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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 7
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authorKarl Friedrich Becker
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Siebenter Abend.

Odysseus erzählt seine Abenteuer.

Erst jetzt also wollte der Wirt den Namen seines Gastes wissen, nachdem er ihn schon lange freundlich beherbergt, gespeist und getränkt hatte. Sonderbar! Bei uns ist die erste Frage an einen Fremden, der in unser Haus eintritt, mit wem man die Ehre habe zu sprechen. Und hier scheinen wir sogar Gleichgültigkeit zu finden bei einem Volke, das doch in andern Fällen so feinen Sinn zeigt. Allein, das wäre wahrlich ein vorschnelles Urteil! Gerade in dieser Unterdrückung der unschuldigsten Neugier liegt ein Schicklichkeitsgefühl und zugleich eine Zartheit religiöser Empfindung, die in uns Neueren fast erloschen ist.

In jenen Zeiten war das Land überall nur strichweise angebaut; die einzelnen Völkerschaften hatten fast gar keinen Verkehr miteinander, und ihr Zusammentreffen war öfter feindlich als freundlich. Ja jedes Volk, mit dem nicht besondere Verträge bestanden, galt als ein feindliches, und räuberische Einfälle in sein Gebiet waren nicht unerlaubt. Auch unter sich hing jedes einzelne Volk nur durch lockere Bande zusammen; die Macht des Königs hatte nicht viel zu bedeuten; nur daß er die Beratung und Ausführung bürgerlicher und religiöser Angelegenheiten leitete und im Kriege Anführer war, auch wohl Recht sprach unter seinem Volke. Die Beschäftigungen der Menschen waren noch alle höchst einfach, und an Abteilungen nach Zünften und Gewerken war noch gar nicht zu denken. Nur die drei Stände der Edeln, des Volkes und der Knechte waren voneinander geschieden. Ein höchst eingeschränkter Handel – denn nach ausländischen Waren fühlte man kein Bedürfnis – hatte kaum hie und da Wege von einem Volke zum andern gebahnt; man kannte nichts weiter von der Erde mit Gewißheit, als was man selbst gesehen hatte; und wer in die Ferne auszog, hatte gewöhnlich alle Gefahren einer Entdeckungsreise zu überwinden und mußte sich durch Wälder und unbetretene Gebirge und menschenleere Gegenden erst selbst die Pfade schaffen. Mit Recht wurde also der kühne Mann, der sich mit seinem Wanderstabe über das einheimische Gebiet hinauswagte, als ein halb Verlorener betrachtet. Mit Recht empfahl man ihn dem Schutze der Götter, und mit Recht staunte man den Pilger, der alle Mühsal solch einer Reise zur See und zu Lande glücklich überstanden und vieler fernen Völker Städte und Sitten kennen gelernt hatte, als einen Glücklichen an, über dessen Leben ein besonderes gnädiges Geschick gewaltet habe. Ja gewiß – meinte dann der kindlich vertrauende Sinn der Griechen weiter – gewiß nimmt sich der Vater Zeus selbst von seinem Olymp herab aller Reisenden an, sonst würden ihrer nicht so viele unverletzt zurückkommen. Gewiß sieht er's gern, wenn man seinen Schützlingen unterwegs wohlthut, und sicher muß man ihn tief beleidigen, wenn man diejenigen, die er behüten will, nicht aufnimmt und ihnen die Reise nicht erleichtert. Aus diesem frommen Glauben entstand die schöne Sitte der Gastfreundschaft und der allenthalben gültige Grundsatz, ein Reisender müsse aufgenommen werden, er sei wer er wolle; ja es sei das höchste Vergehen gegen die Götter überhaupt und besonders gegen den Zeus einen Fremdling abzuweisen, der sich hilfeflehend nahe. Daher die heilige Scheu vor der Person eines Reisenden, die selbst so weit ging, daß man lieber unwissend die Wohlthat reichte, ehe man vielleicht eine unglückliche Frage that. Denn der Fremde konnte ja ein Erbfeind des Hauses oder des Volkes sein, das ihn aufnahm; er konnte vielleicht gar einen Vater oder Bruder dessen, bei dem er nun einkehrte, erschlagen haben. Die Rache würde alsdann seinen Tod geboten haben, und die Pflicht der Gastfreundschaft wäre aufgehoben gewesen. Aber ehe man den Beschützer der Reisenden, den erhabenen Zeus, erzürnte, vermied man lieber ängstlich, den Namen des Gastes zu erfahren, so lange man nicht wußte, daß ein solcher Fall gewiß nicht zu befürchten sei.

