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Gutenberg > Carl Wilhelm Salice Contessa >

Erzählungen und Märchen

Carl Wilhelm Salice Contessa: Erzählungen und Märchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorCarl Wilhelm Salice Contessa
titleErzählungen und Märchen
publisher
seriesC. W. Contessa's Schriften
editorE. von Houwald
yearGeorg Joachim Göschen
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140531
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Der Instinct

Eine Erzählung

1804

 

Erstes Kapitel.

Der Oheim trat in Eduards Zimmer, eine Tasse Kaffee und seine Pfeife in der Hand, wie es seine Gewohnheit war, wenn er diesem etwas vorzutragen dachte.

Schon wieder fort? fragte er, als ihm Eduard mit Hut und Reitpeitsche entgegen kam. Schon wieder herumstreifen?

Es wird mir hier zu eng im Schloß, lächelte Eduard; ich muß, ich muß ins Weite.

Ins Weite, nur immer ins Weite! sagte der Oheim, indem er seine Last in die angenehme Beschränkung des Sofakissens senkte – Als ob es dort anders wäre, so lange man nicht selbst anders wird! Ich liebe das nicht. Man kann heut zu Tage beinah kein Buch mehr aufschlagen, ohne daß einem daraus diese unendliche Sehnsucht nach der Weite und Ferne wie ein Thauwind ins Gesicht bliese.

Auch das Höchste wird gemißbraucht, lieber Onkel. Aber werfen Sie nur einen Blick zum Fenster hinaus. Welche Frische, welcher Glanz nach dem nächtlichen Gewitter! Ist es nicht, als ob die Natur von dem Geliebten erzähle, der heut Nacht bei ihr war? – Ich wette, Sie bekommen selber Lust zu einem Spatzierritt.

Ein andermal, Eduard. – Du bist doch zum Mittagessen wieder hier? – Wir haben Gesellschaft, und es giebt mehrere Gründe, die mich deine Gegenwart wünschen lassen.

Vermuthlich wieder ein Gastmahl von weiblichen Vollkommenheiten zehn Meilen in die Runde? Aufs Butterbrod gestrichene Empfindsamkeit und häusliche Tugenden mit einer Meerrettigsauce, daß einem die Augen übergehen; zum Nachtisch gefrorne Sentiments und Gelee von zartem Gefühl? Nicht wahr, Onkelchen? – Oder eine Kunstausstellung von gemahlten Statuen und hölzernen Gemählden? Eine Preisbewerbung um meine kostbare Hand?

Es wäre mir lieb, Herr Neffe, wenn du endlich anfingst, dich um ein wenig Vernunft zu bewerben. Wie lange soll das unstäte Leben ohne Zweck noch währen? Du bist einmal der Erbe meines Vermögens, der Herr dieser schönen Güter – –

Mein gütiger Oheim beglückt keinen Undankbaren.

Lyrum, larum! Heirathe, bring' mir eine freundliche, hübsche Nichte ins Haus; das ist die beste Manier mir deinen Dank zu zeigen.

An mir liegt die Schuld nicht, wenn es nicht schon längst geschehen ist; davon sollen Sie sich heute wieder überzeugen. Ich werde die Schönen mit großer Aufmerksamkeit recognosciren; ich werde ihnen Gelegenheit geben, die Batterien aller ihrer Reize auf mich spielen zu lassen, und gelingt es einer von ihnen, meinem Herzen auch nur eine Contusion beizubringen, so gebe ich Ihnen mein Wort, ehe der Sommer vergeht, umschließ' ich das wilde Leben mit dem Pferch der heiligen Ehe und hänge meine goldne Freiheit in den Rauch, um sie mir schnittchenweise zu Beförderung der Verdauung von meiner Frau zuschneiden zu lassen! – Guten Morgen, lieber Onkel!

Damit sprang er hinaus und warf sich auf das Pferd. Der Onkel erhob sich kopfschüttelnd und ging, seine Toilette zu machen.

Zweites Kapitel.

Der Mittag war über Eduards Erwartung angenehm hingegangen. Man hatte sich zwar in hergebrachter Steifheit zu Tische gesetzt, und die erste Viertelstunde war lediglich dem Lobe des schönen Wetters und der delikaten Krebssuppe gewidmet worden, allein der Wein und ein paar muntre Köpfe in der Gesellschaft warfen bald Leben in das todte Meer. Eduard fand überdieß seine blonden Nachbarinnen der Aufmerksamkeit nicht unwerth, und der Oheim war selig an der Seite einer lebhaften Brünette, die seine kleinen Galanterien mit vertraulicher Neckerei erwiederte.

So stand die Sonne schon ziemlich tief, als die Gesellschaft sich erhob, um im Garten den Kaffee zu trinken, der sie in einer geräumigen hohen Laube erwartete. Man hatte dort die Aussicht auf das frische Grün eines weiten Rasenplatzes, den die mannigfaltigsten Baumgruppen begränzten.

Welche seltsame Gestalt kommt dort auf uns zu! – rief die muntre Brünette. – Sieht der Mann nicht so fremdartig aus, wie ein auf die Erde gefallener Mondbewohner?

Oder wie ein Genie,– bemerkte einer, – welches der deutsche Patriotismus eben um des Fremdartigen willen verhungern läßt oder einsperrt.

Es ist dennoch etwas nobles in der Figur – fiel ein Andrer ein. Vielleicht ein vacirender Minister oder wohl gar ein vertriebner Kronprätendent. Man kann heut zu Tage nicht wissen.

Unter diesen Bemerkungen hatte sich ein langer hagrer Mann genähert, dessen Kleidung aus der Trödelbude zusammengewürfelt schien, mit abgezognem Hute und vielen Complimenten bat er um die Erlaubniß, eine hohe Gesellschaft durch ein kleines Conzert unterhalten zu dürfen. Sie wurde ihm mit Freuden zugestanden. Er trat hinaus und winkte mit dem Hute; drei andre Männer, zwei Knaben und zwei junge Mädchen kamen aus dem Gebüsch; eine ältliche Frau blieb in einiger Entfernung zurück. Sie stellten sich in einen Halbkreis um ihren Anführer, dem man jetzt eine Violine überreichte, und gaben der Gesellschaft eine Musik, welche die angenehmste Wirkung nicht verfehlte. Von den beiden Mädchen, welchen der schwarze Rock mit dem kurzen Leibchen von gleicher Farbe, und das rothe Mieder mit silbernen Knöpfen und Schnüren gar artig stand, spielte die ältere die Harfe, die jüngere blies die Flöte oder schlug das Tambourin, das an ihrem Gürtel hing.

Während die Musik nach und nach schwächer ward, zogen sich die Spielenden allmählich auf die Seite, bis auf den ältern Knaben, der mit seiner Flöte in der Mitte des Platzes stehen blieb. – Jetzt war alles still. Der Flötenspieler fing eine langsame doch frohbewegte Melodie an; von Zeit zu Zeit antwortete ihm ein Waldhorn mit den übrigen Instrumenten wechselnd in gedämpften Tönen. Endlich schwiegen diese gänzlich und die Flöte rufte ihnen vergebens in einzelnen Klagelauten. Die Harfenspielerin trat hervor Und sang, sich auf ihrem Instrument begleitend, mit großer Anmuth die folgenden Verse:

Wer weckt mit seinen Klagen,
des Waldes Wiederhall?
Willst du dein Leid mir sagen,
du süße Nachtigall?

Du sprichst zu meinem Herzen;
es hört voll Sehnsucht zu.
Ich fühle deine Schmerzen,
ich leide so wie du.

Laß unser Leid uns sagen,
du traute Nachtigall!
Es töne unsern Klagen
des Herzens Wiederhall.

Die Harfe ging in leisen Accorden weiter. Die Flöte ließ sich noch in einigen Tönen vernehmen, dann sang der Knabe mit einer angenehmen Stimme zur Antwort:

In unsern Blüthetagen,
da lächelt uns das Glück,
da spricht auf unsre Fragen
das Leben hold zurück.

Bald geht der Pfad mit Neigen
durch öde Wüstenein;
die holden Stimmen schweigen
und lassen uns allein.

Hier fiel die erste Stimme mit ein, und beide sangen in inniger Bewegung:

Doch sieh, durchs Herz zieht Friede,
wie Mondschein durch die Nacht:
es ist dem Leid im Liebe
ein süßer Trost erwacht.

Im Liede blüht das Leben
uns schöner wieder auf,
und auf den Tönen schweben
wir fröhlich himmelauf. –

Als nun die übrigen Instrumente in die Melodie einfallend, den Schluß machten, erschallte den Sängern der allgemeinste Beifall. Jeder suchte ihnen etwas verbindliches zu sagen, und als man erfuhr, daß Idee und Ausführung von dem allen der schönen Sängerin selbst verdankt werde, so trug dies nicht wenig dazu bei, das Interesse zu erhöhen, welches ihre angenehme Gestalt und ihr Gesang erzeugt hatten. Eduard besonders fühlte Empfindung und Fantasie aufs lebhafteste angeregt. Er wünschte sehnlich, mit diesem wunderbaren Wesen in nähere Bekanntschaft zu treten, und hätte dem Oheim um den Hals fallen mögen, als dieser durch eine Einladung auf sein Schloß für die Befriedigung dieses Wunsches sorgte. Der Anführer der kleinen Gesellschaft betheuerte, daß er die hohe Gnade mit dem dankbarsten Herzen zu schätzen wisse, und zur Recreation und Satisfaction einer gnädigen Versammlung alle seine Kräfte aufbieten werde. Darauf ließ er noch einige Musikstücke folgen, die feinen Leuten Gelegenheit gaben, die Fertigkeit eines jeden auf seinem Instrumente an den Tag zu legen, und es darüber anfing dunkel zu werden, so brach endlich alles auf und zog paarweis unter Voraustretung der Musik nach dem Schlosse zurück.

Drittes Kapitel.

Am andern Morgen brachten die neuen Gäste der beim Frühstück versammelten Gesellschaft ihren Morgengruß in einigen artigen Liedern, die sich alle durch Gefälligkeit, oft durch Neuheit und Originalität auszeichneten.

Jetzt hatte man bessere Gelegenheit, die interessanten Ankömmlinge zu mustern. Die Damen fanden halb bäurische Tracht der beiden Mädchen und die flammenden Augen des ältern Knaben, dessen Gesichtszüge die fremde Abkunft verriethen, recht hübsch; die Aufmerksamkeit der Männer ward ungetheilt jenen beiden zu Theil. Wenn auch die ältere die regste Theilnahme für sich hatte, so zog doch das runde Gesichtchen der jüngern mit der kleinen verschmitzten Nase und den frischen Rosenlippen sehr viele auf seine Seite. Eduard bemerkte mit Unruhe, daß der Onkel zu den erstern gehörte, und sich ungewöhnlich geschäftig um die schöne Sängerin bewies.

Unterdeß hatten sich einige an den hagern Anführer gemacht, und ihn über seine Lebensgeschichte befragt. – Ich getraue mich zu behaupten, antwortete er, daß meine Schicksale, mit gehöriger Ordnung und Ausführlichkeit erzählt, zu nicht geringem Divertissement einer hohen Gesellschaft gereichen würden. Ohne mir in Dero Augen einen Werth geben zu wollen, mag ich wohl sagen, daß ich zu gegenwärtigem armseligen Stande nicht geboren und erzogen war; allein ich schien von Jugend auf, wenn ich mich also exprimiren, darf, zum wahren Lastesel und Sündenbock aller Narren und Spitzbuben bestimmt zu sein. N'est pas toujours heureux, qui est digne de l'être.

Die weitern Fragen über seine Begleiter brach er kurz mit der Versicherung ab, daß sie alle zu seiner Familie gehörten.

