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Erzählungen und Märchen

Carl Wilhelm Salice Contessa: Erzählungen und Märchen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorCarl Wilhelm Salice Contessa
titleErzählungen und Märchen
publisher
seriesC. W. Contessa's Schriften
editorE. von Houwald
yearGeorg Joachim Göschen
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140531
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Aus Herr Balthasars Leben

1821 – 1823

 

Erstes Blatt.

Herr Balthasar schob die Kaffeetasse und ein Zeitungsblatt, in dem er eben gelesen, unwillig von sich weg, und legte sich in seinen Lehnstuhl zurück.

»Wenn irgend jemand auf der ganzen Welt den Namen eines Selbstpeinigers verdient,« sprach er mit kläglicher Stimme, »so bin ich es schon um dieser verruchten Zeitungen und Journale willen! Wären die Römer bereits von dieser Seuche befallen gewesen, Terenz hätte ohne Zweifel in seinem Heautontimorumenos glücklichen Gebrauch davon gemacht. – Da liegt es nun wieder,« fuhr er, zu seiner Frau gewendet, fort, indem er auf einen Stoß Zeitschriften zeigte, der vor ihm auf dem Tische lag – »da liegt es nun wieder vor mir, haushoch, und ich muß durch, und kaum bin ich's, so hat der Bote aus der Stadt mir's schon wieder berghoch hingelegt, und ich muß von Neuem durch, und so nimmt meine Qual und mein Aerger kein Ende.«

»Es ist ja doch dein freier Wille,« sagte seine Frau, ohne von ihrem Strickzeug aufzusehen.

»Freier Wille, freier Wille!« rief er. »Was ist denn wohl des Menschen freier Wille? Mein Kind, der Lyonnet soll noch kommen, der diesen sogenannten freien Willen unterm Mikroskop zergliedert und in seine Fasern zerlegt, wie jener die Weidenraupe. Er würde uns wunderliche Dinge zeigen, mein' ich. Was kann ich denn für diesen bestialischen Trieb, meine Nase in Alles zu stecken, Alles zu wissen, Alles zu erfahren? Zwar bestialisch, nein, so ist dieser Trieb keineswegs zu nennen; er gehört vielmehr zu dem, was uns vom Thier unterscheidet und darüber erhebt« – –

»Und am Ende,« fiel Frau Rebekka ein, »am Ende hast du doch das größte Vergnügen von der Leserei.«

Er lachte grimmig laut auf: »Vergnügen! Vergnügen! Ei, so wollte ich doch, du hättest nur acht Tage lang solch Vergnügen bei deiner Truthühner- und Entenzucht: ich gebe dir mein Wort, am neunten ließest du den Putchen mit einander die Hälse abschneiden.«

Frau Rebekka blickte ihn unwillig von der Seite an. Er fuhr fort: »Ich sage dir, allen! so leid dir auch jetzt jedes Stück thut, das du mußt schlachten lassen – und die Enten mit Kastanien, heut' Mittag, waren höchst delikat, das kann ich dir auch sagen – aber Vergnügen! Ich bitte dich, mein Schatz! Du sprichst wieder einmal so in's Blaue hinein. Während die dunkeln Wolken, die mir jeden Zeitungstag schwärzer am politischen Horizont aufthürmt, mich mit Kummer und Sorgen erfüllen, während der Geist, der sich jetzt in unserm Vaterlande regt, oft in der Nacht, wie ein dunkles Gespenst, an mein Lager tritt, und mich nicht schlafen läßt, während mir beinahe jedes neue Blatt eine neue gräßliche Mordthat berichtet, spricht sie von Vergnügen!«

»Nun aber doch die andern Blättchen alle, mit den hübschen Geschichten, mit den Nachrichten vom Theater, mit den Recensionen.« –

»Hübsche Geschichtchen! Daß Gott erbarm'! Nachrichten vom Theater! Ach, diese Theaternachrichten, diese Recensionen, die sind ja eben das schleichende Gift, das mich langsam abzehrt! Diese Saalbadereien, für die sich jeder literarische Eunuch gut genug dünkt, der nichts Anderes kann; diese Klatschereien, die keinen Menschen interessiren, als etwa die guten Freunde und Feinde am Ort, ach! und die ich doch alle, alle lesen muß, um in der Ordnung zu bleiben, diese machen ja eben meine Danaidenqual!«

»Vergeht doch die Zeit dabei!« sagte Frau Rebekka.

»Vergeht! vergeht! ja, da hast du Recht! Sie vergeht, die kostbare, unwiederbringliche, sie vergeht in dieser edeln Beschäftigung, wie ein Schlag in's Wasser, wie ein Wolkenschatten, der über's Land läuft, ohne eine Spur zurück zu lassen, daß sie da gewesen ist. Was hätte ich nicht vielleicht Alles für Leben, Kunst und Wissenschaft leisten können in der Zeit, die ich mit dieser Leserei vertrödelt!«

Frau Rebekka fuhr gleichmüthig fort: »Und da wir nun auf dem Lande wohnen, und keine Concerte, kein Theater mehr haben« – –

»Kein Theater! ja, dem Himmel sey Dank!« unterbrach er sie – »Kein Theater! Ich bin so glücklich, in kein Theater mehr gehn zu dürfen. Und so bin ich denn, wenn mir gleich diese unglücklichen Papiere da, wie der Ratte ihr Schwanz, auch hieher gefolgt sind, so bin ich denn doch nicht ganz umsonst auf's Land gezogen.«

»Hm!« sagte Frau Rebekka mit dem Kopfe schüttelnd, »warum liefst du denn jeden Abend in's Theater, da wir noch in der Stadt waren?«

»Warum! warum! Mein Schatz, ich behaupte, der Mensch weiß selten recht genau um das eigentliche Warum seiner Handlungen, oder er gesteht es sich selber nicht. Das vor der Welt ausgesprochene wenigstens ist wohl fast nie das rechte. Wenn ich aber spräche: ich lief in's Theater, um mich zu ärgern, so klänge das freilich wunderlich; aber es fiele nicht gar weit von der Wahrheit.«

»Ach, geh' doch: ärgern! Geh'! Die Komödie war ja doch von jeher dein allergrößtes Vergnügen!«

Er sprang in die Höhe, hob Hände und Blicke zum Himmel, und ließ sich dann wieder in den Sessel fallen. »O Herr!« rief er, »da ist sie schon wieder mit ihrem Vergnügen! Sie pflastert heut' das ganze Haus mit Vergnügen, wie einen himmlischen Freudensaal. Ich sage dir aber, nein, zum Henker! nein, nicht Vergnügen, nein, Grimm und Aerger, Gift und Galle habe ich von deiner verwünschten Komödie. Oder soll ein Mensch, der es mit der Kunst redlich meint, soll er es mit Vergnügen ansehen, wie sie dem schmählichsten Verfalle zuläuft? Soll er es mit Vergnügen ansehen« – –

Er wurde hier durch Klopfen an der Thür unterbrochen. Ein ältlicher Mann, von schlichtem Aeußern, trat mit einer tiefen Verbeugung in's Zimmer, welchem er sogleich schnell entgegen ging, mit dem Ausruf: »Ei willkommen, herzlich willkommen zum ersten Mal in meinem Hause, mein lieber Herr Pastor!« Er reichte ihm freundlich die Hand, und zog zugleich mit der andern die Klingelschnur. Hierauf führte er ihn nach dem Sofa, stellte ihn seiner Frau vor, schob ihm, während er hier seine Verbeugung wiederholte, von hinten einen Stuhl in die Kniekehlen, so daß er den angefangenen Bückling schnell abzubrechen, und sich nieder zu setzen genöthigt war, befahl dann dem eintretenden Diener, eine Tasse und eine Pfeife zu bringen, und sprach dann, sich wieder in seinen Lehnsessel niederlassend: »Nun aber sagen Sie mir, ich frage Sie, lieber Pastor, wie wäre Ihnen zu Muthe, wenn Sie Bauchgrimmen hätten, und ein Andrer glaubte, Sie schnitten Gesichter vor lauter Vergnügen? Was? Aber es war nur dein Scherz, Frau! Nicht? Du wolltest mich nach deiner Art nur ein wenig necken. Wie? Sprich, rede, antworte! Doch erst schenke Kaffee ein. Man kann nicht zwei Herren zugleich dienen. – Es war die Rede vom Theater, lieber Pastor. Das ist nun freilich ein Gegenstand, um den Sie sich wenig kümmern, und ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Glück dazu: es erspart Ihnen zu jetziger Zeit einen großen Aerger und Kummer. Denn sehen Sie, ein Mensch wie ich, dem die närrische Lust am Theater nun einmal von Kindesbeinen an in den Gliedern gelegen hat, er kann nicht gleichgültig zusehen, wie mit jedem Tage der äußere Glanz zum Theil auf eine ungebührliche Weise zunimmt, und der innere Gehalt immer mehr verfällt; er kann nicht gleichgültig zusehen, wie hohle Declamation, mit ihrer Confidente: Attitüdenprunk und ihrer Schleppträgerin: Manier, sich breit auf den Brettern häuslich niederläßt, und Wahrheit und Natur, wie abgewiesene Bettlerinnen, sich sacht aus dem Hause schleichen.«

