der Meierei waren alle noch auf dem Felde, und es blieb nichts übrig, als sich schleunig auf den Weg nach der Stadt zu machen. Wolf zog Antonio bei Seite und redete heimlich mit ihm; dann nahm er den Knaben auf den Arm und trat mit Marien die Rückkehr an.

Je näher sie der Stadt kamen und je mehr der Knabe klagte, desto hastiger beschleunigte Wolf seine Schritte, so daß Maria ihm zuletzt nicht mehr zu folgen vermochte. Und da er an die ersten Häuser kam, dachte er nur an sein Kind und vergaß seine bisherige Vorsicht gänzlich und schritt die große Straße hinab nach Mariens Wohnung. Alle Leute aber, die ihm begegneten und den stattlichen Kriegsmann sahen mit dem weinenden Kinde auf dem Arm, blieben verwundert stehen Und schauten der fremden Erscheinung nach.

Als er das Haus erreichte, sandte er Frau Susannen gleich nach einem Arzt aus, entkleidete selbst den Knaben und brachte ihn zu Bett. Hierauf empfahl er Marien, die indeß auch gekommen war, die größte Sorgfalt, nahm Abschied von ihr, weil ihn ein wichtiges Geschäft rufe, und konnte sich gar nicht von dem Knaben trennen, zu dem er mehrmals wieder zurückkehrte und ihn küßte und liebkoste. Er versprach den folgenden Tag wiederzukommen.

Den kleinen Rudolph überfiel nun nach starkem Frost glühende Hitze. Der herbeigerufene Arzt erklärte, daß eine bedeutende Krankheit bevorstehe, die zwar durch den heutigen Unfall nicht veranlaßt, in ihrer Heftigkeit aber ohne Zweifel dadurch vermehrt worden sei.

Maria erinnerte sich ihrer Abneigung vor dem Spaziergang, die sie nun auf eine so traurige Weise gerechtfertigt sah und machte sich selbst die bittersten Vorwürfe. – Sie brachte mit Susannen die Nacht schlaflos am Bette des kleinen Kranken zu, der in einem unruhigen Schlummer lag und von den ängstlichsten Träumen gequält zu werden schien. Er sprach im Schlafe und fuhr oft laut schreiend in die Höhe, bat dann, auf Augenblicke wachend, seine Mutter, ihm die Hand zu geben, und fragte nach seinem Vater.

Den andern Tag kam Antonio und brachte die Nachricht, daß sein Herr nothgedrungen einige Zeit abwesend sein werde, doch hoffe er, nicht länger als acht Tage. Er schien unruhig und traurig, und als er scheidend Mariens Hand ergriff und sie küßte, fühlte sie eine Thräne darauf fallen.

Die Krankheit des kleinen Rudolph wuchs indeß mit jedem Tage. Ein wüthendes Fieber hatte seine ganze verzehrende Gluth über ihn ausgegossen; er lag meist ohne Besinnung und der Arzt fing an bedenklich den Kopf zu schütteln. In einzelnen hellen Augenblicken verlangte er beständig nach seinem Vater. »Schicke doch nach dem Vater, liebe Mutter« – sprach er oft mit matter Stimme – »daß er kommt und sieht, wie krank sein Kind ist.– Ein andermal sagte er: »Ist denn mein Vater bös auf mich, daß er nicht mehr zu mir kommen will. Was hab' ich denn gemacht?«

So verging ein Tag nach dem andern in Angst und Sorge und schmerzlichem Verlangen. Schon war der siebente verstrichen und Wolf säumte noch immer mit der Rückkehr. Auch Antonio kam nicht mehr. In den bangen Nächten, die Maria, abwechselnd mit Susannen, bei dem Kranken verwachte, lag sie oft stundenlang auf den Knien vor dem Bilde der Mutter Gottes und flehte in Thränen und heißem Gebet, daß nur dieser Kelch vor ihr vorübergehe. Das Leben des Kindes war durch tausend Adern mit ihrem Herzen verwachsen, und wenn jenes sich losriß, mußte dieses verbluten.

