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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 53
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authorKarl Friedrich Becker
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Vierzehnter Abend.

Ödipus und sein Geschlecht.

Theben, die berühmteste Stadt Böotiens, gehörte zu den ältesten griechischen Gründungen und hat vermutlich noch früher als Athen eine Ringmauer gehabt. Die erste Kolonie soll der Phöniker Kadmos um das Jahr 1500 vor Christi Geburt dorthin geführt haben. Von ihm erzählt die (neulich schon berührte) Sage, seine geharnischten Krieger seien aus Drachenzähnen hervorgesprossen, die er auf Athenes Befehl in die Erde gesäet habe; gleichzeitig haben aber auch die Geschichtschreiber eine andere, noch merkwürdigere Überlieferung aufbehalten. Denn durch ihn, behaupten sie, sei die phönikische Erfindung der Buchstabenschrift zuerst nach Europa herübergebracht worden, von ihm endlich sei die Stiftung des Ackerbaues, die Kunst der Wasserleitung und der Gebrauch eherner Waffen ausgegangen.

Ein späterer Nachkomme des fabelhaften Ahnherrn war Laios, König von Theben. Dieser Mann hatte das unselige Verlangen, sein Schicksal vorher wissen zu wollen, und da das Orakel zu Delphi nicht weit entfernt war, so machte er sich einmal auf den Weg und flehte zum Apollon um Offenbarung seiner Zukunft. Aus den Tiefen der Höhle drang eine Stimme herauf, die ihm die Priester also deuteten: »Hüte dich vor deinem Sohne; denn er wird dein Mörder und dann der Gemahl deiner Gattin werden!« Erschreckt kehrte Laios heim. Noch hatte er keinen Sohn, doch aber eine junge, blühende Gemahlin, Iokaste, die, als er ihr von dem schrecklichen Spruche des Orakels erzählte, darüber nicht minder in tiefe Betrübnis geriet.

Endlich ward dem Hause des Laios wirklich ein Knäblein geboren. Aber wenn sonst die Geburt des ersten Söhnleins das Entzücken der Eltern ist, so war sie diesen Armen eine grausenvolle Vorbedeutung. Laios wagte gar nicht das Kind in seine Arme zu nehmen, die Mutter sah es nicht einmal, sondern ein Ziegenhirt bekam den Auftrag, ihm die Füßchen mit Riemen zusammen zu schnüren und es auf dem Berge Kithäron im Dickicht niederzulegen, als eine Beute der Wölfe oder anderer wilder Tiere. So konnte doch der Sohn weder ein Mörder seines Vaters werden, noch die andere Prophezeiung des Gottes in Erfüllung gehen.

Der Hirt that gehorsam was ihm befohlen war, aber doch regte sich das Herz in ihm beim Anblicke des unglücklichen Kindes. Er vermochte sich gar nicht wieder von der Stelle zu entfernen, wo er es niedergelegt hatte. Da kam zufällig ein Korinther des Weges gegangen, der von einer Botschaft nach Hause zurückkehrte. Dieser fand den Hirten und das Knäblein, fragte nach den Umständen und erfuhr sie unter dem Gelöbnis der tiefsten Verschwiegenheit. Auch ihn jammerte des Kindes, er nahm es mit sich und lösete ihm die drückenden Bande von den Füßen. Doch er selbst war arm und hatte viele Kinder. Wohlan! dachte er bei sich selbst, ich will's dem Könige geben, der kinderlos ist; der mag es aufziehen, wenn es anders am Leben bleibt.

Er that's und fand mit seinem Geschenk eine freundlichere Aufnahme, als er selbst erwartet hatte. Schon längst hatten sich der König Polybos und seine Gemahlin Merope nach einem Erben gesehnt, aber noch immer hatten die Götter ihre Gebete und Opfer nicht erhört. Der Glaube jener Zeit sah nun in dem zufälligen Anerbieten des Boten um so eher eine himmlische Fügung, je mehr dasselbe den Wünschen beider Ehegatten entsprach. Sie beschlossen sofort das Kind als das ihrige anzunehmen, und da sie von dem Boten zugleich das schreckliche Orakel erfuhren, so ließen sie denselben schwören, daß er niemals einem Menschen entdecken wolle, wer eigentlich des Kindes Vater sei, damit dieses selbst darüber in steter Unwissenheit bleibe. Sie gaben dem Knäblein hierauf eine Amme und nannten es von seinen geschwollenen Beinchen Ödipus, das ist Schwellfuß. So lautete allerdings die gewöhnliche Erklärung des Namens; aber sprachliche Gründe stehen entgegen. Näher liegt es darin den Wissenden zu suchen nicht allein mit Beziehung auf die Lösung des Sphinxrätsels, sondern auch weil er die trotz allen Scharfsinnes irrende Weisheit der Menschen versinnbildet.

Der Knabe wuchs allmählich heran, ward groß, stark und schön, und alle, die ihn sahen, freuten sich des herrlichen Jünglings. Die Korinther erkannten ihn bereitwillig für den Erben der königlichen Würde an; ja es ward ganz vergessen, daß er von fremder Abkunft war, und man nannte ihn geradehin Polybos' Sohn.

Er selbst wußte es auch bis in sein zwanzigstes Jahr nicht anders und staunte nicht wenig, als einmal beim Trinkgelag ein berauschter Schwätzer, mit dem er in Streit geraten war, ihn einen untergeschobenen Sohn seines Vaters nannte. Das Wort kränkte ihn tief. Aufs heftigste erregt, ging er zu seiner Pflegemutter und verlangte von ihr, daß sie ihn und sich selbst rechtfertigen solle. Ihre Antwort war nicht so, wie er erwartet hatte; er ahnte aus derselben, daß hier ein Geheimnis obwalte, welches man ihm mit Bedacht verberge. Diese Entdeckung machte ihn unruhig. Er fragte den Polybos und erhielt von diesem eine ebenso zweideutige Antwort. Beide Eltern gaben sich alle Mühe ihn zu beruhigen; aber er bestand darauf, das Geheimnis seiner Geburt zu entschleiern, solle er auch erfahren, daß der niedrigste Sklave sein Vater sei. Diese Gewißheit werde ihn glücklicher machen als die quälende Ungewißheit, in welcher man ihn jetzt so geflissentlich zu erhalten suche.

Vergebens versicherten Polybos und Merope, es sei nicht harter Eigensinn, der sie schweigen heiße; auch sei es nicht etwa Armut oder Niedrigkeit seiner Eltern, um deretwillen man ihm seine wahre Abkunft verborgen halte; vielmehr bewege sie nur die zärtlichste Liebe für ihn, so und nicht anders zu handeln, ja es werde sein Unglück sein, wenn er seinen wahren Vater kennen lerne.

Diese Antwort verwirrte ihn mit neuen Rätseln. Ich wüßte doch nicht, sprach er zu sich selbst, wie es mein Unglück werden könnte, wenn ich meinen Vater kennen lernte! Und sonderbar! ich habe nun gerade keinen größern Wunsch als diesen. Wer weiß, welche leere Bedenklichkeiten meine beiden treuen Pfleger sich machen mögen! Gar mancher quält sich selbst mit Befürchtungen, die ein bloßes Trugbild seiner Seele sind. Aber ich will es erfahren! Apollons Orakel ist untrüglich und hat noch keinem die Belehrung versagt, der bescheiden und was billig ist fragte. Wohlan! mein nächster Weg sei nach Delphi, und damit mich niemand zurückhalte, will ich mich heimlich von hier entfernen.