»Wenn dem so ist, wie Sie sagen,« hub Bertram an, der sich während der langen Rede von der kleinen Verlegenheit erholt hatte, in die ihn der seltsame Empfang gesetzt – »wenn dem so ist – was ich freilich nicht beurtheilen kann, da ich lange kein Schauspiel sah – so mein' ich, wär' es doch vielleicht unbillig, den Schauspielern ganz allein die Schuld davon aufzubürden.«

»Wem sonst?« rief jener. »Ueberall, wo die Kunst verfiel« – –

»Ist sie durch die Künstler verfallen!« vollendete Bertram lächelnd. »Ganz recht. Nur möchte ich unter den Künstlern nicht die Schauspieler allein, sondern auch die Dichter mit verstehen.«

Aus den großen Augen, womit Herr Balthasar den Sprechenden ansah, blickte sehr deutlich die Verwunderung hervor, daß der Mann über einen solchen Gegenstand mitsprechen zu wollen schien. »Hm, hm, ich merke wohl, was Sie meinen!« sagte er endlich. »Und leider haben Sie nicht Unrecht.«

»Ich meine,« erwiederte Bertram, »es könnte wohl seyn, daß manche unserer dramatischen Dichter selbst uns nicht selten Declamationen für tragische Würde, rhetorischen Prunk für wahre Sprache der Leidenschaft, fleischlose Schatten für kräftig gezeichnete Charaktere, überhaupt aber zu viel Worte und zu wenig Handlung geben, unter welcher letztern ich aber keineswegs etwa ein Accumulat zahlreicher Ereignisse und Begebenheiten verstehe, durch die wir jetzt wohl hier und da die Schaulust des Publikums füttern sehen.«

»Sie sind mein Mann!« unterbrach ihn Herr Balthasar. »Gut! Brav! Schön! Recht! Und so sind wir auf der Flucht vor der Hausbackenheit und gemeinen Natur der Familiengemäldezeit in den geraden Weg zur Manier und Unnatur hineingerathen.«

»So scheint es fast. Und in eine Manier, die unserm eigentlichsten Wesen zuwiderläuft. Unser deutsches Schauspiel soll überhaupt kein fremdes, am wenigsten etwa ein spanisches oder ein französisches seyn. Wahrheit und Charakteristik scheinen mir die beiden Grundpfeiler des deutschen Schauspiels. Diese aufgeben, heißt für den Deutschen, den festen Gang auf seinen Füßen abschwören, und um groß zu erscheinen, zeitlebens auf Stelzen gehen wollen. Bedürft' es ja etwa irgend eines fremden Anhalts, nun, so fassen wir nur getrost die Hand des unsrer Natur so nah' verwandten brittischen Heros: Shakespear, der uns, unbeschadet unserer Eigenthümlichkeit, den Kopf schon über dem Wasser erhalten wird.«

»Halt, Freund,« rief Herr Balthasar, »auch hier keine Abgötterei und Dalailamaverehrung! Den Hut tief ab vor dem großen Christoph, unter dessen gewaltigem Schritte die Bretter zittern! Aber so klein sind wir nicht, daß wir uns von ihm müßten tragen lassen.«

Bertram wollte antworten, doch indem öffnete sich die Thür, und ein junges Mädchen mit Blumen bekränzt und einen Korb mit Blumen in den Händen, trat rasch auf die Schwelle, zog sich aber, den fremden Mann erblickend, eben so schnell wieder zurück.

»Klara!« rief Herr Balthasar, »Klara! Nun möcht' ich wissen, was schämt sich das Mädchen?«

»Der eignen Schönheit, wie es scheint!« erwiederte Bertram, von der Erscheinung überrascht.

»Der fremde Besuch!« sagte Frau Rebekka lächelnd.

»Sündenfall!« rief Herr Balthasar.

Frau Rebekka lächelte fort, und sprach: »Der kann nur einem Sünder einfallen! Das Mädchen schämt sich ihres Aufputzes vor fremden Augen; das siehst du doch wohl. Komm nur herein, Klärchen,« fuhr sie mit erhöhter Stimme fort, »komm nur immer herein, Klärchen, mein Kind!«

Klärchen trat herein, halb lachend, halb verlegen, und eilte auf die Mutter zu, indem sie im Vorbeigehen einen Augenblick dem Fremden gegenüber stehen blieb, und ihm mit hoch erglühenden Wangen ihren Knix machte. Bertram aber konnte seine Blicke gar nicht abwenden von dem wunderlieblichen Gesicht, das aus der Fülle der goldfarbigen, mit Rosen durchflochtenen Locken, wie ein Engelskopf aus Morgenwolken schaute; und als sie jetzt im halblauten Gespräch mit der Mutter die langen dunkeln Wimpern von den Augen hob, und ihm der blaue Himmel daraus so rein und freundlich entgegen strahlte, da faßte er Herrn Balthasars Hand, und indem er nach einem bekannten englischen Kupferstiche über dem Sofa zeigte, der eine Gruppe jugendlicher Gestalten, auf Wolken emporschwebend, darstellt, und diese Unterschrift führt, sprach er:

»Such is the Kingdom of Heaven!« Ihrer ist das Himmelreich.

»Meinen Sie?« erwiederte jener, das schöne Mädchen gleichfalls mit Wohlgefallen betrachtend. »Meinen Sie?« und schüttelte ihm herzlich die Hand. »Wahrlich ich meine es in diesem Augenblick selbst, ob ich gleich recht wohl weiß – – Ja, mein Freund, wir sind nun einmal der Erscheinung unterthan und leibeigen, und graue Haare geben noch keine Freizügigkeit. Hoffentlich giebt sie uns auch der irdische Tod noch nicht. – Da schreiben wir alte Jungen dem Mädchen alle möglichen Tugenden zu, bloß weil ihr Aeußeres unsere Sinne besticht! Nun recht so! Es ist in der Ordnung!«

»Das thun wir nun wohl eigentlich nicht!« nahm Bertram das Wort. »Wir schreiben ihr nur Kindlichkeit, Unschuld zu, also nur eine Unbekanntschaft mit dem Bösen, eine Abwesenheit desselben; wir sehen ein reines Blumenbeet vor uns, in welches die Welt noch nicht Zeit gehabt hat, ihr Unkraut einzusäen.«

»Das braucht die Welt nicht zu thun!« fiel jener rasch ein. »Des Unkrauts Saame liegt schon von Natur in jedes Menschen Brust; die Welt giebt nur Sonnenschein und Regen zum Gedeihen. Auch unter jenen Rosen,« er zeigte auf Klara, die unbekümmert um das Gespräch, wie es schien, die großen Vasen auf dem Kaminsims mit frischen Blumen versah – »auch unter jenen Rosen liegt die Schlange; das Böse ist da, wenn es auch vielleicht noch schlummert.«

»Das sind nun wieder einmal von deinen Behauptungen!« sprach Frau Rebekka unwillig.

»Die Sie vielleicht selbst nicht einmal im Ernst behaupten wollten!« fügte Bertram hinzu. Herr Balthasar aber erwiederte hitzig: »O ja, das will ich, und in bitterm Ernst! Ich sage, und behaupte, und bin nicht der erste, der es behauptet hat: der Mensch ist von Natur aus böse; und ich bin gleichfalls nicht der erste, der es gesagt hat, daß selbst unsre guten Handlungen, ja unsere Tugenden meist aus Fehlern oder Schwächen keimen.«

»Einige werden belohnt, die meisten vergeben!« Klopstock. entgegnete Bertram. »Ganz recht! Allein zwischen beiden Behauptungen ist, dünkt mich, ein großer Unterschied zu machen, und wenn ich Ihnen die zweite unter gewissen Bedingungen gern zugebe, so hätte ich gegen die erste wohl gar mancherlei einzuwenden.«

»Mit Erlaubniß, meine Herren!« sprach Frau Rebekka, als sich jetzt eben Klara wieder dem Tische näherte, rief diese zu sich und sagte ihr etwas in's Ohr. Klara nickte freundlich mit dem Kopfe, und sprang aus dem Zimmer; Rebekka, zu ihrem Mann gewendet, aber sagte: »Nun weiter, wenn's beliebt!«

»Warum schickst du das Mädchen fort?«

Sie nahm gelassen eine gefallne Masche auf, und erwiederte gleichgültig: »Es war nur von wegen des Unkrauts.« – Herr Balthasar lachte laut auf. – »Und dann dachte ich,« fuhr sie fort, »du wolltest etwa dem Herrn Pastor erzählen, wie das Mädchen uns in's Haus gekommen ist. Ich denke, er gehört nun auch hinein.«

Bertram verneigte sich freundlich, und fragte dann mit Verwunderung, ob Klara denn nicht ihre Tochter sey?

