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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 54
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Fünfzehnter Abend.

Theseus.

»Weil ich öfters Gelegenheit gehabt habe«, fuhr der Lehrer fort, »der Thaten des Theseus in meinen andern Erzählungen zu gedenken, so glaube ich, können wir von einer weitern Schilderung derselben absehen. Das meiste davon ist ohnehin Erfindung der Dichter, und das wirklich Geschichtliche darin läßt sich ganz kurz etwa so zusammenfassen: Theseus war ein begabter Held, wie Herakles, der nicht bloß durch Tapferkeit, sondern auch durch neue Gedanken, durch Verbesserungen in den geselligen Verhältnissen und durch zweckmäßige bürgerliche Einrichtungen auf seine Zeitgenossen wohlthätig gewirkt hat. Da er besonders den Athenern angehörte, so haben ihn diese als ihren Nationalhelden auch immer vorzüglich erhoben und ihn in Trauerspielen und andern Gedichten verherrlicht. Da fehlte es denn natürlich auch in seiner Geschichte nicht an kühnen Abenteuern.«

»O, die müssen Sie uns erzählen!« bat Wilhelm.

»Nun, wenn du meinst. Wohlan denn!«

Die Landschaft Attika, deren Hauptort die in der Folge so berühmt gewordene Stadt Athen war, ward etwa zwanzig Jahre vor dem Argonautenzuge von einem Könige, Namens Ägeus, beherrscht, der als der älteste von den vier Söhnen seines Vaters Pandion den Thron bestiegen hatte. Dieser hatte schon die zweite Gemahlin, aber noch keine Kinder. Das betrübte ihn sehr; denn er sah nun schon im Geiste voraus, wie seine Brüder sich vielleicht noch bei seinem Leben in seine Güter teilen und ihn, wenn er alt und schwach geworden, der Herrschaft berauben würden. Da fiel er auf eine List. Ich will insgeheim einen dritten Ehebund schließen, dachte er; vielleicht daß mir die Götter auf diesem Wege endlich einen Erben schenken. Unter einem erdichteten Vorwande trat er hierauf eine Reise nach dem Peloponnes an und kehrte bei seinem Gastfreunde Pittheus ein. Dieser, ein Sohn des Pelops, war Beherrscher von Trözene und hatte eine Tochter Namens Äthra. Ägeus eröffnete demselben seinen geheimen Plan und bat ihn um seinen Rat, ja er wagte es um die Hand der Äthra zu werben.

In der That ein seltsames Ansinnen! Ägeus, der daheim schon eine Gattin hatte, wollte hier noch eine zweite nehmen, bald nach der Hochzeit wieder nach Athen zurückreisen und seine neue Gemahlin bei ihrem Vater zurücklassen. Gewiß würden auch weder Vater noch Tochter dazu gestimmt haben, hätte nicht dem Pittheus ein Orakel verkündigt, seine Tochter werde übel verheiratet, aber Mutter eines berühmten Sohnes werden. Das bewog ihn auf gut Glück einzuschlagen, und so ward die Vermählung in aller Stille vollzogen. Ägeus verweilte hierauf nur wenige Tage noch in Trözene und schickte sich dann zur Abreise an. Ehe er aber sein Schiff bestieg, ging er mit Äthra an die einsame, klippenstarrende Meeresküste und hob mit starken Händen einen Felsblock auf, indem er sein Schwert und seine Sandalen darunter legte.

»Seine Sandalen?« fragte Julius.

»Nun ja, du wirst dich erinnern, daß die Griechen keine Schuhe oder Stiefel nach unserer Art trugen, sondern sich einfache Sohlen (das heißt eben Sandalen) unter die Füße banden.« »Sieh, Äthra«, sprach Ägeus zu ihr, »wenn dir ein Sohn heran wächst und er wird stark wie ich, so führe ihn hierher an diesen Stein und laß ihn denselben aufheben. Kann er das, dann erst sage ihm, wer sein Vater ist, und sehe ich dann einmal einen Jüngling in diesen Sohlen und mit diesem Schwerte gegürtet zu mir kommen, so werde ich ihn mit Freuden für meinen Sohn erkennen.«

Äthra versprach das und trennte sich mit traurigem Herzen von ihrem neuen Gemahl. Dieser kam bald darauf glücklich wieder in Athen an und ließ gegen niemand merken, wo er gewesen war.

Der starke Knabe erschien indessen, wie es das Orakel dem Pittheus verheißen hatte. Dieser nannte ihn Theseus und erzog ihn mit der größten Sorgfalt zu allen jenen Künsten körperlicher Kraft und Gewandtheit, die damals den Mann schmückten und ehrten. Theseus wuchs zu einem schönen und klugen Heldenjünglinge heran, und sein Anblick allein tröstete die Mutter über die Öde eines ehrlosen und einförmigen Lebens im väterlichen Hause, das auch nicht durch einen einzigen Besuch ihres fernen Gemahls unterbrochen ward.

