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Erzählungen und andere Werke

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Erzählungen und andere Werke - Kapitel 14
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typefiction
authorMarie Freifrau von Ebner-Eschenbach
titleErzählungen und andere Werke
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Die erste Beichte

1

Pater Joseph bewohnte ein nettes, ebenerdiges Haus mit schindelgedecktem, überaus steilem Dache. Warum die Tür sich nicht in der Mitte befand, sondern die Front in zwei ungleiche Hälften teilte, von denen die eine drei Fenster und die andere nur eines zählte, das weiß ganz allein der Maurermeister, der das bescheidene Bauwerk vor Jahren errichtete.

Das Haus barg vier durch einen mit Ziegeln gepflasterten Gang getrennte Gelasse. In den beiden größeren residierte der geistliche Herr selbst mit seinen vielen Vögeln, seinen wenigen Büchern und den Werkzeugen zu den vortrefflichen Papparbeiten, mit denen er sich in freien Stunden beschäftigte. In den kleineren Stübchen machte sich die alte Wirtschafterin mit ihrem Kochherde und den Speisevorräten so schmal als möglich. Trotzdem geschah es nicht selten, daß ein Sack mit Kartoffeln oder ein Korb mit Obst aus Mangel an Raum in das Schlafgemach des hochwürdigen Herrn eingeschmuggelt wurde, und zwar hinter den Kasten mit hohem Aufsatz, welcher der Feuchtigkeit wegen nicht an die Wand, sondern schräg über die Ecke gestellt war.

Den Eingang zur Lokalie bildete ein Vorgärtchen, dessen Gitter sowie die Haustüre selbst immer offenstand. Im Sommer blühten auf diesem schmalen Fleck Erde zwei schöne Zentifolienbäume und einige etwas magere, von der Sonne verbrannte Resedabüsche.

Wenige Schritte von dem Hause erhob sich die Kirche, und ihr gegenüber warf eine prächtige Rüster ihren breiten Schatten auf die Hügel des Friedhofs, der den Bewohnern der drei umliegenden Ortschaften die letzte Ruhestätte bot; denn nicht weniger waren in der Lokalie eingepfarrt, der Pater Joseph vorstand. Die Anzahl der Seelen, für deren ewiges Wohl die Sorge ihm oblag, war demnach eine ansehnliche, sein Gehalt dagegen ein äußerst geringer.

Der wackere Mann beklagte sich weder über das eine noch über das andere. Er tat, was er konnte, er gab, was er hatte, er lehrte, was er wußte. Er betete mit den Reuigen und für die Reuelosen. Er war ein milder Apostel.

Unter den ihm anvertrauten Seelen befand sich eine, die ihm mehr Unruhe verursachte als alle übrigen zusammen. Das war überdies nur ein Kinderseelchen und lebte in einem kleinen Mädchen, einem zarten siebenjährigen Dinge, der Tochter eines benachbarten Gutsbesitzers.

Die Sorge um dieses Kind lag ihm schwer auf dem Herzen. Es war krank und schwächlich zur Welt gekommen, und während der Taufe meinte Pater Joseph es verlöschen zu sehen unter seiner segnenden Hand. Aber der matte Lebensfunke glimmte fort, indes derjenige, an dem er sich entzündet hatte, sich rasch zu Tode flackerte.

Das kaum erwachte Dasein wurde teuer bezahlt; wenige Tage, nachdem der Priester das Kind getauft hatte, geleitete er die Mutter zum Grabe.

Mit unsäglicher Mühe aufgezogen, erholte sich das kleine Mädchen allmählich und wurde nach und nach, wenn auch nicht so schön und blühend, doch so kräftig wie ihre ältere Schwester. Während sich diese jedoch zur Freude ihrer Umgebung entwickelte, schien die jüngere nur dazusein, um die Ihrigen ungeduldig zu machen und dem alten Gönner und Freund möglichst vielen Verdruß zu bereiten. Trotzdem blieb sie sein Liebling, und er ließ sich in dem Glauben nicht erschüttern, alle ihre Wunderlichkeiten und Schrullen seien nur ebenso viele in der Ausbildung begriffene Vorzüge. Vorläufig, da ein solches Resultat noch zu erwarten stand, litt er oft schmerzlich unter der unberechenbaren Gemütsart seines Täuflings.

Eines war gewiß, für diese Kleine gab es keine Mittelstraße; immer bewegte sie sich in dem oder jenem Äußersten. Tolle Lustigkeit oder tiefe Schwermut, stumpfe Gleichgültigkeit oder ein förmliches Sichauflösen in Liebe, Nichtbegreifen des Einfachsten und überraschendes Verständnis des Schwerfaßlichen, das wechselte ohne sichtbaren Übergang in ununterbrochener Reihenfolge bei ihr ab. Stets konnte man gewiß sein, ihre Aufmerksamkeit da nicht zu finden, wo man sie suchte, dafür stellten sich ihre Gedanken und ihre guten Vorsätze oft dort ein, wohin man meinte sie erst lenken zu müssen. Aber die Freude darüber verwandelte sich bei ihrem Religionslehrer meistens in Grauen, denn hastig trieb es sie sofort von dem kaum Errungenen weiter in das Maßlose.

»Entweder gar nicht vom Flecke gerückt oder übers Ziel hinausgerannt!« rief er ihr dann entmutigt zu.

Die alte Großmutter war die einzige und nicht sehr entgegenkommende Vertraute seiner Leiden. Sie gehörte zu den Menschen, die glauben, die meisten Übel würden schlimmer, wenn man sie bespricht, sie haßte und fürchtete die Klage. Ihre Hilfe blieb nie aus, aber sie kam still und dankverbietend, mit ebenso großer Scheu vor einem Freuden- wie vor einem Schmerzensausbruche.

»Nur still! Nur gescheit!« war das ganze Arsenal der Trostesworte, über welches sie verfügte. Die Leute nannten sie gleichgültig. Ihre Nächsten allein wußten, was dieses große, weiche Herz erduldet und verloren, bis es sich gestählt hatte zu dieser äußern Gleichgültigkeit.

Der Vater erfuhr von all den Verkehrtheiten seiner Zweitgeborenen nichts. Er wäre der letzte gewesen, der verstanden hätte, dem Übel zu steuern. Der heißblütige Mann, der tapfere österreichische Offizier, der seine Jugend im Kriegsdienste zugebracht, hatte im bürgerlichen Leben, in das er sich 1815 zurückzog, sein soldatisches und ziemlich gewalttätiges Wesen beibehalten.

»Nicht lieben, fürchten sollt ihr mich«, diese Worte bekamen die Untergebenen oft von ihm zu hören. Ob seine Kinder ihn liebten, fragte er nicht. Es ist die Pflicht der Kinder, ihre Eltern zu lieben, und daß seine Kinder ihre Pflicht tun, versteht sich von selbst. Ihnen gegenüber beobachtete er ein summarisches Verfahren und erklärte sich unfähig, bei der Erziehung seiner Töchter »in das Detail«, wie er zu sagen pflegte, einzugehen. Seine Methode gipfelte in dem einfachen Satze: »Sind die Mädels brav, dann tun sie nur ihre Schuldigkeit; sind sie nicht brav, dann strafet sie.«

Er sah seine Kinder selten außer beim Mittagstische und richtete an sie nur dann das Wort, wenn Klage über die Kleinen geführt worden war. Dies geschah nicht von Seite der Großmutter, die seine Heftigkeit fürchtete, es wurde von Miss Sophia Chalonner, der Erzieherin, besorgt, einer fahlen Engländerin mit rötlichen Wimpern.

