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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 9
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Neunter Abend.

Odysseus schließt die Erzählung seiner Abenteuer.

»Wir kamen«, fuhr Odysseus fort, »an das Gestade des Kimmerierlandes; dort ist das äußerste Ende der Erde und des Meeres, welches nicht mehr von der Sonne beschienen, sondern ewig von Nebel und Finsternis umhüllt wird. Wir zogen unser Schiff an den Strand, nahmen die Opfergaben heraus und stiegen zu dem Orte hinab, der uns von Kirke bezeichnet war. Wir fanden alles, wie sie gesagt hatte. Nun fing ich an mit meinem Schwerte die Grube zu graben, eine Elle ins Gevierte, und hinein goß ich genau nach der Vorschrift ein Opfer für die Toten, erst von Honig und Milch, dann von lieblichem Weine, und dann von Wasser, und alles bestreuete ich zuletzt mit weißem Mehle; darauf ließ ich mir beide Schafe reichen und durchschnitt ihnen mit dem Schwerte die Gurgel, daß ihr dunkles Blut in die Grube rann. Alsobald stiegen aus der Unterwelt die abgeschiedenen Seelen in großen Scharen herauf und drängten sich mit grauenvollem Geschrei heran. Ich aber wehrte ihnen – im Herzen voll Entsetzens – mit meinem Schwerte und befahl den Genossen die abgehäuteten Schafe zu verbrennen. Während das Opfer brannte, flehten wir alle zu den Göttern der Unterwelt, und ich vergaß nicht die Gelübde für sie und für Teiresias, wofern ich einst nach Hause zurückgekehrt sein würde.«

»Ich betrachtete die herbeiziehenden Schatten mit stillem Schauer. Geharnischte Männer erblickte ich voll tiefer Wunden, bejahrte Mütterchen und blühende Mädchen, kummerbeladene Greise und rüstige Jünglinge. Die alten Griechen glaubten, daß die abgeschiedenen Seelen auch in der Unterwelt alle ihre ehemaligen Neigungen und Verbindungen beibehielten; sie betrachteten die Unterwelt als ein völliges Abbild der Oberwelt: eine ähnliche Vorstellung, wie man sie bei den Südsee-Insulanern gefunden hat. Denn nach ihrem Glauben liefern die Seelen einander Treffen, und die ehelichen Bündnisse werden wieder erneuert. In der nordischen Mythologie kommen die in der Schlacht Gefallenen oder an Wunden Verstorbenen nach Walhall, der himmlischen Halle Odhins, und das Leben, welches sie dort führen, ist eine Fortsetzung des irdischen. Sie trinken mit den Göttern den süßen Met und speisen von dem Fleische des Ebers; jeden Morgen wappnen sie sich und gehen in den Hof und kämpfen miteinander; das ist ihr Zeitvertreib.

Von allen Seiten umdrängten sie die Grube, und ich hatte viel Mühe sie mit meinem Schwerte abzuhalten von dem Blute. Und siehe, es schwebte auch Elpenors Schatten herbei, und ich war sehr verwundert ihn in der Unterwelt anzutreffen. Ei siehe da, Elpenor, rief ich, wie bist du gestorben? bist du zu Fuße hier eher angekommen, als ich mit meinem schnellen Schiffe? – Ach nur zu früh, antwortete er, und erzählte mir nun selbst ausführlich die klägliche Geschichte seines Falles, bat mich auch inständigst, wenn ich wieder auf die Insel käme, seinen Leichnam gehörig zu bestatten und ihm auch ein Grabmal zu errichten, damit seine Seele im Hades Ruhe hätte. Denn wir hatten wirklich bei den größeren Sorgen seinen Unfall nicht bemerkt und es deshalb auch verabsäumt seinen Leichnam zu begraben. Das sagte ich ihm auch zu, und nun ging er getröstet von dannen.«

»Die andern Geister schienen insgesamt sprachlos zu sein, bis auf den einzigen Teiresias, der mich, da er sein geistiges Leben bewahrt hatte, sofort erkannte und anredete. Er befahl mir, das Schwert wegzuhalten und ihn trinken zu lassen, denn erst mit dem Genusse des Blutes kehrt auch das volle leibliche Leben in den Schatten der Toten zurück. Nachdem er getrunken hatte, lehnte er sich auf seinen goldenen Stab und begann folgende Weissagung:

»Edler Odysseus, du wünschest dir eine glückliche Heimfahrt, aber ein Himmlischer wird sie dir sehr erschweren. Weißt du nicht, wie tief du den Poseidon beleidigt hast dadurch, daß du seinem teuren Sohne das Auge geblendet? Dennoch aber kann dir noch alles, wiewohl mit Mühe gelingen, wofern du nur auf der Insel Thrinakia die Stiere des Helios unangetastet lassest. Aber tötest du einen derselben, dann ist Rettung kaum weiter zu hoffen. Und ob du auch dein Vaterland noch wieder sähest, so würde es doch nur spät geschehen. Erst nach unendlicher Trübsal wirst du, verlassen von allen deinen Gefährten und unbekannt wie ein Bettler, auf fremden Schiffen heimkehren, und auch zu Hause wirst du nur bitteres Elend finden. Andere werden von deiner Habe prassen, um deine Gattin werben und deinem Sohne Todesschlingen legen. Dann aber wird sich eine Gottheit deiner erbarmen, daß du mit List oder Gewalt die unbefugten Gäste in deinem Palaste tötest. Aber eben das wieder wird dich zwingen deinen väterlichen Wohnsitz zu verlassen und tief im Lande dich anzubauen, wo sie weder Schiffe noch Segel kennen. Dann laß dir das ein Wahrzeichen sein: wenn du auf deinem Zuge, das Ruder auf der Schulter tragend, einem Manne begegnest, der dir sagt, du tragest eine Schaufel Nichts weiter sagt der Seher in sinniger Einkleidung als: Bist du einmal wieder in sicherem Besitze deines Hauses, so bleib ruhig daheim und meide das gefahrvolle Leben auf der See. – so bleib stehen; das ist der Ort, den die Götter dir als Ruhesitz für dein Alter bestimmt haben. Da wirst du mitten unter den Deinen nach einem glücklichen Greisenalter heiter und in Frieden sterben.«

»Wohl, Teiresias«, sprach ich. »Das also wird mein Schicksal sein. Nun sage mir doch, ich erblicke dort unter den Schatten auch meine alte Mutter, aber sie würdigt den Sohn keines Wortes, noch schaut sie mir gerade ins Antlitz. Wie fange ich's an, daß sie mich erkennt?«

»Welchen dieser Geister du auszuforschen verlangst«, versetzte Teiresias, »den laß von diesem Blute trinken, dann kommt ihm Bewußtsein und Sprache und alles menschliche Gefühl zurück; wer aber nicht trinkt, der schwebt besinnungslos und schweigend wieder vorüber.«

»Und sogleich ließ ich die liebe Mutter zu dem Blute. Sie trank und erkannte mich plötzlich mit freudigem Schrecken. Ich erzählte ihr kurz die Geschichte meiner Leiden und fragte sie, wie sie gestorben sei, und was der Vater, die Gattin und der liebe Sohn zu Hause mache. Sie sagte mir, daß alle drei noch lebten und täglich mit Sehnsucht an mich dächten; der Vater sei schon ganz schwach vor Alter geworden; er wohne nicht mehr im Palaste, sondern auf dem Lande, wo er sich einen Weingarten angelegt habe. Alle Pracht des Reichtums, sagte sie, verschmäht er und alle Bequemlichkeit flieht er, so lange er dich nicht glücklich weiß. Er härmt sich darüber so ab, daß er ganz zum Kinde wird. Im Winter schläft er mit den Knechten in der Stube, neben dem Herde auf die Erde hingestreckt, und im Sommer bettet er sich auf den abgefallenen Blättern des Weingartens unter freiem Himmel. Und so wird ihn bald der Kummer verzehren, wie er mich verzehrt hat. Denn kein bösartiges Fieber, auch keine verderbliche Seuche hat mich dahingerafft; nur der Gram um dich, mein Sohn, hat mir das Leben geraubt.«