Thätig und unverdrossen sorgte er nun für die tägliche Unterhaltung der Anwesenden. Einige Dilettanten unter den letztern und ein paar Bediente des Onkels, die etwas musikalisch waren, traten der Familie bei, und man hatte alle Abende ein ziemlich wohl besetztes Conzert. Das beliebteste aber blieben immer die Lieder und Scenen, welche die Harfnerin, von ihrer jüngern Gefährtin und dem Flötenspieler unterstützt, zum besten gab. Die beiden letztern führten auch ein paarmal pantomimische Tänze mit ungemeiner Behendigkeit und Zierlichkeit auf.

Indeß war Eduard dem Gegenstande seiner Bewunderung und seiner Wünsche um keinen Schritt näher gekommen, denn das Mädchen wich jedem Versuche zur Annäherung, der von ihm oder von andern gemacht wurde, höflich aber ernst zurückweisend aus, und er sah sich also lediglich auf Blicke und kleine Dienstleistungen gestellt, um ihr den Zustand seines Herzens zu erkennen zu geben. Des Abends spät, wenn alles im Schlosse still war, schlich er sich regelmäßig in einen großen leer stehenden Saal, in welchem alte Waffenrüstungen hingen, und der an das von dem Alten mit seiner Frau und den beiden Mädchen bewohnte Zimmer stieß. Dort vergönnte ihm eine mitleidige Spalte in der Thür zuweilen noch den Anblick der Geliebten im züchtigen Negligee, oder ließ den Wohllaut ihrer Stimme zu seinen entzückten Ohren gelangen.

Als er eines Abends sich auf seinen gewöhnlichen Posten begeben wollte, war in dem anstoßenden Zimmer schon alles still. Eine Lampe flackerte erlöschend auf dem Tische. Er schloß daraus, daß die Familie schon zu Bette sey, und war im Begriff, seinen Rückzug anzutreten. In dem Augenblick öffnete sich ihm gegenüber die andere Saalthür leise knarrend; es trat jemand behutsam herein und näherte sich auf den Zehen. Es war so finster, daß Eduard durchaus nichts erkennen konnte. Er drückte sich in eine Ecke und beschloß den Ausgang abzuwarten. Die leisen Schritte des Ankömmlings gingen nach dem Orte zu, den er eben verlassen hatte, und schienen sich, nach einigen schweren Seufzern, eben wieder davon zu entfernen, als plötzlich auf der andern Seite eine der alten Waffenrüstungen mit Donnergeprassel zur Erde stürzte. Ein lauter Schrei ließ sich in der Mitte des Saales hören; darauf war alles still. Eduard, dem es unheimlich zu Muthe ward, suchte tappend die große Mittelthür zu erreichen, stieß aber auf ein Mal hart an jemand an. Wer da? wer da? erschallte es hinüber und herüber, doch erfolgte von beiden Seiten keine Antwort, und Eduard bemühte sich desto eiliger die Thür zu finden. Allein da vermuthlich die andere Person von gleichem Verlangen getrieben war, und ihren Rückzug nicht minder beschleunigte, so konnte es nicht fehlen, daß sie nicht beide im nächsten Augenblick zum zweiten Male an einander rennten. In der Angst griff Eduard zu; der Ergriffene aber fing gräßlich an zu schreien: wer da? Hülfe! Licht! Diebe! Mörder! Die Seitenthür sprang auf, es ward hell, die ganze Künstlerfamilie stürzte erschrocken heraus. Eduards erster Blick suchte seinen Gegner und fiel – auf seinen Onkel, der mit weit geöffnetem Munde, in welchem noch einige Dutzend Diebe und Mörder zu schweben schienen, ihn anstarrte. Die Zuschauer wußten nicht, was sie denken sollten. Im lächerlichsten Aufzuge, die Nachtlampe in der Hand, stand der Vater der beiden Mädchen unbeweglich da, und seine Beredtsamkeit hatte ihn ganz verlassen. Die runde Nachthaube unter dem Kinn zugebunden, kleidete seinem langen hagern Gesicht vortrefflich, und um die Schultern hatte er in der Eile, sich nicht zu erkälten, einen Unterrock seiner Frau geworfen. Der Oheim, der, jetzt erst die Frauenzimmer bemerkend, höchst verlegen die Nachtmütze abzog und sich an sie wendete, gab ihm das Leben wieder. Er ergoß sich in einen Strom von Entschuldigungen, daß er in einem so respektwidrigen Aufzug erscheine, und seine Frau suchte vergebens ihn nach dem Zimmer zurückzubringen.

Herr Jesus, was ist das, unterbrach ihn auf ein Mal die jüngere Tochter, indem sie, sich hinter ihn versteckend, nach einem großen Tische hinwies, der mit einem rothen Teppich bedeckt in der Mitte des Saales stand – der rothe Tisch bewegt sich. Die ganze Versammlung sah erschrocken den rothen Tisch, dann sich unter einander an, und die Frauenzimmer machten Miene, davonzulaufen; Eduard aber erinnerte sich der Stimme, die er gehört hatte, ging hin, den Teppich aufzuheben, und siehe da! der Kammerdiener des Oheims kroch beschämt auf allen Vieren hervor.

Aber um Gotteswillen, fuhr ihn der Oheim an, froh, an diesem Ableiter seinen Unmuth und seine Verlegenheit entladen zu können, – was macht der Kerl da unter dem Tische?

Verzeihen Sie, gnäd'ger Herr, stotterte der Mensch, ich wollte – es sind immer so viele Mäuse hier im Saal, ich wollte eine Mausefalle aufstellen.

Was schwatzt der Pinsel, schrie der Oheim, in dieser einfältigen Antwort einen Doppelsinn argwöhnend – jetzt in später Nacht? und unter dem Tische?

Es kam endlich heraus, daß ihm ein Mädchen aus dem Schlosse hier eine Zusammenkunft zugesagt, und er bei dem fürchterlichen Geprassel der Rüstung vor Schreck dorthinunter gekrochen sey.

Eduarden kam diese Aussage verdächtig vor, denn er kannte diesen Menschen, der unter dem Schein der ehrlichsten Einfalt die größte Schlauheit verbarg. Aber wie konnte er jetzt daran denken? Er benutzte lieber die Gelegenheit, sich seiner Herzenskönigin zu nähern und ihr zu sagen, daß nur sie ihn hierhergezogen, und so das Abenteuer veranlaßt habe. Sie schlug erröthend die Augen nieder, und schwieg. Er faßte sanft ihre Hand, die sie nicht zurückzog, und drückte seine heißen Lippen darauf; da trat der Onkel hastig hinzu, entschuldigte sich nochmals bei den Frauenzimmern, wünschte gute Nacht, und zog ihn mit sich fort. Schweigend ging er voran; Eduard fühlte nicht den mindesten Beruf, das Schweigen zu brechen. An seiner Thüre sagte er, ohne sich umzusehen: gute Nacht! und Eduard eilte selig auf sein Zimmer. –

Am andern Abend, nach dem gewöhnlichen Conzert, nahm Angelika, so nannte man die Harfnerin, schweigend ihre Harfe, und nachdem sie mit einigen Accorden erwartungsvolle Stille verbreitet hatte, sang sie:

Wer klopft so spät an meine Zelle?
wer ist's bei später Nacht? –
»Die Liebe steht auf deiner Schwelle
und bittet: aufgemacht!
Ich bringe süße Spenden,
die lindern alle Pein;
ich will dein Sehnen enden,
drum laß mich schnell hinein.«

Was weckst du wieder das Verlangen
in meiner stillen Brust?
In deinen Blumen lauschen Schlangen
und bald stirbt deine Lust.
Was auch dein Mund versprochen,
ich lasse dich nicht ein.
Du hast dies Herz gebrochen,
wer kann ihm Trost verleihn?

Da klopft es wieder an der Zelle.
Wer ist's bei Mitternacht?
Ein treuer Freund steht auf der Schwelle
und fordert: aufgemacht!
Ich bringe keine Gaben,
ich bringe dir blos mich.
Zwei schwarze Männer graben
ein Haus für mich und dich.

Du letzter Trost, o sey willkommen!
Mach' auf dein stilles Haus.
Die Welt hat alles mir genommen;
ich trete froh hinaus.
Es bannt das trübe Sehnen
des Todtengräbers Spruch;
die letzten Kummerthränen
verwischt das Leichentuch.

Die Harfe verhallte leise. Eduard sah Thränen in Angelika's Augen glänzen. Sie stand auf, lehnte die Harfe an die Wand, und schlüpfte zur Thür hinaus.

Ihr Vater schien unzufrieden mit ihrem Betragen; der Onkel wollte unbefangen scheinen, es gelang ihm aber schlecht, und Eduard fühlte, daß das Barometer seiner Hoffnungen beträchtlich gefallen sey. Gern wär' er ihr gefolgt, aber es kamen neue Gäste, die ihn zum Bleiben zwangen. Ein alter Freund des Oheims, den die Trauer um seinen im Zweikampf gebliebenen ältern Sohn lange Zeit von allen Menschen entfernt hatte, besuchte jenen zum ersten Mal wieder in Gesellschaft seines jüngern, der mit Eduard erzogen worden und jetzt nicht längst von seinen Reisen zurückgekehrt war. Die Erscheinung des jungen Diethorst setzte den Zirkel der anwesenden Damen sichtbar in Bewegung. Eduard selbst mußte sich gestehn, nie einen schönern Mann, von edlerm Anstand und ruhig sicherer Haltung gesehen zu haben. Um desto befremdender war es ihm, zu bemerken, daß er beim Erblicken von Angelika's Vater bestürzt und wirklich in Verlegenheit zu seyn schien. Auch der Alte war betroffen und verließ sogleich das Zimmer. Eduards Freund setzte sich während einiger gleichgültigen Fragen nach jenem, den er vor einiger Zeit mit seiner Gesellschaft in einem Bade getroffen zu haben erwähnte, wieder ins Gleichgewicht, und mischte sich dann ins allgemeine Gespräch, welches er bald so zu beleben wußte, daß man erst spät aus einander schied.

Viertes Kapitel.

Beim Erwachen am folgenden Morgen fand Eduard auf seinem Bette eine halb aufgeblühte Rose. Um den Stiel wand sich ein kleiner Zettel mit den Worten: Abschied und Andenken. Eine bange Ahndung fiel ihm auf das Herz. Er sprang aus dem Bette, kleidete sich eilig an und lief nach dem großen Saal. In dem Seitenzimmer war alles still, und er wagte es endlich, anzuklopfen. Niemand antwortete. Er klopfte stärker: kein besserer Erfolg. Nun öffnete er leise die Thüre und trat – in ein leeres Zimmer. Der Anblick machte ihn starr, und heftete ihn einige Augenblicke unbeweglich auf eine Stelle; dann aber flog er in den Hof hinab, Erkundigungen einzuziehn. Man sagte ihm, Angelika sey mit allen ihren Begleitern schon vor Tages Anbruch fortgegangen. Ein Bedienter überreichte ihm ein Billet an den Oheim, welches ihm der Alte gegeben hatte. Es enthielt Danksagungen und Entschuldigung ihrer plötzlichen Abreise, wozu ein unvermutheter Vorfall sie gezwungen. Eduard nahm das Billet, und stürmte damit in des Onkels Schlafzimmer. Dieser konnte sich die Ursache ihrer Abreise eben so wenig erklären, und schien darüber fast nicht minder unruhig zu seyn. Eduard ließ sein Pferd satteln und ritt ihnen auf dem Wege nach, den sie nach Aussage der Bedienten eingeschlagen hatten. Eine Stunde weit blieb er auf ihrer Spur, aber dann konnte ihm niemand weiter Nachricht geben. Nach langem vergeblichem Umherirren nahm er hoffnungslos den Rückweg nach dem Schlosse.