»Nein,« entgegnete Herr Balthasar, »ich habe das Kind gefunden, und will Ihnen gern erzählen, wie, ob ich gleich die da wohl kommen sehe. Sie will mich mit mir selber schlagen. Wie fein! Beweißt aber gar nichts, mein Schatz, gar nichts! – Die Geschichte ist kurz diese. Im Jahr 1809 hielt ich mich eine Zeitlang im südlichen Deutschland auf, zum Theil um der Mineralogie willen, auf die ich damals eben gestellt war. Der Krieg überraschte mich dort. Die Schlachten von Abensberg und Eckmühl waren geschlagen, und die östreichische Armee nahm ihren Rückzug, ehe ich noch an den meinigen gedacht hatte. Nun war das Land von Franzosen überschwemmt, und ich saß in einem kleinen Städtchen fest! Es dauerte nicht lange, so waren die fremden Gäste auch hier.

In einer Nacht erschien ein starker Haufe französischer Reiterei; der General verlangte einen sichern Mann zum Führer, der sowohl der Gegend, als der französischen Sprache kundig sey. Da ich bei meinen Streifereien schon öfter in dem Städtchen gewesen, so kannten mich die Leute wohl, und wußten, daß Beides bei mir zutraf; deshalb, und weil sie wohl auch die Ehre einem Fremden lieber gönnen mochten, als einem Heimischen, ward ich in Vorschlag gebracht und herbei geholt. Ich setzte mich mit Händen und Füßen dagegen; allein der General machte dem Streit auf die kürzeste Weise ein Ende. Auf seinen Wink saßen einige von seinen Dragonern ab; einer faßte mich unversehens von hinten um den Leib, zwei andere bei den Beinen, ein vierter hatte indeß schnell ein lediges Pferd herbei geführt. Im Handumdrehen prangte ich auf einmal im Schlafrock und Nachtmütze hoch zu Roß; die Dragoner lachten, Magistrat und Bürgerschaft schrieen: Adjes Herr Balthasar! Kommens bald wieder! Und so ging's im starken Trott zum Thor hinaus. Ich besann mich bald. Rebus augustis animosus atque fortis appare, sagte ich halblaut zu mir selbst, steckte die Füße in die Bügel, und zeigte für's erste den Reitern, daß ich auch reiten konnte. So ritten wir die Nacht durch. Als der Morgen dämmerte, fingen vor uns die Kanonen an zu grollen. Bald darauf zankte auch das Kleingewehrfeuer dazwischen hinein, und ein blutrother Feuerschein, dem wir entgegen ritten, stieg am Morgenhimmel empor, als wollt' er den anbrechenden Tag in der Geburt verschlingen. Das war aber die rechte Morgenröthe für den blutigen Tag, der kommen sollte. Es war der Tag des Treffens bei Ebersberg. Wir trabten rasch vorwärts. Als wir eine Anhöhe erreicht hatten, lag vor uns, im Thal, ein brennendes Dorf; drüber hinaus zur Rechten und Linken in der Ebene zuckten Geschützblitze durch den Nebel. Der General befahl mir nun, sie seitwärts durch die Berge nach einem Orte zu führen, den er mir nannte, wahrscheinlich um von dort aus den retirirenden Oestreichern in die Seite oder in den Rücken zu fallen. Wir mußten in das brennende Dorf. Es schien von allen Einwohnern verlassen; todte Pferde und zerbrochene Wagen und Munitions-Karren lagen umher; kein Laut regte sich, als das Prasseln des Feuers, und es sah sich wunderlich an, daß die Häuser so in tiefer Stille und Ruhe fortbrannten, wie die Kerzen in der Frühmette. Als wir uns einem stattlichen Hause näherten, glaubte ich endlich von dort eine menschliche Stimme zu vernehmen. Ich hatte mich nicht geirrt. Aus einem Giebelfenster lehnte sich ein kleines Mädchen heraus, und schrie händeringend in einem fort: Mei Mutterl! ach, mei Mutterl! Der hintere Theil des Hauses brannte schon lichterloh, und die Flamme schlug eben über das Dach hin. Pauvre enfant! pauvre enfant, riefen die Offizier hinter ihm, und trabten vorüber. Ich wußte eigentlich nicht recht, was ich that – ich fühlte bloß lebhaft den Grimm über das pauvre enfant und die Unmöglichkeit, das Kind verbrennen zu lassen – ich hatte aber in dem Augenblick schon meinen Gaul herum geworfen, setzte über den niedrigen Hecken-Zaun, und sprengte auf das Haus zu. Hinter mir entstand ein gräulicher Tumult. Halt! halt! schrien hundert Stimmen; mehrere Schüsse fielen; ich hörte die Kugeln pfeifen. Schießt nur, ihr Narren, ihr pauvres enfants! rief ich, ich habe jetzt keine Zeit, mich um euch zu kümmern! Ich sprang vom Pferde, und lief in das brennende Haus. Es war voll Rauch. In meiner Bosheit aber drang ich muthig hinein; die Treppe war zum Glück nicht weit von der Thür; oben ward die Luft freier. Ich fand das Kind, ein Mädchen von vier bis fünf Jahren, in einer Kammer unter umhergestreuten Kleidungsstücken, offnen Koffern und Mantelsäcken; im ganzen Hause sonst regte sich kein lebendiges Wesen. Ich versprach dem Mädchen, es zu seiner Mutter zu bringen, nahm es auf den Arm, wickelte es in meinen Schlafrock, und eilte nach der Thür. Meine Frau Liesel, schluchzte das Kind, indem es auf eine große Puppe zeigte, die am Boden lag. Ich raffte die Frau Liesel gleichfalls auf, und sprang nun die Treppe hinunter. Unterwegs fuhr mir der Gedanke durch den Kopf, daß hier wohl vielleicht die Gelegenheit sey, den Franzosen zu entwischen, und so mich von der verhaßten Frohne zu befreien, die Feinde meines Vaterlandes zum Verderben meiner Landsleute anzuführen; ich wandte mich daher am Ende der Treppe nicht rechts nach der Hausthür, obgleich die helle Flamme bereits in den Hausflur hinein züngelte, sondern auf gut Glück zur linken Hand, in der Hoffnung, dort einen andern Ausweg zu finden. Ich stieß auf eine Thüre, die ich mit einem Fußtritt öffnete; sie führte mich in die Küche; eine zweite brachte mich in den Garten. So war ich im Freien; aber drum noch nicht geborgen, denn ich hörte die Stimmen der Franzosen, die mich im Garten suchten. Der Nebel jedoch, der immer dichter fiel, rettete mich: ich entwich glücklich über den Gartenzaun, warf meinen versengten Schlafrock ab, der mich im Fortkommen hinderte, und lief nach einem Gehölz, das ich vor mir erblickte. Ich mochte aber ein paar hundert Schritte darin vorgedrungen seyn, da sah ich mich schon wieder im Freien und auf der großen Straße, und als ich mich erschrocken zurück wandte, vernahm ich Pferdegetrapp ganz in der Nähe. Ich hatte kaum Zeit, mich hinter einem Strauch nieder zu werfen. »Sey still,« flüsterte ich dem Kinde zu, »die Franzosen kommen!« Es schlang ängstlich seine Aermchen um meinen Hals. Der ganze Schwarm Reiterei, der General an der Spitze, zog wenige Schritte vor mir vorüber. Jetzt erst kam mir die Angst. Das Herz hämmerte mir so heftig in der Brust, daß die Frau Liesel die aus meiner Weste hervor schaute, darüber in eine seltsam nickende Bewegung gerieth, und ich will's Euch gern gestehen, ich ertappte mich selbst darüber, daß ich in meiner Angst das Vater-Unser rückwärts zu beten angefangen hatte, wie dieß in alten Geisterbeschwörungsgeschichten zu geschehen pflegt, wenn man die bösen Geister wieder entfernen will.«

» Vorwärts wäre besser gewesen!« sagte Frau Rebekka, indem sie ihren Mann mit einem besondern Lächeln ansah.