»Sie ging, und an ihre Stelle drängten sich Scharen anderer Weiber, einst die Gattinnen berühmter Helden, die ich gekannt hatte. Sie tranken von dem Blute und erzählten mir ihre Schicksale. Aber mächtiger schwoll mir das Herz, als ich die Geister der lieben Freunde heranschweben sah, die einst vor Troja meine Kampfgenossen gewesen. Da war Agamemnon und Achilleus, Patroklos und Aias; denn sie alle hatte der Tod ereilt, ehe es ihnen noch vergönnt worden war das teure Vaterland wieder zu sehen. Agamemnon hier zu finden wunderte mich am meisten. Ich fragte ihn nach seinem frühen Ende, und er erzählte mir jammernd die traurige Geschichte. Sein Weib hatte sich während seiner Abwesenheit einen andern Buhlen erwählt, und als er nun unvermutet nach Hause gekommen war, hatten beide ihn meuchlerisch beim frohen Mahle, wie den Stier an der Krippe, erschlagen und mit ihm die Königstochter Kassandra, die er als Gefangene von Troja mitgebracht hatte, und wer ihm sonst noch anhing. Ich sollte dem Unglücklichen von seinen nachgebliebenen Kindern erzählen, aber ich Armer wußte ja selbst kein Wort aus Griechenland. Jedoch dem tapfern Achilleus konnte ich desto rühmlichere Thaten seines Sohnes Neoptolemos verkündigen, von dessen Tapferkeit im Kriege ich oft Zeuge gewesen, nachdem der Vater bereits gestorben war. Wie freute sich des Vaters matter Schatten noch in der Unterwelt darüber! Stolz schritt er über die Asphodeloswiese hin.« Diese Wiese, mit dem lilienähnlichen Asphodeloskraut bedeckt, ist Aufenthalt auserwählter Helden; nicht alle gelangten dorthin. Auch die deutschen Sagen kennen eine Aue der Seligen, wie z. B. Kinder, die in Brunnen fallen, durch grüne Wiesen in das Haus der freundlichen Frau Holla gelangen.

»Auch längst gestorbene berühmte Helden der Vorwelt erblickte ich von ferne. Minos, der weise Beherrscher und Gesetzgeber von Kreta, setzte noch jetzt im Hades als bloßer Schatten sein Königsamt fort, und Orion, der wilde Jäger, trieb auch hier noch mit gewaltiger Keule zahlloses Wild vor sich her.

Tityos, jener riesige Sohn der Erde, der es einst freveln Mutes gewagt hatte die göttliche Leto, die Mutter des Apollon und der Artemis, zu entehren, als sie nach Pytho ging, lag hier zur Strafe am Boden fest geschmiedet, und ein gieriges Geierpaar hackte ihm die Leber aus dem Leibe.«

»Nicht minder schrecklich war die Strafe des Sisyphos, der einst als König viele Ungerechtigkeiten auf Erden verübt hatte. Er war hier verdammt zu der Qual einer ewig vergeblichen Arbeit. Einen schweren Stein mußte er eine steile Anhöhe hinaufwälzen, und jedesmal, so oft er ihn dem Gipfel nahe gebracht hatte, verließ ihn die letzte Kraft, und der tückische Fels glitt ihm aus den Händen zurück und stürzte rollend bis tief unten ins Thal hinein. So begann die beschwerliche Arbeit immer von neuem und war doch immer wieder vergeblich.«

»Auch den Tantalos sah ich, jenen berühmten König, den Zeus selber würdigte an seiner Tafel zu sitzen und mit den Göttern zu schmausen. Aber sein eitles Herz war zu schwach für so große Ehre; er mißbrauchte das Vertrauen der Götter und schwatzte ihre Geheimnisse aus, und dafür wird er nun in der Unterwelt mit schrecklicher Marter gequält. Ein glühender Durst foltert ihn unaufhörlich, und ob er gleich bis an den Hals im Wasser steht und herrliche Birn-, Feigen- und Apfelbäume ihre süßen Früchte über sein Haupt hinbreiten, so kann er doch nie die brennende Begierde stillen. Denn so oft er sich zum Wasser bückt, versiegt plötzlich die Flut, und so oft er die Hand erheben will, um der saftigen Früchte eine zu pflücken – rasch beugt ein Sturmwind die Äste zurück und schleudert sie hoch in die Wolken.«