Als Theseus seine volle Manneskraft erreicht hatte, äußerte er das lebhafteste Verlangen die Welt zu sehen und sich in Abenteuern zu versuchen. Dazu feuerten ihn besonders die Reden und die Riesengestalt des Herakles an, der oft auf seinen Zügen bei dem gastfreundlichen Pittheus einzukehren pflegte und sich mehrmals über den Ehrgeiz des kühn aufstrebenden Knaben mit Beifall geäußert hatte. Damals stand dieser Held schon auf der Höhe seines Ruhms und war, wohin er kam, ein Gegenstand der allgemeinen Bewunderung. Ihn beschloß der junge Theseus zu seinem Vorbilde zu nehmen, und da er ihm wirklich in der Kraft der Muskeln und in der Festigkeit der Glieder nahe kam, nur daß die vieljährige Übung ihm noch abging, so hoffte er desselben nicht lange unwürdig zu erscheinen.

Als seine zärtliche Mutter ihn zuletzt nicht länger halten konnte, führte sie ihn zu dem großen Steine hin, unter welchem Ägeus vor zwanzig Jahren sein Schwert und seine Sandalen verborgen hatte. Hier sollte die Stärke des Sohnes erprobt werden. Mit Leichtigkeit wälzte Theseus den Felsblock weg, gürtete das Schwert um seine Schultern und band die Sohlen unter seine Füße. Nun zeigte die Mutter ihm die Stelle am Ufer, von welcher sein Vater damals abgesegelt war, zeigte ihm die Richtung des Seeweges nach Athen und empfahl ihn dem Schutze der Götter.

Aber der kühne Jüngling verwarf den vorsichtigen Rat zur See nach Attika zu reisen. Das hätte ja das Ansehen gehabt, als scheue er, was er eben suchte: Abenteuer und Gefahr. Nein, gerade weil damals der Weg durch Argolis und den waldigen Isthmos wegen einzelner ihn durchstreifenden Räuberhorden so verrufen war, wollte er diesen gehen und versuchen, ob er sich nicht, wie Herakles, das Verdienst erwerben könne, solche unsichere Schlupfwinkel von ihren furchtbaren Bewohnern zu säubern. Denn – alle Wunderthaten des Herakles beiseite gesetzt – ward ja dieser Held eben dadurch der Wohlthäter seines Vaterlandes, daß er dasselbe von ungerechten Menschen und von wilden Tieren befreit hatte. Beides machte daher Theseus gleichfalls zur Aufgabe seines Lebens.

Sogleich auf der ersten Tagereise fand er Gelegenheit seinen Mut in Thaten zu bewähren. Auf dem Grenzgebirge zwischen Trözene und Epidauros wohnte nahe an der Straße ein übermütiger Unhold, mit Namen Periphetes, der allen Vorübergehenden mit einer eisenbeschlagenen Keule auflauerte und sie niederschlug. Theseus, wohlgewarnt, durchsuchte die Gegend vorsichtig, und als er ihn erblickte, forderte er ihn laut zum Kampfe heraus. Der Wilde kam trotzig hervor und schwang seine furchtbare Waffe über ihm, aber ehe er sie niederschmettern konnte, war ihm schon des Jünglings scharfes Schwert in den Leib gefahren, so daß er laut stöhnend zurücktaumelte und rücklings zur Erde niederstürzte. Freudig steckte Theseus sein Schwert in die Scheide und ergriff die Keule des Periphetes, um sie zum Andenken an seinen ersten Sieg mit sich zu nehmen.

Indem er gutes Mutes weiter ging, kam er in bewohntere Gegenden, in welchen er schreckliche Geschichten von einem andern Räuber hörte, den die Leute nur schlechtweg den Fichtenbeuger (Pityokamptes) oder auch wohl Sinis (den Bösewicht) nannten. Er hatte eine Höhle am Eingange zur korinthischen Landenge, und da er selbst so übermäßig stark war, daß er zwei hohe nebeneinanderstehende Fichten mit seinen Armen umspannen und ihre Wipfel zusammenbeugen konnte, so verlangte er unter Androhung des Todes von jedem Vorüberreisenden, ihm das Kunststück nachzumachen, und konnte dieser es nicht, so hängte er ihn an einer der Fichten auf. Theseus hatte bis jetzt außer dem Herakles noch keinen Mann gesehen, der ihm an Stärke gleich gekommen wäre, und brannte vor Begier sich mit diesem Riesen zu messen. Er kam, sah die schlanken Bäume und schloß sie so fest zusammen, daß ihre Spitzen sich durchkreuzten. Da erblaßte Sinis zum erstenmale in seinem Leben, er ahnte die nahe Rache, und in der That packte ihn gleich darauf Theseus und hängte ihn an einen der beiden Stämme dem letzten Unglücklichen gegenüber, den seine Grausamkeit auf die nämliche Weise ums Leben gebracht hatte. Nach einer andern Erzählung bestand des Sinis Grausamkeit darin, daß er die Fremden zwischen zwei zur Erde niedergebeugten Fichten festzubinden und von den wieder zurückschnellenden Bäumen zu seiner Belustigung zerreißen zu lassen pflegte. Durch dieselbe Todesart ließ ihn Theseus für seine früheren Frevel büßen. Nach einer dritten Überlieferung zwang er die Wanderer mit ihm eine Fichte niederzubeugen, worauf er plötzlich losließ, so daß jene zerschmettert wurden.