»Nun es half auch so!« fuhr dieser fort. »Die Franzosen zogen vorüber, ohne mich zu bemerken, und nach einer kurzen Rast und Ueberlegung schlug ich den Weg nach dem Gebirge ein; denn nach dem Städtchen zurück zu kehren, welches ich diese Nacht wider Willen verlassen hatte, durfte ich nicht wagen; in den Bergen aber war wenigstens vor der Hand noch Freiheit und, Sicherheit, und ich hatte dort Freunde. Wie ich nun mit Hunger und Kummer, Gefahr und Noth, mich bis dahin durchgeschlagen, das erzähle ich vielleicht ein andermal. Genug, ich fand endlich Aufnahme bei einem wackern Landmanne, der vor Kurzem erst mein Begleiter auf einer Reise in's Salzburgische gewesen war. Er gab mir mehrere Wochen lange Kost und Wohnung, versah mich mit Kleidung; denn ich war ja von Allem entblößt, und half mir sogar mit eigner Gefahr wieder zu meinen Sachen, die ich in jenem Städtchen zurück gelassen hatte, bis ich endlich, nach der Schlacht bei Wagram, Gelegenheit zur Rückkehr fand, und meiner Frau das Mädchen sammt der Frau Liesel überbringen konnte.« – »Und Sie erfuhren nichts von den Aeltern des Kindes?« fragte Bertram. – »Ja, ich erfuhr auf mein Nachforschen in dem Dorfe, wo ich es gefunden, daß es wahrscheinlich einem Wachtmeister des Regiments angehörte, welches in jener Nacht dort von den Franzosen überfallen worden, und dessen Uniform man mir beschrieb. Als ich mich, dadurch geleitet, an das Regiment selbst wandte, fand sich, daß Alles zutraf; allein ich erhielt auch zugleich die Nachricht, daß jener Wachtmeister, mit Namen Masquard, und von Geburt ein Niederländer, in dem Gefecht an jenem Morgen geblieben, von seiner Frau aber seit dieser Zeit nichts weiter gehört worden sey. Mein wiederholter Aufruf in den Zeitungen war ohne Erfolg.« – »Wenn ich das Mädchen wieder von mir hätte lassen müssen!« rief Frau Rebekka. – Herr Balthasar reichte ihr die Hand, und sprach: »Wenn der Mensch durch Liebe und Sorge sich etwas aneignen, und zu dem Seinigen machen kann, so dürfen wir das Mädchen wohl unsere Tochter nennen.« –

»Sie haben sich ein schönes Recht darauf erworben,« – nahm Bertram das Wort. »Meinen herzlichen Dank für Ihre Erzählung! – Um so mehr,« fuhr er lächelnd fort, »da sie uns in der That einen trefflichen Beweis gegen Ihre Behauptung von vorhin an die Hand gegeben hat.« –

»Ach, Possen, Possen!« rief jener. »Darum wollte auch die da, daß ich erzählen sollte. Aber hofft nur nicht, meine Eitelkeit zu Eurem Alliirten zu machen. Ich weiß nur zu gut, wie wenig ich mir auf diese schöne That einzubilden habe. Ohne das pauvre enfant der Franzosen hätte ich das Kind eben auch verbrennen lassen, das glaubt mir. Aber ich ärgerte mich darüber, eben weil es Franzosen waren. Ein: »armes Kind!« aus deutschem Munde, hätte mich bei weitem nicht so grimmig gemacht, als das pauvre enfant. Nun wollte ich sie beschämen, ich, der Deutsche, die Franzosen; ich wollte mich ein wenig bewundern, ich wollte mich ein wenig sehen lassen; daß ich mit meinen: Pferde dabei über die Hecke setzen konnte, war auch nicht übel, u. s. w. Und wenn das Kind nicht so hübsch war, wer weiß, ob ich nicht, von Hunger, Anstrengung und Angst erschöpft, wie ich war, im ersten besten Dorfe es wieder hinter den Zaun gesetzt hätte? Und wenn das Mädchen nicht so schön wäre, wer weiß, ob wir es auch so liebten? Doch nein, Klara, nein, mein gutes Kind,« – fuhr er fort, denn Klara trat jetzt eben wieder in's Zimmer, und blieb an der Thür stehen – »komm her zu mir! Dich hätt' ich lieb, auch wenn du häßlich wärest!«

Klara näherte sich ihm mit zögernden Schritten, und schien geweint zu haben. Sie blieb vor ihm stehen, und sagte mit ängstlicher, stockender Stimme: »Lieber Vater, ich wollte dir nur sagen, die Schauspielerin – es steht jetzt immer so viel von ihr in den Zeitungen da – du sagtest neulich, daß du sie wohl sehen möchtest – ›die Schröder‹« –

»Die Schröder!« rief Herr Balthasar – »Nun? wie? was? Sie ist doch nicht hier?« –

»Nein, nein, lieber Vater, das nicht, aber sie wird, sie ist« – Ihre Stimme wurde immer weinerlicher. –

»Was ist sie denn? ist sie todt?« –

»Nein – nein – aber sie kommt nach Berlin.« –

»Wie? nach Berlin? Ei! Woher weißt du das, Mädchen?« –

Doch jetzt brachen die Thränen unaufhaltsam aus ihren Augen; sie eilte zu der Mutter, kniete vor ihr nieder, und verbarg schluchzend den Kopf in ihren Schooß. – »Klara!« rief diese erschrocken, »was ist dir? was ist geschehn?« –

Herr Balthasar rückte ungeduldig auf seinem Stuhle hin und her. »Ich verstehe das Mädchen nicht! Was meint sie denn? Ist denn das ein Unglück, daß die Frau nach Berlin kommt? Oder möchtest du gern hin, Klara? Möchtest du sie gern sehen? Sprich! Rede! Ich habe es zwar verschworen, je wieder in's Theater zu gehen, und mag von allen Schauspielern und Schauspielerinnen auf dieser Welt nichts mehr wissen, aber sieh, mein Kind« – –

Klara sprang schnell empor, eilte zu ihm, und warf sich an seine Brust. »Ach, lieber, lieber Vater,« rief sie, »nur dießmal noch erbarme dich! die arme Frau ist so gut und so brav!« –

»Gut und brav?« sagte Herr Balthasar ein wenig verwundert. – »Nun, mag seyn! Man lobt sie ja von allen Seiten.« –

»Und so arm!« fuhr Klara fort – »Und so krank!« –

Er faßte das Mädchen an beiden Schultern, und starrte ihr in's Gesicht. »Arm? Ich bitte dich, Klara! und krank? Wie denn? wer denn? wo ist sie denn?«

»In der Schenke!« erwiederte Klara leise. –

Er sprang vom Stuhle empor. »In der – Gott sey bei uns! In der Schenke? Die Schröder in der Schenke?« –

»Nein, nein, lieber Vater,« schluchzte sie, »nicht die Schröder! nur eine arme Schauspielerin – sie konnte nicht mehr fort – ach, sie muß gewiß sterben, wenn du dich nicht erbarmst, wenn du nicht hilfst. Der Wirth will sie nicht länger behalten ohne deine Erlaubniß; der Richter verlangt einen Paß, von mir will sie selber nichts mehr nehmen, wenn du nicht drum weißt – ach, und die armen Kinder!« –

Sie sprang nach der Thür, öffnete sie, und führte ein Mädchen von etwa vierzehn Jahren herein, die mit demüthig vor der Brust gefalteten Händen an der Thür stehen blieb. Sie strich ihr die dunkeln Haare aus der Stirn, küßte sie auf die bleichen Wangen, und sprach ihr leise Muth ein. »Sieh nur, Vater,« sagte sie zu diesem, »das arme Kind, wie bleich, wie hager!« Und indem sie sich mit halblauter Stimme zur Mutter wandte: »ich habe ihr das Kleid gegeben; du bist nicht böse, liebe Mutter. Ach, ich wollte auch meine goldne Kette verkaufen lassen in der Stadt, ich wollte einen Arzt aus der Stadt holen lassen und Arznei, aber ich durfte ja nicht.« –

»Wozu aber dieses Verheimlichen, Klara?« sagte Frau Rebekka ernst. –

»Ach du liebe Mutter,« rief sie, und ihre Thränen brachen auf's Neue hervor, »ich hatte ja den Vater so oft so viel Böses von den Schauspielern sagen hören – und er wurde immer so zornig dabei – ach, ich fürchtete mich, ich wagte ja nicht, es ihm zu sagen; ich glaubte, er würde die arme Frau fortweisen lassend.« –

»Das glaubst du von mir, Klara?« fragte Herr Balthasar im Tone des Vorwurfs. –

»Nicht wahr? nicht wahr? Das war sehr einfältig von mir? Schelte mich, strafe mich, lieber Vater!« – sie küßte freudig seine Hand – »wie konnte ich denn auch glauben, daß du dich der armen kranken Frau nicht erbarmen würdest! Sieh, Lydia,« – sie lief auf das Mädchen zu, und zog sie mit sich fort – »sieh, ich sagte dir es wohl, mein Vater ist gut, er wird uns helfen! Nicht? Vater, nicht? Du guter, guter Vater!«

»Nun ja doch, ja,« rief dieser, »der Frau soll geholfen werden. Ich will gleich selbst zu ihr gehen. Aber sage mir, woher weißt du, daß die Schröder« – –