»Endlich sah ich auch noch den Schatten des Herakles. Er selbst wohnt im Olymp bei den seligen Göttern, wo er in Hebes Armen Götterglück genießt, zum Lohn für alle seine Erdenmühen; nur sein Schatten ist im Hades. Auch Theseus und Pirithoos gingen in der Ferne an mir vorüber. Ich aber wagte nicht länger an diesem Orte des Grauens zu verweilen, sondern erfüllt von dem, was ich gesehen und gehört hatte, kehrte ich hastig mit den Gefährten um, suchte unser Schiff auf und ruderte wieder durch den Okeanos in das weite Meer hinaus.«

»Ein günstiger Wind trieb uns glücklich wieder an die Insel der Kirke. Hier war unser erstes Geschäft dem Leichname unseres Freundes Elpenor einen Scheiterhaufen am Gestade zu errichten, die Asche zu begraben und darüber einen Hügel zu türmen, aus welchem das Ruder hervorragte, das er im Leben geführt hatte. Kirke hatte kaum von unserer Ankunft gehört, als sie uns sogleich freundlich aufsuchte und uns zu essen und zu trinken schickte. Wir mußten es uns noch einen Tag bei ihr gefallen lassen, und erst am folgenden Morgen erlaubte sie uns weiter zu segeln. Während die andern schmausten, nahm sie mich beiseite und gab mir heilsame Ratschläge für meine bevorstehende Reise. Zuerst warnte sie mich vor schwimmenden Felsen, bei denen ich vorbeikommen würde, dann vor den Sirenen, die mit hinreißendem Gesange alle Vorüberreisenden an sich locken und ihnen den Tod bereiten. Weil es aber nicht möglich ist, fuhr sie fort, den verführerischen Gesange zu widerstehen, so nimm hier diese Scheibe Wachs, knete daraus Pflaster und verklebe damit beizeiten die Ohren deiner Gefährten; dich selbst aber laß an den Mastbaum binden, und wenn du, hingerissen von dem Zaubergesange dich loszumachen strebst, dann mögen jene die Bande verdoppeln, bis ihr vorüber seid. Noch eine weit größere Gefahr harrt deiner in der schrecklichen Meereskluft, wo Skylla und Charybdis hausen. Hier drängt sich das Meer zwischen zwei schroffe Felsen hinein, die kaum einen Bogenschuß weit voneinander abstehen. Tief an dem Fuße des einen lauert Charybdis, das eine Ungeheuer, und schlürft mit gewaltigen Zügen unendliche Ströme Wassers in sich, auch Schiffe und Menschen und was ihr zu nahe kommt, und lange nachher speit sie es im Strudel zerschmettert wieder von sich. Vor dieser Seite hüte dich und halte dich mehr auf der andern, wo das zweite Ungeheuer, die Skylla, haust. Die hat sechs lange Hälse und Köpfe, zwölf Füße, und in jedem Rachen drei Reihen Zähne, womit sie Seehunde und Delphine zermalmt, die sie im schnellen Untertauchen mit ihren langen Hälsen erhascht. Auch du, wenn du hindurch ruderst, wirst diesem Wächter einen schrecklichen Zoll zahlen müssen, denn mit jedem Rachen wird er dir rasch einen Gefährten von der Ruderbank wegschnappen; aber besser, daß du sechs Mann verlierest, als daß dein ganzes Schiff in der Charybdis Strudel unterginge. Endlich warne ich dich noch vor den heiligen Stieren des Helios auf der Insel Thrinakia. Vergreift ihr euch an einem von diesen, dann wehe dir! du wirst eine bittere Heimkehr finden.«