Sie hatte Jane Eyre gelesen und fühlte sich ungemein geneigt, mit dem Herrn des Schlosses einen Roman mit gleichem Ausgange aufzuführen. Sie ließ keine Gelegenheit vorübergehen, den unzugänglichen Mann in ein Gespräch zu verwickeln, zu dem ihr wichtige Mitteilungen, die sie über ihre Schülerinnen zu machen habe, den Vorwand boten. Der Graf schnitt ihr gewöhnlich die Rede mitten entzwei und gab ihr die Versicherung, sie nehme Kleinigkeiten viel zu hoch. Er kenne seine Kinder durch und durch, es sei überflüssig, soviel Wesens aus unbedeutenden Fehlern zu machen, die sich mit den Jahren von selbst abstreifen würden. Manchmal jedoch geschah es, daß ein unvorsichtiges Wort, eine von Miss Sophia harmlos gemeinte Äußerung einen unbegreiflichen Grimm in ihm weckte, der sich dann über die Häupter der Kinder gewitterähnlich ergoß.

Eines Vormittags, an dem er, von einem langen Ritte heimkehrend, in der Avenue vom Pferde stieg und erhitzt und ermüdet in das Haus eilen wollte, trat ihm Miss Chalonner mit feierlicher Miene in den Weg. Allem Anscheine nach hatte sie ihn trotz der brennenden Julisonne vor dem Schlosse erwartet. Rasch den Hut lüftend, suchte er ihr mit einem kurzen: »Guten Tag!« zu entrinnen; doch folgte sie ihm und bat, im Interesse der Kinder, um einen Augenblick Gehör. Es wurde ihr mit unverhohlenem Widerstreben gewährt. Die Engländerin, statt ihren ungeduldigen Hörer sofort in medias res zu versetzen, begann mit angeborenem Ungeschick von ihren Gefühlen für die ihr anvertrauten Wesen zu sprechen. In dieser Auseinandersetzung wurde sie jedoch durch ein barsches: »Zur Sache!« unterbrochen, das sie gänzlich verwirrte. Ohne weitere Vorbereitung platzte sie nun mit der Beteuerung heraus, es würde ihr nicht eingefallen sein, den Umstand besonders zu betonen, das Clary gestern ihren neuen Hut, für den ihr doch empfohlen worden Sorgfalt zu tragen, dem Hofhund, der eine Schar Gänse jagte, nachgeworfen ...

»Wenn nicht ... Wenn nicht –« ergänzte der Graf und wischte sich den Schweiß von der Stirne und klopfte die hohen Stiefel mit der Reitgerte.

»Wenn nicht«, fuhr Miss Sophia schnell atmend fort, »Clary und sogar die sonst vernünftige Elisa lachend zugesehen hätten, als der Hund den Hut zerriß und zerbiß ...«

»Nun denn«, fiel der Vater ihr in die Rede, »ist das alles?«

»Nein«, erwiderte Miss Chalonner, »das Schlimmste kommt. Als ich den Mädchen ihr Betragen verwies, lachten sie noch ärger als zuvor, und Clary beantwortete meine Ermahnungen in so unpassender Art, daß ich mich dadurch verletzt bekennen muß, Herr, in meinen besten Empfindungen!«

Auch dieser schmerzliche Ausruf verfehlte seine Wirkung.

»Ich ersuche Sie, derlei Lappalien in Zukunft nicht mir, sondern meiner Schwiegermutter zur Kenntnis zu bringen. Ich beschäftige mich, wie Sie wissen, nicht mit Details«, sagte der Graf trocken.

Miss Chalonners Nase überzog sich mit leuchtender Röte.

»Es ist traurig«, sagte sie – ihre dünnen Lippen zuckten nervös –, »sehr traurig, denn überhaupt – die Kinder sind auf keinem guten Wege – sie haben wenig Pflichtgefühl; sie haben – ich bedaure, es aussprechen zu müssen – keine Religion.«

Das war ein gefährliches Wort!

Es faßte eine ganze Menge von Anklagen zusammen, es setzte eine Reihe von vorangegangenen Irrtümern voraus. Hätte Miss Sophia ihren Herrn besser gekannt, sie würde es niemals ausgesprochen haben. Alles, was dem Herkömmlichen widerstrebte, war dem strengen Hausvater ein Greuel. Denselben Abscheu hätte es ihm eingeflößt zu hören: Deine Töchter sind Frömmlerinnen! Bei ihm, unter seinem Regimente hieß es sich in den vorgeschriebenen Grenzen halten.

Weh dem, der sie überschritt oder nicht erreichte! Ein Zuviel wäre nicht minder verdammungswürdig gewesen als ein Zuwenig.

»Keine Religion?!« rief der Graf mit der auffahrenden Heftigkeit einer in Brand geratenen Rakete. »Und das erfahre ich erst jetzt? ... Keine Religion – meine Töchter?! Worin unterrichtet sie denn Pater Joseph seit zwei Jahren? Wozu sind Sie da? ... Keine Religion? Ist das die Frucht seiner Lehren und Ihrer Erziehung? ... Ei, ei, da wollen denn wir zum Rechten sehen!«

Er ging sporenklirrend und ließ Miss Sophia vernichtet zurück und in Verzweiflung über das von ihr heraufbeschworene Unheil. Was hatte sie gewollt? Ach, sich nur ein wenig interessant machen, die Aufmerksamkeit des Löwen erregen, seine Anerkennung ihrer Verdienste wecken – und nun fügte es ihr Unstern, daß sie ihn gereizt hatte und daß er, statt ihr seine Huld zuzuwenden, sich brüllend und bedrohlich gegen sie erhob!

Und das mußte an jenem Wochentage geschehen, an dem Pater Joseph nach erteilter Unterrichtsstunde im Schlosse zu speisen pflegte. Bei der Tafel herrschte heute tiefes Schweigen; schwer wie Gewitterluft lag es auf allen Anwesenden, denn das Angesicht des Hausherrn war umdüstert. Er hatte den höflichen Gruß des Geistlichen kaum erwidert und den Kindern die Hand entzogen, die sie ihm küssen wollten. Diese saßen stumm da und lächelten nur manchmal über den Tisch zur Großmutter hinüber, die ihnen dann verständnisvoll und beruhigend zunickte. Pater Joseph hatte keinen Begriff davon, warum er ein Mal über das andere erröten mußte. Miss Chalonner wagte nicht den Blick von ihrem Teller zu erheben und aß mit so krankhaftem Appetit, als säße sie bei ihrem Henkersmahle.

Das Diner war beendet. Der Graf bot seiner Schwiegermutter den Arm, um sie zum schwarzen Kaffee in den Salon zu führen. Ihnen folgte, durch einen einladenden Wink dazu aufgefordert, Pater Joseph. Die Großmutter nahm ihren gewohnten Platz in der Sofaecke ein und ihre Strickerei zur Hand; der Priester lehnte den Stuhl ab, den sie ihm anwies, denn der Herr des Hauses hatte sich noch nicht gesetzt. Er ging mit dröhnenden Schritten im Zimmer auf und ab. Sein dichtes, kurz gehaltenes Haar, das bürstenähnlich auf seinem Kopfe emporstand und mitten in die Stirn in einer scharfen Spitze hereinwuchs, gab ihm ein strenges Aussehen, auch wenn er nicht so finster blickte, die schwarzen Augenbrauen nicht so fest zusammenzog wie jetzt. Seine Reckengestalt war danach angetan, noch ganz anderen Leuten zu imponieren als einer alten Frau und einem schüchternen Landgeistlichen.