Hierauf zog Theseus weiter, indem er sich zunächst gegen einige Eber wendete, welche die zerstreuten Äcker der damals noch sparsamen Bewohner des Isthmos schon lange verwüstet hatten. Solch ein Jäger war in diese Gegend bisher nicht gekommen. Die Einwohner dankten ihm herzlich als ihrem Wohlthäter und bewirteten ihn, wie billig, mit den besten Stücken der schönen Wildbraten, die er ihnen verschafft hatte.

Zwischen Korinth und Megara ging ein Weg an einem Felsenabhange hin, an welchem tief unten im Grunde das Meer vorüberflutete. Auch vor diesem engen Passe warnte man den Theseus; denn auch dort lauerte ein Riese. Er hieß Skiron und stürzte die arglos vorüberziehenden Wanderer plötzlich, nachdem er sie gezwungen vor ihm niederzuknieen und seine Füße zu waschen, von dem Felsenrande ins Meer hinab. Die Einwohner beschworen den Theseus doch ja einen andern Weg zu nehmen; aber wäre eine solche Vorsicht nicht Furchtsamkeit, wäre sie nicht eines Helden unwürdig gewesen? Nach einem langen Kampfe fand auch Skiron in denselben Fluten seinen Tod, in welche er so manchen Reisenden hinabgeworfen hatte.

Ich übergehe einen andern Kampf, zu welchem Theseus von dem Kerkyon, einem Sohne des Hephästos, in der Nähe von Eleusis herausgefordert ward, und nenne nur noch den einen, in welchem er den Damastes, der unter dem Namen des Ausrenkers (Prokrustes) berüchtigt war, für seine Grausamkeiten büßen ließ. Dieser Barbar wohnte am Ufer des Kephisos; zogen Fremdlinge vorüber, so lud er sie freundlich in seine Wohnung ein, bewirtete sie bestens, und wenn sie schlafen gehen wollten, führte er sie in eine Kammer, in der zwei eiserne Bettgestelle, ein großes und ein kleines, standen. War der Gast von kleiner Gestalt, so legte er ihn in das große Bettgestell, band ihn mit den Füßen fest an das untere Ende an, packte ihn dann am Kopfe und zerrte ihn so lange, bis der Scheitel das obere Ende berührte: eine Art von Folter, die wenige mit ihrem Leben überstanden. War der Gast dagegen groß, so warf er denselben in das kurze Bett und hackte ihm so viel von den Füßen ab, bis das Mißverhältnis gehoben war. Theseus, von dem Brauch des Unholds unterrichtet, kehrte freiwillig bei ihm ein, stellte sich schwach und schläfrig und ließ sich geduldig von dem Prokrustes in die Marterkammer führen. Dieser wies ihm sogleich das kurze Bett an und lauerte schon tückisch auf den Augenblick, da Theseus sich niederlegen würde. Aber zu seinem Schrecken fühlte er sich plötzlich umschlungen, aufgehoben und selbst auf jene Folterbank niedergedrückt. Kein Bitten half; der Kopf ward ihm mit den dazu vorhandenen Schlingen festgeschnürt, die Beine ausgestreckt und was hinausragte mit dem wohlbekannten Beile abgehauen. Dann, um die Marter zu endigen, gab ihm der Sieger durch einen Gnadenstoß den Tod.

So hatte Theseus den Weg nach Athen frei gemacht, und nachdem er bei dem Flusse Kephisos sich von dem vergossenen Blute hatte reinigen lassen, lenkte er seine Schritte der Stadt zu. Dort spotteten eben an einem Baue beschäftigte Arbeiter des jugendlichen, fast mädchenhaft gekleideten Helden, der allein umherstreiche. Aber augenblicklich spannt er die Stiere von ihrem mit Steinen beladenen Lastwagen und wirft den Wagen samt der Ladung zu allgemeinem Erstaunen hoch in die Luft.

Als Theseus in Athen ankam, fand er die Bürgerschaft im größten Hader und Zwiespalt. Ägeus, sein Vater, war zum schwachen Greise geworden, und da er keinen Sohn neben sich hatte, der sein Ansehen hätte schützen können, sah er sich allen Kränkungen seiner Brüder und ihrer frechen Söhne preisgegeben. Besonders hatten die Söhne seines Bruders Pallas, die Pallantiden genannt, einen sehr mächtigen Anhang im Volke, vermöge dessen sie nicht bloß nach Ägeus' Tode dessen Herrschaft an sich zu reißen hofften, sondern wirklich schon jetzt bei seinem Leben eigenmächtiger in der Stadt schalteten als jener selbst. Mit welchen Augen diese Menschen einen Königssohn betrachten mußten, von dessen Dasein sie bis jetzt nicht das mindeste geahnt hatten, könnt ihr denken. Dem alten Ägeus war dagegen diese Erscheinung eine Hilfe vom Himmel; er erkannte den rüstigen Jüngling sofort an dem Schwerte und den Sohlen als seinen Sohn, und stellte ihn den Athenern als seinen einzigen Erben vor.