»Das wird dir Lydiens Mutter selbst erzählen. Ich habe es von ihr. – Und die arme Lydie« – sie sprach ihm leise in's Ohr – »Das arme Kind behältst du hier; nicht wahr? Die bleibt bei uns, Vater. Das soll dir gar nichts kosten. Kleider erhält sie von mir; ich habe ja so viele, viele, und sieh nur, sie ist fast so groß als ich, und was sie sonst noch braucht – lieber Vater, von heut' an giebst du mir kein Taschengeld – ich nehme keins mehr, Vater – –«

»Nun, nun,« unterbrach er sie lächelnd, »wir wollen sehn! Sprich nur mit der Mutter. Und,« fuhr er fort, sie beim Arm zurückhaltend – »nach Berlin möchtest du auch gern, du Schelm, nicht wahr?«

Doch Klara antwortete ihm nicht darauf, sondern zog Lydien mit sich fort zur Mutter, und als diese nach einigen Fragen, die sie an Lydien that, von Klarens Liebkosungen bestürmt, ihre Einwilligung nicht versagte, kannte das Mädchen ihrer Freude keine Gränzen mehr. Sie lief von einem zum andern, umarmte die Mutter, umarmte den Vater, umschlang dann wieder die Kniee der Mutter, herzte und küßte Lydien, ja sie war im Begriff, auch den Pastor zu umarmen, als sie plötzlich sich besann, daß er ja ein Fremder sey, und nun mit weit offenen Armen hoch erröthend und verlegen vor ihm stehen blieb. Herr Balthasar aber umfaßte das liebliche Kind, küßte es auf die Stirn, und rief, indem er dem Pastor die Hand reichte: » Such is the Kingdom of Heaven! – Und künftige Woche reisen wir nach Berlin!«

Zweites Blatt.

Im Schlosse zu Wahlheim zeigte sich seit Kurzem überall große Thätigkeit. In den obern Dachstuben war ein Frauenschneider mit zwei Gehülfen niedergesetzt worden; im zweiten Stock schienen eine Putzmacherin und eine Nähterin sich in Frau Rebekka's Zimmer häuslich niedergelassen zu haben, und im untern Geschoß trieb Herr Balthasar theils in seiner Bibliothek, theils auf dem Hofe sein höchst geschäftiges Wesen.

Es war ihm nämlich gelungen, die stille Opposition seiner Frau gegen die Berliner Reise, nicht ohne Anwendung manches kleinen Kunstgriffs, aufs den sich seine Menschenkenntniß etwas zu Gute that, endlich und zwar so vollständig zu überwinden, daß Frau Rebekka, trotz ihrem Hange zur Ruhe und Bequemlichkeit, sich sogar entschlossen hatte, mit zu reisen; ja sie war bei den dazu erforderlichen Zurüstungen, und besonders bei den nothwendig befundenen Ergänzungen und Verbesserungen von ihrer und Klärchens Garderobe, allmählig in eine Art von Begeisterung gekommen, die oft selbst Herr Balthasars stille Verwunderung erregte, obgleich die Vorbereitungen zur Reise auch sein Leben in ungewöhnlich rasche Schwingungen gesetzt hatten.

Seine Geschäfte waren in diesen Tagen sehr mannichfaltig gewesen. Es hatte ein neuer Reisewagen ausgewählt und gekauft werden müssen; denn da Herr Balthasar sich für einen erklärten Feind des Engesitzens im Wagen, wie bei Tische, bekannte, überdieß auch Pastor Bertram, der ihm bereits unentbehrlich geworden, die Reise mitmachen sollte, so waren zwei Wagen dazu erforderlich. Als der neue aber ankam, fanden sich noch mancherlei Abänderungen und Verbesserungen, besonders noch verschiedene Taschen und Behältnisse daran anzubringen. »Denn diese Taschen,« pflegte Herr Balthasar zu sagen, »gehören eben so zu einem guten Reisewagen, wie bei den Katholiken die guten Werke zur Seligkeit.« Der alte Wagen verlangte nun gleichfalls Reparatur und neuen Aufputz, so wie der Residenz zu Ehren Kutscher und Bediente neue Livree erhalten mußten, und endlich überraschte Herrn Balthasar sogar die klare Ueberzeugung, daß die Anschaffung eines neuen Postzugs nicht zu umgehen sey. Dieß Alles nun hatte mancherlei Ueberlegungen und Verhandlungen, ja hin und wieder wohl eine kleine Zeichnung nothwendig gemacht, und dabei war viel Zeit vergangen. Noch mehr Zeit aber, als diese materiellen Zurüstungen zur Reise, nahmen die geistigen hinweg.

Herr Balthasar hatte in dieser Hinsicht anfangs geglaubt, mit Reichards Passagier, Nicolai's Beschreibung von Berlin und Potsdam, und etwa Plümike's, Theatergeschichte von Berlin vollkommen auslangen zu können; allein bald hatten ihn die in diesen Büchern enthaltenen Beschreibungen von Kunstwerken und die historischen Angaben unvermerkt weiter geführt; auf der einen Seite durch Königs Geschichte der Residenz Berlin zu den Werken Friedrichs II., Pöllnitz Memoiren, u. s. w. bis zu Puffendorfs Res gestae und Küsters Bibliotheca histor. Brandenburg. hinauf; auf der andern Seite zu Mangers Baugeschichte von Potsdam und Stieglitz Bauk, der Alten, Begers Thesaurus Brandenburgicus, und Köhlers Münzbelustigungen, und endlich durch Levezows Familie Lykomedes zu Sulzer, Winkelmann, Lessing, Göthe, Fernow, Cicognara und immer weiter. Die Bücher thürmten sich rings um seinen Schreibtisch mit jedem Tage höher empor; alle Tische, alle Stühle lagen voll; und da sich ihm bei jedem Buche immer wieder neue Beziehungen und Betrachtungen aufdrängten: so schien diesem Studium noch gar kein Ende abzusehen.

Auf diese Weise waren die acht Tage, die er sich und den Seinigen zu den Reisevorbereitungen bewilligt hatte, längst verflossen, und die Abreise ward noch immer von einem zum andern aufgeschoben, bis ihm endlich ein Brief aus Berlin die Nachricht brachte, daß die Schröder nur noch in einer kleinen Anzahl von Rollen auftreten werde, und durchaus kein Augenblick zu verlieren sey, wenn er sie noch in einigen ihrer trefflichsten bewundern wolle.

Im ersten Augenblick überraschte ihn diese Nachricht, wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Seine Hände, die den offenen Brief hielten, sanken langsam herab, und er starrte sprachlos eine lange Weile seinen vor ihm stehenden David an, der ihm den Brief gebracht hatte, und, ohne eine Miene zu verziehen, aus den grauen, weit vorstehenden runden Augen ihn wieder anstarrte. Dann schritt er heftig ein paar Mal im Zimmer auf und nieder. »Ist die Frau bei Sinnen?« rief er. »Wie kann ich denn jetzt schon reisen? – Und doch – fuhr er nach einer Weile fort– » aut, aut! – David, zum Henker! steh Er nicht wie ein Stock! rühr' er die Glieder! Nun gilts. Es ist kein Augenblick zu verlieren. Uebermorgen mit dem frühsten, morgen, wenn's seyn kann, reisen wir, oder die ganze Reise ist umsonst.« David zog lächelnd den großen Mund bis an die Ohren. – »Nun was grinst er? was hat er? was will er?« rief Herr Balthasar.

»Der Mensch denkt, Gott lenkt!« sagte David gelassen. »Uebermorgen wird's wohl noch nicht möglich seyn.«

»Es muß aber möglich seyn, sag' ich ihm! Warum soll's nicht möglich seyn? Was? Es muß möglich seyn!«

»Muß ist eine harte Nuß,« lächelte David wieder – »und die gnäd'ge Frau – « – Er stockte.

»Nun? nun? Nur weiter, nur heraus damit?«

»Nun, ich meine nur, es hat sich mancher die Zähne daran ausgebissen, und die gnäd'ge Frau« –

»Nun zum Henker! was ist mit der gnäd'gen Frau? Wie?«

»Hm, ich meine nur, sie klagt ja immer über Zahnschmerzen, und – –«

»Er ist ein Narr!« rief Herr Balthasar halb ärgerlich, halb lachend, indem er seine Wanderung im Zimmer von Neuem begann.

»Der Schneidermeister oben,« fuhr David fort, »der Schneidermeister meinte heut', ich wäre keiner, weil ich gesagt hatte, unter acht Tagen könnte er mit all' der Arbeit nicht fertig werden. Mosje David, sagte er, Sie sind ein verständiger Mann; Sie wissen, was zur Kunst gehört.«

Herr Balthasar blieb eine Weile mitten im Zimmer stehn. – » Va!« rief er endlich. » Voque la Galère! Es bleibt keine Wahl. – Und recht besehen, ist es mir lieb, daß der Brief da mit einem Male all' den Vorbereitungen ein Ende macht. Der Kopf fing mir fast an zu schwindeln. Eine gelinde Nothwendigkeit ist für den Menschen in der Regel eine Wohlthat.«

David nickte mit dem Kopf, und sagte halb für sich: »Manchmal der Prügel, manchmal der Riegel! Sie thun dem Menschen beide Noth.«

»Ihm aber, scheint mir, ganz vorzüglich der erste!« rief Herr Balthasar lächelnd, und ging, um sich zum Abendessen zu begeben, zur Thür hinaus, mit abgemessenem Schritt und aufgerichtetem Haupte; denn das Gefühl, jetzt so zu sagen als das Schicksal selbst, das hehre, unerbittliche, seiner Frau in die Kreise ihrer Geschäftigkeit zu treten, gab ihm eine gewisse feierliche Würde, und streckte ihn um einen guten Soll über seine gewöhnliche Statur.