Vor dem letzteren blieb er nun, in seiner Wanderung innehaltend, plötzlich stehen und fragte mit fast drohender Stimme: »Darf ich fragen, geistlicher Herr, ob meine Töchter genügend vorbereitet sind, um ihre erste Beichte ablegen zu können? Es wäre Zeit, denk ich.«

Die Großmutter ließ ihre Strickerei in den Schoß sinken und stieß ein kurzes, von einem schnalzenden Tone begleitetes »Ah!« hervor, das ihr eigentümlich war.

Pater Joseph erwiderte: »Beichte, Euer Hochgeboren ... Die Kleinen? – Das schiene mir doch zu früh.«

»Wie?« erwiderte der Hausvater, »die Kinder genießen Ihren Unterricht seit zwei Jahren, in zwei Jahren wird man doch ein paar Kinder zur Beichte vorbereiten können?«

»Aber sie sind noch nicht in dem Alter ...« meinte der Priester.

»Natürlich nicht«, fiel die Großmutter ein, der der Ärger den Mut gab, ihrem Schwiegersohn entgegenzutreten.

Erfreut über ihre Zustimmung, fuhr Pater Joseph fort: »Von so jungen Kindern kann man keine ordentliche Gewissenserforschung erwarten.«

»Keine Gewissenserforschung? Das wäre arg«, lautete die grimmige Entgegnung. – »Meine Kinder werden doch unterscheiden können zwischen Gut und Schlecht. Das werden sie doch bei Ihnen gelernt haben? ... Oder nicht? – Ich will mich einmal selbst überzeugen von den Resultaten Ihres Religionsunterrichtes.«

Großmutter und Lehrer erschraken. Von solch einem improvisierten Examen, bei dem der Prüfende vor Ungeduld und die Geprüften vor Angst bebten, war, wie sie aus Erfahrung wußten, nichts Gutes zu erwarten. Aber die alte Frau wagte keinen Einwand, der Priester keinen Widerstand mehr, und eben schickte sich der Graf an, die Kleinen rufen zu lassen, als rasche Schritte im Vorgemache erschallten, hastig an der Tür gepocht wurde und der Verwalter totenblaß mit der Nachricht eintrat, es sei Feuer ausgebrochen auf einem nahen Hofe.

Wahrhaftig! – o wie bitter hat er es später bereut, wieviel tausendmal sich's vorgeworfen! –, es war ein: »Gottlob!« was der menschenfreundliche Pater Joseph bei dieser Trauerbotschaft auf seinen Lippen unterdrückte. Alle eilten an die Fenster. Hinter dem gegenüberliegenden Kiefernwalde hoben sich schwere Rauchwolken, zwischen denen grelle Flammen aufzüngelten, an dem klaren Horizont empor.

»Die große Scheune brennt«, sagte der Graf mit plötzlicher Ruhe. »Gestern haben wir dort die letzte Garbe Sommerfrucht eingeführt.«

In dem Augenblicke rasselten auch schon die Feuerspritzen und die Wasserwagen am Schlosse vorbei, und im gestreckten Galopp fuhren die Jucker mit der Britschka in den Hof. Der Jäger stand da, seinem Gebieter Hut und Stock überreichend.

»Vorwärts denn! Sie fahren mit, Herr Verwalter. Und Sie, geistlicher Herr, ich bitte dringend, sorgen Sie dafür, daß meine Kinder in vierzehn Tagen zur Beichte geführt werden können.«

2

Pater Joseph blieb nichts übrig, als sich einem Willen zu fügen, der um so vieles stärker als der seine war. Sein ganzes Dichten und Trachten ging nun dahin, die ihm auferlegte Pflicht gewissenhaft zu erfüllen. Statt einmal wöchentlich sah man ihn nun täglich nach dem Schlosse wandern.

Die Wirtschafterin Benedikta schüttelte so bedenklich den Kopf, daß die reich garnierte Haube, die ihn krönte, förmlich ins Wanken kam, wenn sie den Priester jeden Nachmittag im Sonnenbrand über den Bergrücken hinschreiten sah, der zwischen den Gründen seiner Ortschaft und der Besitzung des Schloßherrn die Grenze bildete. Drüben fiel der Berg steil in einen Tobel ab, den ein Wildwasser durchrauschte und ein geländerloser Steg überbrückte. Dieser war an mancher Stelle schadhaft und nach Regengüssen, wenn der angeschwollene Bach seine Stützen erschütterte, durchaus nicht gefahrlos zu betreten. Jedesmal bat Benedikta, ihr hochwürdiger Herr möge doch den Umweg über die Fahrstraße nicht scheuen; aber so viele Zeit hatte er nicht zu verlieren, und ihre Vorstellungen wurden immer lächelnd abgewiesen. Da stand sie denn am Hause und blickte ihm nach, ihre Augen mit der Hand vor der Sonne schirmend. Die alte getreue Seele liebte den Gottesmann, wie man ein Kind liebt, und verehrte ihn zugleich als ein höheres Wesen. Es tat ihr in der Seele weh, ihn so ruhelos zu sehen, seitdem er die »herrschaftlichen Kinder« zum Empfang des heiligen Sakramentes der Buße vorbereiten mußte.

Ob es den Schloßleuten auch nur ein einziges Mal einfiele, ihn im Wagen abholen zu lassen, dachte sie. Da soll er hin- und herlaufen wie ein Bote und kann sich ihretwegen den Hals brechen auf dem Steg! Und wozu das alles? Warum müssen die kleinen Mädels jetzt schon zur Beichte? Was sollen denn die für Sünden haben? Steht nicht vor jeder, die sie begehen könnten, die englische Gouvernante Schildwache?

Indessen schritt Pater Joseph rüstig seinem Ziele zu, gestützt auf den mächtigen Regenschirm, den ein Futteral aus Pappe, mit schwarzem Glanzpapier überzogen, umschloß: eine der ausgezeichnetsten seiner buchbinderischen Leistungen und ein Werk, auf das er sich nicht wenig zugute tat; »denn«, sagte er, »wenn es schön ist, schützt das Futteral den Schirm, und wenn es regnet, der Schirm das Futteral.« Der lange Rock des Priesters flatterte im Winde, und sein rosenrotes, mit unzähligen Pockennarben übersätes Gesicht wurde beim Gehen purpurfarben. Er nahm oft den Hut herab, um sich mit ihm Kühlung zuzuwehen. Dabei kamen die lichtblonden Löckchen zum Vorschein, die sein Haupt bedeckten und Clary veranlaßt hatten, ihm zu sagen: »Geistlicher Herr, deine Haare sehen aus wie das Vlies vom Gotteslamme.«

Die beiden Schülerinnen erwarteten ihren Lehrer am Gartengitter. Er nahm ein Kind an jede Hand, die Kleine schulterte den Regenschirm wie ein Gewehr, und man begab sich in die Studierstube.

»Wie wird's heute gehen?« fragte Pater Joseph, am Lehrtische Platz nehmend.

»Es wird gut gehen!« beeilte sich Clary mit Zuversicht zu antworten.

»Du hast wohl den festen Vorsatz dazu gefaßt?« sprach der Geistliche.