Nicht weit davon kam ihm ein Reuter entgegengesprengt. Es war Diethorst. Hast du sie gefunden? schrie er Eduard schon von weitem zu. Eduard verneinte mißmuthig. Du wirst mir meine schnelle Entfernung vergeben, fuhr jener fort, indem er sein Pferd anhielt; ein dringendes Geschäft ruft mich nach D... Leb wohl, auf baldiges Wiedersehn! – Er gab seinem Roß die Sporen und jagte weiter.

Im Schlosse fand Eduard bei seiner Zurückkunft den größten Theil der Gäste im Begriff abzureisen. Die Uebrigen folgten ihnen den andern Tag. Auch der alte Diethorst brach auf. Die Stille, die nunmehr im Hause einkehrte, so willkommen sie sonst gewesen wäre, schien dießmal seinen Bewohnern sehr lästig. Der Onkel war den ganzen Tag auf seinem Zimmer beschäftigt; Eduard strich auf der Jagd umher, und wenn beide bei Tisch zusammen kamen, gab es nur eine sehr magre einsilbige Unterhaltung. Es war, als ob jeder vor dem andern etwas verbergen wollte, und seine eignen Worte als Verräther fürchtete.

So vergingen acht Tage. Eduard konnte stundenlang vor der verwelkenden Rose stehen; er überraschte sich oft selbst über den seltsamsten Bildern und Träumen, und mußte sich gestehn, daß Angelika einen tiefern Eindruck auf ihn gemacht habe, als je ein Mädchen vor ihr.

Da trat eines Morgens sein Bedienter mit schlauer Miene in sein Zimmer. Wissen Sie schon, gnäd'ger Herr, fing er an –? –

Was soll ich wissen? antwortete Eduard verdrießlich! Nur heraus mit der wichtigen Neuigkeit! Du weißt, ich kann die Vorreden nicht leiden.

I daß das schöne Harfenmädchen wiedergefunden ist, mein' ich nur, versetzte Johann lächelnd. – Eduard sprang auf, und faßte ihn bei den Schultern. – »Sie ist bei einer Schauspielertruppe drüben im Sächsischen. In D... hat er sie selber gesehn.«

Er? Wer denn? Wer hat sie gesehn? So sprich doch, Pinsel.

I nun, August, den der Herr Onkel weggeschickt hatte, ist gestern Abend wiedergekommen und hat mirs im Vertrauen entdeckt. Er hat sie selbst gesehn.

Eduard griff nach den Stiefeln und befahl die Pferde zu satteln. – Aber, gnäd'ger Herr, sagte Johann säumend.

Was für ein Aber?

Der Herr Onkel sind ja auch verreist.

So? – Desto besser!– So braucht er gar nichts von meiner Reise zu erfahren.

In einer halben Stunde saß Eduard mit seinem Johann zu Pferde, und trabte nach der Grenze.

Fünftes Kapitel.

In der Dämmerung des folgenden Tages zu D... angelangt, war seine erste Frage nach dem Komödienzettel. Es wurde Maria Stuart gegeben, und eine fremde Schauspielerin trat in der Rolle der Maria auf. Das mußte Angelika sein. Er eilte nach dem Schauspielhause. Eben trat Maria auf die Bühne. Es blieb ihm kein Zweifel. Zwar konnte er wegen der Entfernung, in welcher er stand, ihre Gesichtszüge nicht ganz deutlich erkennen, allein es war Angelika's Stimme, ihr Gang, ihr schlanker Wuchs. Nur etwas größer schien sie ihm, und ihr Haar etwas dunkler; doch ließ sich das letztere leicht aus der Wirkung des Kerzenlichtes erklären.

Aber wie verschieden von dem Bilde, welches die Harfnerin in ihm zurückgelassen hatte, war der Eindruck, den heut, die Schauspielerin auf sein Herz machte. Diese Anmuth, diese Würde in Wort, Geberde und Stellung riß ihn zur Bewunderung fort. Wie eine Gottheit stand sie vor ihm im Glanze der Verklärung, und wenn er jene geliebt hatte, hätte er vor dieser die Kniee beugen und anbeten mögen. – Nicht ohne Unruhe sah er Aller Blicke auf sie gerichtet, und vernahm das Lob, das ihr allgemein zu Theil ward. Es war ihm, als ob diese Blicke, dieses Händeklatschen sie nur entweiheten; es sollte sie niemand sehen, niemand bewundern, als er. Alle männliche Zuschauer kamen ihm als Nebenbuhler vor.

Kaum war endlich Maria im letzten Akte, von Thränen und rauschendem Beifall begleitet, zum Tode gegangen, als er sich durch die Menge drängte, und nach der hintern Thür des Hauses lief, durch welche, wie man ihm gesagt, die Schauspieler zu kommen und zu gehen pflegten.

Es wurde bald lebhaft auf der Straße, die Wagen rasselten, das Schauspiel war aus. Mehrere Haufen von Nachhausekehrenden gingen an ihm vorüber. Der Name Maria war auf allen Lippen. – Nun fingen auch die Schauspieler an sich zu entfernen. Es war dunkel geworden, und Eduard fürchtete beinah, daß Angelika unbemerkt entschlüpft seyn könnte: da kommt endlich ein Frauenzimmer, einen grünen Schleier übers Gesicht, am Arm eines dicken Herrn. Es ist Maria! er erkennt sie an Wuchs und Kleidung. Es ist Angelika! Sein Herz pocht ungestüm. Er tritt ein paar Schritte hastig näher – und fliegt erschrocken drei Schritte wieder zurück: der dicke Herr war, niemand anders als der Onkel, nicht weniger erstaunt als er, über die unvermuthete Zusammenkunft. Beide sahen sich starr an; keiner wußte recht, was er thun oder was er sagen sollte. In dem Augenblicke kommt eine Postchaise die Straße herab gerasselt und hält vor dem Hause still. Ein Mann springt heraus, in welchem Eduard seinen Freund Diethorst zu erkennen glaubt. Angelika läßt den Arm des Onkels fahren, läuft auf den Fremden zu; dieser sagt ihr ein paar Worte ins Ohr, bietet ihr seinen Arm, führt sie zum Wagen, hebt sie hinein, springt selber nach – und dahin fahren sie!

Nicht leicht mögen wohl, seit dem Sündenfall unserer ersten Vettern, zwei Menschen alberner sich gegenüber gestanden haben, als der Onkel und Eduard in diesem Moment. Eduard war ganz betäubt; der Onkel faßte sich zuerst. Wollen wir nicht in den Gasthof gehen? sagte er mit kleinlauter Stimme? Eduard folgte ihm maschinenmäßig und schweigend, und so gelangten sie, ohne ein Wort gewechselt zu haben, vor die Thür des Gasthofes.

Aber lächerlich ist die Geschichte doch, kehrte sich hier der Onkel zu Eduard, sehr lächerlich, obgleich ein wenig impertinent und unbegreifllich obendrein. Wie kommst du denn hieher, Eduard?

Ich hörte gestern früh, daß Sie verreist waren, ich hatte Langeweile zu Hause, und beschloß, einmal ein paar Tage in der Stadt zu leben, wo ich freilich nichts weniger erwartete, als daß ich das Glück haben würde, Sie zu treffen, bester Oheim.

Sehr verbunden. Mich rufte ein äußerst wichtiges Geschäft hieher. Der Krieg rückt uns immer näher. Wir sprechen davon ein andermal. – Maria Stuart zog mich ins Schauspielhaus, wo du wahrscheinlich auch warst; ich erkenne höchst verwundert in der schönen Königin unsre schöne Angelika, wie du wahrscheinlich auch gethan hast; ich gehe am Ende des Stücks auf das Theater; Mamsell tritt mir aus dem Ankleidezimmer entgegen, ich gebe ihr meine Freude über dieses unvermuthete Treffen zu erkennen: Mamsell scheint sehr verwundert, verlegen, antwortet mir keine Sylbe; ich biete ihr meine Begleitung an, Mamsell besinnt sich einen Augenblick, lacht dann laut auf, ergreift meinen Arm, fährt mit mir die Treppe hinunter, daß ich fast den Hals breche; wir treten aus dem Schauspielhause, wo mich der liebe Neffe, wahrscheinlich auch auf Mamsell wartend, durch seine Gegenwart überrascht; die Postchaise rasselt, Mamsell macht sich sehr unartig von mir los, und so weiter! das ist verdrießlich zu wiederholen. Laß uns hier in die Gaststube treten und uns restauriren. Ich habe entsetzlichen Hunger.

Das Gespräch an her Table d' hôte war sehr lebhaft und drehte sich abwechselnd um die neue Schauspielerin und um die neusten Kriegsvorfälle. Eduard und der Onkel nahmen an der andern noch leeren Seite des Tisches Platz. Ein junger Mann, den beide sogleich für den Schauspieler erkannten, welcher heut den Mortimer gespielt hatte, setzte sich, sie höflich grüßend, ihnen gegenüber. Der Onkel knüpfte bald ein Gespräch mit ihm an, indem er einiges zum Lobe seines Spieles sagte.

Sie machen da eigentlich nur der schönen Maria ein Compliment, erwiederte der junge Mensch; denn wer ihr gegenüber in meiner Rolle ein Stock bleibt, den hat der liebe Gott zum Schurzfell oder zur Elle, nicht zum Cothurn bestimmt. Den armseligsten Stümper, wenn er nur Augen hat, und ein gesundes Herz über dem Magen, muß die Anmuth ihrer Person, die Herrlichkeit ihres Spiels begeistern, mit fortreißen und über sich selbst erheben.

Der Oheim meinte, er sey zu bescheiden.

Zu entschieden vielmehr in meinem Lobe, lächelte jener; Sie könnten ja leicht andrer Meinung seyn. Indeß ob ich gleich zu den alten Anbetern der schönen Maria gehöre, und also wohl ein wenig parteiisch seyn mag, so stehe ich doch nicht an, mich dreist auf das eigne Urtheil der Herren zu berufen.

Sie kannten sich also schon vorher? fragte Eduard lebhaft.

Was sollte ich nicht, rief der Schauspieler aus. Unsere Bekanntschaft ist nicht von gestern. O wenn Sie sie erst wie ich, in so vielen und so verschiedenen Rollen gesehen hätten, überall gleich vortrefflich – –

Darf ich fragen, unterbrach ihn Eduard –

Dann würden Sie sie erst bewundern, fuhr jener mit einer höflichen Verbeugung gegen Eduard fort, ohne sich jedoch im mindesten unterbrechen zu lassen. Es liegt nun einmal, ich weiß nicht, soll ich sagen, der Fluch auf dem deutschen Schauspieler, daß er sich in den heterogensten Elementen bewegen, bald Fisch, bald Vogel seyn muß. Doch möchte das noch hingehn, wenn es nur bei dem reinen Trauerspiel oder Lustspiel sein Bewenden hätte; allein da laufen bei uns noch so viele wunderliche Amphibien zwischen beiden durch, die alle wieder beinah in so viel besondere Gattungen zerfallen, als es Individuen giebt, und der Schauspieler, welcher sich durch alles dies durchwindend, nicht entweder sich selbst verwirrt und verliert, oder in einer alles über einen Leisten schlagenden Manier untergeht, muß wahrlich kein gewöhnlicher Mensch seyn.

Wollen Sie mir erlauben, hub Eduard von neuem ungeduldig an – –

Ich weiß, was Sie sagen wollen, – unterbrach ihn der fertige Sprecher, dessen laute Stimme sich Zuhörer am Tisch zu werben anfing – Sie meinen, daß eben diese Nothwendigkeit, sich in so mannigfaltige Formen und Gestaltungen zu modeln, die Gewandtheit und mechanische Fertigkeit des Schauspielers in hohem Grade befördern müsse. Sie haben Recht; allein dies wird doch immer auf Kosten der wahren Kunst geschehen, wenn der Genius nicht über ihm waltet, oder die Natur ihn nicht wenigstens mit scharfer Urtheilskraft und klarer Besonnenheit begabt hat.