Aber darauf erfolgten unruhige Auftritte. Kaum entgingen Vater und Sohn der Wut der Pallantiden und ihrer mächtigen Partei. Theseus, ehe er sich jenen als Feind entgegenstellte, wollte sich lieber erst den Bürgern als Freund und Wohlthäter zeigen. Ein grimmiger Auerochs wütete damals gerade in den Feldern von Marathon, indem er oft sogar bis in die Nähe von Athen kam und viele Menschen, besonders Kinder, zu Boden rannte. Die Landbebauer fürchteten dieses Untier gerade so, wie man den nemeischen Löwen oder den erymanthischen Eber gefürchtet hatte, und viele hielten es für unverwundbar. Diesen sogenannten marathonischen Stier nahm sich nun Theseus zum Ziele seiner Tapferkeit. Er zog gegen ihn aus, griff ihn mit dem Wurfspieß an und begann im Angesicht vieler hundert Zuschauer einen Kampf mit ihm, in welchem diese ebensosehr seinen Mut und seine Stärke als seine Gewandtheit bestaunen mußten. Zuletzt gelang es ihm, dem wilden Ur eine Kette um die Hörner zu schlingen und ihn gebändigt in die Stadt zu führen. Dieser Anblick war zu gewaltig und überraschend, um nicht dem wunderbaren Fremdlinge viele Herzen zu gewinnen und ihn wider alle Verunglimpfungen seiner Feinde zu sichern.

Aber bald kam noch günstigere Gelegenheit den Athenern einen wichtigen Dienst zu leisten. Der mächtige König Minos in Kreta hatte vor mehreren Jahren einmal seinen Sohn Androgeos nach Attika gesandt, und dieser war daselbst ermordet worden, aus Neid, sagte man, weil er in den Wettkämpfen alle Athener besiegt habe. Der bekümmerte und erzürnte Vater hatte alle Mittel in Händen, das damals noch machtlose und schwach zusammengehaltene athenische Volk seine schwere Rache empfinden zu lassen. Er kam mit vielen Schiffen an die attischen Küsten, überrumpelte Megara, zerstörte es und schloß darauf auch Athen selbst ein. Indessen hatte die Stadt schon Mauern und litt durch die Belagerung nicht viel, weil es damals noch an jeder Art von Zerstörungsmaschinen fehlte. Allein nun riß die Pest ein und erfüllte die Bürger mit Schrecken. Der Aberglaube führte hier abermals zu unmenschlichen Rettungsmitteln. Ein Lakedämonier, Hyakinthos mit Namen, hatte sich mit vier Töchtern in Athen niedergelassen. Vielleicht um ihrer fremden Abkunft willen manchem verhaßt, wurden diese armen Mädchen durch einen Ausspruch der Priester verdammt, den Göttern als Sühnopfer lebendig geschlachtet zu werden. Es geschah, aber das schreckliche Mittel that seine Wirkung nicht. Die Priester wurden noch einmal befragt und gaben nun den Rat, man solle die Stadt dem Minos übergeben und sich gehorsam der Strafe unterwerfen, die dieser selbst bestimmen werde. Das geschieht, und Minos verlangt nun von den Athenern, daß ihm nach Ablauf von je sieben Jahren sieben der schönsten Knaben und sieben edle Jungfrauen als Opfer für den Minotauros überliefert würden.

»Ihr erinnert euch dieses Ungeheuers, das halb Stier, halb Mensch in den Höhlengängen des Labyrinthes hauste, und jenes Fadens, welchen Ariadne dem Theseus reichte und der den Helden wieder zum Lichte zurückführte.«

»Der Minotauros ist freilich nur ein Gebilde der Sage; daß aber Minos von den Athenern sich einen Tribut von vierzehn Sklaven zu Opfern ausbedungen, das entsprach den Sitten jener Zeiten. Er wollte vermutlich eben die Athener auf eine möglichst beschimpfende und grausame Art an ihre Abhängigkeit erinnern. In gleicher Weise haben die Erzählungen von dem Labyrinthe einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit. Denn wenn zwar mehrere alte Schriftsteller behauptet haben, daß zu ihrer Zeit keine Spur desselben mehr aufzufinden gewesen sei, so scheinen sie doch zu wenig über die Örtlichkeiten der Insel Kreta unterrichtet gewesen zu sein. Noch jetzt zeigt man in der Nähe der Stadt Gortyne eine Höhle mit unzähligen Gängen, die von denen, welche die Natur selbst geformt hat, sich allerdings sehr wesentlich unterscheiden. Ihre geregelten Linien, ihre wagerechte Richtung, ihre fast gleichmäßige Höhe und die geglätteten Wände und Pfeiler, Nischen und Sitze stellen es außer Zweifel, daß dieser unterirdische Bau ein Werk der Menschen ist. Die Natur mag den Grund gelegt haben, aber Menschen erweiterten und ebneten die engen Gänge, höhlten die Säle aus und setzten sie miteinander in Verbindung. Noch jetzt läuft man Gefahr sich jeden Augenblick in denselben zu verlieren, und selbst mit der Magnetnadel in der Hand ist es schwierig den Ausgang zu gewinnen. Der Grund davon liegt, wie ein neuer Reisender erzählt, Prokesch von Osten, Denkwürdigkeiten und Erinnerungen aus dem Orient, I. Bd. S. 614. Vergleiche auch Hoecks Kreta Th. I. S. 56 fgg. in den unmerklichen Wendungen, welche die Gänge nehmen; er liegt ferner in der Ähnlichkeit dieser Gänge und ihrer Öffnungen, welche dem Auge selbst jedes kleine Unterscheidungszeichen verbirgt; endlich in der Menge dieser Pfade und