Sie schüttelte den Kopf: »Das nicht –«

»Wie? – Nun, so fasse ihn jetzt.«

»Ich habe mir gestern abend gedacht«, erklärte das Kind, »wenn ich erwache und es scheint die Sonne, dann schreiben Sie mir ein ›Ausgezeichnet‹ in meinen Katalog; wenn es aber regnet, bekomme ich nur ein ›Gut‹ oder vielleicht gar nur ein ›Kaum genügend‹.«

Das war ein wenig verheißender Anfang! Der Lehrer unterdrückte jedoch alles, was sich über diesen Fatalismus sagen ließ, und erwiderte nur: »Von dir hängt es ab, nicht vom Wetter, ob du eine gute oder eine schlechte Note erhältst.«

Er prüfte zuerst Elisa. Sie hatte fleißig gelernt und sprach die Beichtformel mit einer Innigkeit, die den Geistlichen rührte und ihn von der letzten Sorge befreite, sie könnte die volle Bedeutung der heiligen Handlung, der sie im Begriffe war sich zu unterziehen, nicht verstehen.

Als an Clary die Reihe kam, hielt sie mit einemmal inne im Aufsagen des Eingangsgebetes, das sie überdies ohne alle Teilnahme sprach, und fragte: »Wem werden wir denn beichten?«

»Wem anders als mir?« antwortete Pater Joseph.

Sie schlug verwundert die Hände zusammen. – »Ihnen, Hochwürden?- – ach nein! Sie wissen ja ohnehin alle unsere Sünden, wozu sollen wir sie Ihnen erst sagen?«

»Dein Vater und deine Großmutter verlangen, daß du ihnen einen begangenen Fehler eingestehst, wenn er ihnen noch so gut bekannt ist, nicht wahr?« versetzte Pater Joseph und erklärte ihr – ach, nicht zum erstenmal! –, daß es sich in der Beichte, die sie vor Gott ablegen werde, um drei Dinge handle: um strenge Gewissenserforschung, um ein reumütiges Eingeständnis ihrer Sünden und um den festen Vorsatz, sie nicht wieder zu begehen: »Nur dann«, schloß er, »kann ich dir die Lossprechung im Namen Gottes erteilen.«

»In seinem Namen!« rief Clary und blickte ihn mit leuchtenden Augen an. »Dazu hat Gott Ihnen das Recht gegeben. Das war gut von ihm, daß er es Ihnen gegeben hat! . . . Er! ... Er selbst –: Gott!...«

Ganz durchdrungen von der Weihe und Heiligkeit, mit der ihr Lehrer ihr plötzlich umkleidet erschien, senkte sie das kleine Haupt wie geblendet.

Pater Joseph war sehr bekümmert. Wie oft hatte er ihr schon erklärt, der Priester besitze als Stellvertreter Gottes die Macht, zu binden und zu lösen, und nun erst kam ihr das längst Gehörte, längst, wie er meinte, Begriffene als etwas Neues, Ungeheures zum Bewußtsein. Und wer weiß, was für tolle, unberechenbare Folgerungen sie nun wieder daran knüpfen wird! Er beeilte sich, der Flut von Fragen, die er schon hereinbrechen sah, zuvorzukommen.

»Weiter! weiter! fahre fort!« befahl er streng und litt dabei unsäglich.

Ach, hätte er tun dürfen nach seinem Gefühle, nach seiner Einsicht! Die Bücher würde er zugeschlagen und dem Kinde zugerufen haben: Hinunter mit dir in den Garten, übers Feld! Spiele, hüpfe, tanze im Sonnenschein, du Mücke, anstatt hier dein armes Hirn zu zerquälen mit Gedanken, die ihm zu schwer sind. Suche nach roten Beeren im Walde statt nach schwarzen Sünden in deinem Gemüte.

Clary war glücklich in der Gebetformel, die nach vollbrachter Beichte zu sprechen ist, bis zu dem Satze gelangt: »Und ich nehme mir ernstlich vor, lieber zu sterben, als Gott wieder durch eine Sünde zu beleidigen« – da machte sie eine Pause.

»Das habe ich gelernt, weil's hier steht«, bemerkte sie, »aber im Beichtstuhle werde ich's nicht sagen.«

Pater Joseph seufzte tief. »Warum nicht?« fragte er mit einer der Verzweiflung verwandten Geduld.

»Weil es nicht wahr ist«, erwiderte das Kind.

»Wieso nicht wahr?«

»Im Evangelium heißt es, der Gerechte fällt siebenmal an einem Tage, und ...«

Sie stockte, betroffen über die außerordentliche Traurigkeit, die sich in den Zügen ihres Freundes malte.

Nun hätte er von Todsünde, von schwerer Beleidigung Gottes sprechen sollen – aber er sah die flackernde Aufregung, die sich des Kindes bemächtigt hatte, und wollte die Verwirrung in diesem Köpfchen nicht noch vergrößern. So schnitt er jede weitere Erörterung mit den Worten ab: »Genug für heute. Tue, was dir vorgeschrieben ist, und grüble nicht.«

»Was mir vorgeschrieben ist? Ich muß versprechen, lieber zu sterben, als Gott wieder durch eine Sünde zu beleidigen? Ich muß?« fragte Clary und erblaßte. »Lieber zu sterben!« wiederholte sie. »Und Elisa verspricht das auch?«

Ihr Blick haftete angstvoll auf ihrer Schwester; wie schützend legte sie den Arm um ihren Hals.

»Elisa ist ein gutes Kind«, sagte Pater Joseph, »und tut, was sie soll, ohne viel zu fragen. Sie weiß: die Sprache, die ihr geboten wird im Beichtstuhl zu sprechen, das ist die Sprache der Reue.«

»So, so – die Sprache der Reue ...« Sie schwieg und sann. Plötzlich, wie durchzuckt von einem lichtspendenden Gedanken, rief sie: »Eine unfruchtbare Reue gibt es und eine fruchtbare, haben Sie uns gelehrt.«

Daran knüpfte nun der Priester den Beginn seines Vortrags. Aber Clary war während des ganzen Restes der Stunde unerträglich zerstreut. Und Pater Joseph konnte nicht umhin, statt des zierlichen »Sehr brav«, das er so gern von schwungvollen Schnörkeln umgeben, die das Lob wie Flügel trugen, oder gar schief, als ob es vor Bewunderung hintenüberschlüge, in den Katalog ein kahles »Kaum genügend« einzuschreiben.

Angesichts dieser vollendeten Tatsache erwachte Clary aus ihren Träumereien. Sie las mit Entsetzen das verhängnisvolle Wort, dann blitzten ihre Augen über den Katalog der Schwester hin. Diese legte rasch die Hand auf das »Ausgezeichnet«, das sie erhalten hatte, damit der Kleinen durch seinen Anblick nicht allzu weh geschehe.

»Siehst du«, sagte Pater Joseph, »die Sonne hat nichts zu tun mit den Noten, die du bekommst.«

Er erwartete einen Ausbruch von Tränen und von Beteuerungen für die Zukunft, allein Clary weinte nicht und versprach auch nichts. Sie blieb tief in sich versunken den ganzen Tag, dabei aber ein Muster von Gehorsam und von Sanftmut. Sie machte Fleißaufgaben, schrieb ihren Beichtzettel dreimal ab, und Elisa bemerkte, daß er jedesmal länger geriet. Als sie zu Bette ging, wollte ihr Abendgebet gar kein Ende nehmen. Sie betete für alles, was lebt, für alles, was leidet, dann für alles, was nicht mehr lebt, aber noch leidet: für die armen Seelen im Fegefeuer, sie betete sogar für die Verworfenen in der Hölle.

Am nächsten Morgen legte sie alle ihre Spielereien zusammen und verteilte sie, die liebsten zuerst, unter die Kinder der Hausleute und des Dorfes. Sie lauerte jedem vorüberziehenden Bettler auf und entschuldigte sich, nachdem sie ihn beschenkt, daß ihre Gabe nicht reichlicher ausgefallen war. Sie ging mit einer seltsam seligen Miene umher, als ob ein überirdisches, geheimnisvolles Glück über sie gekommen wäre.