In der Nacht vom achten auf den neunten Tag erwachte der Knabe mit einemmale aus der Bewußtlosigkeit, in welcher er seit mehr als acht und vierzig Stunden ununterbrochen gelegen hatte; er versuchte sich empor zu richten; Maria unterstützte ihn. Er sah befremdet in dem Gemach umher und sprach: »Bin ich denn noch hier? – Weine doch nicht, mein Mütterlein,« fuhr er nach einer Weile fort, als er Mariens Thränen sah, »mir ist recht wohl; ich bin gesund. Ich war in einem schönen Garten, es standen viel herrliche Blumen darin, kleine Engel spielten mit mir und pflückten die Blumen für mich: ich wollte sie dir mitbringen. Wo sind denn die Blumen?« Er sah sich danach um, Maria konnte ihm nur durch Schluchzen antworten. Er legte sich wieder auf sein Kissen zurück. »Hier ists so finster!« sprach er. »In dem Gatten war schöner Sonnenschein. Komm mit, liebe Mutter; ich gehe wieder hin. Komm mit!« – Er schloß die Augen und lag stille. Nach einer Weile schlug er sie wieder auf und sagte: »Wenn der Vater nicht bald kommt, wird er mich nicht mehr finden. Laßt ihn doch holen. Er soll auch mitgehen.« – Nun schloß er die Augen von neuem und schien einzuschlafen. Maria schöpfte frische Hoffnung, da sie ihn so ruhig schlummern sah. Allein gegen Morgen zeigten sich leise Zuckungen, die durch seine Glieder flogen und bald immer häufiger und stärker wurden. Maria weckte Susannen. Der Knabe lag mit halb offenen Augen, doch, wie es schien, gefühl- und bewußtlos. Die Zuckungen ließen allmählig nach; Maria saß, von Angst und Nachtwachen erschöpft, fast ohnmächtig im Lehnstuhl; Susanne trat von Zeit zu Zeit leise an das Bett und horchte auf den Athemzug des kleinen Kranken; alles war still. Da, eben als das Morgenroth den Fenstern gegenüber sich entzündete, wurden die halb gebrochenen Augen des Knaben noch einmal lebendig und schauten glänzend um sich. Er strebte sich aufzurichten, Susanne wollte ihn unterstützen, aber er sank kraftlos zurück. »Ist der Vater noch nicht da?« sprach er mit kaum vernehmlicher Stimme. – »Ich gehe. Komm bald nach, Mutter!« – Maria horchte und eilte an das Bett. Sein Blick hob sich mühsam nach ihr, um seinen Mund flog ein leises Lächeln; er athmete tief auf, seine Augen brachen. Das Leben war noch einmal empor geflammt, ehe es sich dem Tode ergab; jetzt aber zog der bleiche Friedensbote siegend ein und breitete sich ernst und starr über das freundliche Kindergesicht.

Ein dumpfer Schrei des Schmerzes rang sich aus Mariens Brust; sie taumelte in den Lehnstuhl zurück und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. Susanne neigte sich über den Knaben und drückte ihm sanft die Augen zu, dann kniete sie weinend vor dem Bette nieder, faltete die Hände und betete. Maria aber hatte keine Worte und keine Thränen; ein schneidendes Weh zuckte durch Kopf und Brust, ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen; doch weinen konnte sie nicht. – Indem fielen der Morgensonne erste Strahlen in das Gemach; Maria hob die Augen empor, und da sie die Sonne so freundlich und doch so kalt herein schauen sah in ihren unendlichen Jammer, konnte sie den Anblick nicht ertragen, sprang auf und verhüllte die Fenster, dann aber warf sie sich über den Leichnam ihres Kindes, küßte die bleichen Lippen, und der starre Schmerz löste sich endlich in Thränen und Klagen.

»Gott hat ihn zu sich genommen,« sagte Susanne, »in den himmlischen Garten, den er ihm schon voraus gezeigt. Er wandelt in Licht und ewiger Freude, wir aber sind noch in Nacht und Trübsal befangen.«

»So bitte Gott mit mir,« entgegnete Maria, »daß ich meines Kindes letzten Wunsch erfüllen und ihm bald folgen darf!«

Als es gegen Abend ging, entkleideten beide unter tausend Thränen den Knaben, wuschen ihn und zogen ihm ein weißes Kleidchen an; darauf schnitt Maria alle Blumen von ihren Blumenstöcken, die sie sonst geliebt und gepflegt, und streute sie auf sein Lager, einen Kranz aber von Rosmarin, Myrrhen und Rosen wand sie um sein Haupt. Der Tod hatte das leise Lächeln um seinen Mund, den letzten Abschiedsgruß an die Mutter, nicht auszulöschen vermocht, und so lag er nur wie im Schlummer von süßem Traum bewegt und mitten unter den Blumen nicht wie eine verwelkte, sondern nur wie die schönste und zarteste, die ihre Kelch geschlossen vor der rauhen Nacht des Lebens. Da ihn Maria nun so liegen sah, konnte sie es nicht glauben, daß er wirklich todt seyn sollte; es war ihr jeden Augenblick, als müßte er jetzt die Augen aufschlagen, und sie faßte seine, kalte Hand und beugte sich über ihn und lauschte auf einen Athemzug. Aber das Leben und die Liebe, die sonst dem mütterlichen Herzen entgegengeklopft hatten in der kleinen Brust, waren auf immer hinauf geflohen zu dem ewigen Vater, von dem sie stammten; kein Athem regte sich mehr darin, keine Wärme kehrte in die starren Glieder zurück, und der Schmerz überfiel Marien von neuem mit verdoppelter Gewalt.