Dem Odysseus merkte man nun wohl hinreichend an, daß er bisher nichts mit einem Phäaken zu schaffen gehabt haben könne, und da sein ganzes Betragen die Neugier seiner Wirte aufs höchste spannte, so hatte nun endlich Alkinoos, der ja alles, was einem Reisenden frommte, in reichem Maße an Odysseus gethan, ein Herz gefaßt ihn nach seinem Namen und seiner Geschichte zu fragen. Alle saßen in stummer Erwartung umher und sahen den Fremdling an.

»Ja«, begann Odysseus, »herrlich ist es hier bei euch, und eine Wonne ist es solchen Sänger zu hören und sein unsterbliches Lied. Schöneres kenne ich nicht, als wenn die Reihen der Gäste rings im Saale schmausend sitzen, der Herold von einem Tische zum andern geht und die Becher füllt, und nun der Sänger das Lied anstimmt von den Großthaten alter und neuer Zeit, daß alle Hörer sich freuen. Denn Spiel und Gesang sind ja die Würze des Mahles.«

»Aber ihr fragt mich jetzt um mein jammervolles Schicksal. Ach, das wird mich noch trauriger machen! Was soll ich doch zuerst, was soll ich zuletzt euch erzählen? wo anfangen, wo aufhören? Denn die himmlischen Götter haben viel Elend auf mich gehäuft. Mein Name mag das erste sein, damit ihr mich kennet und mich als euren Gastfreund im Andenken behaltet, wie weit uns auch das Schicksal trennen mag. Ich bin Odysseus von Ithaka, der Sohn des Laërtes, durch klugen Rat und kluge That weithin bekannt; mein Ruhm geht über die Erde.«

Die Phäaken starrten vor Verwunderung, und der alte Sänger beklagte den Verlust seiner Augen, daß er den Mann nicht sehen könne, dessen Heldenthaten er mit eigenem Entzücken so oft gesungen, und der jetzt plötzlich leibhaftig vor ihm saß. Nur durch den liederreichen Mund der Sage war bisher die Geschichte jenes berühmten Krieges nach Scheria gedrungen; man sprach von Achilleus und Agamemnon, von Odysseus und Hektor; jeder wünschte sich, diese Männer nur einmal zu sehen – und auf einmal sitzt der berühmteste von allen mitten unter ihnen, hat mit ihnen gegessen und getrunken, und ist jetzt bereit die Wunder zu erzählen, die er gethan, und die Schicksale, die er erlitten hat.

»Ja, ich bin Odysseus«, sagte der Held, »Ithaka ist mein Vaterland, die hochragende, sonnige Insel. Noch mehrere kleinere Inseln liegen rings um sie, von denen ihr vielleicht auch gehört habt, Same, Dulichion, Zakynthos. Von dem unglücklichen Kriege lasset mich schweigen. Als er beendet war, wendete ich mich mit meinen Genossen zur Stadt der Kikonen, Ismaros, zerstörte sie, schlug die Männer in die Flucht, und die Weiber und andere Beute teilten wir untereinander. Jetzt riet ich zwar eilig die Gegend zu verlassen, aber die thörichten Gefährten folgten mir nicht. So lange sie noch von den geplünderten Vorräten Wein und Ziegen und Schafe übrig hatten, schwelgten sie täglich an dem Gestade, und daher kam sogleich unser erstes Unglück. Die entflohenen Kikonen riefen ihre Bundesgenossen aus der Mitte des Landes herbei. Sie kamen in Menge den Ihrigen zu Hilfe und fielen über uns her, um sich schrecklich zu rächen. Früh am Morgen begann der wütende Kampf bei den Schiffen und wir trotzten im Anfange der Übermacht der Angreifenden; als aber die Sonne sank, mußten wir weichen. Von jedem Schiffe wurden mir sechs Mann erschlagen, und kaum entrann ich selbst mit den übrigen.«