Eduard rückte ungeduldig auf seinem Stuhle hin und her, öffnete den Mund zum Sprechen, hustete; aber sein Gegner war unerbittlich. – Alle die so verschiedenen Gattungen unsers Schauspiels, fuhr er fort, erfordern auch eine eben so verschiedene Behandlung. Das ist meine Meinung. Ich will hier nicht die Mannigfaltigkeit, die Beweglichkeit, das kleine Detail des Lustspiels neben die Einfachheit, die Ruhe und die breiten Massen des höhern Trauerspiels stellen, weil es sich hier von selbst versteht; obgleich viele berühmte Schauspieler nichts davon zu wissen scheinen, den beliebten Conversationston, wie ein angebornes Gebrechen, in den Fürstensaal, den Tempel, ja in den Himmel selbst mitschleppen, und mit dem lieben Gott selbst wie mit dem Vetter Michel conversiren würden; ich will als Beispiel nur zwei Trauerspiele eines und eben desselben Dichters anführen. Ich meine Schillers Wallenstein und die Braut von Messina, von denen das erste durchaus charakteristische Meisterwerk offenbar eine größere Mannigfaltigkeit und Individualität in Ton und Geberde zuläßt, ja verlangt, als die ideale Haltung des zweiten.

Hier stand Eduard hastig auf, und bat den Oheim um Verzeihung, daß er ihn verlassen müsse. Es sey ihm ein Einfall gekommen, dessen Ausführung keine Verzögerung erlaube, und wovon er ihm den Erfolg bei seiner Rückkunft mittheilen werde. Hierauf entfernte er sich eilig.

Sechstes Kapitel.

Aus der Ungewißheit was er thun solle, welche ihn bis dahin unter der Leitung des Onkels gelassen hatte, riß ihn nämlich jetzt auf einmal der Gedanke, daß er vielleicht auf der Post erfahren könne, auf welchem Wege ihm der Fremde, den er für Diethorst gehalten, die schöne Angelika entführt habe. Er fand auch in der That dort keine Schwierigkeit. Man nannte ihm die nächste Station, und es fiel ihm sogleich ein, daß dies der Weg nach dem Gute des alten Diethorst sey. Eine gemischte und eben darum desto mächtigere Empfindung von Liebe und Erbitterung bewegte seine Brust, und trieb ihn an, den Flüchtlingen zu folgen. Ehe ihm selbst noch sein Vorsatz klar geworden war, hatte er schon Postpferde bestellt, und war nach dem Gasthofe zurückgeeilt, um seinem Bedienten einige Befehle, und eine Nachricht für den Oheim zurückzulassen, und fuhr in raschem Trabe zum Thore hinaus.

Die frische Nachtluft kühlte ihn zwar bald von außen ein wenig ab, und schlug auch dadurch aus der wallenden Mischung von Gedanken und Empfindungen in seinem Innern einige ernste Reflexionen über den eigentlichen Zweck dieser Spazierfahrt nieder, allein sie hatten keine andere Wirkung auf ihn, als daß er nach einiger Zeit, sich dem weltbeherrschenden Zufall gläubig vertrauend, in einen sanften Schlummer fiel, aus welchem ihn erst das Horn des Postillons vor dem Posthause erweckte.

Von Station zu Station verfolgte er nun die Spur der Ungetreuen, und langte so am andern Tage gegen Abend in einem Städtchen an, wo alles in größter Verwirrung und Bestürzung zu seyn schien. Mit leichenblassem Gesicht erzählte ihm der Postmeister auf seine Frage: daß eben ein verwundeter Husar mit der Schreckensnachricht zum Thor hereingesprengt sey, der Feind streife in der Nähe herum, und müsse unfehlbar bald hier seyn. Nur mit der größten Mühe gelang es Eduard, dem ängstlich Hin und Herlaufenden noch einen Bescheid auf seine weitere Erkundigungen abzupressen. Ein Herr und ein junges Frauenzimmer, brachte er endlich heraus, wären allerdings vor einigen Stunden angekommen; da aber schon gegen Mittag das Gerücht von der Annäherung des Feindes sich verbreitet, habe man ihnen Postpferde verweigert, und könne nun nicht wissen, ob sie irgendwo in einem Gasthofe geblieben, oder etwa eine andere Gelegenheit zum Fortkommen benutzt hätten.

Eduard, dem die ungeduldige Erwartung das Herz zu raschern Schlägen trieb, begann eilig von Gasthof zu Gasthof zu wandern; allein bei der allgemeinen Verwirrung glückte es ihm nicht, irgend jemand zu finden, der ihm Rede gestanden hätte. In den meisten Häusern war man mit Einpacken und Verstecken der besten Sachen beschäftigt; der Marktplatz wimmelte von Menschen, die theils hin- und herlaufend, theils in einzelnen Gruppen versammelt, Besorgnisse, Ahndungen und schreckliche Gerüchte gegen einander austauschten, und, indem sich jeder dabei der Lebhaftigkeit seiner aufgeregten Einbildungskraft, überließ, die allgemeine Bestürzung und Angst mit jeder Minute steigerten. Von der einen Seite drängten sich flüchtende Landleute mit ihren Habseligkeiten in die Stadt, während einzelne beladene Wagen auf der entgegengesetzten davon eilten. Es fing an dunkel zu werden. Die Weiber rangen die Hände, die Kinder schrieen, und die Männer hatten nicht üble Lust es ihnen nachzuthun. Auf dem Rathhause versammelte sich der Magistrat, um zu überlegen, was zu thun, damit der Stadt kein Schaden geschehe. Der muthvolle Syndicus schlug vor, die Thore zu schließen, und die Tapferkeit der Bürger zur Vertheidigung aufzufordern; allein der Bürgermeister hielt ihm die niederschlagende Bemerkung entgegen, wie diese Tapferkeit, die freilich gestern, da man den Feind noch weit entfernt geglaubt, stolz in die Wolken gegriffen habe, seit heute Mittag auf's jämmerlichste zusammengeschrumpft, ja seit einer halben Stunde gänzlich in Angstschweiß zerflossen scheine, und man fand endlich nach reiflicher Erwägung, das Beste, was man thun könne, sey – gar nichts zu thun, sondern in geduldiger Ergebung den Verlauf der Sache abzuwarten.

Eduard, dem, nach langem vergeblichen Umherlaufen, die Nothwendigkeit den männlichen Entschluß aufdrang, kehrte endlich müde, hungrig und verdrießlich in dem nächsten Gasthof ein. Er glaubte nicht an die Nähe feindlicher Truppen, höchstens, meinte er, könnten es einzelne Versprengte seyn, die sich bis hierher verirrt haben möchten. Indeß wenn auch wirklich die Furcht an ihm ihre ansteckende Kraft ausgeübt hatte, so spornte ihn doch jetzt der Hunger zu mächtig an, um nicht den Leuten im Wirthshause mit der Beredtsamkeit eines Demosthenes die Nichtigkeit und Leerheit aller dieser Schreckensgerüchte zu beweisen – denn es galt ein Abendbrodt. Da sein Bestreben nun durch die Ruhe, in welcher Viertelstunde auf Viertelstunde verfloß, aufs wirksamste unterstützt wurde, so spendete endlich auch die Küche der Wirthin seiner Beredtsamkeit den ersehnten Preis.

Welche Ueberraschung, welche Freude aber, als ihm das bedienende Hausmädchen unter andern Vorfällen des Tages erzählte, es sey auch heute ein fremder Herr mit einer Dame hier angekommen, der Herr aber bald darauf auf einem für schweres Geld gemietheten Pferde weiter geritten, nachdem er die Dame der Vorsorge und Obhut der Frau vom Hause angelegentlich empfohlen, und versprochen habe, morgen wieder hier zu seyn.

Auf der Stelle mußte das Mädchen hin, und die fremde Dame, die niemand anders seyn konnte als Angelika, in seinem Namen, um die Erlaubniß bitten, ihr einen Augenblick aufwarten zu dürfen; allein sie kehrte sogleich mit der Botschaft zurück, daß die fremde Dame eben im Begriff sey, zu Bett zu gehen, und keinen Besuch annehme, auch übrigens gar nicht die Ehre habe ihn zu kennen.

Sie hat nicht die Ehre mich zu kennen! rief Eduard ergrimmt aus. Unerhörte Falschheit! aber sie soll mich kennen lernen, sie soll mich sehen, und mein Anblick sie und ihren Geliebten wenigstens beschämen.

Der Hausknecht wurde herauf beschieden, versprach gegen ein gutes Trinkgeld, ihn sogleich von der Rückkehr des fremden Herrn zu benachrichtigen – und Eduard, dem nun vor der Hand nichts weiter zu thun übrig blieb, begrub seinen Zorn und seine Liebe in die weichen Kissen des hochgethürmten Bettes.

Siebentes Kapitel.

Es mochte gegen Mitternacht seyn, als ein heftiges Klopfen an der Hausthür den Schläfer erweckte. Schlaftrunken fährt er in die Höhe; sein Zimmer ist von rother Gluth erleuchtet, die durch die Fenster bricht; im Hause hört er hin- und herlaufen, Thüren zuschlagen, Geschrei, auf der Straße laute Stimmen, verworrenes Getöse. Er springt aus dem Bette, ans Fenster; über die jenseitigen Häuser wirbeln ihm Rauch und Flammen entgegen; es fällt ein Schuß, und noch einer und wieder einer, Reiter sprengen durch die Straßen, Thüren krachen, aus den benachbarten Häusern tönt wildes Jauchzen, Fluchen und Jammergeschrei durch einander.

Eduard, die Wahrheit ahnend, wirft sich in die Kleider, und eilt die erste Treppe hinab. Ein gräßliches Getümmel schallt aus dem Hause herauf. Auf der zweiten Treppe begegnet ihm ein Soldat, ein ohnmächtiges Frauenzimmer in seinen Armen tragend. Gott, wenn das Angelika wäre! Er kehrt um, er folgt dem Soldaten, der mit seiner Beute in ein offenstehendes Zimmer eilt, worin eine Lampe brennt, und sie dort auf ein Sofa niederlegt, ohne Eduard zu bemerken, der hinter ihm steht. Die aufgelösten Haare weichen aus dem Gesicht des Frauenzimmers zurück: es ist Angelika! mit einem kräftigen Stoße wirft Eduard den überraschten Räuber zu Boden, ergreift die Ohnmächtige, und ehe sich jener aufraffen kann, ist er mit ihr aus dem Zimmer, und hat die Thüre von außen verschlossen.