Da klopfte es leise an die verschlossene Thür. Susanne ging zu öffnen, und herein trat Wolf. Maria schrie laut auf bei seinem Anblick und wandte sich händeringend ab. »Was ist hier vorgegangen,« fragte er bestürtzt. »Was weint ihr? wo ist mein Kind?« – Niemand antwortete ihm. »So ist er wirklich krank?« fuhr er endlich fort. »Ach! ich wußte es wohl; mir war so bange.« Er sah in dem Zimmer umher und schritt dann auf das Bett zu. Indem erblickte er die Blumen auf dem Bett; eine gräßliche Ahnung zuckte durch seine Brust, er stand und wagte nicht weiter zu gehen; nur seine starren Blicke flogen hinüber. Susanne trat an ihn heran, faßte feine Hand und sprach: »Sey ein Mann, Vater! Dein Kind hat dich verlassen. Es ist bei Gott.« Da stürzte er nach dem Bette hin und sah die bleiche Lilie unter den Rosen, taumelte seitwärts an die Wand und verhüllte das Gesicht mit seinem Mantel. So verharrte er lange Zeit. Endlich nahte sich ihm Maria und schlang den Arm um seinen Hals: er hob den Kopf, sah Marien an, dann zum Himmel empor, Thränen brachen aus seinen Augen, er neigte sich schluchzend auf ihre Schulter; dann zog er sie mit sich an das Lager des Kindes und küßte die starren kleinen Hände und die bleichen Lippen unzähligemal. Maria kniete nieder und betete. Er warf sich neben sie und faltete gleichfalls seine Hände zum Gebet. Allein plötzlich versiegten seine Thränen, eine wilde Glut loderte in seinen Augen auf, er schlug sich heftig mit der Faust an die Brust und rief mit dumpfer gepreßter Stimme: »Nein, ich kann nicht beten! ich will nicht beten! ich darf nicht beten! Gott hat mich verworfen: er nimmt mir das Kind! Er will nicht meine Reue, noch mein Gebet! – Nun, du unerbittlicher Richter dort oben,« fuhr er fort und sprang auf, »so laß das Rachschwert auf meinen Nacken fallen! ich halte still.« Er trat wieder an das Bett und betrachtete die Leiche: – »Ich hielt das Kind für ein Geschenk von Gott, für ein Zeichen seiner wiederkehrenden Gnade und Versöhnung. Ach, ich fühl' es, die Liebe zu diesem Kinde hätte mich wieder zum Menschen gemacht, sie hätte mich gerettet diesseits und jenseits! – Ich Wahnsinniger, hätt ichs verdient? Ach, ich habe das Kind getödtet durch meine Nähe! Gott hat es weggenommen aus meinen blutbefleckten Händen, daß nicht mein Hauch seine Seele vergifte. Den letzten Stern hat er ausgelöscht an seinem Gnadenhimmel und zeigt mir sein Antlitz in dunkler Nacht.«

Maria nahte ihm ängstlich und ergriff seine Hand. Er entzog sie ihr rasch: »Fasse diese Hand nicht an,« rief er, »du Reine! Ich bin ein Ungeheuer, von Gott verworfen und verflucht. Meine Nähe bringt Verderben. Fasse meine Hand nicht; sie zieht dich mit in den Abgrund. Der Himmel ist verschlossen; die Hölle thut sich jauchzend auf. Sieh, diese Hand« – er faßte Mariens Arm und zog sie einige Schritte nach dem Fenster mit sich fort, seine Stimme arbeitete sich keuchend aus der Brust – »diese Hand hat deinen Vater umgebracht!« – Gott der Barmherzigkeit! schrie Susanne. Wolf stürzte wie ein Rasender aus dem Gemach.

Marien hatten seine letzten Worte bis ins innerste Leben erstarrt; sie stand wie ein steinernes Bild des Entsetzens. Susanne näherte sich ihr endlich besorgt, und führte sie nach dem Lehnstuhl. Sie ließ alles mit sich geschehen, saß ruhig und stumm, nahm an nichts mehr Antheil und antwortete auf keine Frage Susannens. Eben so ließ sie diese am folgenden Tage alle Anstalten zu dem Begräbniß des Kindes treffen und bekümmerte sich nicht weiter darum. Nur als der Sarg zugemacht und fortgetragen werden sollte, stand sie auf, küßte ihr Kind noch einmal, hob dann Augen und Hände zum Himmel empor und schien zu beten, bis der Sarg geschlossen war; darauf kehrte sie zu ihrem Sitz zurück. Dort blieb sie fortwährend ruhig und stumm, die starren Blicke auf einen Fleck gerichtet; jede Verbindung ihrer Seele mit der Außenwelt war abgebrochen, und nur mit Mühe konnte Susanne sie bewegen, einige Nahrung anzunehmen.

Wolf ließ mehrere Tage nichts von sich hören; endlich erschien Antonio und brachte die Bitte seines Herren, daß es ihm vergönnt seyn möchte, Marien noch einmal zu sehen, wenn sie anders seinen Anblick noch ertragen könne. Da schien Maria wie aus einem schweren Traum zu erwachen; ein leises Roth ging an den blassen Wangen auf. »Er soll kommen!« sprach sie. »Ich will ihn nicht verlassen.«

Und da Antonio, mit schmerzerfüllten Blicken sie betrachtend, noch vor ihr stehen blieb, reichte sie ihm wehmüthig lächelnd die Hand. Sein Mund haftete mit einem langen Kusse auf der Hand, dann drückte er sie an seine Brust und eilte rasch hinweg.