Er verließ Korinth bei Nacht und pilgerte einsam an seinem Wanderstabe der Götterstätte zu. Man begreift den Schrecken seiner ehrlichen Pflegeeltern, als sie ihn vermißten. Aber vergebens waren alle ihre Nachforschungen, und schon ahnten sie, daß der Unglückliche, trotz ihrer Warnungen und Mahnungen, seinem bösen Schicksal entgegen gegangen sein möchte.

Als Ödipus bei dem Heiligtume angekommen war und der Priesterin seine Frage vorgelegt hatte, wollte die Pythia lange keine Antwort geben. Endlich erfolgte diese: »Flieh' deinen Vater, Jüngling! Triffst du mit ihm zusammen, so wirst du sein Mörder werden und deine eigne Mutter freien!« Ödipus schauderte. Schon das eine war schrecklich, aber das andere dünkte ihn noch viel schrecklicher. Eine Ehe zwischen Sohn und Mutter oder zwischen Vater und Tochter hat zu allen Zeiten ihrer Unnatürlichkeit wegen in der Meinung selbst roher Völker für das gottloseste Verbrechen gegolten, dessen ein Mensch nur fähig sei, und überall hat man darauf die schrecklichsten Strafen gesetzt, die aber zum Glück wohl nur selten vollzogen worden sind.

»Unglückliches Geschick!« rief Ödipus aus, »Ja, nun sehe ich's wohl, ihr redlichen Pflegeeltern, wie sehr ihr recht hattet mich in ewiger Unwissenheit halten zu wollen! Und jetzt bin ich übler daran als zuvor, denn nun weiß ich mein schreckliches Schicksal und kann doch die Eltern nicht vermeiden, die ich nicht kenne. Grausamer Gott, warum sagst du mir das eine und verschweigst mir das andere! O hätte ich nie gefragt und lebte noch in glücklicher Unwissenheit in Polybos' und Meropes friedlichem Hause! Aber wohin gehe ich nun? Kehre ich nach Korinth zurück, oder wähle ich mir ein anderes Land zum Aufenthalte? Nein, ich will Korinth nicht wiedersehen; denn wahrscheinlich lebt mein Vater dort oder doch in der Nähe, wer weiß in welcher Verborgenheit, und so führte mich das Schicksal dann am leichtesten mit ihm zusammen. Nein, nein! ich will im Lande umherstreifen und sehen, wo etwa irgend ein Ruhm zu gewinnen ist oder ein tapferer Mann not thut.«

In diesen Gedanken vertieft, trat er weiter wandernd in eine enge Gebirgsschlucht ein, die sich in mancherlei seltsamen Krümmungen wand. Es war ein schauerlicher Paß, vom Strahl der Sonne unerhellt und an manchen Stellen kaum breiter als ein Fußpfad. Hier sah er sich plötzlich von einem Wagen überrascht, auf dem ein alter Mann und ein Herold saßen, welcher letztere den Wagenlenker machte. Der Herold begnügte sich nicht damit den Ödipus ausweichen zu heißen, sondern trieb ihn, als dieser säumte, mit Ungestüm zur Seite. Ödipus, ergrimmt, schleuderte dem Rosselenker seinen Stock dergestalt an den Kopf, daß jener zu Boden fiel. Gleichzeitig aber griff der alte Mann im Wagen zu dem Stachel, mit dem man die Pferde anspornte, und versetzte dem Ödipus einen wuchtigen Streich. Ödipus, so von neuem gröblich angegriffen, betäubte auch den Alten mit einem einzigen Hiebe, so daß derselbe vom Sitze des Wagens herabstürzte. Erst jetzt erkannte der jähzornige Jüngling erschreckt, was er gethan: in einem Augenblicke war er zum zwiefachen Mörder geworden! Vor ihm lagen zwei Männer von seiner Hand getötet! Indessen beschwichtigte er die Stimme seines Innern damit, daß seine That nur ein Werk der Notwehr gewesen sei, und so zog er ruhig seine Straße weiter. Noch an demselben Tage kam eine Räuberbande dieses Weges; die fand die Leichname, entkleidete sie, nahm die Gewänder und die Pferde nebst dem Wagen an sich und ließ die toten Körper nackt am Wege liegen.

Ödipus schweifte seitdem noch viel im Lande umher und bestand manches Abenteuer, aus dem bald seine Stärke, bald seine Klugheit ihn rettete. Von jenem Vorfalle in dem Hohlwege schwieg er weislich, wie er denn auch kein Bedürfnis empfand, sich von der Schuld des Mordes entsühnen zu lassen. Endlich betrat er Böotien. Hier hörte er eine wundersame Geschichte. Ganz Theben, hieß es, sei in tiefer Trauer; denn eine verheerende Pest raffe Menschen und Vieh weg, und auf einem Felsen vor der Stadt, am Rande eines Abgrundes, lasse sich ein fürchterliches Ungeheuer sehen, von den Einwohnern Sphinx genannt, an Leibesgestalt einer Löwin gleich, aber mit Adlersflügeln und einem Weiberkopfe. Weithin töne seine schauerliche Stimme. Es habe anfangs die Einwohner zu sich gelockt und ihnen ein Rätsel vorgelegt, aber jeden, der es nicht erraten, d. h. alle, denen es bis dahin vorgelegt worden war, von dem Felsen hinabgestürzt. Die Priester aber hatten erklärt, die Pest werde nicht eher aufhören und die Sphinx selber nicht eher das Land verlassen, als bis sich jemand finde, der den Mut habe das Rätsel anzuhören und Scharfsinn genug es zu lösen.

Zugleich erzählte man dem Ödipus, daß eben jetzt das Land seines Königs beraubt sei und einstweilen von Kreon, dem Bruder der königlichen Witwe, regiert werde. Der gesetzmäßige König sei vor einiger Zeit von Räubern getötet worden und habe keinen Sohn hinterlassen. Kreon aber habe öffentlich bekannt machen lassen, wenn sich jemand finde, der das Rätsel der Sphinx löse, der solle – und wäre er der ärmste Mann – alle Schätze des verstorbenen Königs erben, dessen Witwe heiraten und Herrscher von Theben werden.

Ödipus jung, allezeit zu Abenteuern bereit, auch seiner Klugheit sich bewußt, konnte sich leicht vermessen einer Gefahr entgegen zu treten, auf deren Überwindung ein so hoher, glänzender Preis gesetzt war. Freilich, wenn er sie nicht überwand!? – »Aber wo«, sprach er zu sich selbst, »wo ist das Abenteuer, in dem nicht ein kühner Mann sein Leben wagen müßte? Und finde ich hier den Tod, so wird doch mein Ruhm unsterblich sein, da ich's unternommen, die Wette mit einem Ungeheuer einzugehen, das dem Minotauros und der lernäischen Hydra an Furchtbarkeit gleich kommt. Zudem, was verliere ich mit dem Leben? Eine nagende Sorge, die mir nie Ruhe lassen wird, und die Gelegenheit ein Verbrechen zu begehen, das schlimmer als zehnfacher Tod für mich sein würde!«

Er ging und kam nach wenigen Tagen in Theben an. Dort erklärte er dem Kreon, daß er bereit, sei das Wagstück auf sich zu nehmen, und erhielt von demselben die abermalige Versicherung dessen, was wir schon wissen. Man zeigte ihm das Ungeheuer von weitem. Er ging hinaus und kletterte mutig den Felsen hinan, auf dem es ruhte. »Sprich dein Rätsel!« redete er es an, »ich will versuchen, ob ich es löse.« Da sprach die Sphinx: »Nenne mir das Geschöpf, das am Morgen auf vier, am Mittag auf zwei und am Abend auf drei Beinen geht.«

Ödipus besann sich und hatte einen raschen Einfall: »Wer sonst ist's«, rief er, »als der Mensch, der als Kind auf vieren kriecht, während der kräftigen Jahre seiner zwei Füße sich bedient und am Abend des Lebens sich mit dem Stabe forthilft!«

Kaum hatte er das Wort gesprochen, als plötzlich mit einem verzweifelten Sprunge die Sphinx sich selbst in den Abgrund hinunter stürzte. Zitternd vor freudiger Überraschung stand Ödipus da und vernahm aus weiter Ferne das Jubelgeschrei der Thebaner, die ihm nachgesehen hatten. Jauchzend gingen sie ihm entgegen, begrüßten ihn als ihren König und dankten ihm als ihrem Erretter. Er zog mit ihnen wie im Triumph in die Stadt ein, opferte den Göttern und empfing aus Kreons Händen den Herrscherstab und die königliche Gemahlin Iokaste, mit welcher er wenige Tage darauf die Vermählung vollzog.