Das Glück begünstigte ihn wunderbar. Hart an der offenen Wirthsstube, worin die Plünderer tobten, führte es ihn vorbei, über die Straße hinweg in ein enges Gäßchen. Dort war alles still und öde. Schon glaubte er sich in Sicherheit, als plötzlich ein wildes Geschrei in seine Ohren dringt, und hinter ihm sich ein Haufen Verfolgender zeigt. Die Angst treibt ihn rascher an, allein mit jedem Augenblick hört er die Stimmen näher und näher. Eine offene Thür bietet sich ihm dar, er springt hinein, durcheilt das Haus, den Hof, ein Garten stößt daran, mit einem Fußtritt öffnet er sich den Eingang, gelangt an das andere Ende – da hemmt eine Mauer, sich weit hindehnend, seine Schritte, und schneidet ihn von jeder Hoffnung ab. Entsetzen greift ihm an das Herz, seine Brust hebt sich krampfhaft empor. – Ihm allein geläng' es vielleicht, die Mauer zu erklimmen, doch wie könnte er sie zurücklassen! – Schon werden die Stimmen seiner Verfolger von neuem laut. Er legt die theure Last an die Erde, und sucht in gräßlicher Angst noch einen Ausweg. Vergebens! Ueberall weisen undurchdringliche Mauern ihn verspottend zurück. Er sieht Fackeln durch das Gebüsch schimmern, sich nähern, schon streckt der Wahnsinn der Verzweiflung seine Hand nach ihm aus; doch das Glück ist ihm treu geblieben. An einen Baum gelehnt, erblickt er in dem Augenblick eine Leiter. Es wird wieder hell vor seiner Seele. Er ergreift die Leiter, stellt sie an die Mauer, nimmt mit frischem Muth die Geliebte, die Gerettete auf den starken Arm, und indem diese durch die Bewegung aus der Ohnmacht erwachend, aber noch halbbewußtlos, sich fest an ihn anschließt, und ihm so die Last erleichtert, schwingt er sich von Sprosse zu Sprosse. Nur das noch, das noch! ruft er sich selbst zu, wenn seine Kraft zu sinken beginnt. Die Mauer ist nicht hoch: er ist oben! Bebend wird die Leiter nachgezogen, auf der andern Seite wieder hinabgelassen – noch zwei Minuten.– und er fühlt festen Boden unter seinem Fuß und sieht sich im Freien. Doch war dort noch keine Sicherheit für ihn. Ohne Säumen eilt er den Abhang hinunter, durch Wies und Feld, und erreichte die Landstraße, die nämliche, auf welcher er gestern gekommen. Hier aber verließen ihn die Kräfte, die Kniee brachen unter ihm ein, und er sank gänzlich erschöpft zu Boden.

Da lag nun hinter ihm das unglückliche Städtchen, in welchem das Feuer immer weiter um sich zu greifen schien; die dunkeln Wolken zogen, von der Gluth geröthet, über ihm hin, und deutlich drang das Jammergeschrei der geängstigten Einwohner zu seinen Ohren. Um ihn her aber war es still und friedlich; leise schlüpfte der Nachtwind durch die flüsternden Zweige, im nahen Gebüsche flötete die Nachtigall, und freundlich ging dort über dem Hügel der Mond auf.

Wo bin ich? lispelte seine Gefährtin, indem sie die Augen aufschlug, und staunend um sich her sah.

Gerettet! sprach Eduard mit matter Stimme, und drückte ihre Hand fest an feine hochaufschlagende Brust.

Achtes Kapitel.

Das Rasseln eines Wagens, der von der Stadt herzukommen schien, belebte ihn von neuem.

Er sprang empor und rufte den Wagen an.

Er hielt. Eine kurze Darstellung seiner Lage, noch mehr aber vielleicht der volle Beutel, womit er seine Worte unterstützte, verschafften ihm und seiner Begleiterin einen Platz auf dem Fuhrwerk.

Der Eigenthümer war ein Einwohner des Städtchens, der ebenfalls sich und die Seinigen in Sicherheit brachte, und sein Haus getrost der Plünderung Preis gegeben hatte.

Verloren geht doch, was verloren gehen soll, sagte der alte Mann, und meine Nachbaren, die so fest an ihren Schneckenhäusern klebten, werden darum nicht weniger einbüßen. Ich aber habe wenigstens mich und die Meinigen aus den Fäusten der Menschen gerettet, die schwerer lasten als Gottes Hand. Aber das Frauenzimmerchen wird sich erkälten, fuhr er fort, sich zu seiner Frau wendend, gieb doch meinen blauen Mantel her, Mutter, die Nachtluft ist kalt.

Und Sie, junger Herr, nehmen Sie einen Schluck aus der Korbflasche; das macht frisches Blut.

Eduard erzählte nun umständlich das Abenteuer der letzten Stunde und seine Rettung. Gerührt drückte ihm die Gerettete die Hand. Wie soll ich Ihnen danken! sprach sie, Sie haben sich zwei Menschen auf Lebenszeit verpflichtet. – In Thränen ausbrechend hob sie darauf ihre Augen gen Himmel und rief: O Gott, wo mag er jetzt seyn! Werd' ich ihn jemals wiedersehen!

Ihre Hand, junger Herr, sagte der Alte, Sie sind ein braver Mann. Das thut Ihnen nicht jeder nach, da nehmen Sie Ihr Geld zurück. Ich müßte mich ja schämen.

Eduard aber lächelte bitter und schwieg, denn Angelika's letzte Worte hatten aufs neue einen Stachel in sein Herz gedrückt.

Neuntes Kapitel.

In Osten kündigte sich der Tag an, als der Alte vor einem einsam stehenden Wirthshause zu halten, und die ermüdeten Pferde zu füttern befahl. Ein fremder Reisewagen stand vor der Thüre, der Eduarden ganz und gar nicht fremd vorkam; ihn näher zu untersuchen stieg er ab, und beim Himmel! er hatte sich nicht getäuscht, es war des Oheims Wagen!

Nichts hätte ihn freudiger überraschen können, hastig eilte er ins Haus. Da saß der gute Oheim ruhig beim Kaffee; ihm gegenüber ein Unbekannter, in einen Mantel gehüllt. Eduard, schrie der Oheim vor Erstaunen, ist es dein Geist? Sie haben Recht, mich so zu fragen, entgegnete Eduard lächelnd; beinah wär' ich auf eine Geistervisite bei Ihnen reducirt worden.

Unglücklicher Don Quixote, fuhr der Onkel fort, welcher Prinzessin bist du nachgelaufen, während dein glücklicher Oheim sich an der Seite deiner Dulcinee wohl befand?

Mit großen Augen sah ihn Eduard an, und fragte: Wie meinen Sie das?

Ich meine, rief jener, daß du ein großer Narr warst, hinter einer Lüge her ins Blaue hinaus zu rennen.

Eine Lüge? Wie so?

Du kannst noch fragen? Oder hast du etwa gefunden, was du suchtest?

Allerdings, mein guter Oheim; das hab' ich.

So? Gratuliere! Ich glaubte, du wärst etwa der schönen Angelika nachgelaufen, und muß dir gestehn, daß ich dich ein wenig auslachte, als ich eben dieser schönen Angelika gestern früh auf der Straße begegnete.

Sie begegneten ihr? Gestern früh? Die wirkliche Angelika? Sie? – Erlauben Sie mir, lieber Onkel, daß ich nun auch ein wenig lache.

Der Onkel zog die Stirne kraus. Ich sehe nicht ein, was dabei zu lachen ist, sprach er ärgerlich, wenn ich einem hübschen Mädchen begegne. Aber ich muß dem Gelächter des Herrn Neffen zum Trotz nur sagen, daß ich ihr nicht allein begegnet, sondern auch den ganzen Tag beinah nicht von ihrer Seite gekommen bin, ja daß sie mit mir und unserm alten Freunde da in einem Wagen bis hierher gefahren ist, wo ich das unerwartete Vergnügen habe, den lieben Neffen anzutreffen.

Eduard warf einen Blick auf den Fremden, der, schnell von seinem Sitze aufspringend, ihn begrüßte. Es war der alte hagre Violinspieler, Angelika's angeblicher Vater.

Ich freue mich Sie wieder zu sehen, wandte sich Eduard zu ihm, besonders da ich so glücklich gewesen bin, Ihrer Tochter einen wesentlichen Dienst zu leisten. Sie ist bei mir, und ich eile sie zu holen.

Der Onkel ergriff ihn beim Arm: Wen willst du holen, Eduard? Wer ist bei dir?

Wer anders als Angelika! Ich sage Ihnen ja, daß ich sie gefunden habe, ja was noch mehr, ich habe sie gerettet.

Kopfschüttelnd sahen der Onkel und der Alte, sich an.

Da ist sie selbst, rief Eduard aus, und eilte der Eintretenden entgegen. Kommen Sie, liebe Angelika; Sie finden hier alte Bekannte. Ihr Vater erwartet Sie, und mein Oheim freut sich gewiß herzlich, Sie so unerwartet wiederzufinden.

Angelika erröthete, und sah ihn befremdet an; der Onkel schien zu versteinern.

Eine böse Zauberin müssen Sie doch seyn, fuhr Eduard fort, da Sie an zwei Orten zugleich seyn können. Während Sie diese Nacht ohnmächtig in meinen Armen hingen, während ich mit Ihnen über die Mauer flüchtete, haben Sie zu gleicher Zeit auch, wie mein Oheim behauptet, ruhig neben ihm in seinen Wagen gesessen. Ei, ei, das ist nicht fein, die Leute so zu foppen.

Er sah alle dreie einen nach dem andern mit triumphirendem Lächeln an, aber niemand wollte mitlächeln; vielmehr kam es ihm vor, als ob ein heimliches Grauen die Verwunderung auf ihren Gesichtern ablösete.

Aber Eduard, brach der Oheim endlich los, was redest du für wunderliche Dinge? Besinne dich. Entweder du sprichst im Traume oder – – Er trat ein paar Schritte von ihm zurück. – Sagen Sie ihm doch, Angelika, wo Sie diese ganze Nacht gewesen sind, vielleicht erweckt ihn Ihre Stimme.

Die Sache würde wirklich sehr sonderbar seyn, lächelte Angelika, ja sehr ernsthaft, wenn sie nicht ein Scherz von ihm wäre. Ihr Herr Neveu möchte mich wacker auslachen, wenn ich ihm noch obendrein betheuern wollte, die ganze Nacht nicht von Ihrer Seite im Wagen gekommen zu seyn.

Nun kam die Reihe zu versteinern an Eduard. Mit schlaff herabhängenden Armen und halb geöffnetem Munde starrte er Angelika an, und es war in der That für seinen Verstand zu befürchten. Siehe, da öffnete sich die Stubenthüre zum zweitenmal, und herein trat die Lösung des Räthsels – eine zweite Angelika nämlich, der ersten an Gestalt und Gesichtszügen beinahe völlig gleich; und wenn sie auch etwas größer und weniger blond schien als diese, so hob doch die ähnliche Kleidung, – beide waren in dunkelfarbige Ueberröcke gehüllt – diesen Unterschied für den ersten Anblick wieder auf, und machte die Verwechselung um so möglicher.

Die beiden Frauenzimmer flogen einander in die Arme. Der Alte ging auf sie zu, umfaßte sie beide, und drückte freundlich einen Kuß auf die Stirn der Zuletztgekommenen. Sodann wandte er sich an die beiden erstaunten und sprachlosen Zuschauer.

Sie sehen in diesen beiden Mädchen zwei Zwillingsschwestern und meine Nichten. Ihre Mutter ist meine Schwester. Der Augenschein wird es Ihnen erklärlich machen, wie der Herr Neveu behaupten konnte, in Angelika's Gesellschaft angekommen zu seyn, und – indem er sich zu Eduard wandte – Sie hat er ohne Zweifel schon belehrt, daß Sie sich getäuscht, und daß nicht Angelika'n, sondern ihrer Schwester Mariane das Glück Ihrer Begleitung zu Theil geworden ist.

Also du bist wirklich mit der andern da gekommen? fragte der Onkel.

Eduard nickte mit dem Kopfe, ohne seinen Blick von den Schwestern zu wenden.

Aber wie ist denn das alles zugegangen, fuhr jener fort; wo hast du sie getroffen? wie denn? und warum – sprich doch, Eduard, erkläre mir –

Eduard schüttelte den Kopf.

Du willst nicht? Du willst mir nicht erzählen? nicht erklären? O du mußt durchaus!