alle aufgefunden sind. Die Heldenthat des Theseus, die ihr schon kennt, bestand eben darin, daß er durch seine Tapferkeit den Minos zwang von dem Tribute abzustehen. Das Geschichtchen von der schönen Ariadne und ihrem langen Faden geht dann als poetische Zugabe mit drein. Spätere Erklärer haben in dieser Sage ein Sinnbild der wilden Triebe gefunden, welche den rohen Naturmenschen beherrschen; der Faden der Ariadne sei die Stimme des Bessern, sei der himmlische Genius, der gottentstammte Geist, der dem Körper beigesellt ist; das Labyrinth stelle das Leben selbst dar, Theseus aber sei der edle Mensch im Siege über die Außen und Innenwelt. Die Auslegung ist nicht ungesucht, doch immerhin lehrreich.«

So hoch erwünscht auch dem alten Ägeus die glückliche Vollendung des kühnen Unternehmens hätte sein müssen, so war ihm doch diese Freude nicht beschieden. Eine verhängnisvolle Vergeßlichkeit des Steuermanns, der das Schiff des Theseus leitete, betrog ihn darum. Mit diesem hatte nämlich der greise König verabredet, er solle, wenn das Abenteuer übel geendet, mit demselben schwarzen Segel heimkehren, mit welchem er (als Überbringer des traurigen Tributs) abgesegelt war; habe aber sein Sohn gesiegt, so solle er ein weißes Segel aufstecken, damit es ihm schon von weitem den glücklichen Ausgang verkünde. Der Steuermann hatte sein Versprechen vergessen, und der Greis, der Tag und Nacht auf einer Felsenspitze harrend, endlich von Kreta her ein schwarzes Segel herannahen sah – stürzte sich in dem Wahne, es melde ihm den Tod des Sohnes, verzweifelnd ins Meer hinab.

Sechzehnter Abend.

Theseus.

»Nun, wo waren wir denn gestern stehen geblieben?« fragte der Lehrer.

»Bei dem alten Ägeus«, riefen die Knaben, »der sich ins Meer gestürzt hatte.«

»Recht. Nach ihm, sagt man, hat eben dieses Meer den Namen des ägeischen erhalten, mit dem ihr es auch hier auf unserer Karte bezeichnet seht.« Theseus hatte nun noch eine heilige Pflicht zu erfüllen. Denn er hatte gelobt dem Apollon auf dessen Geburtsinsel Delos ein reiches Opfer zu bringen, wenn er von dem Zuge nach Kreta siegreich zurückgekehrt sein würde. Er reiste mit demselben Schiffe dahin, brachte das Opfer und weihte zugleich der Liebesgöttin Aphrodite daselbst zur Dankbarkeit für ihren Beistand – in sofern Ariadnes Liebe ihm den Sieg erleichtert hatte – eine von dem Künstler Dädalos verfertigte Bildsäule. Auch stiftete er zum Andenken an das Labyrinth einen Tanz auf der Insel Delos, in welchem die Krümmungen desselben artig nachgeahmt wurden; ein Tanz, der sich noch lange nachher dort erhalten hat, den neuere Reisende noch heutzutage bei den Neugriechinnen auf den Inseln des Archipelagos wiedergefunden haben wollen. Auch die Fahrt nach Delos ward von den dankbaren Athenern fortan jährlich um dieselbe Zeit wiederholt, und zwar auf demselben Schiffe, das den Theseus getragen hatte, und das zu dem Ende sorgfältig aufbewahrt und von Zeit zu Zeit erneuert wurde. Im Schmuck der Ölzweige erschienen die Abgeordneten vor den Altären des Gottes, ihm zu opfern. Man hieß diese jährlich wiederkehrende Bittfahrt eine Theorie (eine heilige Gesandtschaft), und während das Schiff auf derselben begriffen war, war es nicht erlaubt daheim einen Verurteilten hinzurichten. Denn da durch dieses Gelübde die Rettung der athenischen Jugend gefeiert wurde, so durfte man während der Zeit dem Tode keine Opfer bringen. Dieser Umstand fristete unter andern späterhin dem zum Giftbecher verurteilten Sokrates das Leben um einen ganzen Monat.

