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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 52
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authorKarl Friedrich Becker
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Dreizehnter Abend.

Iphigenia.

Als am andern Abende das Gespräch der Kinder sich noch immer um Agamemnons und seines Hauses Geschick bewegte und sie insbesondere nicht müde wurden die innige Freundschaft des Orestes und Pylades zu bewundern, bemerkte der Lehrer:

»Ein griechischer Tragödiendichter, Euripides, hat dieses seltene Herzensbedürfnis noch weiter behandelt in einem Stücke, Denselben Gegenstand hat auch Goethe in seinem Schauspiele Iphigenie behandelt und in demselben den antiken Charakter meisterhaft mit modernen Empfindungen verschmolzen. Auch der französische Dichter Racine hat sich an diesem Stoffe versucht. dessen Inhalt ich euch jetzt mit einigen Veränderungen noch als einen Anhang zur Geschichte des Orestes erzählen will.«

Ihr wißt, daß Iphigenia Agamemnons älteste Tochter war. Als vor dem Zuge nach Troja widrige Winde die Schiffe der Griechen im Hafen von Aulis zurückhielten, sollte sie geopfert werden, um den Zorn der Artemis zu besänftigen, welche Agamemnon so schwer beleidigt hatte. Das unschuldige Blut der Tochter sollte die Schuld des Vaters sühnen. Aber die Dichter erzählen, Iphigenia sei nicht wirklich geopfert worden, sondern erbarmend habe die Göttin selber sie geschützt und sie in einer Wolke nach Tauris, im thrakischen Chersones, entrückt. Dort verrichtete sie als keusche Priesterin den heiligen Dienst im Tempel der Artemis und wußte durch sanften Sinn wie durch Klugheit das damals noch sehr rohe Volk der Taurier Die Taurier werden zu den Skythen am Don und Dniepr gezählt und wohnten auf der West- und Südseite der Krim (Chersonesus Taurica). Sie waren ein seeräuberisches Volk. an menschlichen Sinn und mildere Sitten zu gewöhnen. Vornehmlich gewann sie die Achtung des Königs Thoas in so hohem Grade, daß er ohne ihren Rat nichts von Bedeutung beschloß und sich sogar oft von ihr bewegen ließ, den unglücklichen Fremdlingen, die nach der barbarischen Landessitte eigentlich der Göttin geopfert werden sollten, das Leben zu schenken.

»Ihr werdet euch«, bemerkte hier der Lehrer, »gewiß aus unseren früheren Erzählungen ähnlicher Beispiele von solchen wilden Völkern erinnern, und ebenso fanden die Entdecker Amerikas dort zahlreiche Stämme, die jeden Fremdling nicht nur als Feind betrachteten und töteten, sondern sich selbst das Fleisch derselben zum Mahle bereiteten. Ja auch bei unsern Vorfahren sollen gefangene Feinde, erkaufte Knechte oder schwere Verbrecher als Schlachtopfer den Göttern dargebracht sein. Überhaupt zeigen die Völker auf jenen untersten Stufen eines fast tierischen Daseins eine Menge Ähnlichkeiten, die gleichfalls ihre ursprüngliche Verwandtschaft verraten; Ähnlichkeiten, durch die man oft überrascht wird, wenn man ältere und neuere Völker aus ganz verschiedenen Gegenden nebeneinander stellt.«

Iphigenia hatte wohl über zwanzig Jahre in Tauris verlebt, ohne von ihren Eltern, Geschwistern und Verwandten die geringste Nachricht zu erhalten. Alle die Greuelthaten, die ihr väterliches Haus in diesem langen Zeiträume verödet hatten, waren ihr also noch unbekannt; sie träumte sich dafür eine reiche, glückliche Familie, die in Frieden blühe, und sandte manchen Seufzer nach der Gegend hin, wo die geliebte Heimat lag. Immer trug sie sich noch mit geheimen Plänen und mit der unbesieglichen Hoffnung, daß sie endlich doch, sei es durch Hilfe der Göttin, sei es durch ein zufällig anlandendes Schiff, zu den Ihrigen zurückgeführt werden könne. Aber die Göttin hatte sie ja einmal zu ihrer Priesterin erkoren, und wer hätte wohl, den Schrecken des Opfertodes trotzend, die Taurische Küste mit seinem Schiffe berührt, wenn nicht etwa ein Sturm ihn dahin verschlug?