Eduards Gefährtin erhob sich von Angelika's Brust, ging auf Eduard zu, und ergriff seine Hand. Wenn die Bescheidenheit, sprach sie, Ihnen die Erzählung Ihrer großmüthigen Handlung verbietet, so fordert das Herz sie von mir. Vor allem aber nochmals meinen heißen Dank meinem edlen Beschützer und Erretter. Vereinige deine Worte mit den meinen, Angelika, wenn du deine Schwester liebst; vielleicht erhalten sie dadurch größern Werth für ihn.

Macht mir doch den jungen Menschen nicht übermüthig, rief der Onkel, schob Stühle für die beiden Frauenzimmer an den Tisch, und schenkte Kaffee ein; erzählen Sie uns lieber, wodurch er so glücklich gewesen ist, einen solchen Dank zu verdienen. Doch erst noch eine Frage: Sie waren also die Maria Stuart vorgestern Abend in D...?

Ich war es, antwortete Mariane erröthend, und wenn ich nicht irre, so waren Sie – –

Der Tropf, den Sie sammt jenem Coridon mit langer Nase, vor dem Schauspielhause stehen ließen.

Vielleicht entschuldigt es meine Unart ein wenig, lächelte Mariane, wenn ich Ihnen sage, daß der Freund, der mich Ihnen so schnell entführte, mich zu einer geliebten Mutter bringen wollte, von der ich durch ihn Nachricht erhalten hatte.

Unsre Mutter? unterbrach sie Angelika; was sagst du? Auch ich empfing vor kurzem Nachricht von ihr, und war im Begriff zu ihr zu reisen. Wo ist sie?

Das sollst du und der Oheim nachher erfahren; wir haben uns viel zu sagen.

Warum aber hat mir denn die schöne Angelika nicht gleich von ihrer schönen Schwester gesagt? rief der Onkel. Es war doch ein wenig boshaft, mich so lange im Irrthum herumtappen zu lassen. Doch ich bitte, fahren Sie in Ihrer Erzählung fort, schöne Mariane.

Die Erzählung meines Abenteuers ist sehr kurz, hub Mariane an. Wir kamen auf unsrer Reise nur bis in jenes Städtchen, einige Meilen von hier, wo man uns wegen der angeblichen Nähe des Feindes die Mittel zum weitern Fortkommen verweigerte. Wir beschlossen also, dort zu bleiben, indem wir nicht zweifelten, der kommende Morgen werde die Furcht zerstreuen, die alle Gemüther wie eine drohende Wetterwolke umzogen hatte. Indeß ob wir gleich für uns noch nichts fürchteten, so mußte doch die Lage des Orts, wo meine Mutter sich aufhielt, dem Kriegsschauplatz um mehrere Meilen näher, uns mit Besorgnissen erfüllen, und mein Begleiter wurde durch meine Angst bewogen, noch an demselben Tage auf einem theuer genug gemietheten Pferde die Reise fortzusetzen. Ich blieb also allein zurück. – Mitten in der Nacht weckt mich ein fürchterlicher Lärm im Hause und auf der Straße. Ich eile aus meinem Zimmer, die Treppe hinunter; ein Schwarm fremder Soldaten kommt mir mit Geschrei entgegen, ich will umkehren, ein nerviger Arm umfaßt mich, hebt mich empor, und die Sinne vergehen mir. Was nachher vorgegangen, werden Sie am besten aus dem Munde meines Retters erfahren, denn als ich wieder zu mir kam, fand ich mich im Freien, gerettet und sicher in seinen Armen.

Nun Eduard, rief der Onkel, wie hast du das angefangen? Ich sitze auf Kohlen.

Eduard ergänzte die Erzählung mit kurzen Worten. Als er geendet hatte, reichte ihm der Onkel die Hand über den Tisch: das war nicht übel, Eduard, mein braver Junge!

Beim Himmel, es war brav und edel, rief der Alte und faßte seine andre Hand.

Ich finde, sagte Eduard halb verdrießlich, bei der ganzen Geschichte nichts besonderes und verwunderliches, als eben diese Verwunderung darüber, die dem menschlichen Geschlecht ein schlechtes Kompliment macht und – –

Mariane fiel ihm ins Wort: Sie werden mir durch alle diese Bescheidenheit meinen Dank nicht verkümmern, und wenn Sie auch für meine Schwester zu handeln glaubten, so verringert ihn doch auch dies nicht im mindesten, sondern macht Sie mir nur noch viel werther.

Angelika stand mit feuchten Augen, und bis an die Fingerspitzen roth, von ihrem Stuhle auf, nahm ihre Schwester bei der Hand, und verließ mit ihr das Zimmer. Der Alte folgte ihnen.

Jetzt, bester Oheim, fing Eduard an, als sie allein waren, jetzt erlauben Sie mir nun auch die Frage, auf welche Art Sie hieher kommen?

Auf die natürlichste von der Welt, Eduard. Deine plötzliche Abreise überraschte und beunruhigte mich, denn sie sah einem dummen Streiche impertinent ähnlich. Um vielleicht üble Folgen zu verhüten – was lachst du denn? – beschloß ich dir nachzureisen, um so mehr da dein Weg auch der Weg nach dem Gute meines alten Freundes Diethorst ist, dem ich zugleich seinen Besuch zu erwiedern dachte. Im Begriff abzureisen begegne ich der schönen Angelika und unserm Alten. Mein Erstaunen kannst du dir denken. Ich lasse etwas von meiner Reise fallen; sie wollen auch nach dieser Gegend hin: Du kennst mich, ich diene gern ohne Ansehn der Person – ich weiß nicht, was er zu lachen hat! – ich kann nun einmal niemand etwas abschlagen, nun – und so sind wir denn da.

Hier trat der Alte wieder herein. Er schien sehr bewegt, und als seine Nichten ihm nach einer Weile folgten, suchten sie vergebens ihre rothgeweinten Augen zu verbergen.

Es wurde nun gerathschlagt, was zu thun sey, und die Männer hielten es einstimmig für das zweckmäßigste und sicherste, auf der Stelle nach D... zurückzukehren, da weiteres Vordringen theils tollkühn, theils unmöglich, ja selbst längeres Bleiben gefährlich sey, und sich in D... am ersten die nöthigen Nachrichten erwarten ließen, um fernere Maßregeln zu bestimmen. Nachdem es hierauf dem Onkel gelungen war, die Besorgnisse der Frauenzimmer, besonders Marianens, einigermaßen zu zerstreuen, gab er Befehl zur Abreise, und die Gesellschaft trat in seinem Wagen den Rückweg nach D... an.

Zehntes Kapitel.

Von Fieberschauern ergriffen war Eduard angelangt, und nach einer halb schlaflos, halb in schweren Träumen zugebrachten Nacht, fand er sich am andern Morgen unvermögend das Bette zu verlassen. Der herbeigerufene Arzt machte eine bedenkliche Miene, die noch um vieles bedenklicher wurde, als er in der Geschichte der zwei letzten Tage die wahrscheinliche Ursache der Krankheit erfahren.

Auch Mariane befand sich nicht wohl, und da der Onkel den Alten vermocht hatte, zwei an die seinigen anstoßende Zimmer in demselben Gasthofe zu beziehen, so konnte Angelika mit Bequemlichkeit ihre Sorgfalt zwischen ihrer Schwester und dem kranken Freunde theilen.

Indeß waren auch die besten Nachrichten in Ansehung der feindlichen Armee eingelaufen. Was jenes Städtchen in Angst und Schrecken versetzt hatte, war nur ein Streifcorps gewesen, welches sich vor Anbruch des Tages schleunig wieder zurückzog. Auch hatte der Onkel die Freude, den Schwestern die bestimmte Versicherung bringen zu können, daß der Ort, wo ihre Mutter sich aufhalten sollte, gänzlich außerhalb der Richtung seines Weges gelegen war.

Obgleich von dieser Seite beruhigt, peinigte doch Marianen jetzt der Gedanke an die ängstliche Ungewißheit, in welcher ihr Freund und Begleiter um ihrentwillen seyn mußte. Sie verhehlte es nicht mehr, daß dieser Freund der junge Diethorst sey, und der Onkel sendete auf der Stelle Eduards Bedienten mit einem Briefe von Marianens Hand an ihn ab.

Er brachte bei seiner Rückkehr einige Zeilen von Diethorst mit, deren Inhalt Marianens Wiederherstellung aufs wunderbarste beschleunigte. Sie konnte nun die Sorge für den kranken Eduard mit Angelika theilen, und die Art, wie sie dies that, so wie die muntere Laune, die jetzt wieder sich enthüllend einzelne Strahlen zu schießen anfing, erwarben ihr den ersten Platz nach Angelika in dem Herzen des Onkels, der stets geschäftig, theils für Eduards Pflege, theils für die Unterhaltung seiner reizenden Pflegerinnen besorgt, sich in der Gesellschaft der letztern ungemein glücklich zu fühlen schien.

Eines Abends, als er bei einer Bowle Punsch – die er des kühlen Wetters wegen, wie er vorgab, eigentlich aber nur um sich und die andern ein wenig zu begeistern, in Vorschlag brachte – der Gesellschaft aus einem Lafontainischen Romane mit vielem Feuer vorgelesen und seinen Zuhörerinnen Thränen entlockt hatte, versagte ihm sein Bette hartnäckig die sonst so willig gewährte Ruhe. Gefühle und Gedanken, die schon lange schlummernd in seinem Herzen lagen, waren jetzt aufgeweckt worden, und traten mit einer Keckheit und Lebendigkeit vor ihn, vor welcher er fast erschrak; die heimliche Sehnsucht ward jetzt erst sich ihrer selbst bewußt, und sprach sich dreist in Wünschen aus, und die Hoffnung, welche muthlos in einem Winkel gesessen hatte, hob den Kopf empor, und entfaltete die Flügel.

Er sprang aus dem Bette, warf den Schlafrock über, und das Zimmer mit großen Schritten messend, machte er seinem Herzen in Ausrufungen und abgerissenen Sätzen Luft, während denen er sich selbst unbewußt das Zimmer verlassen hatte, und leise über den Vorsaal nach Eduards Zimmer geschlichen war, wo Angelika am Krankenbette wachte. Er horchte; im Zimmer war alles still; behutsam öffnete er die Thüre: Angelika saß, den Rücken nach ihm gekehrt, am Bette des schlafenden Eduard; der Bediente des Letztern schnarchte auf einem Lehnstuhl im Hintergrunde. Unbemerkt stand der Onkel eine Weile mit hochklopfendem Herzen, und wagte kaum zu athmen. Eduard regte sich; Angelika, geliebte Angelika, rief er träumend und breitete die Arme aus. Angelika kniete leise an seinem Bette nieder, faßte seine Hand, und drückte sie an ihre Brust und küßte sie und weinte laut. Der Onkel fühlte es sich eiskalt wie Fieberschauer den Rücken hinablaufen, und wie mit einem Schlag war die Glut ausgelöscht, die ihn hierher getrieben hatte. Halb bewußtlos zog er sich nach der Thüre zurück, und wollte eben hinausschlüpfen, als er den Vorsaal öffnen und jemand leise näher kommen hörte. Dies riß ihn aus der Betäubung, und die Furcht entdeckt zu werden, trieb ihn hinter einen Bettschirm, den man zufällig dicht an die Thüre geschoben hatte. Kaum war dies geschehen, als Philipp, sein Kammerdiener, behutsam auf den Zehen ins Zimmer trat. Er stutzte, wie es schien, über die Scene am Bette und stand still; da aber in diesem Augenblick Eduard erwachend die Augen aufschlug, gab ihm ein böser Dämon, in Gestalt des Schreckens, den Gedanken ein, sich ebenfalls hinter den Bettschirm zu verbergen. Das Unglück wollte, daß er auf diesem hastigen Rückzug den Fuß des Onkels auf seinem Wege traf, und dessen Hühneraugen so unsanft begrüßte, daß der Schmerz dem Onkel einen lauten Schrei abzwang. Eduard und Angelika fuhren erschrocken empor, der Bediente taumelte vom Lehnstuhl auf, und der Onkel sich entdeckt sehend, packte wüthend seinen Kammerdiener von hinten an beiden Armen, und fuhr so, ihn vor sich herschiebend, zur Thür hinaus, doch ohne daß es einem halben Blick nach dem Bette entgangen wäre, wie Eduard seinen Arm vertraulich um Angelika's Nacken geschlungen hatte. Auf dem Vorsaal angelangt, ließ der Ergrimmte seine Beute nicht fahren; der Kammerdiener aber, halbtodt vor Schreck, dachte an keinen Widerstand, und so langte das unglückliche Paar, schiebend und geschoben, in großer Schnelligkeit auf dem Zimmer des Onkels an.