Es war am Tage vor der Beichte. Pater Joseph empfahl sich nach erteiltem Religionsunterricht bei der Großmutter, die unter den Lindenbäumen hinter dem Schlosse auf und ab wanderte. Die alte Frau strickte auch im Gehen; am Arme hing ihr das runde Körbchen mit dem Knäuel feinen Zwirnes; ihre Hände bewegten sich mechanisch. Die Züge ihres edlen Gesichtes trugen denselben kühlen, teilnahmslosen Ausdruck, der ihrer Umgebung zum erstenmal am Todestag ihrer einzigen Tochter aufgefallen war.

Der Geistliche hatte schon Abschied genommen, verweilte aber noch.

»Wie schön es ist!« sagte er, als hielte ihn das Landschaftsbild fest, das sich den Augen der beiden alten Leute darbot.

Und es war in der Tat schön.

Das Schloß mit seinen Gärten lag auf einem Hochplateau, das gegen Süden den Ausblick über das weite Land, die wohlgepflegten Felder und die von feinen Wasseradern durchrieselten Wiesen gewährte, gegen Norden hingegen durch eine dreifache Kette bewaldeter Berge abgegrenzt war. Ein vielzinkiger Turm krönte die Ecke des linken Schloßflügels, dem die steilen Wände mächtiger Basaltfelsen zum Unterbau dienten. Ihre dunklen Pyramiden ragten hier kahl empor, indessen sie, je tiefer sie sich gegen das Tal senkten, von einer kleinen, aber kräftig ans Licht des Daseins drängenden Vegetation überwuchert waren. Zwischen ihren Moosen und Eriken erhoben sich einzelne Fichten und Föhren, Ausläufer der nahen Wälder.

Das erste Geschoß des Turmes, der sich in unmittelbarer Verbindung mit den Gemächern der Großmutter befand, wurde von den Kindern und ihrem Aufsichtspersonal bewohnt. An einem der Fenster stand jetzt Clary. Sie blickte wie verzückt in die untergehende Sonne, die, prächtig noch im Scheiden, den Horizont mit flammenden Lichtströmen übergoß. Die Wälder, die bereits kühler Schatten umfing, hauchten den empfangenen Wärmesegen als duftigen Rauch in die Atmosphäre, wie ein Dankopfer für die königliche Lebenspenderin. Sie versank langsam; ihre letzten Strahlen vergoldeten die Wolkensäume, die Bergeshöhen und die flatternden Locken des Kindes dort oben, das immer noch unbeweglich, dem majestätischen Schauspiele ganz hingegeben, hinausstaunte in die Welt.

Längst hatte Pater Joseph sie bemerkt. Der wahre Grund seines Zögerns, den Heimweg endlich anzutreten, war sein stilles Bangen um den Liebling, das danach rang, sich wenigstens in einem Worte auszusprechen.

»Blicken Euer Gnaden doch da hinauf«, sagte er bittend und wies auf die Kleine.

Aber die Großmutter erhob den Kopf nicht; sie fuhr in ihrer Arbeit und in der Betrachtung der Gegend fort und erwiderte ablehnend: »Habe sie schon gesehen, vorher.«

»Was geht in ihr vor?« begann der Geistliche von neuem. »Ich wünschte, der morgige Tag wäre glücklich vorüber.«

Die alte Frau wollte es nicht gelten lassen, daß sie sich gleich ihm beunruhigt fühlte.

»Wird auch vorübergehen; alles geht vorüber, alles wird gut«, murmelte sie.

»Das gebe Gott!« sprach der Priester, und sie schieden.

Der Abend war herangekommen; der Herr des Hauses saß in seinem Arbeitszimmer am Schreibtische, neben ihm in einem Lehnstuhl seine Schwiegermutter. Die Lampe an der Decke brannte und warf ihr grelles Licht auf die Rechnungen, Berichte und Wirtschaftsjournale, die sich tagsüber auf dem Pulte des tätigen Ökonomen aufgehäuft hatten. Er nahm eines nach dem andern vor, teilte seiner Schwiegermutter hie und da ein Resultat mit oder stellte eine Frage; er war durchaus nicht blind für die Überlegenheit ihres Geistes, er ließ ihrem schlagfertigen Verstand Gerechtigkeit widerfahren und befolgte sogar zuweilen ihren Rat.

Jetzt näherten sich kleine Schritte. Schüchtern wurde die Tür geöffnet, gerade weit genug, um zwei schlanke Gestalten hereinschlüpfen zu lassen. Hand in Hand traten die Mädchen ein, stellten sich vor ihren Vater hin, und tief ergriffen begann Elisa: »Wir kommen dich bitten, uns zu verzeihen, lieber Vater, wenn wir dich wissentlich oder unwissentlich beleidigt haben. Wir gehen morgen zur Beichte.«

Während sie ihr Sprüchlein sagte, hatte sich der Blick des Grafen forschend und streng von einem seiner Kinder zum andern gerichtet. Als das Mädchen nun hoch aufatmend schwieg, sprach er: »So, so. Ihr geht morgen zur Beichte. Das ist recht.

Frauen müssen Religion haben. Es gibt nichts Schrecklicheres als ein Weib ohne Religion. So! – Also – so! Ich verzeihe euch.«

Die Kleinen stürzten sich auf seine Hände und küßten sie. Sie waren unbeschreiblich gerührt.

Dann wendeten sich die Kinder zu ihrer Großmutter. Die alte Frau unterbrach jedoch ihre eingelernte Ansprache nach dem ersten Satze.

»Schon gut ... Nur gescheit ...« sagte sie. Ihre zitternden Hände legten sich auf die Häupter ihrer Enkel, und sie umschlang beide in einer Umarmung.

Man hörte nichts mehr als ein leises Geflüster: »Verzeih uns! ... Verzeih uns!« – und ein lautes Schluchzen.

»Geht jetzt«, sagte endlich der Vater, und die Mädchen schlichen davon. Sie durchwanderten das ganze Schloß und baten sich nach frommem Brauche die Verzeihung eines jeden Hausgenossen aus.

Als sie zu ihren Zimmern zurückkehrten, lag auf einem Treppenabsatze Faßan, der große Hühnerhund. Halb im Schlafe blinzelte er seine Freundinnen an, gähnte, machte die Augen zu und fegte die Fliesen mit seinem wedelnden Schwanze. Clary beugte sich über ihn, küßte ihn vielmals und bat auch ihn um Verzeihung.

Eine Weile, nachdem die Kinder zu Bette gebracht worden waren, erhob sich Elisa sachte aus dem ihren. Sie wollte ihr Gebetbuch zu den Handschuhen und dem Tuche legen, die man ihr neben dem weißen Kleide, das sie morgen tragen sollte, zurechtgerichtet hatte.

Nach dem Buche in ihrer Tischlade suchend, fand sie in einer Ecke ein Päckchen verborgen. Darin lag Clarys höchstes Kleinod, ein goldenes Kettlein, das einstens ihrer Mutter gehörte. Es war vielfach in feines Papier gewickelt, mit Seide fast kunstvoll verschnürt, und auf seiner äußersten Umhüllung stand in unbeholfener Kinderschrift: »Zum Andenken.«

3

Die Schloßkapelle war festlich geschmückt. Alle Kerzen auf dem Altare brannten, in ihrem Glanze glitzerten die köstlich verzierten Reliquienschreine. Die Muttergottes lächelte herab aus ihrer blauen, sternenbesäten Nische; Blumen- und Weihrauchduft erfüllte den hochgewölbten Raum.