Er fand Frau Rebekka vor einem Tische, auf welchem eine große Menge Zeugproben ausgebreitet lag, eben mit der wichtigen Angelegenheit der Auswahl eines Stoffes zum Kleide ernstlich beschäftigt.

Die beisitzenden Räthe waren Klara, die Putzmacherin, Lydie, und ihre Mutter, die fremde Schauspielerin, von welcher im vorigen Abschnitt die Rede gewesen. Madame Belloni, wie sie sich nannte, war nämlich von der mitleidigen Rebekka aufgenommen und in ihrer Krankheit gepflegt worden, und hatte sich während ihrer Genesung, klug und gewandt, die Gunst du Hausfrau in so hohem Maaße zu erwerben gewußt, daß diese ihrem Mann vorschlug, die angenehme Person als Gesellschafterin in ihrer ländlichen Einsamkeit ganz, bei sich zu behalten; worauf Herr Balthasar auch sogleich mit einer Willfährigkeit eingegangen war, die außer seiner natürlichen Gutmüthigkeit noch einen andern geheimen Grund zu haben schien, wie wir bald sehen werden.

»Ach, liebes Väterchen,« rief Klara, als er jetzt in's Zimmer trat, und sprang ihm entgegen, »das ist gut, daß du kommst! Du sollst für mich wählen. Ich bin in der größten Verlegenheit.« Sie zog ihn zum Tisch. »Sieh, dieses Zeug gefällt mir sehr, auch dieß, und dieß, und dieses hier ist doch auch wunderschön – ich möchte sie eigentlich alle haben. Aber wenn ich nun wählen soll, wähle ich mir gewiß von allen das schlechteste.«

»Das ist in der Regel!« lächelte Herr Balthasar.

»Ja,« sagte Frau Rebekka, »es ist doch allzeit ein verdrießlicher, ja mehr oder weniger peinlicher Zustand für den Menschen, wenn er mit sich selbst über etwas nicht in's Reine kommen kann. Das zeigt sich sogar bei dieser Kleinigkeit.«

»Nun dann,« erwiederte er, und erhob seine Stimme, dann verdiene ich mir ja wohl den größten Dank, wenn ich Euch mit einem Male die ganze Wahl und Qual erspare. Denn, Kinder, übermorgen mit dem frühsten reisen wir.«

Ein lauter Ausruf des Staunens, Schreckens, ja des Unwillens drängte sich aus allen fünf weiblichen Kehlen.

»Uebermorgen abreisen!« rief Klara. »Liebes Väterchen, wo denkst du hin?«

»Er scherzt,« sprach Frau Rebekka, »das siehst du doch wohl. An eine Abreise übermorgen kann im Ernst ja gar kein Gedanke seyn. Das ist so unmöglich – – «

»Als eine allgemeine Türkenbekehrung!« fiel Madam Belloni ein.

»Nun,« rief Herr Balthasar, »so werden wir auch einmal das Vergnügen haben, das Unmögliche zu thun, wie die Franzosen, die es alle Tage thun. Herr Balthasar hat hier wahrscheinlich die gewöhnliche Redensart der Franzosen im Sinne: il a fait l'impossible, je erai l'impossible etc. Da lies nur diesen Brief, mein Schatz! – Und, Kind,« – er wandte sich an die Belloni – »von wegen der Türkenbekehrung – hm! es ist noch nicht aller Tage Abend. Kind, ich sage Ihnen, die Türken – – «

»Ach Türken! was helfen mir hier alle Türken!« rief Frau Rebekka ärgerlich, doch ohne von dem Briefe, in dem sie las, aufzublicken.

»Herr Balthasar fuhr fort, »Ja, Kind, ich sage Ihnen, die Türken – wir stehen! an der Schwelle großer Ereignisse – wenn Sie wüßten, was ich weiß – «

»Nun, ich weiß nur so viel« – rief Frau Rebekka abermals, »daß es ein wahrhaft türkisches Ansinnen ist und bleibt, eine Abreise übermorgen früh zu verlangen.«

Die vier andern Stimmen wurden nun auch laut, und suchten ihm alle durch einander die Unmöglichkeit der Sache zu beweisen, so daß Herr Balthasar endlich, verwirrt und betäubt, nur um einen Augenblick Gehör und seine Frau um die Gefälligkeit bat, ihm einzeln und in der Kürze die Hindernisse anzugeben, die sich der Abreise nach ihrer Meinung entgegenstellten.

Nachdem er ihre etwas weitläufige Auseinandersetzung des wichtigen Textes, sammt den beigefügten Noten und Erläuterungen der Uebrigen gelassen angehört, gab er seine ungemeine Freude darüber zu erkennen, daß diese Hindernisse, wie er gleich vermuthet, eigentlich gar keine wären. »So? Gar keine?« rief Frau Rebekka hitzig. »Vermuthlich auf dieselbe Art, wie du mir neulich beweisen wolltest, daß des Verwalters große Nase an sich eigentlich keine große Nase sey!«

»Und ich bleibe noch bei meiner Behauptung!« erwiederte er mit großer Lebhaftigkeit. »Die Nase an sich, mein Schatz, die Nase an sich – –«

»Die absolute Nase!« sagte die Belloni lächelnd. – Er fuhr fort: »Du hast mich nur damals gar nicht verstanden, wie das gewöhnlich mein Schicksal ist, und wir wurden unterbrochen. Aber die Sache ist leicht zu beweisen. Ich meinte nämlich, und behauptete – – «

»Ach, Väterchen, bitte,« rief Klara, »sprich nicht von der abscheulichen Nase. Es ist genug, daß ich sie alle Tage sehen muß.«

»Ja,« sagte Frau Rebekka, »du hast recht. Man kriegt den Schnupfen, wenn man nur an sie denkt. Jetzt sprechen wir von den Hindernissen, die ich angeführt, und ich wünschte wohl zu wissen, warum sie denn gar keine seyn sollen.«

»Hm – « erwiederte er zögernd – »weil ich sie fast alle, mit einem Worte, aus dem Wege räumen kann. Denn« – Seine Augen hafteten mit einer gewissen Unruhe auf der Putzmacherin; die Belloni aber, als erriethe sie seine Gedanken, sagte dieser etwas ins Ohr, vermuthlich einen Auftrag, denn sie nickte mit dem Kopfe und verließ sogleich das Zimmer.

»Denn ich muß dir sagen,« fuhr er nun mit freierer Stimme fort, »alle diese Dinge, die du zu unserm Auftritt in der Residenz für nothwendig hältst, können, wenn wir nur einmal dort sind, gar leicht binnen 24 Stunden herbeigeschafft werden, und hoffentlich besser und geschmackvoller als hier. Ich berufe mich auf die Erfahrung unserer Freundin.«

Die Schauspielerin bestätigte und bekräftigte seine Behauptung auf's vollkommenste. Frau Rebekka schwieg und sah sie starr an, und es war ihr deutlich anzumerken, daß sich ein neuer Ideengang in ihrem Kopfe zu entwickeln anfing. Dennoch fuhr sie nach einer Weile nicht nur fort, sich der schnellen Abreise hartnäckig entgegen zu setzen, sondern führte auch noch, neue Gründe gegen die Möglichkeit derselben, in's Feld.

»Zu Tische! zu Tische!« unterbrach sie endlich Herr Balthasar ungeduldig. »Mich hungert, und während wir uns hier im Streit erhitzen, wird die Suppe kalt, und guter Rath kommt nicht allein über Nacht, sondern auch oft über Mahlzeit. Das wußten unsre Vorfahren. Der hungrige Mensch ist specifisch ein ganz andres Thier, als der satte, und wie viele der wichtigsten Begebenheiten, die uns die Geschichte meldet, mögen sich danach gestaltet haben, ob die Helden gegessen hatten oder nicht, ja sogar nach dem, was sie gegessen hatten. Und, Klara,« fuhr er fort, sich setzend, »geh doch hinüber in die Bibliothek, und bring mir den Brief aus Wien, der auf meinem Arbeitstische liegt – weil wir von den Türken sprachen,« er wandte sich zu Belloni – »ich weiß, Sie haben ein Interesse für solche Dinge – und bring die Karte von Griechenland mit, die dabei liegt!«

Lydie erbot sich zur Begleitung. Frau Rebekka sah ihren Mann kopfschüttelnd an, und rief den Mädchen nach: »So nehmt wenigstens Licht mit! Es ist jetzt schon finster auf dem Korridor.«

Dieser Korridor stand bei dem größten Theile der Hausgenossenschaft in übelm Rufe; hauptsächlich wohl wegen des darin in die Wand gemauerten schwarzen Kreuzes, und weil er nach dem alten, unbewohnten und baufälligen Theile des Schlosses führte, von welchem man sich wunderliche Dinge ins Ohr rannte. Die Bibliothek stieß unmittelbar an diesen, und zwar an den sogenannten Rittersaal, eine große gewölbte Halle mit bunten Fenstern, in welcher allerlei Seltenheiten, eine Menge alter Waffen der verschiedensten Art und eine Reihe von Familienbildern der vorigen Besitzer aufbewahrt wurden.