»So wollt ihr auch jetzt noch nicht von ihm lassen?« rief Susanne aus. »Nach allem was er euch gestanden?« – »Ach der Unglückliche!« sprach Maria. »That ers nicht um meinetwillen? Drum bin ich fest an ihn gebunden; der Himmel hat sich von ihm abgewandt, die Welt stößt ihn aus, nirgends auf der weiten Erde ist ein Plätzchen, da er sein Haupt ruhen könnte, als an dieser Brust; drum will ich ihn nicht verlassen, ich will bei ihm bleiben, ich will ihn schützen vor Verzweiflung und seine Seele retten.«

Bald darauf trat Wolf herein. Maria stand auf und ging ihm mit wankenden Schritten entgegen; doch als sie ihm in das bleiche und entstellte Gesicht schaute, blieb sie unwillkührlich stehen und bedeckte ihre Augen mit der Hand. »Auch du wendest dich von mir, Maria?« begann Wolf. »Ach, laß mich nur einmal noch in diesen Himmel schauen, da jener mir verschlossen, nur einmal noch laß mich deine Stimme hören, dann will ich ja gehen.«

»Nein, Wolf,« sprach Maria leise, »wohin du gehest, ich gehe mit; ich bleibe bei dir bis ich sterbe.« – Sie reichte ihm die Hand: er ergriff sie hastig und drückte sie an seine Brust; dann schaute er zum Himmel empor und rief: »Dank sey dir, Gott der Gnade, du bist kein unversöhnlicher Richter! – Maria, du rettest mich von Verzweifelung; du wirst mich auch wieder auf den Weg leiten zu Gott.« – Seine starren Züge belebte ein Strahl von Hoffnung und Freudigkeit. Er entdeckte Marien, daß seines Bleibens nun hier nicht länger sey, und wenn ihr Entschluß fest stehe, ihn zu begleiten als sein rettender Engel, so solle sie morgen sich bereit halten; er werde kommen sie abzuhohlen.

Sie sprachen noch einige Worte über die Reise; er gedachte sich nach Italien zu wenden. Doch die gewohnte Vertraulichkeit war entwichen; ihre Blicke mieden sich; eine unsichtbare Hand drängte sich zwischen ihre Herzen. Wolf fühlte schmerzlich den bangen Zwang und schied bald von dannen.

Maria fragte Susannen, ob sie mitgehn oder bleiben werde. »Ich hätte es freilich lieber gesehen, ihr wärt auch geblieben,« erwiederte Susanne, »doch da ihr nun einmal euer Loos gezogen, so will ichs mit euch theilen, gleich viel ob es schwarz oder weiß ist. Ihr werdet einer treuen Freundin wohl bedürfen.«

Am folgenden Tage war Susanne geschäftig, alles zu ordnen und zuzuschicken zu der Reise. Maria half ihr dabei, doch verfiel sie während dieses Geschäfts öfters wieder in denselben Zustand von Geistesabwesenheit, der Susannen schon früher geängstigt hatte. Mitten in dem, was sie eben thun wollte, hielt sie plötzlich inne, blieb ohne Regung stehen, die Augen starr auf einen Fleck gerichtet, und schien, gänzlich in sich selbst verloren, nichts mehr zu wissen von dem, was außer ihr war.

Da alles bereit stand, kleidete sie sich an zum ausgehen. Wo wollt ihr hin? fragte Susanne. Heftiger als sonst ihre Art war, rief sie: »Du fragst? Soll ich denn nicht Abschied nehmen von meinem Kinde?« – In dem Augenblicke erhob sich ein großes Getümmel auf der Straße. Susanne öffnete das Fenster und schaute hinaus. Ein Trupp Bewaffneter, von einer Menge Volk umgeben, bewegte sich in langem Zuge die Straße herauf; mit jedem Augenblick mehrte sich der Haufe, aus allen Fenstern und Thüren schauten Neugierige, und weit voraus flog von Mund zu Mund die Nachricht: »sie bringen den schwarzen Jäger! sie haben den schwarzen Jäger gefangen.« Auch Susanne wandte sich zu Marien und sprach: »den schwarzen Jäger haben sie gefangen.« Maria erschrack, sie wußte selbst nicht warum. Indeß war der Zug immer näher gekommen; Susanne lehnte sich weit zum Fenster hinaus und immer weiter; auf einmal aber fuhr sie taumelnd zurück, schlug die Hände über ihrem Haupte zusammen und schrie voll Entsetzen: »Gott sey uns gnädig! Er ists! er ists! Da bringen sie ihn!« – Maria flog nach dem Fenster: ihr erster Blick fiel auf Wolfen, der mit gebundenen Händen, von Soldaten umgeben, vorüber geführt ward. Er hob die Augen nach ihr – mit einem gräßlichen Schrei stürzte sie zur Erde nieder.

*

Maria war aus der langen Ohnmacht erwachend in eine schwere Krankheit gefallen. Den so kurz hintereinander wiederholten Schlägen des Schicksals hatte die Natur endlich unterlegen.

Als der erste Eindruck des Schreckens vorüber war, fing Susanne an zu fürchten, daß die öftern Besuche Wolfs nicht unbemerkt geblieben sein und deshalb sie sowohl als Maria in das gerichtliche Verfahren gegen jenen verflochten werden könnten. Schon vor einiger Zeit hatte sie Herr Walthern, Mariens ehemaligen Bräutigam, auf der Straße begegnet, doch ohne dessen gegen Marien zu erwähnen; jetzt erfuhr sie auf ihre Nachfrage, daß er nach einer langen Abwesenheit vor kurzem zurückgekehrt und bei Hofe und in der Stadt hoch angesehen sey. Sie entschloß sich nach einigen Tagen ihn aufzusuchen, ihn zu Mariens Schutz und, wenn es möglich, zu Wolfs Rettung aufzufodern.