»Aber das war nur das Vorspiel der folgenden Übel. Wir segelten, froh der bestandenen Gefahr, weiter nach Westen zu und hielten uns immer dem griechischen Ufer nahe. Da erhob sich ein heftiger Sturm, der die Masten unserer Schiffe zerbrach und die Segeltücher zerriß. Nur mit Mühe konnten wir das Ufer erreichen, an dem wir zwei Tage und zwei Nächte vor Anker lagen, um neue Segel aufzuspannen und die Masten auszubessern. Als wir uns am frühen Morgen des dritten Tages aufmachten und sichere Hoffnung hatten bald in die Heimat zu gelangen, da brach am Vorgebirge Malea ein neuer entsetzlicher Sturm los und warf uns weit, weit ins offene Meer hinaus. Neun Tage schwimmen wir, ein Spiel des fürchterlichsten Nordwinds, fast bewußtlos auf dem offenen Meere umher, bis uns derselbe Wind am zehnten Tage an die Küste der Lotophagen treibt. Das ist ein gutmütiges und hochbeglücktes Völkchen, denn ihnen ist eine Frucht zur täglichen Speise gegeben, Lotos genannt, die süßer schmeckt als Honig; und wer von der Frucht genießt, der wünscht sich ewig dort zu bleiben und vergißt ganz die Weiterreise. An ihrer Küste stiegen wir aus, um frisches Wasser einzunehmen. Aber ihre Frucht hatte die Wirkung nicht verfehlt. Mit Gewalt mußte ich meine Gefährten in die Schiffe zurücktreiben, sie in den Schiffsraum ziehen und dort festbinden, und hätte ich nicht eilig vom Lande abgestoßen, so würde kein Mensch mir weiter gefolgt sein.«

»Nun ruderten wir traurigen Herzens wieder der unabsehbaren Flut entgegen und landeten an einer kleinen, dichtbewaldeten Insel, die von keinem Menschen bewohnt war. Ziegen durchstreiften in unzählbaren Haufen die Ebenen, wild und ohne Scheu vor lauernden Jägern, Wir hatten hier eine leichte und glückliche Jagd und versorgten uns reichlich mit Nahrungsmitteln. Aber als wir uns durch Speise und Schlaf erquickt hatten, gelüstete mich's nach einer andern Insel hinüber zu steuern, die groß und fruchtbar vor uns lag. Auch hörten wir Menschenstimmen da drüben, und Herden weideten auf den Hügeln umher. Dort nämlich hauset das berühmte Riesenvolk der Kyklopen, ein wildes Geschlecht, ohne Ackerbau, ohne künstliche Wohnungen, ohne gemeinsames Oberhaupt, ohne Volksversammlungen und Gerichte, bei dem jede Familie völlig gesondert für sich besteht. Wohlan denn, sagte ich zu meinen Genossen, bleibet hier mit euren Schiffen; ich werde mit dem meinigen und zwölf erlesenen Gefährten dort hinüber steuern und das Land untersuchen. Denn gern möchte ich wissen, welcherlei Menschen es bewohnen, ob sie noch wild und gesetzlos sind, oder ob sie Gastfreundschaft üben und die Götter ehren.«

»So sprach ich und bestieg von neuem das Schiff. Mit mir nahm ich einen großen Schlauch des köstlichen Weins, den mir ein Priester der Kikonen in Ismaros geschenkt hatte, weil wir bei der Zerstörung der Stadt ihn und sein Haus verschonten. Mit großem Bedachte versorgte ich mich mit dem süßen, herzbezwingenden Trank; denn es ahnte mir, ich würde auf unbändige Menschen stoßen, nicht zu bewegen durch Recht noch durch Rede.«

»Als wir angekommen waren, verbarg ich mein Schiff vorsichtig in einer kleinen Bucht und trat mit meinen Gefährten und meinem Weinschlauche an das Land. Nicht fern erblickte ich eine mächtige Felsenhöhle, rings umbaut mit einem Walle von großen Steinen und beschattet von einer Reihe hochstämmiger Fichten und Eichen. Das war die Wohnung des fürchterlichsten unter den Riesen, wo er nachts mit allen seinen Ziegen und Schafen hausete; denn Herden zu weiden war seine einzige Beschäftigung. Er war ein Sohn Poseidons, und Polyphemos sein Name. Auf der Stirn hatte er, wie alle Kyklopen, ein einziges, aber entsetzliches Auge, und in seinen Armen lag eine Kraft, Felsen wegzuwälzen und Granitblöcke wie Kiesel durch die Luft zu schleudern. Einsam zog er auf den Bergen umher, und alle andern Kyklopen mieden ihn, denn er war roh und sann nur auf Verderben und schmählichen Frevel.«