So war es denn natürlich, daß die beiden jungen Frauenzimmer jetzt im Zwielicht nicht ohne eine kleine Anwandlung von Furcht und Grauen ihre Wanderung durch den verrufenen langen Gang antraten. Besonders blickte Lydie scheu in alle Winkel, und schloß sich immer dichter an Klara, je näher sie dem schwarzen Kreuze kamen, wo einst, nach der Sage, ein ehemaliger Besitzer des Schlosses von seinem Bruder im Zweikampf erstochen ward. Klara versuchte ihre Freundin auszulachen; aber dennoch wurden ihre Schritte immer länger, und als sie das schwarze Kreuz im Rücken hatte, fing sie unter öfterm Zurücksehen an, überlaut zu singen.

Beim Eintritt in die Bibliothek begrüßte sie durch das Fenster gegenüber der Vollmond, der eben aus dem dunkeln Fichtenwalde hinter dem Garten empor stieg. »Ach sieh, wie prächtig!« rief Klara, und eilte das Fenster zu öffnen. Indem erhoben sich die leisen klagenden Töne einer Flöte aus dem nahen Gebüsch, und schienen auf den Strahlen des Mondes, als auf ihrem Elemente, zu ihnen herüber zu schwimmen. »Hörst du, Lydie, hörst du?« flüsterte Klara mit zurückgehaltenem Athem. »Da ist der Flötenspieler wieder.« – Ein bis jetzt noch nicht gekanntes Gefühl schien in ihr zu erwachen, und hob die jugendliche Brust. Sie lehnte den Kopf an Lydiens Schulter; Lydie schlang den Arm um ihren Nacken.«Ach, Lydie,« sagte sie leise, »wie ist mir denn? Mir ist so wohl und doch auch so weh – ich bin so glücklich und doch könnt' ich weinen!«

»Du Himmelskind,« erwiederte Lydie, »kennst du denn die Wonne der Wehmuth noch nicht? Hast du das herrliche Sonnett von Schlegel nicht gelesen?« Sie fing langsam und mit halblauter Stimme an, das Gedicht herzusagen. In diesem Augenblicke aber ließ sich in dem anstoßenden Rittersaale ein furchtbares Getöse und Gepolter vernehmen, als ob alle die alten Rüstungen und Waffen mit einem Mal von den Wänden herab stürzten. – »Jesus Maria!« schrie Lydie, »was ist das?« – Nun war alles still.

Doch bald erhob sich ein leises Geräusch wie von Ketten, die auf dem Boden hinschleiften, und schien sich der Thür zu nähern. – »Sey uns gnädig und barmherzig!« kreischte Lydie, »der Ritter mit den Basiliskenaugen! Der Brudermörder!« – Sie faßte Klarens Arm, und indem sie die noch halb träumende mit sich fortriß, ergriff sie das auf dem Tische stehende Licht, stolperte aber dabei über einen auf der Erde liegenden Folianten, das Licht entfiel ihrer Hand, und rollte brennend auf dem Boden hin. Klara wollte es wieder aufheben; doch indem sie sich dabei wandte, kam es ihr vor, als ob in der That die Thür zum Rittersaal sich leise knarrend öffne, und vom heftigsten Entsetzen erfaßt, stürzten nun beide aus dem Zimmer; bleich und athemlos stürzten sie in den Speisesaal.

»Klara! mein Kind!« rief Frau Rebekka aufspringend, und eilte ihnen entgegen. »Was ist geschehn? mein goldnes Kind! was hast du? sprich, was ist dir widerfahren?« – Klara warf sich an ihre Brust; sie vermochte nicht zu sprechen. »Siehst du! siehst du!« fuhr jene fort mit einem vorwurfsvollen Blick auf ihren Mann, der gleichfalls erschrocken herbeigeeilt war, und die beiden Mädchen, von einer zur andern laufend, mit seinen Fragen bestürmte. – »Siehst du! ich dachte es wohl! Jetzt im Zwielicht die armen Kinder dorthin zu schicken! Deine verwünschten Türken!«

Es dauerte lange, bis die armen Kinder im Stande waren, zu erzählen, was ihnen begegnet sey.

»Kinderpossen!« rief Herr Balthasar. »Ein paar Katzen, die im Rittersaal Turnier gehalten haben! Einige alte Hellebarden vielleicht, die dabei zu Falle gekommen sind! Alles Andre ein Blendwerk Eurer thörichten Furcht! Ich werde gleich selbst hingehen und Euch überzeugen.«

Er ließ aber dennoch Lydien noch einmal erzählen, wie die Thür sich leise geöffnet, wie ein schwarzhaariger Kopf heraus geguckt und sie mit den Basiliskenaugen angestarrt; denn der höchst lebendige Ausdruck ihrer Blicke und Mienen, ihr lebhaftes Geberdenspiel dabei, gewährten ihm großes Vergnügen. Er konnte sich nicht enthalten, ihrer Mutter zuzuflüstern: »Welche außerordentliche Schauspielerin giebt das einst!«

»Das wolle der Himmel verhüten!« erwiederte diese rasch und ernst.

Indeß ließ sich vom Hofe her ein verworrenes Getöse, ein Hin- und Wiederlaufen und lautes Zurufen vernehmen. Herr Balthasar eilte nach dem Fenster, und schickte zugleich David ab, sich zu erkundigen. Auf dem Hofe zeigte sich ein Zusammenlauf vor den Fenstern der Bibliothek, wie es schien; des Verwalters laute Stimme ertönte aus dem Haufen, und gleich darauf setzte sich der ganze Trupp in schnelle Bewegung nach dem Schloßthor. – Jetzt trat David wieder in's Zimmer, ein wenig bleicher, als gewöhnlich, doch sehr freundlich lächelnd. Er schlug die Hände auf dem Rücken über einander, und trat zu Frau Rebekka. »Unverhofft kommt oft!« sprach er. »Belieben Sie nicht zu erschrecken. Es brennt in der Bibliothek.« – Die Frauenzimmer schrieen laut auf; Herr Balthasar war mit zwei Sprüngen zur Thür hinaus; die andern folgten ihm in großer Hast; nur David ging gelassen hinterdrein.

Als Herr Balthasar die Thür der Bibliothek erreichte, schlug er voll Verzweiflung die Hände über dem Kopf zusammen, denn der ganze Saal schien in Flammen zu stehen. Indeß war der Schreck größer, als die Gefahr. Das Licht, welches Lydien entfallen war, hatte einen der Vorhänge in Brand gesteckt, die vor den großen Bücherschränken herabhingen, und das Feuer an dem leicht entzündlichen Stoffe sich schnell durch den ganzen Raum verbreitet. Der Verwalter und seine Leute thaten ihm aber durch Herabreißen der Gardinen und einige Eimer Wasser bald Einhalt, und Herr Balthasar schöpfte wieder Athem und neues Leben, als er fand, daß außer einigen durch den Rauch geschwärzten Einbänden, seinen Büchern sonst kein Schade geschehen war. In der Freude seines Herzens machte er den rüstigen Löschern eine ansehnliche Verehrung an Geld, Bier und Branntwein, und wollte sich nun eben zu dem gestörten Abendessen begeben, als David ihn an den Rittersaal erinnerte. Diese Untersuchung konnte nicht unterlassen werden; er verfügte sich also auf der Stelle dahin. Das starke Geleit machte auch den Frauenzimmern Muth, ihm zu folgen.

Man fand die Thür, wie gewöhnlich, verschlossen, und als sie geöffnet wurde, zeigte sich den Eintretenden beim ersten Blick die wahrscheinliche Ursache des Getöses, welches die beiden jungen Frauenzimmer so in Furcht gesetzt hatte; denn eine von den alten Rüstungen, die im Saal umher hingen, war ziemlich hoch von der Wand auf den gedielten Boden herabgefallen. Mit Schaudern bemerkten Klara und Lydie, daß grade darüber das Bild des Ritters mit den Basiliskenaugen hing, und keine von beiden wagte einen zweiten Blick darauf.