Man kann denken, mit welchem Jubel die Athener den Theseus nach solchen Thaten empfingen. Sie führten ihn als ihren Schutzgott zu den Thoren ein und riefen ihn an Ägeus' Stelle zum Könige aus, während die feindlich gesinnten Pallantiden die Stadt verließen oder sich dem Drange der Notwendigkeit fügten. Jetzt sann der Held darauf, wie er das herrliche Gebiet, dessen Herrschaft er überkommen hatte, zum mächtigsten unter den damaligen kleinen Reichen machen wolle. Dazu schien ihm besonders eine engere Vereinigung der Einwohner um einen Mittelpunkt und die Einführung einer gesetzlichen Ordnung nötig, wie er sie in Kreta gesehen hatte. Athen bestand damals noch aus einer bloßen Akropolis – d.h. einer Burg – und aus einigen um dieselbe herumgebauten Gassen, die zusammen von einer Mauer umschlossen waren. Rings umher lagen zwölf kleine Gemeinden. Aber diese Gemeinden, teils in einzelne Weiler zerstreut, teils kleinen Dörfern ähnlich, hatten jede ihren eigenen Beherrscher. Theseus durfte es im Vertrauen auf sein großes Ansehen schon wagen, diesen herrschenden Geschlechtern vorzuschlagen, daß sie auf ihre Gerichtsbarkeit verzichten und sich und ihre Gemeinden mit der Mutterstadt vereinigen möchten. Zur Entschädigung bot er ihnen an, sich ihnen völlig gleich zu setzen, sie zu einem Rate von Regierenden zu erheben und mithin an der Verwaltung des ganzen vereinigten Staats Anteil nehmen zu lassen. Das ließ man sich gefallen. Und nun verschwanden die engen Mauern von Athen; die zwölf Dörfer rückten dicht um den Mittelpunkt zusammen, und die Einwohner wurden in die drei Stände der Landbauer (Geomoren), der Handwerker Damien(Demiurgen) und der Adligen (Eupatriden) abgeteilt. Unter die letzteren wurden nun alle jene regierenden Familien aufgenommen und aus ihnen die Mitglieder des hohen Gerichtshofes und die Priester der angesehensten Gottheiten erwählt.

Diese Einrichtungen, so einfach sie uns jetzt erscheinen, waren doch ein weiterer Schritt zur Kultur, den die Landschaft Attika vor allen andern griechischen Staaten voraus that. Wirklich gewann auch der athenische Staat dadurch ein Ansehn, das nicht bloß den Neid, sondern auch die Nacheiferung der andern Stämme erregte und somit den ersten Anstoß zu dem späteren großartigen Aufschwünge der Griechen und namentlich der Athener gab. Theseus that noch mehr. Er vereinigte auch den benachbarten Staat von Megara mit Athen, maß die Grenzen von Attika ab und unterhielt durch die Stiftung neuer Feste und Spiele eine fortdauernde und immer bedeutungsvollere Verbindung Athens mit den übrigen Griechen.

Da er indessen bei der Umgestaltung des Staats sich selbst so wenig bedacht hatte, so war seine Gegenwart auch gar nicht immer notwendig. Die Geschäfte wurden von dem großen Gerichtshofe der vereinigten Oberhäupter verwaltet, und er für seine Person hatte sich eigentlich nur das Heerführeramt im Kriege vorbehalten. Da aber im Vaterlande für jetzt alle Fehden ruhten, so ergriff er sein Schwert und seine Keule, um, dem Herakles gleich, in der Ferne neue Abenteuer aufzusuchen.

Hier hatte er nun das langst ersehnte Glück, einmal im Gefolge seines großen Vorbildes einem Heldenzuge beiwohnen zu können. Herakles hatte eben damals den Auftrag bekommen den Gürtel der Amazonenkönigin zu holen, und warb überall in Griechenland tapfere Jünglinge zu Teilnehmern seines gefährlichen Unternehmens. Theseus begleitete ihn auf demselben, wie wir wissen, und gewann so sehr die Liebe des Herakles, daß ihm dieser die schönste Sklavin aus der Beute, die Amazone Antiope, schenkte. Hierauf wohnte er der großen Eberjagd bei, welche Meleagros in Kalydon veranstaltete, und von der ich gleichfalls schon einmal geredet habe. Er soll dann auch einen Zug gegen die Kentauren unternommen, ja, wie einige meinen, selbst dem Argonautenzuge beigewohnt haben. Indem er wieder nach Hause zurückkehren wollte, traf er auf einen verwegenen Jüngling, Namens Peirithoos, den Sohn des Lapithenkönigs Ixion aus Thessalien, der in das marathonische Gefilde eingebrochen war, um von dort eine zahlreiche Herde zu rauben. Es war nicht sowohl Raubsucht, als Übermut, was den Jüngling zu dem kühnen Streiche veranlaßte; denn auch in ihm brannte die Begierde, unter den Starken und Berühmten seiner Zeit genannt zu werden. Noch hatte er Herakles und Theseus nicht gesehen; aber er sehnte sich nach ihrem Anblick mit ungeduldig edlem Verlangen, ja, er hatte sogar den Einfall in Marathon nur in der Hoffnung gemacht, vielleicht dadurch den Theseus zu reizen und ihm bekannt zu werden.