»Ich Unglücklicher, das nicht vorher zu wissen! Ich ging mit zwölf der tapfersten Genossen auf die offene Höhle zu, die wir sogleich betraten. Wir fanden ihn nicht darinnen; denn noch war die Sonne nicht untergegangen, und er weidete in der Ferne noch seine Herden. Wunderbar erschien uns der Anblick der Ställe umher, die voll von Lämmerchen und jungen Ziegen waren, jede Gattung besonders eingesperrt. Da standen Körbe und Kübel mit Käse und Milch, auch Molken in großen Gefäßen und Eimer zum Melken. Meine Begleiter hatten große Lust ein paar Körbe mit Käse aufzuladen, eine Partie Lämmer und Zicklein vor sich hinzutreiben und so auf dem Schiffe schnell wieder zu entfliehen, ehe der grause Höhlenkönig nach Hause käme. Aber das verbot ich, denn ich war allzu begierig den Mann kennen zu lernen und hoffte wohl im guten ein Gastgeschenk von ihm zu bekommen, wie es unter gastfreien Menschen Sitte ist. Aber wie hatte ich mich geirrt!«

»Wir setzten uns nieder in die Höhle, zündeten ein Feuer an zum Opfer und aßen zum Zeitvertreib ein paar Käse, bis der Kyklop zurückkommen würde. Erst am Abend erschien er mit seiner ganzen Herde vor dem Eingange; wir traten erschrocken beiseite, und er sah uns nicht sogleich. Auf seiner Schulter trug er eine gewaltige Last gespaltenen Holzes, das er sich mitgebracht hatte, um das Abendessen zu bereiten. Mit lautem Getöse stürzte er die ganze Ladung auf den Boden nieder. Da krachte der Felsen, und wir flohen aus Furcht in den innersten Winkel der Höhle. Dann trieb er die Ziegen und Schafe herein, und nun verrammelte er den Eingang mit einem Felsstück, das zweiundzwanzig vierrädrige Wagen nicht von der Stelle gebracht haben würden. Jetzt waren wir gefangen und in der Gewalt des Ungeheuers.«

»Noch sahen wir ihm unbemerkt ein Weilchen zu, wie er sich gemächlich auf die Erde setzte und ein Tier nach dem andern heranzog, um es zu melken, wie er dann die Milch in dichtgeflochtene Körbe goß und dieselben rings herum stellte, und wie er zuletzt die Glut in der Asche aufschürte, um sich ein neues Feuer anzuzünden.«

»Jetzt schlug die helle Flamme auf, und nun erkannte er uns, die wir noch immer zusammengedrängt in dem Winkel standen. Einen Augenblick starrte er uns an, dann donnerte er uns mit fürchterlicher Stimme entgegen:

»Heda! wer seid ihr? Wo kommt ihr her? Habt ihr ein Gewerbe, oder schweift ihr nur herum, etwa wie Räuber, die den Leuten auf dem Meere aufpassen und ihres Lebens nicht schonen? He?«

»Die Kniee zitterten uns vor dem Gebrüll des Ungetüms. Aber dennoch faßte ich mich geschwind und antwortete dreist:

»Griechen sind wir, die von Troja kommen, und auf der Fahrt nach Hause von bösen Stürmen hier an diese entlegene Insel verschlagen worden sind. Wenn du von dem berühmten Agamemnon gehört hast, der im Bunde mit den übrigen Fürsten der Achäer Trojas feste Mauern zerstört hat – zu dessen Völkern haben wir gehört. Nun aber, da das Unglück uns verfolgt, flehen wir dich an uns zu beherbergen und uns ein Gastgeschenk zu geben, wie es hilfebittenden Fremdlingen gebührt und wie die Götter es gern sehen. Ehre du also, trefflicher Mann, die Götter, da wir in Demut nahen; denn Zeus ist der Rächer jeglichen Frevels, der an einem reisenden Manne verübt wird!«

»Hoho! du thörichter Fremdling du!« schrie der Kyklop uns entgegen, »du scheinst sehr weit herzukommen, da du die Kyklopen so schlecht kennst. Hier ehrt kein Mensch die Götter, und von deinem Zeus wissen wir nichts, denn wir selbst sind ja viel besser; und wenn ich's selber nicht will, aus Furcht vor dem Gastvater Zeus verschone ich euch wahrhaftig nicht. – Doch sage mir, wo bist du mit deinem Schiffe gelandet? Ich möchte es gerne wissen.«

»Ich merkte die Tücke. Frag' nur, dachte ich, du sollst mich doch nicht überlisten. – Mein Schiff? sagte ich laut. Ach wenn wir das noch hätten, so wären wir nicht hierher gekommen. Das hat uns der Sturm zerschellt, und hätten wir nicht schwimmen können, so wären wir alle miteinander ertrunken.«