Iokaste mochte wohl, gleich der Penelope, zu jenen Auserwählten ihres Geschlechts gehören, die noch im vierzigsten Jahre die Fülle und den Reiz der Jugend besitzen. Wenigstens ahnete dem Ödipus bei dem Unterschiede der Jahre nichts Besonderes, und da er sein Orakel sorgfältig verschwieg, so ward von keiner Seite ein Argwohn rege. Er liebte seine Gemahlin recht herzlich, lebte mit ihr in vollkommener Zufriedenheit und sah bald zwei Söhne und zwei Töchter um sich heranwachsen. Jene hießen Polyneikes und Eteokles, diese Antigone und Ismene. Seine Unterthanen aber erfreuten sich eines ungestörten Friedens; denn er scheute sich einen Krieg anzufangen, um durchaus dem Schicksal keine Gelegenheit zu geben die Götterdrohung wahr zu machen. So genoß er zwanzig Jahre lang die Fülle der Ehren und des Glückes. Und selbst die heimliche Sorge im Herzen, die ihn sonst wohl zu keiner recht freien Freude kommen ließ, schien um so mehr ihren Stachel zu verlieren, je länger die Erfüllung des Orakels sich verzögerte. Allmählich begann Ödipus die ganze Sache unwahrscheinlich zu finden, und zuletzt dachte er beinahe nicht mehr daran.

Nur drei Menschen lebten in Griechenland, die es wußten, auf welche entsetzliche Art das Orakel bereits an ihm in Erfüllung gegangen war: seine Pflegeeltern zu Korinth und der alte Diener derselben, der ihnen einst das Kind überbracht hatte. Aber alle drei verschlossen das Geheimnis fest in ihren Herzen: der treue Diener, weil sein Schwur ihm heilig war; die beiden andern aus Liebe für ihr unglückliches Pflegekind, dem sie unmöglich die Binde von den Augen reißen konnten, die ihm zum Glücke seine Schuld so lange verborgen hielt. Oft hatten sie, als das Gerücht von seiner wunderbaren Thronbesteigung nach Korinth gedrungen war, miteinander beratschlagt, ob sie dazu schweigen sollten oder nicht, und ob es nicht der Gehorsam gegen die Götter fordere solchen Frevel ans Licht zu bringen; auch der ehrliche Diener, jetzt ein Aufseher von Polybos' Herden, war hereingekommen, um des Königs Meinung zu vernehmen. Indessen hatte die Liebe zum Ödipus gesiegt; keiner von ihnen hatte es über das Herz bringen können an ihm zum Verräter zu werden, und so hatten sie sich damit beruhigt, daß es eine Fügung der Götter sei, die, wenn sie es wollten, das Dunkel doch wohl lichten würden.

Endlich aber starb der alte Polybos, und weil er selber nicht daran gedacht hatte sich einen Nachfolger zu bestellen, so schritt das Volk dazu einen solchen zu wählen. Da erinnerten sich die meisten des edlen Ödipus, der unter ihnen aufgewachsen, schon in seiner Jugend so viele Beweise des Mutes und der Einsicht gegeben hatte und jetzt das thebanische Reich so ruhmvoll regierte. Durch die Mehrheit der Stimmen ward ihm die Herrschaft über Korinth zuerkannt, und ein Herold, ward abgesendet, um ihn einzuladen, wenn er anders dem Wunsche der Bürgerschaft nachkommen und das dargebotene Scepter annehmen wolle.

Jetzt konnte sich der alte treue Diener nicht länger halten; denn nun glaubte er von seinem Vaterlande den Fluch der Götter abwenden zu müssen, der seiner Meinung nach dasselbe unabwendlich traf, wenn es einen Vatermörder und Blutschänder zum Könige berief. Er eilte zur Königin, beschwor sie ihn von seinem Eide zu entbinden und offenbarte nun das Geheimnis den Ältesten des Volks. Alle erstaunten, und jetzt konnte es auch wohl in der Fremde nicht mehr lange verborgen bleiben. Bald kamen nach Theben dunkle Gerüchte; selbst Ödipus und Iokaste hörten davon und wurden beide betroffen. Doch faßten beide sich wieder und suchten sich gegenseitig zu beruhigen.

»Wie könnte ich meinen Vater erschlagen haben«, sagte Ödipus ferner, »da ich in Korinth niemand tötete, auf meinen Zügen nur Jünglinge besiegte und mir sonst keiner Mordthat bewußt bin, außer daß ich einmal, da ich von Delphi kam, durch Notwehr gezwungen in einem Hohlwege einen alten Mann und einen Herold erschlug!«

»Wie?« rief Iokaste erschreckt. »In einem Hohlwege, sagst du?«

»Es war auf dem Wege von Delphi.«

»Einen alten Mann und dessen Herold? In einem Wagen mit zwei schwarzen Rossen bespannt?«

»So dünkt mich, ja.«

»O, dann sind wir verloren! das ist Laios gewesen!«

»Bei allen Göttern, Iokaste, fasse dich! Noch glaube ich nicht das schlimmste. Denn sage mir, wie könntest du meine Mutter sein? Hast du mir nicht schon vordem erzählt, dein Kind sei gestorben!«

»Ach, ich weiß es nicht!«

»Du weißt es nicht?«

»Nein. Wir hatten einen Orakelspruch, der uns von Kindern Unglück drohte. Da ließen wir den Knaben aussetzen; aber ich weiß nicht, ob es wirklich geschehen ist.«

»Wem gabt ihr den Befehl?«

»Menötios, dem alten Ziegenhirten!«

Fast außer sich schwankte Ödipus in den Hof hinaus und befahl einem Diener, aufs Land zu gehen und den Ziegenhirten herbei zu holen. Der Ziegenhirt kam, und Ödipus redete ihn mit zitternder Stimme an:

»Alter, erinnerst du dich noch, einst vom Könige Laios einen Säugling empfangen zu haben, den du den wilden Tieren vorwerfen solltest?«

»O ja, Herr!« antwortet der Hirt.