Tiefer noch als diese Betrachtungen entmutigte ihren Sinn eine Nachricht, die, ich weiß nicht wie, aus den benachbarten Ländern bis in ihre Abgeschiedenheit den Weg gefunden hatte. Es war ein Gerücht, wie alle Gerüchte sind, halb Wahrheit und halb Erdichtung; aber es wurde ihr mit solcher Gewißheit mitgeteilt, daß sie sich in der Angst ihres Herzens gar keinen Zweifel mehr dagegen erlaubte. Agamemnon, hieß es, sei von Klytämnestra erwürgt, Klytämnestra und Ägisthos vom Orestes erschlagen, und Orestes, Elektra und Chrysothemis, ihre drei geliebten Geschwister, von den Argeiern gesteinigt. Das ganze Geschlecht sei ausgerottet, und der Fluch der Götter und Menschen ruhe auf dem verhaßten Namen der Agamemnoniden.

Denkt euch die unglückliche Jungfrau bei dem Empfange dieser Kunde, die alle ihre Hoffnungen mit einem Schlage vernichtete; Hoffnungen, mit denen sich ihr Herz zwanzig Jahre lang getröstet, um derentwillen sie das traurige einsame Leben in einem rauhen Lande und unter fremden Barbaren allein ertragen hatte! Bisher hatte noch der süße Traum einer Rückkehr in das geliebte Jugendland ihren Gram zerstreuen und ihren Mut aufrecht erhalten können; aber jetzt lag die fürchterliche Gewißheit vor ihr, daß alle ihre Wünsche eitel seien, und daß aus diesem schauerlich öden Winkel der Erde nichts sie mehr erlösen werde. Finsterer Unmut bemächtigte sich ihrer Seele, sie verhärtete sich gleichsam gegen sich selbst und schien zu glauben, es würde ihr wohler ums Herz werden, wenn sie sich am Vergießen des Menschenbluts, und besonders des griechischen, ein Genüge thun könne; denn sie verabscheute dieses Volk, das ein Haus wie Agamemnons ruhig hatte untergehen sehen und es noch mit ewiger Schmach hatte beladen können.

Unterdessen bot sich zur Befriedigung dieser blutdürstigen Neigung nur allzuschnell eine Gelegenheit dar. Apollon, nachdem er den Orestes von der Qual der Erinnyen befreiet hatte, trug ihm wie zur letzten Buße eine Wallfahrt nach den fernen Barbarengestaden von Tauris auf, um dort ein geweihtes Bildnis seiner Schwester Artemis aus dem Tempel zu entführen und in Mykenä aufzustellen. Der Auftrag war in der That nicht weniger schwierig und gefahrvoll als irgend eine von den kühnen Arbeiten des Herakles, indessen – er kam von einem Gotte, und, was ihn um vieles leichter machte, der treue Pylades entschloß sich sogleich die Gefahren der Reise mit seinem Freunde zu teilen. Die Fahrt war glücklich; sie landeten in einer entlegenen Bucht, ließen ihr Schiff, hinter einem Felsen versteckt, unter der Obhut treuer Diener zurück und lenkten ihre Schritte landeinwärts. Unterwegs verabredeten sie, sich andere Namen und eine andere Abkunft beizulegen, da es möglich schien, daß ihre Geschichte selbst bis hierher ruchbar geworden, und da in diesem Falle zu fürchten war, der Name des Muttermörders und seines Genossen werde das ihnen ohnehin drohende Verderben unabwendbar machen. Unter solchen Gesprächen näherten sie sich einem Haine, aus dessen dunkeln Wipfeln ihnen bald die weißen Säulen des gedachten Tempels entgegenschimmerten.

Eben hatte Iphigenia in demselben voll düsterer Schwermut das Morgenopfer dargebracht. Ihr Blick war wild, ihr langes Haar flatterte ungeordnet über Brust und Schultern hin, und in ihrem Herzen wühlte Verzweiflung und bitterer Menschenhaß. Die Männer erschraken bei ihrem Anblick; in dieser Gestalt und in diesen Zügen war nichts mehr von der Griechin zu erkennen! Noch größeren Schrecken erregte die rohe Schar der Knechte, die sie umgaben.