»So!« brummte der Kyklop. Und – Götter! wer hätte das gedacht! – statt aller Antwort streckte er beide Arme nach uns aus, packte zwei meiner Gefährten bei den Beinen, und schmetterte sie wie junge Hunde mit eiserner Faust gegen den Boden, daß Blut und Gehirn weit umherspritzte. Und sogleich zerriß er sie weiter, Glied für Glied, und fraß sie auf mit Haut und Haar, mit Eingeweiden und Knochen. Wir jammerten laut, als wir die entsetzliche Greuelthat sahen, und flehten zu Zeus, dem Beschützer der Reisenden. Aber den Kyklopen rührte unser Angstgeschrei nicht. Nachdem er sich den gewaltigen Wanst mit Menschenfleisch gefüllt hatte, schlürfte er noch einmal einen Kübel voll Milch zu der abscheulichen Mahlzeit, und streckte sich dann zum Schlafen der Länge nach in der Höhle nieder.«

»Was thust du?« sprach ich jetzt zu mir selbst, als ich das Ungeheuer auf dem Boden schnarchen hörte. »Bohrst du ihm das Schwert ins Herz, ehe er aufwacht, und rächst auf der Stelle die blutige Schreckenstat? – Aber nein! wenn ich ihn tötete, wer öffnete uns dann die schwer verrammelte Thür? Keiner als der Riese selbst ist ja vermögend, den mächtigen Stein von der Stelle zu schieben. Der Anschlag wäre also nicht klug ersonnen gewesen; wir hätten uns selbst den jämmerlichsten Hungertod in unentrinnbarem Gefängnisse bereitet. Wir mußten etwas Besseres ersinnen und erwarteten unter Furcht und Zweifeln den Anbruch des Tages.«

»Mit der Morgenröte erwachte auch der Kyklop und ging an die gewöhnlichen Verrichtungen. Er legte frisches Holz ans Feuer, melkte seine Herde Stück für Stück und legte die Säuglinge an die Euter der Alten. Dann trat er ohne Umstände, als müßte es so sein, an uns heran, packte wieder zwei von meinen lieben Gefährten und tötete und verzehrte sie, wie am gestrigen Tage. Hierauf stieß er den Stein von der Thür zurück, trieb die Herde hinaus, und schob den ungeheuren Fels wieder vor, wie man etwa einen Deckel auf den Köcher setzt.«

»Da waren wir also wieder eingesperrt, einen langen Tag über! Jetzt ersann ich einen Plan uns zu befreien und zugleich die erschlagenen Gefährten zu rächen. Sein großes Auge wollte ich ihm ausbohren, und zwar nicht mit dem Schwerte, sondern mit einem glühenden Pfahle. Dazu erblickte ich in der Höhle ein herrliches Werkzeug, des Riesen eigene Keule aus grünem Olivenholz, so lang und dick wie ein Mastbaum. Die legte ich mir zurecht und hieb ein Ende von der Spitze ab, etwa ein paar Ellen lang. Meine Gefährten mußten mir's glätten, dann spitzte ich selbst den Pfahl oben zu und härtete die Spitze in der lodernden Flamme des Feuers. Jetzt war meine Waffe fertig, und sorgfältig verbarg ich sie unter dem Miste, womit der Fußboden dicht belegt war. Darauf losten meine Gefährten, wer den Pfahl ins Auge des schlafenden Riesen stoßen solle, und so erwarteten wir unruhig den Abend und des Kyklopen Rückkehr.«

»Endlich kam er mit seinen gemästeten Herden und trieb sie wieder zu uns herein. Diesmal ließ er keine Tiere in dem Vorhofe zurück, sondern brachte die ganze Herde in die Höhle, mochte dies aus Argwohn geschehen, oder weil ein Gott es so fügte. Dann setzte er den Felsblock vor, melkte seine Schafe und Ziegen, fraß wieder zwei von meinen armen Gefährten auf und legte frisches Holz an, das Feuer zu unterhalten. Jetzt holte ich den versteckten Weinschlauch hervor und ging mit einer hölzernen Kanne Weins dreist auf ihn zu.«

»Sieh da, Kyklop«, sprach ich, »hier hab' ich zu trinken. Versuch' einmal! Auf Menschenfleisch schmeckt der Wein gut. Nimm, damit du doch siehst, was für einen köstlichen Trunk wir auf unserm gestrandeten Schiffe gehabt haben. Ich hatte den Wein für dich zum Opfer mitgebracht, wenn du mir die Bitte gewährt hättest gastfreundlich meine Heimfahrt zu fördern. Aber wahrlich du machst es zu arg. Böser Mann, wer wird dich künftig wieder besuchen, wenn du so mit deinen Gästen verfährst?«