»Wohin brachtest du das Kind?«

»Auf den Berg Kithäron.«

»Weißt du gewiß, daß ein wildes Tier es dort gefunden und zerrissen hat?«

»Ach, Herr!« sagte der Greis mit Thränen im Auge, »wüßte ich, daß du mich nicht zu hart straftest, wenn ich die Wahrheit sagte – –«

»Bei meinem Leben, dir soll nichts geschehen! Sage, was du weißt.«

»Siehe, mich jammerte des armen Geschöpfs. Ich konnte es nicht so liegen sehen. Da kam zum Glück ein korinthischer Mann, der ging mit einer Botschaft zum König Polybos zurück –«

»Und dem gabst du das Kind?«

»Der nahm es mit. Gewiß! er nahm es selbst; ich wußte lange nicht, ob ich's ihm geben sollte. Ich habe es ihm auch nicht gegeben.«

»O genug, genug!« rief Ödipus. »Geh, Alter geh nach Hause. Hast du's gehört, Iokaste? So bin ich nach Korinth gekommen. O Mutter, Weib, wo bist du? O laß mich nicht allein! Iokaste! Iokaste!«

Umsonst, Iokaste erschien nicht. Da eilte er umher, sie zu suchen und siehe, er fand sie in ihrem Schlafgemach – mit einem Stricke erhängt!

»O sie hat den Frieden gefunden!« rief er aus. »Aber für mich wäre der Tod eine zu gelinde Buße.« Er sah einen Augenblick starr vor sich hin, dann ergriff er in halbem Wahnsinn eine große Gürtelschnalle, die das Gewand Iokastens zusammenhielt, und stach sich mit den Nadeln derselben tief in beide Augen hinein, daß die Sehkraft erlosch und der helle Mittag ihm zur Nacht wurde. In diesem Zustande irrte er zum Hause hinaus und zeigte sich dem Volke. Wer ihn sah, schauderte zurück. Wie schwer man auch seine Schuld fand, so überwog das Mitleid mit dem Armen, der sich selbst eine so grausame Strafe auferlegt hatte, und der bei aller seiner Marter doch noch vor Gewissensangst zu vergehen schien. Niemand, der es wagte etwa noch von einer Sühne zu sprechen. Nur er selber glaubte noch nicht genug gebüßt zu haben; er verbannte sich selbst und wankte an seinem Wanderstabe trotz aller Bitten seiner gerührten Unterthanen zum Thore hinaus.

Seine beiden Söhne dachten nicht daran ihn zurück zu halten. Ihnen lag nur im Sinn sich sofort seines Thrones zu bemächtigen. Aber seine Töchter, Antigone und Ismene, folgten ihm nach, umfaßten noch draußen vor der Stadt seine Knie, und baten ihn unter Thränen, mit ihnen umzukehren. Da sie ihn aber unerbittlich fanden, so erklärte Antigone, daß sie ihn nicht verlassen werde. Auch Ismene wollte mit ihm ziehen; aber die ältere Schwester bewog sie bei den Brüdern zurück zu bleiben, damit sie vielleicht einst, wenn der Vater wieder nach der Heimat verlangen sollte, diesem die Aufnahme erleichtern könne.

So zog nun Ödipus durch eben das Thor, durch das er einst im Triumphe als König eingeführt worden war, als Verbannter, ja als blinder Bettler wieder hinaus, mit der Rechten auf seinen Pilgerstab, mit der Linken auf seine treue Tochter gestützt, die ihn immerfort zu trösten suchte und alle Gedanken an ihr eigenes Elend unterdrückte. Die edle Tochter, ein Bild der reinsten selbstverleugnenden Liebe, führte ihren Vater von Ort zu Ort, und wohin sie kamen, beherbergte man sie gern; denn wen hätte nicht die Gestalt des augenlosen Greises, die Geschichte seiner Schicksale und der Anblick von Antigones kindlicher Zärtlichkeit gerührt? Zuletzt kamen sie nach Athen, dessen Schutzherr damals der berühmte Theseus war. Dieser nahm sie gastfrei auf und wies ihnen in Kolonos, einer Gemeinde außerhalb der Stadt, eine Wohnung an. Hier verlebte der unglückliche Ödipus mehrere Jahre in ruhiger Verborgenheit, treulich gepflegt von seiner Tochter und geehrt und geschätzt von allen Nachbarn, die ihn zugleich und mit Recht als ein warnendes Beispiel der Wandelbarkeit alles irdischen Glückes betrachteten. Denn in der That, welcher Wechsel des Schicksals hätte jäher und schrecklicher sein können! Mochte es nicht fast scheinen, als sei der Mensch nur der Spielball einer dunklen Macht, die sich eben darin gefalle, ihn zu erhöhen, um ihn dann desto tiefer zu stürzen!?

Theben litt übrigens noch lange an den Folgen der raschen Selbstverbannung seines Königs. Eteokles und Polyneikes (Polynices), seine Söhne, vereinigten sich zwar anfangs durch Kreons Vermittelung dahin, in der Regierung abzuwechseln, so daß jeder von beiden dieselbe immer ein Jahr um das andere verwalte. Auch hielten sie wirklich zuerst Frieden; als aber Eteokles zum zweitenmale an die Herrschaft kam, suchte er sich darin fest zu setzen und den Polyneikes für immer zu verdrängen. Es gelang ihm, und der Bruder sah sich beschimpft und betrogen. Rachedürstend verließ er die Stadt, floh nach Argos, wo damals ein König Namens Adrastos herrschte, ward dessen Schwiegersohn und bewog ihn zu einem Kriegszuge gegen seinen Bruder. Mit dem Adrastos rüsteten sich auf Polyneikes' Aufruf noch fünf andere Heerführer, Amphiaraos, Kapaneus und Hippomedon aus Argos, der berühmte Tydeus, Meleagros' Bruder und Diomedes' Vater, aus Kalydon in Ätolien, und Parthenopäos aus Arkadien, statt dessen auch wohl ein anderer Name genannt wird. Diese fünf Helden, verbunden mit Adrastos und Polyneikes, werden wohl als die »Sieben vor Theben« bezeichnet, nach dem berühmten Trauerspiele des großen griechischen Dichters Äschylos, das diesen Titel führt und in dem der Zug jener Helden gegen Theben dargestellt ist.

Vom Amphiaraos erzählt die Sage, er sei ein weiser, auch in die Zukunft schauender Mann, zugleich aber ein edler und tapferer Streiter gewesen. Er habe, heißt es ferner, vermöge seiner Sehergabe den unglücklichen Ausgang des Zuges nach Theben lange zuvor erkannt und den Adrastos und alle übrigen davon abgemahnt. Aber Polyneikes war nicht gewillt sich seines Rechtes zu begeben. Er bestand auf der Kriegsfahrt und wollte den Mann am wenigsten entbehren, den er »das Auge seines Heeres« nannte. Und wirklich fand er ein Mittel nicht bloß den Abmahnungen desselben Einhalt zu thun, sondern ihn sogar selbst zur Teilnahme zu bewegen; ein Mittel, das, wie sonderbar es auch schien, doch geschickt genug gewählt war. Polyneikes besaß nämlich aus der Hinterlassenschaft seiner Mutter Iokaste ein goldenes Halsband von vortrefflicher Arbeit. Es war von keinem geringeren Künstler, als vom Hephästos selbst in der olympischen Werkstatt geschmiedet, und zuerst von ihm der Harmonia, der Gemahlin des Kadmos, die selber ein Götterkind war, an ihrem Vermählungsfeste geschenkt worden. Dieses köstliche Geschmeide bot er der Gemahlin des Amphiaraos, der Eriphyle, an, wenn sie ihren Gatten bewegen könne, wider seine bessere Überzeugung mit gegen Theben zu ziehen. Wie hätte Eriphyle dem goldenen Zauber widerstehen können! Sie verriet dem Polyneikes das Versteck, in welchem sich Amphiaraos geborgen, und dieser glaubte nun nicht länger seine Teilnahme an dem Feldzuge verweigern zu dürfen.