Mit froher Bewunderung sah er hierauf wirklich den Helden erscheinen; denn daß es Theseus war, verriet ihm sogleich der Adel der Gestalt und die Würde des Ganges und der Stimme. So etwas hatte er nie gesehen; erstaunend stand er still, faßte sich dann und rief ihm entgegen, indem er ihm zum Zeichen des Friedens die Hand hinstreckte: »Würdigster Held, ich weiche dir ehrfurchtsvoll. Sei selbst mein Richter. Welche Genugthuung verlangst du?« Theseus sah ihn mit Wohlgefallen an. »Daß du mein Waffenbruder werdest!« antwortete er ihm. Freudig fiel ihm Peirithoos um den Hals, und beide beschworen einen unzertrennlichen Freundschaftsbund.

Sie sannen nun auf gemeinschaftliche Abenteuer, und keine Gefahr war so groß, daß die Helden sich nicht einander zur Seite gestanden hätten. Da es vor der Hand weder Eber zu töten noch Riesen zu bekämpfen gab, so beschlossen sie einmal etwas anderes, das nach unseren Begriffen allerdings keine Heldenthat war, nämlich, ein paar Jungfrauen zu entführen. Theseus war in heftiger Liebe zu der damals noch sehr jungen Helena entbrannt. Peirithoos hatte gleiche Leidenschaft für die Persephone. Um der ersten willen zogen beide Kämpfer nach Sparta, entführten die Helena mit Gewalt und List, und schleppten sie nach Aphidnä, wo damals Äthra, Theseus' Mutter, wohnte. Dieser gaben sie dieselbe in Gewahrsam, und nachdem sie vorher durch das Loos bestimmt hatten, daß derjenige, dem die Helena zufallen würde, dem andern zur Erlangung einer gleichen Schönheit behilflich sein solle, begannen sie rasch den zweiten Zug nach dem viel weiter entlegenen rauhen Epeiros. Hier kamen sie aber so gut nicht weg. Sie wurden von den Einwohnern überwältigt und so lange festgehalten, daß man im übrigen Griechenland sie schon längst für tot hielt. Endlich kehrte Theseus in Herakles' Gesellschaft zurück, aber Peirithoos ward nicht wieder gesehen.

Diese Geschichte ist von den Dichtern wunderbar ausgeschmückt worden, weil den eiteln Athenern sehr darum zu thun war, ihren Nationalhelden dem der Thebaner so gleich als möglich zu machen, Herakles war in der Unterwelt gewesen, also mußte Theseus dieselbe auch besucht haben, und das Märchen, das daraus entstanden ist, lautet folgendermaßen:

Pluton hatte dem Peirithoos eine frühere Braut, die thessalische Fürstentochter Hippodameia, durch den Tod entrissen. Aus Rache entwarf dieser den Plan, mit Hilfe seines Freundes Theseus dem Pluton seine eigene Gemahlin Persephone aus der Unterwelt zu entführen, und um dieses Wagstücks willen stiegen beide Helden zum Schattenreiche hinab. Aber Pluton ergriff die Frevler, fesselte den Theseus und wälzte dem Peirithoos ein großes Felsstück auf den Leib. So schmachteten sie lange in der Stätte der Finsternis, bis Herakles, als er den Kerberos heraufzuholen gesandt ward, in den nächtlichen Schlund hinabstieg. Hier sah er erschreckt die beiden Freunde; Peirithoos reichte ihm die Hand, aber Herakles, so stark er war, konnte ihn doch nicht unter dem Felsen hervorziehen. Dem Theseus dagegen lösete er die Bande und bat ihn von der Persephone frei.

Während dieser Abwesenheit hatten die Athener den vermessenen Übermut ihres Helden empfindlich büßen müssen. Bekanntlich hatte Helena zwei tapfere Brüder, Kastor und Pollux (Polydeukes), und diese sahen der eben erzählten Beschimpfung ihres Hauses nicht stillschweigend und unthätig zu. Sie zogen mit bewaffneter Mannschaft nach Athen und klagten den Theseus öffentlich an; allein da niemand etwas von ihm wußte, noch den Aufenthalt der geraubten Jungfrau anzeigen konnte, so verheerten sie rachedürstend die Stadt und das Land umher, bis sie endlich erfuhren, ihre Schwester sei in Aphidnä. Allsobald begaben sie sich dorthin, um dieselbe wieder heim zu führen.