»Er nahm den Krug und trank.«

»Hei! das behagte gewaltig! Wie mit einem Schlage erheiterten sich seine Mienen, und als er den tiefen Krug geleert hatte, sprach er schmunzelnd:

»Schenk' doch noch einmal ein aus deinem Schlauche da, und sage mir auch, wie du heißest, damit ich dich mit einem Gastgeschenk erfreuen kann. – Der Tausend! was ist das für ein herrliches Getränk! Hier wächst auch Wein, große Trauben, süß von Geschmack, aber wahrhaftig gegen diesen ist er nur Wasser. – So recht! mehr her!«

»Ich schenkte ihm dreimal voll, und er schlürfte in vollen Zügen, der Tropf! Bald sah ich mit innigem Vergnügen, wie der starke Wein seine Sinne umnebelte. Da fiel mir eine treffliche List ein. »Höre«, sprach ich, »meinen Namen begehrst du? Nun, so wisse denn: Niemand heiß' ich, Niemand nennen mich Vater und Mutter und alle anderen Leute. Jetzt reiche mir aber auch das Gastgeschenk, das du versprochen hast.«

»Wohl«, sprach der Grausame, »so soll Niemand der letzte sein, den ich von euch allen verzehre. Nehmt das als Gastgeschenk von mir an!«

»Mit diesen Worten taumelte er rücklings nieder und war bald vom Schlaf überwältigt. Unruhig warf er sich umher, und nur zuweilen trieb der Rausch ihn vom Lager auf, bis er endlich durch ein viehisches Schnarchen seine gänzliche Erschöpfung kund gab. Jetzt war die Stunde gekommen. Ich zog hurtig den Pfahl hervor, steckte den Stachel ins Feuer und drehte ihn so lange um, bis er glühend und knisternd Funken sprühte. Nun ermahnte ich meine Gefährten mir herzhaft beizustehen und nicht furchtsam zurückzuspringen. Ein Gott hauchte uns Mut in die Seele. Wir faßten alle an, und in einem Nu bohrten wir den sengenden Pfahl ins Auge des Schlafenden. Wie wenn der Schmied ein glühendes Eisen plötzlich in kaltes Wasser stoßt, um es abzukühlen, so zischte das große Auge des Kyklopen, als der Kienbrand hineinfuhr. Wir aber drückten immer tiefer und drehten, wie man einen Bohrer ins Holz dreht, daß rings das siedendheiße Blut hervorquoll und über Stirn und Wangen herabfloß. Die Wurzeln des Auges prasselten, und die großen Augenbrauen wurden von der Hitze schnell versengt. Der Riese stürzte mit entsetzlichem Geschrei empor und sogleich flogen wir nach allen Seiten auseinander in die Winkel der Höhle. Er riß, betäubt vom höllischen Schmerze, den blutigen Brand aus dem Auge, schleuderte ihn wütend gegen die Felsenwand und tobte wie ein Wahnsinniger. Von seinem rasenden Gebrüll erwachten die andern Kyklopen in der Nachbarschaft. Sie kamen herbei gelaufen und standen draußen rings um die Höhle.

»Was geschah dir für Leid, Polyphem«, riefen sie herein, »daß du so entsetzlich durch die Höhle brüllest? Du hast uns alle vom Schlummer erweckt. Hat dir jemand dein Vieh gestohlen oder überfällt dich gar ein Mörder mit Arglist oder gewaltsam?«

»Wehe!« schrie der Kyklop, »Niemand tötet mich, Niemand thut es mit Arglist!«

»Nun, wenn dir keiner Gewalt anthut, antworteten die andern Kyklopen, so sind wir hier unnütz. Gegen innere Schmerzen und Krankheiten haben wir kein Mittel. Darum mußt du den Meerbeherrscher Poseidon, deinen Vater anflehen.« – So sprachen sie und entfernten sich eilig.