Jeder der sieben Helden warb hierauf eine kleine Mannschaft, und nach einem gemeinschaftlichen Opfer brachen sie auf und gingen zuerst auf den nemeischen Hain (im nördlichen Teile der Landschaft Argolis) los. Dort aber wurden sie durch einen Umstand aufgehalten, welcher beweist, daß die Vorzeichen des unglücklichen Ausganges der Heerfahrt immer wieder mit neuen Mahnungen den Helden nahe treten sollten. Es hatte sich nämlich in eben jener waldigen Gegend ein Bruder des thessalischen Admet, den wir schon kennen, ein gewisser Lykurgos angesiedelt. Dem war ein kleines Söhnchen, Namens Opheltes, geboren, welches unter der Aufsicht einer euch ebenfalls bekannten Wärterin stand. Denn es war die berühmte Lemnierfürstin Hypsipyle, die nach mancherlei Schicksalen, bei einem feindlichen Einfalle geraubt, als Sklavin weggeführt und hierher an Lykurgos verkauft worden war.

Hypsipyle hatte sich mit dem Kinde eine ziemliche Strecke von den Wohnungen entfernt, als Vorläufer des Heeres ihr entgegenkamen. Dieselben waren voraus gesandt, um eine Quelle auszuspähen, da alle in der großen Hitze vom Durste geplagt wurden. Die Jungfrau erbot sich nach ihrer uns schon bekannten Gutmütigkeit, den Fremden einen etwas entlegenen Brunnen nachzuweisen, und – war's aus Unvorsichtigkeit oder mit Absicht – indem sie die Krieger dahin führte, ließ sie das Knäblein im Grase spielend zurück. Da kam eine Schlange und biß das Kind, und als die Wärterin wieder zurückkehrte, fand sie es tot. Außer sich vor Schrecken und voller Furcht vor dem Zorne der Eltern, warf Hypsipyle sich den Helden zu Füßen und bat dieselben um Schutz. Jene schlugen darauf ihr Lager vor den Wohnungen des Lykurgos auf, traten friedlich bei ihm ein, und um ihn in seinem Schmerze zu trösten, beschlossen sie des Kindes Tod, gleich dem Hintritte des größten Helden, durch feierliche Leichenspiele zu ehren. Ein freier Platz im Hain von Nemea ward ausgesucht; man setzte Preise, steckte Ziele auf und begann die Wettkämpfe nach der gewöhnlichen Art, wie ich sie bei Gelegenheit der Bestattung des Patroklos geschildert habe. Adrastos gewann den Preis im Wettritt, Eteokles im Lauf, Tydeus im Faustkampf, Amphiaraos im Diskoswurf und mit dem Viergespann, Laodokos im Lanzenwerfen, Polyneikes im Ringen und Parthenopäos im Bogenschießen.

Auch bei diesen Spielen, wie bei den olympischen, die Herakles einführte, verabredeten die Teilnehmer sie öfter zu wiederholen, und obgleich nur ein kleiner Teil der letzteren zurückkehrte, so blieb die getroffene Abrede doch nicht ganz vergessen. Man feierte vielmehr eben jenen sieben Feldherrn zum Andenken in Nemea öfters ähnliche Spiele. Ja, da die Griechen für diese Art von Wettkämpfen eine wirkliche Leidenschaft hatten, die Volkshäupter auch die hohe Bedeutung wohl erkannten, welche dergleichen allgemeine Festversammlungen aus allen Teilen des Vaterlandes haben mußten, so gestalteten sich später auch diese, vorher doch nur seltener und ohne bestimmte Ordnung begangenen Spiele zu einer regelmäßig wiederkehrenden Nationalfeier. Vom Jahre 573 vor Christus an haben sie unter dem Namen der nemeischen Spiele Jahrhunderte fortgedauert und wurden alle zwei Jahre, im zweiten und vierten Jahre einer Olympiade, und zwar einmal im Frühling, das anderemal im Herbste gefeiert.

»Was ist aber eine Olympiade?«

»Ein Zeitraum von vier Jahren, indem nämlich die olympischen Spiele nur nach Ablauf von je vier Jahren (also im wiederkehrenden fünften Jahre) gefeiert wurden. Übrigens mögt ihr den Namen Olympiaden bei dieser Gelegenheit noch aus einem andern Grunde merken. Die spätere griechische Geschichtschreibung (nicht aber der eigentlich bürgerliche Verkehr) schloß nämlich an den regelmäßigen Wechsel dieser großartigen Volksfeste ihre Zeitrechnung an. Ein vorzüglich berühmtes Spiel, in welchem ein gewisser Koröbos den Preis als Wettläufer davon getragen, gilt für den Beginn der Olympiaden, d.h. nach neueren Berechnungen das Jahr 776 vor Christi Geburt. Dies muß man wissen, um sich in griechische Zeitangaben finden zu können. Du bist ja ein guter Rechner, Anton. Wenn du nun läsest, die Schlacht bei Salamis sei ins erste Jahr der 75sten Olympiade gefallen, wie würdest du erfahren, in welchem Jahre vor Christi Geburt das gewesen sei?«

»Ei nun«, sagte Anton, »da die 75ste Olympiade noch nicht ganz verflossen war, so würde ich die 74ste annehmen, dann 74 mal 4 Jahre zusammenzählen und zu der erhaltenen Summe (296) das eine Jahr hinzuzählen, dann diese 297 von 776 abziehen. Da aber die Schlacht am 23. September geliefert wurde, so ist nicht 479, sondern 480 v. Chr. Geburt als das Jahr des Seesieges zu betrachten.«

»Gut«, sagte der Lehrer. »Ich muß aber hier, eine frühere Bemerkung wiederholend, hinzufügen, daß dem jugendlich schaulustigen Sinne der Griechen kein Jahr ohne solche öffentliche Spiele vorübergehen durfte. Es gab ihrer, außer den olympischen und nemeischen Spielen, noch zwei: die isthmischen, welche auf der korinthischen Landenge zum Andenken des Melikertes, und die pythischen, welche bei Delphi zu Ehren des Apollon gefeiert wurden. Die letzteren fielen allemal in das dritte Jahr einer Olympiade, und wurden wohl im Herbste (nach anderen Angaben im Frühlinge) abgehalten.«

Der blinde Ödipus war unterdessen in Kolonos bei Athen gestorben und seine treue Pflegerin Antigone wieder zu ihren Verwandten nach Theben zurückgekehrt. Mit tiefem Kummer sah sie den Zwist ihrer herrschsüchtigen Brüder, aber vergeblich war ihr Bemühen, den Eteokles und ihren Oheim Kreon zu einer Zurückberufung des Polyneikes zu bewegen. Endlich erschien dieser mit den übrigen Helden, lagerte sich auf dem Berge Kithäron und sandte den Tydeus als Botschafter in die Stadt, um seinen Bruder zur Abtretung der Regierung aufzufordern. Schon bei dem Schmause, zu dem der Abgesandte eingeladen ward, hatte dieser alle zum Kampfe herausgefordert und sie mit seiner großen Kraft und seinem ungestümen Mute leicht besiegt. Darüber ergrimmt, legten ihm die Thebaner bei seiner Rückkehr einen Hinterhalt von fünfzig Jünglingen unter zwei Anführern. Tydeus aber erschlug alle und ließ nur einen der beiden Führer entkommen, damit dieser die Botschaft nach Theben bringe.