Hier ließ er ihn los, und warf sich erschöpft in einen Stuhl. Wie ein Schlaftrunkner stand Philipp an der Thür, und schien sich selbst verloren zu haben. Es erfolgte eine lange Pause.

Aber was zum Teufel, fuhr der Onkel endlich auf, was hatte Er denn so spät dort zu suchen?

Philipp sah seinen Herrn eine Weile starr an, dann überzog allmählich ein freundliches Grinsen sein Gesicht. Gnäd'ger Herr, stotterte er endlich heraus, es hat eben jedes Ding seine Ursach.

Freilich, Pinsel, rief der Onkel ungeduldig; die Ursach will ich eben wissen.

Philipps Gesicht ward noch freundlicher. Wenn der gnäd'ge Herr es nicht ungnädig vermerken wollen, hub er an, es trifft doch jeden die Reihe – früh oder spät – aufgeschoben ist nicht aufgehoben – das Heirathen mein' ich nämlich.

Der Onkel sah ihn verwundert von der Seite an. – Mein Stündlein hat nun auch geschlagen, fuhr Philipp fort; die Mamsell scheint mir nicht abgeneigt zu seyn; sie ist immer sehr freundlich und zuthatig gegen mich – die Mamsell Angelika mein' ich nämlich – und wenn der gnäd'ge Herr nichts da, wider haben – –

Der Onkel sprang auf und stellte sich dicht vor Philipp, ihm starr ins Gesicht sehend. Philipp fuhr fort; das Leben taugt doch nicht viel; und ich wette, der gnäd'ge Herr hat auch schon manchmal so gedacht – das Junggesellenleben mein' ich nämlich; und da ich sechs und dreißig Jahr alt bin, so hab' ich die höchste Zeit, denk' ich, und wollte mich vorhin gegen die Mamsell erklären; denn wenn man erst die vierzig auf dem Rücken hat, so ist man ein Esel, denk' ich –

Hier faßte ihn der Onkel beim Arm, und führte ihn nach der Thüre. Du bist ein Narr, – sagte er innerlich höchst ergrimmt, aber mit einer sehr freundlichen, ja weichen Stimme – Du bist ein Narr, lieber Philipp, denk' ich, oder du bist besoffen, guter Junge! Pack dich zum Teufel, liebe Seele!

Damit schob er ihn zur Thür hinaus und verriegelte sie.

Eilftes Kapitel.

Als der Onkel am folgenden Tage ein Geschichtchen von einem vergeßnen Buche mit vieler Anstrengung spaßhaft zu seyn, vortrug, und sich befliß, das Lächerliche bei dem gestrigen Vorfall lediglich den Schultern seines Philipps aufzuwälzen, schien man ihm gern zu glauben, ja man war sogar gutmüthig genug, ein wenig darüber zu lachen. Indeß ließ sich doch bald bemerken, daß in die bisherige Harmonie der Gesellschaft eine schwere Dissonanz gefallen war. Der Onkel zog sich von Angelika immer mehr zurück, seine ganze Aufmerksamkeit Marianen schenkend, und Eduard und Angelika waren ihm gegenüber sichtbar verlegen.

Die Ankunft des jungen Diethorst, die um diese Zeit erfolgte, ob sie gleich neues Leben brachte, mußte doch, indem sie auf die Verhältnisse durchaus verändernd einwirkte, die Spannung immer noch mehr erhöhen. Es war dem Onkel so wenig als Eduard entgangen, wie heftig Diethorsts überraschender Eintritt ins Zimmer Angelika'n erschreckt und alles Blut von ihren Wangen gejagt, hatte, und wie umgewandelt von diesem Augenblick an ihr Betragen war. Wenn sie sich mit Eduard allein befand, zeigte sie sich unruhig und ängstlich, versank oft in stilles Nachdenken, ihre Augen schwammen in Thränen, und wenn Eduard sie bat, sich ihm zu vertrauen, schien der Klang seiner Stimme sie aus einem schweren Traum zu wecken, ihr Blick senkte sich freundlich auf ihn, sie ergriff seine Hand, die Lippen öffneten sich zum Sprechen, plötzlich aber wieder, als ob sie sich besänne, wandte sie das Auge, stand hastig auf und verließ weinend das Zimmer. Wenn alle sich bei Eduard versammelt hatten, nahm sie keinen Theil an der allgemeinen Unterhaltung, die überhaupt ihr kärgliches Leben nur durch Diethorsts und des Alten Bemühung fristete, sondern saß in sich gekehrt, und nur selten flog ein Blick nach Diethorst oder Eduard auf. Ueberdieß waren beide Schwestern sehr oft in heimlichem Gespräch mit Diethorst, und schon zweimal hatte sich dieser mit ihnen unter dem Vorwande eines Spatziergangs auffallend lange Zeit entfernt.

Nach einigen Tagen benutzte der Onkel einen solchen Spatziergang zu einem ungestörten Besuch bei Eduard. Es war ihm schon beim Eintritt anzusehn, daß er etwas auf dem Herzen hatte.

Wie geht es mit dir, Eduard? fing er an, sich neben ihn auf dem Sofa niederlassend. Wirst du bald die Reise vertragen können? Ich denke, das Beste für uns ist, wir gehen nach Hause. Ich muß dir gestehn, mir kommt es vor, als ob wir beide hier, seit der Ankunft unsers jungen Freundes, eine klägliche Rolle spielen. Eduard seufzte tief.

Hab' ich nicht recht? fuhr der Onkel fort. Man hat große Geheimnisse für uns, man macht verdächtige Spatziergänge, und läßt uns allein, man hat für niemand Augen und Ohren als für den jungen Herrn, den Herzenstürmer, den Zehnzölligen Alexander – die Weiber messen ja doch eigentlich, wie ein preußischer Unterofficier, männliches Verdienst nur nach Zollen. Du dauerst mich, ehrlicher Junge, aber ich will Wasser trinken bis an mein Ende, wenn die Mädchen nicht beide in den Menschen verliebt sind. – Du dauerst mich, aber glaube deinem Onkel, den die Erfahrung weise gemacht hat: wer den Weibern vertraut, baut Häuser aus Märzschnee; wer den Weibern vertraut, will auf einem Regenbogen in den Himmel steigen, oder Gold destilliren aus der Abendröthe; wer den Weibern vertraut, sucht die Weisheit im Narrenhause; oder kurz, der Weise, welcher den Weibern vertraut, gehört selbst ins Narrenhaus, und wenn wir aufrichtig seyn wollen, so müssen wir alle beide dem Schicksal Dank sagen, daß es uns noch hier auf dem Sofa sitzen läßt.

Hier unterbrach der eintretende Diethorst die Herzensergießungen des Oheims. Ich freue mich, lieber Eduard, hub er an, dich außer dem Bette und dem Anschein nach keiner Pflege mehr bedürftig, zu finden; ich freue mich darüber um so mehr, da du heut deine sorgsame Freundin und Pflegerin verlierst.

Eduard erblaßte; der Onkel sprang auf und stellte sich dicht vor den Sprechenden. Dieser fuhr gelassen fort: Angelika's und Marianen's Mutter ist hier, wie Sie beiderseits wohl schon vermuthet haben werden. Sie ist krank, und wir fanden heute ihren Zustand so bedenklich, daß Angelika es für Pflicht hielt, sich keinen Augenblick mehr von ihr zu trennen. Ich habe daher den Auftrag, ihre Entschuldigung, ihren Dank und ihr herzliches Lebewohl dir sowohl als Ihnen zu überbringen.

Das klingt ja wie ein förmlicher Abschied, rufte der Onkel aus. Will denn die schöne Angelika sich auf immer uns entziehen?

Das scheint ihre Absicht, erwiederte Diethorst. Der Onkel warf einen bedeutenden Seitenblick auf Eduard. Sollte es denn nicht erlaubt seyn, fragte er weiter, die Mutter eines so interessanten Schwesternpaares kennen zu lernen?

Schwerlich, sagte Diethorst lächelnd. Ich erinnere Sie daran, daß sie krank ist.

Eduard blieb seiner mannichfach aufgereizten Empfindungen nicht länger Meister. Sie brachen in Worte aus, die den Freund hart verletzen mußten. Diethorst antwortete Anfangs mit Gelassenheit, und suchte ihm sein Unrecht darzuthun; allein je mehr dies Eduard selbst fühlte, desto mehr erbitterte ihn die Überlegenheit, welche jener durch seine Kaltblütigkeit über ihn auch hier errang und wie das Gefühl eines begangenen Unrechts leicht zu einem zweiten treibt, so ließ er, vom Onkel kräftig unterstützt, nicht eher ab, als bis auch Diethorst aus seiner Fassung tretend, ihre unziemlichen Reden auf gleiche Art beantwortete, worauf Eduard ihn bat das Zimmer zu verlassen, und sich vorbehielt, ihn auf eine andere Art zur Rechenschaft zu ziehen, so bald es feine Gesundheit erlaubte!

Recht wohl, erwiederte Diethorst; ich bitte, mich von Ihrer völligen Wiederherstellung zu benachrichtigen, und werde dann beide Herrn ersuchen, einen kleinen Spatziergang mit mir zu machen.– Hierauf entfernte er sich.

Dumme Geschichten, brummte der Onkel, hastig auf und ab schreitend, dumme Geschichten! Sind es die Weiber wohl werth, daß man sich um ihrentwillen den Hals brechen soll? –!

Zwölftes Kapitel.

Eduard, von Sehnsucht, Ungeduld, Eifersucht und Liebe ohne Ablaß schmerzlich bewegt, mit jeder Minute Angelika's Abwesenheit unerträglicher und die Erbitterung gegen Diethorst, den er für den Urheber derselben hielt, immer lebendiger fühlend, sah kaum nach einer schlaflosen Nacht den Morgen des dritten Tages nach jenem Vorfall anbrechen, als er einen Zettel mit der Nachricht an Diethorst sandte, daß er sich stark genug zu einem Spaziergang glaube. Des Onkels Vorstellungen und Einreden waren vergeblich. Diethorst schrieb zurück, daß er um vier Uhr Nachmittag die beiden Herrn abholen werde.

Aber Eduardchen, sagte der Onkel erblassend, als dieser seinem Johann befahl, die Pistolen in Stand zu setzen, glaubst du denn, daß die Sache so ernstlich gemeint ist? Ich halte Diethorst nicht für den Mann –

Ich halte Diethorst für den Mann, unterbrach ihn Eduard, der selbst ein Mann ist, und auch uns für Männer hält.