»Wie lachte mir das Herz vor Freude, daß mein schlau ersonnener Name sie getäuscht hatte! Aber noch hatte ich die größte Gefahr nicht überstanden. In den Winkeln der Höhle entwischten wir dem blinden Tapper wohl, so viel er auch um sich griff. Aber nun setzte er sich vor den Eingang der Höhle, schob den Stein nur zur Hälfte zurück und streckte die Hände aus, um uns zu fangen, wenn wir etwa mit den Schafen und Böcken hinausschleichen wollten. Auch eine tatarische Sage kennt einen Riesen Depeghöz (Scheitelauge), dem die Oghuzier täglich 2 Menschen und 500 Schafe zur Nahrung liefern müssen. Bissat der Held brennt ihm mit einem geglühten Messer das Auge aus. Darauf setzt sich der blinde Riese gleichfalls an die Thür und fühlt jeden herausgehenden Bock an. Nach einer esthnischen Sage kommt der Teufel um seine Augen, indem ein Mann, welcher sich Issi (Selber) nennt, ihm die alten blendet unter dem Versprechen neue zu gießen. Der Teufel lief in seinem Schmerze aufs Feld, wo die pflügenden Leute ihn frugen: Wer that dir das? Issi leggi (Selber that's), antwortete der Teufel. Da lachten die Leute und sprachen: »Selber gethan, selber habe,« – Das Zählen der Schafe aber erinnert an das deutsche Märchen (Grimm Nr. 191.) von einem Riesen, dem ein Räuber mit seinen Gesellen in die Hände gefallen war; die List mit dem Namen an den Schiffer »Selbergethan« in der Sage, welche sich in Haupts Zeitschrift IV, 393 und, von daher entlehnt, in Masius' deutschem Lesebuch, Teil I, Seite 32 findet. Denn er hielt uns für so einfältig.«

»Aber das waren wir nicht. Auch für diesen Fall hatte ich eine List bereitet. Unter den Böcken waren gewaltige Tiere, groß und stark, und mit dickbuschiger Wolle bewachsen. Davon stellte ich in der Stille je drei und drei zusammen und verband sie mit starken Weidenruten; der mittlere aber trug immer einen von meinen Gefährten, der sich an dem Vließe des Bauches festhielt, während die beiden andern Widder zur Seite ihn schützten. Einen vorzüglich großen aber, den krauswolligen König aller Widder, behielt ich für mich zurück. So gerüstet erwarteten wir den Morgen.«

»Die kleine dickgeschwänzte Schar rückte endlich aus und drängte sich vor dem lauernden Herrn vorbei, der alle Rücken sorgfältig betastete, ob etwa einer von uns mit hinausreiten würde. Daß wir unten hängen könnten, fiel ihm gar nicht ein. Endlich kam das erste Dreigespann heran und trug seinen Mann glücklich hindurch, das zweite gleichfalls und so alle folgenden. Ich allein war nur noch übrig mit meinem alten Bocke. Ich kroch unter seinen Bauch, klammerte mich mit Händen und Füßen in seinem dickwolligen Felle fest und drückte meinen Leib so dicht an den seinigen, als ich nur konnte. So keuchte getreulich das Tier mit seiner ungewohnten Last langsam dem Eingange zu, während ich mich mit unsäglicher Mühe an der gekräuselten Wolle festhielt. Der Kyklop erkannte ihn beim Streicheln sogleich, hielt ihn an und sagte traurig zu ihm:«

»Liebes Böckchen, mein Tierchen, wie kommst du denn heute so spät aus der Höhle? Sonst bist du ja immer der erste und trabst lustig voran, wenn's hinaus oder herein oder zur Tränke geht. Und heute der letzte von allen! Bist du vielleicht auch traurig und jammert dich das Auge deines Herrn, das mir der Bösewicht, der Niemand, geblendet hat? Nun warte nur, der soll, meine ich, seinem Verderben nicht entgehen! Könntest du nur reden, mein Böckchen, wie ich, du sagtest mir sogleich, wo der Schurke sich vor meiner Gewalt versteckt hält. Da würdest du sehen, wie sein Blut und Hirn hierhin und dorthin in der Höhle herumspritzen sollte! Das würde meinem Herzen süße Rache sein!«

»So sprach der Kyklop und entließ den Widder. Nur noch eine kleine Strecke ließ ich mich von ihm tragen, dann ließ ich zuerst los, raffte mich auf und erlöste nun auch meine Freunde, deren leider nur noch sieben waren. Die Schafe aber, unsere Retter, trieben wir still vor uns her und nahmen sie zum Danke mit. Der Kyklop schloß vorsichtig seine Thür wieder zu und lockte dann pfeifend seine Herde. Wir lachten heimlich im Herzen, schlichen uns hurtig mit den geraubten Tieren zu unserm Schiffe und stießen vom Lande ab. Nun ward aus Leibeskräften gerudert, und als das Schiff so weit vom Ufer entfernt war, wie die Stimme eines Mannes schallt, da fiel es mir noch ein dem Ungeheuer höhnend ein Lebewohl hinüber zu rufen.«