Eteokles durfte in der That die verbündeten Feinde bei aller ihrer Tapferkeit so sehr nicht fürchten. Nicht nur zählte das volkreiche Theben unter seinen Einwohnern eine Menge starker, trefflich geübter Krieger, sondern vor allen Dingen konnte es auch auf seine Mauern trotzen, die es nach damaliger Art bei dem gänzlichen Mangel an Belagerungsmaschinen durchaus unüberwindlich machten. In dieser Mauer waren sieben Thore, und nur gegen diese konnten die Belagerer andringen. Jeder von den sieben Feldherrn besetzte eines derselben, wahrend auch Eteokles nicht ermangelte, ihnen ebensoviel tüchtige Helden von den Seinen entgegenzustellen. Diese konnten aber vor der Hand innerhalb der Thore ganz ruhig zusehen, denn es war jenen fast unmöglich die festen Mauern auch nur zu erschüttern.

Eteokles benutzte diese Zeit noch in der Stadt, um von dem Seher Teiresias – eben demselben, mit dessen Schatten Odysseus in der Unterwelt zusammentraf – den Ausgang des Streits zu erforschen. Von diesem berühmten Greise erzählt die Sage, die Götter hätten ihn blind gemacht, aber ihm zum Ersatze ein so feines Gehör gegeben, daß er die Sprache der Vögel zu erlauschen, und einen solchen Sehergeist, daß er die fernste Zukunft zu erforschen vermocht habe. Jetzt deutete sein Ausspruch an, die Stadt werde gerettet werden, wenn Menökeus, Kreons Sohn, sich freiwillig dem Ares opfern wolle. Kaum hörte dies der edle Jüngling, so eilte er allein zum Thore hinaus und stürzte sich unter die Feinde, wo er bald den gesuchten Tod fand. Von diesem Tage an erlitten die Belagerer einen Unfall nach dem andern. Die Thebaner wagten mutige Ausfälle, töteten viele und zogen sich immer ziemlich glücklich in ihre Stadt zurück. Kapaneus, einer der tapfersten Argeier, wollte die Mauer im Sturm erklettern. Schon hatte er auf der Sturmleiter die Mauer erklommen, da trifft ihn Zeus mit seinem Blitze durch beide Schläfe, daß die Leiche zerschmettert mit der Leiter zusammenstürzt: ein warnendes Beispiel gestrafter Verwegenheit. Auch der schöne Parthenopäos starb bei diesem Sturme, von einem gewaltigen Felsblocke zermalmt. Diese Verluste riefen unter den Belagerern große Bestürzung hervor, und nachdem auch mancher andere tapfere Kämpfer schon gefallen war, machte endlich einer den Vorschlag, die beiden Brüder sollten ihre Sache allein im Zweikampf ausfechten, und wer über den andern siege, solle Beherrscher von Theben werden. Der Rat gefiel allen, und Eteokles ward hierauf, falls auch er einwillige, vor die Stadt beschieden. Hier sah man ein schreckliches Schauspiel. Beide Brüder, von Rachsucht, Neid und Ehrbegierde erhitzt, rannten mit ihren Wurfspießen so wütend aufeinander ein, daß sie sich gegenseitig durchbohrten und beide auf dem Kampfplatze ihr Leben aushauchten.

Da also durch diesen Zweikampf nichts entschieden worden war und die argeiischen Helden sich schämten, fruchtlos abziehen zu müssen, so erneuerten sie das Gefecht an den Thoren mit verdoppelter Kraft, aber bei einem Hauptausfall der Thebaner erlitten sie eine so schmähliche Niederlage, daß von den Anführern nur der einzige Adrastos durch die Hilfe seines geflügelten Streitrosses entkam. Hippomedon fiel durch die Lanze des starken Ismaros, Eteoklos Wohl zu unterscheiden vom Eteokles, Polyneikes' Bruder. ward vom Leiades erschlagen. Tydeus sogar, der tapfere Tydeus, ward von Melanippos verwundet, daß er niederstürzte und bald darauf seinen Geist aufgab; und der Prophet all dieses Unheils, Amphiaraos, über den die Schmeichelreden seines Weibes mehr als seine richtigste Sehereinsicht vermocht hatten, ward, als er am Ismenosflusse vor dem Speere des Periklymenos floh, vermutlich von seinen Pferden in einen Abgrund gezogen. Die Sage drückt es so aus: Zeus habe ihn mit Wagen und Roß vermöge eines Blitzstrahls in die Tiefe der Erde geschleudert. Auch von den gemeinen Streitern sahen nur wenige ihr Vaterland wieder.

Die Thebaner überhoben sich ihres glänzenden Sieges mit dem stolzesten Übermut. Kreon, Iokastes Bruder, der nun die Regentschaft übernahm, ging in seiner Erbitterung gegen die Argeier soweit, daß er sogar die vor den Thoren zerstreut liegenden Leichname der erschlagenen Feinde nicht wollte verbrennen und begraben, sondern den Vögeln zum Raube liegen lassen: eine Verletzung griechischer Sitte, wie sie nur selten vorgekommen ist; denn die Scheu vor den Toten und die heilige Pflicht dieselben zu bestatten ist selbst im Kriege nie übertreten worden. Ja die prächtigste Leichenfeier wurde den im Kriege Gefallenen überall veranstaltet und ihr Verdienst von den ausgezeichnetsten Rednern gefeiert. Hier aber ließ der harte Kreon nur den Leichen der gefallenen Thebaner Scheiterhaufen errichten und den Eteokles mit allen Ehrenbezeugungen begraben, dem Polyneikes dagegen versagte er solche Ehre. Und damit nicht etwa das Mitleid irgend einen der umwohnenden Landleute bewege diese religiöse Handlung freiwillig zu übernehmen, so stellte er Wachen auf dem Schlachtfelde aus und erließ ein Gebot, daß jeder, welcher den Leichnam wegholen werde, am Leben bestraft werden solle.