Herr Walther erschrack heftig, als er das Schicksal Mariens vernahm, Er befragte Susannen über alle nähere Umstände und versprach, bei entstehendem Verdacht sein ganzes Ansehen zu ihrem Besten zu verwenden, ja sich selbst im Nothfall mit Gut und Leben zum Bürgen ihrer Unschuld zu stellen; zu Wolfs Rettung hingegen sey wenig Hoffnung, doch wolle er ohne Verzug um eine Unterredung mit dem Gefangenen anhalten.

Dies geschah noch an demselben Tage. Als Herr Walther in das Gefängniß trat, saß Wolf auf seinem Strohlager, das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Bei dem Geräusch des Eintretenden hob er den Kopf und sah jenen lange starr an, dann legte er die Hand an die Stirn, wie einer, der sich auf etwas besinnt: ein Strahl von Freude dämmerte in seinen Augen auf. »Seid ihr nicht Herr Walther?« begann er mit matter Stimme. »Ach ja, ihr seid es, ich besinne mich nun auf alles. Es gab eine Zeit, da ich euch nicht gern sah; jetzt erfreut mich euer Anblick. Euch sendet Gott. Nun darf ich nicht mehr in Sorgen sein um Marien; ihr habt sie einst auch geliebt und werdet euch ihrer annehmen.« – Herr Walther gab ihm das feierliche Versprechen, daß er für sie sorgen werde, wie für eine geliebte Schwester, und bezeigte dann sein Verlangen, ihn zu retten wenn es möglich sey. Wolf schüttelte den Kopf, »Mein Leben könnt ihr nicht retten,« sprach er »und sollt es auch nicht versuchen, wenn euch das Heil meiner Seele lieb ist. Gott hat es verworfen; es muß vertilgt werden von der Erde. Ich will die Strafe diesseits dulden, daß der Tod mich rein wasche von meiner Schuld und Gott mir Barmherzigkeit angedeihen lasse jenseits.«

Da er Walthers Wunsch bemerkte, die Geschichte seiner letztern vier Jahre zu vernehmen, erwies er sich auch einem kurzen Bedenken bereit, ihm zu willfahren, indem er äußerte, daß er ja nun nichts mehr zu verschweigen habe.

Er erzählte hierauf seinen ersten Eintritt bei Meister Trymm, das Erwachen seiner Leidenschaft für Marien und seiner Begeisterung für die Kunst, und wie Meister Trymms Geringachtung der letztem und ausschließende Anbetung des Goldes zuerst den Saamen des Widerwillens gegen denselben in seine Brust geworfen, der später, da der Alte seiner Absicht auf Marien inne geworden, unter dessen beständigen verächtlichen Aeußerungen über seine Armuth, schnell um sich greifend empor gewachsen, sich bald in Haß verwandelt und endlich das Verbrechen als Frucht getragen habe; wie Walthers Ankunft ihn in Verzweiflung gestürzt, die unerträgliche Vorstellung von Marien in eines Fremden Armen ihn unablässig wie ein böser Geist verfolgt, Mariens weiche Seele, zu jedem Widerstand unfähig, ihn ihre endliche Einwilligung als gewiß befürchten lassen, und wie ihm durch Vorspiegelung der Hölle der Tod des Vaters als einzige Rettung erschienen sey.

»Der Alte hatte mir,« fuhr er in seiner Erzählung fort, »wie er denn öfters gegen mich mit seiner geheimen Wissenschaft zu prahlen pflegte, einstmals ein silbernes Büchslein gezeigt, darin war ein graues Pulver, dessen Dämpfe, wie er sagte, auf der Stelle tödteten. Nun mußte es sich begeben, daß ich in einer Nacht, da ich auf meinem Lager keine Ruhe finden konnte, mich hin und wieder treibend auf den Hof des Hauses gerieth und in dem Hintergebäude, wo des Meisters Laboratorium befindlich, durch die halb vermauerten Fenster noch Licht schimmern sah. Eine Menge wild durcheinander wirrender Gedanken erhub sich alsobald in meinem Kopfe; es war mir, als hört' ich leise Stimmen vor meinen Ohren, die mich zu etwas antrieben, ohne daß ich recht vernehmen konnte, zu was; mein Herz klopfte wie ein Hammer und fast einem Betrunkenen gleich taumelte ich die Treppe hinan, die zu der geheimen Werkstatt führte. Der Alte trat eben heraus, einen Korb und eine Laterne in der Hand. Ich drückte mich schnell in einen Winkel, und er ging an mir vorüber die Treppe hinab nach dem Kohlengewölbe. Die Thür war offen geblieben: ich schlüpfte hinein. Einen deutlichen Willen hatte ich nicht.