Der Verwalter hob einige von den mit herunter gefallnen, ganz verrosteten Nägeln auf, mit welchen die Rüstung an der Wand befestigt gewesen war, und bemerkte, indem er sie ohne sonderliche Mühe zwischen den Fingern zerbrach, daß das Herunterfallen der schweren Last unter diesen Umständen freilich kein Wunder sey.

»Und wenn die Nägel auch frisch aus der Schmiede kämen,« hob der alte Gärtner Matthes an – »das ist einerlei. Wenn der alte Eisenmann fallen will oder fallen muß, so fällt er doch.«

»Possen!« rief Herr Balthasar. »Ich will ihn schon fest bannen, daß ihm die Lust vergehen soll, sich wieder eine solche Motion zu machen.«

Ohne sich stören zu lassen, fuhr Matthes fort: »So fiel er damals, als der Baron, mein sel'ger Herr, so plötzlich, kein Mensch weiß wie, zu Tode kam, und so ist er von jeher gefallen, wenn im Hause ein Unglück geschehen sollte, und ich will wetten – – «

»Nun, das Unglück, du alte Eule,« unterbrach ihn Herr Balthasar schnell – »war allerdings nahe genug vor der Thür, und Eure alberne Furcht, ihr Mädchen, hätte mir theuer zu stehn kommen können. Ihr seht nun aber, daß alles ganz natürlich zu erklären ist; denn der schwarze Kopf« – – Er wendete bei diesen Worten seine Augen nach dem Bilde empor, und fast schien es, als ob der stiere Blick desselben auf ihn eine versteinernde Kraft aus übe, denn er stockte plötzlich, schlug die Augen nieder, schwieg eine Weile, und rief endlich unwillig: »Verdammte Narrheit! Fort! laßt uns zum Essen gehn!« Da trat der Verwalter an ihn heran, und machte ihn aufmerksam darauf, daß ein Fensterflügel offen, und draußen, dicht unter dem Fenster eine Gartenleiter stehe. Zu einer andern Zeit würde diese Anzeige gewiß eine weitläufige Untersuchung zur Folge gehabt haben, jetzt aber schien ihm nur darum zu thun, schnell aus dem Saal zu kommen; drum schob er mit flüchtigen Worten das offne Fenster dem Winde, die Gartenleiter dem Gärtner in's Gewissen, so viel auch dieser dagegen einwendete, und entfernte sich mit hastigen Schritten. Der Verwalter aber wurde mit dem Gärtner einig, künftig des Nachts den großen Hofhund im Garten frei zu lassen.

Es ist wohl manchem unsrer Leser schon im Leben vorgekommen, daß bei einem Streite, oder sonst irgend einer Spannung der gesellschaftlichen Verhältnisse, oft ein plötzlich dazwischen tretendes, durchaus ganz fremdartiges Ereigniß, freudiger oder schreckhafter Natur, auf einmal, wie mit einem Zauberschlage, die Stellung der Personen gegen einander verändert, die Gemüther vereinigt und alle Schwierigkeiten ausgleicht. Das schien auch fast hier der Fall, und bei dem Feuer in der Bibliothek Frau Rebekka's Widerwille gegen die schnelle Abreise, so wie jedes Hinderniß derselben mit zu Rauch aufgegangen zu seyn. Es war wenigstens bei Tisch eine bedeutende Annäherung der streitigen Parteien zu bemerken, da auch Herr Balthasar seinerseits mit großer Milde zu verstehen gab, daß wohl am Ende an einem Aufschub von einem, ja von zwei Tagen nichts gelegen und, wenn er durchaus nothwendig, gern dazu bereit schien.

Die Unterhaltung war lebhaft, wie sie nach einer glücklich bestandenen Gefahr zu seyn pflegt; Herr Balthasar in der besten Laune. – »Nun wahrlich,« rief er, »auf diesen Schreck ist doch wohl ein Glas Wein erlaubt, oder gar angezeigt, wie der Doktor sagt.« – David war sogleich mit einer Flasche zur Hand. – »Aber ist der Mensch bei Sinnen? Eine ganze Bouteille des Abends? Was soll ich mit der ganzen Bouteille? Eine halbe, Halbmensch! eine halbe! Die andre halbe zurückgesetzt auf ein andermal!« – David that wie ihm befohlen, grinste aber gewaltig dabei, und hatte dazu seinen guten Grund.

Das Weintrinken des Abends war nämlich Herrn Balthasar von seinem Arzte untersagt worden; allein er wußte gar oft mit großer Geschicklichkeit bald diesen, bald jenen Vorwand auszufinden, der ihm erlaubte, eine Ausnahme von der Regel zu machen, und sich ein Gläschen nachzusehn, da er, ohne ein eigentlicher Trinker zu seyn, doch an den Genuß des Weins bey Tisch' gewöhnt war. Dabei ward nun jedesmal von Herr und Diener dasselbe Intermezzo aufgeführt; jedesmal ward David wegen der ganzen Bouteille ausgescholten; jedesmal ward die halbe abgefüllt und die andre halbe auf ein andermal zurück gesetzt; jedesmal aber auch war bis jetzt noch die zurück gesetzte halbe wieder herbeigeholt und gleichfalls ausgetrunken worden. Bei dieser Ordnung blieb es denn auch heut'. Grade als es mit dem ersten Fläschchen auf die Neige ging, hatte sich Herr Balthasar in einen lebhaften und interessanten Streit mit seiner Frau und Madam Belloni verwickelt – einen aufmerksamen Beobachter hätte wohl die schalkhafte Vermuthung überraschen können, daß dieß nicht ohne Absicht geschehn – er schenkte sich das letzte Glas ein, trank es aus, und warf einen Blick nach dem Wandschrank hinüber, in welchem das zweite Fläschchen aufbewahrt wurde. David, der auf der Lauer stand, und den Blick wohl bemerkte, holte es schnell hervor, und setzte es, das leere hinwegnehmend, vor ihm auf den Tisch. Herr Balthasar schien dieß in der Begeisterung des Gesprächs gar nicht zu bemerken, schenkte nach einer Weile in der Zerstreuung sein Glas wieder voll, und trank nun mit Behaglichkeit das Fläschchen aus. Erst als dieß geschehen war, blickte er verwundert rings seine Tischgenossen an, und rief: »Aber, Kinder, sagt mir doch – ich glaube gar, ich habe die ganze Bouteille ausgetrunken?« – und nachdem seine Frau es lachend bejaht hatte, ward David abermals tüchtig ausgeschmält, daß er schlau seine Zerstreuung benutzt und ihn zu diesem Exceß verleitet habe. Frau Rebekka aber erinnerte jetzt, daß es schon spät sey. »Und,« setzte sie lächelnd hinzu, »da wir nun einmal übermorgen abreisen sollen und wollen, so müssen wir wahrlich früh aufstehen, um noch mit Allem, was zu thun ist, fertig zu werden.« Herr Balthasar sprang auf, und rief: »Vortrefflichkeit, dein Name ist Rebekka;« küßte ihr mit einer sehr galanten Verbeugung die Hand, wünschte den andern freundlich gesegnete Mahlzeit und gute Nacht, umarmte die beiden jungen Mädchen etwas lebhafter, als gewöhnlich, und bot dann Frau Rebekken, mit ritterlichem Anstande, den Arm, sie nach ihrem Zimmer zu führen. Sie aber lachte laut auf, und sprach: »Wenn man den Kindern den Willen thut, so sind sie immer artig und angenehm!«

»Eine wichtige praktische Bemerkung, mein Kind,« erwiederte er, »auf die bei der Erziehung viel zu wenig Rücksicht genommen wird. Ich werde das,« fügte er im Abgehn hinzu, »ein andermal klar auseinander setzen.«

»Aber ich begreife doch noch nicht,« sagte Klara, »wie wir übermorgen fortkommen sollen. Mein Reiseüberrock ist ja kaum zur Hälfte fertig.«

»Und mein Reisehut!« rief Lydie.

»Und wie es mit den schönen Fichus werden soll, das mag der Himmel wissen!« seufzte die Putzmacherin.

Frau Rebekka aber entwickelte den andern Tag so viel Thätigkeit, Einsicht und Geschicklichkeit, daß sie in der That eher, als Herr Balthasar, mit Allem fertig und zur Reise bereit war. Und den dritten Tag Morgens, zwar nicht, wie bestimmt war, mit dem Schlag vier Uhr, aber doch mit dem Schlag sieben Uhr, hatte Herr Balthasar die Zeitungen gelesen, die ihm nach seiner Anordnung aus dem benachbarten Städtchen in aller Frühe durch einen Expressen noch zugekommen waren, alle Koffer, Kober, Schachteln und Personen waren in bester Ordnung aufgepackt, und die Wagen rollten, von dem lauten Lebewohl des sämmtlichen Haus- und Hofgesindes begleitet, zum Thor hinaus.

 

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