Mit diesem Gebot fängt ein griechisches Trauerspiel, die Antigone, an: ein Werk des großen Dichters Sophokles, und neuerdings durch Aufführung auf den größten Theatern Deutschlands allgemeiner bekannt geworden. In früher Morgendämmerung, nachdem das Argeierheer abgezogen ist, treten die beiden Töchter des unglücklichen Ödipus, Antigone und Ismene, aus dem königlichen Palast zu Theben. Antigone meldet der Schwester das neue Unglück, welches durch Kreons grausamen Befehl über ihr Haus kommen soll, entdeckt ihr, daß sie durch jenes Verbot sich nicht werde abhalten lassen eine heilige Pflicht gegen den toten Bruder zu erfüllen und fordert sie auf an der Beerdigung desselben teilzunehmen. Aber die sanfte, weibliche Ismene verweigert ihre Hilfe und sucht durch verständige Besonnenheit die Schwester von dem kühnen Wagnisse zurückzuhalten. Umsonst! Antigone bleibt bei ihrem Entschlusse, und unerschütterlichen Mutes geht sie hinweg zur Ausführung ihrer That. Und sie gelingt. Ohne daß die ausgestellten Wächter es gewahren, hat sie den Leichnam des Polyneikes mit Staub bedeckt und ihm die heilige Totengabe dargebracht. Als hierauf einer der Wächter zur Stelle kommt, eilt er sofort zu Kreon, um ihn von dem Geschehenen zu benachrichtigen und zugleich zu melden, daß keine Spur gefunden sei, die zur Entdeckung des Thäters führen könne. Heftig zürnend, stößt Kreon schreckliche Drohungen gegen den Boten aus, welche an sämtlichen Wächtern in Erfüllung gehen sollen, wenn sie nicht den Schuldigen ausfindig machen würden. Antigone wird entdeckt, und alsbald schleppen sie die bedrohten Wächter vor den Herrscher. In höchster Ruhe und Gefaßtheit legt sie das Bekenntnis ab, daß sie nicht aus Menschenfurcht sich vor den Göttern habe strafbar machen wollen, denn es sei Sünde gewesen den Sohn ihrer Mutter unbeerdigt liegen zu lassen; der Tod schrecke sie nicht, und komme er früher, so werde er sie aus großen Leiden erretten. Kreon erkennt in ihren Worten nur übermütigen Trotz und entscheidet, daß nicht bloß sie, sondern auch die Schwester, die er in dem Verdachte der Mitwirkung hat, sterben solle. Weinend und trauernd wird Ismene herbeigeführt und giebt die unerwartete Antwort, daß sie sich allerdings der That schuldig bekenne. Der edlen Jungfrau, welche nicht Mut genug in sich gefühlt hatte das Verbot des Königs zu übertreten, fehlte es nicht an Stärke gemeinschaftlich mit der Schwester zu sterben. Antigone aber verschmäht diese Aufopferung, sie verschmäht auch den König daran zu erinnern, daß sie seines Sohnes geliebte Braut sei. Während die Mädchen abgeführt werden, eilt Kreons Sohn Hämon herbei und vernimmt von dem Vater, wie er durch kein Verhältnis sich werde bestimmen lassen den Lauf der Gerechtigkeit zu hemmen, damit nicht Ungehorsam gegen die Obrigkeit einreiße. Hämon antwortet ihm mit einfacher Verständigkeit und edler Bescheidenheit, und sucht den Vater besonders darauf hinzulenken, daß das Verfahren gegen Antigone seine eigene Sicherheit gefährde: das Volk erkenne in ihrer Handlung eine fromme That und finde daher die Bestrafung derselben ungerecht. Als aber Kreon, den guten Willen des Sohnes verkennend, in die wildesten Scheltworte und Drohungen ausbricht, da wird auch Hämon fortgerissen zu leidenschaftlicher Heftigkeit. Er sagt sich gänzlich von dem Vater los, und die Liebe zu seiner Braut ist es nun allein, die sein Herz erfüllt und seine Handlungen bestimmt.

Indessen ist Kreons Beschluß über die Art der Todesstrafe, die Antigone treffen soll, zur Reife gediehen. Lebendigen Leibes soll sie in ein Grab eingeschlossen werden, jedoch einige Speise erhalten, damit nicht neue Blutschuld über die Stadt komme. Nachdem die Unglückliche abgeführt ist, erscheint Teiresias, der greise blinde Seher, geführt von einem Knaben, und verkündet ein grauenvolles Gericht über Kreon, der durch seine Verfolgung der Toten die Rache der Götter gegen die Stadt veranlaßt habe. So sehr sich Kreon dagegen sträubt der ernst mahnenden Stimme zu gehorchen, unterliegt doch endlich die Meinung von seiner Untrüglichkeit und seinem Rechte auf unbeschränkte Herrschaft, und der Rat thebanischer Greise, den unbegrabenen Toten zu bestatten und die lebendig begrabene Antigone zu befreien, findet Gehör. Eiligst bricht er mit allen seinen Dienern auf, um den guten Rat ins Werk zu setzen. Ein Strahl von Hoffnung bricht durch alle die bangen Ahnungen und Erwartungen. Wenn der Herrscher nur nicht zu spät kommt, um seinen geänderten Willen zu vollziehen, so kann noch alles zum Guten gekehrt, Antigone kann gerettet, die Götter können versöhnt, das Unheil von Kreons Haupte abgewendet werden!

Doch – zu spät! Nachdem Kreon die Bestattung des Polyneikes vollzogen und sich mit seinem Gefolge dem Grabgewölbe genaht hat, in welchem Antigone eingeschlossen worden, hört einer der vorausgeeilten Diener laute Klagetöne und kommt zurück, dem Könige davon Meldung zu thun. Dieser ahnt Schlimmes, denn er erkennt die Stimme seines Sohnes. Antigone hat sich erdrosselt. Bei ihrem Leichname liegt Hämon klagend über den Verlust seiner Braut und die unheilvollen Thaten seines Vaters. Dieser bittet ihn mit zärtlicher Angst den Ort des Grausens zu verlassen. Da ergreift den Sohn wahnsinnige Wut, daß er mit gezücktem Schwerte auf den Vater stürzt und dieser kaum durch schnelle Flucht sich rettet. Hämon kehrt nun gegen sich selbst seinen Grimm, durchbohrt sich mit dem Schwerte und stirbt, die tote Braut in seine Arme schließend.

Als die Kunde von dem Ende ihres Sohnes zu Eurydikes, seiner Mutter, Ohren dringt, fällt sie ohnmächtig in die Arme ihrer Dienerin zurück, bald aber kehrt ihr das Bewußtsein wieder und in einem verzweifelten Entschlusse, unter Verwünschungen gegen Kreon giebt sie sich selbst den Tod. Kreon fühlt sich vernichtet; auch er verlangt zu sterben und ruft den Tag herbei, der ihn an das Ziel seiner Leiden bringen soll.

Aber seinen Feinden gegenüber verhärtet sich gleichzeitig sein Sinn nur noch zu unmenschlicherem Trotz. Vergebens bittet Adrast noch einmal durch eine Gesandtschaft um die Erlaubnis, die erschlagenen Bundesgenossen begraben zu dürfen; Kreon weist die Boten ab. Da jammern zu Hause die Mütter und die Gattinnen der Umgekommenen, daß ihren Söhnen und Gatten die letzte Ehre verweigert werde; sie fluchen dem Kreon, aber fast mehr noch dem Adrastos, dem Urheber und Anführer des unseligen Zuges, und bestürmen ihn, die Leichname zu beschaffen, da er doch die Lebenden nicht wiederbringen könne.

In dieser Sorge des Herzens erinnert Adrastos sich des Theseus und der Stadt Athen, die schon damals sich einer gerechteren Verfassung als andere Städte rühmte, nach höherem Ansehen strebte und nicht gern eine Gelegenheit vorübergehen ließ ihre Wichtigkeit zu zeigen. Er reist dorthin, schildert Kreons verstockte Härte und ruft die Athener zu Rächern solcher Verachtung göttlicher und menschlicher Rechte auf. Er stellt ihnen vor, welchen Ruhm sie sich dadurch erwerben könnten, wenn sie einen Tyrannen bestraften und den alten frommen Brauch und Glauben der Völker in ihrer Heiligkeit erhielten und schützten. Seine Rede wirkte. Theseus zog mit einem erlesenen Haufen aus und bemächtigte sich der jetzt freilich schon bis zur Unkenntlichkeit entstellten Leichname. Zwar rückte ihm Kreon mit einer Schar von Thebanern entgegen, er ward aber zurückgeschlagen und in die Stadt gejagt. Theseus ließ darauf die Totenopfer bringen und Holz aus der nahen Waldung herbeischaffen, um die Scheiterhaufen zu erbauen. Dann wurden die Toten sorgfältig gewaschen, bekleidet und auf die Gerüste gelegt. Da, eben als man die Fackeln anzündete, kam ein junges, sittsam verhülltes Weib herbeigeeilt und forschte sorgfältig nach Kapaneus' Scheiterhaufen, Es war Euadne, seine Witwe, die ihren Gemahl so zärtlich geliebt hatte, daß seit seinem Tode noch kein Schlaf über ihre Augen gekommen war. Des Lebens müde, hatte sie nur den einzigen Wunsch, die teure Leiche noch einmal zu sehen und in die Arme zu schließen. Jetzt zeigt man ihr den Toten, aber der Scheiterhaufen, auf dem er ruhte, stand bereits in hellen Flammen. Und siehe, unaufhaltbar stürzte sie auf denselben zu, schwang sich hinauf und ward zugleich mit dem Leichnam ihres Gatten von den Flammen verzehrt. Ein gemeinsamer Aschenkrug nahm hierauf, wie das treue Weib es gewünscht hatte, die Gebeine beider Liebenden auf.