Diese Gelegenheit benutzten die alten Feinde des Theseus, die Pallantiden, um ihn bei dem Volke verhaßt zu machen und ihm seine Herrscherwürde zu entreißen. Wegen der langen Abwesenheit des Helden war das auch nicht schwer. Ohnehin, was vergißt der Mensch leichter als Wohlthaten! Man kann also denken, wie wenig die Aufnahme, welche Theseus bei der Rückkehr nach Athen erfuhr, seiner Erwartung entsprochen habe. Überall erfuhr er nichts als Unzufriedenheit, Vorwürfe, selbst Beleidigungen. Noch mehr betrübte ihn der Tod seiner zweiten Gemahlin und seines Sohnes Hippolytos. Er hatte ihn selbst verschuldet. Nachdem nämlich die schöne Amazone Hippolyte, die erste Gattin des Theseus, gestorben und dieser selbst längere Zeit unvermählt geblieben war, warb er um die reizende Phädra, die Schwester des Kreterkönigs Deukalion. An Gestalt der unvergessenen, vielgeliebten Ariadne ähnlich, schien sie dem alternden Theseus gleichsam eine zweite Jugend zurückzubringen. Aber ihrer Schönheit glich nicht ihre Treue. Sie wandte ihr Herz ganz ihrem jugendlichen Stiefsohne Hippolytos zu, und nachdem sie lange vergebens die immer heftiger entbrennende Neigung bekämpft, gab sie endlich ihrer Leidenschaft Worte und drang in den Jüngling, den Vater vom Throne zu stoßen und sich mit ihr zu vermählen. Allein Hippolytos verschloß der Treulosen Ohr und Herz, ja er floh ihre verbrecherische Nähe. So sich verschmäht sehend, verwandelte sie ihre Liebe in Haß und verklagte den Hippolyt beim Theseus, als habe jener selbst sie zur Untreue verleiten wollen. Theseus, seines Zornes nicht mächtig, verwünschte den unnatürlichen Sohn, und kaum war der Fluch über seine Lippen gekommen, als ein Meeresungeheuer aus den Fluten emporstieg, vor dessen Anblick des Hippolytos Pferde sich derart scheuten, daß sie den Unglücklichen schleiften und zerrissen. Als Phädra dies vernahm, gab sie sich selbst den Tod, und Theseus, der zu spät die Unschuld seines Sohnes erfuhr, war der Verzweiflung nahe. Wider sich selber und das Schicksal zürnend, faßte er den Entschluß, seine undankbare Vaterstadt auf immer zu verlassen und sein Leben unter fremden Völkern zu beschließen. Nachdem er den Athenern in einer harten Rede ihre Ungerechtigkeit gegen ihn vorgeworfen hatte, wanderte er wirklich in demselben Aufzuge, in welchem er einst nach Athen gekommen war, wieder hinaus, schüttelte draußen den Staub von seinen Füßen, zum Zeichen der gänzlichen Lossagung, und rief der Stadt seinen Fluch nach. Der Ort, wo dies geschah, hieß noch lange nachher der Ort der Verwünschungen. Die Pallantiden brachten hierauf an seiner Stelle einen aus ihrer Mitte, Namens Menestheus, auf den Thron, der in der Folge auch den trojanischen Krieg mitgemacht hat, und dessen ich früher öfter gedacht habe.

Ein Schiff führte hierauf den Theseus nach der Insel Skyros, eben derselben, auf welcher einige dreißig Jahre später Achilleus als Mädchen unter den Töchtern des Lykomedes verweilte. Diese Töchter waren jetzt noch nicht geboren, aber der König Lykomedes regierte schon und nahm den Verbannten anscheinend gütig auf. Anscheinend, sage ich; denn insgeheim war er den Pallantiden befreundet, und da zwischen Skyros und Athen ein Handelsbündnis bestand und die Skyrer der Athener bedurften, so fürchtete er es mit dem jetzt regierenden Könige zu verderben, wenn er den Theseus bei sich beherberge. Ja er hätte wohl gar in den Verdacht kommen können, als gehe er damit um, den Landflüchtigen mit seiner Macht zu unterstützen und an den Athenern zu rächen. Diese Besorgnisse peinigten den König um so mehr, als Theseus nicht willens schien ihn bald wieder zu verlassen. So machte ihn denn die Furcht zum Verbrecher. Indem er einmal mit seinem Gaste die Insel durchwanderte und Theseus den Wunsch äußerte von einer Felsenspitze herab das ganze Land und das weite Meer zu überschauen, hielt der arglistige Feigling dies für ein Götterzeichen und – stürzte ihn in den Abgrund hinab. So fiel der Held, dem ganz Griechenland Ruhe und Sicherheit, sein Vaterland aber Rettung und Größe verdankte.

Die Zeit löschte indessen in den Gemütern der Athener alles aus, was darin etwa von Haß gegen ihren großen Mitbürger übrig war. Man gedachte nur noch seiner Wohlthaten und Verdienste, und wünschte reuig das Unrecht wieder sühnen zu können, das man ihm während seines Lebens zugefügt hatte. Es wurden zu seinem Andenken Altäre, Tempel (das Theseion) und Denkmäler errichtet; man versetzte ihn unter die Halbgötter und weihte ihm Feste und Opfer; und noch achthundert Jahre nach seinem Tode machte Kimon, ein athenischer Feldherr, seinen Mitbürgern die Freude, die angeblich in Skyros noch vorgefundenen Gebeine des Theseus unter großem Gepränge abzuholen und nach Athen zu bringen.

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