Im Oratorium knieten der Schloßherr, die Großmutter, Miss Chalonner und die rangältesten Beamten und Diener. Die ersten Reihen der Kirchenstühle waren den Armen des Dorfes eingeräumt worden, die übrigen von den Hausleuten besetzt. Über alle Häupter hoch hinweg ragte Benediktas stolze Haube. Ihre Besitzerin befand sich in eigentümlich erregter und zugleich versöhnlicher Stimmung. Ihr heißer Wunsch war erfüllt, der geistliche Herr heute abgeholt worden in herrschaftlicher Equipage. Sie hoffte, dies werde von jetzt an immer geschehen, und grollte nur noch mit der Vergangenheit.

Ehrwürdig nahm der Priester sich aus in seinem schneeigen Chorhemde mit umgehängter Stola. Er war blaß, wie man ihn nie gesehen, ein Zug von schmerzlicher Spannung lag um seinen Mund. Vom runden Fenster über dem Altare fiel ein Sonnenstrahl gerade auf sein Haupt, und in dem hellen Lichte bemerkte Benedikta mit wehmütigem Schrecken, daß so manche seiner kleinen Locken schon weißlich schimmerte.

Im Beichtstuhl kniete Elisa vor ihrem Lehrer. Sie hatte eben ihre Beichte beendet und hörte mit demütig auf die gefalteten Hände gebeugter Stirn seine milde Ermahnung an. Dann sprach er das »Absolvo te«, sie empfing seinen Segen, erhob sich, und Clary nahm die Stelle ihrer Schwester ein.

Ihre Beichte dauerte lange. Benedikta konnte nicht umhin zu denken, sie hätte nicht geglaubt, daß ein so kleines Kind ein so großes Sündenregister haben könne. Pater Joseph schien jedoch über den Seelenzustand seines jüngsten Zöglings andern Sinnes. Auffallend kurz war die priesterliche Lehre, die er ihr erteilte. Aber inniger hatte er wohl nie gebetet als jetzt, da er die Worte der Vergebung über den Liebling seines Herzens sprach.

Beide Mädchen knieten nun auf einem Betschemel mitten in der Kapelle nieder. Der Geistliche trat in die Sakristei und bald darauf im Ornat an den Altar. Elisa folgte dem Meßopfer in stiller Versunkenheit, Clary schien aufgelöst in Andachtsglut. Als der Priester das Allerheiligste zum letzten Segen erhob, sah er den Blick des Kindes mit solcher Verzückung emporgerichtet, daß die kaum beschwichtigte Angst vor einer unbestimmten Gefahr von neuem in seinem Herzen erwachte.

Die heilige Handlung war vollbracht; die Armen, großmütig beschenkt, entfernten sich, die Schloßbewohner gingen dem Hause zu. Pater Joseph war zum Frühstück geladen und sollte folgen. Als er, umgekleidet, aus der Kapelle trat, fand er zu seiner Überraschung den Grafen, ihn erwartend, auf der Schwelle. Eine so große Ehre hatte der hochfahrende Mann ihm nie erwiesen, und wie gern würde Joseph auch heute auf sie verzichtet haben! Hinderte sie ihn doch, den Kindern nachzueilen, die an der Seite ihrer Großmutter schon einen weiten Vorsprung gewonnen hatten. Soviel der Respekt es ihm erlaubte, drängte er, von einer unerklärlichen Unruhe getrieben und dabei bemüht, sie zu verbergen, vorwärts.

Im Portal trafen sie die alte Frau, Elisa und Miss Chalonner. Clary, nach der der Geistliche fragte, sei vorangegangen, sagte man ihm.

»In den Speisesaal?«

Miss Chalonner vermutete es.

»Zum Frühstück!« mahnte der Graf, und die Gesellschaft begab sich in den Saal.

Clary war nicht da.

»Wo mag sie nur bleiben?« rief Pater Joseph.

»Wer?«

»Die Kleine –«

»Ach, die füttert gewiß ihre Tauben, weil sie's am Morgen nicht tun konnte«, sprach Miss Chalonner.

»Ich will sie rufen«, sagte der Geistliche hastig und schritt hinaus. Er durchlief die Gänge, er rannte in den Hof – zum Taubenhause im Kindergarten – auch hier war Clary nicht. Die Vögel flogen unruhig ein und aus, sie schienen zu warten auf die kleine Beschützerin, die heute so lange zu kommen zögerte. Pater Joseph kehrte rasch in das Schloß zurück und fragte jeden, dem er begegnete, nach dem Kinde. Niemand wußte Auskunft. Endlich sagte ein Diener, er habe sie in das Turmzimmer treten gesehen. Dahin eilte nun der Geistliche; er keuchte die Treppen hinan, er erreichte die Tür, riß sie auf und schrak zusammen vor dem Anblick, der sich ihm darbot.

Das Fenster, an dem Clary gestern im Abendrot gestanden hatte, war offen; davor lag ein umgeworfener Stuhl und auf dem Boden das aus einer Stirnwunde blutende Kind.

Sie hat sich hinabstürzen wollen – ist abgeprallt am Fensterkreuze. .. Der sie beschützte, sei gelobt! Gott sei gelobt! schrie es auf in der Seele des Priesters. Er weinte, er jubelte, er mußte sich Gewalt antun, um nicht niederzuknien zu ihr, um sie nicht in seine Arme zu nehmen, ihr zu danken, daß sie lebe.

»Unglückliches Geschöpf«, sagte er, »was hast du getan?!«

Sie, halb betäubt, fuhr mit der Hand über die Augen: »Ich habe Wort halten wollen«, sprach sie, »lieber sterben als noch eine Sünde begehen –«

»Schrecklich! schrecklich!« unterbrach er ihre stockende Rede. »Um keine Sünde mehr zu begehen, begehst du die größte, die ein Christ begehen kann!«

Als ein strenger Richter hätte er vor ihr stehen sollen, aber in dem Tone seiner Stimme lag mehr Trauer als Verdammung.

Der Großmutter fiel das lange Fortbleiben Clarys auf. Unter dem Vorwande, sie habe noch einen Auftrag zu geben, ging sie nach den Zimmern der Kinder. Sie fand dort Pater Joseph damit beschäftigt, ihrer Enkelin ein nasses Tuch an die Stirn zu drücken. Dabei sprach er ihr leise und beschwichtigend zu.

»Was ist denn geschehen?« fragte die alte Frau, ihre Sorge mühsam bemeisternd.

Der Priester sah Clary an. Ihr Gesicht glühte, Träne um Träne lief über ihre Wangen herab.

Ein tiefes, wenn auch noch nicht ganz deutliches Bewußtsein schweren Unrechts dämmerte beschämend in ihr auf. Sie litt alle Qualen der Reue für eine Tat, die ihr als das rascheste Beförderungsmittel zur Seligkeit erschienen war. Jetzt stand sie da, kummervoll, betrübt und verdienter Strafe gewärtig an einem Tage, der ihr ein Tag reinsten Glückes hätte sein sollen.

Ihr alter Freund übte Erbarmen.

»Euer Gnaden wollen geruhen, nicht zu fragen«, sagte er zu der Großmutter. »Was hier vorgegangen ist, soll ein Geheimnis bleiben zwischen dem Beichtvater und dem Beichtkinde.«

Die Großmutter richtete ihre klugen Augen mit durchdringendem Blick auf Clary und dann bange fragend auf den Geistlichen. Er bemerkte, daß sie die Farbe wechselte und mit einer unwillkürlichen Bewegung auf einen kleinen roten Flecken deutete, der am Querholz des Fensterkreuzes haftengeblieben war.