Seit dem unglücklichen und schmählichen Ausgange dieses sogenannten ersten thebanischen Krieges – der etwa vierzig Jahre vor Anfang des trojanischen gesetzt wird – blieb zwischen Argos und Theben noch lange die feindseligste Spannung. Diejenigen Argeier, welche sich von dem Zuge glücklich gerettet hatten, brannten vor Begierde sich zu rächen und schürten in den jungen Söhnen der erschlagenen Helden den glühendsten Haß gegen Theben. Wirklich verpflichtete sich eine große Anzahl tapferer Jünglinge, mit ihnen noch einmal gegen Theben zu ziehen, und der Ausspruch der befragten Priester war: diesmal werde man siegen, wenn Alkmäon, Amphiaraos' Sohn, der Anführer sein wolle. Thersandros, des Polyneikes Sohn, dem es vor allen um das Gelingen des Planes zu thun sein mußte, hinterbrachte sogleich dem Alkmäon dies ruhmverkündende Orakel. Aber die Mutter des hoffnungsvollen Jünglings, die sich noch immer anklagte aus Habsucht und Eitelkeit das Leben ihres trefflichen Gemahls im ersten thebanischen Kriege aufgeopfert zu haben, wollte nun keinen ihrer Söhne denselben Gefahren aussetzen. Sie verbot beiden die Teilnahme am Zuge, und dem ältesten insbesondere drohete sie mit ihrem mütterlichen Fluche, wenn er die ihm angesonnene Führerschaft übernehme.

Aber – ich weiß nicht, was die Dichter gegen die arme Eriphyle gehabt haben müssen, daß sie ihr zwei so arge Flecken von gleicher Art angeheftet haben – sie sagen, Thersandros habe sich der List seines Vaters Polyneikes erinnert und den gleichen Kunstgriff bei ihr versucht. Er habe nämlich aus dem Erbe eben jener Gemahlin des Kadmos auch noch einen köstlichen Schleier besessen, der ein Werk der Athene selber gewesen sei. Diesen habe er ihr angeboten und nun von der erregten weiblichen Eitelkeit seine Absicht ebenso leicht, als einst der Vater die seinige erreicht. Eriphyle habe ihre Söhne ziehen lassen, und so sei alles nach Wunsch gegangen.

In der Geschichte heißt dieser Feldzug der zweite thebanische Krieg oder der Krieg der Epigonen, d. h. der Nachkommen, weil er eben von den Söhnen der im ersten Feldzuge Gefallenen geführt ward. Man setzt ihn zehn Jahre nach jenem an, 1214 vor Christi Geburt und 30 Jahre vor dem trojanischen Kriege. Die Haupthelden waren außer Alkmäon und Amphilochos, den beiden Söhnen des Sehers Amphiaraos, Ägialeus, Adrastos' Sohn, Diomedes, Tydeus' Sohn, der damals noch sehr jung gewesen sein muß, Promachos, Parthenopäos' Sohn, Sthenelos, Kapaneus' Sohn, der gleichfalls im trojanischen Kriege noch tüchtige Dienste leistete, Euryalos, Mekisteus' Sohn, und endlich der schon erwähnte Thersandros, der Sohn des Polyneikes, der eigentliche Thronbewerber.

Übrigens wohnte in Theben selbst noch ein anderer, ebenso rechtmäßiger Erbe der Herrschaft. Dies war Laodamas, Eteokles' Sohn, der sogar, da Kreon vor kurzem kinderlos gestorben war, die Königswürde bereits angenommen hatte. Er war es, der jetzt die Thebaner hinaus aufs Schlachtfeld führte, und an seiner Tapferkeit lag es nicht, daß der Erfolg nicht ebenso glücklich für seine Landsleute war als vor zehn Jahren. Nachdem er den Ägialeus und mehrere andere treffliche Jünglinge erlegt hatte, fiel er selbst durch Alkmäons Hand, und bei diesem Anblicke flohen alle seine Gefährten in die Stadt. Diese ward nun mit Macht berannt und auf den Rat des Teiresias nach einigen Tagen den Belagerern geöffnet. Da man den Bürgern freien Abzug bewilligt hatte, so ward niemand weiter erschlagen, auch niemand zum Gefangenen gemacht, einige Jungfrauen ausgenommen, unter denen auch Manto, die Tochter des Teiresias war, die man ihrer seltenen Schönheit und ihrer Sehergabe wegen nach Delphi schickte, weil die Sieger dem Apollon das edelste Teil der Beute gelobt hatten. Hier verwaltete die Jungfrau das Amt der weissagenden Priesterin und gewann bald hohen Ruf, so daß Ratfragende und Lernende selbst aus weiter Ferne herbeiströmten. Die übrigen Thebaner aber verließen großenteils die halb in Trümmern liegende, ausgeplünderte Stadt, um sich am Quell Tilphusa eine neue Heimat zu begründen, die sie Hestiäa nannten; andere aber gingen noch weiter nach Illyrien und Thessalien und suchten dort neue Wohnsitze. In den wenigen Teilen Thebens, welche von der Verwüstung verschont geblieben waren, schlug Thersandros nach dem Abzuge des übrigen Heeres seine Stätte auf; viele Thebaner gesellten sich zu ihm und erkannten ihn, vermöge jener frommen Anhänglichkeit der Völker an das Geschlecht ihrer alten Beherrscher, freiwillig als König an. Die Stadt ward wieder aufgebaut, und der alte Zwist ruhte. Es ist aber wohl kaum zu verkennen, daß die Geschichte des Kampfes größtenteils eine Erfindung der Dichter ist, die dem ersten thebanischen Kriege ein Seitenstück geben wollten. Daher die gleiche Zahl der Führer, aber Verschiedenheit in dem Erfolge: die Epigonen ziehen unter den günstigsten Vorzeichen in den Krieg, während ihren Vätern von der Unternehmung abgeraten ward; hier entkam Adrastos allein, dort fiel einzig sein Sohn.

So endigte sich ein blutiger Bruderzwist, der, so beschränkt sein Schauplatz war, doch in der Bildungsgeschichte der Griechen eine merkwürdige Erscheinung ist. Mehrere Fürsten haben sich dazu verbündet; ein einziger unter diesen hat den Oberbefehl; es wird den Feinden eine Kapitulation vorgeschlagen; man ermordet die Besiegten nicht mehr – alles bereits unverkennbare Spuren von der Veredlung eines ursprünglich rohen Volkscharakters. Und allerdings mußten Ereignisse solcher Art vorhergegangen sein, wenn dreißig Jahre später schon eine so umfassende, allgemeine Verbindung sollte zu stande kommen können, wie die Heerfahrt der griechischen Fürsten nach Troja war. Und so nur läßt sich erklären, wie man unter den Helden des Homer schon so feste Begriffe von gesellschaftlicher Ordnung, von Recht und Schicklichkeit, schon ein so feines Ehrgefühl und so viel Bekanntschaft mit nützlichen Künsten finden kann, als dieselben wirklich zeigen; wiewohl freilich auch anzunehmen ist, daß die Helden vor Troja bei weitem so schön nicht gesprochen haben werden, als Homer sie sprechen läßt.

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