Da ich bei dem düstern Schein einer Lampe, die von der Decke herabhing, die wunderlichen Geräthschaften rings umher an den Wänden und die Todtengerippe mit den blanken Schwertern sah, da stutzte ich; mir däuchte, ich hörte die Gerippe vernehmlich fragen: was willst du hier? – ein kalter Schauder überlief mich. Doch gegenüber stand noch eine Thür offen und es trieb mich mit Gewalt dahin; ich ermannte mich; trotzig wollt ich antworten: was gehts euch an? aber die Stimme blieb mir in der Kehle stecken. Ich hätte gern laut gelacht über mich selber, aber ich konnte nicht. So ging ich mit schwankenden Schritten nach dem zweiten Gemach. Hier war der Heerd. Mancherley Geräth lag umher: ein kleiner Tiegel, zu irgend einem Versuche vorgerichtet, stand auf dem Heerde, doch war noch kein Feuer darunter. Indem ich nun so umherschaute, fiel mir plötzlich, auf einem Sims stehend, das silberne Büchslein in die Augen. Ich fuhr zusammen bei diesem Anblick, eine große Angst überkam mich; ich hielt mir die Augen zu und wollte fort, und doch statt fortzugehen griff ich im selben Augenblick nach dem Büchslein, es war geöffnet, ich wußte selbst nicht wie, und ich schüttete des grünen Pulvers ein gut Theil in den Tiegel. Darauf aber wandte ich mich, und so schnell ich konnte, denn es ward mir dunkel vor den Augen, tappt' ich nach der äußern Thür, schlüpfte hinaus und verbarg mich nicht weit davon. Ich hörte den Alten zurückkommen und hörte, wie er die Thür von innen verschloß; da sprach ich halblaut zu mir selbst: »er verschließt sein Grab!« und erschrack über meine eigne Stimme. Ich schlich nach meiner Kammer und warf mich auf mein Bett; doch wie hatte ich zu schlafen vermocht? Sobald es Tag war, sprang ich auf und lief hinaus vor das Thor. Von meinem damaligen Zustand erinnere ich mich nichts weiter, als daß ich mich freute, weil die Sonne nicht schien. Da ich endlich nach Hause kehrte, sah ich schon von weitem dicken Rauch aus dem Schornstein des Hintergebäudes emporwirbeln; ich lief hinzu, löschte das entstandene Feuer und fand den Alten mit gräßlich entstelltem Gesicht todt vor dem Heerde liegen.«

Er erzählte weiter, wie dieses gräßliche Gesicht ihm allzeit vor Augen gestanden, ihm nirgend Ruh noch Rast gelassen, wie seine Angst immer unerträglicher geworden und ihn endlich sogar von Marien hinweggetrieben. Sich selber zu entfliehen war er hierauf in Kriegsdienste getreten, und das für ihn ganz neue Leben, der tägliche Wechsel der Gegenstände und Begebenheiten hatten wirklich die Erinnerung des Begangenen, die ihn verfolgte, wenn auch nicht vertilgt, doch wenigstens betäubt. Bald darauf aber kam es zum Frieden; der größte Theil der geworbenen Mannschaft wurde entlassen. Dies Loos traf auch Wolfen und seine Gefährten. Allein durch den langen Krieg verwildert, an rastloses Umherschweifen Und sorglosen Erwerb gewöhnt, mochten viele Soldaten sich nicht wieder in die Schranken des bürgerlichen Lebens fügen und führten daher ihr bisheriges Handwerk auf eigne Faust weiter. Wolf fürchtete in der Ruhe die Rückkehr des Zustandes, dem er mit Mühe entflohen; er wollte auch so arm, als er gegangen, nicht wieder zu Marien zurückkehren: die verächtliche Art, mit der ihn der alte Trymm behandelt hatte, um seiner Armuth Willen, so wie dessen Vorhersagung, daß er nie auf einen grünen Zweig gelangen werde, lagen ihm noch oft zu Sinne, und er wollte die letztere durch die That zu Schanden machen. So schloß er sich also an einen von jenen Haufen an, machte sich in kurzem durch Muth, Entschlossenheit und Klugheit bemerklich und ward endlich von seinen Gefährten zum Anführer erwählt, in welcher Eigenschaft er mit ihnen einen großen Theil von Deutschland durchzog und bald unter dem Namen des schwarzen Jägers berüchtigt wurde.

Obgleich er selber niemals seine Hände mit Raub und Mord befleckte, regte sich doch sein Gewissen von Zeit zu Zeit, und nur indem er sich noch tiefer in den Strudel des wilden Lebens stürzte, vermochte er seine leisen Mahnungen zu beschwichtigen. Ein alter Mönch, dem er aus den Händen seiner Leute Eigenthum und Leben gerettet, warf zuerst wieder den Gedanken an Gott und an die Möglichkeit einer Versöhnung mit dem Himmel, durch Reue und Gebet, in seine Brust. Zugleich erwachte die Sehnsucht nach Marien mit neuer Heftigkeit; er fühlte, daß nur ihre Hand ihn wieder auf den Weg zu Gott leiten könne, und so entfernte er sich endlich in Antonios Begleitung heimlich von seinen Gefährten. In seiner Abwesenheit riß wilde Zügellosigkeit die Zurückgelassenen zu Greuelthaten fort, wie er sie nie gestattet haben würde, die aber dennoch lediglich auf seine Rechnung kamen. Der Arm der Gerechtigkeit bewaffnete sich gegen ihn, und da er um Mariens und seines Kindes willen seine Vorsicht vergaß, ward es leicht, ihn zu fangen.