Zur bestimmten Stunde erschien Diethorst. Sie folgten ihm schweigend. Schweigend führte er sie durch die Stadt nach einer entlegenen Vorstadt. Hier, da sie eben an einem öffentlichen Garten vorüber gingen, bat er sie einen Augenblick, einzutreten, und ihn zu erwarten, weil ihm noch ein nothwendiges Geschäft zu besorgen übrig sey.– Der Garten war wenig besucht. Der Onkel nahm in einer Laube Platz; Eduard, dem die Unruhe in seiner Brust keine Ruhe verstattete, schlenderte weiter fort in der schattigen Allee, die in ein kleines Gehölz führte.

Auf einmal schlagen die Accorde einer Harfe an sein Ohr; er dringt seitwärts durch das Gebüsch, ein hoher Zaun hält ihn auf; die Harfentöne klingen fort, sie kommen aus einem jenseits gelegenen Garten. Er bleibt horchend stehen; die Melodie ist ihm bekannt. Jetzt fällt eine weibliche Stimme ein, deren erster Anklang seinem Ohre süß tönt, ein Freundes-Wort in fremdem Lande – und dieses Lied – von Angelika's Lippen hat er es vor wenig Tagen erst gehört – Angelika, ruft er aus, vor Freude bebend: in einem Augenblick ist der Zaun überstiegen, er liegt zu Angelika's Füßen, er umfaßt ihre Kniee, bedeckt ihre Hände mit Küssen. Eduard! stammelt die Ueberraschte, und die Arme, die ihn zurückstoßen wollen, ziehen den Glücklichen an die hochklopfende Brust! – Doch dieses süße Selbstvergessen war nur ein kurzer Sonnenblick aus trüben Wolken. Angelika fuhr bald erschrocken empor, wand sich heftig aus seinen Armen, und rief in Thränen ausbrechend aus: Auch diesen Kampf soll ich noch bestehen! Eduard, wenn meine Bitte, meine letzte Bitte Ihnen Werth ist, so verlassen Sie mich. Ich glaubte nicht, Sie jemals wiederzusehen.

Angelika, sprach Eduard mit Heftigkeit, ich habe dich wieder, du bist mein, ich lasse dich nicht! mit aller Kraft eines Wesens lieb' ich dich und deine Augen, ja sie haben es mir gesagt, daß du mich wieder liebst! Ich verlasse dich nicht!

Sie müssen es, sagte Angelika ernst, um Ihrer Ehre und meiner Ruhe willen. Ich sah Ihre wachsende Zuneigung zu mir, ich fühlte, daß dieses thörichte Herz sie erwiederte und floh, um Ihnen und mir eine zu späte Reue zu ersparen. Wenn auch Ihr Stand Sie nicht von mir entfernte, so dürfte doch auch nur ein reines unentweihtes Herz das Opfer Ihrer Liebe anzunehmen wagen, ein Herz von keiner unglücklichen Leidenschaft gebrochen, und das kann ich Ihnen nicht mehr bieten. – Ich will in dieser Stunde, wo wir uns zum Letztenmale sehen, kein Geheimniß mehr vor Ihnen bewahren; drum hören Sie mich an. Der ältere Bruder des jungen Diethorst lernte mich bei meiner Mutter kennen; er gewann mich lieb, und bot mir seine Hand. Diese unglückliche Neigung entzweite ihn mit seinem Vater, und ach! sie war es auch, die ihm den Tod brachte. Eine rohe Aeußerung eines Freundes über sein Verhältniß mit mir, veranlaßte einen Zweikampf, in welchem er blieb. Nun wissen Sie alles, Eduard, nun gehen Sie! Ich beschwöre Sie, mich zu verlassen – und keinen Versuch mehr, mich jemals wieder zu sehn! –

Sie stand auf. Eduard hielt sie zurück. Angelika, Geliebte, edles Mädchen, ich lasse dich jetzt um so weniger! rief er aus.

Indem erschallte es jenseits des Zaunes: Eduard! Eduard! wo steckst du? – Er sprang auf, und stampfte mit dem Fuße. Auf Wiedersehn, Angelika! ich verlasse dich einen Augenblick, aber wir sehn uns wieder! Ist dir mein Leben werth, so denke daran, daß wir uns wiedersehen müssen!

Er kletterte eilig über den Zaun zurück, und vereinigte sich mit Diethorst und dem Onkel, die ihn suchten. Alle Kampflust war in seinem Busen erloschen, und er hätte Diethorsten um den Hals fallen, und ihm sein Unrecht abbitten mögen. – Es ist doch anders, als wir dachten, flüsterte er dem Oheim ins Ohr. Der Oheim sah ihn mit großen Augen an, und blieb stehen; allein Diethorst bat zu eilen, und schritt so wacker zu, daß jener der Anstrengung, ihm zu folgen, seine Neugierde unterordnen mußte.

Als sie durch einige Nebenstraßen vor ein ansehnliches Gebäude gelangt waren, öffnete Diethorst die Thüre, und winkte mit der Hand, hineinzutreten. Wohin wollen Sie uns führen? fragte der Oheim.– Sie werden hier einen alten Bekannten finden, erwiederte Diethorst, der Sie zu sehen wünscht. Der Oheim wollte abermals vor Verwunderung stehen bleiben, allein Diethorst nahm ihn bei der Hand, und führte ihn die Treppe hinauf. Er klopfte an eine Thür, sie wurde geöffnet, und der alte Oheim der beiden Schwestern empfing sie. In froher Erwartung trat Eduard ein, weil er auch Angelika zu finden glaubte; allein seine Augen durchliefen vergebens das Zimmer. Diethorst schlug die Gardinen eines Bettes zurück, und Eduard erblickte darin ein Frauenzimmer von etwa vierzig Jahren, dessen blasses Gesicht noch die Spuren einer hohen Schönheit trug. Der Onkel näherte sich dem Bette mit Befremdung; sie streckte ihm die Hand entgegen; plötzlich blieb er stehen, sein Gesicht veränderte sich. – O mein Gott, rief er höchst bewegt mit schwankender Stimme. Welche Züge sind dies? Ist's möglich? Amalie! – Er ergriff die dargebotne Hand, und drückte sie an seine Brust.

Vergeben Sie meinem Herzen den Wunsch, Sie noch einmal zu sehen, sprach jene mit schwacher Stimme; der herannahende Tod bricht alle Bedenklichkeiten, die mich so lange von Ihnen entfernt haben, und ich entschließe mich, für meiner Kinder Glück zu thun, was nie die Sorge für mein eignes über mich erhalten haben würde. Es sind nun zwei und zwanzig Jahr, daß ich Sie kennen lernte – der Befehl Ihres Vaters entfernte Sie bald nachher plötzlich von mir, ich weiß es – –

Ach an welche glückliche Zeit, erinnerst du mich, Amalie! unterbrach sie der Oheim; aber auch an welches Unrecht, welche Grausamkeit, mich nie ein Wort von dir hören, mich in dem Wahne zu lassen, du seyst längst gestorben! Gott ist mein Zeuge, mit welcher Unabläßigkeit ich, als mein Vater todt war, nach dir geforscht, wie ich Geld, Mühe und Freunde in Bewegung gesetzt, Nachricht von dir zu erhalten, und doch alles vergebens!

Die Schande war nun einmal über mich eingebrochen, erwiederte Amalie; ich hatte nun schon bei meiner herannahenden Entbindung, meiner Aeltern Haus und meine Vaterstadt verlassen, und mein Entschluß stand fest, todt für die Welt zu seyn, und nur der Erziehung meiner Kinder zu leben. Die Unterstützung meiner Mutter, und nach dem Tode meines Vaters das mir zugefallne kleine Erbtheil, ließen mir keine Nahrungssorgen nahen, und ich war zu stolz, mich Ihnen aufdringen, mich in Verhältnisse eindrängen zu wollen, in die ich nicht gehörte, oder wohl gar von dem Mitleid zu erpressen, was mir die Liebe nicht freiwillig gewährte.

Ach Amalie, rief der Oheim, wie war es möglich, mich so zu verkennen?

Ich glaube wohl, lächelte Amalie, daß ich Unrecht hatte; indeß wer weiß, ob es zu bereuen ist. Meine Kinder sind aufgewachsen, ohne den Namen ihres Vaters zu kennen, und würden ihn auch nie von mir erfahren haben, wenn nicht die Gewißheit, sie bald verlassen zu müssen, die Sorge für ihre Zukunft und, ich will es nicht läugnen, auch der Wunsch, Sie noch einmal zu sehen, mich umgestimmt und bewogen hätten, mich dem Herrn von Diethorst zu entdecken.– Sie kennen meine Kinder bereits: Angelika und Mariane sind meine Töchter.

Die Ueberraschung schien den Onkel zu lähmen. Er sank auf einen am Bett stehenden Sessel, und starrte eine Weile unbeweglich Amalien an. Diethorst öffnete ein Nebenzimmer, und führte Marianen und Angelika heraus.

Ihr kanntet euren Vater, ohne ihn zu kennen, sprach Amalie. Erst heute hat Mariane das Geheimniß ihrer Geburt erfahren, und Angelika in diesem Augenblicke erst von ihrer Schwester.

Angelika war heftig erschüttert, und kniete weinend vor den Onkel hin; Mariane faßte seine Hand, und küßte sie. Der Onkel saß schweigend, und seine in Thränen schwimmenden Augen fielen bald auf Amalien, bald auf seine Kinder. – Endlich ermannte er sich, hob Angelika auf, küßte sie und Marianen auf die Stirn, und trat vor ihre Mutter.

Geliebte Amalie, sprach er, ihre Hand fassend, welch köstliches Geschenk machst du mir mit diesen Kindern! Die Sorge für dein und ihr Glück soll von nun an das heiligste Geschäft meines Lebens seyn. – Doch für Angelika ist wohl schon gesorgt, fuhr er fort, sich zu Eduard wendend; tritt näher, Eduard. Mein Neffe liebt sie, und wenn ihre Mutter nichts dagegen hat – –

Ich weiß es, sagte Amalie, und habe des armen Mädchens Kampf gesehn. – Sie fügte Angelika's und Eduards Hände zusammen.

Und wenn Sie, Herr Vater, nichts dagegen haben, rief Diethorst, und mir die heutige Ueberraschung vergeben können, so ist für Marianen auch gesorgt. Meines Vaters Einwilligung habe ich bereits. – Er führte Marianen dem Onkel zu, der lächelnd ihre Hände vereinigte. – Ich lernte schon vor drei Jahren, fuhr er fort, mit meinem Bruder zugleich die beiden Schwestern kennen, und so viele, und so schöne Weiber ich auch seitdem sah, so kehrt' ich doch, bei meiner Rückkehr nach Deutschland, auch zu meiner ersten Liebe zurück.

Aber ein wunderbares Ding, Kinder, sagte der Oheim, ist es doch um den Instinkt! Ich liebte doch die Angelika gleich vom ersten Anblick an, und nun kommt es heraus, daß dies lediglich die Stimme der Natur war. – Es folgten nun Erklärungen und Erzählungen, und der Onkel drang endlich darauf, Amalien und seine Töchter bald auf sein Gut zu führen. Auch ließ ihm dieser Gedanke keine Ruhe mehr, und da am folgenden Tage Amalie sich besser zu befinden schien, reiste er allein ab, um auf dem Schlosse alles zu ihrer Reise und zu ihrem Empfang in Bereitschaft zu setzen. Doch, mitten in seiner frohen Geschäftigkeit, traf ihn nach wenig Tagen die Nachricht von Amaliens Tode. Zu sehr erschöpft hatten selbst die frohen Gemüthsbewegungen der letzten Zeit ungünstig auf sie gewirkt. In den Armen ihrer Kinder war sie verschieden, und Diethorst und Eduard führten, nach einigen Wochen, dem aufs neue verwaisten Herzen des Onkels seine Kinder zu.

Aber beim Himmel – sagte der Onkel noch oft, wenn er Angelika'n ansah – es ist doch eine wunderbare Sache um den Instinkt!

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