»Wer seid ihr?« rief die Priesterin sie an.

»Griechen sind wir, aus Ätolien«, versetzte Pylades, und spann nun ein kunstvolles Gewebe von Täuschungen, um seine wahre Herkunft und den Zweck der Reise zu verbergen.

»Kanntet ihr das Gesetz der Taurier nicht, welches jeden Fremden, der unserer Küste naht, den Göttern zu opfern befiehlt?«

»O nimmer«, rief Pylades, »nimmer kann ein fromm die Götter ehrendes Volk dem elenden Schiffbrüchigen, dem niemand Erbarmen versagt, grausam auch das letzte nehmen, was er hat: das Leben! Und wie könnte den Göttern dies Opfer gefallen? Nein, Jungfrau, solch ein Herz wohnt nicht in dir. Wenn du von Menschen menschlich geboren bist, so muß unsere Not dich rühren, und du wirst uns Gastfreundschaft gewähren, bis wir weiter ziehen können. Mag das Gesetz, von dem du sprichst, für Abenteurer und Feinde sein, die eures Reiches Frieden zu stören kommen; uns Unschuldige werdet ihr nicht als Verbrecher strafen.«

»Ihr müsset sterben!« rief die Priesterin und winkte ihren Dienern. Diese umringten sogleich die beiden Schlachtopfer und schickten sich an, sie wegzuführen. Orestes, der noch nicht ein Wort gesprochen hatte, schwieg auch jetzt und sah mit starren Blicken vor sich hin. Pylades aber warf sich der Priesterin zu Füßen und versuchte alles, was Liebe für seinen Freund und Sorge um das eigene Leben ihm eingeben wollte, um das Herz der Unerbittlichen zu rühren. Sein Flehen war nicht umsonst, Iphigenia begann zu schwanken, und bald kämpfte sie sichtbar mit sich selber. Endlich sprach sie in Bewegung:

»Sonst habe ich wohl selbst den König dieses Landes um die Freilassung der Unglücklichen gebeten, welche ein böses Schicksal an diese Küsten geworfen hatte. Auch rührte mich der Name Grieche sonst und dieser Sprache trauter Klang, die ich – ach! so lange nicht vernommen! Aber seitdem mir mein Liebstes in der Welt – – Doch kein Wort davon! Ihr seid Griechen! Ihr fühlet meine Rache! Ihr müßt sterben! – Zwar du, du scheinst mir ein guter, sanfter Jüngling; du hättest meine armen Schwestern nicht gesteinigt, du hättest meines Vaters Namen nicht verflucht! – Geh' hin, benutze diese gute Regung, die ich vielleicht nur einen Augenblick für dich empfinde; fliehe eilends und verlaß dieses Land! Aber den finster, tückisch schweigenden Genossen dort ergreift, ihr Diener, und legt ihm die Fesseln an! Beide zu befreien würde mir ohnehin der König nicht gestatten.«

»O heilige Jungfrau«, rief Pylades abermals, »vergönne mir noch ein Wort! Ist es dein fester Wille, nur einen von uns zu retten, o dann nicht mich – dann rette meinen Freund! Muß einer sterben, so will ich es sein. Ich habe es ihm geschworen ihn nimmer im Leben zu verlassen; wie sollte ich nun feige fliehen, wenn er den Weg zum Tode geht!«

Bei diesen Worten brach auch Orestes sein Schweigen. »Mit nichten geschehe das, ehrwürdige Priesterin!« rief er heftig bewegt. »Willst du ihn töten, so schlachte auch mich, denn ohne ihn würde mir das Leben kein Leben mehr sein. Keine Zunge spricht es, was dieser Freund für mich gethan hat; mit meinem dreifachen Tode wöge ich's nicht auf. O, er ist es wert nun auch für sich zu leben, nachdem er so lange für mich gelebt hat!«