»Was sich noch sonst begeben, das mich angeht,« – so schloß er seine Erzählung – »das wißt ihr, oder werdet es von Marien erfahren. Zwei Bitten habe ich nur noch an euch: die erste, daß ihr euch meines wackern Antonio annehmt, wenn er sich, wie ich gewiß glaube, noch wieder bei Marien sehen läßt, und ihn auf den rechten Weg zurück geleitet; die zweite, daß ihr mir noch einmal euern Anblick gönnt, und mir dann Mariens Verzeihung mitbringt. Ich hoffe zu Gottes Barmherzigkeit, daß ich sie jenseits wiedersehen werde und bald, das weiß ich gewiß.«

Da er hierauf noch großes Verlangen bezeigte, Mariens jetzigen Zustand zu erfahren, so begab sich Walther sogleich auf den Weg zu ihr. – Er fand sie in der höchsten Gluth der Krankheit, ohne Bewußtsein; Susanne hielt ihr Ende für nahe, auch der Arzt gab wenig Hoffnung, und Walther mußte sich mit schmerzlicher Wehmuth gestehen, die größte Wohlthat, die Gott ihr senden könne, sey allein der Tod.

Bei Gott aber war es anders beschlossen. Die Kraft des Lebens besiegte die Krankheit: sie genas; doch nur zu einem halben Daseyn.. In ihrer Seele war die Erinnerung alles dessen, was in den letzten vier Jahren geschehen, gänzlich ausgelöscht; nur ihre frühe Jugend und die erste Zeit ihrer Liebe stand ihr in lebhaften Farben gegenwärtig, und sie sprach von Wolfen als von ihrem Bräutigam, der bald kommen werde, sie abzuhohlen. Ruhig saß sie den ganzen Tag in ihrem Stuhle, flocht Kränze von den Blumen, die ihr Susanne täglich zutrug, mit welchen sie sich dann schmückte, und sang zuweilen Lieder, die sie oft sonst gesungen. Susanne mußte sie an- und auskleiden und sie nähren wie ein Kind. Niemals bezeigte sie ein Verlangen, das Zimmer zu verlassen. »Er könnte ja kommen,« sagte sie »und mich nicht finden.«

Walther hatte, durch ein Geschäft entfernt, seit dem Anfang ihrer Genesung sie nicht gesehen. Jetzt kehrte er zurück, und sein erster Gang war zu Marien.

Er fand sie in einem weißen, leinenen Hauskleide mit blaßgrünen Schleifen geziert – sie litt keine andre Farbe – das reiche, lichtbraune Haar floß aufgelöst über Schultern und Busen herab; auf dem Kopf trug sie einen Blumenkranz, ein andrer lag noch nicht ganz vollendet auf ihrem Schooß; ein Körbchen mit Blumen stand neben ihr. Sie schaute empor, als Walther eintrat, sah ihn an und dann gleichgültig wieder auf ihre Arbeit nieder. Walther stand bestürzt und erschrocken. Nach einer Weile hob sie den Kranz in die Höhe und sprach: »Der ist für meinen Bräutigam, wenn wir zur Kirche gehen.«

»So findet ihr sie wieder!« rief Susanne weinend aus. Walther senkte den Kopf auf seine Brust; ein herber Schmerz schnitt tief durch sein Innerstes; er hörte nicht was Susanne noch weiter zu ihm redete. – Maria hub mit leiser Stimme an zu singen:

Es saß ein Mägdlein feine
Verlassen an dem Raine,
Bis auf den Tod betrübt.
Es zog der Wind vorüber;
Sie fragt ihn: kommt mein Lieber?
Doch Wind nicht Rede giebt.

Der Mond schleicht aus dem Walde,
Sie fragt ihn: kommt er balde?
Doch stumm ist Mondenlicht.
Sie hört das Wasser rauschen:
Sie will auf Nachricht lauschen;
Doch Nachricht bringt es nicht.

Der Morgen lugt von Bergen,
Sie fragt: siehst du ihn nirgend?
Doch Morgen schweigt vor ihr.
Da kommt der Tod gegangen,
Spricht: dort ist dein Verlangen,
Dort oben! Komm mit mir!

»Das ist nur so ein Lied,« sprach sie endend und sah Walthern an. » Mein Bräutigam kommt bald. Meint ihr nicht, daß er kommen wird?« – Walther wandte sich ab, ihr seine Thränen zu verbergen.

Da öffnete sich die Thür, und Antonio trat herein. »Da bin ich!« rief er. »Ich konnte es nicht länger ertragen: ich mußte euch sehen.– Er trat mit leuchtenden Blicken vor Marien; aber Maria sah ihn starr an und schwieg. Er schlug zurückwankend die Hände zusammen voll Entsetzen. Maria senkte die Augen nieder und fing wieder leise an zu singen:

Der Wind fährt über die Haide
Wohl über ein offnes Grab.

»Aber um Gottes willen,« sprach Susanne, »was wollt ihr hier, Antonio? Sie werden euch fangen und euch thun wie euerm Herrn.«

»Immerhin!« erwiederte Antonio. »Was soll das Leben mir noch jetzt?«

Maria heftete ihre Blicke von neuem auf ihn, schüttelte den Kopf und legte die Hand an die Stirn: dann winkte sie ihn zu sich und sagte: »Du bist wohl auch ein Verlassener auf der Welt? Geh mit dem Manne dort; der sieht gut und freundlich aus.«

Walther eröffnete ihm den Wunsch seines Herrn, daß er für ihn sorgen und ihn retten möge, und bat ihn, ihm zu vertrauen. Antonio kniete vor Marien nieder, küßte ihre Hand, dann sprang er auf und wandte sich zu Walthern: »Auch sie wünscht es: ich bin euer. Macht mit mir was ihr wollt!« Und da jener Marien in tiefes Nachdenken, wie es schien, versunken sah und befürchtete, des Jünglings Anblick möchte die Erinnerung ihres entsetzlichen Schicksals aufregen, die Gottes Hand erbarmend mit wohlthätigem Vergessen gedeckt, so begab er sich schnell mit ihm hinweg.