»Wie Sie wollen, geistlicher Herr«, erwiderte sie nach einem Augenblicke des Besinnens. – »Wie Sie wollen. Aber jetzt kommen Sie.«

Sie ging voran; Pater Joseph und Clary folgten.

Die Kleine fragte, leise auf ihre Stirn deutend: »Sieht man's sehr? ... Ach, wenn Papa es bemerkte!«

Papa jedoch bemerkte es nicht. Er war, als sie eintraten, in eifrigem Gespräch mit dem Architekten begriffen, der den Plan zum Silo gebracht hatte, der an der Stelle der jüngst niedergebrannten Scheune errichtet werden sollte.

4

Pater Joseph stand am geöffneten Fenster seiner Arbeitsstube und trommelte Wirbel um Wirbel auf dem Fensterbrette.

Benedikta war schon öfters ein und aus gegangen, hatte den Tisch gedeckt, die Suppe aufgetragen und dieses Ereignis bereits dreimal angekündigt, wobei sie ein fast kriegerisches Geklapper mit dem Bestecke vollführte. Jetzt schwand ihr letztes Restchen Geduld, und sie rief mit einer Art bitterer Schadenfreude: »Sie ist schon kalt!«

»Schon kalt«, wiederholte ihr Gebieter mechanisch, wendete sich und nahm Platz am Tische. Aber er aß nicht. Er faltete die Hände und schien sich zu vertiefen in die Betrachtung der zahlreichen Fettaugen, die auf seiner Brühe schwammen. So saß er unbeweglich da, den Kopf auf die Brust gesunken, traurig bis in den Tod.

Vergeblich hatte er gehofft, sich über die Gefahr beruhigen zu können, in der sein Liebling geschwebt hatte, vergeblich sich wiederholt, daß sie überstanden sei und niemals wiederkehren werde. Die nicht, aber eine andere, die man ebensowenig vorauszusehen vermag. Das Gemüt dieses Kindes gleicht nicht einer Blume, die sich schließt beim herannahenden Unheil; es gleicht einem wunderlich geformten Baume, der dem Blitz des Himmels hundert Arme entgegenstreckt. Ist's möglich, den zu beschützen, der sein Verhängnis selbst herabbeschwört?

Man kann's wohl nicht und muß es doch versuchen. Der Zweifel an dem Siege entschuldigt nicht das Aufgeben des Kampfes.

Pater Joseph sinnt, und plötzlich durchzuckt ihn ein Gedanke, bei dem sein Atem stockt und sein Herz in wilden Schlägen pocht. Und es ist kein feiges Herz. Neulich, als er im Gußregen auf dem Stege ausglitt und einen Augenblick über dem Abgrund hing, hatte es so ruhig weitergeschlagen!

Mit schwerem Bangen wird er sich bewußt, daß er nicht das Recht habe, dem Vater zu verschweigen, welch ein Verlust ihm gedroht hatte. Die Zeit ist gekommen, in der der rücksichtslose Mann aufmerksam gemacht werden muß: Gib acht, die Kinder, über die dein Wille unumschränkt zu herrschen glaubt, haben lebendige Seelen!

Der Priester kämpfte mit dem Aufruhr in seinem Innern.

Die Luft im engen Stübchen lastete auf seiner beklommenen Brust; er trat in sein Gärtlein hinaus und begann die welken Blüten von den Rosenbäumen abzulesen. Aber auch in dieser Beschäftigung unterbrach ihn Benedikta mit der Frage, ob er denn heute durchaus fasten wolle?

Er bejahte es, holte aus dem Hause seinen Hut und seinen Schirm und ging dann einen Kranken im Orte besuchen.

Als er wiederkehrte, war sein Plan entworfen. Was er zu tun hatte, wußte er; daß er es tun werde, stand in dem Augenblick fest, in dem ihm aufgeleuchtet hatte: Es ist deine Pflicht – und nun war er auch über das Wie im reinen.

Seine Mahnung sollte nicht wie ein Tropfen Wassers verzischen, der auf glühendes Eisen fällt, sondern wie ein Samenkörnlein in fruchtbare Erde sinken. Das Gemüt, in das er es streuen will, muß vorbereitet werden, es aufzunehmen. In der sonntäglichen Predigt kann das geschehen. Er wird ihr den Text aus Paulus I, 27 zugrunde legen: »Was töricht vor der Welt ist, hat Gott erwählt, auf daß es die Weisen beschäme.«

Wie gut läßt sich da manches anknüpfen, so recht geeignet, ein blindes Selbstvertrauen zu erschüttern! Und wenn es gelang, dann wird der fromme Mann vor das Weltkind treten und sagen: O Herr, laß dich warnen durch die Handlung eines törichten Kindes!

Er hat die Feder ergriffen und beginnt seine Predigt zu schreiben. Zeile um Zeile entsteht, Satz um Satz; er spricht jeden laut nach und ist zufrieden. Die Befangenheit seiner Seele löst sich bei dem Klange der eigenen Worte, die schlicht und mild mehr wie Bitten denn wie Ermahnungen lauten.

Da gleitet ein Schatten über sein Papier; es ist jemand am Fenster vorbeigegangen, der Sand des Weges knistert unter einem energischen Schritte. Jetzt wird er im Flur vernehmbar, die Tür öffnet sich, und vor Pater Joseph steht der Mann, mit dem alle seine Gedanken eben beschäftigt sind. Verwirrt murmelt er eine Begrüßung und macht Miene, sich zu erheben.

»Bleiben Sie!« rief der Graf, indem er, beide Hände auf Pater Josephs Schultern legend, ihn auf seinen Sessel zurückdrückte, »ich will Ihnen nur sagen, Hochwürden, da ich's am Morgen vergaß, daß ich die Pension bewilligt habe, um die Sie neulich für die Witwe Ihres alten Kirchendieners eingekommen sind. Und dann muß ich Ihnen noch danken, es ist alles vortrefflich gegangen heute.«

Pater Joseph erhob langsam das Haupt: »Danken wir Gott dafür – es hätte auch alles schlecht gehen können.«

»Wieso? Was meinen Sie?... Was meinen Sie?!« fragte der Graf und warf Pater Joseph einen Blick zu, über den der friedliebende Priester erschrak.

Nun war die Katastrophe eingetreten, die vorzubereiten er allen seinen Scharfsinn und alle seine Überlegung anzustrengen gedachte. Ein paar verhängnisvolle, fast unwillkürlich gesprochene Worte hatten sie heraufbeschworen.

»Reden Sie, geistlicher Herr! reden Sie doch!« rief der Graf, und seine Wangen röteten sich vor Ungeduld.

Pater Joseph stand auf, holte einen Sessel herbei und stellte ihn neben den seinen an den Arbeitstisch. Mit sanfter Entschlossenheit lud er den Gast ein, Platz zu nehmen.

Es waren ihm zwei Dinge eingefallen: daß er in seinem Hause sei und in der Ausübung einer Pflicht begriffen. In seiner Brust regte sich etwas, das sie gar selten schwellte – Selbstbewußtsein.

Kurz und bündig erzählte er dem Vater, was sich heute mit seinem Kinde begeben hatte. Es ist doch gut, sich vor der Gefahr zu fürchten, das erspart, wie oft! die Furcht in der Gefahr. Was der fromme Mann mit so großer Seelenangst beschlossen, vollführte er mit kaltem Mute. Die unwilligen Äußerungen, die der Graf während seiner Rede dazwischenwarf, brachten ihn nicht außer Fassung... Ruhig beendete er seinen Bericht, indes sein Hörer zornig aufflammte: »Das ist ja Wahnsinn! Was haben Sie dem Kinde vorgeredet?« Seine gewaltige Stimme hallte wie Donner in dem kleinen Zimmer. »Womit haben Sie ihr den Kopf heiß gemacht und diese Verwirrung der Begriffe erzeugt? ... Ihre Schuld ist es ...«

Er sprang auf, und Pater Joseph erhob sich auch.