»Höre ihn nicht, fromme Jungfrau«, rief Pylades, »er weiß nicht, was er spricht! Siehe, er ist der letzte seines Stammes; er hat ein Haus und eine Herrschaft daheim, und sein Volk trägt ihn auf den Händen. Mein Vater aber lebt noch und hat noch jüngere Söhne, die sich der reichen Erbschaft freuen werden. Wahrlich! du weißt nicht, welch edles Geschlecht du zu Grunde richtest, wenn du diesen sterben lassest.«

Wiederum rief Orest: »Laß dich nicht irren, hohe Priesterin! leichter als er, kann ich dem Tode ins Auge schauen. Er hat ein holdes Weib, sie ist meine Schwester; erst seit einem Jahre ist er mit ihr vermählt. Und die wolltest du zur Witwe und ihr zartes Kind zur Waise machen? Um mich weint, wenn ich sterbe, kein Vater und keine Mutter, kein Weib und kein Kindlein. Mich wirf in Fesseln, wie du zuerst beschlossen hattest. Nie hat dein Gefühl dich richtiger geleitet!«

»Wunderbare Menschen! Wer seid ihr?« rief Iphigenia erstaunt. »Wer hat wohl je gesehen, daß ein Mensch sein Leben so gewaltsam wegzuwerfen strebte? Aber wie edel ihr auch beide scheint, doch kann ich nur einem die Freiheit schenken, und wage ich redlich Gründe gegen Gründe, so bleibe es bei meiner ersten Wahl! Gehe du – so sprach sie zu Pylades – und lebe glücklich. Umarme deinen alten Vater wieder und dein liebes Weib; aber fliehe schnell!«

»Fliehe, fliehe!« bat auch Orest, mit seinen Armen ihn umschlingend, »Wie wird sich die treue Elektra freuen! Bringe ihr meinen letzten Gruß und tröste sie auch meines Schicksals wegen.«

»Elektra?« rief die Priesterin überrascht. »Ach! woran mahnt mich der holde Name! Aber ihr seid Ätolier, sagt ihr! ...«

»Vergieb mir«, sagte Pylades, »ich täuschte dich. Ich wollte einem Schicksal durch List entrinnen, dem doch, wie ich nun erkenne, nicht zu entfliehen ist. Nicht Ätolier, Argeier find wir, aus Mykenä, der berühmten Stadt des großen Agamemnon. Ich bin Orestes, der Muttermörder, und fordere hier für meine Missethat den verdienten Lohn! Dieser aber ist Pylades, Strophios' Sohn, der Gatte meiner Schwester Elektra, der keinen Teil an meiner Schuld hat. Darum laß ihn ziehen!«

Orestes wollte den neuen Betrug strafend widerlegen, aber Iphigenia rief plötzlich mit starker Stimme: »Wie, diese ruchlosen Verbrecher sähe ich vor mir? Wohlauf, ihr meine Diener, führt sie ab, und werft sie abgesondert von allen andern in ein Gefängnis; die Stunde kommt, die ihr Schicksal erfüllen soll. – Sie wurden abgeführt und erwarteten das Schrecklichste. Pylades geriet fast in Verzweiflung darüber, daß er noch in dem Augenblicke, da ihre Rettung fast schon entschieden, durch ein einziges übel bedachtes Wort jede Hoffnung vernichtet habe. Tausendmal bat er seinen Freund um Verzeihung, tausendmal versuchte es Orestes ihn zu trösten; doch umsonst.

Ihr kennt aber wohl denken, daß die plötzliche Strenge Iphigeniens nur Schein gewesen sei, nur eine kluge List, um die Scene des Wiedererkennens, die schon so nahe war, den Augen lästiger Begleiter zu entziehen. Nur um diese Begleiter irre zu führen, ergriff sie die scheinbar harte Maßregel, und es schmerzte sie selber die beiden Freunde über ihre wahre Gesinnung so lange in Ungewißheit lassen zu müssen. Erst spät am Abend, als die Einwohner von Tauris schon in ihren Hütten ruhten, begab sie sich zu ihnen, schob leise den Riegel von der Kerkerthür weg und brachte mit einem Worte Leben und Freude in die schon verzweifelnden Gemüter. Sie sagte ihren Namen, erkannte nun den wahren Orestes, erfuhr den wahren Zusammenhang des Schicksales ihrer Familie, und verabredete einen Plan zu gemeinsamer Flucht. In dieser Nacht ihn noch auszuführen war nicht ratsam, weil schon der größte Teil derselben verstrichen war; ihn bis zur folgenden Nacht zu verschieben ging noch weniger an, weil König Thoas und sämtliche Taurier sich schon auf ein großes Opferfest am nächsten Morgen vorbereitet hatten. Es ward also ein anderer Ausweg ersonnen, der Iphigeniens klug gefaßten Geist aufs neue bewährte.