Er führte ihn zu Wolfen, der sich freute, seinen treuen Antonio noch einmal wiederzusehn. Antonio fand seines Schmerzes kein Maaß. Wolf tröstete und ermahnte ihn, sich selbst als warnendes Beispiel aufstellend. Er war sehr bleich und entstellt, und der Gefängnißwärter sagte Walthern, wie seine Kräfte mit jedem Tage mehr dahinschwanden und er den Urtheilsspruch, so nahe er auch sey, wohl kaum erleben werde.

Auch Maria wurde, ohne eigentlich krank zu sein, doch allmählich immer schwächer. Ihr sonstiger Zustand blieb derselbe. So oft Walther sie besuchte, nie zeigte sich die leiseste Erinnerung, daß sie ihn früher gekannt. Ihre Sehnsucht nach dem Bräutigam aber wuchs mit jedem Augenblick, und in der letzten Zeit schienen ängstliche Zweifel in ihrer Seele zu erwachen, ob er auch wirklich kommen werde. Walther trug bange Besorgniß, daß ihr vollständiges Bewußtsein zurückkehren möchte. Allein der Tag der Vereinigung war nahe.

An einem Morgen erwachte sie sehr früh, stand auf und begehrte von Susannen ihr bestes Kleid. Ihr Auge leuchtete mit ungewohntem Glanze; auf ihrem Gesicht ruhte stille Verklärung. »Heut kommt mein Bräutigam,« sprach sie; »nun weiß ich es gewiß. Ein Engel war diese Nacht bei mir und hat es mir gesagt.« Susanne kehrte sich ab und schluchzte; denn heut grade war der Tag, an dem Wolf zum Tode gehen sollte.

»Ach der kleine Engel war wunderschön!« fuhr Maria fort. »Ich habe die goldnen Locken und die blauen Augen mit den dunkeln Wimpern wohl sonst schon gesehn. Er nannte mich Mutter, und mein Herz schwamm in Freude und Wonne.«

Sie ließ sich schnell ankleiden, trieb Susannen, ihr frische Blumen zu hohlen und flocht dann emsig an einem neuen Kranze. – Die Sonne ging auf. Maria blickte hin und sagte: »So sah ich sie schon einmal durch die Fenster lugen, aber damals – ach! es ist wohl schon lange her! – damals war mein Herz voll Trauer; heute scheint die Sonne in meinen Freudentag.«

Indem ward es laut auf der Straße. Das Geräusch nahm zu; verworrne Stimmen ließen sich vernehmen. Maria horchte auf. »Der Bräutigam kommt!« rief sie. »Ich bin bereit.« – Susanne schaute aus dem Fenster. Der Todeszug, Wolf in seiner Mitte, kam eben langsam die Straße herab. – Jetzt war er dem Hause ganz nahe gekommen. Da setzte Maria den Blumenkranz auf ihr Haupt, stand auf, nahm das kleine silberne Crucifix vom Tische, und mit dem lauten Ruf: ich komme! eilte sie zur Thür hinaus, die Treppen hinab auf die Straße, ehe Susanne sie aufhalten, ehe sie ihr folgen konnte. Sie drang durch die Menge; alles wich erstaunt zurück und machte willig Platz. So gelangte sie in die Mitte, ersah Wolfen und lief mit freudeglühendem Gesicht auf ihn zu und rief: »Da bin ich Wolf! nun laß uns gehen.« Sie schlang die Arme um seinen Hals. »Sieh, dort sieht unser Kind!« flüsterte sie. »Er wartet auf uns.« Ihre Hände gleiteten herab. Wolf fühlte sie in seinen Armen erstarren. Ihr Haupt sank zurück; er sah sie erbleichen und sah ihr Auge brechen. Ohne Schmerz, ohne bittre Erinnerung, im Entzücken des Wiedersehns war ihre Seele von dannen geschieden, und nur im letzten Augenblick erschien das Bild ihres Kindes, um als ein leitender Engel sie hinüber zu führen in die Wohnung des Friedens. – Wolf legte sie sanft auf den Boden nieder und warf sich neben ihr zur Erde, den letzten Kuß von ihren Lippen zu nehmen. Ringsumher war Grabesstille. Niemand regte sich. Nur wenige Augen blieben ohne Thränen. Als endlich Wolf nicht wieder aufstand, ging einer, von den Begleitenden hinzu und wollte ihn aufheben: da sahen alle, daß auch er kalt und starr war. Gott hatte, versöhnt, im Tode sie vereinigt.

Walther brachte es durch sein Ansehn dahin, daß beide nebeneinander in einer abgelegenen Ecke des Kirchhoff begraben wurden und pflanzte eine Trauerweide auf das Grab.

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