»Wohl«, fiel er dem Grafen ins Wort, »es ist meine Schuld. Ich hätte mich Ihrem Willen nicht fügen sollen, denn ich wußte, daß man nicht an ein Kind Gewissensfragen stellen darf, bevor es Recht und Unrecht klar voneinander zu unterscheiden weiß.«

»Um so schlimmer, wenn die Kinder das nicht wissen!... Ihre Aufgabe war's, es ihnen beizubringen! Sie haben diese Aufgabe nicht gelöst! ... In der Absicht, zu sündigen, da liegt's! Sie hätten sagen müssen, die Sünden werden euch angerechnet, die ihr vorsätzlich begangen habt, die anderen sind keine ...«

Der Graf hielt inne in der übersprudelnden Raschheit, mit der er diese Behauptungen hervorgepoltert hatte.

»Wer sündigt vorsätzlich?« fragte Pater Joseph. Seine milden Augen ruhten mit Festigkeit auf dem harten Tadler. »Der größte Verbrecher entdeckt noch gute Gründe für sein arges Tun.«

Auf diese Einwendung fand der Graf nicht gleich eine Antwort. Um so höhere Entrüstung klang aus dem Tone, mit dem er nach einer Pause sprach: »Mit solchen Ansichten sollten Sie überhaupt gar keine Beichte hören!«

»Je nun – vielleicht im Gegenteil«, erwiderte der Priester.

Seine Ruhe brachte den Aufgeregten ganz außer Fassung. Es fielen harte Worte, aber – Demut ist Unverwundbarkeit – sie trafen nicht.

»Und zuletzt«, schloß der Graf, »ahnte Ihnen nichts Schlimmes? Sie müssen blind gewesen sein! ... Auf wen kann man sich verlassen? Immer und immer nur auf sich selbst. Ich will die Leitung übernehmen...«

Sein heißes Blut wallte über, er vergaß, womit er begonnen hatte, und fuhr eifrig fort: »Ich will das Kind lehren! Ich will ihr sagen, was sie getan hat, wenn sie es nicht weiß, und eine Strafe diktieren, an die sie denken soll!«

»Um Gottes willen«, rief der Priester, »das tun Sie nicht. Das wäre ein Unglück ...« In seinem Herzen schrie es schmerzlich auf: – O das alte, immer unbegreifliche, immer wiederkehrende Rätsel, der Mißverstand zwischen Eltern und Kindern! Muß euch der Einsame lehren, wie ihr umgehen sollt mit eurem eigenen Fleisch und Blut? –

»Was wäre ein Unglück?« fragte der Graf beinahe drohend.

»Alles, was sie mahnen würde an die Torheit, die sie begangen hat. Kein Wort darf sie daran erinnern.«

»So, das meinen Sie? – Nun, ich meine anders. Ei, ei, geistlicher Herr, Sie wollen mich hindern, mit ihr davon zu sprechen? . . . Stellen Sie sich zwischen den Vater und das Kind ... Oder? ...«

Die Augen des heftigen Mannes nahmen die Starrheit an, die der Zorn ihnen zu verleihen pflegte. Was ihn umgab wie mit einem gegen die Wahrheit errichteten Walle, was die Aufrichtigkeit von seiner Seite scheuchte, den besten Willen ihm gegenüber lahmte, worunter jeder litt, der mit ihm umging, und was nur die sanfte Frau, die er zu früh verlor, nie erfahren hatte – sein schlimmster Feind, sein Mißtrauen bemächtigte sich seiner: »Fürchten Sie vielleicht, daß Sie das Kind Lügen strafe?« warf er schneidend hin.

Wie beschämt für den Verblendeten machte der Geistliche nur schweigend eine abwehrende Bewegung.

In diesem Augenblicke tönte ein leises, unterdrücktes Gekicher durch das Fenster herein. Etwas war vorbeigehuscht, hatte sich niedergeduckt und kletterte nun auf den schmalen Mauersockel hinan, der das Haus umgab. Vier kleine Hände klammerten sich an das Gesimse, ein paar goldene Stimmen riefen: »Wer kommt?... Wer ist schon da?« und emportauchten ein ganzer und ein halber Kopf. Elisas schönes Gesicht kam zum Vorschein, es stützte sich mit dem rosigen Kinn auf ihre Finger. Clary hingegen gelang es trotz aller Anstrengung nur, die Spitze ihres Näschens bis zu der Höhe ihrer Hände zu erheben. Und ihre großen blauen Augen guckten triumphierend herein, klar wie Tau und von treuherziger Fröhlichkeit leuchtend. Der Hut war ihr in den Nacken geglitten und umgab ihren blondgelockten Kopf wie ein Heiligenschein. Auf der Stirn aber lief quer herüber von der Schläfe bis an die Wurzeln der Haare ein Streifen, schmal und dunkelrot, das sprechende Zeugnis ihrer Tat, die Wunde, die sie davongetragen hatte aus ihrem ersten Lebenskampfe.

Die beiden Männer wechselten einen raschen Blick, und der des Vaters senkte sich. Mächtig und plötzlich überkam ihn und erschütterte ihn in allen Tiefen seines kräftigen Wesens das Bewußtsein der überstandenen Gefahr und der großen Liebe zu dem Kinde, das er doch nie recht kennenzulernen gesucht hatte.

Er eilte an das Fenster, hob sein kleines Mädchen herein und drückte es mit überströmender Zärtlichkeit an sein Herz.

»Du teuer Erkaufte! Du teuer Erkaufte!« sprach er, »die Mutter fehlt dir – sie mußte fort, als du kamst... Das büßest du.«

Das Kind verstand seine Worte nicht, desto besser aber seine Zärtlichkeit, wie fremd ihr auch die Sprache war. Sie schlang beide Arme jubelnd um seinen Hals, und ihr glückseliges Gesichtchen, das sich an seine Wange schmiegte, schien zu sagen: Jetzt hab ich, was ich brauche, jetzt wird mir mein Recht!

Der Vater stellte sie so sachte nieder auf den Boden, als fürchtete er sie zu zerbrechen, und sagte, sich zu Joseph wendend: »Geistlicher Herr, meine Hand ist zu schwer für diese zarten Geschöpfe – leihen Sie die Ihre! . .. Und auch Ihren Rat leihen Sie mir... Mein Herz soll ihn hören!« rief er beteuernd, da Pater Joseph bei diesen Worten lächelte. – »Und wenn mein harter Kopf sich einmal wieder störrig zeigt, dann mahnen Sie mich nur an heut!«

Er hielt sein Töchterchen an der Hand, als sie in das Gärtlein hinaustraten, an dessen Eingang Miss Chalonner, Benedikta und Elisa eben im Begriffe waren die Großmutter zu begrüßen, die angefahren kam, um den Geistlichen zu besuchen und die Kinder abzuholen.

Der Graf verweilte nicht lange in der kleinen, heitern Gesellschaft. Allein wanderte er fort. Er hatte, als Miss Sophia ihm mit einem schmachtenden Blicke guten Abend gewünscht, auf den Geistlichen gedeutet und gesagt: »Ein wahrer Freund meiner Kinder!«

Sie fand, dies sei in einem Tone geschehen, der etwas Bedrohliches für sie hatte.

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