»Heda! Kyklop! Merkst du nun, daß du keinen verächtlichen Erdensohn beherbergt hast? Ha wahrlich, du hast meine Freunde nicht umsonst gefressen! Endlich hat dich doch deines unmenschlichen Frevels Lohn getroffen. Jetzt fühlst du die Strafe des Zeus und der andern Götter.«

»Wie kochte sein Zorn! So waren sie ihm dennoch entronnen die Spötter, denen er noch in seiner Höhle die schrecklichste Rache zugedacht hatte. Wütend brach er einen Felszacken ab und schleuderte ihn mit gewaltiger Kraft dahin, woher die Stimme erschollen war. Er hatte gut gezielt; dicht hinter unserm Schiffe fiel der Block nieder, daß das Meer hoch aufschäumte und wir alle schwankten im Strudel der Wogen. Fast trieb uns die empörte Flut wieder ans Ufer zurück, aber ich ermunterte die Gefährten mit aller Anstrengung wieder abzustoßen vom Lande, und so ruderten sie mit Macht ins hohe Meer hinein.«

»Noch immer sah ich von weitem den Riesen da stehen und sich die blutige Stirn befühlen. Da gelüstete mich noch einmal ihn anzureden, ob auch die Genossen mir zuwinkten und leise bittend mich abmahnten, weil sie neue Gefahr von seinen Steinwürfen fürchteten. Ich aber faßte mir ein Herz und rief zum zweitenmale:

»Höre doch noch eines, Kyklop! Wenn dich die Leute fragen, wer dir das Auge so schändlich geblendet hat, so kannst du nur sagen: das hat Odysseus gethan, des Laërtes Sohn aus Ithaka, der Zerstörer von Troja!«

»Ha! verwünschter Gast!« sprudelte im höchsten Grimme der rasende Kyklop. »So ist es also doch erfüllt, was einst der Wahrsager mir hier prophezeite. Der hat mir deinen Namen genannt, und immer fürchtete ich, daß einst ein großer und stattlicher Kernmann, mit übermenschlicher Stärke ausgerüstet, mich hier heimsuchen würde. Und nun muß es so ein elender Wicht, so ein kleiner, erbärmlicher Gesell sein, der mich mit Wein überlistet und mir im Rausch das Auge blendet!«

»Aber höre doch, Odysseus«, rief er gleich darauf, »komm doch noch einmal heran und laß uns Frieden machen! Ich will dich als Gast herrlich bewirten und dir vom Poseidon ein sicheres Geleit erflehen. Er ist mein Vater, und er heilt mir gewiß auch mein Auge wieder; da soll dir alles vergeben sein.«

»Ha ha ha! schrie ich hinüber; könnte ich dich nur so sicher zu den Toten schicken, als weder Poseidon noch sonst ein Gott dein Auge heilen wird!«

»Und nun hörte ich ihn laut zu seinem Vater flehen, daß er alles Ungemach über mein Haupt senden und mich in Stürmen und grausen Wasserfluten meinen Tod finden lassen möchte. Und wäre mir das nicht vom Schicksale bestimmt, so sollte er mich wenigstens erst spät und nach langem Irrsal, traurig, ohne Freund und Gefährten nach Hause kommen und dort mich Jammer und Unglück treffen lassen. Ach, der Gott hat ihn nur zu sehr erhört!«

»Indessen ruderten wir fort, aber noch nicht ohne Gefahr. Denn plötzlich kam wieder ein Steinblock uns nachgeflogen und stürzte, wie der erste, hart hinter unserm Schiffe ins Meer. Noch einmal wurden wir in dem schwankenden Fahrzeuge ans Ufer getrieben und mußten uns von neuem losarbeiten. Endlich erreichten wir glücklich die kleine Ziegeninsel, auf der wir unsere Gefährten zurückgelassen hatten und verteilten die mitgebrachte Beute unter die ganze Schar. Die armen Zurückgebliebenen hatten uns schon für verloren gehalten und Tag und Nacht traurig harrend am Ufer gesessen. Mir erkannten sie den großen Bock zu, der mich aus der Höhle getragen hatte, und sogleich opferte ich ihn dem Zeus, und wir aßen und tranken den ganzen Tag in herzlicher Fröhlichkeit zusammen, nachdem wir so großen Ängsten entronnen waren. Als nun die Sonne ins Meer sank, legten wir uns dicht am Strande nieder zum Schlafen.«

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