»Durch Kirkes Güte wurden wir noch reichlich mit Lebensmitteln versorgt. Dann traten wir bei einem günstigen Winde, den uns die Göttin selbst nachwehen ließ, unsere Fahrt von neuem an. Den Irrfelsen wichen wir glücklich aus, und als ich die Sirenen in der Nähe vermutete, nahm ich meine Scheibe Wachs zur Hand und fing an kleine Kugeln zu kneten. Das sollt ihr vor die Ohren haben, sagte ich zu meinen Gefährten und erzählte ihnen, was mir Kirke gesagt hatte. Sie ließen sich geduldig die Ohren verkleben, und ich gab Stricke heraus, womit sie mich an den Mastbaum binden mußten. So ruderten wir den Sirenen entgegen. Und siehe, reizende Mädchenköpfe blickten vom grünen Strande her, und zarte Arme, glänzender als Alabaster, streckten sich verlangend nach uns aus. Aber über alles sanft und melodisch waren die schmelzenden Stimmen, welche von den rosigen Lippen ertönten.« »Komm«, so lautete ihr lockender Gesang, »komm, preisvoller Odysseus, du berühmtester der Achäer; lenke dein Schiff zu uns her ans Gestade und laß dir unsere Lieder gefallen. Noch ist hier keiner vorübergesegelt, der sich nicht derselben erfreut hätte. Komm, wir wollen dir singen von Troja und von deinen Freunden, von den toten und von den lebenden; denn wir wissen alles, was vorgeht auf dem weiten Raume der Erde,«

»Also sangen jene. Mich aber ergriff heißes Verlangen noch weiter ihrer Stimme zu lauschen. Ich strebte mich loszumachen, ja ich bat die Freunde mit Winken und Mienen, aber sie banden mich nur fester, bis wir die Singenden weit hinter uns hatten und leiser, immer leiser der zauberische Klang verhallte. Da erst lösten sie meine Bande und nahmen sich selber das Wachs aus den Ohren.«

»Als wir danach auf die Insel zusegelten, erblickte ich schon von ferne mit Grausen die schroffen Felsen, und meinen Ruderern erstarrten die Arme, als sie den Donner der wütenden Brandung vernahmen. Ich ermahnte sie mit aller Anstrengung so schnell als möglich hindurchzurudern, und dem Steuermanne befahl ich, sich auf der rechten Seite zu halten, damit wir nicht in den Strudel der Charybdis hinabgerissen würden. Von der fürchterlichen Skylla schwieg ich weislich, sonst hätte mir niemand ferner gerudert, sondern alle hätten sich in dem Schiffsraume verkrochen. Indem ich nun, völlig gerüstet und zwei Speere in der Hand haltend, auf dem hohen Verdeck da stand und links in den schäumenden Strudel staunend und zagend hinabsah – da auf einmal hörte ich ein Wehgeschrei zur Rechten, und siehe, das fürchterliche Ungeheuer zog eben mit seinen sechs Rachen sechs meiner besten Ruderer in die Luft, wie ein Fischer den zappelnden Fisch an der Angel hinaufschwingt. Wir alle erschraken und jammerten laut; die armen Ergriffenen riefen mich flehend um Hilfe an, aber was konnte ich thun? Ich mußte nur treiben, daß das Schiff vorwärts kam, damit wir in der furchtbaren Kluft nicht noch mehr Unheil erlebten. Endlich kamen wir glücklich hinaus und wendeten unsere Augen an dem herrlichen Anblick der grünen Hügel Thrinakias, von denen wir schon im Schiffe das Gebrüll der herrlichen Rinder und das friedliche Geblök der Schafherden hörten. Helios, der Sonnengott, hatte diese Herden der Hut zweier Nymphen übergeben und ergötzte sich an ihnen, so oft er seinen goldenen Wagen über Thrinakias Berge hinlenkte. Nimmer vermehrten oder verminderten sie sich, denn ihre Zahl war abgemessen, auch alterten sie nicht, sondern glänzten in unvergänglicher Jugendfülle.«

»Freunde«, sprach ich, »das ist die Insel, an die unser Schicksal geknüpft ist. Schon sehe ich die verführerischen Herden des Helios, auf deren Berührung der Tod steht. Laßt uns lieber der Versuchung entfliehen und steuert an dieser Küste vorbei; wir finden ja wohl ein anderes Eiland, um anlegen zu können.«

»Aber das war ihnen eine unwillkommene Rede. Ein allgemeines Murren erhob sich, und der widerspenstige Eurylochos nahm das Wort und sprach:

»Grausamer Mann, du trotzest vor Mut, denn dir erschlafft nie ein Gelenk, du bist wie von Stahl und Eisen. Aber wir andern alle sind von der schweren Arbeit so ermattet, daß wir nicht weiter können, und du willst uns nicht einmal die nötige Erquickung vergönnen? Blind sollen wir in die Nacht hineinrudern, wo wir weder Weg noch Steg kennen und wo wir verloren sind, sobald sich nur ein widriger Wind erhebt! Laß uns doch wenigstens ans Land stoßen, damit wir dort etwas Nahrung zu uns nehmen und die Nacht bei dem Schiffe ausruhen. Morgen mit dem Frühesten können wir ja dann wieder einsteigen und ins offene Meer steuern.« »Alle stimmten in dies Verlangen ein, und ich sah nun wohl, daß ein Gott mir zuwider war und Böses über uns verhängte. Da sprach ich zu ihnen: Ihr alle zwingt mich Einzelnen leicht zum Gehorsam; allein schwört mir keines jener Tiere anzurühren, sondern euch mit der Speise zu begnügen, welche uns Kirke mitgegeben hat. Das schwuren sie bereitwillig, und so legte der Steuermann am Ufer an.«

»Wir stiegen aus und aßen zu Nacht. Dann schütteten wir im Gespräch den Gram des Herzens aus über den schrecklichen Tod unserer lieben Gefährten, und spät erst stillte der süßbetäubende Schlummer unsere Thränen. Aber ach, welch ein Erwachen stand uns bevor! Noch war die Nacht nicht vorüber und die letzten Sterne funkelten noch am Himmel, als ein ungeheurer Orkan sich erhob und Meer und Land sich in dickes, schwarzes Gewölk verhüllte. Mit dem Anbruch des Morgens zogen wir unter fürchterlichem Regen das Schiff in eine Felsgrotte und bargen uns selbst, so gut wir konnten.«

»Freunde«, sprach ich, »wir kommen heute nicht fort von dieser Insel, aber wir haben zum Glück noch Vorrat von Speise und Trank im Schiffe. Darum beschwöre ich euch nochmals, rühre mir keiner die heiligen Stiere an, damit uns nichts Böses begegne.«

»Sie alle versprachen's und ich beruhigte mich. Aber den ganzen Monat hindurch wechselte Südwind mit rauhem Ostwinde, und wir mußten noch immer liegen bleiben. So lange es an Speise und Wein nicht fehlte, schonten meine Gefährten der Rinder in ängstlicher Sorge für ihr eigenes Wohl. Als aber endlich der ganze Vorrat verzehrt war, da zerstreuten sie sich und suchten kümmerlich Muscheln zu ihrer Nahrung, oder sie fingen sich Fische oder schossen einmal einen Vogel aus der Luft. Allein das alles reichte nicht hin den nagenden Hunger zu stillen. Da ging ich einmal weit weg vom Schiffe, trat ans Ufer, wusch die Hände in der heiligen Meeresflut und flehte lange und inbrünstig zu den Göttern, meinem Elend ein Ende zu machen. Und als ich so heiß gebetet hatte, überfiel mich ein tiefer Schlaf, und ich sank ermattet am Gestade nieder.«

»Inzwischen erwachte in meinen Gefährten die böse Begierde ihren Schwur zu brechen. Vorzüglich ermunterte jener Eurylochos sie mit trüglichen Worten zum Ungehorsam. Wie? sagte er, ist uns einmal der Tod bestimmt, so mag uns Zeus lieber auf einmal im Schiffe zerschmettern, als daß wir hier langsam von des Hungers fürchterlichster Qual verzehrt werden. In dieser Not kann der Raub kein Unrecht mehr sein. Auf! laßt uns einige jener Stiere fangen und opfern, und dem beleidigten Sonnengott einen stattlichen Tempel in Ithaka geloben, sobald wir glücklich nach Hause gekommen sein werden.«

»Leicht waren die Gemüter überredet. Die besten Rinder wurden gefangen und den Göttern unter Gebet und Gelübden geopfert. Statt der heiligen Gerste streuten sie zartes Eichenlaub unter, und statt des Weines besprengten sie die Eingeweide mit Wasser.«