Sobald nämlich am Morgen das Volk im Tempel versammelt war, erklärte dieselbe, es sei eine ungeheure Frevelthat geschehen. Die beiden Fremdlinge seien nicht nur Muttermörder, sondern Tempelschänder, die ihre ruchlosen Hände an das heilige Bild der Artemis gelegt. In solchen Fällen fordere die Sitte, ja der Wille der Göttin selbst, daß die Verbrecher, ehe sie geopfert würden, erst in Begleitung der Priesterinnen zum Meere geführt und samt dem Bilde mit der heiligen Flut besprengt und geweiht werden müßten. »Du, König«, fuhr sie fort, »bleib indessen hier im Tempel zurück und hemme auch die übrigen, daß niemand außer meinen Dienerinnen mir folge! Bald werde ich wieder bei dir sein; ehre du indessen die Götter durch festliche Chorgesänge.«

Mit diesen Worten nahm sie das Götterbild aus dem Tempel und trug es dem Meere zu. Ihr folgten die beiden Fremdlinge, nur noch zum Schein mit schweren Fesseln belastet, und einige vertraute Dienerinnen. Da das Ufer entfernter war, so verschwand der Zug dem Könige bald aus dem Gesichte. Dieser stimmte unterdessen im Tempel die Chorgesänge an, und mit ihm sang ohne Aufhören das Volk, bis Iphigenia, Orestes, Pylades und die übrigen alle glücklich eingeschifft waren und getrost ins hohe Meer hinaussteuerten. Voll Erstaunen sah ein Landmann sie von ferne und hinterbrachte dem Könige die Nachricht. Sein Zorn brach in ein wildes Schnauben aus; er stürzte mit dem ganzen Volke ans Gestade, befahl schnell ein Schiff auszurüsten und bot dem, der die Treulosen einholen würde, eine große Belohnung. Hastig beeiferten sich schon die Männer, ihm zu Willen zu sein, als auf einmal eine wunderbare Lichtwolke vom Meere daher kam und sich der erschrockenen Menge näherte. Der Glanz zerfloß, und Apollon in aller Schöne der Himmlischen schwebte über dem blauen Wasserspiegel. Mit sanfter, herzbewegender Rede ließ er sich gegen den König also vernehmen: »O Thoas! hemme deinen Zorn, der gerecht sein würde, wäre diese That aus menschlicher Bosheit entsprungen. Aber ich bin's, der sie geboten hat; und meine göttliche Schwester selber wollte nicht länger von euch verehrt sein, so lange ihr kein anderes Opfer und keine andere Verehrung kennt als Mord! Wenn ihr gelernt haben werdet edler von Göttern zu denken, werden auch die Götter wieder zu euch zurückkehren.«

Der Lehrer schwieg. Nach einer Pause bemerkte Anton, dieser Abschluß der Sage erscheine doch etwas anders, als der kürzlich Vgl. Seite 658. vom Lehrer angedeutete. »Ganz recht!« erwiderte der letztere; »aber eben in diesen mannigfachen Auffassungen und Umgestaltungen altüberlieferter Stoffe bekundet sich nicht zum wenigsten die eigentümliche schöpferische Fruchtbarkeit des griechischen Geistes.«

»Aber was werden Sie uns denn nun erzählen?« unterbrach Wilhelm den Lehrer.

»Ich habe noch eine andere Geschichte aus einem griechischen Trauerspieldichter bereit, die will ich euch morgen mitteilen.«

»Von wem handelt sie denn?«

»Von dem König Ödipus

»Wo war denn dieser König?«

»In Theben

»Vor oder nach dem trojanischen Kriege?«

»Wohl fünfzig Jahre vorher. Er lebte zu Herakles', Theseus' und Jasons Zeit.«

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