»Eben als auf kunstlosem Altare die fetten Hüftenstücke bratend aufdampften, erwachte ich von meinem langen Schlummer und lief eilig herbei. Götter! wie ward mir, als mir der unerwartete Duft schon von ferne entgegenwehte! Vergebens zürnte ich mir selbst, daß ich mich so weit entfernt hatte, vergebens schalt ich die Gefährten; ach, nun war ja alles zu spät! Aber Kalypso hat mir nachher erzählt, wie die Nymphen sogleich den Raub angezeigt, wie mich Helios darauf beim Zeus verklagt und gedroht, wenn er nicht Genugthuung erhalte, so wolle er nicht mehr den Göttern und Menschen, sondern nur den Unterirdischen leuchten; darauf habe Zeus ihm heilig versprochen mein ganzes Schiff zu zertrümmern, sobald ich mich wieder auf dem Meere würde sehen lassen. Ach, ich armer Mann, was sollte ich noch alles erdulden! Hätte ich's vorher gewußt, ich hätte es für unmöglich gehalten.«

»Nur sechs Tage reichte das Fleisch der Rinder zu, aber am siebenten legte sich der Ostwind, und der Himmel versprach uns eine ruhige Fahrt. Wir stiegen also schnell ein und eilten mit schimmernden Segeln der vaterländischen Küste zu. Indessen waren wir nicht lange gefahren, als sich plötzlich ein gewaltiger Westwind erhob, der dunkle Gewitterwolken über uns auftürmte. Unter den Schlägen des Donners und dem Geheul des Sturms schwankte unser schwaches Fahrzeug hin und her und füllte sich ganz mit Wasser. Und auf einmal – mit lautem Gekrach – brach der Mast mitten entzwei und erschlug im Fallen den Steuermann, daß er kopfüber ins Meer stürzte. Und gleich darauf zuckte ein fürchterlicher Blitz herunter, schlug mir die Wände des Schiffs platt ab, und alle Gefährten stürzten hinaus, wie sie auf den Ruderbänken gesessen hatten. Schwimmend tauchten sie rings um die Trümmer des Schiffes noch eine Weile auf, faßten auch wohl in der Angst ein Brett, aber bald entfloh einem nach dem andern kraftlos der Atem. Ich hatte mich fest an den Kiel geklammert, und als ich den zerbrochenen Mastbaum, welcher neben mir schwamm, mit dem großen Segeltaue erreichen konnte, nahm ich dasselbe und band den Kiel mit dem Mastbaum zusammen. Auf diesem elenden Floß suchte ich mich mühsam zu erhalten, da verwandelte sich der Westwind plötzlich in Süd und trieb mich in gerader Richtung wieder in die Meerenge der Skylla zurück. Nur warf mich die Flut diesmal mehr nach dem Strudel der Charybdis hin. Mir gleichviel! Denn hier wie dort schien ich verloren; nur ein Wunder konnte mich retten.« »Und siehe! Es war aus einer mit Moos und Erde bedeckten Klippe, welche dicht über dem Schlunde der Charybdis hing, ein Feigenbaum hervorgewachsen. Als nun der jähe Wirbel des Stromes mich in den Abgrund schleudern wollte, ergriff ich mit beiden Händen den schlanken Stamm und schwang mich schnell auch mit den Beinen hinauf. Hier schwebte ich zwischen Tod und Leben, indes mein Floß in die Tiefe versunken war. Aber ich wußte, daß das Ungeheuer alles bald wieder ausspeie, und so hoffte ich denn mein treues Floß, meine einzige Rettung, auch bald wieder hervortauchen zu sehen. Es kam glücklich zurück; ich wagte den schnellen Sprung, klammerte mich fest an dasselbe und ward durch dieselbe Gewalt des Strudels wieder aus der Kluft hinaus ins hohe Meer getrieben. Der Sturm hatte sich unterdessen gelegt, und ich ruderte nun auf gut Glück mit bloßen Händen neun Tage auf dem Meere umher, fast aufgerieben vom grimmigsten Hunger. Am zehnten Tage erreichte ich glücklich das Land. Es war die Insel Ogygia, wo Kalypso wohnt, die mich neun Jahre allein dort festgehalten hat, wie ich euch gestern schon erzählt habe. Was soll ich es also wiederholen? Ohnehin ist Mitternacht schon vorüber, und die sinkenden Sterne mahnen zum Schlummer.«

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